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Keigo Higashino: Verdächtige Geliebte (Professor Yukawa 1)

„Verdächtige Geliebte“ von Keigo Higashino ist mir sowohl bei Natira (die mir den Roman auch geliehen hat), als auch bei Kiya begegnet – und da beiden dieser Krimi gefallen hatte, bin ich auch neugierig geworden. Schon der Anfang der Geschichte hat mir gut gefallen, bei dem man die spätere Mörderin Yasuko kennenlernt und miterleben kann, was sie zu ihrer Tat bewegt hat. Auch ihrem Nachbarn Ishigami begegnet der Leser schon früh und kann schnell erahnen, was ihn dazu bewegt hat, Yasuko beizustehen und für sie die Leiche ihres Opfers zu beseitigen. Bei solch einem Ausgangspunkt ist es selbstverständlich, dass es in diesem Kriminalroman nicht darum geht den Mörder zu überführen, sondern um die Auseinandersetzungen zwischen der Polizei bzw. ihrem „Berater“ Professor Yukawa und Ishigami, der die treibende Kraft hinter der Tatverschleierung ist.

Die gesamte Geschichte wird sehr ruhig erzählt und obwohl man als Leser von Anfang an in die groben Umstände eingeweiht wird, gibt es im Laufe der Handlung noch so einige überraschende Elemente. Ishigami ist ein Lehrer, dem die Mathematik über alles geht, und der kein nennenswertes Privatleben hat. Einzig seine Gefühle für seine Nachbarin Yasuko sorgen dafür, dass er jeden Tag – ganz irrational – einen Umweg zu seiner Arbeit macht, um von ihr sein Bento zu kaufen. Über Yasuko erfährt der Leser schon recht früh deutlich mehr. Sie war zweimal verheiratet, hat eine Tochter und hat lange Zeit als Bardame gearbeitet, um sich und ihr Kind ernähren zu können. Inzwischen arbeitet sie als Verkäuferin und scheint sehr zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Zu ihrem Nachbarn Ishigami hat sie keinen weiteren Kontakt, wenn man von höflichen Grüßen im Treppenhaus absieht.

So stellt man sich als Leser nicht nur von Anfang an die Frage, wie genau Ishigami die Leiche beseitigt hat, sondern auch wie es mit diesen beiden ungleichen Menschen weitergehen wird. Man fragt sich, ob sie trotz des Mordes ihr Leben normal weiterführen können oder ob die Tat und die folgenden Ermittlungen nicht eine einschneidende Veränderung hervorrufen müssen. Auf der „gegnerischen“ Seite steht die Polizei und mit ihnen der Physikprofessor Yukawa. Er ist ein ehemaliger Kommilitone von Ishigami und freut sich anfangs vor allem über das unverhoffte Wiedersehen mit dem alten Freund.

Es gibt zu keiner Zeit in diesem Roman große Dramen. Alle wird ganz ruhig und leise erzählt und all die kleinen Szenen, haben dafür gesorgt, dass ich die Geschichte nicht aus der Hand legen wollte. So spannend ich die Frage fand, ob Ishigamis Einmischungen in den Mord aufgedeckt wurden und ob der Mathematiker bei seinen Plänen einen Fehler gemacht hat, so sehr haben mich auch die Momente gefesselt, in denen Yasuko und ihre Tochter versuchen ihr Leben ganz normal weiterzuführen und in denen sie darüber nachdenken, wie weit sie nun ihrem Nachbarn verpflichtet sind. Ich mochte es, wie Keigo Higashino mit kleinen Bemerkungen seinen Figuren Konturen verlieh. Es gibt keine ausführliche Innensicht, alles wird sehr fein und dezent beschrieben, was dafür sorgt, dass man sich selber seine Gedanken über die Charaktere machen muss – und das macht es für mich umso reizvoller. Und während mich sonst häufig die Details einer Auflösung enttäuschen, empfand ich das Ende dieser Geschichte – trotz einer kleinen unnötigen Wendung – als sehr eindringlich.

