Kategorie: Rezension

Camilla Läckberg: Die Eishexe

„Die Eishexe“ von Camilla Läckberg war eine spontane Ausleihe in der Bibliothek, und erst nachdem ich den Kriminalroman schon angefangen hatte, habe ich festgestellt, dass es schon der zehnte Teil rund um die Schriftstellerin Erika Falck und ihren Mann Hauptkommissar Patrik Hedström ist. Ich glaube, dass das dann auch der Hauptgrund dafür war, dass ich mich die ganzen 750 Seiten lang fragte, ob ich das Buch lieber abbrechen sollte oder nicht. Denn einerseits fühlte ich mich vollkommen erschlagen davon, dass ich allein auf den ersten zwölf Seiten schon über sechzehn Personen „kennengelernt“ habe und zum Großteil nicht zuordnen konnte (vermutlich weil mir das Vorwissen aus den ersten neun Bänden fehlte), andererseits schreibt Camilla Läckberg gut genug, dass ich schon wissen wollte, was hinter den beiden Kriminalfällen, die im Roman vorkamen, steckte.

Der aktuelle Fall dreht sich um das Verschwinden der vierjährigen Linnea Berg, die einen Tag, nachdem eine große Suchaktion nach dem Kind startete, ermordet im Wald gefunden wurde. Die Tat an sich ist schon schrecklich genug, doch die Tatsache, dass dieser Mord an ein Ereignis erinnert, das dreißig Jahre zuvor stattfand, macht den Fall besonders brisant. Damals hatten zwei dreizehnjährige Mädchen gestanden, dass sie die vierjährige Stella ermordet hatten. Besonders auffällig ist dabei, dass Stella vor dreißig Jahren auf dem gleichen Hof zuhause war wie Linnea heute, und dass die beiden Kinder an derselben Stelle ermordet aufgefunden wurden. Für den Leser bedeuten diese Parallelen, dass man die beiden Fälle bruchstückweise verfolgt. Der aktuelle Fall entwickelt sich langsam, während man die verschiedenen Beteiligten kennenlernt und die Ermittlungen Stück für Stück vorangehen. Der frühere Fall wird in kleinen Einschüben zwischen den aktuellen Ereignissen erzählt, so dass man auch da relativ gemächlich mehr über den Mord erfährt.

Diese zwei Fälle wären meiner Meinung nach schon genug Stoff für einen Kriminalroman, aber Camilla Läckberg hat noch eine weitere Geschichte in die Handlung eingeflochten, und so verfolgt man noch das Schicksal von Elin, die im Jahr 1671 zur Witwe wird und deshalb als Magd für ihre eher herzlose Schwester Britta auf dem Pfarrhof arbeiten muss. Dieser Handlungsstrang scheint erst einmal nichts mit den anderen beiden Ereignissen zu tun zu haben, auch wenn Elin ebenfalls eine junge Tochter hat. Mir persönlich wurde das Ganze etwas arg viel, vor allem, da die vielen Perspektivwechsel (nicht die Zeitwechsel!) ohne große Kennzeichnung vonstatten gingen, so dass ich mich vor allem am Anfang regelmäßig wunderte, wieso die Person, von der ich gerade las, jetzt in einem ganz anderen Umfeld und bei einem ganz anderen Thema war. Allerdings muss ich der Autorin zugutehalten, dass ihre Charakterisierungen recht prägnant sind, so dass ich trotz der Menge an Figuren in dem Roman immer relativ schnell wieder eine Vorstellung davon hatte, welcher Charakter nun in welchem Verhältnis zu den anderen stand und was die letzten Informationen waren, die ich zu dieser Person bekommen hatte.

Auch hat Camilla Läckberg es geschafft, in mir so viel Anteilnahme für die verschiedenen Charaktere zu wecken, dass mich diese bei der Stange gehalten haben, obwohl ich die Erzählweise mit den drei Handlungssträngen nicht mochte und auch sonst noch einige Kritikpunkte an „Die Eishexe“ gefunden habe. Mit all den vielen Figuren und ineinander verflochtenen Vorfällen hätte ich zum Beispiel auf die Einbindung eines Flüchtlingsheims inklusive Brandanschlägen und rassistischen Vorurteilen in die Geschichte gut verzichten können. Diese Elemente sind zwar leider sehr realistisch, sind aber in dem an sich schon überfrachteten Roman meinem Gefühl nach fehl am Platz gewesen. Auf der einen Seite hat die Autorin diesem Teil der Ermittlungen nicht genügend Raum zusprechen können, auf der anderen Seite haben diese Handlungselemente die überladende Geschichte noch unübersichtlicher gemacht.

Wenn ich dann überlege, dass ich trotz all dieser vielen verschiedenen Figuren und Fälle relativ früh schon wusste, in welche Richtung sich die verschiedenen Ermittlungen und Vorfälle auflösen würden, dann habe ich am Ende – trotz der gut geschriebenen Figuren – ein bisschen das Gefühl, ich hätte meine Zeit mit diesem Roman verschwendet. Aber ich denke auch, dass ich das Buch vielleicht anders beurteilen würde, wenn ich die Hauptfiguren, ihre Kollegen und Familienmitglieder schon neun Romane lang begleitet hätte. Dann würden mich all die vielen kleinen Szenen, die ich zwar als schön geschrieben, aber eher belanglos empfunden habe, vielleicht befriedigter zurücklassen, weil damit ein Handlungsstrang fortgesetzt würde, der schon vor einigen Büchern seinen Anfang genommen hat. Momentan weiß ich nicht so recht, ob ich noch einmal einen Kriminalroman von Camilla Läckberg lesen würde – wenn dem der Fall sein sollte, würde ich auf jeden Fall darauf achte, dass ich den ersten Band in die Finger bekomme und nicht so spät in eine Reihe einsteige.

