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Sophie Anderson: The Girl Who Speaks Bear

„The Girl Who Speaks Bear“ ist Sophie Andersons zweite Veröffentlichung nach „The House with Chicken Legs“, und auch hier greift die Autorin Elemente aus russischen Märchen und Legenden auf und verflicht sie zu einer ganz eigenen Geschichte. Der Roman ist unabhängig von „The House with Chicken Legs“ zu lesen, auch wenn eine Nebenfigur (die dort nur einen sehr, sehr kurzen Auftritt hatte) von der Autorin noch einmal aufgegriffen wird. Erzählt wird „The Girl Who Speaks Bear“ von der zwölfjährigen Yanka, die von den Bewohnern des kleinen Dorfes, in dem sie lebt, nur „Yanka the Bear“ genannt wird. Dabei wissen die meisten ihrer Nachbarn nicht einmal, dass ihre Pflegemutter Mamochka Yanka als zweijähriges Kind ganz allein – neben einer von einer alten Bärin bewohnten Höhle – im Wald gefunden hatte.

So sehr Yanka ihre Pflegemutter liebt und so wohl sie sich mit ihrem besten Freund Sasha fühlt, so hat sie doch das Gefühl, dass sie nicht wirklich zu den Dorfbewohnern gehört. Und natürlich fragt sie sich seit Jahren, wo wohl ihre leiblichen Eltern geblieben sind, wieso sie allein im Wald gefunden wurden und wieso sich der „Snow Forest“ anfühlt, als ob er sie rufen würde. Als Yanka dann beim jährlichen Festival etwas Ungewöhnliches zustößt, beschließt sie, dass es Zeit wird, in den Wald aufzubrechen und mehr über ihrer Vergangenheit herauszufinden. Doch der Snow Forest birgt nicht nur das Geheimnis rund um Yankas Herkunft, sondern auch viele Gefahren und Herausforderungen.

Ich fand es wunderbar zu lesen, wie Yanka trotz aller Ängste, die sie im Laufe der Geschichte durchstehen muss, immer versucht vorwärts zu gehen. Ihr Bedürfnis, mehr über ihre Geburtsfamilie zu erfahren, ist so groß, dass sie sich auch von Hindernissen nicht abschrecken lässt. Während ihrer Reise lernt sie so viel über sich selbst, aber auch darüber, was eine Familie wirklich ausmacht und dass man nicht perfekt sein muss, um seinen Platz in einer Gemeinschaft zu finden. Doch vor allem lernt Yanka so viele neue Geschichten über den Wald und seine Bewohner – und gleichzeitig auch über ihre eigene Vergangenheit.

Während ich bei „The House with Chicken Legs“ nicht immer so glücklich mit der Protagonistin war, habe ich „The Girl Who Speaks Bear“ rundum genossen. Yanka ist eine liebenswerte Person, die man gern bei ihrem Abenteuer begleitet, und auch die Figuren, die sie im Laufe ihrer Reise kennenlernt, habe ich auf Anhieb ins Herz geschlossen. Es gibt so viele berührende, amüsante, absurde und liebenswerte Szenen mit all den verschiedenen Charakteren, dass ich das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte. Dazu kommt, dass die Autorin wunderbar atmosphärische Beschreibungen vom Leben im und am Rande des Walds in ihren Roman eingebaut hat. Außerdem durchzieht ein ganzes Geflecht aus Geschichten und Märchen Yankas Leben, das ich rundum genossen habe. Jede Figur hat etwas zu Yankas Leben beizutragen, auch wenn das nicht auf den ersten Blick ersichtlich wird, und so bekommt man nach und nach erzählt, wie es dazu kam, dass das kleine Mädchen allein im Wald gefunden wurde, und welche Rolle es für die Zukunft des Snow Forest spielen wird.

Wer auch nur eine kleine Schwäche für märchenhafte Geschichten, für russische Folklore oder grundsätzlich für Erzählungen hat, in denen liebenswerte Charaktere und wunderbare Tierfiguren vorkommen, sollte sich „The Girl Who Speaks Bear“ auf keinen Fall entgehen lassen. Ich habe den Roman so sehr genossen, dass ich ihn am liebsten direkt nach dem Lesen noch einmal angefangen hätte, und ich bin mir sicher, dass ich spätestens zum Winterende noch einmal zu diesem Buch greifen werde. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen, gibt es mit „Das Mädchen und der flüsternde Wald“ im Januar 2021 eine deutsche Veröffentlichung beim Dressler Verlag, während ich jetzt darauf warte, dass mir der dritte Roman („The Castle of Tangled Magic“) der Autorin geliefert wird.