[DVD] The Woodsman and the Rain

„The Woodsman and the Rain“ ist für mich meine Filmentdeckung des vergangenen Jahres. Zu dritt saßen wir damals in einem überfüllten und viel zu heißen Kino und wurden trotz der nicht so günstigen Rahmenbedingungen schnell von dem Film gefangen genommen. „The Woodsman and the Rain“ gehört zu den wenigen Filmen, bei denen man relativ viel über die Handlung verraten kann, denn der Genuss entsteht beim Sehen weniger aus der Entwicklung der Geschichte als aus den vielen kleinen und häufig überaus amüsanten Szenen.

Die eine Hauptfigur ist der sechzigjährige Holzfäller Katsuhiko (gespielt von Koji Yakusho), dessen Leben schon seit langer Zeit in eingefahrenen Bahnen verläuft. Vor ein paar Jahren hat er seine Frau verloren und mit seinem Sohn versteht er sich nicht so gut. Er kann nicht nachvollziehen, dass dieser so antriebslos ist, keiner Arbeit nachgeht und es nicht mal auf die Reihe bekommt, die Wäsche reinzuholen, wenn es anfängt zu regnen. Eines Tages wird Katsuhiko bei seiner Arbeit von einem Mann unterbrochen, der zu einer Filmcrew gehört, die in der Nähe dreht. Torii ist für alles Organisatorische beim Dreh zuständig und soll nun dafür sorgen, dass der Kettensägenlärm des Holzfällers nicht weiter die Aufnahmen stört. Er ist es auch, der in den folgenden Tagen immer wieder die Hilfe von Katsuhiko erbittet.

Begeistert ist der Holzfäller nicht, aber er ist auch zu hilfsbereit, um diese orientierungslosen Städter sich selbst zu überlassen. So ist er zur Stelle, als eines der Crew-Autos feststeckt, oder lässt sich dazu überreden, als Führer auf der Suche nach weiteren Drehorten zu dienen oder sogar bei den Dreharbeiten einzuspringen. Dabei stolpert er immer wieder über einen jungen Mann, der teilnahmslos und passiv mit der Filmcrew rumhängt. Irgendwann platzt Katsuhiko der Kragen, während er zusieht, wie Torii mal wieder alle Arbeiten alleine macht, während der junge Mann abwartet, bis alles erledigt ist. Erst einige Zeit später findet der Holzfäller heraus, dass dieser Taugenichts niemand anderes ist als der vielversprechende Regisseur des Films.

Dabei ist Koichi (gespielt von Shun Oguri) vollkommen überfordert mit all der Verantwortung und unfähig, irgendwelche Entscheidungen zu treffen. Erst durch Katsuhikos erfrischende Sicht auf die Dreharbeiten, durch seine Begeisterung nach dem Lesen des Drehbuchs und seine Fragen zu der Geschichte, entwickelt Koichi so etwas wie Rückgrat und greift aktiver in die Entstehung seines Films ein. Dabei entsteht eine wunderbare und ungewöhnliche Freundschaft zwischen den beiden unterschiedlichen Männern, die zu vielen leisen und doch unglaublich komischen Situationen führt. Katsuhiko lässt sich immer weiter auf die Dreharbeiten ein und zieht auch so nach und nach seine Freunde und Nachbarn als Helfer für den Film heran, was zu weiteren sehr lustigen Momenten führt.

Ich liebe den Humor in diesem Film, gerade weil er nicht so flach ist, sondern von vielen leisen Szenen und Situationskomik getragen wird. Die Schauspieler sind ebenfalls wunderbar. Koji Yakusho spielt den Holzfäller Katsuhiko nicht nur in seinem Alltag sehr überzeugend, sondern zeigt auch durch feine Veränderungen in Mimik und Gestik das wachsende Interesse des Mannes an den Geschehnissen rund um den Filmdreh und die dadurch in ihm vorgehenden Wandlungen. Einfach zu niedlich ist die Szene, in der er seinen Holzfällerkollegen von seinen ersten Erlebnissen als Statist erzählt. Da geht einem einfach das Herz auf, weil er zum ersten Mal richtig offen und fröhlich wirkt.

