Letzten Freitag ging es für uns in den Norden, denn am Samstag sollte eine Familiefeier stattfinden, die wir nicht verpassen wollten. Dafür hatten wir schon im August die Bahnkarten gebucht, um das günstigste Angebot nutzen zu können – und seitdem machte sich mein Mann darüber Gedanken, dass wir damals keine Sitzplätze reservieren konnten. In den letzten Wochen kam dann noch für ihn die Sorge wegen des Wetters hinzu, denn es ist ja allgemein bekannt, wie gut die Deutsche Bahn bei Schnee, Kälte und anderen extremen und absolut unvorhersehbaren Wetterlagen funktioniert.
Doch trotz aller vorherigen Sorgen und Gedanken ging es am Freitagmorgen los. Da Schnee und Glatteis angekündigt waren, hatten wir frühzeitig ein Taxi bestellt und das war so früh da – und der Fahrer so zügig unterwegs -, dass wir zu unserer geplanten Abholzeit schon vor dem Bahnhof standen. So hatten wir noch gut dreißig Minuten bis zur Abfahrt und konnten nicht nur in Ruhe etwas Proviant einkaufen, sondern auch mit Erschrecken feststellen, dass für unseren Zug 30 Minuten Verspätung angekündigt waren. Nun, irgendwie muss man die Zeit ja rumbekommen und so stellten wir uns in die Schlage vor der Information und erkundigten uns (ganz ohne Hintergedanken), ob wir unseren Anschlusszug denn noch bekommen würden.
Statt nach einer neuen Verbindung für uns zu suchen, bot der gute Mann uns allerdings an, unser Ticket (dank der Verspätung ohne Extrakosten) umzubuchen, damit wir den ICE nehmen könnten, der in einer Viertelstunde einfahren würde. Wir wären dann allerdings eine Stunde früher an unserem Zielort als geplant. Also, das sollte nun kein Hinderungsgrund sein – wenn man uns das Umbuchen schon so nett anbietet, dann können wir ja nicht Nein sagen. So ging es kurz darauf mit dem schnelleren Zug los in den Norden. Nach einiger Suche hatten wir sogar zwei nebeneinanderliegende Sitzplätze in einem Abteil gefunden und genossen bald danach eine seltsame Ansage des Zugbegleiters.
Er begrüßte nicht nur die neuen Passagiere, sondern machte auch die Raucher (er nannte sie „Schmöker“) darauf aufmerksam, dass ihre Zigarettenpausen auf den Bahnhöfen nur für weitere Verspätungen sorgen würden. Sie sollten sich doch bitte zusammenreißen und ein Bonbon lutschen! Und was den Wagen 4 angeht: Man hätte wohl gemerkt, dass dort auf den Toiletten geraucht worden wäre! Sie wären zwar Eisenbahner, aber riechen könnten sie noch – und mit dem Klammerbeutel seien sie auch nicht gepudert! Er wäre ja auch Raucher und müsste sich die sechs Stunden Fahrt über zusammenreißen! Das Ganze war so seltsam und belustigend, dass wir alle uns mit einem irritierten Grinsen anguckten. Obwohl es im Laufe der Hin- und Rückreise noch einige seltsame Ansagen gab (anscheinend weiß die Hälfte der Durchsagenden nicht, wohin die Reise gehen soll), konnte diese erste Durchsage von nichts anderem mehr getoppt werden.
Trotz Schneetreiben klappt es mit allen Anschlusszügen und aus dem letzten Regionalzug heraus haben wir dann bei meinen Schwiegereltern angerufen und Bescheid gesagt, dass wir eine Stunde früher da sein werden. Bibendum war so lieb und hat uns vom Bahnhof abgeholt und durch hübsches Schneetreiben heimgefahren. Und kurz darauf hatten wir schon das Gepäck von uns geworfen, uns in bequeme Sachen gestürzt und saßen am schwiegerfamiliären Esstisch – und da blieben wir (meinem Gefühl nach) für den Rest des Wochenendes.
Mein Mann genoss die mütterlichen Kohlrouladen, während für mich ein Extra-Auflauf mit Spätzle und Spinat gemacht worden war – und dann klang der Abend mit einer Runde „Pochen“ aus. Das Spiel kannte ich noch nicht und obwohl ich vor lauter Müdigkeit ein paar Anfangschwierigkeiten hatte, machte es höllisch viel Spaß! Am nächsten Tag drehte sich dann alles um die Familienfeier, dazu will ich nur sagen, dass so viele Menschen auf einem Haufen erstaunlich laut sein können. Gefeiert wurde in einem Lokal – und irgendwie sorgte das dafür, dass wir von mittags bis abends durchgefuttert haben.
