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Ursula Vernon: Castle Hangnail

Ursula Vernon sitzt schon so lange auf meiner Merkliste, dass es erschreckend ist, dass ich erst jetzt eines ihrer Bücher gelesen habe. Dafür habe ich die Geschichte rund um „Castle Hangnail“, die dazugehörigen Schergen und die Wicked Witch Molly sehr genossen. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem der Wächter des Schlosses einer potenziellen neuen Schlossherrin das Tor öffnet. Castle Hangnail ist schon lange auf der Suche nach einer neuen Herrin, denn kein böses Schloss kann ohne angemessene Herrschaft existieren, und auch wenn Hangnail in weniger düsterer Umgebung gebaut wurde, als der Wächter es angemessen fände, so ist es doch ein gutes böses Schloss und verdient eine dementsprechende Herrschaft. In den vergangenen Jahrhunderten hat der Wächter schon bösen Zauberinnen, Vampirlords, verrückten Wissenschaftlern und allen möglichen anderen Bösewichten gedient und gemeinsam mit seinen Kollegen jede damit zusammenhängende Herausforderung hervorragend gemeistert.

Doch seine potenzielle neue Herrin scheint ihn etwas zu überfordern, denn Molly nicht nur sehr jung, sie wirkt auch nicht besonders „wicked“ (irgendwie finde ich kein angemessenes deutsches Wort, dass den Unterschied zwischen „wicked“ und „evil“ so hervorhebt wie die englischen Wörter). Das einzige, was in den Augen des Wächters für sie spricht, sind ihre Stiefel – ansonsten ist es vor allem die Verzweiflung, die ihn dazu bringt, Molly Zugang zum Schloss zu gewähren. Für den Leser wird schnell deutlich, dass die Zweifel des Wächters nicht unangebracht sind. Molly ist nicht diejenige, die ursprünglich die Einladung als Schlossherrin erhalten hat, und eigentlich scheint sie auch viel zu nett zu sein, um die Herausforderungen zu bestehen, die mit der Bewerbung auf die Herrschaft über das Schloss einhergehen. Aber Molly ist hingerissen vom Castle Hangnail und gibt ihr Bestes, um ihre Aufgabe als Schlossherrin zu erfüllen.

Ich fand es großartig zu lesen, wie Molly die verschiedenen Diener im Schloss kennenlernt und wie sie sich alle Mühe gibt, um die Herausforderungen zu erfüllen. Sie findet das heruntergekommene Schloss perfekt, sie schließt die verschiedenen Diener in ihr Herz und sie gibt sich Mühe, mit den Nachbarn im Dorf gut auszukommen. Es gibt keine großen dramatischen Szenen in diesem Buch, stattdessen sehr viele Wohlfühlmomente, in denen Molly die verschiedenen Facetten eines Lebens als Schlossherrin erkundet und dabei immer gerade „wicked“ genug ist, damit ihre Bewerbung weiterhin in Betracht gezogen werden kann.

All das führt zu so vielen amüsanten und niedlichen Momenten, zu liebevoller Unterstützung durch ihre Schergen und zu genau den heimeligen Szenen, die ich wirklich in Kinderbüchern mag. Trotzdem wird es nicht langweilig, weil Molly eben die verschiedenen Herausforderungen zu bewältigen hat und am Ende um ihr Schloss (und die Loyalität des misstrauischen Wächters) kämpfen muss. Ich habe „Castle Hangnail“ von der ersten bis zur letzten Seite genossen, ich mochte die Zeichnungen, mit denen die Autorin die Geschichte illustriert hat, und ich fände es großartig, wenn das Buch noch diverse Fortsetzungen bekäme, weil ich Molly und all die anderen Charaktere beim Lesen wirklich ins Herz geschlossen habe. Außerdem hat es Ursula Vernon geschafft, in dieser süßen Geschichte so viele wichtige Themen unterzubringen, ohne dabei den Zeigefinger zu erheben, dass ich mir wünschte, ich hätte „Castle Hangnail“ schon als Kind lesen können, denn ich denke, die Geschichte hätte mir – die ich viel zu brav und still war – gutgetan.