Kategorie: Rezension

Julia Lee: The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth

„The Mysterious Misadventure of Clemency Wrigglesworth“ von Julia Lee gehört zu den eBooks, die ich in den letzten Wochen auf meinem eReader gefunden habe und von denen ich keine Ahnung mehr habe, wann oder warum ich sie gekauft habe. Um mehr über das Buch herauszufinden, habe ich die ersten Seiten angelesen und hatte dann die Protagonistin Clemency so sehr ins Herz geschlossen, dass ich einfach dabeigeblieben bin. Clemency ist elf Jahre alt, als sie in Bombay ein Überseeschiff betritt. Da sie eine gültige Fahrkarte hat, kann man ihr die Überfahrt nicht verweigern, obwohl es unüblich ist, dass ein Mädchen in ihrem Alter allein unterwegs ist. Clemency reist von Indien nach England, in der Hoffnung, dass sie dort Verwandte findet, die bereit sind, sich nach dem Tod ihrer Mutter um sie zu kümmern. Für die Dauer der Reise übergibt sie der Kapitän des Schiffes in die Obhut von Mrs. Potchard, die sich nach ihrer Ankunft in England darum kümmert, dass Clemency erst einmal in der Pension ihrer Schwester Hetty Marvel unterkommt.

Einige Wochen lang scheint sich niemand auf die von Mrs. Potchard geschaltete Anzeige hin zu melden, um Clemency abzuholen, bis die unfreundliche Mrs. Clawe in der Pension auftaucht und das Mädchen mitnimmt, ohne auch nur ein Wort mit Clemencys Pensionswirtin zu wechseln. Am nächsten Tag findet sich Clemency als Spülmagd in dem Herrenhaus Great Hall wieder, während sich Mrs. Potchard, ihr Sohn Gulliver, ihre Schwester Hetty und deren Tochter Whitby fragen, was aus ihrem Schützling geworden ist. Ich habe mich beim Lesen gut mit Clemency und der Familie Potchard/Marvel amüsiert, muss aber auch zugeben, dass die Geschichte mich nicht so sehr gepackt hat, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Ich habe die Erzählweise der Autorin genossen und die vielen Szenen, in denen etwas passiert, das – da der Leser die Hintergründe noch nicht kennt – skurril wirkt, und die Momente, in denen Clemencys Temperament mit ihr durchging. Aber ich habe an keiner Stelle um die Figuren bangen müssen oder mich gefragt, was wohl als Nächstes kommen würde. Selbst wenn es Clemency nicht gutging, hat Julia Lee mir die ganze Zeit vermittelt, dass es genügend Personen gibt, die sich Sorgen um das Mädchen machen und einfallsreich genug sind, um auch wirklich etwas zu bewegen.

Die Autorin sorgte zwar immer wieder dafür, dass in Gesprächen deutlich wurde, welche schrecklichen Gefahren Clemency theoretisch erwarten (angefangen von der Abschiebung in ein Waisenhaus über das Erfrieren im Straßengraben bis hin zu skrupellosem Mord), aber es gelang Julia Lee leider trotzdem nicht, dass ich mich ernsthaft um Clemencys Wohlergehen sorgte. Stattdessen hatte ich kein Problem, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl die Protagonistin gerade vor einer kritischen Situation stand, oder mal eben zurückzublättern, um meinem Mann einen besonders hübsch formulierten Satz vorzulesen. So ist es vor allem der Tatsache, dass ich wirklich viele Passagen aufgrund ihrer Formulierung genossen habe, zu verdanken, dass ich überlege, ob ich noch weitere Geschichten der Autorin lesen mag. Es gibt einen Titel, der sich um Mrs. Potchards Sohn Gulliver dreht, so dass ich noch etwas bei dieser sympathischen Familie bleiben könnte. Oder ich greife zu einer ihrer Nancy-Parker-Detektivgeschichten und schaue, ob Julia Lee dort vielleicht die Handlung spannender erzählt.

T. Kingfisher: The Hollow Places

Auch wenn mein Blog „Alles außer Lyrik“ heißt, so antworte ich doch normalerweise auf die Frage, was ich lesen würde, mit „Alles außer Horror“. Aber ab und an mache ich eine Ausnahme und greife doch zu einer Horrorgeschichte – entweder weil diese ein Klassiker ist und ich das Gefühl habe, ich sollte sie mal gelesen haben, oder weil diese von einer Person geschrieben wurde, bei der ich darauf vertraue, dass die Geschichte insgesamt so gut ist, dass ich es als passenden Ausgleich für die damit einhergehenden Albträume empfinde. Und da ich von T. Kingfishers (bzw. Ursula Vernons) „The Hollow Places“ in den letzten Monaten sehr viel Gutes gehört habe und die gelesenen Bücher der Autorin bislang eigentlich alle mochte, habe ich einen Versuch mit dem Titel gewagt. Ich kann schon mal vorwegnehmen, dass ich all den lobenden Stimmen recht geben kann: Die Geschichte ist sehr gut, sehr unheimlich und überraschend amüsant!

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Kara, die frisch geschieden ist und deshalb übergangsweise zu ihrem Onkel Earl zieht. Onkel Earl ist nicht nur ein wirklich liebenswerter Mensch, der sich schon früher liebevoll um seine Nichte gekümmert hat, sondern er benötigt auch jemanden, der sein „Glory to God Museum of Natural Wonders, Curiosities, and Taxidermy“ führt, während er sich einer Knieoperation unterziehen muss. Kara ist ganz zufrieden damit, tagsüber für das Museum verantwortlich zu sein und später am Abend als freiberufliche Grafikerin zu arbeiten, während sie überlegt, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. Doch dann hinterlässt einer der Besucher des Museums ein Loch in einer der Wände, und als Kara zusammen mit Simon, dem Barista des benachbarten Coffeeshops, den Schaden beseitigen will, entdecken sie einen Weg in eine andere Welt. Eine unheimliche Welt, die von Wesen bevölkert wird, die anscheinend Gedanken hören können, und je verängstigter die Person ist, die diese Gedanken denkt, desto stärker werden diese Wesen …

