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Torkil Damhaug: Netzhaut

„Netzhaut“ ist der zweite Roman des Autors Torkil Damhaug – das wusste ich, als ich das Buch zum Antesten in Erwägung zog. Allerdings war ich anhand des Klappentextes nicht davon ausgegangen, dass die beiden Titel des Autors in Verbindung miteinander stehen. Ich hätte wirklich nichts gegen ein paar für sich stehende Einzeltitel – oder aber eine ausreichende Information durch den Verlag. Immerhin muss ich zugeben, dass man erst im dritten Teil des Buches das Gefühl hat, man hätte Wissenslücken. Da erst kommt die Polizei ins Spiel und es gibt immer wieder Anspielungen auf die Handlung des ersten Romans des Autors.

Insgesamt wird die Geschichte in vier Teilen erzählt, wobei davor noch ein über 50-seitiger Prolog kommt, der im Jahr 1996 auf Kreta spielt und das Leben des damals zwölfjährigen Jo zeigt. Der Junge ist mit seinen Eltern und den beiden jüngeren Geschwistern im Urlaub und vollkommen überfordert mit der alkoholkranken Mutter (die ihrem Sohn gegenüber ständig Grenzen überschreitet) und der Betreuung der anderen beiden Kinder. Seine Rettung scheint die Bekanntschaft zu einem – fernsehbekannten – Erwachsenen, der Jos Gesellschaft zu genießen scheint.

Der Rest des Romans spielt zwischen dem November 2008 und Januar 2009. Hauptfigur ist dabei die in Amsterdam lebende Liss. Obwohl sie eigentlich Designstudentin ist, arbeitet die junge Norwegerin vor allem als Model. Schnell wird einem als Leser klar, dass Liss so richtig im Dreck steckt. Der Typ, der ihr ihre Aufträge verschafft, will, dass sie sich prostituiert, und versorgt sie regelmäßig mit Drogen. Und der Rest ihres Umfeldes ist auch nicht besser. Einziger Halt in Liss‘ Leben ist ihre große Schwester Mailin. Diese lebt und arbeitet zwar als Psychologin in Oslo, hält aber intensiven Kontakt zu Liss, besucht sie regelmäßig und ist immer für sie da. Als Liss nun erfährt, dass die sonst so zuverlässige Mailin spurlos verschwunden ist, ist sie sich sicher, dass der Schwester etwas Schlimmes zugestoßen ist, und macht sich auf den Weg nach Oslo, um Mailin zu suchen.

Ich muss gestehen, dass ich immer noch nicht so genau weiß, was ich von der Geschichte zu halten habe. Auf der einen Seite gab es mir hier viel zu viele kaputte Charaktere, zu deren Alltag der Drogenkonsum ebenso gehörte wie ein erschreckend gleichgültiger/verächtlicher Umgang mit anderen Menschen. Es gab kaum eine Figur, bei der nicht der Verdacht auf Kindesmissbrauch in der Vergangenheit oder ein ähnliches Drama im Raum hing. Außerdem stellte sich die Polizei, die keine so große Rolle in diesem Buch einnahm, häufig erschreckend kurzsichtig an, während Liss – trotz eines sehr kopflosen Vorgehens – ständig Informationen bekam, die sie dann nicht der Polizei (aber zumindest häufig der Pathologin) mitteilen wollte.

Auch bei der Auflösung fühlte ich mich vom Autor künstlich dumm gehalten. Nach dem Prolog lag es auf der Hand, dass Jo (und vielleicht sogar sein deutlich älterer „Freund“) irgendwie in das Verschwinden von Mailin involviert sind. Auch war mir bewusst, dass all die Personen, die Torkil Damhaug in den Blickpunkt gerückt hatte, nicht als Täter in Frage kamen. So blieben recht schnell nur noch zwei Charaktere als mögliche Verdächtige übrig – und da ich mir sicher war, dass ich die Lösung gefunden hatte, wartete ich dann ungeduldig darauf, dass der Autor endlich zwei relevante Informationen ausspuckt, die meinen Verdacht bestätigen. Das war allerdings erst am Ende des Romans der Fall und zu dem Zeitpunkt war ich schon etwas genervt von all den künstlichen Verzögerungen.

