Deborah-Crombie-Lesetag (6) – Böses Erwachen

Inzwischen sind Sayuri und ich schon beim sechsten Kincaid-und-James-Roman angekommen und als ich in der vergangenen Woche online den Klappentext der aktuellen Ausgabe las, konnte ich so gar nichts mit der Inhaltsangabe anfangen. Meine ältere Ausgabe hingegen beinhaltet nicht nur die Erwähnung eines „Straßenmusiker“ (bei dem ich mich frage, ob ich die richtige Figur im Kopf habe), sondern auch den Namen des Opfers und der sorgt dafür, dass ich mich zumindest erinnern kann, dass ich die Geschichte früher mochte. Ich bin gespannt, welche Erinnerungen im Laufe der ersten Kapitel noch hochkommen oder ob es dieses Mal so sein wird, als ob ich den Roman zum ersten Mal lesen würde. 😉

Update 11:45 Uhr

Es ist für mich jedes Mal wieder von neuem faszinierend, wie Deborah Crombie mit wenigen Worten einen Charakter kreiert, der für mich lebendig wird. Auf den ersten Seiten von „Böses Erwachen“ schafft sie das für mich mit George Brent, der nur seine Hündin ausführen will, bevor der Tag noch heißer wird, und dabei eine Leiche findet. Die wenigen Absätze aus seiner Sicht führen dazu, dass es mir schrecklich leid tut, dass gerade er diese Leiche finden muss. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher, dass seine Hündin Sheba und seine verwitwete Nachbarin sich gut um ihn kümmern werden. 🙂 Außerdem mochte ich sehr die ersten beiden Szenen mit Gemma (die all ihren Mut zusammengenommen hat, um eine Klavierlehrerin aufzusuchen,) und Duncan (der auf dem Weg ist, um einen Tag mit Kit zu verbringen, der immer noch nicht weiß, dass er Duncans Sohn ist). Während Gemma Angst vor ihrer eigenen Courage hat, ist Duncan richtig glücklich darüber, dass er Zeit mit Kit verbringen kann und dass sie sich in den letzten Monaten so gut verstanden haben. Das ist ebenso schön zu lesen wie die Pläne, die er sich beim Anblick eines bunten Marktes für einen gemeinsamen Ausflug mit Kit und Gemma überlegt.

Schon auf den ersten Seiten stellt Deborah Crombie mit wenigen Sätzen die Entwicklung der Docklands da. Die Arbeiter und Farmer, die früher dort lebten, und die Baufirmen, die in den 90er Jahren der Gegend einen ganz neuen Schwerpunkt verliehen haben. Sehr schön die Beschreibung des Supermarktes, der für eine gehobenere Schichte geplant zu sein scheint, aber (noch?) vor allem von Arbeitern genutzt wird. Dass es sich bei der Toten um Annabelle Hammond handelt, wird schon lange vor der Identifizierung der Leiche deutlich, und obwohl die Autorin wie immer schöne „Vorstellungsszenen“ geschrieben hat, wurde es mir am Anfang fast ein wenig viel mit all den neuen Charakteren, die sich Gedanken über Annabelle machten. Es fühlte sich an, als ob ich die selbe Stunde des selben Samstags immer wieder erlebte, ohne dass es weiterging. Wobei Letzteres vermutlich an mir liegt und weniger an dem Buch, da ich den Vormittag über auf eine Lieferung gewartet habe und mich das immer unruhig macht. Aber da meine Gemüsekiste gerade geliefert wurde, kann ich mich jetzt in Ruhe mit Frühstück und Buch auf dem Sofa einrollen und mich in den nächsten Stunden etwas intensiver mit der Geschichte befassen.

Update 13:30 Uhr

So richtig klappte es heute nicht mit dem konzentrierten Lesen, aber trotzdem habe ich das Gefühl, ich bin wieder in der Handlung drin. Ich erinnere mich an die Atmosphäre des Romans und bestimmte Szenen kommen mir auch vertraut vor (wie der Moment, in dem Reg und der Vater der Toten zusammen Tee trinken und sich Reg Gedanken über die richtige Art des Teeaufbrühens macht), aber ich habe keine Erinnerungen an noch kommende Szenen. Ich bin mir nur sicher, dass der Straßenmusikant (der bislang vor allem in den Gedanken anderer vorkam) nichts mit dem Mord zu tun hat und in gewisser Weise selber ein Opfer ist. Ansonsten frage ich mich, was Deborah Crombie mit der Figur von Janice Coopin beabsichtigt hat. Es fühlt sich an, als ob die Autorin sich nicht entscheiden konnte, ob diese Polizistin nun sympathisch sein sollte oder nicht, und wie so oft denke ich, dass Duncan ihr gegenüber etwas aufmerksamer sein könnte. Er bemerkt zwar, dass es für sie nicht schön ist, dass er ihr bei dieser Ermittlung vor die Nase gesetzt wird, hat aber kein Gefühl dafür, dass es für sie als Frau noch einmal ein Stück schwieriger ist, obwohl er inzwischen durch Gemma doch genügend Einblicke in das Leben als Polizistin bekommen haben müsste.

