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Emma Hooper: Etta und Otto und Russell und James

„Etta und Otto und Russell und James“ von Emma Hooper ist eine Zufallsentdeckung in der Bibliothek gewesen. Eigentlich hatte ich den Roman nur in die Hand genommen, um herauszufinden, ob er ein Jugendbuch ist oder nicht, da ich das Cover in der Beziehung etwas verwirrend fand – und dann bin ich nach dem ersten kurzem Anlesen hängen geblieben. Die Geschichte wird von der Autorin in einer ungewöhnlichen Form erzählt, so springt sie nicht nur von Perspektive zu Perspektive, sondern auch in der Zeit. Dabei verwendet sie eine stellenweise sehr schlichte und dann wieder überraschend poetische Sprache und lässt viele Elemente der Handlung ohne weitere Erklärung im Raum stehen, damit der Leser sich selbst ein Bild von den Ereignissen und den Figuren machen kann.

Der Roman beginnt damit, dass sich die 83jährige Etta auf den Weg zum Meer macht. Ihrem Ehemann Otto hinterlässt sie einen Brief, in dem sie ihn von ihrer Absicht unterrichtet, einen Stapel mit Rezeptkarten, damit er sich in ihrer Abwesenheit etwas kochen kann, und den Laster, während sie die über 3000 Kilometer bis zum Meer zu Fuß gehen will. Kurz überlegt Otto, ob er ihr hinterherfahren soll, beschließt dann aber, dass er Etta ihren Wille lassen wird. Vor vielen Jahren war er es, der wegfuhr und sie allein zurückließ, nun ist er an der Reihe, auf sie zu warten. Ihr Nachbar Russell hingegen kann nicht verstehen, dass Otto Etta einfach ziehen lässt. Deshalb verlässt er zum ersten Mal, seitdem er sie als junger Mann übernommen hat, seine Farm, um sich auf die Suche nach Etta zu machen.

Emma Hooper erzählt die Geschichte vor allem aus Ettas und Ottos Perspektive, wobei Russell in ihrer beider Leben immer eine große Rolle spielte. So erfährt man als Leser in kleinen und größeren Bruchstücken, wie die Kindheit der drei Personen war, wie sie aufwuchsen, wie der zweite Weltkrieg ihr Leben beeinflusste, wie Liebe und Freundschaft ihr Leben prägten und wie sich ihr Verhältnis im Laufe der Zeit immer wieder verändert hat und doch eine feste Konstante in ihrem Leben darstellte. Sehr schön gelingt es der Autorin dabei, zu zeigen, wie Etta inzwischen von Demenz beeinflusst wird. Sie erlebt auf ihrer Wanderung gute und schlechte Tage, Momente, in denen sie anderen Ratschläge geben kann und in denen sie mühelos für sich selbst sorgt, und dann wieder Phasen, in denen sie nicht mehr weiß, wer sie ist und in denen die Erlebnisse, von denen Otto ihr erzählt hat, ihre eigenen Erinnerungen überlagern. Außerdem gibt es da den Kojoten James, dem sie während ihrer Wanderung begegnet und mit dem sie im Laufe der Tage intensive Gespräche führt. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es dabei schon, dass der Kojote Etta antwortet – interpretieren kann der Leser dabei diese Dialoge, wie er will, da die Autorin keine Erklärung für James anbietet.

Die Kindheitserinnerungen von Otto und Russell sind geprägt von den Härten der Natur in Saskatchewan, wo eine Trockenperiode dazu führte, dass die Landwirtschaft brachlag und viele ihre Farmen in den 1930er Jahren aufgeben mussten. So ist Ottos Familie arm und kinderreich, und er und seine Geschwister wechseln sich mit dem Schulbesuch ab, damit immer genügend Kinder zuhause sind, um die anfallende Arbeit zu verrichten. Doch trotz aller Herausforderungen scheint es eine glückliche Kindheit gewesen zu sein, in der man sich umeinander kümmerte, trotz all der Verpflichtungen Zeit zum Spielen hatte und trotz des Nahrungsmittelknappheit ein unerwarteter weitere Esser Platz am Tisch fand. Ich muss gestehen, dass ich diese Kindheitserinnerungen wirklich faszinierend fand und sich mir kleine Informationen aus Nebensätze tief eingeprägt haben. So war es zum Beispiel nötig, dass man den Kühen regelmäßig Augentropfen verabreichte, weil sonst der umherwehende Sand zu Entzündungen geführt hätte. Ein Teil von mir findet die Vorstellung, dass man Nutztiere in einem so unwirtlichen Gebiet hält, wirklich irritierend, während ein anderer Teil die Hartnäckigkeit, mit der die Farmer durchhielten und gegen die widrigen Umstände ankämpften, bewundert.