Kelly McCullough: Magic, Madness, and Mischief

Nachdem ich in diesem Jahr endlich die Reihe rund um die „zerborstene Klinge“ beendet hatte, wurde es Zeit, zu einer anderen Art von Buch von Kelly McCullough zu greifen. „Magic, Madness, and Mischief“ ist eines der wenigen Jugendbücher des Autors und – wenn man nach seinen Tweets zu dem Roman gehen kann – in vielen Elementen (rund um das Thema psychische Probleme) sein persönlichstes Buch. Die Handlung dreht sich um den (fast) dreizehnjährigen Kalvan, dessen Träume zu Beginn der Geschichte seit einiger Zeit von Feuer bestimmt werden. Doch er träumt nicht nur von Feuer, sondern wacht auch mit Ruß- und Aschespuren an seinen Füßen auf, ohne dass er weiß, woher diese Spuren stammen könnten. Da seine Mutter psychisch nicht ganz stabil ist, ist Kalvan sich eine Zeit lang nicht sicher, ob er nicht einfach nur dieselben Symptome zeigt wie sie, denn eine andere Erklärung für all die Erlebnisse – inklusive eines zufällig beschworenen Hasen aus Feuer – wäre zu fantastisch, um real sein zu können.

Doch als Kalvan sich damit abfindet, dass er über Feuermagie verfügt, muss er lernen, diese Magie in den Griff zu bekommen. Feuer kann ein nützliches Werkzeug sein, wenn man es kontrolliert einsetzt, aber eben auch ein verherrendes Element, wenn es unkontrolliert freigelassen wird. Die Herausforderungen beim Umgang mit Magie, die alltäglichen Probleme, die Kalvan mit seinem Stiefvater hat, die Sorgen, die sich der Junge um seine Mutter macht, und die Entdeckung, dass der hiesige Winterkönig versucht, die Region rund um die Stadt St. Paul für immer unter seine Regentschaft zu bringen, sorgen für eine spannende Geschichte. Zu meiner eigenen Überraschung hat „Magic, Madness, and Mischief“ bei mir an einigen Stellen sogar ein „Diana-Wynne-Jones-Gefühl“ hervorgerufen, weil das Buch einen vergleichbaren Mix aus Humor, Alltäglichkeiten und Magie mit sich bringt wie die Romane der Autorin. Wobei der Stil von Kelly McCullough natürlich deutlich moderner ist, aber das ändert nichts daran, dass für mich auch diese Geschichte eine eindeutige Wohlfühllektüre war.

Ich mochte Kalvan sehr, weil dieser auf der einen Seite seit Jahren versucht, auf seine Mutter aufzupassen, und Angst davor hat, dass er dieselben psychischen Probleme wie sie entwickeln könnte, und auf der anderen Seite ein ganz normaler Junge ist, der auch mal eine Schulstunde schwänzt, um mit seinem besten Freund abzuhängen. Seine Freundschaft zu Dave, seine Leidenschaft fürs Theaterspielen und seine langsam wachsende Beziehung zu Sparx, dem Feuerhasen, machen Kalvan – auch wegen der Momente, in denen er Mist baut, Angst zeigt oder einfach nur ein frustrierter Jugendlicher ist – zu einem stimmigen und glaubwürdigen Charakter.

Die Geschichte umspannt mehrere Monate, was sich ebenfalls richtig anfühlt, weil Kalvan erst nach und nach über all die magischen Elemente in der Welt erfährt und Zeit benötigt, um mit seinem eigenen magischen Erbe umzugehen. Die Handlung über so einen langen Zeitraum zu erzählen, baut zwar kein Gefühl von Dringlichkeit auf, bietet Kelly McCullough aber einige Gelegenheiten für amüsante oder berührende Momente, die ich wirklich genossen habe, ebenso wie die bunte Mischung aus mythischen Figuren und eigenen Elementen, die die Magie in dieser Geschichte ausmacht. Am Ende bedauere ich nur eine Sache: Es dauert noch ein paar Monate, bis die Fortsetzung „Spirits, Spells, and Snarks“ als Taschenbuch erscheint. 😉

Diana Wynne Jones: The Time of the Ghost

Nachdem ich vor ein paar Tagen mit „Eight Days of Luke“ so viel Spaß hatte, dachte ich, dass es an der Zeit wäre, eine ganz andere Art von Roman von Diana Wynne Jones auszuprobieren. „The Time of the Ghost“ ist eine ziemlich unheimliche Geschichte, wenn man sie mit anderen Veröffentlichungen der Autorin vergleicht. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive des Geists eines Mädchens, der sich eines Tages auf einer Straße wiederfindet und nicht weiß, wie er dort hingekommen ist. So nach und nach erinnert sich dieser Geist daran, dass er eine von vier Schwestern ist, dass er in einer Schule lebt, die von seinem Vater geleitet wird, und dass irgendwas vollkommen verkehrt gelaufen ist. Doch was genau passiert ist, weiß dieser Geist nicht und macht sich deshalb daran, mehr über die Familie, die Schwestern und seine Lebensumstände herauszufinden. (Findet ihr es auch so verwirrend, dass Geister grammatisch immer männlich sind, obwohl dieser Geist ein Mädchen ist?)

Diana Wynne Jones nimmt sich viel Zeit, um den Geist und die Schwestern Charlotte (Cart), Selina (Sally), Imogen und Fenella Melford und ihre Lebenssituation vorzustellen. Dabei wird schnell deutlich, dass die vier Schwestern von ihren Eltern in jeder Hinsicht vernachlässigt werden und auf sich allein gestellt sind, was zu viel Reibung zwischen den vier Mädchen führt. Laut eigener Aussage hatte die Autorin bei der Darstellung der Lebensumstände der Schwestern auf ihre eigenen Kindheitserfahrungen zurückgegriffen, nur dass sie diese deutlich gemildert dargestellt hat, weil sie davon ausging, dass die von ihr beschriebene Familie den Lesern sonst zu unglaubwürdig vorkäme.

Auch ohne den Gedanken im Hinterkopf, dass die Situation der Melford-Schwestern auf Diana Wynne Jones‘ eigene Erlebnisse zurückgeht, sind diese Passagen nur schwer zu lesen. Auf der einen Seite ist es natürlich lustig zu sehen, was die Schwestern mit all ihrer Freiheit anstellen – hier und da gab es sogar Momente, die bei mir ein Pippi-Langstrumpf-Gefühl hervorriefen. Auf der anderen Seite lässt sich nicht übersehen, wie verzweifelt die vier Mädchen versuchen, die Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu wecken, und wie ungesund dieses Leben (in physischer und psychischer Hinsicht) für die Schwestern ist. Dazu kommt noch die Existenz des Geistes, die eindeutig auf ein fürchterliches Ereignis hindeutet, auch wenn man als Leser in der ersten Hälfte der Geschichte absolut keine Vorstellung davon hat, was passiert sein könnte.

