Schlagwort: Figurenkabinett

[Figurenkabinett] Gretchen Grau

Schon seit ein paar Monaten habe ich das Bedürfnis mal wieder meine Gretchen-Grau-Bücher zu lesen, aber natürlich ruhen die – ebenso wie meine anderen Schätze – immer noch in Kartons. Also habe ich mir gedacht, wenn ich schon nicht die Romane lesen kann, dann stelle ich euch eine meiner Lieblingshexen eben mal in einem Figurenkabinett vor. Dabei ist mir dann sogar aufgefallen, wie lange ich schon eine Schwäche für ungewöhnliche Fantasy-/Märchenfiguren habe, denn die Gretchen-Grau-Geschichten habe ich das erste Mal 1987 gelesen.

Gretchen Grau ist eine ganz gewöhnliche Haus- und Herdhexe, aber wenn man miterlebt, welche Probleme sie mit ihren magischen Fähigkeiten bewältigt, dann bekommt man das Gefühl, dass die „großen“ Hexen in solch schwierigen Situationen doch deutlich eingeschränkter in ihren Möglichkeiten wären. Gemeinsam mit ihrer eigenwilligen Großmutter Maudie kümmert sich die junge Hexe um das Gut von Wilhelm Sturmhaub, während Großmutters Kater Chingachgook auf alles ein aufmerksames Auge behält.

Bei meinem ersten Zusammentreffen mit Gretchen musste ich miterleben, wie Großmutter Maudie eine kleine Spottdrossel mit einem Besen jagte, während sie ihren Kater lauthals aufforderte endlich diesen lästigen Vogel zu fressen. Zum Glück für alle Beteiligten mischte sich Gretchen ein, fand heraus, dass sich hinter der Spottdrossel der Barde Colin Liedschmied verbarg und zwang ihre Großmutter den Sänger wieder zurückzuverwandeln. Auch wenn sie diese gute Tat fast bereut hätte, nachdem sie herausfand, dass dieser ein Lied über Gretchens geliebte Schwester gesungen hatte, welches die Tugend der – aus Sicht ihrer Familie glücklich verheirateten – jungen Frau in Verruf bringt. Und da Colin solche boshaften Gerüchte über Bernsteinwein verbreitet hat, wird er von Gretchen dazu verdonnert gemeinsam mit ihr herauszufinden, was in der Ehe ihrer Schwester los ist.

Ich mag Gretchen, weil sie nicht nur ihre – von anderen magisch Begabten gern als eingeschränkt angesehenen – Fähigkeiten mit viel Fantasie einsetzt, sondern auch weil sie vor keiner Herausforderung zurückschreckt. Irgendeine Lösung findet Gretchen für ein Problem immer, auch wenn ihr Umfeld der intelligenten und tatkräftigen jungen Frau oft nicht folgen kann. Passend zu ihren „häuslichen“ Fähigkeiten ist ihre praktische Art und sie würde einem vermutlich schon etwas auf die Nerven fallen, wenn sie nicht auch sehr loyal gegenüber ihrer Familie und ihren Freunden wäre und Sinn für Humor hätte.

Die Autorin Elizabeth Ann Scarborough lässt Gretchen und Colin allerlei Abenteuer erleben, bis die beiden herausfinden, was es mit Bernsteinweins seltsamer Flucht mit einem Zigeuner auf sich hatte und die Schwestern wieder vereint sind. Und dabei werden die Hexe und der Barde – trotz ihres sehr unterschiedlichen Wesens – gute Freunde. Doch bei einem Band hat es Elizabeth Ann Scarborough nicht belassen und so kann man in vier Teilen von Gretchen und ihrer Familie lesen, in ihre fantastische Welt abtauchen und dabei lauter skurrilen Figuren begegnen.

