Schlagwort: Japan

Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel (Manga)

„Bis in den Himmel“ von Jiro Taniguchi ist mal wieder eine Leihgabe von Natira gewesen – irgendwann muss ich mir mal einen eigenen Bestand von Taniguchi-Manga zulegen, da ich selbst die abwegigeren Titel von ihm sehr mag. Auch dieser Manga erzählt eine ungewöhnliche Geschichte, die an dem Tag beginnt, an dem der 42jährige Kazuhiro Kubota und der 17jährige Takuya Onodera bei einem Unfall zusammenstoßen und lebensgefährlich verletzt werden. Beide liegen nach diesem Ereignis im selben Krankenhaus im Koma, und als Kazuhiro eines Tages aufwacht, findet er sich in Takuyas Körper wieder. Es ist für ihn absolut unbegreiflich, wie dies passieren konnte, und er weiß nicht so recht, wie damit umgehen soll, dass ihn nun jeder in seiner Umgebung für Takuya hält.

So beginnt für Kazuhiro für kurze Zeit ein neues Leben, in dem er auf der einen Seite versucht wiedergutzumachen, dass er seine Frau und seine Tochter zugunsten seiner Arbeit so lange vernachlässigt hat, und auf der anderen Seite mehr über Takuya und seine Familie herausfindet. Natürlich ist Takuyas Familie sehr irritiert, dass ihr Sohn keinerlei Erinnerungen an die Zeit vor dem Unfall hat und sich absolut atypisch verhält, aber Kazuhiro spürt auch eine gewisse Erleichterung bei Takuyas Eltern, dass ihr Sohn keine solch herausfordernde Haltung wie früher mehr an den Tag legt. Ich will nicht zu viel zur Handlung verraten, aber das Ganze läuft nicht darauf hinaus, dass Kazuhiro in Takuyas Körper die Chance für einen Neuanfang bekommt. Es geht vielmehr darum, dass er und andere Charaktere in diesem Manga herausfinden, was für sie wichtig ist und wie sie mit den Menschen umgehen wollen, die ihnen am Herzen liegen. Dabei verwendet Jiro Taniguchi den einen oder anderen Erzählkniff, der nicht weniger unrealistisch ist als die Grundidee – so „erkennt“ zum Beispiel Kazuhiros Hund sein altes Herrchen, als er in Takuyas Körper bei seiner Familie vorbeischaut -, um die Handlung voranzutreiben.

Mir hat die Geschichte aus zwei Gründen gefallen: Einmal fand ich es – trotz Jiro Taniguchis gewohnt ruhiger und ausführlicher Erzählweise – spannend herauszufinden, was Kazuhiro vor seinem Tod so sehr beschäftigt hat, dass er unbedingt noch bleiben wollte, und zum zweiten liebe ich all die Details zum Leben in Japan und all die liebevollen und genauen Beobachtungen zum menschlichen Verhalten, die sich immer wieder in den Werken des Mangaka finden lassen. Letzteres kommt auch zum Ausdruck, wenn es um die gegensätzlichen Charaktere von Kazuhiro und Takuya geht. Beide handeln auf ihre Weise egoistisch, wenn auch aus sehr unterschiedlichen Motiven (und ich bin mir relativ sicher, dass Jiro Taniguchi das vermutlich nur bei einer seiner Figuren so gesehen hat), aber nur einer von ihnen bekommt die Gelegenheit etwas an seinem Verhalten zu ändern und für die Zukunft einen neuen Weg zu finden.

Natürlich schwingt bei so einer Geschichte auch immer ein wenig der erhobene Zeigefinger mit, der einen ermahnt, das Beste aus seinem Leben zu machen und gut zu den Menschen zu sein, die einen lieben, bevor es zu spät ist, aber damit kann ich bei einer so zurückhaltenden und schönen Erzählweise leben. Allerdings sorgt das auch dafür, dass „Bis in den Himmel“ trotz all der berührenden Szenen nicht mein Lieblingstitel von Jiro Taniguchi ist. Ich mochte die Charaktere und ich hatte bei Lesen immer wieder Tränen in den Augen, aber die Manga, die keine (oder zumindest eine dezenter verpackte) Botschaft beinhalten, mag ich am Ende doch lieber.

Reiko Momochi: Daisy aus Fukushima (Manga)

„Daisy aus Fukushima“ ist ein Manga von Reiko Momochi nach dem Roman „Pierrot“ von Teruhiro Kobayashi, Darai Kusanagi und Tomoji Nobuta. Ich kann nicht beurteilen, wie nah sich die Mangaka an den Roman hält, aber sie war vor dem Zeichnen des Manga in Fukushima und hat mit Menschen gesprochen, die die Naturkatastrophe und das daraus folgende Atomunglück miterlebt haben und Tag für Tag mit den Folgen fertig werden müssen. Protagonistin des Manga ist Fumi, die 2011 gerade erst ihr letztes Schuljahr begonnen hat. Eigentlich sollte sich ihr Leben in diesem Jahr ausschließlich um die Vorbereitungen auf die Abschlussprüfungen und die Bewerbungen an den diversen Universitäten drehen, stattdessen schafft sie es wochenlang nicht, aus dem Haus zu gehen, weil sie nicht weiß, wie sie mit der Angst vor der Strahlung umgehen soll.

In den folgenden Monaten müssen Fumi und ihre drei Freundinnen Moe, Mayu und Akaya versuchen, trotz all ihrer Ängste wieder in einen einigermaßen normalen Alltag zu finden. Doch einfach ist das nicht bei all den Herausforderungen, denen sich die Mädchen stellen müssen. So müssen sie nicht nur um ihre Gesundheit und die ihrer Angehörigen fürchten, sondern auch um die finanzielle Zukunft ihrer Familien. Obwohl alle vier direkt in Fukushima leben und somit nicht von der Flutwelle betroffen waren, sorgt die Strahlung dafür, dass weder Landwirtschaft noch Tourismus weiterlaufen können. Zusätzlich gilt es die diversen Flüchtlinge zu versorgen, die durch die Katastrophe alles verloren haben.