Ein wenig schmunzeln musste ich bei der Beschreibung der Wohnung von Annabelle, da Gemma feststellt, dass alles ein bisschen zu ordentlich ist und nichts darauf hinweist, dass das Opfer irgendeiner Tätigkeit nachgegangen sei, bevor sie das Haus verließ. Wenn ich so über den Rand meines Buches blicke, dann sehe ich bei mir genau das Gegenteil davon (und bekomme spontan Lust ein paar der angefangenen Sachen jetzt sofort weiter zu machen). *g*

Update 15:00 Uhr

Heute ist einer dieser Tage, an denen sich mein Gehirn mit allem möglichen beschäftigt und viel zu wenig mit dem Buch vor meiner Nase. (Ein Teil meines Gehirns hat sich zum Beispiel mit der Frage beschäftigt, ob es sich lohnen würde, wenn man After-Eight-Stückchen dünn mit Mürbeteig ummantelt, um Kekse darauf zu backen, oder ob sich die Schokolade mit der Minzfüllung einfach bei der Wärme im Ofen verabschieden würden. Und nein, ich weiß nicht, wieso mir das gerade heute in den Sinn gekommen ist …) Aber zurück zu „Boses Erwachen“: Inzwischen hat der Straßenmusiker (Gordon Finch) nicht nur einen Namen, sondern ist auch zum ersten Mal von der Polizei verhört worden. Was zu der Frage führt, was wohl zwischen ihm und Gemma vor einiger Zeit vorgefallen ist, was uns als Leser bislang vorenthalten wird.

Ansonsten schwanke ich zwischen Faszination und Erschütterung, wenn es um das Verhältnis der verschiedenen Personen zu Annabell geht. Auf der einen Seite hat sie ihre Angestellten anscheinend sehr unterstützt und sie ermutigt das Beste aus sich herauszuholen und sich mehr zuzutrauen, auf der anderen Seite scheint sie die Leute in ihrer Nähe regelmäßig verletzt zu haben (ohne dass sie es wollte oder es sie kümmerte?). Was mich erschüttert, ist die Verherrlichung ihrer Person, die anscheinend schon vor ihrem Tod stattfand. Für ihren Vater war sie die perfekte Tochter und ihre Schwester Jo konnte da nicht mithalten, für ihren Verlobten schien es klar zu sein, dass Annabell diejenige war, die die Regeln aufstellte, die die Entscheidungen traf und deren Launen jederzeit nachgegangen werden müsste. Es kann für Annabell nicht einfach gewesen sein, diesem Ideal ihres Vaters/ihrer Umgebung zu entsprechend, und damit zu leben, dass dies natürlich auch (negative) Reaktionen in ihrem Umfeld hervorgerufen hat.

Außerdem hatte ich ganz vergessen, dass es eine Verbindung zwischen William Hammond und Lewis Finch gibt – zum Großteil ist es wirklich, als ob ich den Roman noch gar nicht kennen würde. Ansonsten bin ich ziemlich verärgert mit Duncan, weil er Kit gegenüber so rücksichtslos ist und ihn (und seine Versprechen Kit gegenüber) vollkommen über die Arbeit vergessen hat. Das ist mehr als nur „er ist nicht ans Vatersein gewöhnt“, das ist rücksicht- und herzlos. Auch wenn ich vermute, dass das von Deborah Crombie so aufgebaut wurde, damit Duncan Kit endlich sagt, dass er sein leiblicher Vater ist.

