Tanya Huff: The Quartered Sea (A Quarters Novel 4)

Seit Juni lese ich pro Monat einen der „Quarters“-Bände von Tanya Huff und ich habe bislang alle Geschichten wirklich geliebt, aber „The Quartered Sea“, der vierte Band der „Quarters Novels“, hat mich ganz besonders berührt. Denn obwohl Annice („Sing the Four Quarters“), Vree und Bannon („Fifth Quarter“) auch viel durchmachen müssen, gab es rund um ihre Erlebnisse sehr viele amüsante Momente, die immer wieder dafür sorgten, dass ich beim Lesen vergnügt vor mich hinkicherte. Bei „The Quartered Sea“ hingegen fand ich die Handlung stellenweise so bedrückend, dass ich den Roman für eine Weile aus der Hand legen musste, bevor ich mich den Geschehnissen wieder stellen konnte.

Die Geschichte konzentriert sich anfangs auf zwei Personen. Auf der einen Seite ist da der junge Barde Benedikt, der sich schrecklich minderwertig fühlt, da er nur einem Element (Wasser) verbunden ist, während so gut wie alle seine Kollegen Luft (und mindestens ein weiteres Element) beherrschen. Dass Benedikt keinen Kontakt zu den Luft-Kigh hat, sorgt auch dafür, dass er von allen Nachrichten ausgeschlossen ist, die auf diesem Weg von den Barden übermittelt werden, was sein Selbstwertgefühl noch weiter verringert. Auf der anderen Seite erlebt man mit, wie Königin Jelena ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter versucht, endlich einen Weg zu finden, um mit ihrer Trauer umzugehen. Vor dem Unfall, bei dem die frühere Königin ums Leben kam, war die junge Frau voller Pläne, die sie während ihrer Regentschaft verwirklichen wollte, doch nun hat sie das Gefühl, sie hätte kein Recht, ihre früheren Träume umzusetzen.

Erst als Jelena beschließt, dass sie ein Schiff auf den Weg nach Westen schicken wird, um herauszufinden, was auf der anderen Seite des Meeres ist (oder ob ein Schiff, dass stets nach Westen segelt, vielleicht sogar den Weg wieder nach Hause findet, weil die Welt doch rund ist), scheint sie endlich die Königin zu werden, die ihr Land braucht. Für Benedikt bietet diese Reise ins Ungewisse eine Möglichkeit, sich und den anderen seinen Wert für die Barden zu beweisen. Doch nach kurzer Zeit auf See scheitert er an dem Versuch, das Schiff durch einen Sturm zu singen, und strandet wenig später als vermutlich einziger Überlebender an einem ihm unbekannten Ufer.

Aufgrund seines ungewöhnlichen Äußeren (er ist groß, hat helle Haut und blonde Haare, statt relativ klein, mit gebräunter Haut und dunklen Haaren) und seines Gesangstalents wird Benedikt zu einer Schachfigur eines der Adelshäuser dieses ihm fremden Landes. Und während der Leser schnell mitbekommt, wie wenig ein Menschenleben dort wert ist, lebt Benedikt lange Zeit so isoliert, dass es eine Weile dauert, bis er wirklich ein Gefühl für die Politik und den Wert eines Menschen in dieser ungewöhnlichen Kultur bekommt. Als ihm bewusst wird, welche Erwartungen an ihn gestellt werden, muss er entscheiden, ob er alles, was bislang von Wert für ihn war, hinter sich lassen will oder ob er sein Leben aufs Spiel setzt, um seinen Eiden als Barde treu bleiben zu können.

Ich muss gestehen, dass Benedikt kein einfacher Charakter ist. Tanya Huffs Figuren haben alle Stärken und Schwächen, was sie so glaubwürdig und häufig auch besonders sympathisch macht. Aber Benedikt ist so sehr auf all die Dinge fixiert, die er nicht kann, dass er nicht nur seine eigenen Stärken nicht sehen kann, sondern auch erst einmal blind jeder Person hinterherläuft, die ihm das Gefühl gibt, sie würde ihn wertschätzen. Dieses Verhalten fand ich nur deshalb erträglich, weil er (auch wenn er zwanzig Jahre alt und ein ausgebildeter Barde ist) in vielerlei Hinsicht noch sehr jung und unerfahren ist. Benedikt Naivität hat so vor allem dafür gesorgt, dass ich mir Sorgen um diesen Charakter gemacht habe und regelrecht gelitten habe, wenn sich mal wieder in der Handlung abzeichnete, dass er offenen Auges in eine gefährliche Situation lief. Die Politik und das Leben in diesem fremdartigen Land (das mich in vielen Elementen an frühe mittel- und südamerikanische Kulturen erinnert) sind grausam und menschenverachtend und sorgen für ein skrupelloses Verhalten, wie es Benedikt in seinem bislang relativ behüteten Leben noch nicht kennengelernt hat.

Unter diesen Umständen fand ich es auch stimmig, dass Tanya Huff nicht – wie so viele andere Autoren, die ihre Charaktere in die Hände eines ihnen fremden Volkes geben – dafür gesorgt hat, dass Benedikt Freunde in diesem Land findet. Die Personen, mit denen Benedikt zu tun hat, bewerten ihn nur nach seinem Nutzen. Wenn er dafür sorgen kann, dass sie an Rang gewinnen, sind sie auch nett zu ihm; wenn er keinen Nutzen für sie hat, ist er bestenfalls keiner Beachtung wert. Jeder einzelne ist auf seinen eigenen Vorteil (und auf sein eigenes Überleben) konzentriert und unter diesen Umständen kann ein Außenseiter wie Benedikt keine Freunde finden. Das alles hat bei mir dazu geführt, dass ich – wie schon erwähnt – das Buch häufiger aus der Hand legen musste, weil ich um den Protagonisten gebangt habe oder mir einfach nicht vorstellen wollte, wie es wohl wäre, unter solchen Bedingungen zu leben.

Dabei gab es auch immer wieder kleine hoffnungsvolle Momente für Benedikt, oder welche, in denen man als Leser die Ereignisse in Benedikts Heimat verfolgen konnte, was wiederum andeutete, dass Benedikt vielleicht nicht ganz so hoffnungslos verschollen ist wie befürchtet. In gewisser Weise habe ich mich auch daran geklammert, dass ich von Tanya Huff noch nie eine Geschichte gelesen habe, die nicht am Ende (irgendwie) gut ausging. Trotzdem habe ich erschreckend viele Tränen beim Lesen einiger Szenen vergossen, weil diese Autorin es einfach immer wieder schafft, mit meinen Emotionen zu spielen und ich deshalb von Benedikts Einsamkeit und Ängsten sehr mitgenommen wurde. Erst auf den letzten Seiten gab es eine Entwicklung in der Handlung, die dazu führte, dass es auch wieder amüsante Elemente in der Geschichte gab, trotzdem habe ich selten einen Roman von Tanya Huff mit einem so bitterem Nachgeschmack beendet – auch wenn ich zugeben muss, dass ein heiteres Ende bei diesem Buch definitiv nicht gepasst hätte.

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