Diese Akzeptanz des Unausweichlichen, die ich bei den Farmern und ihren Tieren fand, durchzieht eigentlich die ganze Geschichte. Es ist – auch wenn nicht darüber geredet wird – selbstverständlich, dass Russell und Otto Etta lieben, es ist ganz natürlich, dass Etta alt und dement ist und vor allem ist das kein Grund, sie an ihrem Vorhaben zu hindern. Auch wenn es für Otto schwer ist, dass er sie ziehen lassen muss, und obwohl er sich die ganze Zeit Sorgen und Gedanken macht, so akzeptiert er, dass das etwas ist, was sie tun muss, solange sie noch dazu in der Lage ist. Ich fand die Liebe zwischen diesen drei Charakteren herzzerbrechend wunderbar. Es gibt ein paar Rezensionen, in denen behauptet wird, dass Otto Etta gar nicht lieben würde, aber für mich ist seine Liebe zu ihr in jeder Geste, in jeder Erinnerung sehr präsent. Ihm ist eben bewusst, dass seine Liebe ihm kein Recht gibt, sie aufzuhalten, und wenn das bedeutet, dass er kaum noch essen und schlafen kann, dann ist das sein Problem. Es ist sehr schwierig zu beschreiben, was diese Geschichte in mir ausgelöst hat. Ich fand sie auf jeden Fall wunderbar zu lesen, mochte die Charaktere in all ihren Facetten und kann auch gut mit dem „offenen“ Ende leben, das für jeden Leser eine eigene Interpretation der Ereignisse zulässt. Ich bin mit meiner Variante davon, wie Ettas Reise endete, vermutlich zufriedener, als ich es mit einem von Emma Hooper vorgegebenen Happy End gewesen wäre.

Jocelyne Saucier: Ein Leben mehr

Über „Ein Leben mehr“ von Joycelyn Saucier bin ich durch einen Tweet von Papiergeflüster gestoßen, und da der Titel interessant klang, habe ich ihn letzte Woche in der Bibliothek ausgeliehen. Die Geschichte handelt von mehreren Personen, die an einem See in den nordkanadischen Wäldern aufeinandertreffen, und wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Angestoßen werden die Ereignisse von „der Fotografin“, die einige Jahre zuvor – durch eine zufällige Begegnung mit einer alten vogelfütternden Frau im Park – auf die Großen Brände aufmerksam wurde. Diese Brände haben zu Beginn des 20. Jahrhunderts ganze Landstriche in Kanada ausgelöscht, es gab viele Tote und natürlich haben die Erlebnisse während der Brände die überlebenden Personen geprägt.

Eine Legende aus dieser Zeit dreht sich um den geheimnisvollen Ted, Ed oder Edward Boychuck, der nach dem Brand von Matheson tagelang durch das zerstörte Land irrte. Und um diesen Boychuck zu finden, macht sich die Fotografin auf in die Wälder, wo er angeblich leben soll. Doch statt auf Boychuck trifft sie auf Tom und Charlie, die sich in den letzten Jahren das Seeufer mit dem legendären Mann geteilt haben. Jeder dieser alten Männer hatte seine ganz eigenen Gründe, sich in die Wälder zurückzuziehen, jeder von ihnen suchte nach Einsamkeit und Ruhe, und doch lebten sie nah genug beieinander, um sich gegenseitig helfen zu können. Durch das Auftauchen der Fotografin, durch ihre Fragen und durch weitere Ereignisse wird das Leben von Tom und Charlie durcheinandergewirbelt.

Da nicht wirklich viel in diesem Roman passiert, will ich nicht zu viel über den Inhalt verraten – der Klappentext hat meiner Meinung nach schon ein Detail zu viel preisgegeben, was ich beim Lesen etwas schade fand. „Ein Leben mehr“ ist eine ruhige Geschichte über eine Handvoll Menschen, die aus sehr unterschiedlichen Gründen aufeinandertreffen und die man als Leser für gut ein Jahr auf ihrem Weg begleitet. Während die einen ein bescheidenes und anspruchsloses Leben führen und sich sicher sind, dass es genauso bis zu ihrem Tod weitergehen wird, machen sich andere Figuren überhaupt keine Gedanken um die Zukunft, sondern leben im Hier und Jetzt ohne jeglichen Ehrgeiz. Die Fotografin hingegen ist eindeutig auf der Suche – vordergründig nur nach den Überlebenden der Großen Brände, die sie ablichten will, bevor auch noch die letzten von ihnen versterben, doch es steckt mehr hinter ihrer Reise.