Gerade diese Ungewissheit lässt einen den Roman gespannt und voller Aufmerksamkeit lesen, weil man sich immer wieder fragt, welche der Figuren für den Zustand des Geistes verantwortlich sein könnte und welche der auf den ersten Blick relativ harmlos wirkenden Situationen zum Tod einer der vier Schwestern geführt haben könnte (oder führen wird). Denn auch wenn alle vier Schwestern zu Beginn der Geschichte vorkommen, so ist sich der Geist sicher, dass er eine von ihnen ist, und es gibt für den Leser keinen Grund, an dieser Gewissheit zu zweifeln. Trotz all der düsteren Elemente in „The Time of the Ghost“ gibt es natürlich auch so einige amüsante Szenen, wenn es um die Interaktion der vier Schwestern mit anderen Personen geht oder um ihre Bemühungen, mit dem Geist zu kommunizieren – ganz ohne Humor kommen Diana-Wynne-Jones-Romane einfach nicht aus..

Am Ende ist es der Zusammenhalt der vier Schwestern, der trotz aller Rivalität, Eifersucht und Einmischungen einer unheimlichen Macht dazu führt, dass man den Roman nach einem spannenden Ende (inklusive einem Blick in die Zukunft) mit einem hoffnungsvollen Gefühl aus den Händen legt. „The Time of the Ghost“ ist bislang wohl der Titel von Diana Wynne Jones, den ich am wenigsten als „Wohlfühlbuch“ bezeichnen würde, aber ich habe die unheimliche Atmosphäre der Geschichte sehr genossen, fand die Grundidee faszinierend und war so gespannt auf die Auflösung des Ganzen, dass ich den Roman nicht aus der Hand legen wollte.

Diana Wynne Jones: Eight Days of Luke

„Eight Days of Luke“ gehört zu den Büchern von Diana Wynne Jones, die ich noch nie zuvor gelesen hatte. Da es aber ein schmaler Band ist und mir in den letzten Tagen nach klassischer britischer Fantasykost war, schien die Geschichte genau die richtige Wahl für einen entspannten Urlaubstag zu sein. Die Handlung wird aus der Sicht von David erzählt, dessen Sommerferien zu Beginn des Romans gerade erst begonnen haben. Doch im Gegensatz zu seinen Mitschülern freut sich David nicht besonders auf die kommenden Wochen, da die Verwandten, bei denen er seit dem Tod seiner Eltern die Ferienzeit verbringt, nicht gerade begeistert von seiner Anwesenheit sind. Doch in diesen Sommerferien läuft es nicht wie gewohnt, und statt wochenlang Matheunterricht im Feriencamp von Mr. Scrum zu bekommen, löst David einige ungewöhnliche Ereignisse aus, als er seinen neuen Freund Luke kennenlernt.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für diese Art von fantastischen Geschichten (für Kinder) habe. Diana Wynne Jones hat auch für „Eight Days of Luke“ wieder einen Protagonisten gewählt, dessen Ausgangssituation nicht gerade optimal ist, der aber versucht, das Beste aus einer Lage zu machen und sich mit den Gegebenheiten zu arrangieren. Als nun Luke in Davids Leben tritt, passieren lauter Dinge, die sein gewohntes Leben auf den Kopf stellen, die ihn in Gefahr bringen oder in denen er Aufgaben übernehmen muss, die ihm vorher nie in den Sinn gekommen sind. Dabei erklärt die Autorin keine Hintergründe, sondern man muss als Leser die verschiedenen Situationen hinnehmen oder sich seine eigenen Gedanken zu den Charakteren machen – was mich in diesem Fall an einigen Stellen fast ein bisschen überfordert hat, weil mein Wissen über nordische Götter nicht so leicht abrufbar ist, wie ich es gern gehabt hätte. 😉

Davids Erlebnisse mit Luke haben mich immer wieder zum Schmunzeln gebracht, ebenso die Einmischung der diversen Götter in Davids Leben. Auch wenn ich so manche „Lektion“, die David aus den verschiedenen Ereignissen mitgenommen hat, etwas sehr offensichtlich fand, hat mich das beim Lesen nicht gestört, weil Diana Wynne Jones die Geschichte so liebevoll und kurzweilig erzählt hat. Ich habe „Eight Days of Luke“ allerdings als altmodischer empfunden als einige andere Romane der Autorin und würde die Geschichte deshalb nicht zu ihren besten Werken zählen. Aber wer amüsante britische Fantasybücher für Kinder mag und sich nicht an der etwas belehrenden und episodenhaften Erzählweise stört, wird mit dem Buch gewiss einige unterhaltsame Lesestunden verbringen können (und zwischendurch vielleicht sogar dazu animiert, sein Wissen über nordische Götter aufzufrischen, um die verschiedenen Figuren zuordnen zu können).

Beate Sauer: Echo der Toten (Friederike Matthée 1)

„Echo der Toten“ von Beate Sauer ist der erste Kriminalroman rund um Friederike Matthée, die im Jahr 1947 als Polizeiassistentenanwärterin arbeitet. Erst seit wenigen Monaten ist die junge Frau bei der Kölner Polizei, und inzwischen ist ihre Vorgesetzte zu dem Entschluss gelangt, dass Friederike zu weichherzig für diese Arbeit ist. Eine letzte Chance bekommt sie, als der britische Militärpolizist Lieutenant Richard Davies um Unterstützung durch die Weibliche Polizei bittet, um einen Sechsjährigen zu befragen, der einen Mord beobachtet hat. Opfer dieses Mordes ist der Alteisen- und Schwarzmarkthändler Jupp Küppers, und obwohl der Mann illegalen Geschäften nachging und sich damit nicht nur Freunde gemacht haben konnte, finden Richard und Friederike anfangs niemanden, der ein Motiv haben könnte.

