Schlagwort: Kriminalroman

Avery Hopwood (und Mary Roberts Rinehart): The Bat

Als ich nach Titeln von Mary Roberts Rinehart suchte, bin ich auch über „The Bat“ gestolpert. Nach den ersten zwei Kapiteln war ich ziemlich irritiert, denn die Handlung erinnerte mich sehr an „The Circular Staircase“. Nur wurde die Geschichte dieses Mal nicht aus der Ich-Perspektive erzählt, der Anfang erinnerte mich eher an einen Edgar-Wallace-Roman als an einen von Mary Roberts Rinehart und es gab auf einmal sowohl einen unheimlichen Verbrecher, der seit langer Zeit sein Unwesen trieb, als auch einen mysteriösen japanischen Butler in dem Haus, in dem der Krimi spielt.

Meine Suche nach Avery Hopwood hat mich dann schnell darüber aufgeklärt, dass „The Circular Staircase“ wirklich die Grundlage für „The Bat“ war. Allerdings hat Avery Hopwood die Geschichte  für die Bühne gründlich umgeschrieben, in dem er nicht nur die beteiligten Personen reduziert, sondern eben auch mit der Figur „The Bat“ einen deutlich reißerischen Touch in die Handlung einbrachte. Zumindest gehe ich davon aus, dass das seinem Anteil zu verdanken ist, auch wenn unterschiedliche Aussagen dazu gibt, wie weit er an der Umsetzung der Geschichte als Theaterstück beteiligt war. Das Stück hatte zu seiner Zeit einen so großen Erfolg am Broadway, dass es dort zu 867 Aufführungen gebracht hat. Außerdem hat die Figur des Verbrechers „The Bat“ angeblich Bob Kane dazu inspiriert den Comichelden „Batman“ zu erschaffen.

Von all diesen Hintergrundinformationen abgesehen, finde ich die Geschichte in erster Linie amüsant. Sie wird – passend für ein Theaterstück – deutlich schneller erzählt als „The Circular Staircase“, die Handlung konzentriert sich auf einen einzigen Tag, und die Figuren werden weniger tief charakterisiert – auch wenn mir die Hauptfigur Cornelia Van Gorder sehr vertraut vorkommt, weil solche resoluten älteren Damen einfach gern in bestimmten Kriminalgeschichten verwendet werden. Außerdem fand ich es spannend, dass die ganze Geschichte – abgesehen vom Prolog – in zwei Räumen spielte wie ein Theaterstück, wobei der Raumwechsel den dritten Akt einleitet (auch wenn man das beim Lesen des Buches nicht bewusst wahrnimmt). Das führt dazu, dass ich als Leser die Handlung konzentrierter wahrgenommen habe, weil die charaktervertiefenden Szenen wegfielen, aber eben auch dazu, dass ich die Figuren – abgesehen von Cornelia Van Gorder – recht beliebig fand, weil ich so wenig über sie erfahren habe.

Dadurch, dass „The Bat“ für diese Variante eingeführt wurde, habe ich mich beim Lesen keinen Moment gelangweilt. Denn auch wenn ich den Fall und die Auflösung schon kannte, so kam durch diesen Verbrecher ein neues Rätsel in die Geschichte und so habe ich mir bei jeder Person, die das Haus betrat, Gedanken darüber gemacht, ob sie dieser Kriminelle sein kann und was dafür und dagegen spricht. Und während ich sonst bei Mary Roberts Rineharts Geschichten nicht das Gefühl habe, dass sie von etwas inspiriert wurden oder für einen anderen Autor als Vorlage dienten, so habe ich mich zwischendurch doch gefragt, ob sich Agatha Christie – die ja das Theater auch sehr mochte – nicht (unbewusst) von diesem Stück und der Identität des Täters für mindestens einen ihrer Romane hat inspirieren lassen. Auf jeden Fall zeigt „The Bat“, trotz aller vertrauter Zutaten, deutlich weniger von der Handschrift Mary Roberts Rinehart – und das fand ich mal spannend zu verfolgen.

Kelly Greenwood: Miss Phryne Fisher Investigated

Anfang der Woche habe ich „Miss Phryne Fisher Investigated“ von Kelly Greenwood gelesen, nachdem das eBook schon über zwei Jahren relativ unbeachtet auf meinem Reader saß. Entdeckt hatte ich die Reihe, als ich nach Büchern suchte, die so ähnlich wie die „Miss Daisy“-Romane sein sollten. Die Zeit (1920er Jahre) stimmte, dass die Handlung in Melbourne spielt fand ich reizvoll, aber die Schreibweise konnte mich beim ersten Anlesen nicht so recht packen. Inzwischen habe ich zwei Staffeln der Miss-Fisher-Serie mit Essie Davis gesehen, die Mila mir liebenswürdigerweise geliehen hatte, und fand es spannend beim Lesen die Unterschiede zwischen Original und Verfilmung zu beobachten.

In dem Roman ist es so, dass Phryne Fisher den Auftrag bekommt nach Australien zu reisen und das seltsame Verhalten von Lydia Andrews zu untersuchen. Ihre Eltern sind der Meinung, dass es ihrer Tochter bei ihrem Ehemann nicht gut geht. Es steht sogar der Verdacht im Raum, dass der Mann seine Frau zu vergiften versucht. So versucht Miss Fisher Fuß in der Melbourner Society zu fassen, um unauffällig die Bekanntschaft von Judith zu machen und mehr über die Frau und ihre Ehe herauszufinden. Außerdem macht sie die Bekanntschaft von zwei Taxifahrern (Cec und Bert), denen eine todkranke Frau ins Auto gesetzt wird, und die einer jungen Frau (Dot), die ihren ehemaligen Arbeitgeber töten möchte, weil er ihr nachgestellt hat.

