Schlagwort: Comic

Jiro Taniguchi: Die Sicht der Dinge (Manga)

Obwohl Jiro Taniguchi die Handlung aus „Die Sicht der Dinge“ frei erfunden hat, gibt es doch sehr viele persönliche Elemente, die der Mangaka in dieser Veröffentlichung verarbeitet hat. So spielt die Geschichte in Tottori – der Stadt, in der Jiro Taniguchi aufgewachsen ist – und er hat für viele Szenen auf Kindheitserinnerungen oder Gefühle, die er Jahre später so empfunden hat, zurückgegriffen. So gab es für den Mangaka ebenso wie für den Protagonisten Yoichi eine Spanne von 15 Jahren, in der er seine Heimatstadt nicht besuchte und erst wieder das Vertraute zwischen all den Veränderungen, die es in dieser langen Zeitspanne gegeben hat, neu entdecken musste.

Für Yoichi ist der Anlass für die Heimkehr an seinen Geburtsort sehr traurig, da er an der Totenwache für seinen Vater teilnehmen soll. Dabei wird für den Leser von Anfang an deutlich, dass sich der Mann seinem verstorbenen Vater nicht sehr nahe gefühlt hat und eigentlich gar nicht erst die Reise antreten möchte. Doch je länger er all den Menschen auf der Totenwache zuhört, die von ihren Erinnerungen an seinen Vater erzählen, desto mehr denkt auch er über seine Familie nach. Es kommen ihm Szenen und Ereignisse in den Sinn, an die er seit vielen Jahren nicht gedacht hat und die er – aus der Sicht des Erwachsenen und mit mehr Wissen über seine Eltern – auf einmal ganz anders wertet als früher.

So kann der Leser nach und nach mehr über Yoichi und seine Familie herausfinden, was nicht nur zu einer wunderschönen (wenn auch häufig melancholischen) und sehr sensibel erzählten Familiengeschichte führt, sondern auch einen faszinierenden Einblick in das Leben dieser japanischen Küstenstadt in den 50er Jahren bietet. Dabei sticht ein Ereignis besonders hervor: Das große Feuer vom 17. April 1952, das einen Großteil der Stadt in Schutt und Asche legte. Ein historisches Foto von diesem Feuer ist auch zu Beginn des Buches zu finden und es ist erschreckend, wie wenig nach diesem Brand von der Stadt noch vorhanden war. Für Yoichis Familie bedeutet dieses unglaubliche Feuer nicht nur den Verlust aller Besitztümer, sondern auch die allmähliche Zerrüttung der Ehe seiner Eltern. Dabei fand ich es sehr spannend, wie die einzelnen Familienmitglieder mit allen der Veränderungen umgingen und wie nach und nach die ganze Stadt wieder aufgebaut wurde.

Wie so oft bei einem Jiro-Taniguchi-Manga sind es aber vor allem die kleinen Szenen und Details, die mich besonders berühren. Die kleinen Elemente, die mir das Gefühl geben, ich bekäme einen Einblick in den (historischen) japanischen Alltag, faszinieren mich einfach besonders. Wobei ich es hier spannend fand, dass es eine Erinnerung von Yoichi gibt, in der es um die Amerikaner als Besatzungsmacht in Japan geht. So ist mir das bislang weder in Filmen, noch in Manga untergekommen, auch wenn die amerikanischen Soldaten – gerade in Veröffentlichungen aus den 50er und 60er Jahren – immer mal wieder auftauchen. Aber normalerweise stolpere ich eher entweder über Kriegsschiffe in den Häfen (und Bemerkungen dazu) oder feiernde US-Soldaten in Clubs und weniger über so eine kleine Szene, die den Besatzungsalltag deutlich macht.

Über Jiro Taniguchis Zeichenstil muss ich vermutlich nicht mehr viel sagen. Auch hier legt er Wert auf eine realistische und detaillierte Darstellung und ich bin immer wieder fasziniert davon, wie fein er die Gefühlsregungen bei den verschiedenen Personen darstellt. Sein einziger Schwachpunkt ist das Zeichnen von (geöffneten) Mündern, die sind oft nicht hübsch anzuschauen, aber damit kann ich definitiv leben. 😉

Jiro Taniguchi: Die Stadt und das Mädchen (Manga)

Vor ein paar Jahren hatte ich mit dem Zweiteiler „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ meine erste Veröffentlichung von Jiro Taniguchi in die Finger bekommen und war ganz hingerissen von dem zurückhaltenden und realistischen Zeichenstil und der ruhigen Erzählweise des Mangaka. Seitdem habe ich einige Titel des Zeichners auf meinem Wunschzettel, aber gelesen habe ich bislang nur Leihgaben. So auch „Die Stadt und das Mädchen“, das ich in der örtlichen Bibliothek ausleihen konnte und während des ersten „Herbstlesen“-Wochenendes gelesen habe.

Der Protagonist Shiga ist Extrem-Bergsteiger und lebt relativ abgeschieden in den japanischen Bergen in einer Hütte. Vor vielen Jahren hat Shiga seinen besten Freund Tatsuhiko Sakamoto bei einem Unglück verloren, als dieser sich (ohne Shiga) an die Besteigung des Dhaulagiri, eines Achttausender, wagte. In dem Notizbuch, das man bei der Leiche fand, bat Sakamoto darum, dass sich Shiga um seine Frau Yoriko und seine Tochter Megumi kümmern möge – und das hat der Bergsteiger auch immer getan. So ist es selbstverständlich für ihn nach Tokio zu reisen, als er eine Nachricht von Yoriko erhält, dass die 15jährige Megumi spurlos verschwunden ist. Die Polizei scheint das Verschwinden des Mädchens nicht ernst zu nehmen und so macht sich Shiga selber auf die Suche.

