Sophie Anderson: The House with Chicken Legs

Nur selten ist es mir wichtig, welches Cover ich bei einem Buch in den Händen halte, aber bei „The House with Chicken Legs“ von Sophie Anderson wollte ich unbedingt die türkise Hardcover-Ausgabe, weil ich die Holzhütte mit den Hühnerbeinen, den Zaun mit den Totenköpfen und die Protagonistin auf der Veranda so ansprechend fand. Der Roman erzählt die Geschichte der dreizehnjährigen Marinka, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in das Haus verliebt, das früher mit Marinka Fangen oder Verstecken gespielt hat, das alles tat, damit es seinen Bewohnerinnen gut geht, und dessen Füße nach einem langen Weg auch mal eine Abkühlung benötigten oder das in schlimmen Momenten Trost und Aufmunterung gebrauchen konnte.

Auch Marinkas Baba fand ich wunderbar, weil sie so liebevoll und fürsorglich war, obwohl das Mädchen es ihr oft nicht leicht gemacht hat. Mit Marinka hingegen hatte ich im Laufe der Handlung so einige Probleme und das nicht nur, weil ich definitiv kein Teenager mehr bin, sondern auch, weil Marinka regelmäßig Entscheidungen getroffen hat, von denen sie selbst wusste, dass sie falsch waren. Von Anfang an wird klar, dass Marinka mit dem einsamen Leben bei ihrer Großmutter nicht zufrieden ist. Sie will rausgehen, sie will andere Kinder kennenlernen, die Schule besuchen und nicht jede Nacht die Toten durch das magische Tor zu den Sternen geleiten. Das alles sind nachvollziehbare Bedürfnisse, doch statt mit ihrer Großmutter, die immer für sie da war, zu reden, beginnt sie sich in Lügen zu verstricken, gegen Regeln zu verstoßen, die nicht nur für das Überleben der Baba Yagas wichtig sind, und macht es mit jeder Entscheidung nur noch schlimmer.

Zum Glück entwickelt sich Marinka im Laufe der Geschichte weiter, und bis es endlich dazu kam, habe ich einfach diese wunderbare Variante einer Baba-Yaga-Geschichte genossen. Sophie Andersons Baba Yagas sind liebevolle Personen, die Nacht für Nacht die Seelen der Toten in ihr Haus einladen und ihr gelebtes Leben mit ihnen feiern, um sie am Ende der Nacht zu einem Tor zu geleiten, das die Seelen zu den Sternen bringt. So sind die Baba Yagas ein wichtiger Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, wobei ihre Nähe zu den Geistern, die Magie ihres Hauses und all die Geheimnisse, die sie durch ihre Aufgabe hüten, dafür sorgen, das sie die Lebenden nicht zu nah an sich heranlassen dürfen. Und während Marinka sehr darunter leidet, dass ihre Großmutter die einzige Person ist, zu der sie eine Beziehung haben kann, scheint ihre Baba zufrieden damit zu sein, den Toten einen letzten schönen Moment zu bereiten, bevor ihre Reise weitergeht.

Es wird deutlich, dass jede Baba Yaga ihren eigenen Weg finden muss, wie sie mit ihrer Aufgabe und dem damit verbundenen einsamen Leben zurechtkommt, und ich muss zugeben, dass ich darüber gern noch mehr erfahren hätte. So hingegen habe ich vor allem Marinka dabei beobachtet, wie sie – mit vielen Umwegen und Problemen – herausfindet, wie sie das Leben in ihrem Haus mit Hühnerbeinen und all die Dinge, die sie gern tun würde, miteinander verbinden kann. Und auch wenn ich es nicht immer einfach fand, Marinka dabei zu begleiten, und regelmäßig das Bedürfnis hatte, sie zu schütteln, so mochte ich das Ende von „The House with Chicken Legs“ ebenso sehr wie all die Details zu den Baba Yagas und ihren Häusern, die Sophie Anderson sich für ihren Roman ausgedacht hat. Aber ich bin ja eh schnell für Geschichten zu begeistern, in denen solch großartige Häuser vorkommen, vor allem, wenn die Autorin drumherum auch noch eine so wunderbar ungewöhnliche Handlung rund Themen wie Verlust, Trauer, Familie, Freundschaft und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt gewoben hat.

6 Kommentare

  1. Das Buch klingt sehr bezaubernd und lesenswert. Bei der beschriebenen Teenager-Problematik kann ich mir vorstellen, dass da eigene Erfahrungen verarbeitet werden. Und ich kann mir vorstellen, dass das von außen, als Leser nicht gut auszuhalten ist …
    Aber do oder so: die Geschichte gefällt mir und ich packe sie mir direkt auf meinen virtuellen Wunschzettel 🙂
    Steht die Geschichte für sich oder ist das eine Reihe?

    • Konstanze

      Ich mochte das Buch auch sehr, ich hätte mir nur gewünscht Marinka wäre etwas zügiger beim Weiterentwickeln gewesen. 😉

      Die Geschichte steht auf jeden Fall für sich und ich kann mir aktuell nicht vorstellen, dass es jemals eine Fortsetzung davon geben wird. Dafür ist das Ende so wie es ist zu rund.

  2. Es gibt also tatsächlich noch Einzeltitel. *schmunzel*

    Dass das Haus selbst eine eigene Persönlichkeit hat, gefällt mir.

    • Konstanze

      Jupp, gibt es, Natira! 😀 Weniger als mir lieb wäre, aber ab und an stolpert man doch noch über Einzeltitel. *g*

      Das Haus ist einfach nur wunderbar und an einer Stelle war ich so wütend mit der Protagonistin, weil sie das Haus nicht angemessen behandelt hat … *grummel*

      (Sorry, mein Mailfach hat deinen Kommentar mal wieder als Spam eingestuft, deshalb die späte Antwort.)

  3. Das hört sich ja spannend speziell an. 😀
    Ich habe es mal auf meine Wunschliste gesetzt, das Buch gibt es ja sogar auf deutsch. Juhu!

    Sagt dir der Titel „Die wilden Piroggenpiraten“ was? Thematisch ist das sicherlich ganz anders als das von dir vorgestellte Buch, aber es war auf jeden Fall auch erfrischend anders und sehr witzig-skurril.

    Falls du Interesse hast, hier mal meine Rezension dazu:
    https://lesemomente.net/2013/08/12/die-wilden-piroggenpiraten-ein-tollkuhnes-abenteuer-um-eine-entfuhrte-mohnschnecke-und-ihre-furchtlosen-retter-von-maris-putnins/

    Vielleicht nehme ich das Buch auch demnächst nochmal wieder zur Hand. 🙂

    • Konstanze

      Es ist auf jeden Fall mal ein anderer Umgang mit dem Baba-Yaga-Mythos und das mochte ich sehr. 🙂 Oh, das gibt es sogar schon auf Deutsch? *geht nachgucken* Ich muss gestehen, ich finde meine Ausgabe schöner *g*, aber schön, dass du dich dann nicht mit der englischen Sprache rumärgern musst, wenn du es lesen willst.

      Die Pirrogenpiraten klingen wirklich sehr, sehr ungewöhnlich. Ich fürchte, mich hatte beim ersten Überfliegen des Inhalts der Gebäckteil abgeschreckt. Gerade eben habe ich aber auch noch deine Meinung zum Buch gelesen und das klingt wirklich nett. Ich habe sie mal auf meine Merkliste der Bibliothek gesetzt (auch wenn ich da eigentlich bis zum Herbst nichts ausleihen will – mal schauen, ob ich das durchhalte 😀 ).

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