Schlagwort: Kriminalroman

G. A. McKevett: Nicht ohne meine Schokolade (Savannah Reid 1)

Als ich vor ein paar Tagen mein Krimiregal nach lange nicht gelesenen Romanen durchsuchte, bin ich über „Nicht ohne meine Schokolade“ von G. A. McKevett gestolpert und musste mir eingestehen, dass ich mich so gut wie gar nicht mehr an den Inhalt des Buches erinnern konnte. Was ganz eventuell daran liegt, dass ich diesen Band vermutlich zuletzt vor fünfzehn Jahren in der Hand hatte und diese Sorte 90er-Jahre-Krimis sich doch etwas ähnelt. Weil ich eh Lust auf einen Krimi hatte, schien mir der Zeitpunkt perfekt, um den Roman zu lesen und so endgültig zu entscheiden, ob er (mitsamt dem Folgeband) im Regal stehen bleiben darf.

Die Geschichte spielt in Südkalifornien und wird aus der Perspektive von Savannah Reid – einer echten Südstaatenlady – erzählt. Savannah ist eine Polizistin mit langjähriger Erfahrung und einem Arbeitspartner namens Dirk, dessen Macken und Stärken sich gut mit ihren ergänzen. Umso überraschter ist Savannah, als ihr Vorgesetzter sie alleine auf einen Fall ansetzt, bei dem es sich um den Mord an dem Modedesigner Jonathan Winston handelt. Schon früh findet Savannah raus, dass die von ihr sehr bewunderte Ehefrau des Opfers, Stadträtin Beverly Winston, ein gutes Motiv gehabt hätte, um ihren Mann zu töten. Die Stellung der Verdächtigen führt dazu, dass der Polizeichef Norman Hillquist die Ermittlungen nicht ganz so professionell wie gewohnt leitet und stattdessen lieber übereilt Jonathan Winstons Hausmeister zum Verdächtigen Nr. 1 erklären möchte.

Aber natürlich ist die untreue Ehefrau nicht die einzige Person, die ein Motiv gehabt hätte, um Jonathan Winston umzubringen. Schnell entdeckt Savannah weitere Verdächtige, die nicht gut auf den Verstorbenen zu sprechen waren, und eine Frau, die hoffte, vor ihr läge eine gemeinsame Zukunft mit Jonathan. Ich mag es sehr, wie G. A. McKevett die Handlung in einer Mischung aus beruflichen und privaten Elementen rund um Savannah erzählt und wie die Autorin Verdächtige schafft, mit denen man auf der einen Seite Mitleid hat, obwohl man sich auf der anderen Seite genügend Gründe vorstellen könnte, warum sie den Mann umgebracht haben. Ein bisschen hat mich das Ganze an eine „Columbo“-Folge erinnert, wo häufig die sympathischsten Figuren (und die, mit denen Columbo sich überraschend gut versteht) zu den Hauptverdächtigen gehören und wo die Handlung eher ruhig und personenbezogen erzählt wird – nur dass man hier nicht von Anfang an weiß, wer der Täter ist.

Der Fall an sich ist solide konstruiert, auch wenn Savannah ohne Hilfe und Tipps wohl nicht so schnell auf die Lösung gekommen wäre. Aber man hat als Leser denselben Wissenstand wie die Ermittlerin, und G.A. McKevett hält meiner Meinung nach gut die Balance zwischen einigermaßen realistisch wirkender Ermittlungsarbeit und unterhaltsamen Szenen, die dafür sorgen, dass das Ganze nicht trocken wird. Ich mochte die Figuren sehr gern, weil ich sie als überraschend realistisch für so einen unterhaltsamen Kriminalroman empfinde und weil nicht alle Personen in dem Buch schön, sportlich, schlank und perfekt sind. Savannah ist eine Frau mit Rundungen, die sich regelmäßig Kuchen und Ähnliches gönnt, ohne dass sich die Autorin genötigt sah zu erwähnen, dass das ungesund ist oder dass die Figur aber sonst so diszipliniert ist – etwas, was mich ja regelmäßig bei aktuelleren Krimis die Wände hochtreibt.

Außerdem empfindet Savannah etwas für ihren Partner Dirk, doch das ist nicht die große Romanze, keine Liebe auf den ersten Blick, und er ist kein muskelbepackter Adonis. Sie kennen sich durch die jahrelange Zusammenarbeit sehr gut und mögen sich trotz ihrer jeweiligen Macken – was sie so vertraut miteinander umgehen lässt, als wären sie schon längst ein Paar. Aber die Tatsache, dass eine Romanze zwischen zwei Kollegen sehr schwierig wäre und ihnen beiden die Arbeit wichtiger ist als eine eventuelle Beziehung, sorgt dafür, dass diese Zuneigung eigentlich nur hier und da mitschwingt und in der Geschichte – im Gegensatz zu meiner Rezension – keinen großen Raum einnimmt. Es ist erschreckend, wie angenehm ich das nach all den „Liebesromanen mit Mini-Krimianteil“, die als Cozies vermarktet werden, finde. Da habe ich dann auch kein Problem, dass sich Savannah im letzten Drittel des Romans von einem Mann hinreißen lässt, weil er gut erzogen und sehr attraktiv ist.

Einzig die Tatsache, dass es an Savannahs Arbeitsplatz so erschreckend „politisch“ zugeht, hat mich gestört. Ihr direkter Vorgesetzter will seinen Aufstieg innerhalb der Polizei beschleunigen, der Polizeichef scheint in den Fall verwickelt zu sein und gemeinsam legen sie Savannah nicht nur Steine in den Weg. Es kommt so weit, dass ihr Beweismittel aus der Hand genommen werden, ihr wird mit Konsequenzen gedroht, wenn sie „ganz normal“ ihren Job macht, statt nach der Pfeife dieser Männer zu tanzen, und so etwas lese ich einfach nicht gern. Polizisten in Romanen müssen nicht alle nett und anständig sein, aber ich hätte in der Geschichte zu gern jemanden gesehen, der einen höheren Rang als Savannah bekleidet und ihr bei ihren Ermittlungen zur Seite steht, weil da ein Mord begangen wurde und es eben wichtig ist, den Täter zu finden. Aber insgesamt ist „Nicht ohne meine Schokolade“ ein wirklich netter Cozy, und auch wenn ich mir keine weiteren Teile davon besorgen muss, werde ich diesem Roman (und die Fortsetzung „Mit Schirm, Charme und Schokolade“) weiterhin einen Platz in meinem Regal einräumen.