So recht weiß der Bergsteiger nicht, wie er an Informationen über das Mädchen herankommen soll. Er kennt Megumi vor allem von ihren Besuchen in den Bergen und da ist der letzte schon einige Zeit her. Aber Shiga ist kein dummer Mensch und hangelt sich bei seiner Suche systematisch von einem Hinweis zum nächsten und beweist dabei eine Hartnäckigkeit, die man bei einem Extremsportler wohl auch voraussetzen kann. Dabei lässt sich Jiro Taniguchi Zeit die Geschichte zu entwickeln, während man als Leser Shigas Weg verfolgt und nur langsam mehr über seine Freundschaft zu Sakamoto und sein Verhältnis zu dessen Witwe und Tochter erfährt.

Ich persönlich mag diese anfangs schon fast gemächlich wirkende Erzählweise, weil mir das die Gelegenheit bietet die Zeichnungen zu betrachten, die Figuren kennenzulernen und mir meine eigenen Gedanken über all die Sachen zu machen, die nicht ausgesprochen werden, aber zwischen den Zeilen mitschwingen. Auch habe ich das Gefühl, dass der Mangaka seine Protagonisten verständnisvoll behandelt. Die Antagonisten sind verachtenswert und das wird auch deutlich, ohne dass es betont ausgesprochen werden muss, die Protagonisten hingegen haben Schwächen und Fehler – aus denen sie vielleicht entwachsen können, aber vielleicht eben auch nicht -, weil sie einfach menschlich sind. Wirklich temporeich wird die Geschichte nicht, aber es gibt spannende Szenen und interessante Charaktere. Außerdem wächst im Laufe der Seiten das Gefühl, dass die Zeit drängt, dass Megumi vielleicht doch in größerer Gefahr schwebt und dass es notwendig sein könnte radikalere Schritte zu gehen, um mehr über ihren Verbleib herauszufinden.

Jiro Taniguchis Zeichenstil passt hervorragend zu seiner Art eine Geschichte zu erzählen. Seine Bilder sind zurückhaltend und voller Details (gerade bei den Hintergründen), seine Figuren werden in einem klaren, aber realistischen Stil dargestellt und die Anordnung der Panels passt zu dem ruhigen Tempo der Handlung. So verwendete der Mangaka bei den aufregenderen Passagen seiner Geschichte auch keine rasanten Schnitte oder eine dynamische Bildaufteilung, sondern betont die Anspannung bei den Figuren oder Gefahren durch Detailvergrößerungen oder eine genauere Darstellung von Bewegungsabläufen. Mir gefällt dies sehr gut, weil es zu einer eher unterschwelligen Spannung führt und mir immer noch genügend Raum lässt, um mir meine Gedanken über die Handlung und die Figuren zu machen.

Shaun Tan: The Arrival (Comic)

„The Arrival“ von Shaun Tan lässt sich nur sehr schlecht in ein Genre stopfen. Es ist eine Art Bilderbuch, aber nicht für kleine Kinder gedacht, obwohl diese sich gewiss auch an den Zeichnungen erfreuen können. Ich bezweifle aber, dass kleine Kinder den Inhalt wirklich erfassen würden. Ich persönlich habe den Titel jetzt mal als „Comic“ belabelt, einfach weil darunter für mich so gut wie jede Veröffentlichung fällt, die (vor allem) in Bildern erzählt wird (und eben kein Bilderbuch ist). „The Arrival“ kommt vollkommen ohne Text aus und wird von Shaun Tan ausschließlich in – sehr schön gearbeiteten – Bleistiftzeichnungen erzählt. Gestolpert bin ich über diesen Titel bei Natira (Link führt zu ihrer Rezension), die auch so lieb war und mir ihr Exemplar geliehen hat.

In „The Arrival“ begleitet der Betrachter einen Mann, der Frau und Tochter zurücklässt, um in einem neuen Land Fuß zu fassen. Seine Heimat wird von einer nicht näher definierten Gefahr bedroht, die sehr eindringlich durch dornige Tentakeln, die über allem schweben, dargestellt wird. Man kann Bild für Bild den Abschied von der Familie, die Abreise und die Überfahrt ins neue Land verfolgen, wobei Shaun Tan dem Betrachter viel Raum für eigene Gedanken lässt. So wird die Länge der Überfahrt zum Beispiel durch eine Doppelseite voller kleiner Wolkenbilder dargestellt, bei der man sich nicht nur gut vorstellen kann, dass jedes Bild für einen Reisetag steht, sondern man auch so weit beim Verfolgen der Handlung verlangsamt wird, dass man anfängt, sich all die Überlegungen, Ängste und Hoffnungen, die den Reisenden beschäftigen, vorzustellen.

Während das Heimatland des Reisenden – inklusive all der Details, die sein Zuhause zu einem Heim machten, – dem Betrachter vertraut vorkommt, wirkt das neue Land ungemein befremdlich. Doch bevor der Protagonist sich überhaupt umschauen kann, muss er eine ausführliche (und wie ich fand demütigende) Aufnahmeprozedur über sich ergehen lassen. Erst mit einem neuen Ausweisdokument in der Hand darf er einen Fuß in seine neue Heimatstadt setzen. Dabei verwendet der Zeichner wunderbar abstrakt und befremdlich wirkende Elemente, um zu verdeutlichen, wie verloren der Mann in diesem neuen Land ist, in dem er weder die Schrift noch die Gebräuche kennt.