Inspiriert wurde die Autorin zu „The Hollow Places“ von „The Willows“ von Algernon Blackwood und da ich die Geschichte nicht kenne, kann ich nicht beurteilen, wie weit die Inspiration ging und ob sie eine ähnliche Atmosphäre getroffen hat. Mir hat die relativ ruhige Erzählweise in „The Hollow Places“ gefallen – und dass diese dazu geführt hat, dass ich mich ständig sorgte, was wohl als Nächstes passieren würde. Ich persönlich finde ja, dass es zu einer guten Horrorgeschichte gehört, dass meine Fantasie davon so sehr angeheizt wird, dass sie mir mehr gruselige Momente beschert als der Text, den ich gerade lese, und das war hier definitiv der Fall. Ich mochte auch das Verhältnis zwischen Kara und dem Barista Simon, das von einer entspannten Freundschaft geprägt wurde. Zu Beginn kennen sich die beiden noch gar nicht so gut, aber sie funktionieren gut zusammen in Gefahrensituationen, und die Dialoge zwischen diesen beiden Figuren haben regelmäßig dafür gesorgt, dass ich vor mich hinkichern musste, obwohl ich gleichzeitig um das Leben der beiden gefürchtet habe. Es war schön zu lesen, dass die beiden Figuren sich so akzeptierten, wie sie waren, und Halt darin fanden, dass sie nicht alleine all die bizzaren und beängstigenden Situationen erleben mussten.

Einige Rezensionen kritisieren, dass die Protagonistin erst sehr, sehr spät in der Geschichte merkt, welche Verbindung es zwischen dem Museum und der unheimlichen Welt, die sie dadurch erreichen kann, gibt. Mich persönlich hat es nicht gestört, dass sie dieses Element immer wieder übersah, weil die Autorin für mich glaubhaft aufgezeigt hat, dass Kara auf der einen Seite so sehr an die vielen skurrilen Objekte des Museums gewöhnt ist, dass sie sie nicht mehr als merkwürdig wahrnimmt, und auf der anderen Seite so viel um die Ohren hat, dass man so viel Aufmerksamkeit von ihr in stressigen Situationen nicht erwarten kann. Auch mit der ruhigen Erzählweise und der Tatsache, dass Kara und Simon immer wieder versuchen, ihre Situation und die Begebenheiten dieser anderen Welt(en) zu analysieren, hat T. Kingfisher meinen Geschmack getroffen. Für mich muss Horror weder actiongetrieben noch unappetitlich sein – ich finde eine langsam und atmosphärisch erzählte Geschichte definitiv beeindruckender, und „The Hollow Places“ fällt eindeutig in diese Kategorie.

Deborah Blake: Furbidden Fatality (A Catskills Pet Rescue Mystery 1)

Ich habe gerade zu meiner großen Überraschung festgestellt, dass ich noch kein Buch der Autorin Deborah Blake für den Blog rezensiert habe, obwohl ich ihre Urban-Fantasy-Reihe rund um die verschiedenen nordamerikanischen Baba Yagas und ihre „Riders“ sehr gern (und vollständig) gelesen habe. Auf jeden Fall hat mich die Tatsache, dass ich ihre fantastischen Geschichten mag, dazu bewogen, ihrem ersten Versuch, einen Cozy zu schreiben, eine Chance zu geben. Die Geschichte dreht sich um die 29jährige Kari Stuart, die vor einiger Zeit wieder zurück in ihre kleine Heimatstadt in den Catskills gezogen ist. Nach einem Studienabschluss, mit dem sie keinen Job finden konnte, und einer unschönen Scheidung arbeitet sie als Kellnerin im örtlichen Diner. Bevor sie weitere Veränderungen in ihrem Leben vornimmt, möchte sie herausfinden, was sie eigentlich genau für ein Leben führen will – doch dann fallen ihr unverhofft erst ein Millionen-Lottogewinn und dann ein kleines streunerndes Kätzchen in die Hände. Als das örtliche Tierheim die Katze nicht aufnehmen will, weil es hoffnungslos überfüllt ist, erfährt sie von dem privaten Gnadenhof Serenity Sanctuary, der in großen finanziellen Schwierigkeiten steckt.

Spontan kauft Kari den Gnadenhof und darf sich von nun an nicht nur mit all den Problemen herumschlagen, die mit der Renovierung des Geländes und der Versorgung der vielen Tiere zusammenhängen, sondern auch mit dem städtischen Hundefänger Bill Myers. Dieser behauptet, dass einer von Karis Schützlingen eine Gefahr für die Allgemeinheit sei, und versucht vor Gericht die Einschläferung des Tieres durchzubringen. Während sich Kari noch fragt, wie sie beweisen kann, dass Buster ein freundlicher Hund ist, findet sie die Leiche von Bill Myers auf dem Serenity-Sanctuary-Gelände. Der Hundefänger wurde anscheinend getötet, als er gerade dabei war, ein Loch unter dem Zaun des Hundeauslaufs zu graben. Für den Sheriff gehört Kari damit – ebenso wie Daisy, von der sie den Gnadenhof gekauft hat, – zu den Hauptverdächtigen. Um ihre und Busters Unschuld zu beweisen, beginnt Kari zusammen mit diversen Freundinnen und freiwilligen Helfern des Gnadenhofs Fragen über Bill Myers und seine Arbeit als Hundefänger zu stellen.

Ich muss gestehen, dass „Furbidden Fatality“ mich jetzt nicht umgehauen hat, aber der Roman bietet eine nette und flüssig zu lesende Geschichte, die mich gut unterhalten hat. Ich mochte die verschiedenen Figuren mit all ihren Ecken und Kanten – sogar den Sheriff, der nicht besonders entgegenkommend und den falschen Personen gegenüber zu misstrauisch ist. Es war nett, mal einen relativ realistischen Roman zu lesen, der im Tierschutzbereich spielt und bei dem die Autorin nicht verschweigt, dass ein Großteil der Arbeit nicht im Schmusen von vernachlässigten Tieren, sondern im Beseitigen von Ausscheidungen und ähnlich lästigen Tätigkeiten besteht. Auch hat es mir gefallen, dass Deborah Blake mit der kleinen Katze Queenie zwar ihrer Protagonistin eine „tierische Ermittlerin“ zur Seite stellt, diese aber nichts tut, was man nicht auch von einer „normalen“ Katze erwarten würde. Ich muss gestehen, dass ich bei den ersten Bemerkungen der Autorin zu dem Roman befürchtet hatte, dass man (wie bei den Sneaky-Pie-Brown-Romanen von Rita Mae Brown) Passagen aus Sicht der Katze lesen würde, aber das ist nicht der Fall.