Allerdings fand ich Liss und Mailin als Figuren erstaunlich interessant. Über Mailin erfährt man nur aus Liss‘ Erinnerungen und aus den Dingen, die Dritte über sie erzählen. Liss hingegen ist mir zwar nicht sympathisch mit ihren Stimmungsschwankungen, ihrem Drogenkonsum und ihrer Gedankenlosigkeit, aber Torkil Damhaug hat es geschafft, dass ich all diese Elemente als stimmig empfand. Auch die Tatsache, dass Liss keine bewussten Kindheitserinnerungen hat, dafür aber immer wieder seltsame Träume, in denen sie Mailin vor etwas beschützt, hat mich neugierig auf die Vergangenheit der beiden Frauen gemacht.

Außerdem empfand ich die Polizisten und die Pathologin – so selten sie vorkamen – als angenehm normal. Der eine Polizist hatte zwar noch irgendwelche Probleme, die ich aufgrund der Unkenntnis des anderen Romans von Torkil Damhaug nicht richtig einordnen konnte. Der zweite Polizist war geschieden und hatte ein Verhältnis mit einer älteren Kollegin und auch die Pathologin war ihrem Mann nicht gerade treu, aber das belastete die Figuren nicht besonders, sondern war einfach Teil ihres derzeitigen Lebens. Einzig die Tatsache, dass der Informationsfluss durch die privaten Beziehungen manchmal ungewöhnliche Wege nahm, führte zu Missstimmungen innerhalb des Teams, aber so groß wurde das auch nicht thematisiert. Und ich finde es erfrischend, einmal einen skandinavischen Krimi in die Finger zu bekommen, bei dem auf Seiten der Polizei keine großen Dramen präsentiert werden.

Kurze Information

Ich habe nun doch aufgrund des hohen Spam-Aufkommens bei aktuellen Beiträgen auf komplette Moderation der Kommentare umgestellt. Blöderweise bin ich prompt in den nächsten Tagen weg und somit offline, so dass eure Kommentare von heute an für ungefähr eine Woche in der Warteschleife ruhen werden. Ich kümmere mich darum, sobald ich wieder Zeit und Luft für den Blog habe. (Oder vielleicht denkt meine Mann zwischendurch mal daran ein paar Kommentare freizuschalten, nachdem ich ihm am Wochenende gezeigt habe wie das geht.)

Vermutlich werde ich nach diesen Offline-Tagen von der Masse an neuen Beiträgen in meinem Feed-Reader erschlagen werden, also werde ich auch bei euch wohl in der nächsten Woche nicht so viel kommentieren, wie mir lieb wäre. Trotzdem freue ich mich natürlich über jede Reaktion von euch auf einen meiner Posts – ich habe da auch welche vorbereitet  … 😉

Die Winterkatze und der Kindle

Ende Januar dachte ich, dass es Zeit wäre, einen kleinen Rückblick über meine ersten Monate mit dem Kindle zu posten – seitdem hängt die erste Version dieses Blogbeitrags in meinem Entwurfsordner und wartet darauf, dass ich mal meine Gedanken zu dem Thema ausformuliere.

Erst einmal fand ich es spannend herauszufinden, wie mein Kaufverhalten mit dem Kindle ist. Ich gebe zu, dass ich E-Books immer noch nicht als „richtige Bücher“ empfinde und deshalb Hemmungen habe, Geld dafür auszugeben. Zu Weihnachten hatte ich einen Gutschein über 20 Euro für E-Books bekommen und den habe ich für amerikanische Anthologien, Kurzgeschichten und Fantasy-Magazine ausgegeben. Mit vielen dieser Publikationen liebäugle ich schon eine ganze Weile, weil das die einzige Möglichkeit ist, um an einige Veröffentlichungen von ein paar meiner Lieblingsautoren zu kommen.

Außerdem habe ich drei Daisy-Dalrymple-Schnäppchen genutzt. Bis ich mir diese Reihe in den schönen britischen Ausgaben leisten kann, bin ich bereit, jedes 99-Cent-Angebot zu nutzen. Ich finde die Serie unterhaltsam und entspannend, und trotz der einen oder anderen Länge in der Handlung, amüsiere ich mich in der Regel köstlich beim Lesen.

