In den letzten Monaten bin ich immer wieder über Beiträge gestolpert, in denen sich die Blogger Gedanken darüber gemacht haben, welche Genres wertvoll, qualitativ oder aus sonst welchen Gründen lesenswert sind. Ich weiß nicht, ob das durch die Kritik an der Qualität der Blogger-Buchrezensionen (nicht fundiert genug, zu emotional, es wird keine Literatur besprochen) angestoßen wurde oder von einem allgemeinen Bedürfnis, zu werten – das ist mir ehrlich gesagt auch egal.
Mir haben diese Beiträge allerdings bewusst gemacht, wie dankbar ich meiner Familie für meine Lust auf Bücher jeglicher Art bin und wie viel Glück ich anscheinend hatte, dass meine Lektüre nie von jemandem aus meinem Umfeld in irgendeiner Form bewertet wurde.
Mein erstes umfangreicheres Buch war „Der Fremde aus Indien“ von Karl May – den Roman hatte mein Vater während des Campingurlaubs dabei, als ich acht Jahre alt war. Und da meine gesamte Familie ihre Zeit mit einem Buch vor der Nase verbrachte, habe auch ich angefangen, länger am Stück zu lesen.
Mein Vater las (und liest) so ziemlich alles, was ihm in die Finger kommt: Sachbücher, historische Romane, Comics, Fantasy, Science Fiction, Klassiker, Kriminalromane, Spionageromane und – bevorzugt an Flughäfen für lange Geschäftsreisen gekaufte – Heftchenromane. Wenn meinem Vater ein Autor besonders gefällt, dann besorgt er sich nach und nach auch all seine Bücher und fragt herum, ob man ihm ähnliche Autoren empfehlen kann.
Meine Mutter hat – zumindest meine Kindheit hindurch – eher zu den „Frauenromanen“ gegriffen: Liebesgeschichten, Thriller, historische Romane rund um starke Frauenfiguren, heitere Frauenromane – ihr könnt es euch vermutlich vorstellen. Inzwischen liest sie alles, was ihr vom Klappentext her interessant erscheint und was nicht irgendwie fantastisch ist, denn für sie müssen Geschichten in der „realen“ Welt spielen. Überhaupt gibt es gerade einen eifrigen Büchertausch zwischen meinen Eltern und ihren Geschwistern, der dazu führt, dass regelmäßig Kisten voller gelesener Exemplare weitergereicht werden, damit sich das nächste Familienmitglied daraus bedienen kann.
Meine Schwester und ich haben von klein auf frei auf all die von meinen Eltern gelesenen Bücher zugreifen können. Dazu kamen noch die regelmäßigen Bibliotheksbesuche – bei denen meine Schwester oft dafür gesorgt hat, dass wir britische Kinderbuchklassiker ausgeliehen haben – und die Romane (häufig irgendwelche Sammelbände für Mädchen), die wir zu Geburtstag und Weihnachten geschenkt bekommen haben.
Weder meine Eltern noch die diversen Bibliothekarinnen haben mich je in meiner Leselust gebremst oder mir Bücher vorenthalten, weil ich nicht alt genug dafür wäre oder weil sie schlecht geschrieben oder sonstig ungeeignet wären. So habe ich in meinem Leben eine Menge Schund gelesen (und genossen!) und mich durch das eine oder andere anspruchsvolle Buch gearbeitet, das für mich noch nicht wirklich erfassbar war.
Es ist toll, dass mein breitgefächerter Lesegeschmack dazu führt, dass ich mich mit so vielen Leuten austauschen kann. Meine Schwäche für Fantasyromane hat mir, während ich im Buchhandel gearbeitet habe, sehr viele Kunden gebracht, denn zu der Zeit war die Auswahl in den Läden an fantastischen Geschichten noch nicht so groß und die „klassischen Buchhändler“ haben doch lieber gehobenere Literatur verkauft. Ich kann mich mit meiner Tante über Nora-Roberts-Romane unterhalten, ich habe mich mit meinem Umweltpsychologie-Professor über den einen oder anderen Klassiker ausgetauscht, und die neue Nachbarin war im letzten Jahr ganz begeistert, weil ich die gleichen Krimiautoren kenne wie sie und ihr noch den einen oder anderen neuen Autor empfehlen konnte.
Ich finde es großartig, dass mir so viele verschiedene Genres zur Verfügung stehen. Ich fürchte, ich würde mich langweilen, wenn ich mich auf eins davon beschränken sollte. Obwohl ich zugeben muss, dass mein Büchersammlung dann vermutlich nicht ganz so groß wäre. 😉 Ich hoffe sehr, dass ich nie die Freude am Lesen verliere oder die Lust auf neue Genres. Aber eigentlich gehe ich davon aus, dass ich mich weiterhin nie zu alt für Kinder-, Jugend- oder Bilderbücher halten werde, dass ich meine Nase mit Vergnügen in Comics oder Manga stecken werde, dass ich mich über jeden neu entdeckten Autor spannender/unterhaltsamer/interessanter Romane freuen werde, dass mein erster Impuls, wenn ich etwas Extrageld in der Hand habe, der Kauf eines Buches ist, und dass ich weiterhin von informativen Sachbüchern über sogenanntem Schund bis zu den Klassikern die verschiedensten Titel genießen kann.
Und ich hoffe sehr, dass irgendwann unter Lesern ein kleines bisschen mehr Toleranz gegenüber der Lektüre der Anderen, etwas mehr Mut zu unbekannten Genres und etwas weniger Unsicherheit bezüglich der eigenen Lesevorlieben herrscht. Es gibt doch kaum etwas Großartigeres als Menschen, die mit Genuss ein Buch lesen können!