George Baxt: Mordfall für Tallulah Bankhead

Von George Baxt habe ich mehrere Kriminalromane in meinem Regal, die unterhaltsame (und natürlich fiktive) Geschichten rund um berühmte Persönlichkeiten erzählen. Ich weiß nicht, ob George Baxt wirklich alle diese Personen gekannt hat, aber die Tätigkeit des Autors als Agent für Schauspieler und später als Drehbuchverfasser haben ihn auf jeden Fall in denselben Kreisen verkehren lassen wie die von ihm als Protagonisten verwendeten Personen. Außerdem konnte George Baxt laut seinem Nachwort für diese Romane nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen, sondern auch auf andere Quellen zurückgreifen – unter anderem die nichtveröffentlichte Biografie von Jean Muir.

Alles in allem spürt man meiner Meinung nach beim Lesen von „Mordfall für Tallulah Bankhead“, dass er die Personen, den Ton in ihren Kreisen und natürlich die Zeit der McCarthy-Ära direkt miterlebt hat. Wobei George Baxt sich in diesem Krimi auch ein kleines Denkmal gesetzt hat, indem er sich als Agent diverser vorkommender Figuren selbst in die Geschichte eingebaut hat. Oh, und vom Veröffentlichungsdatum her ist „Mordfall für Dorothy Parker“ der erste Band (und in dem später spielenden „Mordfall für Tallulah Bankhead“ wird auch der Täter aus dem ersten Roman verraten), weshalb es sich anbietet, mit „Dorothy Parker“ zu starten, wenn man die Krimis ausprobieren will. Ich habe nur zu „Tallulah Bankhead“ gegriffen, weil mir der Band als erstes in die Finger fiel, als ich meinen Krimibestand durchsah, und weil ich die Geschichte in ebenso guter Erinnerung hatte wie „Dorothy Parker“.

„Mordfall für Tallulah Bankhead“ beginnt mit dem Selbstmord der Tänzerin Nance Liston – einer von vielen Todesfällen unter Künstlern während der McCarthy-Ära, mit denen die verbleibenden Kollegen neben all ihren eigenen Sorgen rund um ihre Zukunft fertig werden müssen. Als weitere in New York lebende Künstler, die auf der „Schwarzen Liste“ stehen, sich das Leben nehmen, scheint es einem unbekannten Mörder zu reichen. Er rächt sich für das Unglück, das die Denunzianten mit ihren Aussagen vor den Ausschüssen des HUAC (House Committee on Un-American Activities) angerichtet haben, indem er ihnen nach dem Leben trachtet. Tallulah Bankhead wird dabei in die Ermittlungen verwickelt, weil sie auf der einen Seite versucht, so viele geächtete Künstler wie möglich in ihrer Radiosendung unterzubringen, um den Freunden und Kollegen zumindest ein kleines Auskommen zuschießen zu können, und auf der anderen Seite die Bekanntschaft von Detective Jacob Singer macht, der mit der Suche nach dem Mörder beauftragt ist. So ist Jacob Singer für die methodische Polizeiarbeit in der Geschichte wie Recherchen, Verhöre und Kriminaltechnik zuständig, während Tallulah scheinbar ziellos von einem Bekannten zum nächsten flattert, um möglichst viel über die Verstorbenen und mögliche Verdächtige in Erfahrung zu bringen.

Ein Grund, warum ich diese Romane so gern lese, sind die wundervollen Dialoge und Charaktere, die direkt aus einem der alten (Schwarzweiß-)Filme stammen könnten, die ich so sehr mag. Dazu kommen noch all die vielen Nebenfiguren, die trotz ihrer kurzen Auftritte einen bleibenen Eindruck hinterlassen und bei denen ich mir nie sicher bin, ob der Autor da reale Personen aus dem Film- oder Theatermileu aufgreift oder nicht. Das bringt mich dann immer wieder dazu, sehr viel Zeit mit Recherchen über schon längst verstorbene Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren, ihr Leben, ihre Filme/Stücke und Ähnliches zu verbringen. Ich mag es, wenn ein Roman mich dazu animiert, dass ich mich neben dem Lesen der Geschichte mit den Figuren und der Zeit beschäftige, in denen die Handlung spielt. Und nicht zuletzt spricht für diese Kriminalromane, dass George Baxt jedes Mal wieder unterhaltsame und solide Fälle konstruiert, die in ihre Zeit und zu den verwendeten Charakteren zu passen scheinen.

Wenn jemand von euch nun auch Lust auf diese Krimis hat, so gibt es viele der damals auf Deutsch veröffentlichten Titel noch sehr günstig gebraucht zu kaufen. Da mir (wie ich inzwischen feststellen konnte) auch noch ein paar der Original-Bände fehlen, werde ich mich in den nächsten Wochen auch auf die Jagd danach machen. Ich freue mich jetzt schon darauf, dass ich in Zukunft noch ein paar Geschichten von George Baxt vor mir habe, die ich noch nicht kenne. Oh, und wer vielleicht an der Zeit und dem Erzählstil, aber weniger an Geschichten mit „berühmten Personen“ interessiert ist, der könnte mal nach den Krimis rund um den Privatdetektiv Pharoah Love Ausschau halten. Angeblich war Pharoah Love der erste schwule (schwarze) Protagonist eines Kriminalromans, als George Baxt 1966 „A Queer Kind of Death“ – „Pharoah Love und die Badewanne des Todes“ – veröffentlichte. Ich muss allerdings gestehen, dass mich Pharoah Love in den 90ern nicht so sehr packte, dass ich mir nach dem Auftaktband die weiteren Teile angeschafft hätte.

Lydia Adamson: Eine Katze kommt selten allein (Alice Nestleton 1)

„Eine Katze kommt selten allein“ von Lydia Adamson ist der erste Band der Alice-Nestleton-Reihe, von der ich gerade mal sieben (von im englischsprachigen Original zweiundzwanzig) Bänden im Regal stehen habe. Meine Ausgabe dieses Romans ist 1995 bei Aufbau Verlag erschienen, eine (eBook-)Neuauflage der Bücher gab es im vergangenen Jahr. Lustigerweise finde ich das Cover meiner Ausgabe nirgendwo online, sondern nur eins, das nicht zu den weiteren Fortsetzungen passt, die damals erschienen sind – da wüsste ich schon gern mehr über die verschiedenen Veröffentlichungen. Auf jeden Fall hatte ich die Romane immer in guter Erinnerung behalten und wollte jetzt beim Regaleinräumen sicherstellen, dass ich die Krimis wirklich weiterhin behalten möchte.