Für heute war es das auf jeden Fall mit dem Deborah-Crombie-Lesetag für mich. Der Staubsauger und das Badezimmer rufen nach mir und auch sonst stehen noch ein paar weitere Punkte auf der To-do-Liste, die ich erledigen möchte, damit ich den Samstag entspannt genießen kann. 🙂

Mittwoch, der 6. November
Update 10:30 Uhr

Irgendwie bin ich heute nicht in den Tritt gekommen und renne ein bisschen hinter meiner Terminplanung hinterher, aber jetzt ist es soweit, dass die dringensten Vormittagssachen erledigt sind, mein Tee fertig gezogen ist und ich mich für eine Weile mit dem Buch aufs Sofa zurückziehen kann. Ich muss zugeben, dass ich mich seit Ende Oktober gar nicht mehr mit dem Roman beschäftigt habe und ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass mich dieses Mal die Figuren (noch) nicht so gepackt haben, oder einfach daran, dass gerade in jeder freien Minute Bücher verschlinge und deshalb so viele Charaktere und Geschichten zwischen mich und „Böses Erwachen“ kamen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie die Handlung weitergeht, denn es bleibt dabei, dass ich mich an erstaunlich wenig Dinge erinnern kann. 🙂

Update 12:00 Uhr

Es hat ein bisschen gedauert, bis ich wieder in der Geschichte drin war. Vor allem sind mir zwei Dinge durch den Kopf gegangen: Wie einsam all diese Figuren sind, selbst wenn sie Familien und Freunde haben, zu denen sie regelmäßig Kontakt haben. Jeder von ihnen gibt mir das Gefühl, er müsse einen Teil seiner Selbst verbergen, um den Erwartungen und Ansprüchen seiner Umgebung zu genügen. Auf der anderen Seite ist da Annabell, die den Menschen, mit denen sie zusammen war, das Gefühl gab, dass sie ihnen nur einen kleinen Teil ihrer selbst zeigen würde, dass sie sich und ihr Verhalten nie an die Erwartungen und Ansprüche ihrer Umgebung anpassen würde. Immer wieder fällt dabei das Wort „Egoismus“, aber fast nie schwingt dabei ein bitterer Unterton bei, sondern eher Bewunderung dafür, dass sie so konsequent in ihrem Verhalten war.

Ansonsten hänge ich mit meinem Kopf ein bisschen bei der Frage, was Gemma mit Gordon Finch verbindet und wieso sie mit Duncan nicht darüber reden mag. Gemma und Gordon haben keine Beziehung miteinander und doch ist da etwas Persönliches, das über die gemeinsame (und auf Gemmas Seite unausgesprochene) Liebe zur Musik hinaus zu gehen scheint. Duncan hingegen darf sich nun damit herumschlagen, dass Ian McClellan wieder eine Rolle in Kits Leben spielen will. All diese Erwachsenen, die für den Jungen wichtig sein wollen, aber nicht wirklich bereit sind ihren Alltag so weit umzukrempeln, dass Kit auch darin Platz findet, machen mich gerade ziemlich wütend. Ebenso wenig bin ich darüber glücklich, dass Duncan Gemma so von seinem Leben ausschließt, weil es bei ihm gerade nicht so gut läuft. Dieses Zurückziehen und Schweigen in einer Beziehung macht es für beide doch nur schwieriger …

Freitag, der 8. November
Update 10:30 Uhr

In den kommenden ein oder zwei Stunden wird es bei mir noch nicht so viel mit dem ungestörten Lesen, da ich unter anderem die Lieferung der Gemüsekiste erwarte und noch einen Kuchenteig im Ofen hatte. Außerdem muckt mein Körper ein bisschen, nachdem ich gestern die Treppe vor unserer Wohnungstür auf eher unkonventionellere Weise hinter mich gebracht habe. Zum Glück ist mir kaum etwas passiert, aber längere Zeit in der selben Position sitzen mag meine rechte Schulter seitdem so gar nicht, was das gemütliche Einrollen auf dem Sofa etwas erschwert. Was „Böses Erwachen“ angeht, so hinterlässt dieser Roman selbst beim Lesen bei mir relativ wenig Eindrücke. Vielleicht liegt das daran, dass ich schon weiß, wie es mit Kit und Duncan ausgehen wird, oder daran, dass ich Gordon Finch zwar mag, aber nicht das Gefühl habe, als ob er jemals wieder eine Rolle spielen wird, weil er einfach ein Mensch ist, dessen Prioritäten keine tieferen Bindungen zu anderen Menschen zulassen. Ich mag die Geschichte, aber sie klingt nicht so in mir nach wie die anderen Deborah-Crombie-Romane. Trotzdem bin ich neugierig darauf, wie es nun weitergeht und welche Spuren Gemma und Duncan letztendlich zum Täter (an den ich mich weiterhin nicht erinnern kann) führen. Ich glaube, am Ende bleiben zu Annabell bei mir vor allem die Sätze der Nachbarin Rachel hängen, die bedauert, dass Annabell durch ihren frühen Tod nicht die Gelegenheit hatte ihrer Schönheit zu entwachsen.