Lustigerweise fällt mir jetzt erst, da ich diesen Beitrag schreibe auf, dass Gretchen und

[Figurenkabinett] Prinz Kheldar von Drasnien

In meinem vierten „Figurenkabinett“ bekommt zum ersten Mal eine „Nebenfigur“ die Aufmerksamkeit, die sie in meinen Augen verdient hat. Prinz Kheldar, auch Silk genannt, ist der Neffe des Königs von Drasnien und steht in der Thornfolge deutlich weiter oben, als es ihm lieb ist. Doch bei meiner ersten Begegnung mit ihm hätte ich niemals gedacht, dass er überhaupt von Adel ist oder gar so etwas wie eine „anständige“ Erziehung genossen hat. Denn mein erster Blick auf Silk geschah durch die Augen eines sehr naiven Jungen vom Lande, der sein Leben lang auf einer geordneten Farm unter der Obhut seiner (recht strengen) Tante Polgara verbracht hatte und der sich bei Silks Anblick sicher war, dass er Wegelagerern in die Hände gefallen sei. Dieser Junge ist übrigens Garion, die Hauptfigur der „Belgariade (Das Auge Aldurs)“ sowie der „Malloreon-Saga“ von David Eddings.

Ich muss zugeben, dass der erste Eindruck, den man von Silk gewinnt, nicht gerade der beste ist. Denn er wird beschrieben als ein nachlässig gekleideter kleiner Mann mit einem rattenhaften Gesicht, engstehenden Augen, einer langen Nase, ungepflegten Haaren und einem boshaften Humor. Aber trotz seines eher unvorteilhaften Äußeren hat mich sein Humor für ihn eingenommen, und je besser man Silk kennenlernt, desto mehr faszinierende Eigenschaften kann man an ihm entdecken – abgesehen davon, dass er zwar ein boshafter kleiner Mann, aber auch ein sehr guter (wenn auch manchmal über das Ziel hinausschießender) Freund ist.

Auf den ersten Blick scheint Silk eher leichtlebig zu sein. Trotz seiner adeligen Herkunft verbringt er einen Großteil der Zeit damit, in der Welt herumzureisen und – je nach Gelegenheit als erfolgreicher Kaufmann oder kleiner, schmieriger Reisender – sein Geld mit Handel zu verdienen. Dabei kann man das eigentlich nicht so ausdrücken, denn seine Geschäfte sind für ihn eher eine Art Glückspiel, und wie bei jedem Spiel gewinnt oder verliert er auch mal. Dabei hat er absolut keine Hemmungen, auch Insiderwissen auszunutzen, und so gelingt es ihm zum Bespiel während der „Malloreon-Saga“, den gesamten Bohnenbestand eines riesigen Reiches in seinen Besitz zu bringen, während der dortige Herrscher sich auf einen Krieg vorbereitet und genau diese Bohnen als Verpflegung für seine Soldaten benötigt. Den Gewinn, den Silk dabei gemacht hat, könnt ihr euch vermutlich vorstellen; die Unruhe, die er damit verbreitet hat, vermutlich auch … 😀

Doch seine größte Leidenschaft gilt der Beschäftigung, die ganz Drasnien – ein ansonsten kleines, unbedeutendes und sehr sumpfiges Land – Unabhängigkeit und Überleben gegenüber den anderen Reichen sichert: Der Spionage! Seiner Tätigkeit für den drasnischen Geheimdienst verdankt er nicht nur seinen Spitznamen, sondern auch seine Fähigkeiten als Akrobat und Assassine. Und auch hier ist er recht skrupellos, wenn es um seine Aufträge geht – wobei sein Vorgesetzter erstaunlich oft über Silks Eigenmächtigkeiten nicht so ganz glücklich ist. So meuchelt er während eines Aufenthalts in Tol Honeth (der Hauptstadt von Tolnedra) nächtelang einen Menschen nach dem anderen, als Rache für den Tod einer Prostituierten, die ihm sehr am Herzen lag – und deren Tätigkeit für den drasnischen Geheimdienst zu ihrer Ermordung geführt hatte. Das klingt jetzt vielleicht etwas drastisch, aber man muss bei solchen Beschreibungen schon im Hinterkopf behalten, dass David Eddings für diese Romanreihe eine Fantasywelt erschaffen hat, in der ein Menschenleben erstaunlich wenig wert sein kann. 😉