Das gesamte Land ist bis ins Detail vollkommen fremdartig und verwirrend. Die Schrift besteht aus unverständlichen Symbolen, die Gebäude sind seltsam und irritierend und das Essen so unvertraut, dass der Mann häufig Hilfe benötigt, um überhaupt herauszufinden, was er damit anfangen soll. Dabei verzichtet Shaun Tan darauf, seinen Protagonisten einem feindlichen Umfeld auszusetzen, die Fremdartigkeit seiner neuen Stadt ist schon bedrückend genug. Umso schöner ist es, dass der namenlose Mann nach und nach andere Menschen kennenlernt, und so erfährt man auch von den anderen Personen, die Zuflucht in diesem Land gefunden haben, welche Gründe sie aus ihrer Heimat vertrieben haben.

Mit „The Arrival“ erzählt Shaun Tan eine ruhige, feine Geschichte von Auswanderung. Die Zeichnungen des Künstlers finde ich wirklich wunderschön, ebenso wie die Details, auf die er in dieser Geschichte seinen Fokus legt. Durch diese Reduziertheit auf wesentliche Aspekte – wobei die wesentlichen Elemente eben manchmal nur aus einem kleinen Gegenstand oder einer Geste bestehen – fand ich die Handlung besonders anrührend. Nach dem Lesen ist dieser Titel gleich auf meiner Wunschliste gelandet, weil er zu den Büchern gehört, die ich gern in meinem Bestand hätte, um sie immer wieder in die Hand nehmen zu können.

Ach ja, Beispielbilder und Hintergründe zu der Veröffentlichung finde man auf der Webseite von Shaun Tan: The Arrival

Katzen! :D

Als am Samstag der Postbote klingelte, hatte ich überlegt, ob ich den Band noch in meinen „SuB-Zuwachs“-Post für Juni einfüge, aber genau genommen ist „Katzen! Band 1: Katz-Cha-Cha“ kein Comic für den SuB, denn ich kenne die Geschichten schon sehr gut.

Trotzdem freue ich mich sehr darüber, den Band endlich in den Händen halten zu können – umso mehr, da mir eine von den limitierten Messe-Editionen inklusive Druck und einer supersüßen Skizze zugeschickt wurde. Auch ohne zum Comic Salon in Erlangen zu fahren, kann ich also von Paola Antistas Signierstunden dort profitieren. 😀

In „Katzen!“ erleben drei Mädchen verschiedene Abenteuer mit ihren drei Katzen. Als Katzenmensch kann ich nicht ganz darüber hinwegsehen, dass zu Beginn ein allergisches Mädchen von ihren Freundinnen dazu überredet wird, sich eine Katze anzuschaffen – auch wenn es „nur“ ein Comic ist, ist das ein Verhalten, das mich stört. Aber von diesem winzigen Punkt abgesehen, sind die einzelnen Geschichten wirklich süß und lustig erzählt. Mal geht es um ganz Alltägliches wie zum Beispiel um die Tatsache, dass die Protagonistin Manou tagsüber gern mit ihrem viel zu müden Kater Pampelmuse spielen würde, während dieser in der Nacht unglaublich aktiv ist – und so natürlich Manou am Schlafen hindert. (Jeder, der meinen Blog schon länger liest, darf jetzt gern an unseren Logan und seinen nächtlichen Schmusebedarf denken. *g*) Andere Geschichten sind etwas weniger realistisch, aber dafür nicht weniger amüsant – und den Zeichenstil finde ich auch bezaubernd.

Oh, wer gern mehr davon sehen würde, der kann sich ja HIER die Leseprobe anschauen.

[Comic] Jim Henson und Jerry Juhl: Jim Henson’s Tale of Sand

Diesen Comic hatte ich schon im März bei der letzten „7 Days – 7 Books“-Aktion gelesen, war aber bislang noch nicht dazu gekommen, mehr zu dem Titel zu schreiben. „Tale of Sand“ basiert auf einem Drehbuch, an dem Jim Henson und sein Schreibpartner Jerry Juhl zwischen 1967 und 1974 gearbeitet haben. Bevor aus diesem Skript ein abendfüllender Film werden konnte, wandte sich Jim Henson der „Sesamstraße“ und der „Muppet Show“ zu. Dort hatte er anscheinend genügend Möglichkeiten, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, so dass „Tale of Sand“ in der Schublade verschwand und erst einmal vergessen wurde.

Um die skurrile Geschichte doch noch der Öffentlichkeit zu präsentieren, entstand unter der Leitung von Jim Hensons Tochter Lisa gemeinsam mit dem Künstler Ramón K. Pérez eine Comicumsetzung des Originalmanuskripts. Ich muss gestehen, dass ich zwar bislang alles mochte, was ich von Jim Henson gesehen habe, sich meine Kenntnis seines Werks aber vor allem auf die Sachen, die nach 1974 entstanden sind, beschränkt. Umso neugieriger war ich auf „Tale of Sand“, als ich von der deutschen Ausgabe hörte.