Obwohl Fumi die Hauptfigur in dem Manga ist, erlebt man als Leser durch die vielen verschiedenen Personen, mit denen sie Kontakt hat, die unterschiedlichsten Schicksale. Manche Elemente, wie die gesundheitlichen und finanziellen Probleme, die Enttäuschung über das Verhalten der Politiker und der Betreiberfirma des Atomkraftwerks, das Festklammern an der Hoffnung, das man bald wieder zurück in seine zerstörte Heimat darf, oder das Auseinanderbrechen von Beziehungen angesichts all der Belastungen, habe ich erwartet. Andere Sachen empfand ich schon als sehr japanisch, wie zum Beispiel die Reaktion des Freundes einer Schülerin, der in Tokyo lebt (mehr möchte ich da nicht ins Details gehen, um nicht zu viel über die Handlung zu verraten), oder den – im Nachwort erwähnten – Selbstmord einer älteren Dame, die der Gesellschaft nach der Katastrophe nicht zur Last fallen wollte.

Doch natürlich ist nicht alles schlecht im Leben der vier Schülerinnen. Die Mädchen versuchen sich umeinander zu kümmern und füreinander da zu sein. Angesichts der Prüfungen, die im letzten Schuljahr auf sie zukommen, hatten die Freundinnen eigentlich ihre Band „Daisy“ aufgelöst, doch nun machen sie wieder zusammen Musik, um sich von all den negativen Nachrichten und Erlebnissen abzulenken. Über die Band finden die vier neue Freunde und können anderen Menschen ein bisschen Aufmunterung bringen. So entstehen nicht nur neue Freundschaften und Beziehungen, sondern auch neue Perspektiven und Anstöße für die Zukunft.

Ich mochte es sehr, von den verschiedenen Erlebnissen und Schicksalen der vier Mädchen zu lesen. Ich habe gelacht und geweint, war wütend und glücklich, denn egal, wie schrecklich die Ereignisse rund um Fukushima waren und sind, so gibt es doch immer auch Momente, in denen Freundschaft. Liebe und Hoffnung stärker sind als die Sorgen um die Zukunft. Aber ich frage mich nach dem Lesen des Manga (wie schon in den vergangenen 30 Jahren), wie eine Regierung den Einsatz von Atomenergie nach all den Erfahrungen damit noch verantworten kann.

Die Zeichnungen von Reiko Momochi sind in der Regel sehr ästhetisch und entsprechen gerade bei der Darstellung der Teenager in vielem dem Manga-Klischee (große Augen, spitze Gesichter, schlanke Körper). Aber die Mangaka zeigt in „Daisy aus Fukushima“ auch sehr realistische Zeichnungen vom Katastrophengebiet und wunderschöne Landschaften rund um die Stadt Fukushima. Auch bei der Darstellung der vielfältigen Emotionen, die die verschiedenen Charaktere bewegen, konnte mich Reiko Momochi überzeugen, da es ihr durch das feine Mienenspiel der Figuren gelingt, auch zwiespältige Gefühle sehr gut anzudeuten. Ansonsten sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass dieser Manga in japanischer Leserichtung veröffentlicht wurde. Mich persönlich stört das nicht, aber ein paar Leute haben in den Kommentaren bei meinen Jiro-Taniguchi-Rezensionen angemerkt, dass sie damit Probleme haben.

Was die sonstige Qualität des Manga angeht, so bin ich inzwischen daran gewöhnt, dass bei EMA regelmäßig Druckfehler vorkommen. Ich finde es trotzdem ärgerlich, dass der Verlag nicht einmal bei einer Veröffentlichung, die auch die Aufmerksamkeit von Lesern auf sich ziehen könnte, die normalerweise nicht zum Manga greifen, das Lektorat richtig auf die Reihe bekommt. Mich haben die diversen Tippfehler wirklich gestört, die das Lesen zum Teil erheblich erschwert haben und deutlich zeigten, dass manche Elemente ohne einen weiteren korrigierenden Blick einfach per Copy&Paste in die verschiedenen Sprechblasen übertragen wurden. Ansonsten ist die Druckqualität gut und abgesehen von einer Stelle (wo sie im Falz liegt) kann man die vorhandenen Fußnoten auch problemlos lesen.

Banana Yoshimoto: Moshi Moshi

Nach dem Lesen von „Moshi Moshi“ von Banana Yoshimoto habe ich mich gefragt, ob es eigentlich auch Bücher der Autorin gibt, die sich nicht mit dem Thema Trauer beschäftigen. Ich muss gestehen, dass ich bislang nur welche erwischt habe, in denen es um dieses Thema ging. So muss Yoshie (Yotchan), die Protagonistin in „Moshi Moshi“ mit dem Tod ihres Vater fertig werden, der – laut Angaben der Polizei – gemeinsam mit seiner Geliebten in einem Wald Selbstmord begangen hat. Weder Yoshie noch ihre Mutter wussten, dass der Vater überhaupt eine Geliebte hatte – auch wenn sie im Scherz darüber sprachen, dass er eine haben müsste, da er in letzter Zeit häufig nach seinen Konzerten über Nacht fernblieb – und beide sind der Meinung, dass Selbstmord auch nicht zu einem Menschen wie ihm passen würde. So müssen beide Frauen nicht nur mit dem Verlust des Verstorbenen fertig werden, sondern auch damit, dass es Seiten an diesem Mann gab, die sie nicht kannten.

Während Yotchans Mutter bei ihr Schutz sucht und sich in ihrer Trauer treiben lässt, flüchtet die junge Frau in ihre Arbeit. Sie ist in einem kleinen Restaurant in Shimokitazawa angestellt, das sich auf wohltuendes Essen (wie Yotchan es beschreiben würde) spezialisiert hat. Für Yotchan und ihre Mutter war das Restaurant während der ersten Trauerphase, als beide kaum etwas zu sich nehmen konnten, ihre Rettung, nun möchte Yoshie dafür sorgen, dass auch andere Kunden dort ein solch erholsames Essen genießen können. Sie beobachtet ihre Kunden beim Essen und versucht ihre Bedürfnisse zu erahnen, bevor diese sie aussprechen können. Und während ihrer Pausen oder nach Feierabend streift sie durch Shimokitazawa und genießt den – für Tokyo unglaublich entspannten – Rhythmus des Viertels. Sowohl für sie als auch für ihre Mutter fühlt sich der Wechsel von ihrer alten Wohnung in Meguro nach Shimokitazawa wie Urlaub an. Sie leben, als ob es keine Verpflichtungen gäbe (natürlich abgesehen von Yoshies Arbeit) und versuchen jeden Tag so zu genießen wie er kommt.