Shun Oguri hingegen beweist mit seiner Darstellung des Koichi Mut zur … hm … Unattraktivität. Sein Koichi ist so schrecklich antriebslos und schüchtern und lässt sich von jedem herumschubsen. Da kann man nur zu gut verstehen, dass Katsuhiko den jungen Mann anfangs am liebsten schütteln würde, damit er mal in die Gänge kommt. Und auch ihm nehme ich die langsamen Veränderungen ab und freue mich, wenn der kleine Regisseur im Laufe des Films lernt, Entscheidungen zu treffen und weniger auf seine Ängste zu hören. Er ist am Ende kein neuer Mensch, das wäre unglaubwürdig, aber er ist reifer geworden und das ist so schön zu verfolgen.

Bislang gibt es den Film nur auf Japanisch mit englischen Untertiteln, aber so ist es mir auch lieber, da eine Synchronisation in der Regel viel von der Atmosphäre zerstört. Wenn man die Augen aufhält und sich nicht nur auf deutsche Anbieter beschränkt, dann findet man die DVD online zu finanzierbaren Preisen – und die Anschaffung lohnt sich auf jeden Fall. Wir haben „The Woodsman and the Rain“ vor ein paar Tagen mit großer Freunde wieder gesehen und uns über die vielen amüsanten Szenen gefreut. Und ich bin mir sicher, dass der Film in den nächsten Jahren noch sehr oft von uns angeschaut wird.

Wer jetzt neugierig auf den Film geworden ist, kann sich bei Youtube mal den Trailer zu dem Film angucken.

Sei Shonagon: Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon

Über „Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon“ bin ich bei Mikage gestolpert und zum Glück hatte meine Bibliothek den Titel im Angebot. Wobei ich befürchte, dass ich die Ausgabe mit der schlechteren Übersetzung (und leider ohne Anmerkungen zu den Andeutungen in den Gedichten) erwischt habe. Aber da mir das Lesen so viel Spaß gemacht hat, ist die ausführlichere Manesse-Ausgabe (mit dem Titel „Das Kopfkissenbuch einer Hofdame“) gleich auf meinen Wunschzettel gewandert.

„Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon“ wurde vor über 1000 Jahren von einer Hofdame am Heian-Hof geschrieben. Nachdem die Kaiserin Sei Shonagon zwanzig Lagen besonders schönen Papiers geschenkt hatte, band die Hofdame daraus ein Buch, dem sie in den folgenden Jahren ihre Gedanken zum Leben am Hof und all die kleinen Alltäglichkeiten anvertraute. Und da sie ihre Aufzeichnungen eigentlich niemandem je zu lesen geben wollte, sind die niedergeschriebenen kleinen Begebenheiten und Beobachtungen häufig sehr direkt und manchmal fast schon etwas gehässig. Aber umso mehr hat man als Leser das Gefühl einen Einblick in die Heian-Zeit und das Leben am Hof zu bekommen.

Sei Shonagon scheint eine sehr schüchterne Frau gewesen zu sein, die anfangs mit dem Dienst als Hofdame vollkommen überfordert war. Aber im Laufe der Zeit kann man sehen, dass sie immer selbstbewusster wurde und bei dem neckischen Ton am Hof mithalten kann. Immer wieder gibt es so kleine Beobachtungen, bei denen mir bewusst wurde, wie wenig Ahnung diese Dame von dem alltäglichen Leben hatte – und wie sehr ihre Prioritäten von den Idealen des adeligen Lebens geprägt wurden. Was ja auch kein Wunder ist, kannte sie doch nichts anderes. 😉

