Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Amy Sparkes: The House at the Edge of Magic

„The House at the Edge of Magic“ gehört zu den vielen Kinderbüchern, die mir so oft bei Twitter untergekommen sind, dass ich doch irgendwann schwach geworden bin. Wobei es kein Wunder ist, dass mich die Geschichte von Amy Sparkes angesprochen hat, denn ich habe ja bekanntermaßen eine Schwäche für magische Häuser und für „Found Family“-Geschichten. Die Handlung dreht sich um Nine, die als Dreijährige von „Pocket“, dem Anführer einer Bande von Taschendieben, gefunden wurde. Glücklich ist sie mit dem Leben als Taschendiebin nicht, aber bevor sie Pocket verlassen kann, muss sie erst genügend stehlen, um auch ohne die Sicherheit der Bande eine Zukunft haben zu können. Eines Tages stiehlt sie ein kleines Ornament – in Form eines Hauses – aus der Tasche einer reichen Lady. Zu Nines Überraschung verwandelt sich dieses Schmuckstück in ein richtiges (und sehr wunderlich aussehendes) Gebäude, als sie den Türklopfer betätigt, und sie erfährt, dass es nun ihre Aufgabe sei, den Fluch einer Hexe zu brechen.

Diese Hexe hat nicht nur das Haus (at the Edge of Magic) verflucht, sondern sorgt auch dafür, dass die Bewohner dieses fantastischen Gebäudes schon seit drei Jahren keinen Schritt vor die Tür gehen konnten. Aber nicht nur diese Nebeneffekte des Fluches quälen den Magier Flabberghast, seinen Haushälter-Troll Eric und ihren Gast Dr. Spoon, es gibt noch so einige andere Nachteile, wie Nine im Laufe der Zeit entdecken muss. Um dafür zu sorgen, dass Nine auch wirklich den Fluch bricht, verspricht Flabberghast ihr ein Juwel, das so kostbar ist, dass es ihr eine sorgenfreie Zukunft verschaffen kann. Was ich an Nine wirklich mochte, ist, dass sie sich von all der Magie nicht einschüchtern und beeindrucken lassen will. Manche Dinge machen ihr Angst und manche Elemente des Fluchs sind einfach nur sehr absurd, aber Nine ist grundsätzlich bereit, es mit allem aufzunehmen, wenn ihr dies eine Verbesserung ihrer Lebensumstände bringt. Dabei muss sie auch damit fertig werden, dass Flabberghast ihr – aus ganz persönlichen Gründen – nicht immer alle notwendigen Informationen zur Verfügung stellt, um die verschiedenen Schritte des fluchbrechenden Zaubers auszuführen.

Ich muss gestehen, dass ich das Buch lange Zeit nur „sehr nett“ fand, wobei „sehr nett“ ja definitiv nichts Schlimmes ist, wenn es um unterhaltsame Kinderbücher geht. Ich habe mich wunderbar über Flabberghast, Eric und all die skurrilen und fantastischen Elemente rund um das magische Haus amüsiert. Ich habe die kleinen Szenen mit Nine und dem Bibliothekar, der fast so etwas wie ein Freund für sie ist, sehr genossen, und ich habe mich keinen Moment lang gelangweilt beim Lesen. Aber so richtig gepackt hat mich die Geschichte lange Zeit nicht, weil „The House at the Edge of Magic“ sich zu wenig von anderen netten, fantastischen Kinderbüchern unterschied, die ich gelesen habe. Dann aber kamen die letzten Kapitel, in denen Nine mehr über die Hexe erfährt, die das Haus und seine Bewohner verflucht hat. Diese Hintergründe sorgten nicht nur dafür, dass ich einige der vorhergehenden Ereignisse aus einer anderen Perspektive sah, sondern auch dafür, dass ich das Ende deutlich berührender fand, als ich erwartet hätte.

Was bedeutet, dass ich mir vermutlich auch die (am Ende des Romans angekündigte) Fortsetzung besorgen werde, wenn ich mitbekomme, wenn diese veröffentlich wird. Ich hoffe, dass Amy Sparkes mich dann ebenso mit ihrer Geschichte berühren kann wie mit dem Ende dieses Romans. Ansonsten muss ich gestehen, dass mich ihre bislang erschienenen Titel wenig reizen, da sie eindeutig für ein noch jüngeres Publikum geschrieben wurden als „The House at the Edge of Magic“. Ansonsten kann ich noch mitteilen, dass es im Oktober eine deutsche Veröffentlichung des Buchs mit dem Titel „Das Haus am Rande der Magie“ geben wird. Falls also jemand, der nicht so gern auf Englisch liest, neugierig auf Nines Abenteuer rund um dieses fantastische Haus geworden ist, gibt es in wenigen Wochen die Chance, trotzdem die Geschichte zu lesen.

L. D. Lapinski: The Strangeworlds Travel Agency

„The Strangeworlds Travel Agency“ von L. D. Lapinski gehört zu den Büchern, um die ich eine ganze Weile herumgeschlichen bin, weil ich mir nicht sicher war, ob es was für mich sein würde. Grundsätzlich mag ich ja fantastische Middle-Grade-Geschichten, aber die Sache mit den vielen verschiedenen Welten und dem Reisen durch Koffer hatte mich etwas abgeschreckt. Als dann aber Anfang des Jahres so viel Werbung rund um den zweiten Titel („The Edge of the Ocean“) gemacht wurde, bin ich doch schwach geworden und kann inzwischen sagen, dass meine Vorurteile sich nicht bestätigt haben- was wohl daran liegt, wie die Autorin die magischen Elemente ihrer Geschichte vorstellt. Nach einem kleinen Einblick in Jonathan Mercators Alltag als Custodian der fantastischen Strangeworlds Society lernt man durch die Augen der zwölfjährigen Flick (Felicity Hudson) die Strangeworlds Travel Agency kennen und erfährt ein bisschen mehr über die Hintergründe des Multiversums und der Spalten (Schism), die – in Koffern eingeschlossen – das Reisen in andere Welten ermöglichen.