Die Steckrüben-Suppe muss ich irgendwann selbst einmal versuchen zu kochen, der Gemüseauflauf war lecker, die Bratapfelcreme mit weihnachtlicher Himbeersauce der perfekte Abschluss und bei den Torten hätte ich weinen können, weil ich noch immer so schrecklich satt war. Da mein Mann und ich uns die Stücke geteilt haben und der Rest der Verwandtschaft auch mal den Teller zum Probieren zur Verfügung stellte, konnten wir mit Mühe und Not vier Sorten probieren (Schokoladen-Sahne-Torte, Mandarinen-Frischkäse-Torte, Nuss-Torte und Donauwelle) – und ich glaube, wenn an dem Ort noch einmal gefeiert wird, dann überspringe ich einfach das warme Essen samt Nachtisch und fange gleich mit den Torten an. Mit Bauchweh ging es im Schneegestöber wieder zurück, wobei Bibendum schon wieder Chauffeur spielen durfte. So ein Fahrsicherheitstraining scheint sich bei Schnee ganz positiv auf den Fahrer auszuwirken. Auf jeden Fall ging es sicher wieder in die heimische Garage. 🙂
Da es bis zum Schlafengehen noch etwas Zeit war, wurde wieder eine Runde gespielt – ich liebe diese Spielezeiten mit der Schwiegerfamilie! Dieses Mal kam „6 nimmt!“ dran, wieder ein Spiel, das ich noch nicht kannte. Aber dafür habe ich mich ganz gut geschlagen und musste mich nur Bibendum ergeben! 😀 Dass zwischenzeitlich der eine oder andere einen Blick in den Kühlschrank warf oder unauffällig zum Schokoteller schlenderte, verschweige ich jetzt mal lieber, sonst haltet ihr uns noch für verfressen. 😉
Am nächsten Morgen ging es dann nach einem gemütlichen Frühstück wieder auf den Heimweg. Wieder fuhren wir durch Schneegestöber, wieder durfte Bibendum am Steuer sitzen und so erreichten wir pünktlich den ersten Zug, der uns zurück Richtung Süden bringen sollte. Die gesamte Fahrt verlief eigentlich unspektakulär, wenn man von einigen Fahrgästen absah. Der Herr, der mit seinem Fahrrad in den Regionalzug einstieg und sich lauthals – und sehr besserwisserisch – in jedes Gespräch der anderen Fahrgäste einmischte und jedem, der die Toilette benutzen wollte, unverständliche Anweisungen zur Bedienung der Klotür zubrüllte, hat schon etwas genervt. Abgesehen davon, dass er sein Fahrrad so geschickt geparkt hatte, dass die Frau gegenüber zuhause ihr Gepäck erst einmal unter die Dusche stellen darf, da der Schlamm von den Taschen tropfte und die Reifenspuren auch nicht so dekorativ waren.
Diese Dame hingegen hatte keinerlei Hemmungen, sich lauthals mit ihrer Tochter über viele Dinge zu unterhalten, die ich nicht aus ihrem Leben wissen wollte … und auf dem letzten Stück der Fahrt saßen wir durchgehend (leider war der Zug zu voll, um sich umsetzen zu können) hinter einem jungen Mann, der die Luft mit einer Alkoholfahne gründlich verpestete und auch sonst ein eher unangenehmer Mitreisender war. Am heimischen Bahnhof angekommen, waren wir dann ganz froh, dass wir aussteigen konnten – und ich freute mich schon darauf, auf dem letzten Wegstück einen Gutschein für eine Heiße Schokolade einlösen zu können.
Genau genommen versprach mir der Gutschein 2 Euro Rabatt, aber damit waren die Damen und Herren in dem Café wohl etwas überfordert. Während der eine Angestellte herauszufinden versuchte, wie man die Kasse dazu bringt eine Abzug von x Prozent zu berechnen, damit ich auf die zwei Euro Rabatt kommen würde (anscheinend hatten sie gerade parallel eine Prozentrabattaktion), waren zwei Damen damit beschäftigt herauszufinden, wie man mit den vorhandenen Geräten die gewünschte Heiße Schokolade anfertigt. Und als ich auch noch meinte, dass ich das Getränk vor Ort zu mir nehmen wollte, brach richtige Panik aus, denn der Geschirrspüler sei kaputt und man hätte kein sauberes Porzellan mehr! Letztendlich bekam ich dann etwas Trinkbares in einem Pappbecher – und den Eindruck, dass ich in das Café am Bahnhof nicht noch einmal gehen muss. 😉
Nun fehlte nur noch die Taxifahrt nach Hause und während ich auf dem Rücksitz vor mich hindöste und ignorierte, dass wir schon wieder einen flotten Fahrer hatten, der das vorhandene Glatteis auf den Straßen nicht zu bemerken schien, erzählte mir mein Mann später, dass es schon fast cool war, wie der Fahrer über rote Ampeln preschte und von einer Spur auf die andere hüpfte, weil er sich nicht sicher war, welchen Weg er nehmen musste. Nun, wir sind heil daheim angekommen und fanden vier sehr zufriedene und ausgeglichene Katzen vor, die sich darüber freuten, uns wiederzusehen.
Es war schön, mal wieder bei der Schwiegerfamilie zu sein – und wie immer war ich mir bei der Abreise sicher, dass ich nie wieder etwas essen könnte. Ebenso schön war es, Bibendum wiederzusehen, sie hingegen wird sich im Februar schon wieder auf den Weg zu uns machen. 🙂 Nur auf eins hätte ich verzichten können: Dank dem Reisevorbereitungsstress, den Sitzbedingungen bei der Deutschen Bahn und dem schweren Rucksack muckt mein Rücken seit Tagen und nun hoffe ich, dass der bald soweit okay ist, dass ich meine Stunden am PC wieder normal durchhalten kann.