Doch natürlich reicht das nicht aus, um mit dem Tod des Vaters fertig zu werden und so gibt es immer wieder Momente, in denen Yotchan sich mit damit auseinandersetzen muss. Manchmal geschieht dies, weil Freunde oder Bekannte ihres Vaters auf sie zukommen, manchmal sucht sie selber aktiv nach Informationen. Doch immer geht es nur in kleinen Schritten vorwärts, weil es für die junge Frau zu belastend ist, dass ihr Vater auf diese Weise aus ihrem Leben gegangen ist. So ist es auch kein Wunder, dass sie immer wieder von ihm (und seiner Geliebten) träumt, während sie auf der anderen Seite in ihrem Alltag häufig Probleme hat eine Entscheidung zu treffen, die über ihre Arbeitsplatz hinausgeht.

Auch wenn sich das jetzt vielleicht deprimierend anhört, so ist „Moshi Moshi“ doch ein sehr ermutigendes Buch, das dem Leser immer wieder sagt, dass alles seine Zeit braucht, dass man nicht hetzen muss und dass man seinen eigenen Rhythmus finden muss – egal, ob es um die Verarbeitung von Trauer, das Essen oder das Leben im allgemeinen geht. Außerdem ist die Geschichte eine wunderbare Liebeserklärung an das Künstler- und Szeneviertel Shimokitazawa mit seiner gewachsenen Struktur, seinem entspannten Lebensgefühl und all den liebenswerten und individuellen Bewohnern. Ich mochte es sehr, wie die Autorin die Eigenheiten dieses Viertels beschrieb, wie sie die Mutter abends von ihrem Tag und all den Menschen, denen sie begegnet ist, erzählen lässt und wie Yotchan über die Passanten redet, die sie auf der Straße beobachtet.

Und natürlich ist „Moshi Moshi“ auch eine Geschichte vom Erwachsenwerden, denn mit dem Tod des Vaters wird Yoshie bewusst, dass sie sich nicht ewig auf ihre Eltern stützen kann, dass jetzt schon eine wichtige Konstante aus ihrem Leben verschwunden ist und dass eines Tages auch der Moment kommen wird, in dem ihre Mutter nicht mehr für sie da sein kann. Umso wichtiger ist es, dass Yotchan lernt, ihren eigenen Weg zu gehen, herauszufinden, was ihr Leben lebenswert macht, und sich nicht immer wieder mit dem zu begnügen, was gerade gut ist, sondern sich auch mal konkrete Ziele zu setzen und herauszufinden, wie sie diese Ziele erreichen kann. Dabei erzählt Banana Yoshimoto von all diesen Veränderungen in Yoshies Leben in gewohnt unaufgeregter Weise.

Doch so sehr die Handlung vor sich hinzuplätschern scheint, so sehr packen mich auch immer wieder die Gedanken und Gefühle der Protagonisten dieser Autorin. Bei einem Yoshimoto-Roman bleibt die Geschichte eine Weile bei mir und lässt mich über die Figuren, die Ereignisse und auch mein eigenes Leben nachdenken, während es mich auf der anderen Seite immer wieder zum Buch treibt, um nur noch ein paar Seiten zu lesen, um nur eben herauszufinden, welche Auswirkungen dieser eine neue Denkansatz, diese eine Begegnung oder diese ganz bestimmte Erkenntnis auf die Figuren haben mag. Spannend finde ich es auch, dass ich mich langfristig immer kaum an die Handlung erinnern kann (und grundsätzlich recherchieren muss, wie die gelesenen Bücher überhaupt hießen und um welche Charaktere sie sich überhaupt drehten), aber dafür Bilder im Kopf habe, die ich mit den jeweiligen Titeln verbinde – selbst wenn sie so gar nicht im Roman vorkamen.

Jiro Taniguchi: Träume von Glück (Manga)

„Träume von Glück“ bietet dem Leser im Gegensatz zu all den anderen Manga von Jiro Taniguchi, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, keinen durchgehenden Handlungsbogen, sondern mehreren Kurzgeschichten. Dabei steht in „Einen Hund besitzen“, „Und nun … eine Katze“, „Blick in den Garten“ und „Tage zu dritt“ immer das gleiche namenlose Ehepaar im Mittelpunkt der Geschichte. In der ersten Geschichte erlebt man die beiden, während sie ihren alten Hund Tamu(tamu) beim Sterben begleiten. Immer wieder fragen sie sich, wie sie es dem Tier leichter machen können, immer wieder sinnen sie über neue Hilfsmittel nach, mit denen der Hund den Alltag besser bewältigen kann. Und natürlich steht die ganze Zeit die Frage im Raum, wann wohl der Zeitpunkt gekommen ist, dass der Hund wirklich stirbt und ob sein Leben trotz seiner Schwäche, seiner Appetitlosigkeit und all der anderen gesundheitlichen Probleme noch lebenswert ist. Ich muss gestehen, dass mir diese Geschichte auch so nahe gegangen wäre, aber nach den vergangenen 1,5 Jahren, in denen unsere Gedanken auch ständig um das Thema kreisten, habe ich beim Lesen eine Menge Tränen vergossen. Für den Mangaka war das Zeichnen dieser Geschichte ein Weg mit dem Verlust seines eigenen Hundes umzugehen und so ist es kein Wunder, dass es ihm gelingt all die verschiedenen Emotionen, die einen in so einer Situation bewegen, einzufangen. Die beiden Protagonisten sind abwechselnd verzweifelt, ratlos, traurig, hoffnungsvoll, überfordert … und all diese Gefühle spiegeln sich in den feinen Zeichnungen auch wieder.