Besonders interessant fand ich all die kleinen Niederschriften über das richtige Benehmen eines Geliebten, über nächtlichen Begebenheiten  und ihre Gedanken darüber, wie schwierig es sei einen Liebhaber zu empfangen, wenn man nicht am Hofe war. Ich muss gestehen, dass ich nicht gedacht hätte, dass die Hofdamen damals so freizügig sein konnten. Faszinierend fand ich auch den Stellenwert der Gedichte für das Leben von Sei Shonagon und welch eine Herausforderung es oft für sie war, wenn sie spontan auf ein Gedicht der Kaiserin reagieren musste und wie sehr es sie beschäftigte, wenn sie nicht die passende Zeile gefunden hatte. Sehr freimütig berichtet sie auch über die Dinge, die sie unangenehm oder abstoßend findet – und in diesem Teil hat sie meine Sympathie regelmäßig verloren, weil sie da so schrecklich oberflächlich wirkt. Auf der anderen Seite zeigen diese kleinen Texte auch, dass die Menschen in ihren Vorurteilen und Abneigungen sich in den letzten tausend Jahren kein bisschen verändert haben.

Insgesamt habe ich „Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shonagon“ wirklich genossen und abends immer mal wieder ein Stückchen darin gelesen. Der Einblick in das japanische Hofleben zwischen 1001 und 1010 war sehr spannend und ich habe über Sei Shonagons Erlebnisse geschmunzelt oder den Kopf geschüttelt. Außerdem habe ich beim Lesen das Betrachten der Bilder genossen, die das Buch passend illustrieren (wobei die Bilder von Künstlern aus dem 18. Jahrhundert stammen). Wer neugierig auf einen kleinen Blick in eine längst vergangene Zeit ist oder sich ganz allgemein für Japan interessiert, bekommt mit diesem Buch auf jeden Fall eine ungewöhnliche und faszinierende Lektüre in die Hand.

Hiromi Kawakami und Jiro Taniguchi: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß (Manga)

Auch wenn es ein bisschen gedauert hat, kommt hier doch endlich meine Meinung zu der Manga-Umsetzung von “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” von der Autorin Hiromi Kawakami. Gleich vorweg: Den gleichnamigen Roman habe ich parallel zum Manga gelesen und obwohl es kleine Unterschiede gibt, hat sich der Mangaka Jiro Taniguchi so nah an die Geschichte und den Erzähltext gehalten, dass man schon beide Varianten nebeneinander legen muss, um die Veränderungen bewusst zu erfassen.

In dem Manga-Zweiteiler “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” erzählt Jiro Taniguchi in sehr detailreichen und atmosphärischen Bildern die Geschichte von Tsukiko Omachi und ihrem früheren Lehrer Harutsuna Matsumoto. Viele Jahre nach Tsukikos Schulzeit sehen sich die beiden zufällig regelmäßig in einer kleinen Bar. Obwohl sie sich wiedererkennen, suchen die beiden keinen Kontakt zueinander oder überhaupt Gesellschaft. Allerdings fällt ihnen im Laufe der Zeit auf, dass sie den selben – eher altmodischen – Geschmack haben, wenn es ums Essen geht.

Für den Leser wird schnell klar, das Tsukiko und ihr Sensei (wie sie den Lehrer immer noch nennt) recht einsame Menschen sind, die sich davor scheuen den Abend allein daheim zu verbringen. Und vor allem bei Tsukiko sorgt ihre Unbeholfenheit dafür, dass sie sich in der Gesellschaft anderer Menschen nicht wohl fühlt. Im Laufe der Zeit geraten die Frau und ihr ehemaliger Lehrer immer wieder ins Gespräch, trinken gemeinsam an der Theke des Lokals Sake und enden auch mal beim Sensei daheim, um nach Kneipenschluß noch etwas mehr zu trinken.