Die Handlung wird vor allem durch die Bilder erzählt, es gibt nur wenige Dialoge. Dafür wurden immer wieder Passagen des Originaldrehbuchs für die Gestaltung der Seiten verwendet – diese Elemente fand ich richtig spannend und würde zu gern mal das Skript in den Händen halten, mitsamt den ganzen Änderungen und Anmerkungen im Text. Die Handlung selbst ist recht bizarr, wenn auch nicht vollkommen „neu“, da ich einige Elemente schon in anderen Geschichten gesehen habe. Zu Beginn erreicht ein Mann eine kleine Westernstadt in der Wüste, wo gerade eine rauschende Feier stattfindet.

Bevor er sich noch orientieren kann, bekommt er eine Karte in die Hand gedrückt und wird darüber informiert, dass man ihm zehn Minuten Vorsprung gewährt. Er weiß genauso wenig wie die Leser, was es mit dieser ganzen Aktion auf sich hat, stellt aber schnell fest, dass er mit Überschreiten seiner „Startlinie“ zum Gejagten wird. Doch statt einfach nur eine Menschenjagd durch die Wüste zu verfolgen, bekommt man als Leser diverse skurrile Situationen präsentiert, die dieser Mann erlebt. Dabei sind die einzelnen Elemente an sich nicht immer besonders innovativ. Der Hai in der Wüste ist mir ebenso vertraut wie das Spiel mit kleinen Hütten, die ein umfassendes und vielseitiges Innenleben bergen, aber gerade das macht diesen Comic auf die charmanteste Art retro.

Pérez‘ Zeichnungen passen wunderbar zu so einer bizarren und in gewisser Weise altmodisch anmutenden Handlung, und auch wenn ich die eher zarten Farben anfangs etwas gewöhnungsbedürftig fand, unterstreichen sie die Atmosphäre des Comics gelungen. Von dem Panelaufbau bin ich sehr angetan und das Charakterdesign ist toll und erinnert mich an die Western und Krimis meiner Kindheit, die ich in den 70er Jahren gesehen habe. Mir hat „Tale of Sand“ richtig viel Spaß gemacht, und der Band hat mir persönlich eine weitere Facette von Jim Henson gezeigt. Dazu kommt noch, dass der Comic als liebevoll gestaltete Hardcover-Ausgabe mit zusätzlichen Charakter-Skizzen des Zeichners auf den Markt gebracht wurde, was mir besonders zusagt, da ich eine Schwäche für Skizzen habe.

[Comic] K. Lynn Smith: Plume 1 – … wie eine Rauchwolke

Ich lese wirklich gern Comics, wobei ich weniger lese, als ich eigentlich möchte (zu viele Hobbies, zu wenig Zeit 😉 ) und wenn, dann hauptsächlich Manga, weil ich davon einfach mehr Nachschub bekomme. Trotzdem denke ich, dass ich ruhig häufiger auf dem Blog über Comics schreiben könnte, schließlich tauchen die auch immer wieder in meinen Leselisten auf. Einer der Comics, die ich in den letzten Wochen gelesen habe, ist „Plume“ von K. Lynn Smith. Entstanden ist die Geschichte rund um die junge Vesper Gray in Amerika als wöchentlicher Online-Comic. Inzwischen gibt es eine Druckversion davon, die in wenigen Tagen von dani books in der deutschen Ausgabe erscheint.
Die Handlung rund um Vesper Gray ist nicht besonders anspruchsvoll, aber ich fand diesen ersten Band sehr unterhaltsam und freue mich auf weitere fantastische Abenteuer in diesem – sehr frei angelegten – Western-Setting. Mit sechzehn Jahren wohnte Vesper noch bei ihrer sehr korrekten und steifen Tante Agatha Murdock, während ihr Vater als Archäologe beruflich unterwegs war. Für Vesper war der Aufenthalt bei der Tante nicht ganz einfach, da sie von ihrer Erziehung und ihrem Temperament her nicht für ein so konventionelles Leben geeignet ist. Doch dann geriet sie durch eine Unachtsamkeit in Lebensgefahr und aus dem Amulett, das ihr ihr Vater geschenkt hatte, erschien Corrick und rettete ihr das Leben.

Von diesem Moment an ist selbst das ereignisarme Leben bei ihrer Tante für Vesper nicht mehr langweilig, da Corrick stets an ihrer Seite bleibt und seine Vergangenheit ebenso wie sein Verhalten der jungen Frau immer wieder Rätsel aufgeben. Wenig später ergibt sich für Vesper die Gelegenheit, gemeinsam mit ihrem Vater auf eine abenteuerliche Reise zu gehen – und schon muss Corrick einige Herausforderungen bestehen, während er versucht, Vesper vor Verbrechern und anderen Gefahren zu schützen.