Die weiteren Kurzgeschichten sind deutlich weniger bedrückend und basieren – wenn ich nach dem Nachwort von Jiro Taniguchi gehe – auf ebenso persönlichen Erlebnissen. Durch eine Bekannte, die sich um ausgesetzte Tiere kümmert, kommt das Ehepaar zu einer erwachsenen Perserkatze. Das Tier ist nicht besonders hübsch, sehr träge und putzt sich nicht so sehr, wie es notwendig wäre, aber Boro (Lumpen) wächst den beiden trotzdem schnell ans Herz. Nach und nach gewinnen sie das Vertrauen der zurückhaltenden Katze und finden heraus, was dem Tier gefällt und was sie nicht mit sich machen lässt. Ich fand es schön, wie viel Mühe sich die beiden mit der – eigentlich ungewollten – Katze gegeben haben und wie sie mit den verschiedenen Herausforderungen umgegangen sind, die ihr neues Familienmitglied mit sich gebracht hat. Und ich muss gestehen, dass ich die Katze anhand der Zeichnungen auch wirklich nicht hübsch, aber irgendwie liebenswert finde. 😉 Auf jeden Fall ist es wunderbar zu verfolgen wie die beiden Protagonisten im Laufe dieses Kapitels wieder fröhlicher werden. Sie vermissen ihren Tamu immer noch, aber Boro bringt neues Leben ins Haus und benötigt Zuwendung und Fürsorge – was ihren Menschen genauso gut tut wie der Katze.

„Blick in den Garten“ bringt weitere Szenen mit Boro, aber die Geschichte erzählt auch von dem blinden Nachbarhund der Protagonisten, der genauso alt ist, wie ihr eigener verstorbener Hund war. Auch hier wird deutlich, dass die Nachbarin alles dafür tut, damit ihre Hündin einen guten Lebensabend verbringen kann. Ich mag die Tierliebe, die in all diesen Geschichten mitschwingt. wobei Jiro Taniguchi nicht verschweigt, dass die Fürsorge für so ein bedürftiges Tier einen auch schon mal an seine Grenzen bringen kann. „Tag zu dritt“ entfernen sich dann ein bisschen von dem Tierthema, da in dieser Geschichte die Nichte der beiden Protagonisten für ein paar Tage zu Besuch kommt. Die Zwölfjährige ist von Zuhause ausgerissen, weil sie erst einmal damit fertig werden muss, dass ihre verwitwete Mutter einen neuen Mann heiraten will. Während das Mädchen die Zeit bei Onkel und Tante genießt, entdecken die beiden wie schön es sein kann, wenn ein Teenager im Haus wohnt. Zu dritt bemühen sie sich darum, diese gemeinsamen Tage so schön wie möglich zu gestalten – und auch wenn dabei ein wenig das Bedauern mitschwingt, dass die beiden keine eigenen Kinder haben, so beendet diese kleine Erzählung die Geschichtenreihe um dieses Ehepaar mit einem fröhlichen Ton. So traurig die erste Episode war und so erschütternd ich einige Zeichnungen darin fand, so sehr mochte ich es, wie sich das Leben der Protagonisten (und ihre Gesichter auf den Bildern) von Geschichte zu Geschichte aufhellte.

Auch in der letzten Geschichte, „Ort des Schicksals“, spielt ein Tier eine wichtige Rolle, aber die Szenerie unterschiedet sich doch sehr von dem japanischen Vorort der anderen Kapitel. Dieses Mal begleitet man einen Bergsteiger in den Himalaya. Der Protagonist Okamoto war vor sechs Jahren Teilnehmer einer Expedition, die den Annapurna – einen der Achttausender – besteigen wollte. Doch das schlechte Wetter, die Erschöpfung und der Sauerstoffmangel brachten den Mann in Lebensgefahr und nur eine unerwartete Begegnung rettete ihn damals vor dem Tod. Sechs Jahre später ist sich Okamoto immer noch nicht sicher, ob es damals wirklich zu dieser ungewöhnlichen Zusammentreffen gekommen war oder ob er aufgrund der Umstände Halluzinationen hatte – und obwohl er seiner Frau versprochen hatte, dass die Expedition auf den Gipfel des Annapurna seine letzten sein würde, lässt ihn der Berg nicht los … Ich muss gestehen, dass ich die Faszination am Bergsteigen normalerweise nicht nachvollziehen kann, aber Jiro Taniguchi schafft es jedes Mal – hier genauso wie bei „Die Stadt und das Mädchen“ – Verständnis für diese Besessenheit bei mir zu wecken. Während ich die Geschichte lese, kann ich verstehen, warum sich jemand so extrem mit der Natur auseinandersetzen möchte, welche Befriedung es sein kann, wenn der eigenen Körper solch eine Leistung erbringt, und wie schön der Blick über (beinah) unberührte Natur ist. (Ich ignoriere jetzt mal all die Berichte, die von den Müllproblemen aufgrund der ganzen Extrembergsteiger im Himalaya zeugen. 😉 )

Jiro Taniguchi: Vertraute Fremde (Manga)

Die Grundidee ist bei „Die Sicht der Dinge“ und „Vertraute Fremde“ von Jiro Taniguchi eigentlich die gleiche. In beiden Geschichten geht es darum zurückzugehen und entscheidende Aspekte seiner Kindheit aus einer anderen Perspektive heraus zu betrachten. Doch während der Protagonist in „Die Sicht der Dinge“ durch all die Erzählungen der Trauergäste bei der Totenfeier seines Vaters an viele Aspekte aus seiner Kindheit erinnert wird und so – wenn auch leider zu spät – ein ganz neues Bild von seiner Familie gewinnt, reist der Architekt Hiroshi Nakahara durch die Zeit. Oder wie sonst kann man es sich erklären, dass er sich nach einem Besuch am Grab seiner vor 23 Jahren verstorbenen Mutter in seinem 14jährigen Körper wiederfindet? Als Vierzehnjähriger – ausgestattet mit dem Wissen und den Erfahrungen eines Erwachsenen – bekommt Hiroshi die Gelegenheit seine Familie (vor allem seinen Vater, der damals spur- und kommentarlos verschwunden ist,) aus einer ganz anderen Perspektive kennenzulernen und viele Dinge zu hinterfragen, die ihm als Jugendlicher gar nicht aufgefallen waren.