Ich mochte sehr, wie Beate Sauer in diesem Kriminalroman die Ermittlungen rund um den Mordfall mit den Beschreibungen des Lebens in Deutschland (bzw. in Köln und der Eifel) im Januar 1947 verknüpfte. Der Leser bekommt durch den Fall, der Friederike und ihren Vorgesetzten durch verschiedene Gesellschaftsschichten führt, einen vielseitigen Einblick in unterschiedliche Lebensgeschichten und Schicksale. Immer wieder kommt bei den beiden Polizisten die Frage auf, was die jeweilige Person, die gerade befragt wird, während des Krieges gemacht hat und welche privaten und politischen Entscheidungen sie wohl gefällt haben mag. Mir gefiel es, wie die Autorin die verschiedenen Schattierungen von Angst, bewusstem Wegsehen, Schuld und Verbrechen dargestellt hat und wie vielseitig und menschlich die Charaktere sind, die in der Geschichte vorkommen. Nur selten gibt es eine Figur, die man in eine Schublade stecken kann. Stattdessen zeigt Beate Sauer die vielen kleinen und großen Entscheidungen und Erlebnisse, die einen einzelnen Menschen formen und mit denen er für den Rest seines Lebens fertig werden muss.

So fand ich den Kriminalfall an sich zwar interessant und solide konstruiert, aber es waren vor allem die Figuren und die Darstellung der Lebensumstände, die dafür gesorgt haben, dass ich den Roman zügig gelesen habe. Allerdings reizten mich die Nebenfiguren fast mehr als die beiden Protagonisten, weil Friederike und Richard zwar grundsätzlich sympatisch und vielschichtig dargestellt wurden, aber eben auch in gewisser Weise zu den „Guten“ gehören mussten, damit sie als Hauptfiguren fungieren können. Friederike ist eigentlich eine Künstlerin, die behütet aufwuchs und sich nun vorwirft, dass sie die Augen vor den Verbrechen der Nazis verschlossen hat. Richard hingegen schwankt zwischen Mitgefühl mit den leidenden Deutschen und Hass auf die Menschen, die zugelassen haben, dass die Nazis an die Regierung kamen und ihre Gräueltaten ungehindert verüben konnten.

Beide Figuren sind stimmig ausgearbeitet, bieten aber weniger überraschende Elemente als die vielen verschiedenen Charaktere, denen sie im Laufe ihrer Ermittlungen begegnen. Trotzdem habe ich ihre Perspektive gern verfolgt und gerade bei Friederike war es immer wieder schön zu beobachten, wie sie von ihrer Neugier getrieben auch mal die Ermittlungen in die eigene Hand nahm (nicht, dass ihr das zugestanden hätte) und Details herausfand, die ein wichtiges Element zum Gesamtpuzzle hinzufügten. Einzig die zwischen den beiden Figuren aufkeimende Beziehung hätte es für mich wirklich nicht gebraucht, obwohl ich zugeben muss, dass die Autorin sich hier sehr zurückgehalten hat und man das Ganze für den Großteil des Romans als beginnende Freundschaft und Respekt gegenüber einem Kollegen lesen könnte. Letzteres hätte mir auch vollkommen gereicht, weil ich dieser Paarbildung in Kriminalromanen ebenso müde bin wie des problembelasteten (skandinavischen) Ermittlers. Die „Problembelastung“ von Friederike und Richard finde ich hier hingegen gut gemacht, da angesichts der Zeit und des Ortes, an dem die Geschichte spielt, alles andere unglaubwürdig gewesen wäre. Insgesamt hat mir der Roman so gut gefallen, dass ich neugierig auf den zweiten Band rund um Friederike bin.

S. A. Patrick: A Darkness of Dragons (Songs of Magic 1)

„A Darkness of Dragons“ von S. A. Patrick hatte ich relativ spontan Ende letzten Jahres auf meinen Wunschzettel gesetzt, weil ich die Mischung aus „Drachen“ und „Rattenfänger von Hameln“, die der Klappentext versprach, sehr reizvoll fand. Große Erwartungen hatte ich an das Buch nicht, weshalb ich beim Lesen umso erfreuter war, weil ich die Geschichte rundum genossen und nur ungern eine Pause eingelegt habe. Die Handlung beginnt in einem kleinen, verschneiten Dorf in den Bergen, in dem die Bewohner aufgrund einer Rattenplage überaus verzweifelt sind, da die Tiere die Vorräte bedrohen, die die Menschen zum Überleben der Wintermonate benötigen. Als dann ein junger (und halb erfrorener) „Piper“ das Dorf erreicht, scheinen die Vorräte gerettet. Doch der dreizehnjährige Patch ist kein ausgebildeter Piper, sondern nur ein ehemaliger Piper-Lehrling auf der Flucht, und natürlich geht bei seinem Rettungsversuch einiges schief. Wenig später landet Patch für seine aktuellen und früheren Vergehen in dem Gefängnis, in dem auch der berühmte und gefürchtete Rattenfänger von Hameln seit zehn Jahren festgehalten wird, doch natürlich bleibt er da nicht für immer – schließlich ist das gerade mal der Anfang der Geschichte.

Es gibt sehr viele Elemente, die ich an „A Darkness of Dragons“ mochte, wie zum Beispiel die Welt, die sich der Autor dafür ausgedacht hat. Diese ist zwar nicht besonders komplex oder durchdacht, aber mir gefiel die Mischung aus vertrauten „märchenhaft-mitteralterlichen“ Aspekten und der Rolle, die die Piper in dieser Gesellschaft spielen. Sie unterstehen keinem König und können theoretisch von jedem angeheuert werden, um mit ihrer Magie das Leben der Menschen zu verbessern (zum Beispiel bei der Bekämpfung einer Plage oder beim Heilen von Krankheiten) oder zu zerstören (zum Beispiel in Kriegszeiten, wenn die Piper Soldaten mit ihrer Magie stärker und ausdauernder machen oder gar direkt feindliche Truppen mit ihrer Magie töten). Auf der anderen Seite gibt es innerhalb der Piper einen Orden, der unentgeldlich für Recht und Ordnung sorgt, der Gesetze durchsetzt und den Missbrauch von (Piper-)Magie verhindert. Dieser Orden war es auch, der vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hatte, dass der Rattenfänger von Hameln für seine Verbrechen an den Menschen und Drachen inhaftiert wurde und nie wieder Magie ausüben konnte. Im Laufe der Geschichte muss Patch erkennen, dass die Gefahr durch den Rattenfänger von Hameln noch lange nicht vorbei ist und dass dieser Verbrecher – nachdem er damals über hundert Kinder und mehr als hundert junge Drachen getötet hatte – die vergangenen Jahre genutzt hat, um weitere Pläne zu schmieden.