Ich muss zugeben, dass ich den Roman auch dieses Mal nicht beendet hätte, wenn ich nicht die Serie (und die Schauspieler und ihre Darstellung der verschiedenen Charaktere) im Hinterkopf gehabt hätte. Kelly Greenwood beschreibt mir zu viel und ich finde die Kriminalfälle relativ langweilig. Auch finde ich die Charaktere in dem Buch nicht stimmig. So ist Dot zwar ein braves und gläubiges Mädchen, das eher zurückhaltend ist, auf der anderen Seite ist da die Einführungsszene, in der sie mit einem Messer bewaffnet auf ihren ehemaligen Arbeitgeber wartet und sich ohne Zögern oder Nachfragen von der ihr fremden Phryne zum Tee einladen lässt. Da finde ich die Figur in der Serie deutlich besser konstruiert und habe es so genossen, wie sie sich im Laufe der Zeit von einem schüchternen jungen Dienstmädchen zu einer selbstbewussten Frau entwickelt.

Auch die Fälle fand ich bei der Serie reizvoller, da komprimierter und stimmiger erzählt. Bei dem Roman hatte ich – zugegeben mit dem Wissen um die Erzählweise der Serie – das Gefühl, dass unnötig viele Nebenfiguren eingeführt wurden. Diese Nebenfiguren haben dafür gesorgt, dass die Handlung so ausfaserte und ich immer wieder überlegen musst, welche Figur wer war. Dazu kommt, dass der eine oder andere Handlungsstrang sehr schnell abgehandelt wird, während andere Schwerpunkte der Geschichte in einem Haufen belangloser Szenen erstickt werden.

Außerdem ist es natürlich für die Filme deutlich einfacher die Umgebung und die Mode der damaligen Zeit darzustellen. Während bei den Romanen Phrynes Outfits lang und breit beschrieben werden müssen – und ich diese Passagen überraschend langweilig formuliert fand – hat der Film den Vorteil, dass man mit einem Blick ihre jeweiligen Kleidungsstücke aufnehmen und würdigen kann. Und die Kostümbildnerin hat im Film wirklich einen tollen Job gemacht – so fantastische Outfits! Auch die Häuser und Räume fand ich in der Serie sehr gut gewählt, wenn auch stellenweise schon etwas kulissenhaft anmutend, aber das störte mich kaum, weil es einfach passte. Ein weitere Pluspunkt für die Serie ist die musikalische Untermalung, die sehr viel zur Atmosphäre beiträgt. Natürlich kann ich dem Buch nicht vorwerfen, dass dieser Punkt fehlt, aber ich habe die Musik so genossen, dass mir die kurze Erwähnung von Wagner und anderen klassischen Komponisten in den Romanen nicht gereicht hat. Schließlich hatte die Zeit musikalisch so viel zu bieten.

Um nicht nur über das Buch zu jammern: Ich fand die Figur der weiblichen Polizistin im Roman toll, auch wenn sie nur zwei Szenen bekam. Schade, dass sie es nicht in die Serie geschafft hat. Auf der anderen Seite hätte man ja dann die Polizeistation von der ersten Folge an mit mehr als zwei Personen besetzen müssen und es wäre schwieriger geworden eine Liebesgeschichte zwischen Dot und einem jungen Polizisten (der im Roman – bislang? – nicht vorkam) einzubauen, wenn dieser nicht ständig bei jedem Einsatz dabei sein müsste.

Andreas Föhr: Schafkopf (Hörbuch)

„Schafkopf“ ist die zweite Geschichte rund um Kommissar Wallner und Polizeiobermeister Kreuthner von Andreas Föhr und das dritte Hörbuch („Der Prinzessinnenmörder“, „Karwoche“ und „Schwarze Piste“), das ich aus der Reihe höre. Ich muss gestehen, dass ich am Anfang immer etwas Probleme habe mich zurecht zu finden, weil ich erst einmal wieder Wallners aktuelle Lebensumstände in den richtigen Zusammenhang bringen muss – das ist aber auch der einzige Nachteil, wenn man die Teile in durcheinandergewürfelter Reihenfolge hört. 😉

Zu Beginn der Geschichte findet man Kreuthner in ungewohnter Situation: Er joggt einen Berg hinauf! Natürlich stolpert er kurz darauf über eine Leiche und schon laufen die Untersuchungen mit der gewohnten Mischung aus Kompetenz (auf Seiten Wallners) und bayrischer Individualität (von Kreuthners Seite) an. Wie gewohnt wird die Geschichte auf mehreren Ebenen erzählt. Auf der einen Seite erlebt man die aktuellen Ermittlungen von Wallner und seinem Team – ebenso wie die privaten Szenen zwischen Wallner und seinem Großvater -, auf der anderen Seite gibt es Rückblicke auf Ereignisse, die vor mehreren Jahren passiert sind. Der Großteil dieser Rückblicke dreht sich um das Verschwinden einer jungen Frau vor zwei Jahren. Während ihr Freund die ganze Zeit davon überzeugt war, dass jemand die Kathi entführt hat, denkt ihr Umfeld, dass die Frau davongelaufen ist und sich deshalb nicht mehr gemeldet hat, damit ihr gewalttätiger Freund ihr nicht auf die Spur kommt.

