Halo Summer: Aschenkindel – Das wahre Märchen (Hörbuch)

In den vergangenen Monaten bin ich immer wieder auf den diversen Blogs über die Bücher von Halo Summer gestolpert. Irgendwann bin ich dann bei dem Hörbuch von „Aschenkindel – Das wahre Märchen“ schwach geworden, weil ich dachte, dass das eine gute Möglichkeit sei, um den Schreibstil der Autorin kennenzulernen. Schließlich mag ich Märchen und Märchenadaptionen und ein Einzeltitel ist zum Ausprobieren auch weniger riskant als der Auftakt einer Reihe. Dummerweise bin ich aber mit der Geschichte nicht so recht warm geworden, was nicht nur an der – in meinen Augen unausgereiften – Protagonistin und ihrem Schwarm lag.

Aber erst einmal zu den Hintergründen: Die Geschichte von Clairie Farnflee spielt in derselben Welt wie die „Sumpfloch-Saga“ der Autorin, es gibt ein Kaiserreich, das den Großteil der Welt beherrscht, und ein paar wenige kleine Königreiche, die sich bislang noch gegen das Kaiserreich behaupten (oder einfach Glück hatten, dass der Kaiser sie noch nicht erobert hat). In Clairies Heimatkönigreich ist das Leben relativ einfach, Magie spielt keine besonders große Rolle, obwohl es gute Feen gibt (die anscheinend nicht mehr sind als magiebegabte Frauen, die als eine Art Patentante fungieren), Clairie einen Flugwurm hat (den stelle ich mir ein wenig wie einen chinesischen Drachen mit sechs Beinen vor) und es in dem an die Stadt angrenzenden Wald Vampire gibt. Alles in allem also relativ wenig Magie, dafür eine nette und bunte Mischung aus märchenhaften und fantastischen Elementen.

Clairie hat vor sechs Jahren ihren Vater verloren, der ein lebenslustiger Kaufmann war und auf einer seiner Reisen mit seinem Schiff (und leider auch seinem Vermögen) unterging. Seitdem führt die inzwischen Siebzehnjährige ihrer Stiefmutter und den beiden Stiefschwestern den Haushalt. Das Verhältnis zwischen dem „Aschenkindel“ und ihrer Stieffamilie ist zwar nicht besonders gut und Clairie ist den ganzen Tag auf den Beinen, um den Haushalt alleine einigermaßen in den Griff zu bekommen, aber sie hat immerhin Zeit, um Freundschaften zu schließen oder in den Wald zu gehen (wenn auch nur, um unter Lebensgefahr Leckereien für die Stieffamilie zu sammeln). Ihre „gute Fee“ ist anscheinend die einzige, die sich um Clairies Wohlergehen sorgt und somit ist sie es auch, die dem Mädchen eine Einladung zum Ball des Prinzen besorgt. Dummerweise hat Clairie kurz zuvor erst im Wald einen Fremden kennengelernt, der ihr Herz höher schlagen lässt. Warum auch immer ihr Herz das tut … Immerhin geht sie trotzdem auf den Ball und kommt mit dem Prinzen ins Gespräch, obwohl sie ihn aus seiner Kindheit noch als unerträglich verwöhnten Jungen in Erinnerung hat.

Wie gesagt, die Welt, in der das Ganze spielt, fand ich nett (wenn auch stellenweise etwas bemüht, wenn es um „exotische Zutaten“ oder ähnliches ging), auch mochte ich den einen oder anderen Nebencharakter (wie zum Beispiel die gute Fee oder den Prinzen). Nett fand ich auch, dass all die bürgerlichen jungen Frauen erst einmal einen Benimmkurs mitmachen musste, bevor sie auf das Schloss durften – so ein Hauch von Realität tat der Geschichte wirklich gut. Außerdem gab es hier und da Szenen, die ich sogar amüsant fand – erschreckend oft war dabei ein Frettchen oder ein anderes Tier involviert. Aber es gab auch viele Aspekte, die ich an dieser Geschichte als so ungesund und unangenehm empfunden habe, dass ich das Hören immer wieder unterbrechen musste, um mich abzuregen.

Ein Punkt, den ich wirklich schlimm fand, war die Szene, in der der Fremde, in den sich Clairie verliebt hat, ihr gesteht, dass er sie wochenlang heimlich beobachtet hat, um mehr über sie herauszufinden. Einen kurzen Moment lang regt sie sich auf, nur um sich dann auch noch geschmeichelt zu fühlen. Stalking ist nicht romantisch! Da ist es mir egal, welche Motivation dahintersteckt und ob es mit Magie oder auf anderem Weg passiert. Ich will nicht mal wissen, ob er ihr bei seinen Stalkingrunden ins Schlafzimmer gefolgt ist oder nicht – das ist kein akzeptables Benehmen für irgendeinen Menschen! Und wenn das dann auch noch als romantisch dargestellt wird, dann werde ich richtig wütend.