So düster viele Elemente – gerade rund um den Rattenfänger – sind, so humorvoll wird die Geschichte vom Autor erzählt. Dabei hatte ich nie das Gefühl, S. A. Patrick würde die geschilderten Schrecken auf die leichte Schulter nehmen, aber es gelingt ihm, von Krieg, Tod, Seuchen und Verrat zu erzählen, ohne dass der Leser den Eindruck bekommt, es gäbe keinerlei Hoffnung mehr – was „A Darkness of Dragons“ trotz dieser Themen zu einer wunderbaren Lektüre für jüngere Leser macht. Gerade die Freundschaft zwischen Patch und den beiden Gefährten, die er auf seinen Reisen findet, ist sehr schön geschildert. Weder Wren (ein Mädchen, das von einem Zauberer in eine Ratte verwandelt wurde,) noch Barver (einem Dracogriff) sind immer die einfachsten Reisegefährten, aber trotz aller Probleme halten die drei zusammen und unterstützen sich gegenseitig, so gut sie können. Keine dieser Figuren ist besonders komplex oder ungewöhnlich, aber es sind liebenswerte Charaktere, deren Erlebnisse ich gern verfolgt habe. So sorgen die Figuren und die Erzählweise dafür, dass „A Darkness of Dragons“ trotz aller dramatischen Ereignisse zu einem wirklichen Wohlfühlbuch für mich wurden.

Erwähnen sollte ich vielleicht noch, dass die Handlung recht geradlinig verläuft und Patch und seine Gefährten den Großteil des Buches über ganz klassisch von einem Ort zum nächsten reisen und dort eine wichtige Begegnung oder ein kleines Abenteuer erleben, was für mich vollkommen in Ordnung war, aber eben nicht gerade eine raffinierte Art ist, eine Geschichte zu erzählen. Mein persönlicher Kritikpunkt ist hingegen, dass die Handlung mit diesem einen Roman noch nicht abgeschlossen ist. Patch, Wren und Barver haben nicht nur ganz persönliche Probleme, sondern müssen auch verhindern, dass der Rattenfänger von Hameln seine aktuellen Pläne verwirklicht, und „A Darkness of Dragons“ erzählt eigentlich nur den Anfang der gemeinsamen Abenteuer der drei. Am Ende des Buches haben Patch und seine Freunde gerade mal eine gute Vorstellung davon bekommen, was wirklich vor sich geht, und ein erstes Scharmützel gegen die Anhänger des Rattenfängers überstanden. Die Geschichte endet damit, dass die drei überlegen, welche Schritte sie als nächstes in Angriff nehmen müssen und es gibt weder vom Verlag noch vom Autor eine genauere Information dazu, wann der nächste Band erscheint und wie viele Teile die Reihe insgesamt bekommen soll. Gerade weil ich das Buch so genossen habe und so viel Spaß mit den Figuren und ihren Abenteuern hatte, würde ich schon gern wissen, wie und wann es mit Patch und seinen Freunden weitergeht und welche düsteren Pläne der Rattenfänger als nächstes verwirklichen will.

Christopher Skaife: The Ravenmaster – My Life with the Ravens at the Tower of London

Ich folge dem Ravenmaster schon seit einigen Jahren auf Twitter und finde es immer wieder spannend, wenn er von seinen Raben erzählt oder Fotos der schönen Tiere zeigt, weshalb ich natürlich auch neugierig auf sein Buch über sein Leben mit den Raben des Londoner Towers war. „The Ravenmaster“ lässt sich gut lesen, denn Christopher Skaife versteht es, unterhaltsam und interessant zu schreiben, auch wenn man stellenweise schon merkt, dass er als Yeoman Warder seit vielen Jahren tagtäglich mit Touristen zu tun hat und deshalb viele Fakten und Aussagen schon sehr, sehr oft wiederholt hat. Aber das macht das Buch nicht schlecht, es sorgt nur dafür, dass hier und da etwas Routine oder gar Verdruss durchblitzt, wenn es um (lästige) Fragen rund um den Tower geht, die häufig gestellt werden – etwas, das wohl jeder kennt, der schon mal einen Job mit viel Kunden-/Touristenkontakt hatte.

Das Buch beginnt mit dem alltäglichen Morgenprogramm des Ravenmasters und endet mit dem nächtlichen Einsperren der Vögel, wobei Christopher Skaife mit den einzelnen Tagespunkten seiner Arbeit Details über seine Raben, seine Arbeit als Ravenmaster, seine Kindheit oder seine Zeit in der britischen Armee verknüpft. Aber nicht nur solche persönlichen Elemente verflicht der Autor mit seinem Bericht über die Routine als Ravenmaster, sondern auch historische Begebenheiten rund um den Tower und seine Bewohner, die Rolle von Raben in der Literatur und allgemeine Informationen rund um Raben(vögel). Ich mochte diese bunte Mischung aus Biografie, Tätigkeitsbeschreibung und Liebeserklärung an die Raben des Towers, ich habe mich beim Lesen gut amüsiert, habe einiges über Raben gelernt und eine noch viel bessere Vorstellung vom Charakter der beeindruckenden Vögel bekommen als schon über den Twitteraccount des Ravenmasters.