Ich muss gestehen, dieses Mal hat Andreas Föhr mich erwischt und ich bin beim Hören einfach nicht auf die Lösung gekommen. Die vielen involvierten Personen, die alle ihre ganz eigenen Motive für ihre Handlungen haben, die Zeitsprünge und in einem Fall wohl auch der Wunsch, dass diese Person nichts mit der Sache zu tun haben mag, haben dazu geführt, dass ich mich die ganze Zeit gefragt habe, wohin die Geschichte führen wird. Auch fand ich Kreuthner dieses Mal weniger peinlich als in den anderen Bänden der Reihe. Natürlich geht er wieder seinen eigenen Weg und dieser führt ihn immer wieder in Bereiche, die nicht ganz in Ordnung sind, aber die größten Schnitzer, die ihm passieren, waren irgendwie nachvollziehbar und haben bei mir deutlich weniger Fremdscham ausgelöst als sonst. (Aber vielleicht erwarte ich auch inzwischen einfach Schlimmeres von dieser Figur. 😉 )

Der Sprecher Michael Schwarzmeier hat seine Sache gewohnt gut gemacht. Seine Frauenstimmen finde ich zwar oft etwas zu fiepsig, aber da das bei zweien der Figuren gut gepasst hat, hat mich das dieses Mal auch nicht ganz so sehr gestört. 😉 Ansonsten ist es schon sehr angenehm wie individuell er die verschiedenen Charaktere anlegt, so dass man selbst bei einer Kartenrunde voller Bayern (inklusive dem dazu gehörigen Dialekt) jederzeit weiß, wer gerade spricht.

Mary Roberts Rinehart: The Swimming Pool (Hörbuch)

Ich verspreche, das hier ist erst einmal die letzte Mary-Roberts-Rinehart-Rezension für die nächsten Wochen. Aber die Autorin macht mir gerade so viel Spaß und die Hörbücher sind so schön lang und füllen so einige Arbeitsstunden aufs angenehmste … „The Swimming Pool“ ist die bislang „jüngste“ Geschichte, die ich von der Autorin gehört habe, denn sie entstand 1952, aber sie fühlt sich nicht moderner an als zum Beispiel „The Great Mistake“.

Erzählerin in „The Swimming Pool“ ist die siebenundzwanzigjährige Kriminalschriftstellerin Lois – wobei ich es amüsant finde, wie Mary Roberts Rinehart durch diese Figur die Romane, in denen nach Hinweisen und Fußspuren gesucht wird, auf die Schippe nimmt. Lois ist die jüngste von insgesamt vier Geschwistern und wohnt mit ihrem deutlich älteren Bruder Philip in dem ehemaligen Sommerhaus der Familie. Ihre älteste Schwester Anne ist mit einem erfolglosen Architekten verheiratet und Mutter von zwei Kindern und auch ihre zweite Schwester (Judith), die bis zu Lois‘ Geburt das Nesthäkchen der Familie war, ist schon vor über zwanzig Jahren aus dem Haus ausgezogen, um einen reichen Geschäftsmann zu ehelichen.

Der Vater der vier Geschwister hat vor über zwanzig Jahren Selbstmord begangen, angeblich weil er bei der großen Wirtschaftskrise das Vermögen der Familie verloren hat, und auch Lois Mutter ist schon vor einiger Zeit gestorben. Mit Mühe und Not gelingt es Lois und Philip das Sommerhaus so weit zu erhalten, dass sie darin leben können, und sogar den Swimming Pool, den die Mutter für die damals siebzehnjährige Judith hatte bauen lassen, konnten sie vor kurzem soweit renovieren, dass er wieder nutzbar ist. Trotzdem ist Judith entsetzt, als sie nach ihrer aufsehnerregenden Scheidung zu ihren Geschwistern ins Sommerhaus zieht. Ihr war all die Jahre nicht bewusst, in welch heruntergekommenen Zustand das Gebäude ist – trotzdem kommt ihr nicht in den Sinn, dass sie Lois und Philip (finanziell) helfen könnte. So werden Judiths Ansprüche an ihre Familie und ihre Umgebung schnell zu einer Belastung für Lois und Philip und einzig die Tatsache, dass sich ihre Schwester anscheinend in großer psychischer Not befindet, sorgt dafür, dass die beiden Judith nicht vor die Tür setzen.

Lois nimmt im Laufe der Geschichte immer wieder Kontakt zu einem Psychiater auf, der Judith schon seit einiger Zeit behandelt. Aber selbst gemeinsam finden sie keinen Grund für die Paranoia, die Angstattacken und die Zusammenbrüche von Judith. Alles, was Lois weiß, ist, dass ihre Schwester bei ihrer Abreise aus Reno (wo die Scheidung stattfand) zusammenbrach und seitdem Todesangst hat. Auch O’Brian, ein ehemaliger Soldat und Polizist, den Lois im Zug von Reno nach Hause kennenlernt, gibt der jungen Frau Rätsel auf. Auf der einen Seite scheint er Judith beschützen zu wollen, auf der anderen Seite kann er Lois nicht erklären, warum ihre Schwester in solcher Angst lebt. Als dann noch eine – der Familie unbekannte – Frau ermordet in ihrem Swimming Pool aufgefunden wird, muss Lois mehr über ihre Familie und die Vergangenheit herausfinden.

