Victoria Jamieson: Roller Girl (Comic)

Wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich bei Twitter über „Roller Girl“ von Victoria Jamieson gestolpert, und da ich inzwischen mit großem Vergnügen die Bouts der hiesigen Roller-Derby-Mannschaft verfolge und bislang viel Spaß mit Comics zu dem Thema hatte, musste ich den Titel natürlich auch haben. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Astrid Vasquez, die zusammen mit ihrer besten Freundin Nicole von ihrer Mutter zu einem Roller-Derby-Spiel mitgenommen wurde. Mrs. Vasquez macht solche „kulturellen Bildungsausflüge“ regelmäßig mit den beiden Mädchen, doch während Astrid und Nicole die Gedichtvorträge, Museums- und Opernbesuche nicht ganz so zu würdigen wussten, ist Astrid bei ihrem ersten Roller-Derby-Spiel (Bout) gleich Feuer und Flamme.

Astrid ist sogar so begeistert von dem Sport, dass sie sich kurz darauf zu einem Roller-Derby-Sommer-Camp anmeldet – und dabei davon ausgeht, dass ihre beste Freundin Nicole ebenfalls mit dabeisein wird. Doch Nicole hat schon andere Pläne für den Sommer und diese beinhalten nicht Roller Derby, sondern ein Ballett-Camp, an dem auch Astrids Erzfeindin Rachel teilnehmen wird. So muss sich Astrid nicht nur ganz allein dem Abenteuer „Roller-Derby-Camp“ stellen, sondern auch feststellen, dass sich ihre langjährige Freundschaft zu Nicole auf einmal total verändert hat. Und weil sie sich nicht traut, ihrer Mutter von all den Dingen zu erzählen, baut sich über den Sommer eine Lüge nach der anderen auf, was Astrid immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Es gab viele Elemente, die ich an Astrid beim Lesen mochte. Das Mädchen ist begeisterungsfähig und beweist während des herausfordernden Roller-Derby-Camps Durchhaltevermögen. Auf der anderne Seite ist sie ihren Freundinnen gegenüber häufig ziemlich unsensibel und egoistisch, ohne zu merken, dass nicht jeder Mensch ihre Prioritäten teilt oder dass jemand anderer vielleicht auch mal Unterstützung und ein offenes Ohr benötigt. Umso schöner war es, im Laufe des Comics zu verfolgen, wie sehr Astrid sich im Laufe des Sommers entwickelte und mit welcher Hingabe sie sich dem Roller Derby zuwandte. Auch mochte ich die vielen lustigen Momente, die sich unter anderem aus Astrids kleinen Lügen ergaben. Dabei rechne ich es Victoria Jamieson hoch an, dass ich diese Szenen wirklich amüsant fand, statt Fremdscham zu empfinden, was bei mir sonst sehr schnell der Fall ist. So wurde Astrid gerade durch ihre Fehler und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem veränderten Verhalten ihrer Freundin Nicole für mich zu einem realistischen und liebenswerten Charakter, deren Sommer im Roller-Derby-Camp ich gern verfolgt habe.

Sehr schön fand ich auch den Roller-Derby-Anteil in der Geschichte. Da hatte ich das Gefühl, dass dieser Teil sehr davon profitiert hat, dass die Autorin selbst auch spielt. So wurden die verschiedenen Regeln, die beim Roller Derby gelten, sehr schön in die Geschichte eingeflocheten, so dass jemand, der sich mit dem Thema nicht auskennt, nachvollziehen kann, was bei einem Bout so passiert, während Roller-Derby-vertraute Leser nicht das Gefühl bekommen, hier würde lehrbuchmäßig über Selbstverständlichkeiten doziert. Mir hat es auch gefallen, dass für Astrid dieser Sport nicht einfach zu lernen war und dass sie am Ende trotz aller Übungen immer noch keine besonders gute Spielerin war und sie trotzdem großen Spaß beim Roller Derby hat. Außerdem mochte ich das Zusammenspiel zwischen den Teilnehmerinnen des Camps sehr gern in dieser Geschichte. Es gibt Freundschaften und Rivalitäten, Neid und all die anderen Gefühle, die zwischen Menschen in einer Gruppe nun einmal so herrschen, aber am Ende ist es für Astrid und die anderen vor allem wichtig, dass sie als Team zusammenspielen, und dafür unterstützen sie sich trotz aller Unterschiede gegenseitig.

Nicht  nur die Handlung, sondern auch die Zeichnungen von Victoria Jamieson haben mir gut gefallen. Obwohl ich ihren Stil stellenweise etwas schlicht finde, mochte ich die Lebendigkeit der Darstellungen, wie abwechslungsreich die verschiedenen Charaktere gezeichnet waren und die in der Regel fröhliche Farbgebung, die die verschiedenen Szenen stimmig untermalt. Und während ich überzogene Mimik und Gestik häufig nicht so schön finde, fand ich diese Szenen in „Roller Girl“ angesichts Astrids teilweise extremer (pubertärer) Gefühlsausbrüche überraschend angemessen. Alles in allem hat mir dieser Comic so gut gefallen, dass ich mir gleich nach dem Lesen angeschaut habe, was Victoria Jamieson sonst noch so veröffentlich hat, und nun sitzt ihr Comic „All’s Faire in Middle School“ ganz oben auf der Merkliste.

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