Schon beim ersten Lesen fand ich es etwas seltsam, dass die Protagonistin Alice Nestleton ständig mit ihren Katzen von einem Ort zum nächsten wandert, um dort als Haus- und/oder Catsitterin zu wohnen. Wobei das immerhin erklärt, wie sie es sich als nicht gerade erfolgreiche Schauspielerin mit einer Schwäche für Avantgarde-Theater eine Wohnung in New York leisten kann. Ihre Katzen scheinen diesen ständigen Ortswechsel erstaunlich gut mitzumachen, obwohl der eine Kater superängstlich sein soll – alle meine Katzen (abgesehen von Baltimore in seinen jüngeren Jahren) hätten so viel Unruhe nicht besonders gut aufgenommen. Aber nun gut, irgendwie muss die Autorin ihre Figur ja von einer „Ermittlungssituation“ in den Romanen zur nächsten bringen. In „Eine Katze kommt selten allein“ soll Alice einen jedes Jahr wiederkehrenden Catsitterjob übernehmen und auf dem Hof des älteren Ehepaars Jo und Harry Starobin ihre acht Himalaya-Katzen für zwei Wochen versorgen. Doch als Alice am Bahnhof ankommt, gibt es von Harry keine Spur – stattdessen findet sie ihn wenig später ermordet in dem Cottage, in dem sie auf dem Hof wohnen sollte.

Während die Polizei davon ausgeht, dass die Mörder es eigentlich auf Wertsachen abgesehen haben mussten, da das gesamte Haus verwüstet wurde, beteuert Jo, dass weder sie noch ihr Mann jemals Wertsachen besessen hätten. Um dahinterzukommen, warum Harry so grausam ermordet wurde, bittet sie Alice, mit ihr zusammen Harrys Unterlagen durchzusehen. Alice hingegen findet das Verhalten des Stallmädchens verdächtig, ebenso wie fast alle anderen Personen, denen sie in den kommenden Wochen begegnet. Dabei schwankt das Verhalten der Protagonistin von spontaner Abneigung über ebenso spontanen Hass bis zu dem recht sachlichen Eingeständnis, dass sie mit einem der Beteiligten gern ins Bett gehen würde (vor allem, weil der letzte Sex schon so lange her ist). Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich früher die Eigenarten von Alice einfach so hinnehmen konnte. Eine gewisse Exzentrik und Konzentration auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere kann ich bei einer Schauspielerin hinnehmen, aber ihre Stimmungswechsel hat Lydia Adamson für mich nicht nachvollziehbar dargestellt und ihre schnellen Urteile über andere Menschen fand ich auch eher anstrengend zu lesen.

Ebenso ist der Fallaufbau – inklusive der absurden Auflösung bezüglich des Täters – nicht gerade überzeugend. Dick Francis hätte aus der Idee vielleicht einen spannenden Kriminalroman gemacht, aber hier war ich am Ende eher frustriert. Es ist schade, dass ich mit einer Reihe, die ich doch in guter Erinnerung hatte, heute anscheinend überhaupt nichts mehr anfangen kann. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich inzwischen kritischer geworden bin, bestimmte Eigenarten bei Personen, aus deren Perspektive ich die Handlung erzählt bekomme, nicht mehr leiden kann oder einfach inzwischen so viele bessere Cozies gelesen habe, aber von „Eine Katze kommt selten allein“ war ich beim erneuten Lesen wirklich enttäuscht. Bleibt mir nur ein tröstlicher Gedanke, um über dieses Leseerlebnis hinwegzukommen: Ich habe nach dem Aussortieren dieser sieben Romane wieder ein bisschen mehr Platz im Regal für Bücher, die ich auch nach all den Jahren (mindestens) ebenso genießen kann wie beim ersten Lesen.

Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino ist in diesem Jahr in Deutschland erschienen, wobei das Original schon 1999 in Japan veröffentlicht wurde. Die Handlung in diesem Kriminalroman zieht sich über fast zwanzig Jahre hin und beginnt im Jahr 1973, als der Pfandleiher Yosuke Kirihara ermordet wird. Anfangs verfolgt der Leser die Ermittlungen in diesem Mord aus der Sicht des Kommissars Sasagaki, aber im Laufe des Romans erlebt man die Handlung aus vielen verschiedenen Perspektiven. Diese Perspektivwechsel waren für mich anfangs gewöhnungsbedürftig, vor allem, da ich mich immer fragte, ob ich der Person schon mal im Laufe der Geschichte begegnet bin und mich nur nicht erinnern kann oder ob das jetzt ein neu eingeführter Charakter war. (In der Regel war Letzteres der Fall und ich hätte einfach weiterlesen können, weil man die neue Figur in den meisten Kapiteln schnell in der Gesamthandlung unterbringen konnte.)

Schon früh steht fest, dass der Mord an Yosuke Kirihara nicht so einfach zu klären ist. Es gibt einige Verdächtige, aber entweder lässt sich kein ausreichendes Motiv ermitteln oder die Alibis der Verdächtigen können nicht erschüttert werden. Außerdem ist sich Kommissar Sasagaki sicher, dass ihm irgendein wichtiger Aspekt im Leben des Yosuke Kirihara entgangen ist bzw. nicht von seinen Familienmitgliedern und Bekannten erwähnt wurde, der ihn auf die richtige Fährte hätte bringen können. All diese Ungereimtheiten sorgen dafür, dass der Fall Kommissar Sasagaki auch in den kommenden Jahren nicht loslässt. Und auch den Leser, der – nicht nur dank des unglücklich formulierten deutschen Klappentextes – schon früh einen Verdacht bezüglich des bzw. der Täter hat, beschäftigt die Durchführung dieses ersten Verbrechens bis zum Ende des Romans. Wie so oft bei Keigo Higashino befasst man sich als Leser weniger mit der Frage, wer eine Tat begangen hat, sondern damit, wie genau der Mord verübt wurde und wie die Spuren verwischt wurden, die zur Überführung des Verbrechers hätten führen können. Dabei geht der Autor in diesem Roman sogar noch ein Stück weiter als in den anderen bisher von ihm übersetzten Titeln und lässt den Leser den weiteren Weg der betreffenden Personen verfolgen.

So spielt Keigo Higashino über den Großteil des Buches sehr schön mit dem, was man als Leser über diese Personen weiß, und dem, was die Charaktere, aus deren Perspektive man den entsprechenden Abschnitt liest, über sie denken. So wird die Spannung in „Unter der Mitternachtssonne“ weniger durch die Frage erzeugt, wie die Verdächtigen am Ende vielleicht doch noch überführt werden, sondern wie viele Leben sie auf ihrem weiteren Weg noch zerstören und zu welchen Mitteln sie greifen, um ihre Pläne zu verwirklichen. Gerade wenn man diese Passagen aus der Sicht einer Person liest, die in einem der Verdächtigen einen Freund sieht, bangt man schnell um das weitere Schicksal dieses – häufig recht jungen und naiven – Charakters. Dabei sorgt der zurückhaltende Erzählstil des Autors dafür, dass man selbst beim Lesen der wirklich dramatischen Ereignisse weniger emotional betroffen ist, als dass man fasziniert ist von den Wendungen, die die Geschichte nimmt, und den skrupelosen Methoden, die immer wieder angewandt werden.