Auch gibt es zwar zwei wirklich sympathische Männer, denen Kari im Laufe der Geschichte begegnet, aber nicht einmal den Hauch einer Liebesgeschichte – was ich unglaublich erholsam bei einem aktuellen Cozy finde. Insgesamt konzentriert sich Deborah Blake, wenn es um den zwischenmenschlichen Teil der Handlung geht, eher auf die Freundschaften (zu anderen Frauen), die Kari zum Teil schon seit langer Zeit begleiten oder die sie im Laufe der Geschichte neu knüpft, und das fand ich wirklich schön zu lesen. Kritisieren könnte ich, dass die Autorin ihre Bösewichte ein bisschen zu offensichtlich gestaltet hat. Wenn eine Figur in dem Roman unsympathisch ist und mehr als einen Auftritt bekommt, kann man als Leserin eigentlich gleich davon ausgehen, dass die Person etwas mit den kriminellen Handlungen rund um Bill Myers zu tun hat. Aber damit konnte ich leben, weil „Furbidden Fatality“ insgesamt wirklich unterhaltsam war und ich angenehm entspannte Stunden mit der Geschichte verbracht habe. Ich denke, ich werde mir auch den zweiten Band (mit dem schrecklichen Titel „Doggone Deadly“) gönnen, wenn dieser im Herbst erscheint.

Rachel Caine: Working Stiff (Revivalist 1)

Bislang habe ich mich eigentlich mit allen Romanen, die ich von Rachel Caine gelesen habe, gut unterhalten gefühlt, aber „Working Stiff“ konnte mich nicht so recht überzeugen. Die Handlung dreht sich um Bryn Davis, die nach einigen Jahren in der US-Armee ihren ersten zivilen Job in einem Bestattungsinstitut antritt. Nach all der Zeit, in der sie mit Kriegsopfern zu tun hatte, weiß sie, dass sie mit Leichen ebensowenig wie mit Trauer ein Problem hat. Außerdem geht sie davon aus, dass die Beschäftigung in einem Bestattungsinstitut ihr einen ruhigen und langfristigen Arbeitsplatz sichern wird. Doch bedauerlicherweise betreibt ihr neuer Arbeitgeber Mr. Fairview ein kleines illegales Nebengeschäft, das dafür sorgt, dass Bryn gleich an ihrem ersten Arbeitstag getötet wird.

Grundsätzlich habe ich ja kein Problem mit toten Protagonistinnen, davon gibt es ja so einige in den diversen Urban-Fantasy-Romanen, aber hier ist nicht Magie die Ursache für Bryns weitere Existenz, sondern eine Chemikalie mit dem Namen „Returné“, die ihren Körper weiterhin „normal“ funktionieren lässt, solange sie einmal am Tag damit versorgt wird. Doch um weiterhin Zugang zu Returné zu haben, muss Bryn für die herstellende Pharmafirma herausfinden, wer Mr. Fairview illegal mit der Chemikalie versorgt und welche seiner Kunden der Bestattungsunternehmer damit behandelt hat. Dieser Auftrag ist natürlich nicht so einfach zu erfüllen, und so muss sich Bryn nicht nur mit dem Alltag des Bestattungsgeschäfts herumschlagen, sondern auch mit skrupellosen Wissenschaftlern, paranoiden Ex-FBI-Angestellten und einer neugierigen kleinen Schwester.

Ich muss zugeben, dass „Working Stiff“ in meinen Augen gleich mehrere Probleme mit sich bringt. So fand ich die Handlung über weite Strecken nicht besonders spannend, weil es recht lange dauerte, bis die Grundsituation aufgebaut und alle wichtigen Charaktere vorgestellt waren. Aber eine eher langsam voranschreitende Geschichte stört mich normalerwiese nicht, wenn ich die Figuren sympathisch finde und genügend unterhaltsame Szenen geboten bekomme, um dabei zu bleiben. Ich mochte, dass Rachel Caine die Protagonistin (zumindest zu Beginn) mit glaubwürdigen Stärken und Schwächen versehen hat, und das hat mich über den eher zähen Einstieg hinweggetröstet. So ist Bryn zwar eine Kriegsveteranin, aber sie ist nicht immer und jederzeit kampfbereit, sondern eben ein ganz normaler Mensch, der auch mal von einem Angriff aus heiterem Himmel überrascht wird. Ebenso ist sie in unvertrauten Situationen – wie sie zum Beispiel ihr erster Arbeitstag in größeren Mengen bietet – unsicher, während sie auf der anderen Seite kein Problem damit hat, aggressiven oder übergriffigen Personen ihre Grenzen aufzuzeigen, weil das eben etwas ist, womit sie Erfahrung hat.

Trotzdem bin ich mit Bryn bis zum Schluss nicht so recht warm geworden, und ich fürchte, dass das an der Ausweglosigkeit ihrer Situation lag. Bryn stirbt relativ früh in der Geschichte, und auch wenn Returné sie wie einen lebendigen Menschen funktionieren lässt, so steht von Anfang an fest, dass es keine Heilung oder Besserung für sie gibt. Sie wird für ihre restliche Existenz darauf angewiesen sein, dass ihr einmal am Tag Returné verabreicht wird, und wenn diese Chemikalien für ein paar Tage ausbleibt, wird sie bei vollen Bewusstsein verrotten. Außerdem gibt es eine Nebenwirkung von Returné, die dafür sorgt, dass Bryn jederzeit ihren eigenen Willen verlieren kann, wenn ihr nicht einmal wöchentlich ein Gegenmittel verabreicht wird. Mit dieser Grundvoraussetzung war es für mich als Leserin erschreckend egal, dass Bryn theoretisch ein gutes Leben führen könnte – also wenn es die diversen Personen und Institutionen, die sie manipulieren und kontrollieren wollen, nicht gäbe. Dazu kommt noch, dass ihr untoter Zustand dafür sorgt, dass Bryn so gut wie unzerstörbar ist. Sie kann zwar Schmerzen spüren und das Bewusstsein verlieren, aber genügend Zeit und eine ausreichende Versorgung mit Returné führen dazu, dass ihr Körper selbst noch so schwere Verletzungen wieder reparieren kann.