Vor allem kann Hiroshi es kaum glauben, wie glücklich seine Familie damals war. Gemeinsam mit seiner Großmutter, seinen Eltern und seiner kleinen Schwester verbringt er die Monate von der Kirschblüte bis zum Ende der Sommerferien und stellt nur immer wieder fest, wie liebevoll seine Eltern miteinander umgehen und wie viel harmonischer sein Familienleben im Vergleich zu dem seiner Klassenkameraden ist. Nur manchmal vergisst er, dass er kein 14jähriger mehr ist, und genießt es, wieder so leicht und frei zu sein wie ein Teenager. Doch die meiste Zeit grübelt er darüber, wie sehr seine Zeitreise wohl seine Umgebung beeinflusst und wie er herausfinden kann, was seinen Vater bewegt und was diesen dazu bringen wird, seine Familie zu verlassen. Dabei verplappert sich Hiroshi auch ab und an, vor allem gegenüber einem Mitschüler, dem er so einiges über die Zukunft und welche Ereignisse noch kommen werden erzählt.

Ich fand es sehr stimmig, dass Hiroshi nicht ganz normal in sein altes Leben als Teenager schlüpfen kann. Er hat sich in all den Jahren, die seitdem vergangen sind, stark verändert, hat viel gelernt (weshalb ihm jetzt die Schule überraschend leicht fällt) und ist natürlich von Erfahrungen geprägt worden, die er als Schüler nicht hätte vorhersehen können. So fällt es seiner Umgebung natürlich auf, wie sehr er sich verändert hat, auch wenn sie keine andere Erklärung für diese Veränderungen haben als die Pubertät und dass er langsam erwachsen wird. Es gibt viele Dinge, die ich an dem Architekten (vor allem in seinem normalen „erwachsenen“ Alltag) nicht sympathisch fand. Er scheint recht egoistisch zu sein, trinkt zu viel und all die Sensibilität, die er während seiner Zeitreise für die Menschen in seiner Umgebung aufbringt (wenn ihm sein eigener Kummer die Aufmerksamkeit dafür übrig lässt), fehlt ihm ansonsten wohl vollständig. Aber diese vielen verschiedenen Seiten machen ihn zu einem realistischen Protagonisten – ebenso wie sein Scheitern an vielen Stellen in der Geschichte.

So erzählt Jiro Taniguchi wieder eine sehr leise und nachdenklich machende Geschichte von einer Familie in den 50er Jahren in Japan (und ja, auch sie spielt wieder in der Nähe von Tottori), ohne dass ich – obwohl ich gerade erst „Die Sicht der Dinge“ gelesen hatte – das Gefühl hatte, er würde sich wiederholen. Hiroshi denkt über all die Veränderungen nach, die die kommenden Jahre für Japan bringen, erfährt aber auch mehr über die Folgen des Zweiten Weltkriegs für seine Eltern und beschäftigt sich für die Träume und Hoffnungen seiner Schulkameraden. Dabei schwebt über der ganzen Geschichte, selbst bei den lustigen oder besonders harmonischen Momenten, eine melancholische Stimmung, die einen immer wieder die Handlungen der verschiedenen Figuren hinterfragen lässt. Dass die Zeichnungen diese Atmosphäre wunderbar unterstützen und voller liebevoller Details und Feinheiten sind, die einem die Zeit und die Charaktere besonders deutlich vor Augen führt, muss ich vermutlich nach den Rezensionen zu Jiro-Taniguchi-Manga in den letzten Wochen gar nicht mehr betonen.

Jiro Taniguchi: Ein Zoo im Winter (Manga)

Auch „Ein Zoo im Winter“ ist ein Manga von Jiro Taniguchi und wurde von mir im Oktober aus der Bibliothek ausgeliehen, weil ich mehr von dem Mangaka lesen wollte. Die Geschichte dreht sich um Mitsuo Hamaguchi, der 1966 gerade am Anfang seines Berufslebens steht. Obwohl er immer schon gern gezeichnet hat, nimmt er nach seinem Schulabschluss eine Stelle bei einem Textilfabrikanten in Kyoto an, weil das schließlich der vernünftige Weg ist. Gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen wohnt er in einem Apartment bei seinem Arbeitgeber und um am Wochenende etwas Ruhe zu haben, geht er in den Zoo und zeichnet all die Tiere, die dort leben.

Besonders glücklich ist Hamaguchi mit seinem Leben nicht, hatte er doch ursprünglich gehofft, man würde ihn in der Designabteilung der Firma beschäftigen und er könne auch beruflich sein Zeichentalent einsetzen. Doch obwohl er nicht zufrieden ist, fehlt lange Zeit der Anlass, um dieses sichere Leben hinter sich zu lassen. Erst als er Ärger mit seinem Chef bekommt und ihm ein Freund eine Stelle als Assistent bei einem erfolgreichen Mangaka vermittelt, traut sich Hamaguchi den solideren Job hinter sich zu lassen und einen Schritt auf seinen Traumberuf zuzugehen. Er zieht nach Tokyo und verbringt von nun an viele Tage und Nächte am Zeichenbrett, um die Entwürfe seines neuen Arbeitgebers auszuarbeiten. Doch bei all der Arbeit und den Ablenkungen, die Tokyo zu bieten hat, dauert es wieder lange, bis Hamaguchi endlich darüber nachdenkt selber kreativ zu werden und eigene Geschichten zu erzählen.

Es gibt mehrere Aspekte, die ich an diesem Manga wirklich mochte. Einmal gewinnt man einen spannenden Einblick in den Alltag eines Mangaka in den 60er Jahren, als die Mangaindustrie so richtig anlief, dann bekommt man auch viel über den japanischen Alltag und die Mentalität der Menschen mit. Jiro Taniguchi konzentriert sich auch bei diesem Manga wieder auf einen ruhige zurückhaltenden Mann. Dabei benimmt sich Hamaguchi häufig unbeholfen und erweckt im Leser das Gefühl, er müsse erst einmal seinen Platz in der Welt finden. Auch erscheint er im Gegensatz zu seinen Kollegen lange Zeit antriebslos und ohne Ehrgeiz, aber das finde ich eigentlich ganz sympathisch, und es gibt Jiro Taniguchi die Möglichkeit viele verschiedene kleine Schicksale in die Handlung einfließen zu lassen, die nichts mit dem Protagonisten zu tun haben und die sein Leben nur am Rande streifen. Dabei gibt es auch eine kleine Liebesgeschichte, die ich mit all ihrer Tragik als „typisch japanisch“ empfinde und die es für mich nicht unbedingt gebraucht hätte. Aber wenn ich solche Liebesgeschichten nicht tolerieren könnte, würde ich nicht so viele Manga lesen und immer wieder Anime schauen.

