Zelda Popkin: Rendezvous nach Ladenschluss (Mary Carner 1)

Beim Einräumen meiner Bücherregale bin ich über die drei Kriminalromane von Zelda Popkin in meinem Bestand gestolpert und musste den ersten Band nach all der Zeit gleich wieder lesen. Leider gibt es noch so einige Titel der Autorin, die ich nicht habe, und so war ich sehr enttäuscht, als ich nach dem Lesen herausfand, dass man auch die englischen Originale nicht mehr (oder nur noch als sehr, sehr teure Gebrauchtausgaben) bekommen kann. Wenn ich der Autorenangabe in meiner alten dtv-Ausgabe trauen kann, muss Zelda Popkin eine faszinierende Frau gewesen sein, die schon als Fünfzehnjährige als Reporterin arbeitete und vor ihrem siebzehnten Geburtstag mehrere Titelstories über authentische Kriminalfälle in verschiedenen Zeitungen platzieren konnte. Die Angabe über ihre späteren Lebensjahre (Heirat, zwei Kinder und die gemeinsame Werbeagentur mit ihrem Mann) finde ich im Vergleich dazu erschreckend langweilig und normal, aber ich hätte trotzdem gern nicht nur mehr Krimis von ihr gelesen, sondern auch ihre biografischen Romane.

„Rendezvous nach Ladenschluss“ („Death Wears a White Gardenia“) wurde 1938 das erste Mal veröffentlicht und ist nicht nur der Debütroman von Zelda Popkin, sondern auch der erste Band (von fünf Bänden) rund um die Kaufhausdetektivin Mary Carner. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Andrew MacAndrew, dem Leiter der Kundenkreditabteilung, bei der Fünfzig-Jahr-Feier des Kaufhauses, für das Mary Carner arbeitet. Nachdem seit Wochen auf dieses Jubiläum hingearbeitet worden war und nicht nur die Gattin des Gouverneurs, diverse andere Prominente und natürlich ein Haufen Presseleute anwesend sind, bemühen sich alle Beteiligten (abgesehen von der Polizei, der der Ruf des Kaufhauses relativ egal ist), den Mord möglichst schnell und dezent zu klären. Schon früh bekommt Mary Carner dabei heraus, dass der Ermordete eine Affäre mit einer Angestellten und neben seinem normalen Job noch ein paar dubiose Geschäfte laufen hatte.

Einer der Gründe, warum ich diese alten Geschichten so liebe, ist die Atmosphäre, die dem Leser da geboten wird. Gleich zu Beginn von „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekommt man eine wunderbar detaillierte Beschreibung des Kaufhauses inklusive der luxuriösen Angebote anlässlich des Jubiläums und der Menge an Personal, die notwendig ist, um ein Geschäft in dem Stil zu betreiben. Die Tatsache, dass solch ein Kaufhaus für Zelda Popkin ein ganz normaler Anblick war, macht es für mich nur noch reizvoller. Denn so weiß ich, dass ich da keine verkitschte Vorstellung von der Vergangenheit präsentiert bekomme, sondern ein Stückchen Alltag, das es so heute nicht mehr gibt, inklusive der Heerscharen von Verkäuferinnen und Lagerarbeitern, einem Kaufhaus-Schreiner, einem Wachmann am Wareneingang und all den Leuten in den Büros, von denen man als Kunde gar nichts mitbekommt. Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass die Zeit dieser großen Kaufhäuser fast vorbei ist, erzählt von der Großen Depression, den finanziellen Problemen des Inhabers und dem verzweifelten Versuch, über diese Jubiläumsveranstaltung die Verluste der vergangenen Monate wieder auszugleichen.

Bei über 1000 Angestellten gibt es in diesem Kaufhaus mehr als genügend Verdächtige für Mary Carner und ihren Vorgesetzten Chris Whittaker unter die Lupe zu nehmen, aber natürlich beschränkt sich die Autorin auf eine Handvoll Personen, die aus beruflichen oder privaten Gründen in regelmäßigem Kontakt mit Andrew MacAndrew standen. Obwohl ein Großteil der Handlung im Büro von Chris Whittaker und einigen weiteren Räumen im Kaufhaus stattfindet und kaum mehr passiert, als dass die Detektive, der ermittelnde Inspektor und der zuständige Staatsanwalt mit den verschiedenen Angestellten und Verdächtigen reden, fühlen sich die Ereignisse überraschend gedrängt und alles andere als gemächlich an. Zum einen liegt das daran, dass die Morduntersuchung gerade mal einem Tag beansprucht, zum anderen daran, dass die verschiedenen Ermittler unterschiedliche Spuren bevorzugen, weil sie den anderen Beteiligten möglichst schnell weitere Hinweise präsentieren wollen, die die Schuld ihres „bevorzugten“ Verdächtigen belegen sollen.

Ich muss gestehen, dass ein Teil von mir beim Lesen immer überlegt, mit welchen alten Schauspielern ich eine Verfilmung dieser Geschichte besetzen würde – vermutlich wird es niemanden überraschen, dass ich mir Lauren Bacall als Mary Carner und Humphrey Bogart als Chris Whittaker gut vorstellen könnte. Denn auf der einen Seite bringt der Roman die Atmosphäre einer Private-Eye-Novel dieser Zeit mit sich (das Abbild einer Gesellschaft auf dem absteigenden Ast voller korrupter Menschen), auf der anderen Seite ist hier der Privatdetektiv kein einzelner Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern Teil einer professionell agierenden Gruppe. Außerdem wird die Handlung deutlich amüsanter und schwungvoller erzählt, was zwar auch einen desillusionierten Blick auf die verschiedenen Charaktere ermöglicht, aber nicht diese alles durchdringende Melancholie einer Hammett- oder Chandler-Veröffentlichung. Nachdem ich diesen Krimi seit über zehn Jahren nicht mehr in der Hand hatte, bin ich sehr froh, dass ich die Geschichte auch heute noch so sehr genießen kann, dass ich die Charaktere immer noch sympathisch und unterhaltsam finde und dass ich beim Lesen weiterhin gespannt alle Hinweise und Erkenntnisse verfolgen mochte, um mit den Ermittlern den Täter zu überführen.

3 Kommentare

  1. Die gebrauchten deutschen Ausgaben gibt es ja zum Glück noch günstig. Ich hoffe, dir macht die Autorin so viel Spaß wie mir. 🙂

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