Ich mochte Flicks Perspektive sehr gern und fand es schön mitzuerleben, wie sie durch die Bekanntschaft mit Jonathan einen Weg findet, um ihrem doch recht verantwortungsvollen Alltag zu entfliehen. Flicks Leben ist definitiv nicht schlecht, sie liebt ihre Familie und sie versteht, dass ihre Eltern ihr so viele Pflichten aufbürden, weil sie keine andere Wahl haben. Aber natürlich wäre es ihr deutlich lieber, wenn sie sich nicht täglich um die Wäsche, das Essenkochen und andere Sachen kümmern müsste und stattdessen einfach freie Zeit für sich hätte. Flick träumt schon seit Langem davon, Fernreisen zu unternehmen, und Jonathan lässt diesen Traum für sie wahr werden – dafür muss sie nur ein paar Stunden Zeit freischaufeln, in denen sie dann ein ganz besonderes Abenteuer erleben kann. Doch natürlich ist nicht alles rund um die Strangeworlds Society eitel Sonnenschein. Von Anfang an wird deutlich, dass Jonathan mit seiner ererbten Aufgabe ziemlich überfordert ist und dass das Verschwinden seines Vaters mit seltsamen Vorfällen im Multiversum zusammenhängt. Auch gibt es immer wieder Momente, in denen seine Erklärungen und Erzählungen Lücken aufzuweisen scheinen, von denen einem beim Lesen natürlich bewusst ist, dass diese Auslassungen noch gravierende Folgen für ihn und Flick haben werden.

So schwingt selbst bei den heiteren, magischen Momenten immer eine Spur von Bedrohlichkeit mit, die ich persönlich sehr genossen habe. Mir gefiel diese Mischung aus amüsanten Szenen und Andeutungen von drohender Gefahr, ebenso wie der Kontrast aus Flicks sehr pragmatischem Alltag und all den wundervollen und fantastischen Dingen, die sie beim Reisen erleben darf. Dazu kommt noch, dass L. D. Lapinski mit Flick und Jonathan glaubwürdige Figuren geschaffen hat, die grundsätzlich liebenswert, aber definitiv nicht ohne Fehler und Macken sind. Die wachsende Freundschaft zwischen den beiden ist wirklich schön zu verfolgen, ebenso wie das Kennenlernen all der Bekanntschaften, die Flick (und Jonathan) im Laufe der Zeit in den anderen Welten machen. Ich muss gestehen, dass ich sehr hoffe, dass einige dieser Nebenfiguren in den weiteren Bänden noch eine Rolle spielen werden, denn ich habe viele dieser Charaktere ins Herz geschlossen. Insgesamt habe ich mich von „The Strangeworlds Travel Agency“ wirklich gut unterhalten gefühlt, weshalb ich mich schon sehr auf die kommenden beiden Teile der Trilogie freue und gespannt bin, welche Entdeckungen es noch rund um diese ungewöhnliche Society geben wird.

Oh, und auf Deutsch gibt es den ersten und zweiten Band auch schon mit den Titeln „Strangeworlds – Öffne den Koffer und spring hinein!“ und „Strangeworlds – Reise ans Ende der Welt“. Ich verkneife mir an dieser Stelle erneut eine Anmerkung zu den deutschen Titeln … *seufz*

Gail Carson Levine: A Tale of Two Castles

Über die Autorin Gail Carson Levine bin ich schon früher gestolpert, aber bislang haben mich ihre Geschichten nicht gereizt, obwohl märchenhafte Fantasy ja eigentlich genau mein Ding ist. Bei „A Tale of Two Castles“ hat mich dann der Hinweis auf ein zu lösendes Geheimnis rund um einen gestaltwandelnden Oger dazu gebracht, dem Roman eine Chance zu geben. Die Geschichte beginnt damit, dass sich die zwölfjährige Elodie auf den Weg in die Stadt „Two Castles“ macht, weil sie hofft, dass sie dort eine Lehrstelle finden wird. Dabei muss man wissen, dass das „Ausbildungssystem“ in diesem Land ganz traditionell darauf basiert, dass die Lehrlinge ihre Meister für ihre Ausbildung bezahlen. Je mehr Geld jemand zahlen kann, desto kürzer die Ausbildungszeit, je weniger Geld, desto länger. Elodie hat keinerlei Geld, das sie in eine Ausbildung investieren könnte, und hofft, dass sie jemanden findet, der sie ohne Gebühr für zehn Jahre in seinen Dienst nimmt. Genau genommen hofft sie, dass sie eine Stelle als Schauspieler-Lehrling findet, denn davon träumt sie, seitdem ein ehemaliger Schauspieler auf der Farm ihrer Eltern gelandet ist und ihr von seinem früheren Leben erzählt hat.

Doch da ihr Schiff aufgrund einer Flaute aufgehalten wird, kommt Elodie zu spät für die Ausbildungsmesse in Two Castles an und muss froh sein, dass sie kurz darauf einen Platz als Assistentin von Meenore findet. Meenore ist als Drache (Drachen werden mit dem Pronomen IT bzw. ES bzeichnet) berühmt für Geiz und launisches Temperament, doch Elodie findet sich relativ schnell in ihrem neuen Arbeitsumfeld zurecht. Während Meenore den Lebensunterhalt in der Regel mit dem Verkauf von durch die Drachenflamme erhitzten Brot-und-Käse-Leckereien verdient, interessiert ES sich eigentlich vor allem für das Lösen von Rätseln und Verbrechen. So wird Elodie schnell von Meenore in das Rätsel rund um den Oger Count Jonty Um verwickelt, der eigentlich nur auf der Suche nach seinem Lieblingshund ist, während ES vermutet, dass das Leben des Counts in Gefahr ist. Denn der sanftmütige Oger wird vom Stadtvolk wegen der schrecklichen Taten seiner Eltern gefürchtet, und die Tatsache, dass der König seine Tochter mit Count Jonty Um verlobt hat, sorgt dafür, dass die Bevölkerung davon ausgehen muss, dass der Oger in Zukunft auf dem Thron sitzen wird.