Obwohl diese Beschreibung jetzt vermutlich wenig reizvoll klingt, scheint es der Damenwelt rund um Silk ähnlich zu gehen wie mir – und so findet er ohne Probleme weibliche Gesellschaft, wenn ihm danach ist. Doch die eine Frau, die er wirklich liebt, ist schon lange vergeben und ihrem Mann vollkommen zugetan. Diese unglückliche Liebe ist auch der Grund, warum Silk es in seiner Heimat kaum aushält und so viel auf Reisen ist. Denn wann immer er sich in Drasnien aufhält, begegnet er zwangsläufig Königin Porenn und muss vor ihr seine Gefühle verbergen.

Außerdem spielt Silk natürlich noch eine wichtige Rolle in der „Prophezeiung“, die den Kern der Geschichte rund um Garion und die Gruppe von Menschen bildet, die mit ihm in der „Belgariade“ um die Zukunft der Welt kämpfen. Aber in dieser Beziehung sticht er aus der Masse der Beteiligten eigentlich kaum heraus. Ganz ehrlich, ich weiß selbst nicht genau, warum ich gerade diesen Charaktere bei dieser Buchreihe so gern mag. Vielleicht liegt es daran, dass Silk Gegenstand von besonders vielen – und nicht selten boshaften – humorvollen Szenen ist, aber der kleine Spion begleitet mich schon viele Jahre und liegt mir deutlich mehr am Herzen als die eigentlich Hauptfigur dieser Romane.

Wer nun auf die Bücher neugierig geworden sein sollte, der sei gewarnt, dass die beiden Reihen reine High Fantasy sind und auf den heutigen Leser vermutlich leicht altmodisch wirken. Außerdem ist der Grundaufbau der „Belgariade“ mit dem der „Malloreon-Saga“ gleichzusetzen, da es in beiden Reihen darum geht, dieselbe Prophezeiung (wenn auch mit zum Teil neu verteilten Rollen) zu erfüllen. Ach ja, in meinem Besitz befinden sich übrigens die alten Ausgaben von Knaur mit der Reihenbezeichnung „Das Auge Aldurs“, die trotz der bescheuerten und unpassenden Titel deutlich weniger Lektoratsfehler im Inneren aufweisen – und dank ihres Alters und der regelmäßigen Nutzung schon ziemlich zerschlissen aussehen. 😉

Die „Belgariade“ von David Eddings:

1. Kind der Prophezeiung (Knaur-Ausgabe: Die Prophezeiung des Bauern)
2. Zauber der Schlange (Knaur-Ausgabe: Die Zaubermacht der Dame)
3. Spiel der Magier (Knaur-Ausgabe: Gambit der Magier)
4. Turm der Hexer (Knaur-Ausgabe: Turm der Hexerei)
5. Duell der Zauberer (Knaur-Ausgabe: Verwunschenes Endspiel)

Die „Malloreon-Saga“ von David Eddings:

1. Herren des Westens
2. König der Murgos
3. Dämon von Karanda
4. Zauberin von Darshiva
5. Seherin von Kell

[Figurenkabinett] Prinzessin Cimorene von Linderwall

Ich weiß nicht, ob einer von euch „Die gewöhnliche Prinzessin“ von M. M. Kaye kennt, aber beim ersten Lesen des Buches „Die Drachenprinzessin“ von Patricia C. Wrede kam mir diese Geschichte in den Sinn. Das bringt mich gerade darauf, dass ich diese gewöhnliche Prinzessin wohl auch noch eines Tages hier im Figurenkabinett vorstellen muss … Aber erst einmal zu Cimorene, der jüngsten Tochter des Königs von Linderwall! Während ihre sechs älteren Schwestern perfekte Prinzessinnen sind, von denen eine schöner als die andere ist, und deren sanftes und liebliches Wesen perfekt zu ihren langen blonden Locken passt, sticht Cimorene deutlich aus der Art – und dies nicht nur aufgrund ihrer lackschwarzen, glatten Haare.