Ich brauche, wenn ich solche Bücher lese, einen kleinen Funken Hoffnung, dass es für die Protagonistin am Ende noch irgendwie „besser“ werden könnte und dass es ihr gelingt, die „Bösewichte“ in der Geschichte (zumindest temporär) zu besiegen. Außerdem möchte ich zu den Charakteren eine Verbindung aufbauen, die dafür sorgt, dass ich mir Gedanken um ihr Wohlergehen mache und mich frage, wie sie wohl aus den diversen Schwierigkeiten wieder herauskommen. Bei „Working Stiff“ habe ich diese Hoffnung und dieses Mitbangen leider vermissen müssen, und das sorgte dafür, dass ich mich nicht weiter mit Bryns Schicksal auseinandersetzen mochte. Mir fehlte ein Ausgleich für all die unschönen Szenen, die die Brutalität und Skrupellosigkeit der diversen Nebenfiguren mit sich brachten, und je weiter ich las, desto weniger neugierig war ich auf das Schicksal von Bryn und ihren Freunden. Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich das Buch wohl nur beendet, weil ich hoffte, dass Rachel Caine am Ende doch noch etwas aus dieser Geschichte machen würde.

Leseeindrücke Januar und Februar 2021

Ich habe schon sehr lange keine Leseeindrücke mehr geschrieben, aber in den letzten Wochen habe ich ein paar Bücher gelesen, bei denen es nicht zu einer längeren Rezension reicht, die ich aber nicht vollständig untergehen lassen möchte.

Natasha Farrant (Story)/Lydia Corry (Illustrationen): „Eight Princesses and a Magic Mirror“

In „Eight Princesses and a Magic Mirror“ geht eine Zaubererin der Frage nach, was eine exzellente Prinzessin ausmacht, um ihrer Patentochter das passende Taufgeschenk machen zu können – was zu acht wunderbaren und sehr unterschiedlichen Märchen rund um ebensolche Prinzessinen führt. Ich mochte es sehr, dass Natasha Farrant so verschiedene Geschichten rund um die Prinzessinen gesponnen hat, und die Illustrationen von Lydia Corry passen wirklich perfekt zu den verschiedenen Figuren und ihren Welten. Ich muss aber auch zugeben, dass man hier wirklich nur „Märchen“ findet, was bedeutet, dass die Figuren nicht besonders intensiv ausgearbeitet wurden und nicht immer alle Details erklärt werden oder alles rundum stimmig in den verschiedenen Welten ist. Mir persönlich hat aber  gerade das sehr gut gefallen, so dass ich mir die einzelnen Märchen bewusst eingeteilt habe, um sie genießen und meine Fantasie von den verschiedenen Geschichten und Illustrationen anregen lassen zu können.

Auf dem Foto ist ein aufgeschlagenes Buch vor einer orangen Bettdecke zu sehen. Auf der linken Seite des Buches ist eine Illustration mit einer Figur mit hellen Zöpfen und einem blauen Kleid, die dem Betrachter den Rücken zuwendet und auf ein Schiff auf dem Meer hinausblickt, auf der rechten Seite sieht man den Titel einer Geschichte ("The Princess of the High Seas"), um den verschiedenen kleine blaue Zeichnungen (Möwe, Fisch, Papageientaucher, Boote und Muscheln) arrangiert sind.

Olivia Atwater: „Half a Soul“ (Regency Faerie Tale 1)/“Ten Thousand Stitches“ (Regency Faerie Tale 2)

Die beiden Romane „Half a Soul“ und „Ten Thousand Stitches“ erzählen zwei unabhängig voneinander lesbare Geschichten, die beide in derselben fantastischen Regency-Welt spielen, was dafür sorgt, dass Nebenfiguren aus dem ersten Band auch im zweiten Teil vorkommen. In „Half a Soul“ wurde der Protagonistin Theodora Ettings als junges Mädchen die Hälfte ihrer Seele von Elfen gestohlen, was dazu geführt hat, dass sie nur noch sehr gedämpft Gefühle wahrnehmen kann. Dieses Handicap sorgt dafür, dass sie in den Augen ihrer Familie unverheiratbar und somit eine Last ist. Nur ihre Cousine Vanessa gibt sich alle Mühe, Dora zur Seite zu stehen, als diese während Vanessas erster Saison in London einige seltsame Erlebnisse hat und immer wieder mit dem königlichen Magier aneinandergerät. Für mich als Leserin war Doras recht distanzierter Umgang mit all den Dingen, die ihr passierten, überaus amüsant zu lesen, so dass ich auch gut damit leben konnte, dass die Handlung an sich sehr vorhersehbar verlief, weil ich mich so gut von der Erzählweise und den vielen kleinen Vorfällen rund um Dora unterhalten fühlte.

Bei „Ten Thousand Stitches“ wird die Geschichte aus der Sicht der Dienstbotin Euphemia Reeves erzählt, die wider besseres Wissen einen Handel mit einem Elfen eingeht, um den Mann, in den sie sich verliebt hat, heiraten zu können. Als Bezahlung für die Hilfe, die ihr der Elf zur Verfügung stellt, muss sie ihm innerhalb von hundert Tagen seine Jacke mit 10.000 Stichen besticken – was gar nicht so einfach ist, da sie nur in den Nachtstunden nach ihrem Dienst Zeit für diese Arbeit hat. Auch hier habe ich mich wunderbar amüsiert, während der Elf voller bester Absichten eine Katastrophe nach der anderen auslöst, während Effie feststellen muss, dass ihr Handel nicht ganz so verläuft, wie sie sich das vorgestellt hatte. Neben all den unterhaltsamen und witzigen Elementen in beiden Geschichten mag ich es, dass die Autorin Olivia Atwater nicht davor zurückschreckt, in ihrern Büchern auf die Situation in den „Work Houses“ oder die Machtlosigkeit der Dienstboten gegenüber ihrer Herrschaft einzugehen. Da mir beide Bände so gut gefallen haben, habe ich den demnächst erscheinenden dritten Teil auch schon vorbestellt.