Ich muss gestehen, dass ich mit „A Tale of Two Castles“ nicht so ganz glücklich war. Der Roman war nett zu lesen, hat mich aber nicht wirklich gepackt – was man schon allein daran sehen konnte, dass ich für so eine eigentlich locker zu lesende Geschichte über eine Woche Lesezeit gebraucht habe. Es gab so viele unstimmige und unausgewogene Elemente in dem Buch, dass ich mich stellenweise wirklich geärgert habe – gerade weil eigentlich viele dieser Elemente zu den Dingen gehören, die ich an fantastischen Geschichten für Kinder so sehr mag. Auf der einen Seite gab es zum Beispiel sehr viele „häusliche Szenen“ mit Meenore und Elodie, die heimelig, alltäglich und eigentlich schön zu lesen waren, die aber auf der anderen Seite so gar nicht zum „Krimianteil“ der Handlung passten. Gerade in der zweiten Hälfte des Romans, als das Leben des Counts wirklich in Gefahr schwebte, hätte ich einen deutlichen Anzug des Erzähltempos erwartet anstelle weiterer Beschreibungen von Essen und Möbeln.

Ein weiteres Problem war für mich, dass Gail Carson Levine zwar versucht, ein realistisches Bild vom Leben eines armen Mädchens wie Elodie zu zeichnen (so hungert Elodie während der letzten zwei Tage ihrer Schiffsreise und ist bei ihrem Vorsprechen bei den Schauspielern so hungrig, dass sie an nichts anderes denken kann als an den Apfel, der auf dem Tisch liegt). Aber auf der anderen Seite schweben selbst die Personen und Tiere, die im Laufe der Handlung vergiftet oder verletzt werden, nie spürbar in Lebensgefahr. Eine Geschichte, in der niemandem etwas Schlimmes passiert, obwohl die gesamte Stadt der Willkür des Königs ausgesetzt ist, ein Giftmischer sein Unwesen treibt und Spione eines feindlichen Königreiches unterwegs sind, ist für mich als Leser einfach nicht glaubwürdig – selbst wenn die angestrebte Zielgruppe sehr jung sein sollte.

So kam es auch, dass ich die ganze Zeit beim Lesen das Gefühl hatte, die Autorin wüsste selbst nicht so genau, für welches Alter ihre Geschichte sein sollte. Es gab so viele alberne und durchschaubare Elemente, die ich eher bei einer Veröffentlichung für Leseanfänger erwartet hätte, aber eben auch einige Dinge, die eher für Teenager geeignet gewesen wären, weil sie Wissen voraussetzen, über das ein Leseanfänger in der Regel noch nicht verfügt. Alles in allem war ich – obwohl ich zum Beispiel Meenore als Figur sehr mochte – regelmäßig ziemlich irritiert beim Lesen von „A Tale of Two Castles“. Ich weiß nicht, ob diese Probleme auch in anderen Veröffentlichungen von Gail Carson Levine auftauchen oder ob ich einfach nur ein nicht so gutes Buch von ihr in die Finger bekommen habe. Auf jeden Fall werde ich nach diesem ziemlich unbefriedigenden Leseerlebnis wohl so schnell keine weiteren Geschichten von Gail Carson Levine lesen.

Dhonielle Clayton, Nic Stone, Tiffany D. Jackson, Ashley Woodfolk, Angie Thomas und Nicola Yoon: Blackout

Auf „Blackout“ bin ich aufmerksam geworden, als mir ein Beitrag der „This Morning“-Sendung des US-Senders CBS in meine Twitter-Timeline gespült wurde. Dort haben sich die sechs Autorinnen darüber unterhalten, wie sich die gemeinsame Arbeit an dem Buch für sie angefühlt hat. Mir hat es so gut gefallen, wie respektvoll und sich gegenseitig schätzend die sechs Frauen in diesem Gespräch miteinander umgegangen sind und wie sie über ihre jeweiligen Geschichten gesprochen haben, dass ich mir „Blackout“ spontan bestellt habe. Initiiert wurde diese Zusammenarbeit der sechs Autorinnen von Dhonielle Clayton, deren fünfzehnjährige Nichte sie gefragt hatte, wieso Schwarze Mädchen nie eine große Liebesgeschichte haben dürfen und immer nur als „Sidekick“ in Romanen vorkommen. Dazu kam dann noch das Bedürfnis, ein Gegengewicht zu den ganzen Bildern von Polizeigewalt gegen Schwarze Personen und zu all den schrecklichen Nachrichten über die Pandemie im vergangenen Jahr zu setzen – und so kam es zu dem Entschluss, gemeinsam mit fünf anderen Autorinnen ein hoffnungsvolles und wohltuendes (Jugend-)Buch mit Geschichten über Liebe und Freundschaft zu schreiben, in dem Schwarze Protagonist.innen im Zentrum der Handlung stehen.

„Blackout“ besteht aus sechs einzelnen Geschichten, wobei „The Long Walk“ von Tiffany D. Jackson in kleinere Segmenten aufgebrochen wurde, die zwischen den Geschichten der anderen Autorinnen platziert wurden und so einen roten Faden durch das gesamte Buch bilden. Alle Geschichten spielen während eines großen Stromausfalls in New York, und die verschiedenen Protagonisten und Nebenfiguren stehen alle untereinander in irgendeiner Art von Beziehung. So ist Tammi (Protagonistin von „The Long Walk“) zum Beispiel die Tochter des Busfahrers, der in „No Sleep Till Brooklyn“ (Angie Thomas) eine Rolle spielt, und die Schwester von Tremaine, der wiederum in „Mask Off“ (Nic Stone) für den Erzähler JJ sehr wichtig ist. Mit gerade mal 256 Seiten ist „Blackout“ kein besonders umfangreiches Buch, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass eine der Geschichten zu kurz wäre. Jede von ihnen bietet eine wunderbare kleine Auszeit mit sympathischen Figuren, amüsanten Momenten und sehr süßen Liebesgeschichten. Dabei bedeutet die Tatsache, dass diese sechs Autorinnen in diesem Roman „Liebesgeschichten“ erzählen, nicht unbedingt, dass die Handlungen vorhersehbar wären.