Dass ich Jiro Taniguchis detaillierten und realistischen Zeichenstil mag, dürfte inzwischen nichts Neues mehr sein, und auch hier konzentriert er sich wieder sehr auf die vielen kleinen Elemente, die seine Darstellungen so real wirken lassen. So gibt es viele ruhige Panels, in denen Hamaguchi über etwas nachdenkt oder eine Szene beobachtet, aber auch einige Zeichnungen, in denen deutlich wird, dass der zurückhaltende junge Mann von all dem Trubel um sich herum etwas überfordert ist. Dabei gelingt es Jiro Taniguchi immer wieder die einzelnen Figuren (und davon gibt es nicht so wenig in dieser Geschichte) mit wenigen Strichen zu charakterisieren und unverwechselbar zu machen. Ich finde es spannend, wie man bei einem kurzen Blick auf eine Zeichnung schon das Gefühl hat, man könne vorhersagen, was für ein Charaktere diese neu eingeführte Figur hat.

Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge (Manga)

Obwohl Jiro Taniguchi die Handlung aus „Die Sicht der Dinge“ frei erfunden hat, gibt es doch sehr viele persönliche Elemente, die der Mangaka in dieser Veröffentlichung verarbeitet hat. So spielt die Geschichte in Tottori – der Stadt, in der Jiro Taniguchi aufgewachsen ist – und er hat für viele Szenen auf Kindheitserinnerungen oder Gefühle, die er Jahre später so empfunden hat, zurückgegriffen. So gab es für den Mangaka ebenso wie für den Protagonisten Yoichi eine Spanne von 15 Jahren, in der er seine Heimatstadt nicht besuchte und erst wieder das Vertraute zwischen all den Veränderungen, die es in dieser langen Zeitspanne gegeben hat, neu entdecken musste.

Für Yoichi ist der Anlass für die Heimkehr an seinen Geburtsort sehr traurig, da er an der Totenwache für seinen Vater teilnehmen soll. Dabei wird für den Leser von Anfang an deutlich, dass sich der Mann seinem verstorbenen Vater nicht sehr nahe gefühlt hat und eigentlich gar nicht erst die Reise antreten möchte. Doch je länger er all den Menschen auf der Totenwache zuhört, die von ihren Erinnerungen an seinen Vater erzählen, desto mehr denkt auch er über seine Familie nach. Es kommen ihm Szenen und Ereignisse in den Sinn, an die er seit vielen Jahren nicht gedacht hat und die er – aus der Sicht des Erwachsenen und mit mehr Wissen über seine Eltern – auf einmal ganz anders wertet als früher.

So kann der Leser nach und nach mehr über Yoichi und seine Familie herausfinden, was nicht nur zu einer wunderschönen (wenn auch häufig melancholischen) und sehr sensibel erzählten Familiengeschichte führt, sondern auch einen faszinierenden Einblick in das Leben dieser japanischen Küstenstadt in den 50er Jahren bietet. Dabei sticht ein Ereignis besonders hervor: Das große Feuer vom 17. April 1952, das einen Großteil der Stadt in Schutt und Asche legte. Ein historisches Foto von diesem Feuer ist auch zu Beginn des Buches zu finden und es ist erschreckend, wie wenig nach diesem Brand von der Stadt noch vorhanden war. Für Yoichis Familie bedeutet dieses unglaubliche Feuer nicht nur den Verlust aller Besitztümer, sondern auch die allmähliche Zerrüttung der Ehe seiner Eltern. Dabei fand ich es sehr spannend, wie die einzelnen Familienmitglieder mit allen der Veränderungen umgingen und wie nach und nach die ganze Stadt wieder aufgebaut wurde.

Wie so oft bei einem Jiro-Taniguchi-Manga sind es aber vor allem die kleinen Szenen und Details, die mich besonders berühren. Die kleinen Elemente, die mir das Gefühl geben, ich bekäme einen Einblick in den (historischen) japanischen Alltag, faszinieren mich einfach besonders. Wobei ich es hier spannend fand, dass es eine Erinnerung von Yoichi gibt, in der es um die Amerikaner als Besatzungsmacht in Japan geht. So ist mir das bislang weder in Filmen, noch in Manga untergekommen, auch wenn die amerikanischen Soldaten – gerade in Veröffentlichungen aus den 50er und 60er Jahren – immer mal wieder auftauchen. Aber normalerweise stolpere ich eher entweder über Kriegsschiffe in den Häfen (und Bemerkungen dazu) oder feiernde US-Soldaten in Clubs und weniger über so eine kleine Szene, die den Besatzungsalltag deutlich macht.

Über Jiro Taniguchis Zeichenstil muss ich vermutlich nicht mehr viel sagen. Auch hier legt er Wert auf eine realistische und detaillierte Darstellung und ich bin immer wieder fasziniert davon, wie fein er die Gefühlsregungen bei den verschiedenen Personen darstellt. Sein einziger Schwachpunkt ist das Zeichnen von (geöffneten) Mündern, die sind oft nicht hübsch anzuschauen, aber damit kann ich definitiv leben. 😉

Jiro Taniguchi: Die Stadt und das Mädchen (Manga)

Vor ein paar Jahren hatte ich mit dem Zweiteiler „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ meine erste Veröffentlichung von Jiro Taniguchi in die Finger bekommen und war ganz hingerissen von dem zurückhaltenden und realistischen Zeichenstil und der ruhigen Erzählweise des Mangaka. Seitdem habe ich einige Titel des Zeichners auf meinem Wunschzettel, aber gelesen habe ich bislang nur Leihgaben. So auch „Die Stadt und das Mädchen“, das ich in der örtlichen Bibliothek ausleihen konnte und während des ersten „Herbstlesen“-Wochenendes gelesen habe.

Der Protagonist Shiga ist Extrem-Bergsteiger und lebt relativ abgeschieden in den japanischen Bergen in einer Hütte. Vor vielen Jahren hat Shiga seinen besten Freund Tatsuhiko Sakamoto bei einem Unglück verloren, als dieser sich (ohne Shiga) an die Besteigung des Dhaulagiri, eines Achttausender, wagte. In dem Notizbuch, das man bei der Leiche fand, bat Sakamoto darum, dass sich Shiga um seine Frau Yoriko und seine Tochter Megumi kümmern möge – und das hat der Bergsteiger auch immer getan. So ist es selbstverständlich für ihn nach Tokio zu reisen, als er eine Nachricht von Yoriko erhält, dass die 15jährige Megumi spurlos verschwunden ist. Die Polizei scheint das Verschwinden des Mädchens nicht ernst zu nehmen und so macht sich Shiga selber auf die Suche.