Ich finde es spannend, dass Mary Roberts Rinehart bestimmte Muster immer wieder verwendet. Da ist die Familie, die vor der Wirtschaftskrise reich und angesehen war, oder der Vater, der Selbstmord beging (so wie auch Mary Roberts Rineharts Vater sich selber tötete) oder die dominante Mutter, die die gesamte Familie nach ihren Launen tanzen lässt. Und obwohl diese Elemente immer wieder auftauchen, fühlt sich jede Geschichte unterschiedlich an. Mir ist bewusst. dass die Autorin mit diesen Kriminalgeschichten „Massenware“ produziert hat, aber dabei hat sie es geschafft für jedes Buch einen eigenen Ton zu treffen und jede Hauptfigur mit einem ganz eigenen Charakter auszustatten. Wie schon bei den vorhergehenden Geschichten mochte ich auch in „The Swimming Pool“ die Atmosphäre und die Darstellung der Zeit, die vor allem in solchen kleinen Begebenheiten zum Tragen wie bei einem Hauskäufer, der wegen der Atombombe nicht mehr in der Stadt leben will. Diese Details lassen mich, ebenso wie die Sprache und die Dialoge gern darüber hinwegsehen, dass ich in der Regel relativ schnell die Auflösung erahnen kann. Und ich mag es, dass der Fall eben nicht durch Spuren, Hinweise und wissenschaftliche Elemente gelöst wird, sondern durch das Wissen um den Charakter einer Person – und diesen Aspekt beherrscht Mary Roberts Rinehart wirklich.

Gelesen wurde die Geschichte wieder von Laurel Lefkow, die auch schon die Sprecherin bei „The Great Mistake“ war. Auch dieses Mal habe ich ihre Arbeit genossen und ihr gern zugehört. Sie verleiht den verschiedenen Figuren einen ganz eigenen Klang, ohne dabei zu übertreiben, und ich fühle mich sehr wohl mit ihrer Art des Vorlesens. Inzwischen habe ich mir noch ein paar weitere Titel mit ihr auf den Merkzettel gepackt – mal schauen, ob mich einer davon in den nächsten Monaten locken kann.

Mary Roberts Rinehart: The Great Mistake (Hörbuch)

Abgesehen davon, dass ich gerade diese ruhigen amerikanischen Krimis gern mag, haben diese Hörbücher den Vorteil, dass sie mit über elf Stunden relativ lange „halten“ und so deutlich mehr Arbeitsstunden füllen als die meisten anderne Titel auf meinem Wuschzettel. „The Great Mistake“ wurde 1940 von Mary Roberts Rinehart geschrieben und man merkt der Geschichte auch an, dass sie später spielt als „The Album“ oder „The Circular Staircase“. Die Handlung hat eine andere Atmosphäre, wirkt moderner und die Figuren sind weniger traditionsverhaftet und die Frauen wirken großteils deutlich selbstbewusster.

Bislang mag ich es sehr, wie sich die Geschichte der Autorin im Laufe der Zeit verändern, obwohl die grundsätzliche Erzählweise (chronologisch und mit dem jeweiligen Wissen, dass die Erzählerin zu dem Zeitpunkt hatte) gleich bleibt. Protagonistin in „The Great Mistake“ ist die fünfundzwanzigjährige Patricia „Pat“ Abbott. Die junge Frau hat früh ihre Eltern verloren und war dadurch gezwungen ihren Lebensunterhalt als Schreibkraft zu verdienen. Als sie in ihrem Heimatort Beverly (genauer gesagt auf dem „Hill“, während sie selber als Mitglied einer alteingesessenen Familie aus dem Valley stammt) einen Job als persönliche Sekretärin von Maud Wainwright und ihrem charmanten Sohn Tony ergattern kann, scheint ihr Leben deutlich besser zu werden.

Doch dann wird ein Mann im „Playhouse“ der Wainwrights ermordet, Tonys geldgierige Ehefrau Bessie taucht nach langer Zeit wieder auf und Maud scheint einen großen Schock verarbeiten zu müssen, über den sie mit niemanden reden kann. Pat ist bei den ganzen Ereignissen anfangs vor allem nur als Beobachterin dabei, aber durch ihre Freundschaft zu Maud (und ihre Gefühle für Tony) wird sie – ebenso wie durch ihre Bekanntschaft mit dem Polizeichef von Beverly – immer tiefer in die Sache verwickelt.

So sehr es mich sonst nervt, wenn bei einer solchen Geschichte mit Andeutungen der weiteren Entwicklung („hätte ich gewusst, dass diese vier Ereignisse zusammenhängen“ oder ähnliches) gearbeitet wird, finde ich es hier so gut in die Erzählstimme eingebunden ist, dass es mir Spaß macht und meine Neugier auf die weitere Handlung weiter anfacht. So habe ich mich dieses Mal lange Zeit gefragt, wie der nette kleine Polizist angeschossen wurde, und durfte die Auflösung des Mordes ebenso wie die Protagonist erst einige Zeit nach der Ergreifung des Täters erfahren.

Ich mag es, wie die Autorin in ihrem vertrauten Rahmen immer wieder Abwechslung in die Erzählung bringt, und ich mag die verschiedenen Figuren. Ich stelle mir gern vor wie ihr Leben verläuft und lasse mir Details daraus erzählen und ich finde es spannend, wie die Verbrechen den Alltag der verschiedenen Personen erschüttert. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich bei diesem Hörbuch die verschiedenen Geheimnisse, Motive und die Identität des Mörders relativ schnell durchschaut hatte. So hat mich „The Great Mistake“ weniger miträtseln lassen (auch wenn es noch genügend Punkte gab, bei denen mich die genauen Details überrascht haben), als dass ich interessiert verfolgt habe, wie die Ereignisse nach und nach aufgelöst wurden.