All diese Geschichten haben – obwohl sie wirklich gut zueinander passen und sich wunderbar ergänzen – einen sehr individuellen Ton, so dass nicht vorhersagbar ist, ob einen als nächstes eine leise Liebesgeschichte, eine eher dramatischere Handlung oder vor allem sehr amüsante Szenen erwarten. Ebensowenig lassen sich die Figuren in Schubladen pressen und das nicht nur, weil einige von ihnen nicht heterosexuell sind, sondern auch, weil im Fall von „Blackout“ eine Liebegeschichte auch mal bedeuten kann, dass am Ende kein glückliches Paar aus der Handlung hervorgeht, sondern vielleicht „nur“ eine Person, die gelernt hat, sich selbst ein bisschen mehr zu lieben oder etwas ehrlicher mit sich zu sein. Ich mochte diesen Überraschungsfaktor beim Lesen sehr und habe mich darüber ebenso gefreut wie über die vielen kleinen Verknüpfungen zwischen den Geschichten, die dafür sorgten, dass ich die ganze Zeit die Augen offen gehalten habe nach Hinweisen darauf, wie welche Person mit welcher Figur bekannt oder verwandt sein könnte. Außerdem ist „Blackout“ unübersehbar eine Liebeserklärung an das Leben in New York mit all seinen Facetten, von der großen Bibliothek, den Touristenbussen, den alten Ziegelsteinhäusern, dem Kulturangebot, dem Gemeinschaftsgefühl innerhalb eines Viertels bis zu U-Bahn – und ich muss zugeben, dass ich mich in letzterer während eines Stromausfalls nicht aufhalten möchte. 😉

Mir hat das Lesen von „Blackout“ gutgetan, und ich habe mich wunderbar unterhalten gefühlt. Ich muss aber auch zugeben, dass die Kürze der Geschichten dafür sorgt, dass man eben nur einen sehr kleinen Einblick in das Leben der Figuren bekommt, weshalb sie keinen so lang anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Aber ich hatte viel Spaß mit den Charakteren und habe mir fest vorgenommen, dass ich „Blackout“ im nächsten Sommer wieder aus dem Regal ziehe, um mich von all den verschiedenen Figuren erneut in ein hochsommerliches New York entführen zu lassen, in dem ein umfassender Stromausfall so viele Leben positiv verändert. Oh, und wer Lust auf das Buch bekommen haben sollte, aber nicht auf Englisch lesen mag: Zeitgleich mit der englischen Ausgabe ist bei cbj „Blackout – Liebe leuchtet auch im Dunkeln“ als gebundenes Buch erschienen. Diese Variante ist zwar etwas teurer und das Cover ist nicht ganz so hübsch wie bei der englischsprachigen Ausgabe, aber mal nicht lange auf eine deutsche Übersetzung warten zu müssen, ist doch wirklich großartig.

Tamzin Merchant: The Hatmakers

Vor ein paar Tagen habe ich „The Hatmakers“ von Tamzin Merchant beendet und mich dabei wunderbar mit diesem Debütroman amüsiert. (Wobei ich erst einmal einen Hinweis von Anette brauchte, um zu kapieren, dass ich der Autorin schon als Schauspielerin in der 2005er-Verfilmung von „Pride & Prejudice“ begegnet war. *g*) Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Cordelia Hatmaker erzählt, deren Familie seit vielen Generationen magische Hüte anfertig. Jeder Hut, der die Werkstatt der Hatmakers verlässt, beeinflusst mit seiner Magie seinen Träger oder seine Trägerin. Cordelias Familie ist sich nur zu bewusst, welche Verantwortung sie mit der Herstellung ihrer Hüte trägt, und so wurde Cordelia von klein auf eingeprägt, wie wichtig die richtigen Materialien, die Launen der Hutmacher und natürlich die Ausgewogenheit aller Bestandteile beim Herstellen sind. Umso schlimmer ist es, dass gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem der König dringend einen „Peace Hat“ benötigt, Cordelias Vater in einem Sturm vermisst wird. Natürlich versucht Cordelia alles in ihrer Macht Stehende, um ihren Vater zu retten, und stolpert dabei über mysteriöse Ereignisse, die die Zukunft aller Maker-Familien gefährdet.

Für mich gab es am Anfang von „The Hatmakers“ so einige Elemente, die mich an Geschichten von Diana Wynne Jones erinnert haben, wie die magischen Hüte (Sophie aus „Howl’s Moving Castle“), das Zusammenleben der Hatmakers in ihrem großen Haus und die Rivalität der verschiedenen Maker-Familien untereinander (wie bei den Montana- und Petrocchi-Familien in „The Magicians of Caprona“). Aber da ich genau diese Dinge sehr mag und Tamzin Merchant aus diesen vertraut wirkenden Sachen eine wunderbare Geschichte gesponnen hat, störte mich das überhaupt nicht. Cordelia ist eine wunderbare Protagonistin, wild entschlossen, ihren Vater zu retten, und voller Einfallsreichtum, was die diversen Herausforderungen betrifft, die sie dabei zu bewältigen hat. Schon früh steht fest, dass das britische Königreich kurz vor einem Krieg mit Frankreich steht, während der König ein paar unerwartete Probleme beim Regieren hat. Und obwohl die Autorin die Gefahr, die durch diesen Krieg für die Bevölkerung entsteht, nicht verharmlost, gibt es so viele absurde und komische Momente rund um diesen Teil der Geschichte, dass ich ständig beim Lesen schmunzeln musste.

Mir gefiel auch sehr die Art und Weise, wie Tamzin Merchant Magie und Handwerk in ihrer Geschichte verknüpft hat und wie die verschiedenen Materialien und ihre Gewinnung beschrieben wurden. Und obwohl die Enthüllung der Personen, die im Hintergrund an den Fäden gezogen haben, keine Überraschung war, fand ich es spannend zu lesen, welche fiesen Taten sie sich als nächstes ausdenken würden – und wie Cordelia ihre Pläne (unwissentlich oder bewusst) sabotieren würde. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mir für eine der bösen Personen ein anderes Ende gewünscht hätte (oder dass sie sich als nicht ganz so fies und rachsüchtig herausstellen würde), weil – und das ist die einzige Art, es ohne Spoiler auszudrücken – die Maker schließlich sieben Sterne in ihrem Logo haben.