Viele Dinge werden in diesem Buch nicht ausgesprochen und es bleibt dem Leser überlassen, sich seine Gedanken zu machen. Es ist auf jeden Fall eine leise Geschichte über das Leben, die Liebe und den Tod und die Suche nach der richtigen Art, sein Leben zu verbringen. „Ein Leben mehr“ erzählt von den Neuanfängen, die sich in manchen vermeintlichen Sackgassen verbergen, davon, dass es nie zu spät ist, einen ungewöhnlichen Weg einzuschlagen, aber auch davon, dass es manchmal an der Zeit ist, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich nicht mit allen Wendungen glücklich war. Allerdings fand ich die kursiven Abschnitte, die vor jedem Kapitel etwas über die verschiedenen Personen erzählen, sehr gewöhnungsbedürftig. Anfangs war ich sogar teilweise verärgert, weil ich diese Passagen als überflüssig empfand. Die gleichen Informationen hätte man auch in den restlichen Text packen können, ohne das eine oder andere Ereignis schon einmal vorwegzunehmen oder Beschreibungen zu verwenden, die ich als irritierend ungenau empfand. Doch am Ende bleibt vor allem die Erinnerung an interessante Charaktere, die man ein paar Monate begleiten durfte, und an die wunderschöne, heilsame und erbarmungslose Natur Kanadas.

Lucy Maud Montgomery: Anne auf Green Gables 5-8 (Hörspiel)

Im November hatte ich die erste „Anne of Green Gables“-Box gehört und sehr genossen. So war es abzusehen, dass ich mir auch die zweite Box besorgen und bald hören würde – was ich in den letzten Wochen bei der Gartenarbeit dann auch gemacht habe. Beinah könnte ich meine erste Rezension hier reinkopieren und es dabei belassen, aber ein paar kleine Unterschiede gibt es doch zwischen dem ersten Roman (der mit den ersten vier Hörspielen umgesetzt wurde) und dem zweiten Teil, in dem Anne ihre ersten Erfahrungen als Lehrerin in der kleinen Schule von Avonlea macht.

Inzwischen ist Anne deutlich erwachsener geworden, was sie natürlich nicht davon abhält weiter ihre Tagträume zu genießen und sich allerlei Dinge auszumalen. Aber so gern sie ihre Fantasie auslebt, so bleibt ihr nicht viel Zeit zwischen ihrer Arbeit als Lehrerin, ihrer Tätigkeit für den Dorfverschönerungsverein und der Unterstützung, die sie Marilla geben muss, die sich um die Zwillinge einer verstorbenen Verwandten kümmert.

Doch obwohl Anne reifer ist als in dem ersten Band der Serie (bzw. den ersten vier Hörspielen), gibt es genügend Momente, in denen der temperamentvolle junge Frau amüsante Missgeschicke passieren wie an dem Tag, an dem sie die Kuh des Nachbarn verkauft oder ihren verbliebenen sieben Sommersprossen mit einer Tinktur zu Leibe rücken möchte. Dazu kommen diverse Momente mit ihren Schülern, die sie zum Teil in Verzücken versetzen – wie der fantasiebegabte Paul – oder zur Verzweiflung treiben. Und während ihre gleichaltrigen Freundinnen schon über Verlobungen nachdenken, weiß Anne noch lange nicht, was sie von dem Thema zu halten hat. Natürlich träumt sie immer mal wieder von dem perfekten Mann für sich, doch in der Realität hat sie so einen „Traummann“ noch nicht getroffen.

Ich habe mich mit den kleinen und großen Geschichten rund um Annes zwei Jahre als Lehrerin von Avonlea sehr amüsiert. Trotzdem muss ich immer wieder feststellen, dass dieser Fortsetzung ein bisschen das Gefühl von Frische und Spontanität fehlt, das mir im ersten Band so gefallen hat. Anne ist nun mal älter und erwachsener geworden und das spiegelt sich auch in ihrem Verhalten und den Dingen, die sie beschäftigen wieder. Und so niedlich die diversen Streiche sind, die ihre Schützlinge spielen, so berühren sie mich nicht so wie Annes Missgeschicke als Schülerin. Aber auch wenn diese Geschichten nicht an Annes erste Jahre auf Green Gables heranreichen, so hat es wieder Spaß gemacht ihr Leben zu verfolgen, die vertrauten Personen zu treffen und zu sehen, wie das Leben für alle weitergeht. Ein bisschen habe ich zwar das Gefühl, dass ich Matthew ebenso sehr vermisse wie Anne, aber dafür habe ich den neuen Nachbarn schnell ins Herz geschlossen.