Ich kann ja noch verstehen, dass eine Siebzehnjährige Lust mit Liebe verwechselt, vor allem, da es das erste Mal ist, dass ein Mann ihr zeigt, dass er sie begehrt. Aber wenn sie wirklich so vernünftig wäre, wie es sie selbst ständig über sich sagt (und die Autorin anscheinend mit all den bissigen Bemerkungen in Clairies Gedanken und ihrer Beherrschung des anstrengenden Haushalts zeigen will), dann sollte es ihr bewusst sein, dass Lust keine Entschuldigung für sein Verhalten und keine zuverlässige Basis für eine langfristige Beziehung ist. Vor allem, da der Stalker nicht der einzige Mann ist, der an der Protagonistin interessiert ist, und sein Rivale ist nicht nur deutlich sympathischer, sondern nimmt sich auch die Zeit, die Freundschaft von Clairie zu gewinnen.

Der Stalker erklärt gegen Ende der Geschichte, als er und Clairie sich über das Kaiserreich und die Gefahren für ihr Heimatland unterhalten, dass es doch ein Glück für jedes kleine Königreich sein müsse, wenn das Kaiserreich es annektiere. Denn als Teil des Kaiserreichs würden die Bewohner des kleinen Königreichs von der großen Gemeinschaft der Weltmacht profitieren, es gäbe weniger Armut, die importieren Produkte wären günstiger und überhaupt ginge es allen Menschen besser (vom König vielleicht abgesehen, der nun keinen Einfluss auf sein Land mehr hat). So gut das alles vielleicht klingt, so gibt es doch einen deutlichen Unterschied zwischen einem freiwilligen Zusammenschluss unterschiedlicher Länder, die gemeinsam dafür sorgen wollen, dass es ihnen besser geht, oder der Unterwerfung kleinerer oder technisch angeblich rückständiger Länder, die sich nach der Einverleibung in ein großes Reich den dort herrschenden Regeln und Gesetzen unterwerfen müssen. Spontan fällt mir zumindest kein Beispiel ein, bei dem eines der vielen Länder, die z.B. zu einem der vielen Kolonialreiche gehörten, die in der Vergangenheit existierten, langfristig glücklich mit dieser Politik war. Stattdessen gibt es viele Probleme, die durch eine solche Machtpolitik entstanden sind und die bis heute den diversen ehemaligen Großmächten und den früher von ihnen beherrschten Gebieten Kopfzerbrechen bereiten. Aber was soll’s, „Aschenkindel“ ist ja schließlich ein Märchen und der Stalker der Held der Geschichte, da muss man seine Handlungen und Aussagen ja nicht weiter hinterfragen, oder?

3 Kommentare

  1. Ich mag Märchenadaptionen an sich gern, aber es ist echt schwer, welche zu finden, die gut umgesetzt sind. "Aschenkindel" wird wohl auch eher keine sein, zu der ich greife – zumal ich des Ursprungsmärchens schon so überdrüssig bin (ich mochte das ja schon als Kind nicht). Was ist das nur mit Aschenputtel, dass das wieder und wieder und wieder rausgezerrt werden muss. *seufz*

  2. Mir geht es genauso, ich mag Märchenadaptionen und ich finde es wirklich schwierig gute davon zu finden. Ich habe nichts gegen Aschenputtel, auch wenn es nicht mein Lieblingsmärchen ist. Und ich glaube, dass es der "persönliche" Faktor bei dem Märchen ist, der die Leute so bewegt. Sie ist ja nicht nur arm und wird ausgenutzt, sondern es wird explizit gesagt, dass ihre Stiefmutter und ihre Stiefschwestern ihr das Leben schwer machen – das liegt den vielen Liebhabern dieses Märchens vielleicht mehr als die allgemeineren Gefahren anderer Geschichten. Außerdem gibt es natürlich noch diejenigen, die mit den drei Nüssen großgeworden sind und deshalb vielleicht eher eine "amazonenhaftere" Version dieser Figur im Hinterkopf haben. ;D

  3. Das mag sein, ja. Für mich ist das gerade einer der Aspekte, den ich nicht mag – ich hätte vor Jahren auch fast Harry Potter gleich am Anfang abgebrochen wegen der Beschreibung von Harrys Leben bei den Dursleys.

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