Insgesamt habe ich mich aber einfach nur wohlgefühlt mit all den großen und kleinen Abenteuern, die Cordelia erlebt, ich habe mit ihr mitgelitten, wenn sie um das Leben ihres Vater gebangt hat, und mich gefreut, wenn sie eine Lösung für eines der vielen Probleme gefunden hat, die sie beschäftigen. Ich mochte Cordelia wirklich sehr als Protagonistin mit all ihrer Dickköpfigkeit, ihrem Einfallsreichtum und ihren großen und kleinen Fehlern, und auch die verschiedenen Nebenfiguren habe ich schnell ins Herz geschlossen und mich über jeden kleineren und größeren Auftritt gefreut, den sie bekamen. Da die Ideen hinter „The Hatmakers“ noch so einigen Stoff für weitere Geschichten bieten und Cordelia so eine wunderbare Protagonistin ist, freue ich mich sehr, dass im kommenden Jahr ein zweiter Band mit dem Titel „The Mapmakers“ erscheinen soll. Ich hoffe, dass es in dem Roman dann auch wieder sehr viele magische Elemente und sehr viele Szenen mit Cordelias Familie und Freunden geben wird.

Barbara Sleigh: Carbonel

Über „Carbonel“ von Barbara Sleigh bin ich vor vielen Jahren bei Kiya gestolpert, und da der Titel nicht nur sehr lange auf meiner Wunschliste saß, sondern dann auch noch über ein Jahr auf meinem SuB lag, habe ich nun das Problem, dass ich den dritten Carbonel-Band nicht mehr bestellen kann. Dabei gefiel mir der erste Teil rund um Rosemary, ihren neu gewonnenen Freund John und den König der Katzen so gut, dass ich gern noch mehr Abenteuer mit den dreien lesen würde. Die Geschichte beginnt damit, dass die zehnjährige Rosemary sich überlegt, dass sie in ihren Sommerferien mit Putzen Geld verdienen könnte. Doch dafür benötigt sie erst einmal die notwendigen Utensilien, und so kauft sie auf einem Gebrauchtmarkt von einer etwas wunderlichen alten Frau einen Besen.

Da die Dame auch noch günstig einen schwarzen Kater abzugeben hatte und Rosemary schon immer eine Katze wollte, nimmt sie diesen auch noch mit, ohne zu wissen, dass sie damit in Besitz eines Hexenbesens und des passenden Hexenkaters gekommen ist. Doch Carbonel ist mehr als nur ein einfacher Hexenkater. Er ist ein Prinz der Katzen, der als Kätzchen von der Hexe gestohlen und verflucht wurde. Erst wenn der Fluch gebrochen ist, kann er den Thron seines verstorbenen Vaters in Besitz nehmen und über die Katzen von London herrschen. Natürlich erklärt sich Rosemary bereit, alles dafür zu tun, dass Carbonels Fluch gebrochen wird. Dies führt dazu, dass sie in den kommenden Wochen quer durch London unterwegs ist, um die notwendigen Dinge für den Zauber aufzutreiben. Doch diese Aufgabe ist nicht so einfach, und so ist es nur gut, dass Rosemary in ihrem neu gefundenen Freund John jemanden hat, der mit ihr gemeinsam Informationen sammelt und Abenteuer erlebt.

Die Geschichte wurde von Barbara Sleigh das erste Mal 1955 veröffentlicht, und natürlich merkt man der Handlung ihr Alter auch an. Barbara und John müssen zu Fuß, mit dem Bus oder mit dem – leider ziemlich altersschwachen – Hexenbesen all ihre Wege hinter sich bringen. Und um überhaupt den ganzen Tag unterwegs sein zu können, benötigen sie die Erlaubnis von Johns Tante und Rosemarys Mutter. So verstreicht zwischen den verschiedenen Unternehmungen immer wieder Zeit, und es gibt Tage, an denen die beiden Kinder einfach nur gemeinsam im Garten von Johns Tante spielen, weil sie eben diese Erlaubnis nicht bekommen haben. Das sorgt dafür, dass „Carbonel“ eher ruhig erzählt wird, aber gerade das habe ich sehr gemocht. Ich habe eine Schwäche für altmodische britische Kinderbücher voller Magie und Alltagsszenen, und genau das habe ich hier gefunden. Ich mochte all die fantastischen Elemente ebenso sehr wie die eher alltäglichen Momente, mir gefielen die verschiedenen Charaktere, und ich fand es großartig, dass Carbonel arrogant und fordernd ist und wenig Verständnis für die begrenzten Möglichkeiten eines zehnjährigen Mädchens hat.

Es gab beim Lesen immer wieder Punkte, die mich an die Mary-Poppins-Romane von P.L. Travers oder an die Geschichten von Edith Nesbit erinnert haben, die ich als Kind so geliebt habe. Dabei hatte ich jedoch nie das Gefühl, dass Barbara Sleigh sich von diesen Autorinnen hat inspirieren lassen. „Carbonel“ ist eine ganz eigene Geschichte mit einer wunderbar warmherzigen Atmosphäre, vielen amüsanten Wendungen und (Neben-)Charakteren, die ich wirklich mochte. Für diejenigen, die nun auch Lust auf „Carbonel“ bekommen haben, aber nicht auf Englisch lesen mögen: 2013 ist eine deutsche Ausgabe mit dem Titel „Carbonel – König der Katzen“ bei Ravensburger erschienen und auch wenn das Buch nur noch gebraucht zu bekommen ist, so scheint das Angebot an günstigen und gut erhaltenen Exemplaren gar nicht so gering zu sein.

Aisha Bushby: Moonchild – Voyage of the Lost and Found

Um „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“ von Aisha Bushby bin ich ziemlich lange drumherumgeschlichen. Auf der einen Seite gefiel mir der Klappentext, auf der anderen Seite wurde die Geschichte regelmäßig mit den Aru-Sha-Titeln von Roshani Chokshi verglichen, und da mich der erste Teil dieser Reihe nicht so ganz überzeugen konnte, fürchtete ich, dass es mir mit „Moonchild“ ähnlich gehen würde. Am Ende muss ich gestehen, dass sich meine Befürchtungen bewahrheitet haben, obwohl es in „Moonchild“ wirklich sehr viele Elemente gab, die ich mochte. Die Geschichte dreht sich um die zwölfjährige Amira und ihren katzenartigen Jiinni Namur. Die beiden wissen seit Jahren, dass sie zusammen in einer Auster geboren wurden, die dann von zwei Seehexen aus dem Meer gefischt wurde. Diese beiden Seehexen, Dunya und Jamila, haben sich von diesem Tag an um Amira gekümmert und sie als ihre Tochter aufgezogen. Gemeinsam wohnen die drei auf einer Dau und leben von dem, was das Meer ihnen zur Verfügunge stellt, und was sie an selbstgemachten Dingen auf den verschiedenen Insel-Basaren verkaufen können.