Auch mit der Sprecherauswahl bin ich wieder zufrieden. Sowohl die vertrauten Sprecher, die man schon bei den ersten vier Hörspielen kennenlernen konnte, als auch die neuen wurden sehr passend ausgewählt. Je nach Charakter der Figur bekommt man wunderbar brummige, aufgeregt-mädchenhafte oder angenehme „Altdamen“-Stimmen zu hören. Sogar bei der Besetzung der Kinder bin ich zufrieden, obwohl die bei Hörspielen doch oft ganz schrecklich klingen. Hier hingegen kann ich eine gewisse Künstlichkeit bei den Kinderstimmen hauptsächlich auf die altmodische Sprache schieben und bin zufrieden. 😉

Lucy Maud Montgomery: Anne auf Green Gables 1-4 (Hörspiel)

Vor gut 1 1/2 Jahren habe ich mit großem Vergnügen wieder einmal „Anne auf Green Gables“ gelesen. Zu dem Zeitpunkt war ich fest entschlossen bald einmal die Fortsetzung der Geschichte zu lesen oder zumindest endlich mal die Hörspiel-Version zu hören, die schon so lange auf meinem Hörbuch-SuB herumlag. Aber natürlich kam mir immer wieder etwas dazwischen, so dass die Fortsetzung weiterhin nur angelesen auf meinem eReader liegt und die Hörspiele im Regal Staub ansetzten.

Da ich aber Sonntag wusste, dass ich für den Montag viel Hörunterhaltung brauchen würde, und weil ein Hörbuch nach dem anderen sich nicht richtig auf den Player packen ließ (es bringt einfach nichts, wenn sich die Tracks nicht in die richtige Reihenfolge bringen lassen oder nur eine CD richtig abgespielt wird, wenn ich mindestens drei Stunden am Stück etwas hören möchte und meine Tätigkeit nicht mal eben unterbrechen kann, um den Player neu zu bespielen) wurde es endlich Zeit die CDs aus dem Regal zu holen.

Obwohl ich mich dieses Mal an viel mehr Details noch erinnern konnte, fand ich es wieder schön nach Green Gables zu reisen, gemeinsam mit Anne die Geschwister Cuthbert und ihre Nachbarn kennenzulernen und die großen und kleinen Abenteuer des rothaarigen Waisenmädchens zu verfolgen. Ich glaube, Anne Shirley ist die einzige Romanfigur, der ich es verzeihen kann, dass sie nicht nur ungemein viel Fantasie hat, sondern auch entsetzlich „romantisch“ ist. So stellt sie sich als kleines Mädchen gern vor, wie romantisch es doch wäre dahinzusiechen oder die Haare aufgrund einer Krankheit zu verlieren (statt dafür die „Hilfe“ eines Hausierers in Anspruch zu nehmen :D).

Für die eher pragmatischen Geschwister Matthew und Marilla Cuthbert sind Annes fantastische Gedankenspiele ebenso befremdlich wie ihre Neigung den ganzen Tag durchzuplappern und all ihre Beobachtungen und Gedanken mit ihrer Umgebung zu teilen. Während Marilla sich bemüht Anne zu einem ordentlichen und vernünftigen Mädchen zu erziehen, genießt Matthew das unbeschwerte und fröhliche Wesen von Anne und verwöhnt sie, wann immer es ihm möglich ist. Ich finde es immer wieder wunderschön zu verfolgen, wie Matthew und Marilla Anne ins Herz schließen und sich sogar die diversen misstrauischen Nachbarn mit Anne anfreunden und schließlich sogar stolz auf ihre Entwicklung und ihre Leistungen werden.