Es gibt viele Dinge in „Plume“, die mich an die „Indiana Jones“-Filme erinnern. Da gibt es nicht nur den Vater, der als Archäologe viele Jahre auf der Jagd nach besonderen Artefakte war, sondern auch die übernatürlichen Elemente rund um Corrick und die magischen Fundstücke sowie die Gegenspieler, die ebenfalls auf der Suche nach den magischen Kostbarkeiten sind. Vesper ist eine sehr impulsive Protagonistin, was immer wieder zu unterhaltsamen Konflikten mit Corrick führt, der nicht nur deutlich lebenserfahrener ist als das Mädchen, sondern auch die Aufgabe hat, die leichtsinnige Vesper zu beschützen.
Das Geheimnis um Corricks Herkunft, die Geschehnisse, die zu seiner Bindung an das Amulett geführt haben, und überhaupt der ganze Charakter machen mich neugierig auf weitere Veröffentlichungen (auch wenn es noch etwas dauern wird, bis ein zweiter Teil erscheinen kann). Dazu kommen noch sympathische Nebenfiguren wie zum Beispiel die „Bardame“ Tegan, von der ich hoffe, dass sie noch weitere Auftritte in der Geschichte bekommen wird. Die Zeichnungen sind relativ detailarm und großflächig, aber schön atmosphärisch gehalten und zeigen immer mal wieder amüsante Momente. Ich mag das Charakterdesign sehr. 
Wer sich einen ersten Eindruck von dem Comic verschaffen will, findet auf der Verlagsseite von dani books eine Leseprobe zu „Plume“. Oh, und für diejenigen, die sich noch an meine „Monster Allergy“-Rezension erinnern: Die deutsche Umsetzung von „Plume“ ging komplett an mir vorbei, auch wenn ich netterweise die fertige Version schon vor dem Druck lesen konnte, also denke ich, ich kann auf das „Achtung, Werbung!“ hier verzichten. 😉 Auch wenn ich dem kleinen Verlag viel Glück wünsche, so schreibe ich nicht grundsätzlich über jede Veröffentlichung, sondern nur zu den Comics, die mir gefallen haben. 

[Comic] Malcolm Max 1 – Body Snatchers

Auf „Malcolm Max“ bin ich durch das Heft zum Gratis-Comic-Tag aufmerksam geworden und als ich vor einigen Wochen im Comicladen war, musste das Album gleich gekauft werden, als ich es in der Auslage fand. Mit der Inhaltsangabe mache ich es mir mal wieder leicht und zitiere den Klappentext des Verlags:

„Malcolm Max und seine wagemutige Begleiterin Charisma kommen anno Domini 1889 in London eigenartigen Ereignissen auf die Spur, die sich negativ auf ihre Lebensspannen auszuwirken drohen. Im Flackerlicht der Gaslaternen nimmt eine Serie grausamer Frauenmorde, die mit der Hinrichtung des Mörders „Der Poet“ eigentlich ein Ende gefunden haben sollte, ihre Fortsetzung. Dieses Bluttaten stehen möglicherweise im Zusammenhang mit den Leichendiebstählen, die Malcolm Max im Auftrag der Geheimloge „Custodes Lucis“ untersucht. Schon bald erfahren der Vampirjäger und die Halbvampirin am eigenen Leib, wie schnell aus Jägern Gejagte werden können.“

So gern ich die Zeit des ausklingenden 19. Jahrhunderts mag, so selten läuft mir ein Comic über den Weg, der in diesem Zeitraum spielt und dessen Inhalt mir zusagt. Genauso bin ich normalerweise extrem skeptisch, wenn Comics von deutschen Zeichnern und Autoren geschaffen werden, denn da habe ich in den letzten Jahrzehnten erschreckend wenige gefunden, die mir gefallen haben (vor allem bei denen, die es zur Verlagsveröffentlichung schafften). Mit „Malcolm Max“ hingegen habe ich ein Album gefunden, bei dem mich sowohl die Geschichte als auch die Zeichnungen sehr ansprechen.

Vielleicht liegt es daran, dass der Autor Peter Mennigen zwar Erfahrungen mit dem Schreiben von Comics hat, aber die Figur Malcolm Max ursprünglich für eine Hörspielreihe entwickelte. Für den Zeichner Ingo Römling hingegen ist dieses Album die erste Comicveröffentlichung, da er sonst – laut Verlagsangabe – vor allem im Bereich Cover-Design für Bands unterwegs ist. Diese beiden Punkte könnten der Grund sein, warum ich „Malcolm Max – Body Snatchers“ so gern gelesen habe. Ich hatte das Gefühl, ich bekomme hier eine qualitative (wenn auch leider nicht in sich abgeschlossene) Geschichte voller – für einen Comic – ungewöhnlicher Elemente geboten.

Die Protagonisten werden eher gemächlich eingeführt, und auch Nebenfiguren, die innerhalb dieses Bandes schon zu Tode kommen, bekommen einigen Raum, um dem Leser näher gebracht zu werden. Mir persönlich gefällt das sehr gut, weil es die Erschaffung von komplexeren Charakteren ermöglicht, statt sofort jedem Klischee zu verfallen, weil es eben für einen Autoren leichter ist, mit vertrauten Konzepten in aller Kürze eine Handlung zu erzählen. In einigen Rezensionen habe ich nicht nur Kritik an diesem Umgang mit Figuren gefunden, sondern auch an der eher textlastigen Erzählweise. „Malcolm Max“ ist wirklich ein Comic mit viel Text und lässt sich nicht mal eben durchblättern. Aber auch das finde ich stimmig und richtig, denn durch die Verwendung einer etwas umständlichen, beschreibenden und sich auch mal wiederholenden Sprache fühlen sich sowohl die Dialoge als auch die Passagen, die durch einen allwissenden Erzähler präsentiert werden, dem viktorianischen Zeitalter angemessen an.