Vor allem unterscheidet sich Cimorene von dem Rest ihrer Familie, weil der übliche Alltag am Königshof sie entsetzlich langweilt. Obwohl ihrer Eltern alles dafür tun, damit ihre jüngste Tochter – trotz ihres wenig prinzessinnenhaften Benehmens – die richtige Erziehung bekommt, um einen Prinzen bezaubern zu können, langweilt sich Cimorene bei ihrem Tanz-, Stick-, Mal- und Etikette-Unterricht unendlich. So sucht sie regelmäßig Zuflucht in der Rüstkammer, wo sie den Waffenmeister dazu bringt, ihr Fechtstunden zu geben. Doch als ihr Vater dahinterkommt, ist es mit diesen Unterrichtsstunden vorbei. Ebenso ergeht es ihr mit den Zauberstunden durch den Hofmagier, dem Lateinunterricht durch den Hofphilosophen und den Ökonomiestunden durch den Schatzmeister. All die Dinge, die Cimorene interessieren, sind in den Augen ihrer Eltern absolut ungehörig für eine Prinzessin – auch wenn sie Cimorene keinen genauen Grund sagen können, warum dies so ist!

Mit sechzehn Jahren ist sie so verzweifelt, dass sie ihre Feen-Patentante herbeibeschwört (obwohl dies nur in Zeiten höchster Not gestattet ist), aber auch diese ist nicht bereit, ihr zu helfen, und empfiehlt dem Mädchen stattdessen nachdrücklich, sich doch mehr an den Wünschen seiner Eltern zu orientieren. Doch als Cimorene herausfindet, dass sie mit dem schrecklich langweiligen Prinzen Therandil von Sathem-by-the-Mountains verheiratet werden soll, reicht es ihr! Sie beschließt, eine Drachenprinzessin zu werden – was für eine Prinzessin theoretisch vollkommen akzeptabel ist, auch wenn man dafür eigentlich von einem Drachen entführt werden müsste – und so Zeit zu gewinnen. Denn bevor sie nicht von einem Prinzen vor „ihrem Drachen“ gerettet würde, hat sich das mit der Hochzeit erst einmal erledigt.

An Cimorene mag ich vor allem ihre „no nonsense“-Art. Sie sagt ohne Umschweife, was sie denkt, sie weiß genau, was ihr Spaß macht und was nicht – und sie hat absolut kein Verständnis für unsinnige Traditionen und Dummheit. Manchmal ist die Prinzessin etwas ungeduldig, wenn sie das Gefühl hat, dass sich andere Personen ungeschickter anstellen als nötig. Aber auf der anderen Seite ist sie hilfsbereit und erkennt auch, wenn jemand sein Bestes gibt (und einfach nicht mehr möglich ist). Eine Freundin wie Cimorene kann bestimmt manchmal anstrengend sein. Sie ist kein Mensch, der die Hände in den Schoß legt – und außerdem sagt sie denjenigen in ihrer Umgebung zu gern, wo es langgeht (und hat damit auch häufig auch noch recht). Auf der anderen Seite ist sie loyal, einfallsreich und hat keine Hemmungen zuzugeben, wenn sie etwas nicht weiß oder bei einer Sache Hilfe benötigt.

Auch ihren Freundeskreis, der vor allem aus der Drachin Kazul und der Hexe Morwen besteht, mag ich sehr gern. Die beiden Damen sind auf ihre Art (und für ihre Art) ebenso ungewöhnlich wie es Cimorene für eine Prinzessin ist. Und mit dem Zauberwald und den angrenzenden Märchenkönigreichen hat Patricia C. Wrede die perfekte Welt für Cimorene und die anderen geschaffen. In diese Welt gibt es wunderbar amüsante und widersinnige Details, wie man sie sonst in märchenhaften Geschichten kaum zu lesen bekommt. Sei es, dass die Autorin die Frage klärt, was aus all den Babies wird, die vom Rumpelstilzchen den Königinnen abgeluchst werden, oder welche Gesetzmäßigkeiten in einem verzauberten Wald zu beachten sind. Und wer hätte je gedacht, dass das Leben eines Riesen so anstrengend sein kann, dass er von all dem Brandschatzen und Rauben jeden Abend ganz erschöpft zu seiner Frau nach Hause kommt?