Trotz dieser relativ großen Distanz zu den Charakteren gefällt es mir immer wieder, wie Keigo Higashino Menschen darstellt. Seine Figuren sind selten schwarz-weiß gezeichnet, sondern Personen mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten, die ihr Handeln bestimmen, und mit Wünschen und Träumen, die man als Leser nachvollziehen kann. Doch bei „Unter der Mitternachtssonne“ beweist der Autor nicht nur ein gutes Händchen für die Charaktere, sondern auch für all die Elemente, die so typisch für ihre jeweilige Zeit sind. Im Laufe der Kapitel erlebt man als Leser (noch einmal) die technische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von 1973 bis 1992 mit, während sich zum Beispiel eine Gruppe von Schülern über einen Kinofilm unterhält, ein Spieleentwickler sich Gedanken über das Copyright macht oder ein Liebhaber seine Frau nicht verlässt, weil er das während des Wirtschaftsbooms gekaufte Apartment nicht ohne das Geld ihres Vaters abbezahlen kann. Dieses gekonnte Einfangen des jeweiligen Zeitgeists hat für mich bei „Unter der Mitternachtssonne“ einen fast ebenso großen Anteil am Lesevergnügen gehabt wie die sich über beinahe zwanzig Jahre hinziehenden und überraschend detailliert erzählten Folgen des Mordes an dem Pfandleiher. Ich weiß nicht, ob Keigo Higashino weitere Romane von diesem Umfang und dieser Komplexität geschrieben hat, aber wenn dies der Fall sein sollte, dann hoffe ich sehr, dass davon noch mehr ins Deutsche übersetzt werden.

Dorothy Cannell: Die dünne Frau (Ellie Haskell 1)

Anfang der 1990er erschien „Die dünne Frau“, der erste Ellie-Haskell-Roman von Dorothy Cannell, auf Deutsch und wenig später hatte ich damals die Reihe für mich in der Bibliothek entdeckt. Dass mich diese amüsanten Krimis schon damals nicht vollkommen überzeugt haben, kann ich schon allein daran festmachen, dass ich mir den ersten Teil irgendwann einmal gebraucht gekauft habe. Hätte ich den Titel unbedingt haben wollen, hätte ich mir das Buch direkt bei meinem Buchhändler bestellt. Allerdings finde ich die Handlung auch heute noch unterhaltsam genug, dass ich mit den Eigenheiten der Protagonistin Ellie leben und mich beim Lesen gut amüsieren kann. Ellie ist siebenundzwanzig Jahre alt, Innenarchitektin und dick – letzteres beherrscht ihr Leben so sehr, dass sie seit zwei Jahren zu keinem Familientreffen gegangen ist, weil sie sich neben ihrer dünnen und schönen Cousine Vanessa wie eine hässliche Versagerin fühlt.

Als nun eine schriftliche Einladung von ihrem Großonkel Merlin eintrifft, beschließt Ellie, dass sie sich für diesen Termin einen attraktiven Mann bei „Kultivierte Herrenbegleitung“ mieten muss, um genügend Selbstbewusstsein für das Zusammentreffen mit dem Rest der Familie zusammenkratzen zu können. So richtig gut läuft es dann trotz des angemieteten (angehenden) Autors Bentley „Ben“ Haskell nicht, aber trotzdem hat dieses Familientreffen zur Folge, dass Ellie und Ben im Testament des wenige Wochen später verstorbenen Großonkel Merlins bedacht werden. Genau genommen sieht das Testament vor, dass die beiden sechs Monate lang in dem alten und vernachlässigten Herrenhaus von Großonkel Merlin leben. Während dieser Zeit muss Ben ein (nichtpornografisches!) Manuskript beenden, während Ellie testamentarisch dazu gezwungen wird, 30 Kilo abzunehmen – außerdem müssen die beiden gemeinsam ein Geheimnis lüften, das ihnen Großonkel Merlin hinterlassen hat.

Ich muss gestehen, dass ich immer wieder amüsiert darüber bin, dass sich diese Art von „Kriminalroman“ im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert hat. Abgesehen von den beschriebenen Frisuren, Einrichtungsgegenständen und Kleidern scheint sich im Bereich der „unterhaltsamen und gewaltfreien Frauenkrimis“ nicht viel zu bewegen. Dabei wäre ich so froh, wenn nicht so viele Autorinnen eine Protagonistin wählen würden, deren Gedanken sich ständig um ihre Figur drehen. Ellie (und ein Großteil ihrer Umgebung) denkt nur über ihr Übergewicht nach und darüber, wie sie an die nächste Mahlzeit kommt. Ich bin mir relativ sicher, dass die Menschen in ihrem Umfeld gar kein so großes Problem mit ihren Pfunden hätten, wenn sie nicht ständig selbst darauf aufmerksam machen würde. Die Masse an „ich bin hässlich und wenig liebenswert, weil ich so dick bin“-Bemerkungen wäre unerträglich, wenn nicht zwischendurch immer wieder sympathische Nebenfiguren, skurrile Momente mit anderen Personen oder – zumindest bei der Protagonistin – doch so etwas wie Interesse für andere Menschen oder Ellies Arbeit auftauchen würden.

Diese Aspekte sind es dann auch, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht nur „Die dünne Frau“ unterhaltsam fand, sondern mir damals auch noch weitere Bände der Reihe besorgt habe. Solange ich mich auf die Handlung und weniger auf Ellies Selbstsicht konzentriere, fühle ich mich sehr wohl mit der gemischten Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit in dem alten Herrenhaus sammelt. Neben Ellie und Ben (die theoretisch von Anfang an ein Paar hätten sein können, wenn sie nur einmal über ihre Gefühle geredet hätten) gehören noch Dorcas (eine energische ehemalige Sportlehrerin) und Jonas (der ca. 70jährige Gärtner des Anwesens) zum Haus. Dazu kommen die diversen Verwandten, die immer wieder in der Nähe des Anwesens auftauchen und die zwar nicht sympathisch sind, aber für die eine oder andere amüsante Szene sorgen, der gutaussehende Pfarrer, der doch nur hilfreich sein will, und diverse Bewohner des naheligenden Städtchens, die alle ihre ganz eigene Meinung über das Herrenhaus und dessen aktuelle und frühere Bewohner haben.

Außerdem gibt es natürlich noch das zu lösende Geheimnis, mit dem sich Ellie und Ben in den sechs Monaten mehr oder weniger intensiv beschäftigen. Diesen Teil mag ich an der Geschichte besonders gern, denn hier beweist die Autorin ein Händchen für alltägliche, kleine Dinge, die sehr viel über einen Menschen aussagen. Auch wenn Ellie und Ben nicht genau wissen, worum es bei diesem Geheimnis geht, konzentrieren sich viele ihrer Fragen auf Merlins Mutter. So studieren sie intensiv die wenigen erhaltenen Briefe, das Haushaltsbuch und die Rezeptsammlung dieser längst verstorbenen Frau und lernen erstaunlich viel über ihr Leben und ihre unglückliche Ehe. Ein paar der „überraschenden“ Elemente in der Geschichte sind zwar für den aufmerksamen Leser sehr vorhersehbar, aber das macht sie nicht weniger unterhaltsam. „Die dünne Frau“ ist also kein Meisterwerk der Krimiliteratur, aber ein netter und unterhaltsamer Roman, der für ein paar kurzweilige Lesestunden sorgt. (Und im Gegensatz zu den meisten anderen meiner immer noch als unterhaltsam empfundenen „älteren“ Krimis, gibt es bei diesem Roman sogar eine aktuelle deutsche Ausgabe.)