Von Anfang an fand ich diese beiden einsamen Menschen einfach nur rührend und die Geschichte wunderbar melancholisch. Der Sensei ist mit seinen fast siebzig Jahren ein altmodischer Mann mit festen Vorstellungen und einem nicht selten väterlich-bevormundenden Verhalten gegenüber Tsukiko. Sie hingegen fühlt sich mit anderen Menschen normalerweise sehr unwohl, hat oft das Gefühl, dass sie nicht angemessen reagiert oder die Motive ihres Gegenübers nicht richtig einschätzen kann und bleibt deshalb lieber für sich. Aber in der Gesellschaft des Senseis fühlt sich Tsukiko wohl, bei ihm findet sie eine Wärme und Sicherheit, die die Mitdreißigerin sonst in ihrem Leben vermisst hat. Und auch wenn seine belehrende Art sie immer mal wieder kratzbürstig sein lässt, so schätzt sie doch seine Lebenserfahrung und sein Wissen.

Im ersten Band habe ich mich manchmal gefragt, warum die Handlung als “Liebesgeschichte” bezeichnet wird, denn obwohl Tsukiko und der Sensei immer weiter aufeinander zugehen, immer mehr miteinander unternehmen, scheint sich erst einmal nur eine ungewöhnliche Freundschaft zu entwickeln. Beide bereichern das Leben des anderen, während sie zusammen Ausflüge unternehmen, sich über Essen unterhalten oder sich über Sport streiten (und deshalb auch mal vollständig den Kontakt abbrechen). Erst im zweiten Band wird deutlich wie intensiv die Gefühle der beiden inzwischen füreinander sind. Doch versuchen beide die aufkeimende Liebe zu leugnen. So trifft sich Tsukiko zum Beispiel mit einem alten Schulkameraden, der für sie schwärmt. Doch obwohl dieser an einer Beziehung interessiert wäre, fühlt sich die Frau mit ihm einfach nicht so wohl wie mit ihrem Sensei.

Obwohl der Roman “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” nur ein schmaler Band ist, hatte ich beim Lesen das angenehme Gefühl, dass sich Hiromi Kawakami mit der Handlung Zeit gelassen hat. Viele kleine Szenen und Gedanken sorgen dafür, dass die Charaktere dem Leser mit all ihren Eigenheiten immer vertrauter werden, und gerade durch die zum Teil recht alltäglichen und – auf den ersten Blick – belanglosen Momente hat mich diese Geschichte wirklich berührt. Doch noch schöner als das Buch fand ich den Manga, da Jiro Taniguchi so wundervoll ausdrucksvolle Zeichnungen geschaffen hat.

Seine Charaktere – unabhängig davon, ob es sich dabei um Haupt- oder Nebenfiguren handelt – sind sehr liebevoll und mit sehr ausdrucksvollen Mimik und Gestik dagestellt. So detailreiche Hintergründe wie hier habe ich bislang selten in einem Manga gesehen und auch die Betonung bestimmter Elemente in einzelnen Panels finde ich ganz wunderbar gelungen. Insgesamt finde ich die Geschichte mitsamt dieser schönen melancholischen Atmosphäre dank der stimmungsvollen Bilder noch beeindruckender als beim Lesen des Romans und so sind inzwischen auch noch andere Manga dieses Zeichners auf meinen Wunschzettel gewandert.

David Schumann: The Tokyo Diaries – Ein erster Eindruck

Ich muss zugeben, dass das hier wirklich nur ein erster Eindruck wird, denn ich bin erst auf Seite 57. Das heißt, von den zwei Jahren, die der Autor in Japan gelebt hat, habe ich bislang gerade mal zwei Monate „miterleben“ dürfen. Aber ausnahmsweise muss dieser Beitrag mal sein, dann es gibt da ein paar Gedanken, die ich loswerden möchte.

Vor diesem Buch hatte ich noch nie was von David Schuman gehört, ich habe den Titel einfach nur aufgrund des Klappentextes interessant gefunden. Ein Japanologie-Student in Tokyo, anfangs überwältigt von der fremden Kultur, wird erfolgreiches Punk-Model in Japan. Soweit klang das gut. Der letzte Hinweis hat zwar dafür gesorgt, dass ich einen ungewöhnlichen Menschen erwartet hatte, aber ansonsten erhoffte ich mir mehr oder weniger amüsante und informative Erlebnisse und Berichte über das Leben als Ausländer/Student in Japan.