Zu Beginn des Romans beschädigt ein Sturm das Schiff der kleinen Familie, und so müssen sie für Reparaturen im Hafen der Insel Failaka anlegen. Da Amira inzwischen alt genug ist, darf sie zum ersten Mal mit Dunya auf den Basar gehen und ihre Waren verkaufen. Dabei muss sie schnell lernen, dass die meisten Menschen – im Gegensatz zu ihrer Familie – nicht über Magie verfügen und Magie sogar etwas ist, das man eher geheim halten sollte. Als dann auch noch ein Sturmvogel auftaucht und die Insel bedroht, wird die Stimmung auf Failaka noch unangenehmer für das Mädchen. Denn Amiras Magie (und ihre Verbindung zu ihrem Jiinni Namur) ermöglicht es ihr, die Gefühle anderer Menschen zu spüren. Was auch dazu führt, dass sie genau weiß, dass ihre beiden Mütter ihr etwas Wichtiges verschweigen …

Ich habe die zweite Hälfte von „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“ wirklich sehr genossen, aber der Weg dahin war ziemlich steinig für mich. Nach den ersten Kapiteln hatte ich sogar überlegt, ob ich das Buch nicht unbeendet in den Öffentlichen Bücherschrank stellen sollte. Dabei gab es von Anfang an so viele schöne und fantastischen Elemente in der Geschichte, die ich wirklich sehr gemocht habe. So fand ich Amiras Mütter und ihr Verhältnis zueinander sehr sympathisch, ebenso gefielen mir die Beschreibungen des Lebens auf der Dau (inklusive der dickköpfigen Ziege und der abendlichen Geschichtenerzähl-Runde) und die magischen Wesen, die es in dieser Welt gibt, haben mir mit ihren Eigenheiten viel Freude bereitet. Auch fand ich Leo, mit dem sich Amira auf Failaka anfreundet, auf Anhieb sehr nett und hatte Lust, mehr über den nervösen Jungen und sein Leben zu erfahren.

Ich hatte allerdings zwei Probleme beim Lesen des Buches. Das kleiner Problem ist die namenlose Erzählerin, die die Geschichte immer wieder an den spannendsten Stellen unterbricht, um den Leser direkt anzusprechen. Das soll natürlich an die Stilmittel traditioneller Geschichtenerzähler erinnern, kam mir aber hier so übertrieben und unrund vor, dass es mich etwas geärgert hat. Vor allem mochte ich hier nicht, dass mich diese Unterbrechungen genau an dem Punkt immer aus der Handlung gerissen haben, wenn ich endlich mal ein bisschen in der Geschichte versunken war. Und damit sind wir beim zweiten Problem: Mich in die Geschichte fallen zu lassen fiel mir nämlich wirklich schwer, weil ich Amiras Perspektive so ungern geteilt habe. Sie war ständig wütend – was wichtig für die Handlung war, aber eben auch dafür sorgte, dass sie weder mit ihren Müttern noch mit ihrem neugefundenen Freund Leo ein anständiges Gespräch führen konnte. Ich fand es wirklich anstrengend, dass ich mich die ganze Zeit beim Lesen mit ihren Gefühlen beschäftigen musste, obwohl ich immer nur denken konnte, dass ein paar ruhige klärende Worte alle Beziehungsprobleme zwischen den Figuren sofort beseitigt hätten.

Ich fand es auch nicht so toll, dass Amiras Mütter Geheimnisse vor ihr hatten, vor allem, da von Anfang an absehbar war, dass dieses Verschweigen von Wissen nur dazu führt, dass Amira in größere Schwierigkeiten als notwendig gerät. Erst als dieser Punkt aus dem Weg geräumt war und alle Charaktere zusammengearbeitet haben, um gegen die Gefahr vorzugehen, die von dem Sturmvogel ausging, zog die Handlung so weit an, dass ich all die märchenhaften Elemente wirklich genießen konnte. Vorher hat mich Amiras Verhalten so sehr gestört, dass ich ständig das Buch aus der Hand gelegt und nach einer Leseunterbrechung lieber zu einem anderen Roman mit einer weniger anstrengenden Protagonistin gegriffen habe. Ich muss zugeben, dass ich nicht weiß, ob ich weitere Veröffentlichungen von Aisha Bushby lesen werde. Ich habe die ganzen kleinen Geschichten in der größeren Geschichte genossen, ich mochte die märchenhaften und „orientalischen“ Elemente in „Moonchild – Voyage of the Lost and Found“, aber insgesamt habe ich mich einfach zu sehr über die Figuren geärgert.

Sharna Jackson: High-Rise Mystery

Der Roman „High-Rise Mystery“ von Sharna Jackson stand schon ziemlich lange auf meinem Wunschzettel, bis ich ihn im vergangenen Jahr zu Weihnachten geschenkt bekam. So ist es kein Wunder, dass es inzwischen auch eine deutsche Ausgabe mit dem Titel „Highrise Mystery – Ein Tödlicher Sommer“ und im englischen Original eine Fortsetzung („Mic Drop“) gibt. Erzählt wird die Handlung von der elfjährigen Anika „Nik“ Alexander, die gemeinsam mit ihrer dreizehnjährigen Schwester Norva den Mord an ihrem Nachbarn Hugo Knightley-Webb aufklären will. Die beiden Mädchen interessieren sich schon länger für Kriminalfälle und führen seit fast einem Jahr eine Datei, in der sie alle Vorkommnisse, die sich in dem Hochhaus-Komplex „The Tri“ ereignen, festhalten. So stehen den beiden für ihre Ermittlungen von Anfang an eine ganze Menge Daten über ihre Nachbarn zur Verfügung, und doch haben sie keine Ahnung, wer als potenzieller Mörder in Frage kommt. Deshalb bleibt Nik und Norva nichts anderes übrig, als systematisch zu ermitteln. Als dann noch ihr eigener Vater von der Polizei verdächtigt wird, wird es umso wichtiger, den Mörder zu finden.