Zelda Popkin: Rendezvous nach Ladenschluss (Mary Carner 1)

Beim Einräumen meiner Bücherregale bin ich über die drei Kriminalromane von Zelda Popkin in meinem Bestand gestolpert und musste den ersten Band nach all der Zeit gleich wieder lesen. Leider gibt es noch so einige Titel der Autorin, die ich nicht habe, und so war ich sehr enttäuscht, als ich nach dem Lesen herausfand, dass man auch die englischen Originale nicht mehr (oder nur noch als sehr, sehr teure Gebrauchtausgaben) bekommen kann. Wenn ich der Autorenangabe in meiner alten dtv-Ausgabe trauen kann, muss Zelda Popkin eine faszinierende Frau gewesen sein, die schon als Fünfzehnjährige als Reporterin arbeitete und vor ihrem siebzehnten Geburtstag mehrere Titelstories über authentische Kriminalfälle in verschiedenen Zeitungen platzieren konnte. Die Angabe über ihre späteren Lebensjahre (Heirat, zwei Kinder und die gemeinsame Werbeagentur mit ihrem Mann) finde ich im Vergleich dazu erschreckend langweilig und normal, aber ich hätte trotzdem gern nicht nur mehr Krimis von ihr gelesen, sondern auch ihre biografischen Romane.

„Rendezvous nach Ladenschluss“ („Death Wears a White Gardenia“) wurde 1938 das erste Mal veröffentlicht und ist nicht nur der Debütroman von Zelda Popkin, sondern auch der erste Band (von fünf Bänden) rund um die Kaufhausdetektivin Mary Carner. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Andrew MacAndrew, dem Leiter der Kundenkreditabteilung, bei der Fünfzig-Jahr-Feier des Kaufhauses, für das Mary Carner arbeitet. Nachdem seit Wochen auf dieses Jubiläum hingearbeitet worden war und nicht nur die Gattin des Gouverneurs, diverse andere Prominente und natürlich ein Haufen Presseleute anwesend sind, bemühen sich alle Beteiligten (abgesehen von der Polizei, der der Ruf des Kaufhauses relativ egal ist), den Mord möglichst schnell und dezent zu klären. Schon früh bekommt Mary Carner dabei heraus, dass der Ermordete eine Affäre mit einer Angestellten und neben seinem normalen Job noch ein paar dubiose Geschäfte laufen hatte.

Einer der Gründe, warum ich diese alten Geschichten so liebe, ist die Atmosphäre, die dem Leser da geboten wird. Gleich zu Beginn von „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekommt man eine wunderbar detaillierte Beschreibung des Kaufhauses inklusive der luxuriösen Angebote anlässlich des Jubiläums und der Menge an Personal, die notwendig ist, um ein Geschäft in dem Stil zu betreiben. Die Tatsache, dass solch ein Kaufhaus für Zelda Popkin ein ganz normaler Anblick war, macht es für mich nur noch reizvoller. Denn so weiß ich, dass ich da keine verkitschte Vorstellung von der Vergangenheit präsentiert bekomme, sondern ein Stückchen Alltag, das es so heute nicht mehr gibt, inklusive der Heerscharen von Verkäuferinnen und Lagerarbeitern, einem Kaufhaus-Schreiner, einem Wachmann am Wareneingang und all den Leuten in den Büros, von denen man als Kunde gar nichts mitbekommt. Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass die Zeit dieser großen Kaufhäuser fast vorbei ist, erzählt von der Großen Depression, den finanziellen Problemen des Inhabers und dem verzweifelten Versuch, über diese Jubiläumsveranstaltung die Verluste der vergangenen Monate wieder auszugleichen.

Bei über 1000 Angestellten gibt es in diesem Kaufhaus mehr als genügend Verdächtige für Mary Carner und ihren Vorgesetzten Chris Whittaker unter die Lupe zu nehmen, aber natürlich beschränkt sich die Autorin auf eine Handvoll Personen, die aus beruflichen oder privaten Gründen in regelmäßigem Kontakt mit Andrew MacAndrew standen. Obwohl ein Großteil der Handlung im Büro von Chris Whittaker und einigen weiteren Räumen im Kaufhaus stattfindet und kaum mehr passiert, als dass die Detektive, der ermittelnde Inspektor und der zuständige Staatsanwalt mit den verschiedenen Angestellten und Verdächtigen reden, fühlen sich die Ereignisse überraschend gedrängt und alles andere als gemächlich an. Zum einen liegt das daran, dass die Morduntersuchung gerade mal einem Tag beansprucht, zum anderen daran, dass die verschiedenen Ermittler unterschiedliche Spuren bevorzugen, weil sie den anderen Beteiligten möglichst schnell weitere Hinweise präsentieren wollen, die die Schuld ihres „bevorzugten“ Verdächtigen belegen sollen.

Ich muss gestehen, dass ein Teil von mir beim Lesen immer überlegt, mit welchen alten Schauspielern ich eine Verfilmung dieser Geschichte besetzen würde – vermutlich wird es niemanden überraschen, dass ich mir Lauren Bacall als Mary Carner und Humphrey Bogart als Chris Whittaker gut vorstellen könnte. Denn auf der einen Seite bringt der Roman die Atmosphäre einer Private-Eye-Novel dieser Zeit mit sich (das Abbild einer Gesellschaft auf dem absteigenden Ast voller korrupter Menschen), auf der anderen Seite ist hier der Privatdetektiv kein einzelner Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern Teil einer professionell agierenden Gruppe. Außerdem wird die Handlung deutlich amüsanter und schwungvoller erzählt, was zwar auch einen desillusionierten Blick auf die verschiedenen Charaktere ermöglicht, aber nicht diese alles durchdringende Melancholie einer Hammett- oder Chandler-Veröffentlichung. Nachdem ich diesen Krimi seit über zehn Jahren nicht mehr in der Hand hatte, bin ich sehr froh, dass ich die Geschichte auch heute noch so sehr genießen kann, dass ich die Charaktere immer noch sympathisch und unterhaltsam finde und dass ich beim Lesen weiterhin gespannt alle Hinweise und Erkenntnisse verfolgen mochte, um mit den Ermittlern den Täter zu überführen.