Dabei passieren Anne im Laufe der gut vier Jahre, die man in den ersten vier Hörspielen (bzw. dem ersten Roman) verfolgen kann, so einige amüsante Missgeschicke, so dass die Geschichte bei aller Betulichkeit wirklich charmant und sehr kurzweilig erzählt wird. Oh, und da ich ja genau weiß, was am Ende der vierten CD auf mich zukam, hatte ich beim Hören die ganze Zeit einen Kloß im Hals bis schließlich die Tränen kullerten – nur gut, dass ich zu dem Zeitpunkt nicht im Garten war, sondern nur die Katzen fütterte. 😉

Ein bisschen hatte ich vor dem Hören Angst, dass die Sprecherauswahl nicht meinen Geschmack treffen würde, aber zum Glück ist das nicht eingetroffen. Marie Bierstedt macht ihre Sache als Anne sehr gut und trifft den richtigen Ton, um Annes dramatische Art so darzustellen, dass es immer noch liebenswert und amüsant rüberkommt, und dass man nachvollziehen kann, warum sie so schnell Freunde findet. Besonders gefreut hatte ich mich über die Wahl von Jochen Schröder für Matthew, denn dessen Stimme mag ich sehr und sie passte perfekt zu dem zurückhaltenden und liebenswerten Mann. Auch Marilla wird sehr stimmig von Dagmar von Kurmin dargestellt, so dass man bei aller Zurückhaltung, allen Anweisungen und Rügen doch immer mehr die Zuneigung durchschimmern hört, die die ältere Frau für Anne empfindet.

Sehr schmunzeln musste ich, als ich die Stimme von Regina Lemnitz erkannte, die Rachel Lynd darstellte, denn die schwatzhafte und häufig penetrante Nachbarin der Cuthberts hat schon den einen oder anderen Zug mit der Figur „Roseanne Conner“ gemeinsam (auch wenn sie natürlich deutlich respektabler ist :D). Auch die weiteren Rollen bei diesem Hörspiel wurden wirklich gut besetzt, kein Sprecher fiel mir negativ auf und selbst die Nebenfiguren, die eher selten vorkamen, hatten stimmlich einen hohen Wiedererkennungwert. Ich weiß nicht, ob ich mir die weiteren Teile des Hörspiels noch besorgen werde – es sind ja schon noch einige CDs, die mir da fehlen -, aber mein Zögern hängt wirklich nur mit der Menge der Veröffentlichungen zusammen und nicht mit der Qualität, denn die ist mehr als zufriedenstellend.

Frances Greenslade: Der Duft des Regens

Über „Der Duft des Regens“ von Frances Greenslade bin ich auf mehreren Blogs gestolpert und wurde dadurch so neugierig auf das Buch, dass ich es in der Bibliothek vormerkte. Die Grundgeschichte dieses Romans ist schnell erzählt: Maggie und Jenny erleben eine (scheinbar) glückliche Kindheit mit ihren Eltern in einer kleinen Ansiedlung in Kanadas Wäldern. Doch nach dem Tod des Vaters dauert es nicht lange, bis die beiden Mädchen von ihrer Mutter bei einem fremden Ehepaar zurückgelassen werden. Man erlebt die Geschichte aus der Sicht von Maggie, die beim Verschwinden ihrer Mutter gerade mal elf Jahre alt ist und die sich viele Jahre an den Gedanken klammert, dass es die Aufgabe ihrer Mutter sei, sie zu finden, und nicht ihre Aufgabe, ihre Mutter zu suchen.

Frances Greenslade hat für diesen Roman wunderbare Charaktere geschaffen. Während die ältere Jenny recht mädchenhaft ist, gern Zeit mit ihren Freunden verbringt und sich zu einem „ganz normalen“ lebenslustigen Teenager entwickelt, ist Maggie burschikoser. Sie fühlt sich in der Natur wohl, sie steht gern auf eigenen Beinen und sie hat das Bedürfnis, sich um alles zu kümmern. Auch die Beschreibungen all der kleinen und größeren Momente, die Maggie mit ihrer Familie in ihrer Kindheit erlebt hat, sind wunderschön. Die Autorin beschreibt kleine Zeltausflüge, gemütliche Abende daheim – und wie geborgen sich Maggie an der Seite ihres Vaters fühlt und wie wunderschön und verheißungsvoll die Autofahrten mit ihrer Mutter sind.

Hier betonen die meisten Rezensionen, die ich gelesen habe, wie harmonisch und heil die Kindheit der beiden Mädchen war und wie wenig sie doch davon ahnten, dass auch ihre Eltern Probleme hatten. Diese Einschätzung kann ich beim besten Willen nicht teilen. Maggie macht sich schon als kleines Kind ständig Sorgen. Sie registriert Verstimmungen zwischen ihren Eltern, sie macht sich Sorgen, dass sie ihren Vater verlieren könnte, und sie steht nachts auf, um nachzugucken, ob ihre Schwester und ihre Eltern noch sicher in ihren Betten liegen und ob sie noch atmen. Das zeigt mir, dass das Mädchen schon merkt, dass bei aller Harmonie und bei all der Liebe, die die Eltern für sie haben, das Leben keine Sicherheit bietet, dass auch Eltern Menschen sind, die Bedürfnisse haben und Fehler machen, und dass ihre kleine und relativ heile Welt sehr zerbrechlich ist.