Im Februar gab es dann bis jetzt noch zwei Spontankäufe. Einmal habe ich mir „The Magic Thief 3 – Found“ gegönnt, weil ich nach dem Lesen des zweiten Teils bei einer nächtlichen Rechercheaktion so frustriert darüber war, dass der dritte Band anscheinend doch nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde. Und dann habe ich mir vor ein paar Tagen den „I Captured The Castle/The Secret Garden“-Doppelpack gegönnt, nachdem ich Birthes Rezension zu dem ersten Roman gelesen hatte. („The Secret Garden“ kann ich ebenfalls für die Challenge nutzen und die Geschichte wollte ich schon lange mal im Original lesen).

Klingt ja alles noch ganz kontrolliert, oder was meint ihr?

Blöderweise gab es da noch die Null-Euro-Feiertagsangebote, bei denen ich mich aber ganz gut zurückgehalten habe, und die ebenfalls kostenlosen Klassiker. Im Januar hatte ich die tolle Idee, mich mit der BBC-Liste durch die englischsprachigen Klassiker zu wühlen, und packte an einem Abend von „Alice in Wonderland“ bis „Wuthering Heights“ fünfzehn Bücher auf den Kindle (und ich bin mir sicher, dass ich die meisten davon niemals im Original lesen werde *ohje*). Anfang Februar hingegen habe ich meiner Trash-Leidenschaft nachgegeben, nachdem ich feststellte, dass es 47 kostenlose deutschsprachige Edgar-Wallace-Romane im Angebot gab. Schon ein Blick auf die Titel zeigte, dass das nicht gerade seine besten Werke sind, aber ich bin mir sicher, dass ich sie alle lesen werde. 😀

Außerdem gibt es da noch die ungefähr 160 Titel, die der Vorbesitzer auf dem Kindle gelassen hat und die ich in den letzten Monaten immer wieder durchstöbert und genutzt habe. Sehr lustig finde ich die ganzen Vampirromane, auch wenn ich weiß, warum der Vorbesitzer so viele davon heruntergeladen hat (so ein Studium kann schon zu ungewöhnlicher Lektüre führen), und es gibt noch einen Haufen Krimis und – tadaa – englischsprachiger Klassiker, die ich auch noch durchstöbern könnte.

Bei so viel Auswahl ist es kein Wunder, dass ich auch einiges mit dem Kindle gelesen habe, aber ich finde es immer noch nicht so befriedigend wie mit einem „richtigen“ Buch. Ich nehme den Kindle häufig mit in die Küche, weil ich da neben dem Kochen lesen kann, ohne dass ich mir Gedanken um zuschlagende Bücher, Fettflecken oder Ähnliches machen muss. Mehr als die Hälfte meiner gekauften E-Books habe ich innerhalb weniger Tage gelesen – deutlich schneller als die Romane, die erst einmal auf dem SuB landen – und oft greife ich zum Kindle, wenn ich mich nicht entscheiden kann, welches „richtige“ Buch ich als nächstes lese. Und ja, mir ist bewusst, dass es seltsam ist, dass ich die E-Books dann als „Lückenfüller“ nutze.

Wenn ich in den nächsten Tagen unterwegs bin, dann kommt der Kindle mit, und ich freu mich schon, dass ich mit dem Gerät keinen Mangel an Lesestoff befürchten muss. Aber trotzdem werden zwei bis drei (Bibliotheks-)Bücher ebenfalls in meiner Tasche landen – und sei es nur, damit ich nicht von der Akkukapazität des Kindle abhängig bin. 😉

5 hässliche Fotos (06)

In dieser Woche habe ich wirklich keine besonders hübschen Motive gefunden – und Mittwoch ist mir prompt ein ärgerliches Missgeschick passiert:

Montag

Hier sollte eigentlich ein tolles Foto von einem mit Efeu überwachsenen,
vergitterten Kellerfenster zu sehen sein.
Da ich aber so schlau war und die Speicherkarte der Kamera formatiert habe,
bevor ich mich vergewissert hatte, dass das Übertragen der Fotos erfolgreich war,
müsst ihr nun eure Fantasie bemühen.
(Mittwoch übrigens …)