Wer von euch Lust hat, Cimorene einmal kennenzulernen, der sollte die Romane rund um den Zauberwald (The Enchanted Forest) auf jeden Fall in der richtigen Reihenfolge lesen. Die ersten beiden Bände gibt es auch auf deutsch, die letzten beiden nur im amerikanischen Original. Aber die von Patricia C. Wrede verwendete Erzählweise ist so gut zu lesen, dass auch Leute, die nicht so viel Übung im Englischen haben, damit zurechtkommen sollten. Cimorene steht vor allem in den ersten beiden Büchern im Mittelpunkt, während in „Calling on Dragons“ ihre Freundin Morwen eine wichtige Rolle einnimmt und „Talking to Dragons“ schon aus der Sicht der nächsten Generation erzählt wird.

Oh, und wer von Cimorene und den anderen nach diesen vier Bänden nicht genug hat, der kann sich die Anthologie „Book of Entchantments“ noch holen, in der am Ende noch eine amüsante Geschichte mit Cimorene und ihrer Familie zu lesen ist. Die restlichen Kurzgeschichten spielen alle in der gleichen magischen Welt, haben aber sehr unterschiedliche Ansätze, was sie spannend macht, aber für mich nicht gleichbleibend interessant sein lässt.

„The Enchanted Forest“-Chronicles von Patricia C. Wrede:

1. Dealing with Dragons (Die Drachenprinzessin)
2. Searching for Dragons (Die Drachenprinzessin rettet den Zauberwald)
3. Calling on Dragons
4. Talking to Dragons

Book of Entchantments

[Figurenkabinett] Emily Pollifax

Ich muss zugeben, dass es mir komisch vorkommt, einfach nur „Emily Pollifax“ zu schreiben, denn bei dieser Dame gehört für mich das „Mrs.“ einfach zum Namen dazu. Mrs. Pollifax begleitet mich schon seit sehr vielen Jahren und ich kann die Bücher, in denen sie die Hauptrolle spielt, immer wieder von Neuem genießen. Kennengelernt habe ich Mrs. Pollifax, als sie sich gerade auf dem Weg zur CIA-Zentrale befand. Einige Wochen zuvor stand die Rentnerin auf dem Flachdach ihres Apartmenthauses und hätte beinah einen Schritt über die Dachkante gemacht. Dabei war sie nicht einmal lebensmüde, nur schrecklich gelangweilt. Ihr Mann war verstorben, ihre Kinder aus dem Haus, und nun bestand ihr ganzes Leben nur noch aus den diversen und wenig abwechslungsreichen Vereinsaktivitäten wie dem wöchentlichen Treffen des Gartenklubs. Doch dann hat Emilys Hausarzt die wunderbare Idee, dass sie sich doch eine Beschäftigung suchen soll. Es sollte etwas sein, das ihrem Leben einen neuen Sinn gibt und was sie schon immer machen wollte – und so beschließt Emily Pollifax, ihre Dienste der CIA anzubieten!

Noch ist der Kalte Krieg nicht vorbei und die CIA hat mit den diversen Krisenherden auf der Welt alle Hände voll zu tun. Mrs. Pollifax hingegen wollte schon als kleines Mädchen im Zweiten Weltkrieg Spionin werden und nun, da sie so alt ist, dass sie (ihrer Ansicht nach) für keinen Menschen mehr von Nutzen ist, könnte sie doch ihr Leben im Dienste ihres Vaterlandes opfern. Mrs. Pollifax ist sich sicher, dass die CIA eine Verwendung für sie finden würden, auch wenn sie weiß, dass ihr Wissen und ihre Möglichkeiten begrenzt sind, und so bewirbt sie sich bei der CIA. Das Ganze klingt jetzt naiver, als Emily Pollifax eigentlich ist, aber sie meint ganz zu Recht, dass sie sich schon anbieten muss, wenn sie so einen Job sucht – denn bislang ist ja schließlich noch nie jemand auf sie zugekommen. Dank eines glücklichen Zufalls wird Mrs. Pollifax sogar wirklich für einen kleinen Botenjob engagiert und darf dafür nach Mexiko fliegen. Und natürlich kann sie dann gar nichts dafür, dass sie etwas spontan und unprofessionell handelt und sich deshalb kurz darauf hinter dem Eisernen Vorhang wiederfindet und ein – für den Leser ungemein amüsantes – Abenteuer erlebt!