Gerade diese Zerbrechlichkeit macht für mich diese Szenen so eindringlich. All die Schönheit, diese Liebe und dieses Verständnis, die Großartigkeit der Natur und die stimmungsvollen Winterabende am Ofen, all das hat eben auch seine Schattenseiten –  und selbst wenn Maggie dies als Kind nicht richtig begreifen oder gar in Worte fassen kann, so ist es ihr schon bewusst. Jahre später, als sie vierzehn ist, macht sich Maggie auf die Suche nach ihrer Mutter und lernt ihre Eltern als Menschen mit einer eigenen Persönlichkeit und einer nicht ganz einfachen Vergangenheit kennen. Das alles macht „Der Duft des Regens“ zu einer melancholischen Geschichte vom Erwachsenwerden, zu einer Geschichte voller zerbrochener Hoffnungen und Träume, aber auch zu einer Geschichte von starken Menschen und von dem berauschenden Gefühl, zu lieben. Sehr leise erzählt und bei aller Traurigkeit wunderschön.

[Kurz und knapp] Liz Brady: Tod in Toronto

Manchmal stehe ich in der Bibliothek, halte meine Vormerkungen in der Hand und habe das Gefühl, dass ich nicht mit so wenigen Büchern wieder gehen kann. Das sind die Momente, in denen ich – ohne groß nachzudenken oder gar den Klappentext zu lesen – zu Romanen greife und sie mir probeweise ausleihe. „Tod in Toronto“ war genau so eine spontane Ausleihe. Im Hinterkopf hatte ich dabei, dass ich das Buch ja in der nächsten Woche ungelesen zurückgeben kann, wenn es mir nicht gefällt.

Inzwischen habe ich rausgefunden, dass „Tod in Toronto“ (mindestens) der zweite Titel von Liz Brady rund um die Autorin Jane Yeats ist. Das führt dazu, dass man im Roman immer wieder Verweise auf frühere Ereignisse findest, was aber beim Lesen nicht das Gefühl hinterlässt, man hätte etwas verpasst. Die Handlung des Kriminalromans ist recht simpel: Janes Nachbarin, eine drogenabhängige Prostituierte, wird ermordet, und da Jane ein schlechtes Gewissen hat, weil sie ständig über die Tote gelästert hatte, will sie unbedingt, dass der Mörder gefasst wird. Das alles ist zwar nicht so spannend, aber unterhaltsam geschrieben, wenn auch die Auflösung der Verbrechen (ja, es gibt im Laufe des Romans mehrere) recht offensichtlich war.

Ein weiterer Kritikpunkt ist in meinen Augen die unrunde Erzählweise: Bei einigen Sätzen bin ich mir nicht sicher, ob dieses Gefühl von Unstimmigkeit durch die Übersetzung entstanden ist, bei anderen Wendungen hingegen gehe ich davon aus, dass die Autorin sie so gebastelt hat, und empfinde sie als unnatürlich im Zusammenhang mit dem restlichen Text bzw. der aktuellen Situation. Um euch ein Beispiel zu bieten, zitiere ich mal einen Teil über die rasante Motorradfahrt gegen Ende der Geschichte, bei der die Protagonistin so schnell wie möglich ihr Ziel erreichen muss, weil sie befürchtet, dass sich dort ihre Freundin seit einigen Stunden in der Gewalt eines Serienmörders befindet:

„Einmal geriet ich auf eine grasbewachsene, vom Frost spröde Böschung. Ich kitzelte aus meiner Lendenrakete die Vorstellung ihres Lebens heraus. Normalerweise treibt es mich zum Bike-Orgasmus, diese fünfhundert Pfund Metall mit der Gewandtheit eines Snowboarders zu lenken. Heute Nacht allerdings war ich mir bewusst, wie schnell ein Motorrad auf glitschiger Unterlage wegrutscht, und konzentrierte mich darauf, in einem Stück anzukommen.“ (Tod in Toronto, S. 296)

Lendenrakete?! Jupp, genau die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen würden, während ich um das Leben einer Freundin bange …