So recht weiß der Bergsteiger nicht, wie er an Informationen über das Mädchen herankommen soll. Er kennt Megumi vor allem von ihren Besuchen in den Bergen und da ist der letzte schon einige Zeit her. Aber Shiga ist kein dummer Mensch und hangelt sich bei seiner Suche systematisch von einem Hinweis zum nächsten und beweist dabei eine Hartnäckigkeit, die man bei einem Extremsportler wohl auch voraussetzen kann. Dabei lässt sich Jiro Taniguchi Zeit die Geschichte zu entwickeln, während man als Leser Shigas Weg verfolgt und nur langsam mehr über seine Freundschaft zu Sakamoto und sein Verhältnis zu dessen Witwe und Tochter erfährt.

Ich persönlich mag diese anfangs schon fast gemächlich wirkende Erzählweise, weil mir das die Gelegenheit bietet die Zeichnungen zu betrachten, die Figuren kennenzulernen und mir meine eigenen Gedanken über all die Sachen zu machen, die nicht ausgesprochen werden, aber zwischen den Zeilen mitschwingen. Auch habe ich das Gefühl, dass der Mangaka seine Protagonisten verständnisvoll behandelt. Die Antagonisten sind verachtenswert und das wird auch deutlich, ohne dass es betont ausgesprochen werden muss, die Protagonisten hingegen haben Schwächen und Fehler – aus denen sie vielleicht entwachsen können, aber vielleicht eben auch nicht -, weil sie einfach menschlich sind. Wirklich temporeich wird die Geschichte nicht, aber es gibt spannende Szenen und interessante Charaktere. Außerdem wächst im Laufe der Seiten das Gefühl, dass die Zeit drängt, dass Megumi vielleicht doch in größerer Gefahr schwebt und dass es notwendig sein könnte radikalere Schritte zu gehen, um mehr über ihren Verbleib herauszufinden.

Jiro Taniguchis Zeichenstil passt hervorragend zu seiner Art eine Geschichte zu erzählen. Seine Bilder sind zurückhaltend und voller Details (gerade bei den Hintergründen), seine Figuren werden in einem klaren, aber realistischen Stil dargestellt und die Anordnung der Panels passt zu dem ruhigen Tempo der Handlung. So verwendete der Mangaka bei den aufregenderen Passagen seiner Geschichte auch keine rasanten Schnitte oder eine dynamische Bildaufteilung, sondern betont die Anspannung bei den Figuren oder Gefahren durch Detailvergrößerungen oder eine genauere Darstellung von Bewegungsabläufen. Mir gefällt dies sehr gut, weil es zu einer eher unterschwelligen Spannung führt und mir immer noch genügend Raum lässt, um mir meine Gedanken über die Handlung und die Figuren zu machen.

Keigo Higashino: Heilige Mörderin (Professor Yukawa 2)

Auch „Heilige Mörderin“ von Keigo Higashino war eine Leihgabe von Natira. Der Roman ist im Original der fünfte Band mit Professor Yukawa und der zweite, der ins Deutsche übersetzt wurde. Wie schon bei „Verdächtige Geliebte“ weiß man als Leser von Anfang an, wer den Mord an dem Geschäftsmann Yoshitaka Mashiba begangen hat. Die große Frage besteht darin, wie die Tat begangen wurde und ob man es der Mörderin nachweisen kann. Abgesehen von der ersten Szene, in der Ayane Mashiba von ihrem Mann erfährt, dass er sich scheiden lassen will, weil sie bislang nicht schwanger geworden ist, bekommt man keine Einsicht in die Gedanken der Mörderin.

So weiß man als Leser zwar, dass dieser Moment, in dem ihr Mann ihr seinen Entschluss mitteilt, sich von ihr trennen zu wollen, der Auslöser ist, aber weder die Vorgeschichte noch die genauen Hintergründe rund um das Verbrechen sind bekannt. So tappt man wie die Polizei im Dunkeln, wenn es um das wirkliche Motiv für die Tat und die genaue Durchführung des Mordes geht. Die einzigen bekannten Punkte sind die, dass sich Yoshitaka von seiner Frau scheiden lassen wollte, dass er ein Verhältnis mit ihrer Angestellten Hiromi Wakayama hatte und dass er mit Arsensäure vergiftet wurde, während Ayane verreist war.

Obwohl man keine Einsicht in Ayanes Gedanken bekommt, ist einem die Frau nicht unsympathisch. Sie hat anscheinend sehr viel Arbeit in ihre Ehe investiert und das vergangene Jahr über alles dafür getan, dass es ihrem Mann gutgeht. Sie ist die perfekte Gastgeberin, sie sorgt dafür, dass das gemeinsame Heim gemütlich und voll blühender Blumen ist, und sie hat ihren eigenen Beruf – das Führen einer Patchworkschule – so weit hintangestellt, dass nun Hiromi den Unterricht gibt, während Ayane nur noch in ihrem Wohnzimmer an ihren Patchworkarbeiten näht. Auch auf Inspektor Kusanagi macht die zurückhaltende Frau großen Eindruck, was seine Untergebene Kaoru Utsumi befürchten lässt, dass er nicht objektiv an die Ermittlungen herangeht.

Diese Befürchtung und die Tatsache, dass die Polizei absolut nicht in der Lage ist herauszufinden, wie dem Ermordeten das Gift verabreicht wurde, führt dazu, dass sich Kaoru Utsumi hinter Inspektor Kusanagis Rücken an Professor Yukawa wendet. Er hat der Polizei schon so oft bei ihren Fällen geholfen und sein wissenschaftlicher und analytischer Verstand lässt ihn eine ganz andere Perspektive bezüglich dieses kriminalistischen Problems einnehmen. Dabei weiht der Physiker die Polizisten selten detailliert in seine Überlegungen ein, sondern prüft lieber vor Ort (oder mit der Unterstützung von Speziallabors) seine Hypothesen.