Charlotte MacLeod: Madoc und Janet Rhys 4 – Trouble in the Brasses (Hörbuch)

„Trouble in the Brasses“, das vierte Hörbuch rund um „Madoc und Janet Rhys“, muss leider ohne Janets Beteiligung auskommen, da diese gerade ihre Schwägerin zu Besuch hat, als Madoc von seinen Eltern zur Hilfe gerufen wird. Der berühmte Konzertmeister und seine ebenso berühmte Frau sind seit Wochen mit einem klassischen Orchester auf Tournee und beunruhigt, weil irgendetwas mit den Blechbläsern nicht in Ordnung ist und sie nicht herausfinden, was das sein könnte. Als Madoc beim Orchester eintrifft, kann er nur noch hilflos zusehen, wie einer der Musiker tot umfällt. Da anfangs davon ausgegangen wird, dass der Mann eines natürlichen Todes starb, darf das Orchester seine Reise zum nächsten Auftrittsort antreten – nur um unterwegs von einem Sturm überrascht zu werden und mit dem Flugzeug notlanden zu müssen.

Für Madoc bringt der Fall dieses Mal besondere Herausforderungen mit sich, da er nicht nur herausfinden muss, was mit dem verstorbenen Musiker passiert ist (und ob jemand ihn ermordet haben könnte), sondern auch von seinen Eltern mit der Versorgung des mitten in der kanadischen Wildnis gestrandeten Orchesters beauftragt wird. Auch wenn ich mich wiederhole: Charlotte MacLeod trifft meinen Humor mit ihren Geschichten jedes Mal wieder. Ich habe mich wunderbar amüsiert, während ich davon gelesen habe, wie all die Musiker sich wie egoistische kleine Raupen von Madoc versorgen ließen, wie er versucht, irgendwie die Dynamik zwischen all diesen Künstlern zu durchschauen, und wie sich das Verhältnis zwischen ihm und seinen Eltern gestaltet. Dass dieses Verhältnis trotz aller Zuneigung nicht so einfach ist, konnte man schon in den vorhergehenden Bänden der Reihe mitbekommen, schließlich ist es für eine so musikalische Familie doch sehr seltsam, einen so aus der Art schlagenden Sohn zu haben.

Natürlich stellt die Autorin die verschiedenen Figuren überspitzt dar, aber sie geht nie so weit, dass man die Figuren als unglaubwürdig empfindet. Die Orchester-Musiker stehen sich in gewisser Weise sehr nahe, da sie bei der Arbeit (und den damit verbundenen Reisen) sehr viel Zeit miteinander verbringen, aber auf der anderen Seite haben die meisten von ihnen auch ein privates Leben, das wenig mit ihrer Musikerkarriere zu tun hat. Dazu kommen Madoc, der zwar in einem Musiker-Haushalt aufgewachsen ist, aber eher mit amüsiertem Unverständnis auf dieses Leben reagiert, die beiden Piloten des Flugzeugs und der eine oder andere exzentrische Bewohner der kanadischen Wildnis – und schon ergeben sich so viele unterhaltsame Szenen, dass ich beim Hören ständig vor mich hingeschmunzelt habe. Neben all den humorvollen Elementen gehen die Mordermittlungen ein wenig unter, aber trotzdem gelingt es Charlotte MacLeod, den Fall am Ende stimmig von Madoc lösen zu lassen.

William Dufris leistet auch bei diesem Hörbuch wieder gute Arbeit (zu meinen Glück gibt es in dieser Geschichte recht wenige Personen, deren Passagen im Dialekt gelesen wurden, was für mich ja immer noch eine Herausforderung darstellt). Das einzige, was ich zu beklagen habe, ist, dass ich nun nur noch ein einziges ungehörtes Hörbuch vor mir habe, in dem Janet und Madoc eine Rolle spielen. Immerhin gibt es noch die vier „Dittany Henbit and Osbert Monk“-Hörbücher von Charlotte MacLeod, die ich auch noch nicht kenne. Eine paar unterhaltsame Hörbuchstunden mit dem typischen Humor der Autorin und einer mir unbekannten Geschichte habe ich also hoffentlich noch vor mir liegen.

Elly Griffiths: Dr. Ruth Galloway 1 – Totenpfad (Hörbuch)

Im Juli vergangenen Jahres hatte ich mir das Hörbuch „Totenpfad“ von Elly Griffiths zugelegt, dann aber keine Zeit gehabt, es auch zu hören. Nachdem Irina im Oktober dem Krimi auch nur eine durchwachsene Bewertung hatte zukommen lassen, habe ich in den vergangenen Monaten erst einmal zu anderen Hörbüchern gegriffen, bevor ich in den letzten Tagen dann doch zum Möbelaufbau diese Geschichte auf den Player gezogen habe. Die Handlung wird aus der Perspektive der 39jährigen Dr. Ruth Galloway erzählt, die als Archäologie-Professorin von der Polizei herangezogen wird, um einen Knochenfund im Salzmoor zu bestimmen. Zu Detective Chief Inspector Harry Nelsons Enttäuschung, der gehofft hatte, dass es sich bei dem Fund um die Leiche eines entführten kleinen Mädchens handeln würde, stellt Ruth fest, dass die Knochen schon seit der Bronzezeit im Salzmoor von Norfolk liegen.

Obwohl sie der Polizei dieses Mal nicht weiterhelfen konnte, wird Ruth in den folgenden Wochen immer weiter in die Ermittlungen rund um die entführte Scarlett (und die vor zehn Jahren ebenfalls entführte Lucy) hineingezogen. Nach und nach beschleicht sie der Verdacht, dass zwischen den Entführungen und den Ausgrabungen, die vor zehn Jahren im Moor stattfanden, eine Verbindung besteht und dass ihr ehemaliger Mentor und ihre damaligen Kollegen vielleicht etwas mit den anonymen Briefen und den Entführungen zu tun haben könnten. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich noch zum Inhalt schreiben soll, denn obwohl das Hörbuch fast neun Stunden lang war, habe ich nicht das Gefühl, dass in der Geschichte etwas Erzählenswertes passiert.

Die Handlung plätschert so vor sich hin, es wird von Ruth viel über die Ereignisse von vor zehn Jahren nachgedacht, über ihre damaligen (und heutigen) Freunde, über ihr Leben, über ihre Eltern und vor allem darüber, was all die Menschen in ihrer Umgebung über sie denken. Letzteres vor allem deshalb, weil sie mit fast 40 Jahren alleinstehend ist, in einem einsam gelegenen Haus am Rande des Salzmoors lebt, zwei Katzen hat, übergewichtig ist und sich deshalb anscheinend als unfassbare Versagerin sieht, obwohl Ruth sich ständig erzählt, wie sehr sie ihr eigenständiges Leben doch liebt. Diese Passagen, in denen Ruth über ihr Leben und darüber, wie andere über sie denken könnten, grübelt, fand ich unglaublich nervig. Das Ganze steckte so voller Klischees, Vorurteilen und Selbstverachtung von Seiten der Protagonistin, dass ich mich beim Hören ständig aufgeregt habe.