Was mich an dem Roman hingegen faszinierte, waren die Charaktere, die zum Teil wirklich liebevoll dargestellt wurden, und ein Gefühl von Nostalgie. Obwohl der Roman 2001 in Kanada erstveröffentlicht wurde und auch in der Geschichte immer wieder darauf verwiesen wird, dass die Handlung nach 2000 spielt, fühlte sich das Ganze für mich eher nach den 80er-Jahren an. Auf der einen Seite gibt es immer wieder feministische Gedanken und Diskussionen über Prostitution, die mir so vor allem in Büchern begegnet sind, die in den 80er-Jahren (in Großbritannien) spielten. Und auf der anderen Seite habe ich schon lange nicht mehr von einer Protagonistin gelesen, die so hemmungslos trinkt und raucht. Das ist mir eigentlich als Erstes ins Auge gesprungen: Jane Yeats raucht mit einer Selbstverständlichkeit, die mir in den letzten fünfzehn Jahren nicht mehr in Romanen begegnet ist. Ich gebe zu, dass ich als Nichtraucherin, die mit Übelkeit, Kopf- und Halsschmerzen auf Zigarettenrauch reagiert, sehr froh bin, dass immer weniger Menschen (öffentlich) rauchen, aber auf der anderen Seite habe ich bei diesem Buch wieder mal bemerkt, wie präsent Zigaretten früher in Romanen (und Filmen) waren. Schon seltsam, was einem manchmal so ins Auge springt, wenn man ein Buch liest …

Insgesamt war „Tod in Toronto“ also ganz nett zu lesen, aber das Einzige, was ich verpasst hätte, wenn ich es nicht ausgeliehen hätte, wäre eine Runde nostalgischer Gedanken gewesen. 😉

Tanya Huff: The Complete Keeper Chronicles

„The Complete Keeper Chronicles“ von Tanya Huff war mein Mai-Buch für meine persönliche English-Challenge. Genauer gesagt waren es drei Romane in einem Sammelband. Wenn jemand von euch nach meiner Rezension auf die Trilogie neugierig geworden sein sollte, dann gebe ich euch einen dringenden Rat: Lest nicht die Inhaltsangabe von Band 2 und 3, denn dann fangt ihr euch böse Spoiler ein! „The Complete Keeper Chronicles“ beinhaltet die Bände „Summon the Keeper“, „The Second Summoning“ und „Long Hot Summoning“. Während der erste Teil sich vor allem um Claire Hansen dreht, spielt bei den anderen beiden Romanen ihre kleinen Schwester Diana eine größere Rolle.

Doch erst einmal zu „Summon the Keeper“: Claire Hansen ist ein Keeper, was bedeutet, dass sie dafür verantwortlich ist, Löcher im „Gewebe“ der Welt zu stopfen. Diese Löcher entstehen zum Beispiel durch besonders böse Taten und können nicht nur das Gleichgewicht der Welt stören, sondern auch dem Bösen Zugang zu unserer Realität verschaffen. Um diese Löcher zu stopfen, muss Claire Magie anwenden, und das tut sie dort, wohin sie gerufen wird. Seit sie die Schule abgeschlossen hat – was vor zehn Jahren war -, lebt sie aus dem Koffer und reist mit ihrem Kater Austin zu den Punkten, an denen sie gebraucht wird.

In „Summon the Keeper“ zieht sie der Ruf nach Kingston. Doch bevor sie den genauen Punkt findet, an dem sie eingreifen soll, landet sie zur Übernachtung in einem vernachlässigtem Hotel. Und als Claire am nächsten Morgen aufwacht, muss sie feststellen, dass sie von nun an für das „Elysian Fields Guest House“ verantwortlich ist, inklusive Dean, dem „Mädchen für alles“, einem unvermietbaren Zimmer mit einer Dame im Dornröschenschlaf und einem der gefährlichsten Kellerräume, die sich ein Keeper nur vorstellen kann. Zum Glück ist der ewig hungrige Austin jederzeit bereit, ihr mit Ratschlägen und frechen Bemerkungen beizustehen.

Tanya Huff meint im Vorwort, dass ihr Versuch, einen witzigen Roman zu schreiben, für sie extrem heraufordernd war, aber meiner Meinung nach ist ihr das wirklich gut gelungen. Trotz des einen oder anderen eher billigen Witzes und einiger vorhersehbarer Wendungen habe ich mich sehr gut beim Lesen amüsiert. Und das nicht nur beim ersten Band der Trilogie, sondern auch bei den weiteren beiden Teilen, obwohl da einige Elemente schon vertraut waren und Austins Humor auf Dauer etwas sehr bauch- und überlegenheitsbewusstseinsgesteuert ist.