Die Sprecherin Laurel Lefkow hat ihre Arbeit sehr gut gemacht. Ich mochte sie sowohl in der Rolle der vernünftige Pat, als auch in der des pragmatischen Polizeichefs Jim oder all den anderen Figuren. Sie hat mir nie das Gefühl gegeben, sie würde übertreiben oder unangemessen betonen. Egal, ob sie Frauen- oder Männerstimmen verkörperte, ich habe ihr die Figur abgenommen – und es hat Spaß gemacht ihr zuzuhören.

Mary Roberts Rinehart: The Album (Hörbuch)

„The Album“ wurde von Mary Roberts Rinehart schon im Jahr 1933 geschrieben – und schon damals galt die von ihr dargestellte Gesellschaft als altmodisches Überbleibsel einer vergangenen Zeit. Dass ihr Leben nicht so ganz normal ist, ist auch der Protagonistin Louisa Hall in den vergangenen Jahren immer wieder klar geworden. Sie lebt mit ihren 28 Jahren noch immer bei ihrer Mutter und ist ebenso im alltäglichen Trott verfangen wie die anderen vier Familien, die in der kleinen abgeschiedenen Sackgasse leben. Aufgrund der jahrelangen Vertrautheit miteinander, kennt man einander sehr gut und akzeptiert die Eigenheiten der Nachbarn kommentarlos.

Erst als ein Mord im Nachbarhaus geschieht und die Polizei anfängt zu ermitteln, wird Louisa bewusst, wie ungewöhnlich ihr Lebensstil ist und wie seltsam es ist, dass zum Beispiel die eine Nachbarin darauf besteht, dass absolut alles ständig abgeschlossen wird und sie die Schlüssel hütet, oder das Ehepaar in dem anderen Nachbarhaus seit über 20 Jahren nicht mehr miteinander geredet hat. Als dann noch Louisas ehemaliger Verlobter Jim Wellington sich verdächtig macht und ihr bewusst wird, wie wenig sie letztendlich über die Menschen weiß, mit denen sie aufgewachsen ist, versucht sie mehr über ihre Nachbarn herauszufinden.

Es ist sehr lange her, dass ich „Das Album“ gelesen habe und ich mochte sowohl dieses, als auch „Die Wendeltreppe“ von Mary Roberts Rinehart, das Buch, das ich danach gelesen hatte. Leider sind die deutschen Ausgaben nur noch gebraucht zu bekommen und als ich früher danach suchte, musste ich feststellen, dass auch die englischen Ausgaben zum Großteil vergriffen waren – und so habe ich damals nicht mehr Romane von der Autorin lesen können. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich vor kurzem mehrere Hörbücher mit ihren Titeln fand und da mir beim Anhören der Hörprobe die Sprecherin von „The Album“ am Besten gefiel, habe ich da zugegriffen.

Inhaltlich hat mir die Geschichte immer noch so gut gefallen wie beim ersten Lesen. Louisa ist vielleicht naiver als andere Frauen ihres Alters und hat sich jahrelang von ihrer Mutter kleinhalten lassen, aber da ihr Jims Verteidigung wirklich wichtig ist, entwickelt sie bei der Suche nach der Wahrheit (und somit auch dem Mörder) einen überraschenden Dickkopf. So tauscht sie sich immer wieder mit dem Kriminologen Herbert Dean aus, der ebenfalls von Jims Unschuld überzeugt ist, und teilt ihr Wissen über die Gewohnheiten und Hintergründe der Nachbarn mit ihm. Aber auch ihre Nachbarn kommen immer wieder auf Louisa zu, um ihr ihr Herz auszuschütten und ihre Erlebnisse mit einer „neutralen“ Partei zu teilen.

Ich mag es, wie sich die Geschichte entwickelt. Es kommt zu überraschend vielen Todesfällen, es gibt einen Haufen Leute, die theoretisch einen Grund für die verschiedene kriminelle Taten hätten haben können – und doch scheint keiner der Verdächtigen wirklich für all die Verbrechen in Frage zu kommen. Es gibt immer wieder den einen oder anderen Punkt, der darauf hinweist, dass eine Person vielleicht doch – mehr oder weniger – unschuldig ist oder vielleicht gar nicht erst für eine Tat verurteilt werden kann, wenn sie sie denn überhaupt begangen hat. Dabei bleibt man die ganze Zeit in Louisas Perspektive und erfährt erst nach und nach von den verschiedenen (vergangenen und aktuellen) Ereignissen und kann sich so seine Gedanken zu dem Gehörten machen.

Allerdings hat mir die Sprecherin Lucy Scott nicht ganz so gut gefallen. Bei der Hörprobe kam vor allem ihre Stimme als Erzählerin (also Louisa), die im Nachhinein von den Ereignissen berichtet, zu tragen und da fand ich die Stimme angenehm und gut verständlich. Aber an den Stellen, an denen sie Dialoge spricht, hat mich Lucy Scott häufig geärgert. Nicht nur, dass ihre Interpretation stellenweise schlecht verständlich war (gerade wenn es um die Dienstboten geht, verwendet die Autorin immer mal wieder Dialekt), sie hat auch nicht zu den Figuren gepasst. Obwohl Louisa eine eher zurückhaltende Frau ist, habe ich sie im Roman immer als eine Person empfunden, die Haltung bewahrt und die aufgrund ihrer Erziehung und ihrer Umgebung Gefühle für sich behält. Bei Lucy Scott hingegen klingt Louisa in so gut wie jedem Gespräch während der ersten acht von über elf Stunden jämmerlich und kindlich – sie winselt regelrecht, wenn sie über die dramatischen Ereignisse redet, und das ist wirklich unangenehm zu hören. Ich verstehe nicht, warum an diesen Stellen überhaupt die Stimme verstellt werden musste, wenn Louisa doch in Dialogen problemlos genauso hätte klingen können wie als Erzählerin. Zum Glück hielten sich diese Passagen in Grenzen, aber es hat mich trotzdem geärgert.