So ensteht die Spannung in „Heilige Mörderin“ vor allem aus den zwischenmenschlichen Momenten. Egal, ob es dabei um das Verhältnis zwischen Inspektor Kusanagi und der Verdächtigen geht, um die Zusammenarbeit zwischen dem Inspektor und seiner Untergebenen oder um die Momente, in denen sich Ayane und Hiromi über ihre gemeinsame Arbeit oder den verstorbenen Yoshitaka austauschen. Bei jedem Gespräch, bei jedem Aufeinandertreffen fragt man sich, ob es einen neuen Hinweis geben könnte, der Licht in die ganze Angelegenheit bringen könnte. Dazu kommen noch all die kleinen Momente, die – gerade, weil sie so alltäglich sind – viel über Japan und das Leben der Menschen dort aufzeigen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Oh, und nachdem ich ja gerade vor kurzem erst „Böse Absichten“ gelesen habe, fand ich es interessant, dass Kaigo Higashino zwar immer sehr, sehr ähnlich an eine Kriminalgeschichte herangeht, dass es ihm aber trotzdem gelingt, jedes Mal eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen, die jedem Roman einen individuellen Touch verleiht. Das hängt nicht nur mit dem jeweiligen Mord zusammen, sondern auch mit den Charakteren, die gerade durch ihre Zurückhaltung und durch die wenigen Informationen, die man über sie erhält, einen großen Eindruck hinterlassen.

Keigo Higashino: Böse Absichten (Inspektor Kaga 1)

„Böse Absichten“ von Keigo Higashino ist eine Leihgabe von Natira, die mir im vergangenen Jahr auch schon „Verdächtige Geliebte“ von dem Autor geliehen hatte. Vom deutschen Verlag wird „Böse Absichten“ als erster Band der „Inspektor Kaga“-Reihe bezeichnet, laut Wikipedia ist es nur der erste ins Deutsche übersetzte Teil der Reihe und die vierte Veröffentlichung rund um diesen Inspektor. Auch „Verdächtige Geliebte“ war nicht der erste Band rund um den Physikprofessor Yukawa, sondern schon der dritte Roman mit diesem Protagonisten. So etwas finde ich immer wieder sehr nervig, aber ohne besondere Fremdsprachenkenntnisse bin ich nun mal auf die Veröffentlichungspolitik der deutschen Verlage angewiesen – immerhin muss ich zugeben, dass „Verdächtige Geliebte“ ebenso wie „Böse Absichten“ auch ohne Vorwissen gut zu lesen waren.

Ich bin etwas verhalten an den Roman herangegangen, weil ich „Verdächtige Geliebte“ zwar sehr gern gelesen hatte, aber nach den ersten Seiten von „Böse Absichten“ befürchtete, dass der Autor sich bei seiner Herangehensweise an die Geschichte zu sehr wiederholen würde. Denn ebenso wie bei „Verdächtige Geliebte“ bekommt man bei „Böse Absichten“ einen Teil der Handlung von einem Verdächtigen erzählt und erlebt so als Leser die Geschichte gefiltert durch die Sicht eines Beteiligten. Aber es ist Keigo Higashino zum Glück gelungen die Ereignisse rund um den Mord an dem Schriftsteller Kunihiko Hidaka so zu gestalten, dass es für den Leser immer wieder überraschende Wendungen und unerwartete Ereignisse gab.

„Böse Absichten“ ist kein klassischer Krimi. Man bekommt als Leser von dem Verdächtigen Osamu Nonoguchi erzählt, wie er eines Abends seinen Freund Kunihiko Hidaka besuchen wollte und das Haus scheinbar leer vorfand. Kurz darauf entdeckt er mit der herbeigerufenen Ehefrau des Schriftstellers den Toten. Da auch Osamu Nonoguchi Schriftsteller ist, ist es ihm ein Bedürfnis dieses erschütternde Erlebnis festzuhalten und so beginnt er detaillierte Aufzeichnungen über den Tag, an dem er den Ermordeten zum letzten Mal gesehen hat, über die nicht eingehaltene Verabredung und die folgenden Begegnungen mit potenziellen Verdächtigen, Betroffenen und der Polizei.

Nonoguchis Aufzeichnungen werden ergänzt durch die Berichte und Notizen des Kommissars. Dabei muss sich Kommissar Kaga während der Ermittlungen nicht nur in die Person des Mörders versetzen und intensive Nachforschungen anstellen, um überhaupt erst einmal ein mögliches Motiv zu entdecken, sondern er muss im Laufe der Zeit auch alles, was er als gegebenes Wissen über die verschiedenen Beteiligten gespeichert hatte, verdrängen und noch einmal ganz von vorne anfangen.

Ich mochte die ruhige und unaufgeregte Erzählweise bei diesem Kriminalroman und die ungewöhnliche Herangehensweise des Autors. Obwohl er sich der gleichen Erzählperspektive bedient wie bei „Verdächtige Geliebte“ gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Büchern. In „Böse Absichten“ steht relativ schnell fest wie der Mord begangen wurde (und eigentlich kann man sich als Leser auch von Anfang an sicher sein, wer die Tat verübt hat), aber es scheint einfach kein Motiv für die Ermordung von Kunihiko Hidaka zu geben. So dreht sich die Handlung weniger darum den Mörder zu finden als um die Suche nach den Hintergründen der Tat. Diese Suche führt den Kommissar in die Vergangenheit des Ermordeten bis hin zu seiner Grundschulzeit und bietet für den Leser immer wieder neue und überraschende Wendungen, die man so nicht erwarten konnte.

So eine Herangehensweise sorgt nicht gerade für eine rasante oder spannende Krimihandlung, aber für kleine und feine Szenen, die viel über die beteiligten Charaktere und die japanische Kultur aussagen, und das ist perfekt für Leser, die gern versuchen aus all den kleinen Informationen ein Gesamtbild zusammenzusetzen. Ich fand es spannend, mir meine eigenen Gedanken über das Motiv machen zu können, es hat mir Spaß gemacht, dass mich Keigo Higashino an mindestens einer Stelle aufs Glatteis geführt hat, weil ich erwartete, dass er einen Hinweis auf die „übliche Weise“ in seinen Fall einbauen würde und ich mochte das gemächliche Tempo, das mir Zeit gab über die kleinen Dinge in der Geschichte nachzudenken.