Aber schon auf den ersten Seiten hatte ich ein Problem mit dem Autor: Er jammert über seine Flugprobleme und die Regenzeit in Japan. Außerdem geht es um seine Alkoholabstürze, sein Problem, eine willige Frau zu finden (okay, er scheint auch die Gespräche, die Anwesenheit, die Freundschaft zu vermissen, aber in erster Linie klingt der Bedarf nach einer Bettgefährtin durch), Saufgelage, seine Ansichten über seine Gastfamilie, Alkohol und sehr viel über Musik. Letzteres hatte ich übrigens weder erwartet, noch kann ich viel mit seinen Gedanken zu dem Thema anfangen.

Ich will nicht nur schimpfen, der Kerl ist kein Faulpelz, studiert intensiv, hält eifrig die Augen nach Jobs offen und versucht, engeren Kontakt zu Japanern zu bekommen – und es gibt immer wieder interessante Beobachtungen zum Leben in Tokyo. Aber momentan kann ich mit dem Autor, seiner Lebensweise und seiner (Umgangs-)Sprache recht wenig anfangen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich keinen Bedarf an abendlichen Alkoholexzessen habe und auch sonst ein anderes Leben führe  … 😉

Doris Dörrie: Kirschblüten – Hanami (Buch und Film)

Ich habe nicht grundsätzlich etwas gegen den deutschen Film – es gibt aber leider nur wenige, die mir wirklich gefallen. So reizte mich zwar das Thema bei Doris Dörries Film „Kirschblüten – Hanami“, aber so ganz konnte ich mich nicht dazu aufraffen, ins Kino zu gehen, was auch ein wenig an den Schauspielern lag, die ich nicht in jeder Rolle leiden kann, wenn ich das mal so freundlich ausdrücken darf. Irgendwann bekam ich dann das Buch zum Film in die Hand und hier hat mich die Geschichte so sehr berührt, dass ich doch noch die DVD angucken musste.

In „Kirschblüten – Hanami“ (Hanami ist übrigens der japanische Ausdruck für das Betrachten von Blüten und wird in der Regel auf die Kirschblüte bezogen, da für die Japaner das Aufblühen der Kirschbäume ein besonderes Ereignis ist und man gleichzeitig mit diesem Anblick den Beginn des Frühlings feiert) erzählt Doris Dörrie von dem Ehepaar Trudi und Rudi. Beide sind schon lange miteinander verheiratet, und bei aller Zärtlichkeit füreinander hat der graue Alltag sie schon längst eingeholt. Trudi hatte vor der Heirat japanischen Butoh-Tanz studiert, ist immer noch vom Anblick des Fuji und von der japanischen Kultur fasziniert und träumt davon, einmal die Kirschblüte in Japan erleben zu dürfen. Rudi kann das nicht nachvollziehen, er fühlt sich in seinem Alltag wohl, ist ein Gewohnheitstier und kennt keine unerfüllten Träume.

Doch dann bekommt Trudi die Mitteilung, dass Rudi schwer erkrankt ist. Ihr bleibt es überlassen, ob er von seiner Krankheit erfahren oder ob er so ungetrübt wie möglich seine letzten Monate erleben soll. Trudi beschließt, ihrem Mann nichts zu sagen und versucht stattdessen, ihm die verbleibende Zeit so schön wie möglich zu machen. Doch ein Besuch bei den Kindern (Sohn und Tochter) in Berlin zeigt nur, wie sehr sich die einzelnen Familienmitglieder voneinander entfremdet haben – und während Trudi herauszufinden versucht, was Rudi glücklich machen würde, ist er nur irritiert von ihrem Verhalten und ihren Fragen. Erst als Trudi überraschend stirbt, geht ihm auf, wie viele Träume sie für ihn und die gemeinsamen Kinder aufgegeben hat. Um sich ihr noch einmal nahe fühlen zu können, reist Rudi zu seinem zweiten Sohn, der in Japan lebt, und versucht dort all die Dinge zu sehen und zu erleben, die seine Frau sich so sehr gewünscht hat.