Mary Roberts Rinehart: The Circular Staircase

Nachdem ich gerade ein Mary-Roberts-Rinehart-Hörbuch („The Album“) höre, habe ich in den letzten Tagen ein paar Sachen für die dazugehörige Rezension recherchiert und dabei festgestellt, dass es so einige Titel von der Autorin bei Gutenberg.org zu finden gibt. Die Gelegenheit habe ich dann gleich genutzt, um mir „The Circular Staircase“ zu besorgen. Um mit diesem vertrauten Titel auszuprobieren wie gut ich mit der Sprache und der Erzählweise zurechtkomme, wenn ich die Geschichten im Original lese. Sowohl „The Album“ als auch „The Circular Staircase“ kenne ich übrigens schon auf Deutsch, so dass ich im Zweifelsfall durch mein Vorwissen eventuelle Verständnislücken hätte überbrücken können – was aber zum Glück nicht nötig war. Dafür habe ich den Roman wieder sehr genossen und fand es dieses Mal auch sehr faszinierend, wie unterschiedlich die beiden Geschichten von der Autorin angelegt wurden, obwohl die chronologische Erzählweise und die Perspektiven der Hauptfiguren sehr ähnlich sind.

Erzählt wird die Handlung in „The Circular Staircase“ von Miss Rachel Innes. Wie alt die Dame ist, wird nicht ausdrücklich gesagt, aber sie merkt an, dass ihr Dienstmädchen Liddy behauptet um die 40 Jahre alt zu sein – und dass das lachhaft wäre, denn das Mädchen müsste mindestens so alt wie sie selber sein. Vor einigen Jahren starb Rachels Bruder und hinterließ ihr zwei Kinder (Gertrude und Halsey), die sie liebevoll aufzog. Inzwischen sind die beiden alt genug, um das Erbe ihrer Mutter anzutreten und ihr eigenes Leben zu führen. Trotzdem verbringen die beiden gemeinsam mit Rachel einige Zeit in dem (von der Familie Armstrong) gemieteten Sommerhaus auf dem Land, während Rachels Stadthaus renoviert wird.

Doch schon in den ersten Nächten im Sommerhaus gibt es einige ungewöhnliche Vorkommnisse und als dann noch der junge Mister Arnold Armstrong erschossen wird, während zur selben Zeit Halsey und sein Freund Jack Bailey verschwinden, steht endgültig fest, dass Rachels Zöglinge in mysteriöse Ereignisse verwickelt sind. Ich muss gestehen, dass der Fall deutlich schneller gelöst hätte werden können, wenn Halsey und Gertrude und ihre Freunde nicht alle Geheimnisse gehabt hätten, die sie weder der Polizie noch Rachel anvertrauen wollten, aber das macht die Geschichte in meinen Augen nicht schlechter.

Rachel erzählt die Handlung Tag für Tag, so wie sie geschehen ist und mit dem Wissensstand, den sie zu dem jeweiligen Zeitpunkt hat – auch wenn sie hin und wieder andeutet, dass etwas anders gelaufen wäre, wenn sie damals schon über einige Dinge Bescheid gewusst hätte. Ich mag ihre Perspektive, ihr praktisches Wesen und die Kabbeleien mit ihrem – deutlich fantastiebegabteren – Dienstmädchen, das gern mal den ganzen Haushalt in Aufruhr bringt, weil es steif und fest behauptet, dass ein Geist für all die Vorkommnisse verantwortlich sein muss. Ich mag auch den Kriminalfall, der trotz des einen oder anderen Toten eigentlich recht gemütlich erzählt wird, und vor allem von einer Atmosphäre des Misstrauens lebt und davon, dass jeder Beteiligte sein eigenes Süppchen kochte, während Rachel im Dunklen tappt, obwohl sie sich regelmäßig mit dem Polizisten Jamieson austauscht.

Laut dem englischen Wikipedia-Eintrag wird Mary Roberts Rinehart wohl häufig mit Agatha Christie verglichen. Aber mal abgesehen davon, dass Mary Roberts Rinehart deutlich früher ihre Bücher veröffentlichte, finde ich, dass die Atmosphäre und die Herangehensweise an eine Geschichte bei den beiden Autorinnen sehr unterschiedlich ist. Mich erinnert sie aufgrund der beschriebenen Gesellschaftsschicht und der Art und Weise, in der die Kriminalfälle konstruiert wurden, eher an die Kelling-Reihe von Charlotte MacLeod. Wobei es wohl eher so ist, dass Charlotte MacLeod an Mary Roberts Rinehart erinnert, denn die Kelling-Serie wurde gut 70 Jahre nach „The Circular Staircase“ verfasst. Wie auch immer, ich mag diesen Stil, ich mag dieses „Neuengland-Gefühl“ und die Figur der (ältlichen) Jungfer [*] und werde – nachdem ich nun weiß, dass das mit dem Englisch klappt – bestimmt noch einige weitere Romane der Autorin lesen.