Ich mochte die Charaktere, und sogar für die Hölle (*g*) habe ich im Laufe der Geschichte so etwas wie Sympathie empfunden. Doch vor allem – und da muss ich zugeben, dass ich das in „The Second Summoning“ und in „Long Hot Summoning“ etwas vermisst habe – das Hotel hat mich schnell gefangen genommen. Im „Elysian Fields Guest House“ wird einfach alles möglich, und neben der einzigartigen Atmosphäre und der guten Küche tragen auch die verschiedenen Gäste zu einem entspannten Aufenthalt (oder eben ein paar verflixt unterhaltsamen Lesestunden) bei. Wer amüsante Urban-Fantasy mit sympathischen Charakteren, vielen Katzenmomenten und ungewöhnlichen Bösewichten mag, der kann mit „The Complete Keeper Chronicles“ eigentlich nur dann etwas falsch machen, wenn er damit Probleme hat, sehr, sehr schwere Bücher längere Zeit in der Hand zu halten.

Lucy Maud Montgomery: Anne auf Green Gables

„Anne auf Green Gables“ von Lucy Maud Montgomery ist für mich mal wieder ein Re-Read und wurde von mir für die „100 Bücher“-Challenge gelesen. Das erste Mal habe ich die Anne-Geschichten als Teenager gelesen, als ich die Bücher von zwei Freundinnen geliehen bekommen hatte. In den folgenden Jahren habe ich die zwar immer mal wieder gelesen, aber da ich die Romane nicht selber hatte, ist das letzte Mal so lange her, dass ich mich nur noch an die Charaktere erinnern konnte und an fast keine Details. Umso schöner war es jetzt, die ganzen kleinen und großen Abenteuer und Katastrophen von Anne noch einmal so erleben zu können, als würde ich die Geschichte zum ersten Mal lesen.

Doch erst einmal zum Inhalt: Auf der Farm Green Gables leben die beiden älteren Geschwister Marilla und Matthew Cuthbert, die eines Tages beschließen, einen zehnjährigen Jungen zu adoptieren, der Matthew bei der Farmarbeit zur Hand gehen kann. Doch statt eines kleinen Jungen wartet eines Tages die rothaarige und fantasiebegabte Anne Shirley auf dem Bahnhof darauf, dass sie abgeholt wird. Ist Marilla anfangs noch wild entschlossen, das Missverständnis aufzuklären und das unerwünschte Mädchen wieder zurück ins Waisenhaus zu schicken, so verfällt auch diese spröde Frau schnell dem sonnigen und plappernden Wesen von Anne.

So engagiert Matthew einen Jungen aus dem Ort für die Farmarbeit und verbringt die folgenden Jahre damit, Anne zu verwöhnen, wenn Marilla bei ihrer Erziehung mal wieder zu streng und sachlich vorgeht. Dabei stellt das rothaarige Mädchen mit all seinen Einfällen das Leben der beiden Geschwister gründlich auf den Kopf – und wenn nicht ihre Fantasie sie in Schwierigkeiten bringt, dann passieren ihr immer wieder Missgeschicke, die sie zutiefst unglücklich machen, weil sie es doch nur gut gemeint hat. So serviert sie ihrer besten Freundin statt des selbstgemachten Johannisbeersafts von Marilla den ebenfalls selbstgebrauten Johannisbeerwein oder verwechselt beim Kuchenbacken aus Versehen die Zutaten … So klein und banal diese Szenen zu sein scheinen, so amüsant werden sie von der Autorin erzählt.

Große, dramatische Ereignisse gibt es kaum, aber viele kleine Momente, die für die junge Anne manchmal das Ende der Welt zu sein scheinen. Aber natürlich erlebt das Waisenmädchen bei den Cuthberts auch viele schöne und unvergessliche Stunden, übersteht abenteuerliche Ereignisse mit ihren Freundinnen oder heimelige und liebevolle Momente auf Green Gables. Mir hat es so viel Spaß gemacht, Annes Aufwachsen auf Green Gables zu verfolgen, dass ich prompt für knapp 2 Euro das Gesamtwerk der Autorin für den Kindle runtergeladen habe und mich frage, warum ich gerade diese Kinderbücher nie nachgekauft habe. Wenn ich endlich mal all die anderen Lesevorhaben für diesen Monat erledigt habe, werde ich wohl nach Avonlea zurückkehren, wieder in Annes Welt abtauchen und herausfinden, wie der neue Nachbar reagiert, wenn er erfährt, dass sie aus Versehen seine Jerseykuh verkauft hat.