Suzanne Walker (Story)/Wendy Xu (Zeichnungen): „Mooncakes“ (Comic)

„Mooncakes“ erzählt die Geschichte von der Hexe Nova Huang und dem Werwolf Tam Lang, die sich in ihrer Kinderzeit gekannt haben und sich nun nach Jahren der Trennung wiederbegegnen. Zusammen müssen sie mit einem Dämon fertig werden, der in den nahegelegenen Wäldern sein Unwesen treibt. Trotz des Dämons ist die Geschichte einfach nur sehr, sehr süß, und ich mochte nicht nur die Freundschaft/entstehende Beziehung zwischen Nova und Tam, sondern auch all die anderen Personen, mit denen die beiden so zu tun haben. Besonders Novas Familie ist voller sehr individueller Persönlichkeiten, die alle in der Regel wunderbar liebevoll miteinander umgehen. Auch gefiel es mir, dass Novas Schwerhörigkeit und ihre Hörgeräte zwar als ein lästiger Teil ihres Alltags, aber eben nicht als ein größeres Problem dargestellt wurden. Die Zeichnungen haben nicht vollkommen meinen Geschmack getroffen, aber insgesamt mochte ich den recht weichen und liebevollen Stil von Wendy Xu und die für den Comic verwendeten warmen Farben.

Harper Lin: Love and Murder in Savannah (The Southern Sleuth 1)

„Love and Murder in Savannah“ von Harper Lin gehört zu den Büchern, über die ich beim Sichten meiner eBook-Bestände gestolpert bin. Ich kann mich nicht mehr erinnern, woher ich den Titel habe, aber ich würde behaupten, dass die beiden Punkte „20er Jahre“ und „Protagonistin kann Geister sehen“ der Grund waren, wieso ich die Geschichte lesen wollte. Rebecca „Becky“ Madeline Mackenzie ist 20 Jahre alt und die Tochter einer gehobenen Südstaaten-Familie, die in Savannah zuhause ist. Was bedeutet, dass sie relativ ungestört in den Tag hineinleben kann, solange sie die Erwartungen ihrer Mutter und der Gesellschaft einigermaßen erfüllt – und natürlich nur bis ein passender junger Mann auftaucht, der sie heiratet. Ungewöhnlich an ihr ist, dass sie von klein auf Geister sehen und mit ihnen reden kann, was mit ein Grund dafür ist, dass sie sich gern auf dem nahegelegenen alten Friedhof aufhält, um Schwätzchen zu halten und zu zeichnen. Von ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit wissen nur ihre beiden besten Freunde (Teddy und Martha), auch wenn Becky diese Kraft immer mal wieder nutzt, um ihren Nachbarn hilfreich zur Seite zu stehen. Erst als bei Marthas Geburtstagsfeier ein junger Mann ermordet wird, muss Becky feststellen, dass nicht alle Geister freundliche Wesen sind, mit denen man unterhaltsame Anekdoten austauschen kann.

Ich muss zugeben, dass diese Geschichte genau genommen nur in die Kategorie „ganz nett“ gehört – vor allem, da der Kriminalfall nicht gerade herausfordernd aufgebaut ist. Aber in der Regel ist „nett“ ja genau das, was man sucht, wenn man zu einem Cozy greift. „Love and Murder in Savannah“ liest sich unterhaltsam, was vor allem an der 20-Jahre-Atmosphäre und dem Südstaaten-Feeling liegt. Becky und ihre Freunde verbringen regelmäßig die Nächte in „Speakeasies“, wo sie tanzen und illegal gebrannten Alkohol trinken. Ansonsten ist Becky vor allem damit beschäftigt, den Plänen ihrer Mutter auszuweichen und sich über ihre unangenehme Cousine Fanny aufzuregen. Außerdem denkt sie regelmäßig darüber nach, wie sie ihre Mutter davon überzeugen kann, dass ihr Bekannter Adam White ein Gentleman ist, obwohl er aus dem Norden stammt und nicht zur oberen Schicht von Savannah gehört. So macht sich Becky anfangs auch vor allem Sorgen um ihre Freundin Martha und den Ruf von Marthas Familie, als bei der Geburtstagsfeier ein Mord geschieht, statt darüber nachzudenken, dass sie ihre Fähigkeiten nutzen könnte, um mehr über die Tat herauszufinden. Ich fand es sehr stimmig, dass die Protagonistin nicht auf den Gedanken kommt, dass sie sich in eine Polizeiermittlung einmischen könnte, sondern aus ihrer begrenzten, privilegierten Perspektive heraus auf den Mord blickt. Erst als sie über genügend seltsame Elemente stolpert, die mit dem Kriminalfall in Verbindung stehen, entwickelt sie etwas mehr Eigeninitiative und überlegt, welcher der bei der Feier Anwesenden verdächtig sein könnte.

Beckys relativ sorglose Sicht auf die Welt führt dazu, dass sich eine gewisse Leichtigkeit durch die Geschichte zieht. Natürlich ist ihr bewusst, dass sie in ihrer gesellschaftlichen und finanziellen Position sehr priviligiert ist, aber ihr persönlicher Alltag wird vor allem von den Kabbeleien mit ihrer Mutter und dem unangenehmen Verhalten ihrer Cousine bestimmt. Wenn Becky über eine Person stolpert, die vermutlich ein Verbrecher ist, dann ist dies für sie nur ein kurzer aufregender Moment, weil sie sich einfach nicht vorstellen kann, dass sie selbst irgendwie in Gefahr sein könnte. Das kann man natürlich kritisch sehen, hat bei mir aber dafür gesorgt, dass sich das Lesen von „Love and Murder in Savannah“ stellenweise wie das Anschauen einer Kriminalkomöde aus den 1930er Jahren anfühlte. Auch wenn dieser Roman leider nicht mit den wunderbaren Dialogen mithalten kann, wie sie zum Beispiel in „Der dünne Mann“ („The Thin Man“) zu finden sind, war die Atmosphäre für mich ähnlich und die Charaktere sympathisch genug, um mir ein paar unterhaltsame Stunden zu liefern und dafür zu sorgen, dass ich mir weitere Titel Autorin anschauen werde.