[*Verflixt! Nachdem ich in letzter Zeit so viel auf Englisch gelesen habe, fällt mir die passende Übersetzung für „spinster“ nicht mehr ein. Ich suche den Begriff für eine unverheiratete Frau, von der die Gesellschaft ausgeht, dass sie aufgrund ihres „Alters“ auch nicht mehr heiraten wird.]

[Kurz und knapp] Julia Spencer-Fleming: Die rote Spur des Zorns

„Die rote Spur des Zorns“ von Julia Spencer-Fleming war eine spontane Bibliotheksausleihe, die deshalb in die Tasche gewandert ist, weil mich die Kombination „Hubschrauberpilotin“ und „Pastorin“ spontan angemacht hat und mich über den Rest der Inhaltsangabe hinwegsehen ließ. Da mir schon der Rückentext verraten hat, dass ich es hier mit dem zweiten Fall von Clare Fergusson zu tun habe, hatte ich im Regal noch nach dem ersten Band geschaut, hatte aber kein Glück gehabt.

Inhalt laut Klappentext:

Es ist Sommer in der kleinen Stadt Miller’s Kill im Norden des Staates New York. Clare Fergusson, die couragierte Pastorin und Ex-Helikopterpilotin, fühlt sich zu dem raubeinigen Sheriff Rus Van Alstyne hingezogen. Aber ein neues Verbrechen lässt keine Zeit für zarte Bande. Ein Arzt und mehrere andere Männer wurden brutal zusammengeschlagen und dann grausam ermordet. Sind es Verbrechen aus Hass oder ist es kalte Berechnung? Russ möchte Clare aus dem Fall heraushalten, doch das geht gegen Clares Temperament. Sie lässt sich nicht beirren und ermittelt auf eigene Faust.

Zum Glück war die Liebesgeschichte nicht so präsent, wie es der Klappentext einem weismachen will. Clare und Russ fühlen sich zwar zueinander hingezogen, aber da er (eigentlich glücklich) verheiratet ist und sie sich als neue Pastorin der Gemeinde nicht gerade mit dem erstbesten Mann einlassen kann, verhalten sich die beiden da angenehm vernünftig. Trotz einer stellenweise etwas überzogenen Impulsivität fand ich Clare angenehm sympathisch und normal und auch Russ ist ein ganz angenehmer Buchcharakter.

Der Fall beginnt damit, dass der (schwule) Gerichtsmediziner des Ortes in einen Autounfall verwickelt und zusammengeschlagen wird. Als kurz darauf ein (nicht geouteter, aber ebenfalls schwuler) Videothekbetreiber in seinem Laden schwer verletzt wird, scheint die Motivation der Täter auf der Hand zu liegen. Aber da man als Leser die Überfallszenen mitbekommt, steht schon früh fest, dass da mehr vor sich geht. Ich persönlich fand den Fall in seinen groben Zügen vorhersehbar, konnte aber genügend kleine Elemente beim Lesen mitnehmen, die ihn für mich immer noch unterhaltsam gemacht haben. Dieser Roman hat mich jetzt nicht so sehr überzeugt, dass ich die Reihe aktiv verfolgen müsste, aber wenn mir in der Bibliothek ein weiterer Band in die Finger fällt, während ich mal wieder Lust auf einen Kriminalroman habe, der modern, aber nicht zu blutig ist, dann werde ich wohl zugreifen.

Gregor Weber: Feindberührung (Grewe 1)

Nachdem ich im Januar bei Irina so eine positive Meinung zu „Feindberührung“ von Gregor Weber gelesen habe, bin ich neugierig geworden und habe bei Irinas Leihangebot sofort zugegriffen. Tja, und dann habe ich den Roman in einem Arztwartezimmer angefangen und bin prompt bei einer Vergewaltigungsszene unterbrochen worden. Danach hat es eine Weile gedauert, bis ich wieder zu dem Buch gegriffen habe. Dabei muss ich für diejenigen, die solche Szenen nicht gut verkraften können, betonen, dass ich wirklich im schlimmsten Moment unterbrochen wurde und die Szene am Ende so „gut“ ausgeht wie nur möglich.

Ich muss gestehen, dass mir Gregor Weber vorher weder als Autor, noch als Schauspieler ein Begriff war, und abgesehen davon, dass ich es etwas peinlich finde, dass seine Hauptfigur Grewe (GREgor WEber *hüstel*) heißt, hat mir der Roman sehr gut gefallen. Die Handlung dreht sich um einen ehemaligen Soldaten, der bei einem Bombenanschlag in Afghanistan beide Beine verloren hatte. Dieser Verlust und die Tatsache, dass er dadurch berufsunfähig wird, führten dazu, dass der Mann abstürzte. Er fühlte sich nicht mehr in der Lage mit seiner Familie (Frau und kleiner Sohn) zusammenzuleben, lebte in einer Sozialwohnung, trankt zu viel und dealte für eine örtliche Rockerbande mit Drogen. So ist es kein Wunder, dass bei seiner Ermordung seine Drogengeschäfte und seine Verbindung zu dem „Motorradclub“ im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen.

Geleitet werden die Ermittlungen von Kurt Grewe und Therese Svoboda, denen ein nicht so kleines Team unterstellt ist. Dabei hatte ich – trotz der längeren Pause beim Lesen – nie das Gefühl, ich wüsste nicht, wer wer ist und welche Funktion die Person im Team hat, da die Charaktere angenehm individuell beschrieben wurden. Und zwar nicht durch das Einführen irgendwelcher ungewöhnliche Macken, sondern einfach nur durch kleine und ganz gewöhnliche Eigenheiten, die die Figuren realistisch werden lassen. Bei Grewe kommt das besonders zu tragen, denn ihn lernt man besonders gut kennen. Ich mochte es, dass er so normal war, dass er seine Frau auch nach vielen Jahren Ehe noch liebt und sein Familienleben zwar manchmal chaotisch, aber insgesamt harmonisch verläuft.