Auch hat es mir gefallen, dass Christopher Skaife nicht verschweigt, dass ihm seine Raben zwar am Herzen liegen und er eine Menge für die intelligenten Vögel tut, dass es aber auch selbst für einen so geduldigen Menschen wie ihn nicht immer einfach ist, Ruhe zu bewahren und sich angemessen zu verhalten. „Seine“ Raben sind keine Haustiere, sondern sehr intelligente Vögel, die immer wieder ihre Grenzen austesten müssen, sensibel auf Ungeduld oder Unruhe reagieren und eventuelles Fehlverhalten nicht so schnell verzeihen. So fand ich die Passagen, die sich direkt um die Tower-Raben drehten, eigentlich am spannendsten, weil ich mir vorher relativ wenig Gedanken darüber gemacht hatte, wie Vögel überhaupt im Tower gehalten werden, wie sich bei Raben zum Beispiel die Rangordung gestaltet und welche Folgen es hat, wenn so viele Raben (im Tower leben immer mindestens sechs von ihnen) so artgerecht wie möglich auf relativ engem Raum zusammenleben.

Das Buch hat mir große Lust gemacht, einmal den Tower und seine (gefiederten) Bewohner zu besuchen und ebenso hätte ich Lust, an einer Führung durch einen der Yeoman Warder teilzunehmen (und mich zu fragen, an welchen Stellen reale historische Begebenheiten erzählt werden und an welchen die Fantasie des Führenden eventuelle reale Ereignisse überlagert). Ich mochte den großteils humorvollen Ton, den Christopher Skaife in seinem Buch anschlägt, ebenso wie seinen liebevoll-spöttischen Blick auf seine Arbeit mit den Touristen und die Geschichten, die tagtäglich rund um den Tower erzählt werden. Auch ist mir aufgefallen, dass ich in den Tagen, nachdem ich „The Ravenmaster“ gelesen hatte, mit deutlich aufmerksamerem Blick die Vögel beobachet hatte, die ich regelmäßig auf und über den anliegenden Häuserdächern zu sehen bekomme. Am Ende war ich doch ein bisschen überrascht, wie sehr mir die Raben des Towers durch die Beschreibungen Christopher Skaifes beim Lesen ans Herz gewachsen sind und wie gern ich diese Vögel mal aus (relativer) Nähe sehen würde.

Sam Maggs: Girl Squads – 20 Female Friendships that Changed History

Von „Girl Squads“ hatte ich schon beim Lese-Sonntag im Januar geschrieben und da ich inzwischen das Buch beendet habe, kann ich nun auch noch etwas mehr darüber erzählen. Sam Maggs hat in dem Band zwanzig Einträge über „Frauengruppen“ gesammelt, die aus historischer Sicht etwas Bemerkenswertes erreicht oder getan haben. Dabei bestehen einige dieser „Gruppen“ zum Teil gerade mal aus zwei Frauen, während sich andere Texte – wie der über die südkoreanischen „Haenyeo“ – um die Arbeit von mehreren Tausend Frauen drehen. Grob eingeteilt wurden die einzelnen Einträge nach den Kategorien „Athlete Squads“, „Political and Activist Squads“, „Warrior Squads“, „Scientist Squads“ und „Artist Squads“, so dass man schon von Anfang an eine Vorstellung davon bekommt, in wieviel unterschiedlichen Bereichen die erwähnten Frauen aktiv waren (oder noch sind).

Mich persönlich hatte die Vorstellung besonders gereizt, dass in diesem Buch nicht einzelne Persönlichkeiten vorgestellt werden, sondern Frauen, die gemeinsam etwas erreicht haben. Dabei musste ich während des Lesens feststellen, dass nur wenige der erwähnten Frauen ihren Weg (und somit das, wofür sie kämpften) gezielt gewählt hatten, während viele aufgrund äußerer Umstände überhaupt erst in ihre Rolle gedrängt wurden. Insgesamt muss ich gestehen, dass ich mit „Girl Squads“ nicht ganz das bekommen hatte, was ich erwartet hatte – unter anderem, weil Personen(gruppen) auftauchten, die ich persönlich nicht als „History Changer“ gesehen hätte, auch wenn ihre Existenz ein interessantes Beispiel für „untypisches“ weibliches Verhalten oder Leben darstellt. Aber trotzdem fand ich jeden einzelnen Eintrag sehr spannend und faszinierend, gerade weil er mir einen Blick auf mir unbekannte Personen(gruppen) oder eine neue Perspektive auf ein Thema gönnte.

Etwas schade fand ich allerdings den Abschnitt über die japanische Frauen-Volleyball-Mannschaft, die 1964 die Olympischen Spiele gewann, da dort meinem Gefühl nach mehr über den männlichen Trainer der Mannschaft (und seine radikalen Trainingsmethoden) als über die Frauen selbst geschrieben wurde. Das widerspricht ja dann doch etwas dem Ziel, ein Sachbuch über die Frauen zu schreiben, deren Leistungen in der Vergangenheit regelmäßig übersehen wurden. Auch geht Sam Maggs recht locker darüber hinweg, dass zum Beispiel die Dahomey-Amazonen sich unter anderem aus Sklavinnen, Kriegsgefangenen, „verschenkten“ Töchtern und ähnlichen Frauen zusammensetzten. Natürlich kann man in den wenigen Seiten, die pro Eintrag in diesem Buch zur Verfügung stehen, nicht besonders detailliert auf solche Umstände eingehen, aber sie kommentarlos zu übergehen, ohne zumindest kurz auf Hintergründe oder allgemein übliche Lebensumstände von Frauen zu dieser Zeit und in diesem Land einzugehen, scheint mir auch nicht der richtige Weg zu sein.

Ansonsten mochte ich es, wie breit gefächtert die verschiedenen Einträge waren. Sam Maggs reist mit „Girl Squads“ quer durch die Zeit und erwähnt Frauen aus den verschiedenen Ecken der Welt – gerade über die Texte, die sich um Personen aus dem asiatischen oder afrikanischen Raum drehten, habe ich mich sehr gefreut, da ich immer noch viel zu selten in „westlichen“ Veröffentlichungen darüber stolpere. So habe ich eine Menge neuer Informationen, Personen und Gruppen kennengelernt und immer wieder juckte es mich in den Fingern, online mehr über Hintergründe, die Zeit oder weitere Lebensumstände der Personen zu recherchieren. Ich mag Bücher, die mich neugierig machen, ohne mich beim Lesen zu frustrieren, weil ich das Gefühl habe, ich werde mit ein paar Stichpunkten abgespeist. Insgesamt hat das Lesen von „Girl Squads“ überraschend lange gedauert, weil ich jedem einzelnen Text die angemessene Aufmerksamkeit widmen wollte – ein Nebeneffekt war dabei, dass es mir mit ein paar Tagen Abstand etwas leichter fiel, über die eine oder andere flapsige Nebenbemerkung der Autorin hinwegzusehen, die ich zugunsten einer stellenweise etwas kritischere Auseinandersetzung mit einem Thema lieber gestrichen gesehen hätte.