Stephanie Burgis: The Princess Who Flew with Dragons

„The Princess Who Flew with Dragons“ ist der dritte Band von Stephanie Burgis, der in der fantastischen Stadt Drachenburg beginnt. Aber dieses Mal begleitet man nicht die Drachin Aventurine oder die Händlerin Silke bei ihren Abenteuern, sondern Prinzessin Sofia bei einer Reise, die sie in das ferne Villenne bringt. Sofia, die schon in den vorhergehenden Geschichten eine (Neben-)Rolle einnahm, sieht sich als die „unnütze“ Prinzessin von Drachenburg. Während ihre ältere Schwester Katrin schon seit Jahren die Regentschaft für ihren trauernden Vater übernommen hat, versteckt sich Sofia mit ihren Philosophiebüchern in ihrem Zimmer und versucht, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Dabei ist sie sich durchaus der Verantwortung bewusst, die die Königsfamilie gegenüber ihren Untertanen hat, sie weiß nur nicht, wie sie selbst etwas zum Wohl des Königsreichs beitragen könnte. Gegen diese Gefühle der Unzulänglichkeit hilft es auch nicht, dass Katrin sie immer wieder in Situationen bringt, die Sofia zu Dingen zwingen, die sie sich einfach nicht zutraut.

Genau dies ist auch der Fall, als Sofia nach Villenne reisen muss, wobei die Tatsache, dass sie sich nicht einmal auf die Reise vorbereiten durfte, die Sache nicht besser macht. Doch in Villenne angekommen muss Sofia entdecken, wie befreiend es ist, dass sie sich anonym durch diese Stadt bewegen und neue Freunde finden kann. Alles könnte so großartig sein, wenn sich nicht doch noch ihre Schwester Katrin einmischen und dann auch noch die Eisriesen aus dem Norden angreifen würden. Ich habe Sofia gern auf ihrer Reise nach Villenne und zu sich selbst begleitet. Es war berührend, von ihren Ängsten und Selbstzweifeln zu lesen, und so schön zu verfolgen, wie sie aufblüht, als sie unter ganz ungewöhnlichen Rahmenbedingungen Villenne erkundet. Für Sofia geht mit diesen sorglosen Tagen ein Traum in Erfüllung. Aber natürlich ist es für eine Prinzessin – egal, wie unnütz sie sich selbst fühlt – nicht in Ordnung, wenn sie ihre diplomatische Mission für ihr eigenes Vergnügen vernachlässigt. So ist es kein Wunder, dass eines Tages Katrin vor ihr steht und ihr den ganzen Spaß verdirbt.

Erst als Sofia sich gemeinsam mit ihrem Freund Jasper (dem kleinen Bruder von Aventurine) aufmacht, um Katrin und all die anderen zu retten, die von den Eisriesen gefangen genommen wurden, merkt sie, wie viel sie in den letzten Wochen über sich und ihre Fähigkeiten gelernt hat. Gerade weil Sofias Situation (auch während ihrer Rettungsmission) nicht gerade einfach ist, bieten sich Stephanie Burgis wunderbare Gelegenheiten für witzige Dialoge und Szenen. So habe ich beim Lesen der Geschichte regelmäßig mit Sofia mitgelitten und musste doch immer wieder vor mich hinkichern, wenn sie mal wieder ein überraschendes Abenteuer erlebte oder bewies, wie wenig sie das Leben innerhalb ihres Palastzimmers auf die reale Welt vorbereitet hatte.

Ich glaube, dass Sofia, gerade weil sie die unsicherste der drei Protagonistinnen ist, mir als Erzählerin noch besser gefallen hat als Aventurine oder Silke. Denn obwohl ich die anderen beiden auch mochte, sieht man bei Sofia besonders schön die Entwicklung, die sie im Laufe der Zeit durchmacht. Ich mochte es auch sehr, wie sich die Beziehung der beiden Schwestern am Ende wandelt und wie Sofia mehr über den Umgang mit anderen Menschen lernt, als sie sich endlich eingesteht, dass sie sich gegenüber ihren Freunden nicht verstellen muss. Wenn ich einen Kritikpunkt suchen müsste, dann vielleicht, dass sich am Ende alles ein bisschen zu schnell in Wohlgefallen auflöst. Aber „The Princess Who Flew with Dragons“ ist nun einmal ein Buch für Kinder im Grundschulalter und ich lese diese Bücher für den garantierten „Wohlfühlfaktor“, also kann ich mich definitiv nicht beschweren, wenn ich genau das auch geboten bekomme.

Jenni Spangler: The Vanishing Trick

„The Vanishing Trick“ von Jenni Spangler ist vor einigen Wochen auf meiner Merkliste gelandet, da es zu meiner aktuellen Lust auf „viktorianische und unheimliche Geschichten“ zu passen schien, und ich kann nun sagen, dass dieses Jugendbuch wirklich genau in mein momentanes Beuteschema fiel. Die Geschichte wird zum Großteil aus der Sicht des elfjährigen Leander erzählt, der seit dem Tod seiner Mutter nur mühsam mit kleinen Nebenjobs und Diebstählen über die Runden kommt. Als er in Gefähr gerät, seine Unterkunft (eine nicht mehr genutzte Bibliothek in einem stark vernachlässigten Herrenhaus) zu verlieren und schon zu viele Tage ohne Essen auskommen musste, kommt ihm das Angebot, in den Dienst der reisenden Madame Pinchbeck zu treten, gerade recht. Dabei fühlt sich Leander von Anfang an nicht wohl dabei, dass Augustina Pinchbeck den Anhänger seiner Mutter als Sicherheit dafür verlangt, dass er sie weder ausraubt noch betrügt.

Mit diesem Pfand verkauft Leander mehr als nur seine Dienste an das unheimliche Medium, denn Madame Pinchbeck verfügt über Magie und nutzt Leanders Erinnerungsstück, um den Jungen mit Leib und Leben an sich zu binden. Schnell findet Leander heraus, dass er weder der Erste noch der Einzige ist, dem dieses Schicksal widerfährt. Für all die Tricks, die Madame Pinchbeck bei ihrer Arbeit als Medium anwendet, ist sie auf ihre Magie und die Fähigkeiten der von ihr gefangengenommenen Kinder angewiesen. Doch wenn diese Kinder keinen Nutzen mehr für sie haben, verschwinden sie spurlos. Gemeinsam mit den beiden anderen Gefangenen des Mediums, der gebildeten Charlotte und dem Geiger Felix, muss Leander einen Weg finden, um die Macht, die Madame Pinchbeck über sie hat, zu brechen, ohne dass eines der Kinder dabei ums Leben kommt.