Auch die Ermittlungen lesen sich angenehm realistisch. Da wird viel recherchiert, da werden Vermutungen aufgestellt und überprüft, man versucht für alle Möglichkeiten offen zu bleiben, obwohl die Spur zur Rockerbande die stimmigste Lösung zu sein scheint. Unterbrochen werden die Beschreibungen der Polizeiarbeit von Rückblicken, die von den Ereignissen in Afghanistan erzählen, und von einem Soldaten, der nach seinen Erlebnissen dort nicht so recht im Alltag Fuß fassen kann. Durch diese Einschübe wird dem Leser schnell klar, dass hinter dem Mord mehr stecken muss, als eine Auseinandersetzung um Drogen. Aber dieses Wissen mindert die Spannung und die Unterhaltsamkeit dieser Geschichte nicht.

Ganz ehrlich, trotz Irinas positiver Meinung, war ich wirklich überrascht, dass mir „Feindberührung“ so gut gefallen hat. Ich mag den Realismus und die Normalität bei den Charakteren und in der Geschichte – und freu mich schon auf den zweiten Teil der Reihe.

Jessica Kremser: Frau Maier hört das Gras wachsen

„Frau Maier hört das Gras wachsen“ ist der zweite Roman von Jessica Maier rund um die rüstige Putzfrau Frau Maier. Seit dem Ereignissen in „Frau Maier fischt im Trüben“ ist etwas Zeit vergangen und es hat sich einiges verändert. So denkt die alte Dame zum Beispiel immer noch an ihren Fischer-Karli, aber getroffen hat sie den Mann in all den Monaten nicht mehr. Schließlich macht es keinen Sinn einem Mann hinterherzutrauern, der seit Jahrzehnten mit einer anderen Frau verheiratet ist. Dafür bekommt Frau Maier regelmäßig Besuch von dem Polizeipsychologen Frank Schön und Elfriede Gruber, die ihr inzwischen eine gute Freundin geworden ist.

Elfriede ist es auch, die Frau Maier einen Job als Putzfrau im schicken Kurhotel Bergblick verschafft hat, nachdem eines der Zimmermädchen kurzfristig ausgefallen ist. Zum ersten Mal in ihrem Leben hat Frau Maier Menschen, mit denen sie befreundet ist, und eine Anstellung, die genügend Geld abwirft, dass sie sogar jeden Monat ein bisschen sparen kann. Auf der anderen Seite leidet sie immer noch unter den lebensgefährlichen Ereignissen rund um den von ihr entdeckten Mord – und die Ängste, die sie seitdem begleiten, haben Frau Maier sehr erschüttert.

Deshalb ärgert sie sich auch sehr über ihre eigene Unsicherheit, als sie eines nachts in einem leerstehenden Haus am See den Schein einer Taschenlampe sieht und sich nicht traut nach dem Rechten zu sehen. So ist ihr dieser Moment noch sehr präsent, als sie am nächsten Tag im Hotel erfährt, dass Simone Lenz, eine im Hotel abgestiegende Frau, mitsamt ihrer zehnjährigen Tochter Vivien vermisst wird. Kurz darauf steht fest, dass die labile Frau tot ist, während ihre Tochter weiterhin verschwunden bleibt.

Mir hat auch dieser Band um Frau Maier wieder gut gefallen, aber ich muss gestehen, dass ich an ihr eine gewisse Unerschütterlichkeit vermisst habe, die ihre Ermittlungen in „Frau Maier fischt im Trüben“ geprägt haben. Frau Maier ist immer noch neugierig und hat das Gefühl, dass sie Dinge unternehmen und herausfinden kann, auf die die Polizei nicht kommt (oder nicht tun könnte), aber dabei ist sie häufig sehr unsicher und ängstlich. Auf der anderen Seite ist es schön zu sehen, wie sehr es Frau Maier genießt, dass sie nun Freunde hat und täglich Kontakt mit Menschen, die ihr wohlgesonnen zu sein scheinen. Das ist ein ganz neues und kostbares Erlebnis für die alte Frau und sorgt dafür, dass sie anfängt auf Menschen zuzugehen.

Ich fand es einfach rührend wie sehr Frau Maier zum Beispiel die Kaffee- und Plaudermomente in der Hotelküche genießt oder wie aufgeregt sie ist, als sie eine Kollegen zuhause besucht. Oft genug sorgt ihre Unerfahrenheit im Umgang mit anderen auch dafür, dass sie Anspielungen nicht versteht oder unnötige Gedanken über geführte Gespräche macht, aber auch das fand ich ganz bezaubernd zu verfolgen. So wird deutlich, dass die Ereignisse aus dem ersten Band in ihr sehr viel angestoßen und nicht nur ungeahnte Ängste gebracht haben, sondern auch positive Entwicklungen in ihrem Leben. Das ist es auch, was diesen Roman für mich zu so einer Wohlfühlgeschichte gemacht hatte (vor allem, da ich den Fall stellenweise etwas sehr durchsichtig fand) und dafür sorgt, dass ich wohl in absehbarer Zeit auch den dritten Roman von Frau Maier besorgen und lesen werde. Ich habe diese Figur, ihre kleinen Eigenarten und ihre Liebe zum See wirklich in mein Herz geschlossen.