Donnerstag

Freitag

Samstag

P.D. Baccalario: Cyboria – Die geheime Stadt

Als Kiya mich vor kurzem fragte, was ich von „Cyboria“ halten würde, konnte ich nur vage sagen, dass mich der Anfang an die gerade gelesenen „Skulduggery Pleasant“-Bücher erinnert. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich gerade mal 26 Seiten gelesen und war über eine Beerdigungsszene gestolpert, die mich von der Atmosphäre her wirklich sehr an die Szenen nach dem Tod von Stephanies Onkel erinnerten. Inzwischen habe ich das Buch ganz gelesen und kann sagen, dass das auch die einzige Ähnlichkeit war. 😉

Ich finde P.D. Baccalarios Grundidee für „Cyboria – Die geheime Stadt“ einfach toll. Drei hochintelligente Wissenschaftler machten sich im Jahr 1915 gemeinsam mit ausgewählten Studenten auf den Weg, um eine utopische Stadt namens Cyboria zu gründen. Auch Atamante Folgore Perrotti, ein Vorfahre des Jungen Otto, sollte sich dieser Gruppe anschließen, doch er entschied sich damals gegen die verlockende Zukunftsvision und für sein vertrautes Leben in Italien. Doch Atamante hinterließ seinen Erben einen geheimnisvollen Schlüssel, der nach dem Tod von Ottos Großvater in die Hände des intelligenten Jungen gelangt.

Das Rätsel hinter dem mysteriösen Ikosaeder, das der erste Hinweis auf den Weg nach Cyboria darstellt, reizt Otto. Der Junge hat sein Leben lang die Herausforderungen genossen, die ihm sein – ebenfalls mathematisch-/mechanisch-/wissenschaftlich interessierter – Großvater täglich gestellt hat und lenkt sich mit dieser neuen Aufgabe auch von seiner Trauer ab. Ihm zur Seite steht seine exzentrische Tante Medea, die als Archäologin arbeitet, und ihr Freund Jago. Gemeinsam finden die drei immer mehr über die Erfindungen der drei Cyboria-Gründer, ihre Ideale und die vor so langer Zeit geplante Stadt heraus. Dabei müssen sie sich immer wieder vor Conte Liguana und seinem unheimlichen Handlanger in Acht nehmen, die ihre eigenen unheimlichen Pläne verfolgen.

Ich muss gestehen, dass ich auf der einen Seite die Idee von einer solchen utopischen Stadt und den darin befindlichen Erfindungen und Automaten einfach toll finde. Auch die vielen faszinierenden Stationen, die Otto und seine beiden Begleiter auf ihre Weg nach Cyboria erreichen, haben meine Fantasie beflügelt und ich haben die atmosphärischen Beschreibungen sehr genossen. Ebenso mochte ich Otto, der sehr von seinem Großvater und dessen Weltsicht geprägt wurde, während seine Tante und ihr Freund nicht unsympathisch waren, aber ruhig etwas tiefer charakterisiert hätten werden können.

Mein größtes Problem besteht in der Qualität der Rätsel, die Otto lösen muss. Auf der einen Seite habe ich nicht das Gefühl gehabt, dass der Junge sich wirklichen Herausforderungen hätte stellen müssen. Alle Hinweise führen sofort zum nächsten Punkt auf seinem Weg, es gibt keine Sackgassen, in die er gerät, und spätestens ein Austausch mit seiner Tante bringt ihn zu den richtigen Quellen, so dass er innerhalb kürzester Zeit das notwendige Wissen angesammelt hat. Auf der anderen Seite bin ich mir nicht sicher, inwieweit manche Rätselelemente – trotz Erklärungen innerhalb der Geschichte – von der jugendlichen Zielgruppe verstanden werden. Und wenn man nicht mitraten kann, dann ist dieser Part der Handlung doch gewiss noch weniger befriedigend.

Am Ende des Romans bleibt das Gefühl, dass man einfach mehr aus der Idee hätte machen können. Trotzdem habe ich meinen Nachmittag mit der Geschichte genossen, weil P.D. Baccalario wunderbare Erfindungen, Automaten und atmosphärische Kulissen in die Handlung eingeflochten hat, die mich zum Tagträumen veranlasst haben. Was könnte man mit solchen Techniken und solchen Energiequellen nicht alles erfinden …

Eine Runde Nostalgie

In den letzten Tagen hatte ich ein paar konkrete Anlässe, um ganz schrecklich sentimental zu werden und in Erinnerungen zu schwelgen. Dazu muss ich sagen, dass wir in unserem Auto keine besonders moderne Musikabspielmöglichkeit (was für ein Wort *g*) haben, sondern nur ein Radio mit Kassettendeck. Aber in den letzten Jahren ist eine Kassette nach der anderen kaputt gegangen, und ohne eine funktionierende Stereoanlage im Haus konnte ich keine neuen fürs Auto aufnehmen. So habe ich mich lange Zeit aufs Radioprogramm beschränken müssen – und damit war ich nicht besonders glücklich.