Jenni Spangler greift mit „The Vanishing Trick“ die Leidenschaft der Menschen in der vikorianischen Zeit für Séancen und ähnliche „übernatürliche“ Elemente auf. Dabei mischt die Autorin ganz wunderbar die vielen verschiedenen Tricks wie durch Doppelbelichtung entstandenen Geister-Fotos, manipulierte Kerzen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt während der Séance erlöschen, und ähnliche Elemente mit Madame Pinchbecks unheimlicher Magie. Das alles führt zu wunderbar fesselnden Szenen, die gerade deshalb, weil man als Leserin hinter die Kulissen schauen darf, sehr atmosphärisch sind. Dazu kommt, dass man sich natürlich die ganze Zeit fragt, wie es die drei Kinder wohl schaffen werden, sich aus der magischen Gefangenschaft zu retten, in die sie geraten sind. Dabei präsentiert Jenni Spangler schon früh im Buch kleine Hinweise, die einem aber erst im Laufe der Geschichte genügend Informationen bieten, um eine Idee davon zu bekommen, was zur Befreiung der drei beitragen könnte. Mir gefiel es sehr, dass die Auflösung nicht direkt auf der Hand lag und ich mich so bei jeder Szene fragte, ob diese kleine Anektdote oder dieser Nebensatz vielleicht einen Teil des Puzzles enthalten könnte.

Auch ist es der Autorin gelungen, die Verzweiflung, die Einsamkeit und die Hilflosigkeit von Leander, Charlotte und Felix glaubwürdig darzustellen, ohne dass die Geschichte dadurch (für jüngere Leser.innen) unerträglich würde. Denn trotz der deprimierenden Lebensumstände der verschiedenen Personen und der ständig drohenden Gefahr durch Madame Pinchbeck gibt es auch immer wieder amüsante oder berührende Momente mit den drei Kindern. Ich mochte es, wie sich langsam (und von Charlottes Seite recht widerwillig) eine Freundschaft zwischen Leander und den anderen beiden entwickelt. Dank Leanders „Ausbildung“ durch Felix und Charlotte lernt man eine Menge über das Leben auf der Straße und die Techniken, die Madame Pinchbeck bei ihren Auftritten verwendet. Aber diese Szenen sorgen auch – ebenso wie die Passagen, die aus der Sicht der beiden geschrieben wurden – dafür, dass man Charlotte und Felix besser kennen und ihr Verhalten verstehen lernt. Ich habe „The Vanishing Trick“ beim Lesen wirklich sehr genossen. Die Handlung war stellenweise ganz schön unheimlich und deprimierend, aber es gab dafür auch genau die richtige Menge amüsanter und überraschender Szenen, um all die düsteren Momente wieder auszugleichen.

Kwame Mbalia: Tristan Strong Punches a Hole in the Sky (Tristan Strong 1)

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ von Kwame Mbalia gehört zu den „Rick Riordan Presents“-Veröffentlichungen, die mehr Aufmerksamkeit auf Geschichten von Own-Voice-Autor.innen lenken sollen. Der Protagonist Tristan Strong ist ein African-American-Teenager, der von seiner Großmutter sein Leben lang Geschichten gehört hat, die sich um Figuren wie John Henry, High John, Brer Rabbit oder Anansi drehen. Gemeinsam mit seinem besten Freund Eddie hat Tristan diese Figuren und ihre Abenteuer immer wieder aufgegriffen, und nachdem Eddie bei einem Busunfall verstorben ist, bleibt Tristan nur noch das Notizbuch, in dem sein Freund all diese Geschichten niedergeschrieben hat. Doch Tristan ist nicht der Einzige, für den Eddies Notizbuch etwas Besonderes ist, und so ertappt er eines nachts die legendäre Gum Baby beim Klauen des Buches. Als Tristan ihr folgt, gerät er nach Alke, eine geheimnisvolle und bedrohliche Welt, in der all die Götter und Sagengestalten leben, von denen er bislang nur gehört hatte. Doch Alke steckt in Schwierigkeiten, mit denen nicht einmal diese mächtigen Götter fertig werden, und es sieht so aus, als wäre Tristan die Ursache für all die Probleme dieser fantastischen Welt.

„Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“ erzählt eine großartige Handlung voller legendärer Helden und voller Bezüge auf afrikanische und afro-amerikanische Legenden. Obwohl so viel Schreckliches in dem Roman passiert, Tristan von Anfang an um seinen Freund Eddie trauert und nicht weiß, wie er mit all diesen negativen Gefühlen umgehen soll, gibt es eine Menge amüsante Szenen in diesem Buch. Dazu kommt die sich langsam entwickelnde Freundschaft zwischen Tristan und seinen Mitstreitern wie der wehrhaften und mutigen Gum Baby, der Pilotin Ayanna oder gar dem Helden High John. Ich mochte es sehr, wie Kwame Mbalia die verschiedenen Sagengestalten in seiner fantastischen Welt aufgriff und wie er sie – trotz ihrer übernatürlichen Fähigkeiten – als stimmige Charaktere mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen darstellt. Es war für mich sehr spannend zu sehen, welche Elemente ich aus anderen Geschichten (wiederer)kannte und wie viele Legenden und Figuren – gerade aus den afro-amerikanischen Legenden – für mich noch vollkommen neu waren. Letzteres hat dann dazu geführt, dass ich immer wieder die Lektüre unterbrach, um online nach weiteren Informationen zu den verschiedenen Figuren zu suchen. Ich mag es, wenn Romane mich dazu bringen, noch weiter zu recherchieren und so meinen Horizont zu erweitern.

Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich ein kleines Problem mit dem Protagonisten hatte – wobei ich davon ausgehe, dass das vor allem daran liegt, dass ich kein Junge im Teenageralter bin. Mich hat Tristans Trauer das gesamte Buch hindurch sehr berührt, ebenso wie seine Probleme mit seinem Vater und mit seinem Großvater, und ich fand es schön zu verfolgen, wie Tristan im Laufe der Geschichte mit seinen Emotionen umzugehen lernt und mehr über sich herausfindet. Aber die Tatsache, dass Tristan sich für Eddies Tod verantwortlich fühlt, führt in der Geschichte auch dazu, dass er sich lange Zeit weigert, aktiv zu werden, weil er eben befürchtet, dass er wieder jemanden im Stich lässt. Tristan will nur noch nach Hause, und egal wie sehr es ihn entsetzt, dass andere Personen in Gefahr sind, und egal wie viele Beweise er vor die Nase gesetzt bekommt, dass er in der Lage wäre, etwas zu tun, um die Situation zu verbessern, er bleibt über sehr, sehr viele Kapitel hinweg passiv und wehleidig. Und so sehr ich normalerweise wiederwillige Helden mag, so dauerte es mir hier etwas zu lange, bis Tristan sich endlich eingesteht, dass sich an seiner Situation nichts ändern wird, wenn er nicht mal sein Verhalten ändert und seinen Teil an der Rettung Alkes übernimmt.