Ovidia Yu: The Frangipani Tree Mystery

„The Frangipani Tree Mystery“ von Ovidia Yu habe ich bei Natira entdeckt, die den Cozy Mystery im vergangenen Oktober beim Herbstlesen gelesen hatte. Nach ihren Anmerkungen zum Buch musste ich den Roman einfach habe und bekam ihn zum Glück zu Weihnachten geschenkt. Schon auf den ersten Seiten habe ich die Erzählerin Chen Su Lin ins Herz geschlossen, deren Sicht auf die Welt mich häufig zum Schmunzeln gebracht hat. Su Lin gilt aufgrund eines Hinkens, das von einer Polioerkrankung übriggeblieben ist, als Unglücksbringerin. Trotzdem sucht sie zu Beginn von „The Fragipani Mystery“ einen Weg, um im Jahr 1936 in Singapur einen Job zu finden, bei dem sie die Fähigkeiten einsetzen kann, die sie an der Missionsschule gelernt hat.

Ich fand den Einstieg in die Geschichte einfach nur wunderbar, bei dem Su Lins Onkel und ihre Lehrerin über ihre Zukunft streiten, während Su Lin dazwischensteht und übersetzen soll und sich sehr gut überlegt, welche Passagen sie wie interpretiert, bevor sie sie in die jeweils andere Sprache überträgt. Diese Zurückhaltung und dieses „diplomatische“ Verhalten prägen Su Lins Erzählstimme, doch zum Glück bekommt man als Leser auch all die Gedanken mit, die sie niemals öffentlich äußern würde. Insgesamt ist Su Lin einfach ein netter Mensch, ohne dabei rückgratlos zu sein. Sie will nicht einfach von ihrer Familie verheiratet werden, auch wenn ihr bewusst ist, dass ihr Onkel Chen nur das Beste für sie im Sinn hat, und sie will nicht den Rest ihres Lebens als Helferin für ihre Großmutter verbringen. Stattdessen versucht sie ihre Beziehungen zu den Lehrerinnen der Missionsschule zu nutzen, um eine richtige Anstellung zu finden. So rutscht sie mehr zufällig in die Rolle der Aufpasserin für die geistig behinderte Tochter des britischen Gouverneurs und ist so in der besten Position, um die Augen nach Hinweisen aufzuhalten, die verraten könnten, wer die schottische Gouvernante der jungen Frau ermordet hat.

Der Krimianteil in „The Frangipani Tree Mystery“ hatte viel von einem klassischen britischen Cozy. Es gibt nur einen Handvoll Menschen, die in den Fall verwickelt sind, und der größte Teil davon gehört der britischen „Oberschicht“ in Singapur an. Was den Roman deutlich von den britischen Cozys unterscheidet, sind sowohl die Perspektive von Su Lin – die als chinesisches Dienstmädchen definitiv nicht in derselben Position ist, wie es eine weiße Ermittlerin (von Stand) wäre, als auch der Schauplatz Singapur. Natürlich gibt es so einige britische Cozys, die nicht auf der britischen Insel spielen, aber normalerweise bekommt man als Leser dieser Romane nicht die Sicht einer einheimischen Erzählerin präsentiert. Durch Su Lins Hintergrundinformationen zum Leben in Singapur gewinnt die Geschichte auf sehr vielen Ebenen, weil sie sich immer wieder Gedanken über das Verhalten der Menschen macht, denen sie begegnet, und wie die verschiedenen Personen mit all den Dingen umgehen, die in der Regel nur jemand verstehen kann, der im selben Kulturkreis und mit derselben Sprache aufgewachsen ist.

So bekommt man als Leser nicht nur sehr viel über das Leben in Singapur zu dieser Zeit mit, sondern kann all die Unterströmungen im Haushalt des Gouverneurs viel besser verstehen. Es geht nicht nur darum, dass die Dienstboten grundsätzlich gegenüber Fragen ihrer Herrschaft oder der Polizei misstrauisch sind, sondern auch darum, dass in solch einem Haushalt aufgrund der unterschiedlichen Herkunft und Aufgabenverteilung auch auf Dienstbotenebene Hierachien herrschen, die Su Lin nicht nur wahrnimmt, sondern auch versteht. Von den Briten, die Su Lin im Laufe des Romans kennenlernt, scheint einzig Chief Inspector Le Froy sich dieser vielen verschiedenen Facetten Singapurs, die sich durch die unterschiedliche Herkunft der Bewohner ergeben, bewusst zu sein. Der Polizist hat sich nicht nur – im Gegensatz zum Großteil seiner Landsleute – bemüht, verschiedene Sprachen zu lernen, um mit den Einheimischen auf Augenhöhe kommunizieren zu können, sondern er scheint auch ein überraschend gutes Verständnis für die verschiedenen Kulturen zu haben, die das Leben in Singapur prägen. Das alles macht Chief Inspector LeFroy zu einer sehr interessanten Figur, was dazu führte, dass ich die Begegnungen zwischen ihm und Su Lin sehr genossen habe, weil beide auf ihre Weise ungewöhnlich sind.

Was den Kriminalfall selbst angeht, so fand ich viele Elementen relativ offensichtlich. Auf der anderen Seite konnte ich sehr gut damit leben, dass Su Lin nicht ebenso schnell zu den gleichen Schlüssen kam wie ich, weil sie die beteiligten Personen mit einem ganz anderen Blick sah als ein erfahrener Krimileser. 😉 Ich habe die Atmosphäre in „The Fangipani Tree Mystery“ sehr genossen und all die kleinen Einblick in ein Singapur der 1930er Jahre, die ich nur durch die Augen einer einheimischen Erzählerin gewinnen konnte. Ich habe es geliebt, wenn Ovidia Yus Schreibweise mal wieder dafür gesorgt hat, dass ich beim Lesen von Su Lins Gedanken vor mich hinkicherte oder meinem Mann einfach eine Passage vorlesen musste, weil ich die Beschreibung einer Person oder Situation so wunderbar fand. Da es noch zwei weitere Romane mit Su Lin als Protagonistin gibt (und einige andere Kriminalromane aus der Feder der Autorin), freue ich mich jetzt schon darauf, demnächst noch einmal nach Singapur zurückzukehren, um eine weitere Ermittlung von Su Lin und Chief Inspector Le Froy zu verfolgen.

Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children)

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich das Buch dank einer Vormerkung relativ zeitnah zum Veröffentlichungstermin Anfang Januar bekommen würde, aber am Ende hat es bis zur zweiten Februar-Woche gedauert, bis ich den neusten Band der Wayward-Children-Bücher von Seanan McGuire in den Händen hielt. „In an Absent Dream“ erzählt die Geschichte von Katherine Lundy, bevor sie ihren Platz in „Eleanor West’s School for Wayward Children“ fand. Für diejenigen, die „Every Heart a Doorway“ gelesen haben, ist Lundy eine alte Bekannte, aber man benötigt definitiv kein Vorwissen, um „In an Absent Dream“ genießen zu können.

Zu Beginn erzählt Seanan McGuire von Katherines Elternhaus und den Problemen, die sie mit den anderen Kindern bekam, weil ihr Vater der Leiter der örtlichen Grundschule war. Statt sich nach Freunden zu sehnen, die mit der Position ihres strengen Vaters leben konnten, hat Katherine sich in Bücher vergraben und davon geträumt, dass sie eines Tages als Bibliothekarin ihren Lebensunterhalt verdient. So langweilig und ruhig ihre Grundschulzeit anfangs verlief, so radikal änderte sich ihr Leben, als sie mit acht Jahren in den Sommerferien über eine Tür zum Goblin Market stolpert. Der Goblin Market ist eine Welt, in der die Bewohner vom Handel miteinander leben und in der das Leben einigen wenigen festen Regeln folgt. Jeder Besucher lernt noch vor Betreten dieser Welt diese Regeln, da der Weg zum Goblin Market damit geschmückt ist. Diese Regeln lauten:

  1. Ask for nothing
  2. Names have power
  3. Always give fair value
  4. Take what is offered and be grateful
  5. Remember the curfew

Und natürlich gibt es da noch die wichtigste Regel von allen, auch wenn sie nicht offziell als solche benannt wurde: Be sure!

Für Lundy bedeuten diese Regeln Sicherheit. Sie lernt schnell, was auf dem Goblin Market von ihr erwartet wird, wie sie für ihre täglichen Bedürfnisse aufkommen kann, und sie findet – im Gegensatz zu der Welt, in die sie geboren wurde – mit Moon schnell eine gute Freundin. Doch der Goblin Market erwartet, dass die Personen, die sich ihm anschließen, sich ihres Entschlusses wirklich sicher sind und bietet so den Kindern, die sich in ihn „verirren“, die Möglichkeit, ihn bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zu besuchen. Nach jeder Rückkehr zu ihrer leiblichen Familie ist sich Lundy sicherer, dass der Goblin Market die Welt ist, in der sie für den Rest ihres Lebens sein möchte. Doch bevor sie sich endgültig dafür entscheiden kann, muss sie sich sicher sein, dass sie in ihrer alten Welt keine Schulden und Verpflichtungen zurücklässt.

Seanan McGuire spannt die Handlung in „In an Absent Dream“ über zehn Jahre, was für gerade mal gut zweihundert Seiten sehr viel Zeit ist. So bekommt man als Leser auch nur die Momente erzählt, die wichtig für Lundys Charakterentwicklung und für ihre Entscheidungsfindung sind. Stellenweise fand ich es schade, dass man so wenig von den Abenteuern erfuhr, die Lundy im Goblin Market erlebte. Ich hätte diese Welt gern noch besser kennengelernt inklusive all der Gefahren, die dort existieren, und den Personen, mit denen sich die Protagonistin dort anfreundet. Aber die Geschichte dreht sich nun einmal nicht um all die verschiedenen Abenteuer, sondern um Lundys Entwicklung, um die Entscheidungen und Wendungen, die dazu geführt haben, dass sie am Ende in der Schule für Wayward Children landete.

Diese Entscheidungen zu verfolgen, führen – wie so oft in den Wayward-Children-Titeln – zu bittersüßen Lesemomenten. Ich habe die Passagen über die Eigenheiten und Händler des Goblin Markets gemocht und fand es wunderbar zu verfolgen, wie Lundys Verständnis dieser Welt von Besuch zu Besuch wuchs. Auf der anderen Seite war von Anfang an klar, dass am Ende irgendetwas passieren wird, das dafür sorgt, dass Lundy in der Schule für „Wayward Children“ landet und dass ihre Liebe zum Goblin Market und ihre Freundschaft zu Moon sie nicht davor bewahren würden, einen entscheidenden Fehler zu machen. Spannend fand ich es auch, dass in dieser Geschichte Lundy nicht die erste Person aus ihrer Familie ist, die den Weg in den Goblin Market findet, so dass ihr Wechsel zwischen den Welten in gewisser Weise reibungsloser verläuft, als dies bei einer anderen Vorgeschichte der Fall gewesen wäre.

Auch fand ich es faszinierend, dass man durch die zweite Perspektive auf den Goblin Market (so kurz die auch angerissen wird) eine kleine Vorstellung davon bekommt, wieso jemand dieser scheinbar so gerechten Welt den Rücken kehren würde, während Lundy den Markt nur als einen Ort wahrnimmt, in dem Fairness das oberste Gebot ist und stattdessen darunter leidet, dass es in unserer Welt alles andere als fair zugeht. Ich finde es traurig, dass ich diese negative Sicht auf den Goblin Market ein klein wenig nachvollziehen kann, bewundere es aber auch wieder, dass Seanan McGuire mit gerade mal ein paar Zeilen solch eine Reaktion bei mir auslösen kann. So oder so klingen die Geschichten und Figuren aus den Wayward-Children-Romanen immer noch eine Weile in mir nach und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Januar und die Veröffentlichung von „Come Tumbling Down“.