Ich habe Nik und Norva auf Anhieb sympathisch gefunden, obwohl die – gerade sehr verliebte – Norva weder für mich noch für die erzählende Nik immer einfach zu ertragen war. Aber ich mochte es, wie gegensätzlich die beiden Schwestern dargestellt waren und wie gut sie sich deshalb ergänzt haben. Nik geht systematisch vor und arbeitet sich Punkt für Punkt durch ihre Ermittlungen, auch wenn das bedeutet, dass sie unangenehme Fragen klären oder gar ihren eigenen Vater verdächtigen muss. Norva hingegen ist deutlich implusiver, emotionaler und scheut auch schon mal davor zurück, das Alibi und Motiv einer Person zu untersuchen, von der sie sicher ist, dass sie unschuldig sein muss. Norvas Einfallsreichtum sorgt allerdings auch dafür, dass die beiden Schwestern manchmal ungewöhnliche Wege bei der Suche nach Informationen gehen, was bedeutet, dass man als Leser ständig über sie schmunzeln kann. Für mich haben sich Nik und Norva mit all ihren Stärken und Schwächen überraschend realistisch angefühlt. Auch ihre Ermittlungsmethoden sind von Sharna Jackson stimmig dargestellt worden. So haben die Schwestern zum Beispiel keinerlei Zugang zu Informationen, die die Polizei hat, wenn man von dem einen oder anderen belauschten Gespräch absieht, und sind in der Regel auf eigene Beobachtungen und die Aussagen ihrer Nachbarn angewiesen.

Dabei würde die Geschichte so nicht funktionieren, wenn die Autorin nicht so eine großartige Kulisse dafür gewählt hätte. The Tri ist ein etwas vernachlässigter Hochhauskomplex in London voller unterschiedlicher Mieter, die definitiv nicht zur Oberschicht gehören. Das Geld für Reparaturen ist knapp, das Treppenhaus riecht nach Urin und es kann schon mal passieren, dass die Aufzüge übers gesamte Wochenende defekt sind, so dass die Bewohner die (mindestens) 22 Stockwerke zu Fuß hochlaufen müssen. Auf der anderen Seite gibt es einen Gemeinschaftsraum, in dem unter anderem Kunst- oder Yogakurse angeboten werden, es wird gemeinsam von den Anwohnern Geld für dringende Projekte gesammelt, und die Hilfsbereitschaft einiger Nachbarn ist wunderbar. Gerade weil Nik und Norva so vertraut mit und so stolz auf ihr Zuhause sind, bietet dieser Hochhauskomplex so einen tollen Hintergrund für diese Kriminalgeschichte und die Ermittlungen von Nik und Norva.

Auch der Kriminalfall ist solide von Sharna Jackson konstruiert worden, und da die erzählende Nik so betroffen von Hugos Tod ist, fühlt es sich von Anfang an wirklich dringlich an, dass sein Mord aufgeklärt wird. Dabei stehen den Schwestern nur eingeschränkte Mittel für ihre Ermittlungen zur Verfügung, aber aus diesen machen sie wirklich das Beste. Immer wieder überarbeiten sie ihre Listen und Tabellen, so dass man auch als Leser einen guten Überblick über den aktuellen Wissenstand und die neusten Informationen hat. Insgesamt hat mir „High-Rise Mystery“ wirklich sehr gut gefallen. Das einzige (und nicht sehr relevante) Problem, das ich beim Lesen hatte, war, dass der eine oder andere Slangausdruck, der in dem Roman verwendet wird, für mich nicht auf Anhieb verständlich war. Ich habe mich aber im Laufe der Zeit recht gut an diese ungewohnten Ausdrücke der Mädchen (und ihres Freundes George) gewöhnt, und angesichts des Alters der Protagonistinnen fand ich es auch definitiv stimmig, dass sie ihre eigene Ausdrucksweise hatten. Ich freu mich schon auf die Fortsetzung „Mic Drop“  und bin gespannt, wie Nik und Norva dann im Rahmen eines Musikvideo-Drehs in The Tri ermitteln.

Dominique Valente: Starfell 1 – Willow Moss and the Lost Day

So langsam sollte es ja hinreichend bekannt sein, dass ich eine Schwäche für fantastische Kinder- und Jugendbücher habe, in denen Hexen die Protagonistinnen sind. Was natürlich der Grund ist, wieso ich mir den Titel „Starfell – Willow Moss and the Lost Day“ von Dominique Valente zugelegt habe. Trotzdem hatte ich nicht erwartet, dass mir die Geschichte so gut gefallen würde, dass ich mir noch vor Beenden des Buches den zweiten Band („Starfell – Willow Moss and the Forgotten Tale“) bestellen würde. 😉 Willow ist die jüngste Tochter ihrer Familie und diejenige mit dem geringsten magischen Talent. Während ihre Schwestern wirklich aufsehenerregende Magie beherrschen, kann Willow nur verlorene Dinge wiederfinden. So ist es kein Wunder, dass Willow immer diejenige ist, die zurückbleibt und sich um ihre Großmutter kümmern muss, während ihre Mutter mit Willows Schwestern auf Jahrmärkte fährt, um Geld zu verdienen.

Doch dann steht eines Tages die mächtige Hexe Moreg Vaine vor Willow und benötigt ihre Hilfe, um einen verschwundenen Tag wiederzufinden. Wenn dieser verlorene Dienstag nicht wieder auftaucht, könnte die Existenz der gesamten Welt auf dem Spiel stehen. Doch bevor Willow den verschwundenen Tag herbeibeschwören kann, muss sie erst einmal gemeinsam mit Moreg herausfinden, wer der Täter ist und wie dieser Dienstag gestohlen wurde. Dabei stehen Willow ihr „Kobold Monster under the Bed in the Bag“ Oswin zur Seite und einige Freunde, die sie im Laufe der Reise findet. Ich mochte die vielen verschiedenen Charaktere sehr und wie sie mit ihrer – zum Teil sehr herausfordernden – Magie umgingen. Denn in dieser Geschichte ist Magie nicht etwas, das man lernt, sondern eher ein Talent, das man hat. Auch wenn es früher wohl so war, dass eine Person verschiedene magische Talente haben konnte, so ist diese Zeit schon lange vorbei.