Update 12:30 Uhr

Sehr viel habe ich bislang nicht gelesen, dafür ist der Kuchen aus dem Ofen und ich habe mir noch einen Apfel-Milchreis zum Frühstück angesetzt … Bei „Böses Erwachsen“ ist bislang auch nicht so viel Neues passiert, allerdings habe ich gerade Brandy, die neue „Freundin“ von Martin Lowell, kennengelernt. Sie ist sehr jung, hat blondgefärbte Haare und trägt während einer sommerlichen Hitzewelle einen Minirock, ein bauchfreies Top und ein Nabelpiercing. Das wäre ja nicht bemerkenswert, wenn nicht sowohl Duncan, als auch Gemma abfällige Bemerkungen über Brandy machen würden, bei denen klar gesagt wird, dass Brandy selber Schuld ist, wenn Männer sie anglotzen, weil sie das mit ihrer Kleidung provoziert. Solche Bemerkungen machen mich wütend und ich hatte von Deborah Crombie eigentlich mehr erwartet, vor allem nachdem die Autorin im dritten Band der Reihe genau diese „Falle“ umgangen hatte, in dem sie Connors Freundin Sharon zwar auf den ersten Blick „billig“ wirken ließ, aber dann durch die weiteren Gespräche zwischen Duncan und ihr zeigte, was für ein Unrecht Sharon mit solch einer schnellen Verurteilung angetan wurde. Brandy hingegen wird wohl keinen weiteren Raum im Roman mehr einnehmen … Überhaupt muss ich bei diesem Band einen beklagenswerten Mangel an liebenswerten Nebenfiguren feststellen, wenn man von George Brent und Jos Nachbarin Rachel absieht, aber beide gehen etwas unter zwischen all den Personen, die direkter mit Annabell zu tun hatten.

Update 15:00 Uhr

Beim Fotografieren ist mir eben mal wieder aufgefallen, wie nichtssagend die Cover der Deborah-Crombie-Romane doch gestaltet wurden. Dabei hätte man bei diesem Band so schön einen alten Speicher, einen Teil der Themse oder ähnliches verwenden können, um die Stimmung der Geschichte aufzugreifen. Selbst ein altes Herrenhaus, wie das in dem William und Lewis die Kriegsjahre verbracht haben, wäre passender gewesen als dieses nichtssagende Gebäude. Aber nun gut, nur weil ich die Cover wenig ansprechend finde, wird der Verlag wohl nicht anfangen eine 25-Jahre-alte Verkaufsstrategie zu ändern. 😉

Es hat eben ein bisschen gedauert, bis ich mich wirklich in Ruhe aufs Sofa setzen und lesen konnte, aber da ich wusste, dass ich Sayuri mal wieder davon geeilt war, fand ich es heute auch nicht so schlimm, dass ich von Paketboten, Gemüselieferanten und all den anderen Kleinigkeiten, die ich „nur kurz“ eben erledigt habe, abgelenkt wurde. Was „Böses Erwachen“ angeht, so finde ich es schwierig über Gemmas „Beziehung“ mit Gordon zu lesen. Ich kann verstehen, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt, ich kann aber nicht verstehen, dass sie damit nicht umgehen kann. Letztendlich sind es einfach nur ein gut aussehender Mann und seine Musik und ich vermute, dass Letzteres der Hauptgrund für die Anziehung ist, die sie reizen. Aber bislang war Gemma zu professionell, um private Elemente so sehr in ihre Arbeit einfließen zu lassen, und diese Professionalität vermisse ich hier. Ebenso passt es für mich nicht, dass sie sich wie Duncan in den vergangenen Romanen benimmt, statt wie die Gemma, die ich bislang kennengelernt habe.

Ansonsten fand ich es schön Irene kennenzulernen, auch wenn sie nur sehr wenig Raum einnahm, und dass Madelaine Wade (aus „Kein Grund zur Trauer“) noch einmal auftauchen durfte. Außerdem fand ich die Szenen berührend, in der Gordon und Lewis endlich einmal miteinander reden und endlich das ausgesprochen wird, was die ganze Zeit bei jedem Gespräch der beiden mit der Polizei mitschwang (nämlich, dass sie befürchteten, dass der jeweils andere der Mörder sein könnte). Was die Auflösung des Falls angeht, so habe ich inzwischen das Gefühl, dass ich die nach dem Lesen einfach jedes Mal wieder verdränge. So eine unschöne Geschichte, so viel verschwendetes Leben, so große unrealistische Erwartungen und so viele Jahre Kummer, obwohl das eine oder andere leicht hätte geklärt werden können. Oh, und irgendwie hatte ich gedacht, dass der Tee eine größere Rolle spielen würde – vielleicht weil das der Teil ist, der am unberührtesten von der ganzen Geschichte bleibt …

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