Das Buch zum Film wurde in drei Teile aufgeteilt: Über 100 Fotos mit Bildunterschriften, das komplette Drehbuch und ein Abschnitt über Doris Dörrie, der beschreibt, wie es zu dem Dreh von „Kirschblüten – Hanami“ kam, was der Regisseurin so alles in Japan schon passiert ist und wie ihre Faszination an dem Land ausgelöst wurde. Da ich den Film ja noch nicht kannte, habe ich mir gründlich die Fotos angeguckt und die Geschichte erst einmal wie bei einem Bilderbuch erlebt, was sehr berührend war. Ohne die Handlung im Hinterkopf zu haben, musste ich die Fotos besonders aufmerksam betrachten und war beeindruckt von den kleinen Dingen, die man wohl beim Betrachten des Films nicht so bewusst wahrnimmt.

Das Drehbuch hat mir dann deutlich mehr Hintergründe zu den einzelnen Figuren verschafft und ihr Verhältnis zueinander beleuchtet. Zu sehen, wie sehr sich die Kinder von ihren Eltern entfremdet haben und dass es eine Außenstehende benötigt, damit die verschiedenen Familienmitglieder wieder aufmerksamer miteinander umgehen, ist sehr traurig und doch so alltäglich. Auch Trudis und Rudis hilflose Versuche, für den anderen da zu sein – oder zumindest dann im Nachhinein noch die Dinge zu tun, die den anderen erfreut hätten -, waren sehr berührend zu lesen. Oder um es mal ganz deutlich zu sagen: Am Ende des Drehbuchs liefen mir die Tränen übers Gesicht, weil es so schön und traurig war.

Ganz so tief wie das Buch hat mich der Film allerdings nicht bewegt. Er gefiel mir und habe ihn bestimmt nicht zum letzen Mal gesehen, aber meine Fantasie hatte der Geschichte beim Lesen doch noch mehr Intensität verliehen, als es Doris Dörries Bilder gekonnt haben. Dabei haben Elmar Wepper und Hannelore Elsner hier in meinen Augen ihre überzeugendste Leistung als Schauspieler abgeliefert, und zum ersten Mal habe ich die beiden uneingeschränkt gemocht. Besonders Elmar Weppers Zusammenspiel mit Aya Irizuki (die die Japanerin Yu spielt) ist wirklich ganz bezaubernd!

Dafür habe ich mir während des Films mehr Gedanken um diese (und so auch ein wenig über meine) Familie gemacht. Selbst während wunderschöne Bilder aus Japan zu sehen waren, hat das einen Teil meiner Aufmerksamkeit gefangen gehalten. Das liegt wohl daran, dass ich das Buch miterlebt habe, während ich beim Film – trotz des Einsatzes einer Videokamera, die ich immer gewöhnungsbedürftig finde, die aber eine gewisse Nähe erzeugen soll – doch nur Zuschauer war und so mehr Raum für mich und weniger für die Geschichte hatte.

Auch muss ich zugeben, dass ich wohl ohne Kenntnis der Handlung bei einer Fernsehausstrahlung in der ersten Hälfte der Geschichte einen anderen Sender gesucht hätte. Aber mit dem Wissen, wie sehr sich Rudi noch entwickelt (und weil ich eben nach dem Lesen den Film sehen wollte), fand ich selbst diese eher zähen Passagen sehr rührend. Sowohl im Buch als auch im Film fand ich einen Moment in dieser Familie wunderbar mitzuerleben, bei dem man erkennt, dass diese unterschiedlichen Personen doch eine gemeinsame Vergangenheit verbindet.