Als Tristan dann aber endlich seiner Rolle als „Held“ gerecht wured und so langsam lernte, mit seinen eigenen Stärken und Schwächen umzugehen, mochte ich ihn ebenso gern wie all die anderen Figuren in „Tristan Strong Punches a Hole in the Sky“. Was in mir die Hoffnung aufkommen lässt, dass mir der zweite Band („Tristan Strong Destroys the World“) der Trilogie noch besser gefallen wird als der erste Band, da Tristan sich ja nun mit seinen besonderen Fähigkeiten abgefunden hat und seine Heldenrolle vielleicht etwas weniger widerwillig übernehmen wird. Aber selbst wenn Tristan es mir als Leserin wieder etwas schwer machen sollte, so freue ich mich doch auf all die unvertrauten und spannenden Elemente aus den afrikanischen und afro-amerikanischen Legenden, die Kwame Mabalia dort aufgreifen und verwenden wird. Diesen Teil des Romans habe ich, ebenso wie die vielfältigen Nebencharaktere und die große Rolle, die (mündlich erzählte) Geschichten in der Handlung einnehmen, uneingeschränkt genossen.

Marieke Nijkamp/Manuel Preitano: The Oracle Code (Comic)

„The Oracle Code“ von Marieke Nijkamp (Story) und Manuel Preitano (Zeichnungen) ist eine für sich stehende Geschichte, die theoretisch im DC-Universum spielt, auch wenn man davon beim Lesen nicht viel mitbekommt. So darf man nicht erwarten, dass sich die Handlung von „The Oracle Code“ auf Barbara Gordons Zeit als Batgirl oder ihre darauf folgende Aktivität als Oracle bezieht. Veröffentlicht wurde dieser Titel im Original als „DC Graphic Novel for Teenagers“ und ich vermute, dass diese Reihe der Versuch ist, neue Leser für klassische DC-Comics zu finden, weshalb hier Geschichten erzählt werden, die keinerlei Vorwissen über das DC-Universum vorraussetzen. Für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen mögen: Eine deutsche Ausgabe des Comics – mit dem Titel „Der Oracle Code“ – ist im Herbst 2020 von Panini veröffentlicht worden.

Das größte Hobby der Teenagerin Barbara „Babs“ Gordon ist es, gemeinsam mit ihrem Freund Benjamin zu hacken – bis zu dem Tag, an dem sie einem Räuber, der auf der Flucht ist, in die Quere kommt und angeschossen wird. Von nun an ist Babs auf einen Rollstuhl angewiesen, um sich fortzubewegen, und sie hat einige Probleme damit, sich an all die Veränderungen zu gewöhnen, die damit einhergehen. Also beschließt Babs‘ Vater, dass sie gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen im „Arkham Center for Independence“ lernen soll, mit ihrer Verletzung und dem damit einhergehenden Trauma umzugehen. Doch es fällt Babs schwer, sich auf die verschiedenen Therapien im Center einzulassen, und noch weniger ist sie bereit, neue Freundschaften zu schließen, obwohl ein paar Mädchen auf ihrem Flur sich wirklich Mühe mit ihr geben. Erst als einige seltsame Vorfälle in der Therapie-Einrichtung Babs Misstrauen wecken und ein Mädchen verschwindet, lernt Babs, dass der Rollstuhl sie nicht daran hindert, Rätsel zu knacken oder sich Herausforderungen zu stellen.

Wenn man die Handlung für sich betrachtet und nicht erwartet, dass „The Oracle Code“ eine Batgirl-Hintergrundstory erzählt, bekommt man eine berührende – und stellenweise wirklich amüsante – Geschichte über ein Mädchen, das lernen muss, mit seiner Behinderung umzugehen. Ich mochte die Offenheit, mit der Babs‘ Zimmernachbarinnen auf sie zugegangen sind, und die Unterstützung, die sie ihr geboten haben, obwohl Babs anfangs alles dafür tut, um diese Mädchen zu verscheuchen. Ebenso gefiel es mir, Babs‘ Entwicklung mitzuverfolgen – von der anfänglichen Wut und Frustration über den immer sichereren Umgang mit dem Rollstuhl bis hin zu dem Punkt, an dem sie sich weder von ihren eigenen Ängsten noch von den sie zurückhaltenden Erwachsenen daran hindern lässt, das Rätsel um die verschwundenen Kinder zu lösen. Mit all ihrer Frustration und Wut und anfänglichen Hilflosigkeit verfügt Marieke Nijkamps Barbara Gordon über viele Ecken und Kanten, und gerade das macht sie zu einem wirklich sympathischen Charakter, dessen Geschichte ich gern verfolgt habe.

Die Zeichnungen von Manuel Preitano sind für meinen Geschmack etwas zu gefällig und geben mir das Gefühl, dass er für diese Veröffentlichung ausgewählt wurde, weil sein Stil auch Personen zusagen könnte, die normalerweise nicht so schnell zu einem Comic greifen würden. Aber ihm gelingt es definitiv, den jugendlichen Charakteren in ihren vielen verschiedenen Stimmungen gerecht zu werden, was gerade bei Babs sehr deutlich zu sehen ist. Ich mochte besonders die kleinen Elemente (wie die unterschiedlichen Frisuren von Babs), die neben Gestik und Mimik viel über die Figur und ihre jeweilige Stimmung verraten. Außerdem gibt es dann noch die Passagen, in denen Babs Geschichten erzählt bekommt, die einen angemessen märchenhaft-gruseligen Zeichenstil aufweisen und so sehr zur Atmosphäre des Comics beitragen. Alles in allem habe ich mich mit „The Oracle Code“ gut unterhalten gefühlt und bin gespannt, ob es in Zukunft weitere Comics mit Storys von Marieke Nijkamp geben wird.