Neben den beiden Hauptsträngen der Geschichte, bei denen es einerseits um Leichenraub und andererseits um ermordete Frauen geht, deren Leichen an exponierten Orten von ihrem Mörder zur Schau gestellt werden, gibt es immer wieder unterhaltsame Episoden, die auf reale oder fiktive Personen verweisen. So leben zwei Mädchen, die Malcolm Max kennen, in der Baker Street und haben von dem dort lebenden Detektiv einiges gelernt, während eine in dem Comic vorkommende Journalistin an die Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst angelehnt wurde.

Solche Elemente sorgen ebenso wie die tollen Zeichnungen für eine stimmungsvolle Atmosphäre. Die von Ingo Römling geschaffenen Figuren sind zum Teil etwas überzeichnet – so hat Malcolm in einigen Panels ein wirklich extrem schmales (und so sehr britisch wirkendes) Gesicht, aber immer in einem Rahmen, der sie nicht entstellt, sondern stattdessen ihre besondere Eigenschaften betont. Auch mit der Gestik und Mimik der Charaktere kann der Zeichner überzeugen, ebenso wie mit den vielen kleinen Details und den sehr schönen Hintergründen. Dazu kommt noch eine Farbgebung, die auf der einen Seite an alte sepiafarbene Fotos erinnert und auf der anderen Seite der düsteren und bedrohlichen Stimmung der im nebeligen London spielenden Geschichte gerecht wird. Ergänzt wird dieser Comic noch durch einen ausführlichen Anhang mit Details zur Entstehung des Comics, den Figuren, den unterschiedlichen Vorbildern und Inspirationen und Zeichnungen.

Fall es bis jetzt noch nicht klar geworden ist: Mir hat dieses Album wirklich richtig gut gefallen! Umso bedauerlicher finde ich es, dass der Splitter-Verlag bislang noch keinen Hinweis auf ein weiteres Album auf seiner Homepage gegeben hat. So bleibt mir nur zu hoffen, dass es nicht endlos dauert, bis die Abenteuer von Malcolm und Charisma fortgesetzt werden, damit ich irgendwann erfahre, wie es mit den beiden weitergeht.

[Comic] Monster Allergy 1

Normalerweise schreibe ich nichts zu Veröffentlichungen, die mir persönlich am Herzen liegen. Da hätte ich immer das Gefühl, dass ich „Achtung, Werbung!“ dazuschreiben müsste. 😉 Bei „Monster Allergy“ habe ich da weniger Hemmungen, denn als ich die ersten Cover dazu zu Gesicht bekam, war mein spontaner Gedanke: „Uff … ein Funny …“. So gern ich Comics und Manga lese, so habe ich Funnys eigentlich seit meiner Teenagerzeit nicht mehr angerührt. Dann bekam ich die ersten Monster-Allergy-Texte zu lesen und der Humor sagte mir zu. Und so wurde ich dann doch neugierig auf die zeichnerische Umsetzung.

Der erste Band der Gesamtausgabe von „Monster Allergy“ beinhaltet die ersten vier Episoden („Das Haus der Monster“, „Die Pyramide der Unverwundbaren“, „Magnacat“ und „Die schwebende Stadt“) der Reihe – insgesamt werden im Laufe dieses Jahres acht Teile veröffentlicht, womit „Monster Allergy“ zum ersten Mal komplett auf Deutsch erscheint. Die Geschichte handelt von Elena Patata, die gerade erst mit ihren Eltern nach Oldmill Village gezogen ist. Bevor sie sich noch in ihrer neuen Umgebung umgucken kann, bekommt sie Besuch von den beiden Nachbarmädchen Patty und Tatty. Um ihr das Einleben zu erleichtern, überreichen die Schwestern ihr eine Liste mit den Personen, die Elena unbedingt meiden muss, wenn sie schnell Fuß fassen will. Ganz oben auf der Liste steht der Name Zick – doch die abschreckenden Dinge, die Patty und Tatty Elena über den Nachbarjungen erzählen, wecken erst recht Elenas Neugier.

So unternimmt Elena allerlei Anstrengungen, um den abweisenden Zick besser kennenzulernen. Dabei schreckt das energische Mädchen nicht mal davor zurück, seinen übergewichtigen Kater Bandito gewaltsam in die Katzenklappe von Zicks Nacktkatze Timothy zu stecken oder dem rundum allergischen Jungen einen schon leicht angeschmuddelten Donut als Kennenlernpräsent zu überreichen. Als Elena dann noch dahinter kommt, dass Zick angeblich Monster sehen kann, ist sie vollends von dem ungewöhnlichen Nachbarn begeistert. Der Junge hingegen ist nicht so erfreut darüber, dass so ein energiegeladenes, neugieriges Mädchen in seine Gegend gezogen ist. Abgesehen davon, dass Zick so einige Geheimnisse hütet, die Elena nicht erfahren soll, bringt ihn seine neue Freundin auch immer wieder in Schwierigkeiten.

Egal, ob es in den Geschichten um einen verschwundenen Kater, um den Besuch einer etwas aufdringlichen Tante oder um einen Vertreter für Kochtöpfe geht, nur wenige Dinge sind in „Monster Allergy“ so harmlos, wie sie auf den ersten Blick zu sein scheinen. So müssen Zick und Elena nicht nur hinter die Geheimnisse der verschiedensten Personen und Kreaturen kommen, sondern auch einige Gefahren bestehen. Dabei spielen die Monster, die in Zicks Haus leben, immer wieder eine wichtige Rolle. Doch vor allem gefallen mir die sympathischen Charaktere (Elena, Zick, Zicks – lebende und tote – Verwandschaft, sein Kater Timothy und knuffige Monster wie der nicht ganz so intelligente Bombo) und der Humor, der sowohl in den Dialogen als auch in den Zeichnungen zum Ausdruck kommt.