Dazu kam dann noch der kaum vorhandene Krimianteil, der offensichtliche Täter (und die Tatsache, dass er anscheinend niemals von irgendjemandem verdächtigt wurde) und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren, was dazu führte, dass ich ständig drüber nachgedacht habe, ob ich dieses Hörbuch wirklich bis zum Ende hören will. Immerhin kann ich sagen, dass ich – im Gegensatz zu Irina – wenig Probleme damit hatte, dass sich die gesamte Handlung auf die Menschen in Ruths Umgebung konzentriert. Denn auf der einen Seite leben nun mal nicht so viele Menschen am Rande des Salzmoors und auf der anderen Seite scheint es bei den Entführungen Verbindungen zu den archäologischen Ausgrabungen im Moor zu geben und die damals an den Ausgrabungen beteiligten Personen gehören eben auch heute noch zu Ruths Freundeskreis.

Mit ein Grund, warum ich letztes Jahr das Hörbuch gekauft habe, war nicht nur eine allgemeine Krimilust, sondern auch die Sprecherin Gabriele Blum, der ich normalerweise gern zu höre. Doch bei „Totenpfad“ konnte sie auch nicht viel aus der Handlung machen, während ihre – wie ich zugeben muss – stimmige Darstellung von Ruth dafür sorgte, dass ich die Protagonistin noch weniger mochte. Ich finde es wirklich schade, dass dieser Krimi bei mir so gar nicht ankam, denn die Grundidee war wirklich nicht schlecht und das Salzmoor bildete eine wunderbar atmosphärische Kulisse für die Geschichte, aber die Perspektive der Protagonistin und die ereignislose Handlung haben mich beim Hören wirklich genervt.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

Graham Norton war mir bislang kein Begriff und so lag es nur an dieser Rezension, dass ich Lust hatte, den Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ auszuprobieren. Die Handlung wird zu einem großen Teil von dem Polizisten Sergant PJ Collins bestimmt, der seit fast zwanzig Jahren in dem kleinen Dorf Duneen eine ruhige Kugel schiebt. Sein Leben wird beherrscht von den drei warmen Mahlzeiten, die ihm seine Haushälterin Mrs. Meany jeden Tag serviert, und von den Kleinigkeiten, die er in seinem Alltag als Dorfpolizist übernehmen muss. Geprägt wird sein Verhalten dabei von einer allumfassenden Unsicherheit, die nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass er sehr dick ist und sich der Tatsache bewusst ist, dass ihn kaum ein Mensch ernst nimmt. Als eines Tages bei Bauarbeiten auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs ein Skelett gefunden wird, ist sich das gesamte Dorf sicher, dass es sich dabei um die Leiche des vor über zwanzig Jahren verschwundenen Tommy Burke handelt.

Gerüchten zufolge war Tommy zwar damals nach London abgehauen, nachdem sich seinetwegen zwei Frauen vor dem Dorfladen geprügelt hatten. Doch da man nie wieder von dem jungen Mann etwas gehört hatte, hat das Rätsel um Tommy Burke die Dorfgemeinschaft nie ganz in Ruhe gelassen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nun vor allem die beiden Frauen, denen er vor so vielen Jahren so wichtig war, dass sie sich um ihn prügelten. Weder Brid Riordan noch Evelyn Ross haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihr Glück gefunden. Während Evelyn gemeinsam mit ihren beiden älteren Schwestern im Haus ihrer verstorbenen Eltern lebt, hat Brid einen Mann geheiratet, von dem sie wusste, dass er sie nicht liebt, sondern es nur auf den vom Vater geerbten Bauernhof abgesehen hatte. Aus der Sicht dieser drei traurigen Figuren (PJ, Evelyn und Brid) wird der Großteil der Geschichte erzählt, wobei es Graham Norton gelingt, überraschend liebevoll und respektvoll mit diesen drei gescheiterten Existenzen umzugehen.

Ein paar Elemente in „Ein irischer Dorfpolizist“ erinnerten mich an den Miss-Marple-Krimi „Nemesis“ von Agatha Christie, auch da gibt es diese drei ältlichen Schwestern, die zusammen leben und zwischen denen so viel Unausgesprochenes steht und die alle drei so viel mehr in ihrem Leben hätten haben können, wenn sie es gewagt hätten, ihren eigenen Weg zu gehen. Und der Fall selbst dreht sich um eine Person, die vor vielen Jahren aus dem Leben aller Beteiligten verschwunden ist und die durch ihre Abwesenheit eine große Lücke hinterlassen hat. Eine Lücke, die bei mehr als einem Charakter zu einem Bruch im Leben geführt hat, von dem sich diese Personen nicht wieder erholt haben. Doch während Miss Marple von einem Hinweis zum nächsten geschickt wird und dabei aus den verschiedenen Erinnerungen, die ihr erzählt werden, ihre Schlüsse zieht, scheint PJ sich angesichts einer so großen Aufgabe recht hilflos zu fühlen.

Auf der einen Seite will er endlich mal zeigen, dass er als Polizist zu mehr gut ist als nur den Verkehr zu regeln und Strafzettel auszustellen, auf der anderen Seite ist PJ nicht gerade jemand, der die hinzugezogenen Ermittler aus Cork mit seinem Verstand und seinen Einfällen beeindruckt. Doch PJ strahlt – bei all seiner Unbeholfenheit – Wärme und Verständnis aus, was die Beteiligten dazu bringt, ihm im Laufe der Zeit ihr Herz auszuschütten. So ist „Ein irischer Dorfpolizist“ weniger ein Kriminalroman als eine Geschichte rund um all die verpassten Gelegenheiten, die Kümmernisse und die Hoffnungslosigkeit, die lange Zeit das Leben einiger Bewohner des Dorfes Duneen bestimmen. Ich mochte es sehr, wie Graham Norton die verschiedenen Charaktere darstellt, weil er keine seiner Figuren für irgendetwas zu verurteilen scheint. Er macht hingegen deutlich, dass hinter all den größeren und kleineren Fehler und Probleme seiner Figuren eine Geschichte steckte – und dass es nicht immer so einfach ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein anderes Leben anzufangen.