Ende letzten Jahres haben wir uns dann eine neue kleine Anlage zugelegt, und das Schätzchen hat sogar ein Kassettendeck. Somit war klar, dass ich mir endlich wieder ein paar Kassetten fürs Auto aufnehmen musste! Erschreckenderweise war es erstaunlich schwierig, ein paar Leerkassetten aufzutreiben. Irgendwann haben wir dann in einem großen Elektronikmarkt einen Verkäufer in eine Ecke drängen und ihn um seine letzten beiden Leerkassetten erleichtern können. Mit gerade mal zwei kostbaren Kassetten in der Hinterhand musste ich mir gut überlegen, welche Musik ich mir aufnehmen wollte.

Dann habe ich einen sehr vergnüglichen Nachmittag damit verbracht, mir eine „Katzenjammer“-Kassette zusammenzustellen. Ich hatte ganz vergessen, welche Herausforderung es sein kann, wenn man jede Minute Spielzeit nutzen möchte. 😉 Irgendwie kam in mir dabei auch die Erinnerung an all die Radiomitschnitte von früher zurück. Meine kostbare Aufnahme der Langversion von Duran Durans „Wild Boys“ (komplett ohne Werbung und Moderatorgeschwätz) habe ich immer noch, ebenso wie die diversen Konzertmitschnitte und die eine oder andere Kassette, die mir von Freunden zusammengestellt wurde.

Die von meinem Vater gemopste Ray-Charles-Kassette ist mir inzwischen so kostbar, dass ich mich kaum traue, sie abzuspielen, während die Ella-Fitzgerald-Live-Konzerte, die mir meine Schwester aufgenommen hatte, an meinen Lieblingsstellen schon so sehr leiern, dass ich hoffe, dass ich sie irgendwann einmal durch die CDs ersetzen kann. Und dann gibt es noch lauter Filmsoundtracks, die mir so manche Überlandfahrt versüßt haben, wenn ich mal wieder während der Abizeit die mindestens zwanzig Kilometer Fahrt zu einer meiner Freundinnen hinter mich bringen musste. Mit der einen Tina-Turner-Kassette hingegen verbinde ich Autofahrten voller Herzklopfen, verzweifelter Tränen und unvergesslicher Momente … *g*

Lange Autofahrten gehören inzwischen nicht mehr zu meinem Alltag, aber ich habe es in den letzten Wochen ungemein genossen, dass ich meine Musikauswahl wieder selbst bestimmen kann. So flitze ich mit aufgedrehter Musik durch die Stadt, singe lauthals jede mir bekannte Textstelle mit und wippe an der Ampel im Rhythmus des Schlagzeugs auf und ab …

Dodie Smith: I Capture The Castle

Ich muss gestehen, dass mir beim Anschauen der BBC-Liste für Milas Challenge „I Capture The Castle“ überhaupt nicht ins Auge gesprungen ist. Aber dann dauerte es eine ganze Weile, bis mir die Bibliothek den Titel „Rebecca“, den ich ursprünglich für Februar lesen wollte, zur Verfügung stellen konnte – und in der Zwischenzeit weckte Birthes Rezension meine Aufmerksamkeit. Als ich da dann noch etwas von skurrilen Charakteren und schrägen Szenen las, musste ich den Roman einfach antesten.

Erzählt wird die (vermutlich) in den 30er-Jahren spielende Geschichte von der siebzehnjährigen Cassandra Mortmain, die mit ihrer Familie in einer Schlossruine lebt. Cassandras Vater ist ein Schriftsteller, dessen erster (und bislang auch letzter) Roman bei Veröffentlichung sehr großes Aufsehen erregte, und der seitdem keine einzige Zeile mehr geschrieben hat. Ihre Stiefmutter Topaz hat früher als Aktmodell für bekannte Maler in London gearbeitet und kümmert sich nun auf ihre sehr individuelle Weise um den chaotischen Schlosshaushalt, während sie bei Gesprächen mit der Natur – die sie selbstverständlich unbekleidet und zum Wohle der benachbarten Bauern nachts durchführt – Kraft tankt.