Der Zeichenstil hatte mich ja auf den ersten Blick nicht gepackt (Funny + Vorurteile 😉 ), aber inzwischen muss ich zugeben, dass er mir richtig gut gefällt. Gestik und Mimik der verschiedenen Figuren ist sehr ausdrucksvoll und trotz wechselnder Zeichner gibt es keine Brüche zwischen den verschiedenen Episoden. Außerdem kann man immer wieder fantastische Elemente und viele liebevolle Details entdecken, die einfach nur Spaß machen. Hier und da merkt man zwar, dass die Serie für Kinder gedacht ist, aber auch als erwachsener Leser fühlte ich mich sehr gut unterhalten. Besonders hat mir gefallen, dass die einzelnen Episoden durch einen durchgehenden Handlungsstrang verbunden sind und man mit jeder Geschichte wieder ein bisschen mehr über die fantastischen Monster, Zicks besondere Eigenschaften und die – für die meisten Menschen verborgene – übernatürliche Welt erfährt.

Wenn ich hier schon Werbung mache – und weil ich Jano mit seinem neuen Verlag auch gern etwas unterstützen mag – , kann ich euch hier gleich auch noch die Verlagsseite von dani books verlinken, und dann gibt es von mir noch einen Direktlink zum ersten Band von „Monster Allergy“. Die Gesamtausgabe wird übrigens inklusive der Digital Copy verkauft, die aber auch einzeln als PDF erhältlich ist … 😉

Hiromi Kawakami und Jiro Taniguchi: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß (Manga)

Auch wenn es ein bisschen gedauert hat, kommt hier doch endlich meine Meinung zu der Manga-Umsetzung von “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” von der Autorin Hiromi Kawakami. Gleich vorweg: Den gleichnamigen Roman habe ich parallel zum Manga gelesen und obwohl es kleine Unterschiede gibt, hat sich der Mangaka Jiro Taniguchi so nah an die Geschichte und den Erzähltext gehalten, dass man schon beide Varianten nebeneinander legen muss, um die Veränderungen bewusst zu erfassen.

In dem Manga-Zweiteiler “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” erzählt Jiro Taniguchi in sehr detailreichen und atmosphärischen Bildern die Geschichte von Tsukiko Omachi und ihrem früheren Lehrer Harutsuna Matsumoto. Viele Jahre nach Tsukikos Schulzeit sehen sich die beiden zufällig regelmäßig in einer kleinen Bar. Obwohl sie sich wiedererkennen, suchen die beiden keinen Kontakt zueinander oder überhaupt Gesellschaft. Allerdings fällt ihnen im Laufe der Zeit auf, dass sie den selben – eher altmodischen – Geschmack haben, wenn es ums Essen geht.

Für den Leser wird schnell klar, das Tsukiko und ihr Sensei (wie sie den Lehrer immer noch nennt) recht einsame Menschen sind, die sich davor scheuen den Abend allein daheim zu verbringen. Und vor allem bei Tsukiko sorgt ihre Unbeholfenheit dafür, dass sie sich in der Gesellschaft anderer Menschen nicht wohl fühlt. Im Laufe der Zeit geraten die Frau und ihr ehemaliger Lehrer immer wieder ins Gespräch, trinken gemeinsam an der Theke des Lokals Sake und enden auch mal beim Sensei daheim, um nach Kneipenschluß noch etwas mehr zu trinken.

Von Anfang an fand ich diese beiden einsamen Menschen einfach nur rührend und die Geschichte wunderbar melancholisch. Der Sensei ist mit seinen fast siebzig Jahren ein altmodischer Mann mit festen Vorstellungen und einem nicht selten väterlich-bevormundenden Verhalten gegenüber Tsukiko. Sie hingegen fühlt sich mit anderen Menschen normalerweise sehr unwohl, hat oft das Gefühl, dass sie nicht angemessen reagiert oder die Motive ihres Gegenübers nicht richtig einschätzen kann und bleibt deshalb lieber für sich. Aber in der Gesellschaft des Senseis fühlt sich Tsukiko wohl, bei ihm findet sie eine Wärme und Sicherheit, die die Mitdreißigerin sonst in ihrem Leben vermisst hat. Und auch wenn seine belehrende Art sie immer mal wieder kratzbürstig sein lässt, so schätzt sie doch seine Lebenserfahrung und sein Wissen.

Im ersten Band habe ich mich manchmal gefragt, warum die Handlung als “Liebesgeschichte” bezeichnet wird, denn obwohl Tsukiko und der Sensei immer weiter aufeinander zugehen, immer mehr miteinander unternehmen, scheint sich erst einmal nur eine ungewöhnliche Freundschaft zu entwickeln. Beide bereichern das Leben des anderen, während sie zusammen Ausflüge unternehmen, sich über Essen unterhalten oder sich über Sport streiten (und deshalb auch mal vollständig den Kontakt abbrechen). Erst im zweiten Band wird deutlich wie intensiv die Gefühle der beiden inzwischen füreinander sind. Doch versuchen beide die aufkeimende Liebe zu leugnen. So trifft sich Tsukiko zum Beispiel mit einem alten Schulkameraden, der für sie schwärmt. Doch obwohl dieser an einer Beziehung interessiert wäre, fühlt sich die Frau mit ihm einfach nicht so wohl wie mit ihrem Sensei.