Dominique Valente hat mit Starfell eine wunderbare fantastische Welt voller skurriler Gestalten  geschaffen. All die vielen verschiedenen Talente scheinen eine wichtige Rolle im Alltag zu spielen, auch wenn die fanatischen Brothers of Wol alles dafür tun, dass die Magie aus Starfell verschwindet. So muss sich Willow nicht nur mit der Suche nach dem verschwundenen Tag beschäftigen, sondern auch mit all den Herausforderungen fertig werden, die die Reise durch ein von Fanatikern beherrschtes Land mit sich bringen. Umso hübscher ist es zu lesen, wie sie – auch mit Hilfe ihrer Freunde – immer wieder Lösungen für akute Probleme findet. Was im Laufe der Zeit dazu führt, dass Willow sich selbst und ihr nicht gerade aufsehenerregendes Talent deutlich mehr zu schätzen lernt, als sie es ihm Kreis ihrer Familie konnte. Ich habe Willows Entwicklung wirklich gern verfolgt und mich wunderbar über all die kleinen und größeren Abenteuer, die sie erlebt, amüsiert. Ich mochte die ungewöhnliche Sicht auf magische Elemente, die Dominique Valente immer wieder präsentierte, und habe die verschiedenen Figuren schnell ins Herz geschlossen.

Einzig die Spielerei mit den Textformaten (andere Schriftarten und -größen, wenn eine Person lauter oder aufgeregter ist oder ein kurviger Schriftverlauf, wenn besonders dynamische Aktionen beschrieben wurden) und die eher lautmalerische Ausdrucksweise von Oswin hätte ich persönlich nicht benötigt. Auf der anderen Seite hat mich das aber beim Lesen auch nicht so sehr gestört, dass ich das Buch hätte abbrechen wollen. Die Illustrationen von Sarah Warburton fand ich hingegen wirklich bezaubernd und zu der Doppelseite mit dem Drachen habe ich sogar mehrfach hingeblättert, um sie erneut zu betrachten. Ich freu mich jetzt schon auf den Tag, an dem die Fortsetzung bei mir eintrifft und ich weitere Abenteuer in Starfell erleben kann. Oh, und wer Lust auf Willows Geschichten hat, aber nicht auf Englisch lesen mag, hat die Möglichkeit, die ersten beiden Bände schon in der Übersetzung zu bekommen. Die deutsche Reihenbezeichnung lautet „Der Zauber von Immerda“, der erste Band trägt den Titel „Die Suche nach dem verschwundenen Dienstag“ und der zweite Teil „Ein Hellseher sieht schwarz“.

Julia Lee: The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth

„The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth“ von Julia Lee gehört zu den eBooks, die ich in den letzten Wochen auf meinem eReader gefunden habe und von denen ich keine Ahnung mehr habe, wann oder warum ich sie gekauft habe. Um mehr über das Buch herauszufinden, habe ich die ersten Seiten angelesen und hatte dann die Protagonistin Clemency so sehr ins Herz geschlossen, dass ich einfach dabeigeblieben bin. Clemency ist elf Jahre alt, als sie in Bombay ein Überseeschiff betritt. Da sie eine gültige Fahrkarte hat, kann man ihr die Überfahrt nicht verweigern, obwohl es unüblich ist, dass ein Mädchen in ihrem Alter allein unterwegs ist. Clemency reist von Indien nach England, in der Hoffnung, dass sie dort Verwandte findet, die bereit sind, sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie zu kümmern. Für die Dauer der Reise übergibt sie der Kapitän des Schiffes in die Obhut von Mrs. Potchard, die sich nach ihrer Ankunft in England darum kümmert, dass Clemency erst einmal in der Pension ihrer Schwester Hetty Marvel unterkommt.

Einige Wochen lang scheint sich niemand auf die von Mrs. Potchard geschaltete Anzeige hin zu melden, um Clemency abzuholen, bis die unfreundliche Mrs. Clawe in der Pension auftaucht und das Mädchen mitnimmt, ohne auch nur ein Wort mit Clemencys Pensionswirtin zu wechseln. Am nächsten Tag findet sich Clemency als Spülmagd in dem Herrenhaus Great Hall wieder, während sich Mrs. Potchard, ihr Sohn Gulliver, ihre Schwester Hetty und deren Tochter Whitby fragen, was aus ihrem Schützling geworden ist. Ich habe mich beim Lesen gut mit Clemency und der Familie Potchard/Marvel amüsiert, muss aber auch zugeben, dass die Geschichte mich nicht so sehr gepackt hat, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Ich habe die Erzählweise der Autorin genossen und die vielen Szenen, in denen etwas passiert, das – da der Leser die Hintergründe noch nicht kennt – skurril wirkt, und die Momente, in denen Clemencys Temperament mit ihr durchging. Aber ich habe an keiner Stelle um die Figuren bangen müssen oder mich gefragt, was wohl als Nächstes kommen würde. Selbst wenn es Clemency nicht gutging, hat Julia Lee mir die ganze Zeit vermittelt, dass es genügend Personen gibt, die sich Sorgen um das Mädchen machen und einfallsreich genug sind, um auch wirklich etwas zu bewegen.

Die Autorin sorgte zwar immer wieder dafür, dass in Gesprächen deutlich wurde, welche schrecklichen Gefahren Clemency theoretisch erwarten (angefangen von der Abschiebung in ein Waisenhaus über das Erfrieren im Straßengraben bis hin zu skrupellosem Mord), aber es gelang Julia Lee leider trotzdem nicht, dass ich mich ernsthaft um Clemencys Wohlergehen sorgte. Stattdessen hatte ich kein Problem, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl die Protagonistin gerade vor einer kritischen Situation stand, oder mal eben zurückzublättern, um meinem Mann einen besonders hübsch formulierten Satz vorzulesen. So ist es vor allem der Tatsache, dass ich wirklich viele Passagen aufgrund ihrer Formulierung genossen habe, zu verdanken, dass ich überlege, ob ich noch weitere Geschichten der Autorin lesen mag. Es gibt einen Titel, der sich um Mrs. Potchards Sohn Gulliver dreht, so dass ich noch etwas bei dieser sympathischen Familie bleiben könnte. Oder ich greife zu einer ihrer Nancy-Parker-Detektivgeschichten und schaue, ob Julia Lee dort vielleicht die Handlung spannender erzählt.