Denn Mrs. Pollifax ist kein harte Spionin, sie ist eine warmherzige, ältere Frau, die zwar ihrem Land treu ergeben ist, aber trotzdem zum Teil ganz eigene Ansichten über die amerikanische Außenpolitik hat. Sie lässt sich nicht vor jeden (politischen) Karren spannen, ist manchmal etwas zu impulsiv und hört lieber auf ihr Herz und ihre Erfahrungen als auf den Verstand. So treibt Emily Pollifax schon mal ihre „Mitspione“ in den Wahnsinn, findet hinter den feindlichen Linien Verbündete und sorgt in der Regel trotz – oder vielleicht sogar gerade aufgrund – ihrer unkonventionellen Methoden für eine erfolgreiche Durchführung ihres Auftrags. Sie ist so liebenswert, dass sogar ihre Auftraggeber von der CIA ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie Mrs. Pollifax wieder losschicken. Denn auch wenn alles eigentlich ganz ungefährlich sein soll, so kann man doch jederzeit damit rechnen, dass die Geschehnisse rund um Emily Pollifax etwas aufregender werden als geplant. Später findet sie sogar einen wirklich netten Mann, der die Abenteuer seiner Emily nicht nur toleriert, sondern auch tatkräftig unterstützt.

Die Mrs.-Pollifax-Romane erzählen wirklich herzerfrischend lustige Geschichten mit sympathischen Figuren. Dabei ist mir nicht nur Emily Pollifax ans Herz gewachsen, sondern auch ihr späterer Mann und so einige Menschen, die die Freizeit-Spionin während ihrer Aufträge kennenlernt. Obwohl die Handlungen in diesen Bücher relativ unblutig und eher amüsant konzipiert sind, gibt es immer wieder sehr ernsthafte Momente. Mrs. Pollifax‘ Geschichten spielen (wie schon erwähnt) während des Kalten Krieges, und auch wenn es nie zu einer offenen Auseinandersetzung zwischen der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten kam, so sieht sie genügend Kriegsschauplätze. Aber auch Armut, die unschönen Seiten des Kommunismus, afrikanische Rebellenkämpfe und Drogenschmuggel sind Themen in diesen Büchern und haben mich in der Vergangenheit immer mal wieder dazu bewegt, mehr über die Geschichte und die Politik eines Landes herauszufinden zu wollen.

Ihren ersten Auftritt hatte Mrs. Pollifax im Jahr 1966 in einem Roman von Dorothy Gilman – und wie ich gerade feststellen durfte, hat die Autorin sogar im Jahr 2000 noch einen Titel mit ihr veröffentlicht. Leider habe ich – dank einer etwas unübersichtlichen Veröffentlichungspolitik – die Reihe irgendwann aus den Augen verloren, so dass ich die letzten vier Titel gar nicht kenne. Ich sollte mir die Bücher vielleicht mal auf Englisch besorgen, denn Mrs. Pollifax ist mir wirklich sehr ans Herz gewachsen.

Mrs. Pollifax-Romane von Dorothy Gilman (nach englischem Erscheinungsdatum sortiert):