Obwohl der Roman “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß” nur ein schmaler Band ist, hatte ich beim Lesen das angenehme Gefühl, dass sich Hiromi Kawakami mit der Handlung Zeit gelassen hat. Viele kleine Szenen und Gedanken sorgen dafür, dass die Charaktere dem Leser mit all ihren Eigenheiten immer vertrauter werden, und gerade durch die zum Teil recht alltäglichen und – auf den ersten Blick – belanglosen Momente hat mich diese Geschichte wirklich berührt. Doch noch schöner als das Buch fand ich den Manga, da Jiro Taniguchi so wundervoll ausdrucksvolle Zeichnungen geschaffen hat.

Seine Charaktere – unabhängig davon, ob es sich dabei um Haupt- oder Nebenfiguren handelt – sind sehr liebevoll und mit sehr ausdrucksvollen Mimik und Gestik dagestellt. So detailreiche Hintergründe wie hier habe ich bislang selten in einem Manga gesehen und auch die Betonung bestimmter Elemente in einzelnen Panels finde ich ganz wunderbar gelungen. Insgesamt finde ich die Geschichte mitsamt dieser schönen melancholischen Atmosphäre dank der stimmungsvollen Bilder noch beeindruckender als beim Lesen des Romans und so sind inzwischen auch noch andere Manga dieses Zeichners auf meinen Wunschzettel gewandert.

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma

„Aufzeichnungen aus Birma“ ist der dritte Comic von Guy Delisle, in dem der Zeichner seine Erlebnisse im Ausland beschreibt. Dabei ist er dieses Mal nicht aus beruflichen Gründen unterwegs (wie in „Pjöngjang“ und „Shenzhen“), sondern als Begleiter seiner Frau, die für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitet. Vor allem soll Guy in den Monaten, in denen seine Frau sich um die ärztliche Betreuung der Einheimischen kümmert, das Babysitting des noch sehr jungen Sohn des Ehepaares übernehmen.

So erlebt der Leser Birma mit den Augen eines „Hausmanns“, dessen Alltag vom Kinderhüten, Einkaufen und dem Zeichnen am kleinen Schreibtisch im Schlafzimmer geprägt ist. Für mich fühlte sich dieser Comic weniger politisch an als die beiden Vorgänger, auch wenn man nicht übersehen kann, dass in Birma eine Militärdiktatur an der Macht ist. Ach ja, wenn ich die Daten in dem Comic richtig erfasst habe, dann war der Zeichner im Jahr 2006 (oder 2007) in diesem Land. Das musste ich mir anhand seiner Angaben über Aung San Suu Kyi (über die ich lustigerweise gerade gestern erst eine Nachricht im Fernsehen gesehen habe) zusammenreimen, genaue Aussagen gibt es von ihm dazu nicht.

Guy Delisle beschreibt in seinen „Aufzeichnungen aus Birma“ sehr humorvoll die verschiedenen Auswirkungen des Regimes, wie er sie erlebt hat. Während man so einiges über den Alltag als Ausländer in Birma, Einkaufs- und Wohnsituationen und die Einheimischen, die der Zeichner in dem Jahr dort kennengelernt hat, erfährt, bemerkt man die Auswirkungen des Militärregimes vor allem bei der Arbeit der Ärzte. So endet der Comic auch damit, dass die französische Organisation, für die Guy Delisles Frau arbeitet, sich aus dem Land zurückzieht, weil sie dort nicht den Menschen helfen kann, die auf sie angewiesen wären.

Ansonsten gibt es viele kleine Episoden über die Dinge, die Guy Delisle so erlebt hat – wobei mehr oder weniger nebenbei auch ein Bombenattentat und ein Mord erwähnt werden. Aber bei aller Ernsthaftigkeit, wenn zum Beispiel über die Zeitungspolitik oder Zensur geredet wird, bleibt bei mir ein seltsam leichtes Gefühl nach dem Lesen zurück. Das ist ein bisschen wie nach der Lektüre eines „Dr. Siri“-Romans, wo man zwar trotz der amüsanten Präsentation einen Eindruck vom Leben innerhalb eines solchen Regimes bekommt, aber trotzdem das Gefühl hat, die Menschen versuchen innerhalb ihrer Grenzen das Beste aus der Situation zu machen. Vielleicht liegt es an dem (Galgen-)Humor des Zeichners (oder an der Nähe zwischen Birma und Laos, wo die „Dr. Siri“-Bücher spielen), aber bei all den beängstigenden und nachdenklich machenden Szenen überwiegt für mich am Ende bei diesem Comic das Gefühl, dass hier viele lustige und skurrile Situationen dargestellt wurden, die mich gut unterhalten haben.

Wer von euch Lust hat, sich mit Guy Delisle und seinen Erlebnissen im Ausland zu beschäftigen, dem empfehle ich die Comics in der Reihenfolge, in der sie entstanden sind, zu lesen. Also fangt in China mit „Shenzhen“ an, wandert dann mit dem Zeichner nach „Pjöngjang“ in Nordkorea und beendet die Reise mit den persönlicheren Episoden, die man in den „Aufzeichnungen aus Birma“ finden kann. Die Qualität der Zeichnungen und Geschichten steigert sich in meinen Augen von Band zu Band und so bietet jeder Teil neue und amüsante Eindrücke in ein fremdes Land.