Cassandras jüngerer Bruder Thomas geht noch zur Schule und spielt anfangs in der Geschichte keine besonders relevante Rolle, während ihre ältere Schwester Rose so langsam jegliche Hoffnung aufgibt, je ein normales Leben zu führen. Für Rose ist die Armut der Familie am schwersten zu ertragen, sie erinnert sich noch zu gut an Zeiten, in denen sie mehr als die notwendigsten Möbel und ausreichend zu essen hatten. Und Rose, die eine wahre Schönheit ist, sehnt sich nach dem kleinen bisschen Luxus, der für ein Mädchen in ihrem Alter normalerweise selbstverständlich ist. Sie möchte Kleider tragen, die nicht aus Lumpen bestehen, und möchte ausgehen, tanzen und Männer kennenlernen können.

Da scheint es eine mehr als glückliche Fügung zu sein, als sich herausstellt, dass der benachbarte Besitz einem jungen Amerikaner hinterlassen wurde. Das Eintreffen des Erben (Simon) und seines jüngeren Bruders (Neil) verändern das Leben der Familie Mortmain erheblich. Während Simon und seine Mutter literarische Diskussionen mit Cassandras Vater führen, Topaz das Interesse der Amerikanerin an ihrem Mann misstrauisch beäugt und Rose fest entschlossen ist, sich zu verlieben und mit einer Heirat für die finanzielle Sicherheit der Familie zu sorgen, notiert Cassandra alle Ereignisse akribisch in ihrem Tagebuch.

Die Familie Mortmain ist auf diese gewisse, liebenswerte Art und Weise exzentrisch, über die ich in Büchern sehr gerne lese und die mich im realen Leben in den Wahnsinn treiben würde. Gerade zu Beginn der Geschichte spielt die Autorin ganz wunderbar mit dem Bild der gebildeten und hochintelligenten Familie, die immer wieder feststellen muss, dass keiner von ihnen irgendwelche praktischen Fähigkeiten hat, mit denen man etwas Geld verdienen könnte. Neben den reizvollen Charakteren sind es die skurrilen, witzigen oder berührenden Momente und Gedanken, die mich gefesselt haben. So stellt Cassandra im Laufe der Geschichte fest, dass sie sich nie richtig arm gefühlt hat, sie hatte immer Mitleid mit Arbeitslosen oder Bettlern, weil es ihnen so schlecht ging. Aber letztendlich geht ihr auf, dass ihre Familie in gewisser Weise in den letzten Jahren notleidender war als diese Menschen, da diese immerhin eine Chance auf Mildtätigkeiten hatten.

Neben der ständigen Frage, wie man das Geld für die allernötigsten Anschaffungen besorgen kann und welche Improvisation über die aktuellste Notlage hinweghelfen kann, gibt es wunderbar amüsante Szenen. Egal, ob Rose ihre Seele an den Teufel verkaufen will oder Cassandra ein privates und genussvolles heißes Bad in der Küche genießen möchte, irgendwie gelingt es Dodie Smith immer wieder, überraschende und sehr unterhaltsame Wendungen in ihre Geschichte einzubauen. Außerdem spürt man auf jeder Seite, dass die Autorin das Buch geschrieben hat, als sie in Amerika lebte und Heimweh nach England hatte. Sie beschreibt so liebevoll die Landschaften, die kleinen Dörfer und die Menschen, die darin leben, dass ich am liebsten sofort einen Flug (inklusive Zeitmaschine bitteschön!) buchen möchte, um selbst einen Blick auf dieses England werfen zu können.