1. Mrs. Pollifax kommt wie gerufen (The Unexpected Mrs. Pollifax, 1966)
2. Mrs. Pollifax lebt gefährlich (The Amazing Mrs. Pollifax, 1970)
3. Mrs. Pollifax, der Agentenschreck (The Elusive Mrs. Pollifax, 1971)
4. Mrs. Pollifax macht weiter (A Palm for Mrs. Pollifax, 1973)
5. Mrs. Pollifax auf Safari (Mrs. Pollifax on Safari, 1976)
6. Mrs. Pollifax in China (Mrs. Pollifax on the China Station, 1983)
7. Mrs. Pollifax und der Hongkong-Buddha (Mrs. Pollifax and the Hong Kong Buddha, 1985)
8. Mrs. Pollifax und das goldene Dreieck (Mrs. Pollifax and the Golden Triangle, 1988)
9. Mrs. Pollifax und der tanzende Derwisch (Mrs. Pollifax and the Whirling Dervish, 1990)
10. Mrs. Pollifax und der sizilianische Dieb (Mrs. Pollifax and the Second Thief, 1993)
11. Jagd auf Mrs. Pollifax (Mrs. Pollifax Pursued, 1995)
12. Mrs. Pollifax und der Herr der Löwen (Mrs. Pollifax and the Lion Killer, 1996)
13. Mrs. Pollifax macht Urlaub (Mrs. Pollifax, Innocent Tourist, 1997)
14. keine deutsche Veröffentlichung  (Mrs. Pollifax Unveiled, 2000)

[Figurenkabinett] Peter Shandy

In meinem „Figurenkabinett“ werde ich euch immer mal wieder eine Romanfigur vorstellen, die mir besonders ans Herz gewachsen ist. Den Anfang macht Peter Shandy – der Mann, nach dem ich meinen schwarzen Kater benannt habe. Peter Shandy stammt aus den Büchern der Autorin Charlotte MacLeod und ist Professor an dem „Balaclava Agricultural College“ in Massachusetts. In insgesamt neun (oder eher zehn, aber „The Curse of the Giant Hogweed“ hat es meines Wissens nach nicht nach Deutschland geschafft) Romanen ist er mir – ebenso wie das ungewöhnliche College mitsamt dem dazugehörigen Ort und seinen Bewohnern – ans Herz gewachsen.

Vor allem in dem ersten Band „Schlaf in himmlischer Ruh“ lernt man Peter Shandy von seiner ungnädigsten Seite kennen. Es ist kurz vor Weihnachten und das College wurde, ebenso wie die dazugehörigen Häuser, großzügig und geschmackvoll mit Weihnachtsdekoration bestückt. Nur ein Häuschen steht kahl in der weißen Schneepracht: Das von Peter Shandy. Der Professor kann dem ganzen Deko-Rummel einfach nichts abgewinnen und je mehr ihn seine Nachbarn – allen voran Jemima Ames, die Frau eines Kollegen – bedrängen, desto störrischer wird er. Bis ihm eines Tages der Kragen platzt und er eine auswärtige Firma mit der Dekoration seines Grundstücks beauftragt. Noch bevor ihn seine Nachbarn wegen all der glitzernden, lärmenden, leuchtenden Weihnachtselemente inklusive Rentieren auf dem Dach und geschmackloser Musikbeschallung ansprechen können, flüchtet Peter Shandy aus dem Ort und verbringt friedliche Feiertage fern von Zuhause.

Doch kurze Zeit später juckt ihn sein schlechtes Gewissen und das wird nicht besser, als er bei seiner Heimkehr Jemima Ames tot in seinem Wohnzimmer findet. Anscheinend ist seine Nachbarin – beim Versuch, einen Teil der Fensterdekoration abzuhängen – von der Leiter gestürzt und umgekommen. Doch Peter Shandy ist, wie es sich für einen guten Landwirt gehört, ein hervorragender Beobachter und so fallen ihm gleich einige Ungereimtheiten bei diesem „Unfall“ auf, die ihn dazu animieren, eigene Ermittlungen anzustellen.

Peter Shandy ist eine ganz wunderbare Figur und gehört zu den Romancharakteren, die ich gern in meinem realen Bekanntenkreis hätte (er dürfte sich auch liebevoll meines Gartens annehmen 😀 ). Mit über fünfzig Jahren blickt er auf ein bislang eher ereignisloses Leben zurück, das vor allem von seiner Zuneigung zu seiner Nichte Alice und seiner wissenschaftlichen Forschung geprägt ist. So kann Peter Shandy auf so einige Aufsehen erregende Züchtungen zurückblicken, wie zum Beispiel eine schnell wachsende Futterrübe oder ungewöhnlich gefärbte Veilchen, die ihm und dem College einen gewissen Wohlstand eingebracht haben. Doch auch wenn er die letzten Jahre hauptsächlich als Professor und Forscher gearbeitet hat, so weiß Peter Shandy immer noch mit einer Mistgabel umzugehen und steht im Zweifelsfall auf jedem Bauernhof seinen Mann.