Aber dieses liebevolle Verständnis für all die gescheiterten Existenzen in diesem Roman sorgte bei mir auch für eine melancholische Stimmung beim Lesen. Es ändert sich zwar im Laufe der Geschichte etwas für alle Beteiligten, aber allein die Vorstellung, dass die meisten von ihnen zwanzig, dreißig Jahre in ihrer Einsamkeit gefangen waren und nicht wussten, wie sie etwas in ihrem Leben ändern sollten, fand ich schon etwas deprimierend. Doch im Gegensatz zu „Nemesis“, wo man am Ende das Gefühl hat, dass die Auflösung des Verbrechens den Figuren zwar Antworten auf einige wichtige Fragen bietet, aber keine Erlösung aus ihrer Einsamkeit, gibt es bei „Ein irischer Dorfpolizist“ immerhin für den einen oder anderen Charakter einen ausreichenden Anstoß im Laufe der Geschichte, um eine neue (und immer noch realistisch wirkende) Wendung im Leben einzuschlagen.

Tetsuya Honda: Blutroter Tod (Reiko Himekawa 1)

„Blutroter Tod“ von Tesuya Honda habe ich in der Bibliothek bei den Krimiempfehlungen gefunden und – da ich den Autor nicht kannte und grundsätzlich neugierig auf japanische Krimis bin – zusammen mit dem zweiten Band rund um die Hauptkommissarin Reiko Himekawa zum Ausprobieren mitgenommen. In „Blutroter Tod“ wird die Geschichte in erster Linie aus der Perspektive der 29jährigen Reiko erzählt – ab und an gibt es aber auch Passagen, die mehr über die Hindergründe der Morde enthüllen oder die aus der Sicht eines Kollegen von Reiko geschrieben wurden. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Reiko zum Fundort einer Leiche gerufen wird. Der unbekannte Tote wurde in eine Plastikplane gewickelt an einem Fischteich in Tokio gefunden und seine Verletzungen deuten darauf hin, dass er vor seinem Tod gefoltert wurde. Noch bevor Reiko und ihr Team einen Grund finden können, warum der Ermordete einer solchen Gewalttat zum Opfer fiel, wird eine weitere Leiche gefunden, die anscheinend einen Monat zuvor in dem Fischteich versenkt worden war.

Die Geschichte in „Blutroter Tod“ wird relativ ruhig und ausführlich erzählt, wobei ein großer Schwerpunkt bei der Arbeit der Polizei liegt. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil sehr spannend fand, weil die Details rund um die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen, die Hirachien innerhalb der Polizei und ihre Arbeitsweise an sich sehr interessant war. Aber so hat man halt auch das Gefühl, man wäre bei jeder einzelnen Befragung, bei jeder Teambesprechung und bei jedem Geplänkel zwischen den Kollegen dabei gewesen, während die Ermittlungen in dieser Zeit nur langsam vorangehen. Der Fall selbst war für mich in Ordung, es gab Elemente, die dem Leser bekannt waren, von denen die Polizei aber nichts wusste, so dass bestimmte Wendungen vorhersehbar waren. Andere Details rund um die Morde hat man als Leser hingegen fast zeitgleich mit den Ermittlern herausgefunden, so dass es noch die eine oder andere nicht so vorhersehbare Wendung in der Handlung gab, die mich gut unterhalten hat.

Auch die meisten Charaktere fand ich interessant und zum großen Teil sogar sympathisch. Reiko hat ihre ganz eigene Vergangenheit, die vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hat, dass sie sich für die Arbeit bei der Polizei entschieden hat. Ihre Kollegen kommen in der Regel gut mit ihr aus und gerade im engen Kollegenkreis herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Umgang zwischen japanischen Arbeitskollegen in japanischen Romanen (oder anderen Medien) dargestellt wird. Diese Mischung aus Distanz und (aufgezwungener) Nähe – inklusive dem gemeinsamen Besäufnis nach Feierabend – ist eben etwas ganz anderes, als ich es in meinem normalem Arbeitsumfeld erlebt habe.

Schwierig fand ich hingegen zwei Punkte bzw. Charaktere, und ich muss zugeben, dass die mich mehrmals darüber nachdenken ließen, ob ich den Roman nicht lieber abbrechen sollte. Zum einen gibt es einen externen Kollegen, der eng mit Reiko zusammenarbeiten soll und der „verliebt“ in die Hauptkommissarin ist. Seine Verliebtheit äußert sich darin, dass er ihr ständig unpassende Komplimente macht und versucht, sie zum Essengehen oder mehr zu überreden. Reikos Reaktion darauf besteht in der Regel darin, ihn zu ignorieren, ihn auszuschimpfen (was überhaupt nicht bei ihm ankommt) oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen – was ebenfalls keinerlei Auswirkungen auf sein Verhalten hat. Auch ihre anderen Kollegen sind genervt von dem Verhalten des „Externen“, aber ihre Reaktion beschränkt sich zum Großteil darauf, belustigt zu sein oder die Augen zu verdrehen, und der einzige Typ, der wirklich aktiv wird, greift auf körperliche Gewalt zurück – was wieder dazu führt, dass Reiko oder die anderen Kollegen ihn zurückhalten müssen.

Noch schlimmer war es mit den zweiten Charakter, der mich so gestört hat. Dieser Polizist gehört zu denjenigen, deren Perspektive man in einigen Abschnitten miterlebt, und die Art und Weise, wie er über andere Menschen denkt, hat mich regelrecht abgestoßen. Ebenso fand ich die Mittel, die er einsetzte, um an seine Informationen zu kommen oder anderen Kollegen Steine in den Weg zu legen, überaus unangenehm zu verfolgen. Sein Verhalten wird damit begründet, dass er einige Jahre für den Geheimdienst gearbeitet hatte und ihn diese Tätigkeit sehr veränderte, aber das macht es für mich als Leser nicht einfacher zu ertragen. Ich wünschte mir wirklich, dass Tetsuya Honda auf diese beiden Figuren verzichtet hätte, dann hätte mir die Geschichte mehr Vergnügen (soweit man das bei einer Handlung rund um gefolterte und ermordete Menschen sagen kann) bereitet.

Außerdem haben diese ganzen Szenen rund um Reiko und den „verliebten“ Kollegen dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, wie wohl in Japan mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz umgegangen wird. Bei „Stahlblaue Nacht“, dem zweiten Reiko-Himekawa-Krimi, kommt das Thema übrigens auch wieder vor. Zum einen, weil der externe Kollege wieder mit dabei ist (und wieder hatte ich nicht das Gefühl, dass er irgendeinen Gewinn für die Geschichte mit sich bringt, aber wer weiß, vielleicht spricht er den japanischen Humor an), und zum anderen, weil die weiblichen Angestellten einer Firma, die im Rahmen der Ermittlungen mehrfach aufgesucht wird, regelmäßig von einem Kollegen begrabscht und bedrängt wurden. Hier wird aber auch betont, dass der Chef und die anderen Kollegen deshalb ein Auge auf die Frauen haben und rettend einspringen, bevor etwas wirklich Schlimmes passieren konnte. Reiko hingegen muss sich auch im zweiten Band weiterhin selbst verbal und handgreiflich gegen den aufdringlichen Kollegen wehren.