Sophie Anderson: The House with Chicken Legs

Nur selten ist es mir wichtig, welches Cover ich bei einem Buch in den Händen halte, aber bei „The House with Chicken Legs“ von Sophie Anderson wollte ich unbedingt die türkise Hardcover-Ausgabe, weil ich die Holzhütte mit den Hühnerbeinen, den Zaun mit den Totenköpfen und die Protagonistin auf der Veranda so ansprechend fand. Der Roman erzählt die Geschichte der dreizehnjährigen Marinka, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem Haus mit Hühnerbeinen lebt. Ich habe mich schon auf den ersten Seiten in das Haus verliebt, das früher mit Marinka Fangen oder Verstecken gespielt hat, das alles tat, damit es seinen Bewohnerinnen gut geht, und dessen Füße nach einem langen Weg auch mal eine Abkühlung benötigten oder das in schlimmen Momenten Trost und Aufmunterung gebrauchen konnte.

Auch Marinkas Baba fand ich wunderbar, weil sie so liebevoll und fürsorglich war, obwohl das Mädchen es ihr oft nicht leicht gemacht hat. Mit Marinka hingegen hatte ich im Laufe der Handlung so einige Probleme und das nicht nur, weil ich definitiv kein Teenager mehr bin, sondern auch, weil Marinka regelmäßig Entscheidungen getroffen hat, von denen sie selbst wusste, dass sie falsch waren. Von Anfang an wird klar, dass Marinka mit dem einsamen Leben bei ihrer Großmutter nicht zufrieden ist. Sie will rausgehen, sie will andere Kinder kennenlernen, die Schule besuchen und nicht jede Nacht die Toten durch das magische Tor zu den Sternen geleiten. Das alles sind nachvollziehbare Bedürfnisse, doch statt mit ihrer Großmutter, die immer für sie da war, zu reden, beginnt sie sich in Lügen zu verstricken, gegen Regeln zu verstoßen, die nicht nur für das Überleben der Baba Yagas wichtig sind, und macht es mit jeder Entscheidung nur noch schlimmer.

Zum Glück entwickelt sich Marinka im Laufe der Geschichte weiter, und bis es endlich dazu kam, habe ich einfach diese wunderbare Variante einer Baba-Yaga-Geschichte genossen. Sophie Andersons Baba Yagas sind liebevolle Personen, die Nacht für Nacht die Seelen der Toten in ihr Haus einladen und ihr gelebtes Leben mit ihnen feiern, um sie am Ende der Nacht zu einem Tor zu geleiten, das die Seelen zu den Sternen bringt. So sind die Baba Yagas ein wichtiger Teil des Kreislaufs von Leben und Tod, wobei ihre Nähe zu den Geistern, die Magie ihres Hauses und all die Geheimnisse, die sie durch ihre Aufgabe hüten, dafür sorgen, das sie die Lebenden nicht zu nah an sich heranlassen dürfen. Und während Marinka sehr darunter leidet, dass ihre Großmutter die einzige Person ist, zu der sie eine Beziehung haben kann, scheint ihre Baba zufrieden damit zu sein, den Toten einen letzten schönen Moment zu bereiten, bevor ihre Reise weitergeht.

Es wird deutlich, dass jede Baba Yaga ihren eigenen Weg finden muss, wie sie mit ihrer Aufgabe und dem damit verbundenen einsamen Leben zurechtkommt, und ich muss zugeben, dass ich darüber gern noch mehr erfahren hätte. So hingegen habe ich vor allem Marinka dabei beobachtet, wie sie – mit vielen Umwegen und Problemen – herausfindet, wie sie das Leben in ihrem Haus mit Hühnerbeinen und all die Dinge, die sie gern tun würde, miteinander verbinden kann. Und auch wenn ich es nicht immer einfach fand, Marinka dabei zu begleiten, und regelmäßig das Bedürfnis hatte, sie zu schütteln, so mochte ich das Ende von „The House with Chicken Legs“ ebenso sehr wie all die Details zu den Baba Yagas und ihren Häusern, die Sophie Anderson sich für ihren Roman ausgedacht hat. Aber ich bin ja eh schnell für Geschichten zu begeistern, in denen solch großartige Häuser vorkommen, vor allem, wenn die Autorin drumherum auch noch eine so wunderbar ungewöhnliche Handlung rund Themen wie Verlust, Trauer, Familie, Freundschaft und die Suche nach dem eigenen Platz in der Welt gewoben hat.