5 hässliche Fotos (05)

In dieser Woche ist es mir wirklich schwergefallen, rauszugehen, deshalb gibt es auch nur Fotos von drei Tagen. Dabei wollte ich mich gar nicht mal vor dem Spaziergang drücken, ich hatte nur keine Lust, mich von meinen gemütlichen „Haus- und Schreibtisch“-Klamotten zu trennen und mich stattdessen wind-, regen- und fisselschneefest einzupacken. Ein weiteres Problem sind meine Schuhe, die definitiv nicht mehr wasserdicht sind. Blöderweise haben alle Versuche, in den letzten Monaten neue Schuhe zu kaufen, nur mal wieder bewiesen, dass es nicht so einfach für mich ist, passende Schuhe zu finden. Nun aber zu meinen „Beweisfotos“:

Mittwoch

Donnerstag

Samstag

Bonusfotos:

Noir-itäten

Ich habe gerade einen Roman angelesen, bei dem ich schon in dem Moment, in dem ich sagte „Da kann ich mal reingucken.“ wusste, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Einen Fehler, den ich immer wieder begehe und der mir schon so einige Bluthochdruck-fördernde Stunden bereitet hat.

Bei „Blutige Nacht“ gab es zwei Punkte, die mich dazu brachten, wider besseres Wissen zu handeln: 
1. Es gibt da einen vampirischen Privatdetektiv (und der Autor hat für die Fernsehserie „Moonlight“ geschrieben, die ich sehr nett fand) und irgendeine kleine, dumme Ecke meines Gehirns verknüpft vampirische Privatdetektive mit guten, düsteren und spannenden Geschichten – und nein, ich weiß nicht, wo mein Gehirn diese Verbindung herholt. 
2. Es gab da dieses Stichwort im Katalog, dieses eine, mit dem man mich immer erwischt: Humphrey Bogart!
Und ja, man merkt dem Roman an, dass er eine „hardboiled novel“ erzählen will, aber leider versagt der Autor in dieser Beziehung. Die Geschichte wäre vermutlich wesentlich unterhaltsamer, wenn Trevor O. Munson seinen eigenen Stil dafür gefunden hätte. So hingegen störe ich mich bei jeder gelesenen Seite an der unstimmigen Atmosphäre, an den gewollt coolen Dialogen und an den Charakterbeschreibungen. Gerade eben erst habe ich einen Traum verfolgen dürfen, in dem mich der Autor über die Exfrau des „Helden“ aufgeklärt hat.
Die Dame war eine ehemalige Kleinstadtschönheitskönigin, die hoffte, dass sie in Hollywood als Schauspielerin landen würde. Kurz nach ihrer Ankunft in der Filmmetropole während der 40er-Jahre verliebt sie sich in einen Musiker, einen richtigen „bad boy“, und heiratet ihn, nachdem er ihretwegen angeschossen wurde. Ihn bringen seine Schmerzen zu Morphium und Heroin, bei ihr ist es ihre Neugier, und so geht es mit dem sympathischen Pärchen weiter bergab …  
Ganz ehrlich, ich will so etwas in einem Roman dieses Genres nicht lesen! Von einem Sam Spade hätte man höchstens erfahren, dass er mal verheiratet war und dass er nicht darüber reden will. Ganz eventuell hätte man noch den Namen der Frau erfahren, aber nur dann, wenn es einen besonderen Anlass dafür gegeben hätte. Die Figuren, die von Chandler, Hammett oder Woolrich erschaffen wurden, sind sehr sparsam mit Auskünften über ihre Vergangenheit, und gerade das macht auch einen Reiz dieser Charaktere aus. Alles, was relevant ist, ist, dass diese Personen integer sind und dass sie strengere Regeln befolgen als die (korrupte) Gesellschaft, in der sie agieren. Und selbst wenn es für sie von Nachteil ist, so halten sie sich an ihre Prinzipien. Es sind nicht immer „gute“ Menschen, aber es sind vertrauenswürdige Menschen.
Bei moderneren Versuchen, eine solche Geschichte zu erzählen, wird – meiner Ansicht nach – viel zu viel Gewicht auf die Historie einer Figur gelegt, statt sie einfach für sich stehen zu lassen. Ich erwarte zwar, dass sich ein Autor Gedanken darüber gemacht hat, aber die soll er mir doch bitte nur dann mitteilen, wenn es für die Handlung unabdingbar ist. Ich muss nichts über die Kindheit in Armut wissen, über den viel zu strengen Stiefvater – oder was auch immer es für Probleme in der Vergangenheit gab -, und vor allem möchte ich nicht alles auf dem Silbertablett serviert bekommen, als könnte ich nicht selbst denken. Ich will mir meine Gedanken über eine Figur machen können – und manchmal sind es ja gerade die Auslassungen, die einen Charakter so unvergesslich und reizvoll machen!