Im Laufe von „Schlaf in himmlischer Ruh“ lernt der Professor mit der Bibliothekarin Helen Marsh eine Frau kennen und lieben, die ganz wunderbar zu ihm passt – und auch in den folgenden neun Romanen mal mehr oder weniger große Rollen bei den Ermittlungen übernimmt. Mit ihr wird sein Leben deutlich lebhafter, auch weil er nun jemanden hat, mit dem er über Literatur reden und gesellschaftliche Veranstaltungen des College besuchen kann. Obwohl Peter Shandy von Natur aus ein sparsamer Mensch ist, liebt er es, für seine Helen Geld auszugeben. Eine weitere kleine „Macke“ von ihm ist seine Leidenschaft fürs Zählen, sehr liebenswert und harmlos – und sehr praktisch, wenn man wissen will, wie viele Murmeln ursprünglich in einer Schale lagen. 😀 Achja, Peter und Helen sind übrigens Katzenliebhaber, und als eine kleine Grautigerdame bei ihnen einzieht, wird sie nach Jane Austen benannt!

Eine Figur wie Peter Shandy würde allerdings nicht so gut wirken, wenn sie nicht in einer so außergewöhnlichen Umgebung zuhause wäre. Das Balaclava College wird von Thorkjeld Svenson geleitet, der – wie so viele andere in Balaclava County – schwedische Wurzeln hat. Der College-Präsident ist ein wahrer Riese, dessen konsequente Führung die landwirtschaftliche Ausbildungsstätte zu einer einzigartigen Institution gemacht hat. An diesem College wird praktische Arbeit großgeschrieben und die Studenten werden hart rangenommen. Doch wer sich während seines Studiums beweist, der bekommt auch großzügige Unterstützung durch das College, wenn er einen eigenen Hof aufbauen will. Svenson war es auch, der dafür gesorgt hat, dass das College (ebenso wie die anliegende Ortschaft) durch ein Biogaskraftwerk beheizt wird, welches aufgrund der College-eigenen Nutzvieh-Zuchtbetriebe und Landwirtschaft immer genug Treibstoff hat.

Zu Peter Shandys Bedauern sorgt Svensons praktische Denkweise auch dafür, dass Peter sehr schnell zum College-Detektiv ernannt wird, so dass nun jede vermisste Zuchtsau (die arme hochtragende Sau Belinda!), jeder mysteriöse Vorfall (warum schleppt Kater Edmund Professor Ungleys Toupet ins Haus?) und jedes kriminelle Vergehen (wer hat die Seifenfabrik gesprengt?) von ihm untersucht werden muss. Mir haben die Bücher rund um Peter Shandy immer ungemein viel Spaß gemacht – und ich kann sie auch nach all den Jahren immer wieder lesen! Leider kann man die Romane nur noch gebraucht bekommen, da „DuMonts Kriminal-Bibliothek“ (in der man noch so viele andere tolle Autoren finden konnte) nicht mehr veröffentlicht wird. Aber wenn ihr mal (vielleicht über die Bibliothek?) einen der Bände in die Finger bekommt, dann erwarten euch viele liebenswerte Charaktere, skurrile Szenen, unterhaltsame Kriminalfälle und wunderbar amüsante Lesestunden!

Peter-Shandy-Romane von Charlotte MacLeod:

1) Schlaf in himmlischer Ruh‘
2) … freu dich des Lebens
3) Über Stock und Runenstein
4) Der Kater lässt das Mausen nicht
5) Stille Teiche gründen tief
6) Wenn der Wetterhahn kräht
7) Eine Eule kommt selten allein
8) Miss Rondels Lupinen
9) Aus für den Milchmann