Kategorie: Rezension

Seanan McGuire: In an Absent Dream (Wayward Children)

Eigentlich hatte ich ja gehofft, dass ich das Buch dank einer Vormerkung relativ zeitnah zum Veröffentlichungstermin Anfang Januar bekommen würde, aber am Ende hat es bis zur zweiten Februar-Woche gedauert, bis ich den neusten Band der Wayward-Children-Bücher von Seanan McGuire in den Händen hielt. „In an Absent Dream“ erzählt die Geschichte von Katherine Lundy, bevor sie ihren Platz in „Eleanor West’s School for Wayward Children“ fand. Für diejenigen, die „Every Heart a Doorway“ gelesen haben, ist Lundy eine alte Bekannte, aber man benötigt definitiv kein Vorwissen, um „In an Absent Dream“ genießen zu können.

Zu Beginn erzählt Seanan McGuire von Katherines Elternhaus und den Problemen, die sie mit den anderen Kindern bekam, weil ihr Vater der Leiter der örtlichen Grundschule war. Statt sich nach Freunden zu sehnen, die mit der Position ihres strengen Vaters leben konnten, hat Katherine sich in Bücher vergraben und davon geträumt, dass sie eines Tages als Bibliothekarin ihren Lebensunterhalt verdient. So langweilig und ruhig ihre Grundschulzeit anfangs verlief, so radikal änderte sich ihr Leben, als sie mit acht Jahren in den Sommerferien über eine Tür zum Goblin Market stolpert. Der Goblin Market ist eine Welt, in der die Bewohner vom Handel miteinander leben und in der das Leben einigen wenigen festen Regeln folgt. Jeder Besucher lernt noch vor Betreten dieser Welt diese Regeln, da der Weg zum Goblin Market damit geschmückt ist. Diese Regeln lauten:

  1. Ask for nothing
  2. Names have power
  3. Always give fair value
  4. Take what is offered and be grateful
  5. Remember the curfew

Und natürlich gibt es da noch die wichtigste Regel von allen, auch wenn sie nicht offziell als solche benannt wurde: Be sure!

Für Lundy bedeuten diese Regeln Sicherheit. Sie lernt schnell, was auf dem Goblin Market von ihr erwartet wird, wie sie für ihre täglichen Bedürfnisse aufkommen kann, und sie findet – im Gegensatz zu der Welt, in die sie geboren wurde – mit Moon schnell eine gute Freundin. Doch der Goblin Market erwartet, dass die Personen, die sich ihm anschließen, sich ihres Entschlusses wirklich sicher sind und bietet so den Kindern, die sich in ihn „verirren“, die Möglichkeit, ihn bis zu ihrem achtzehnten Geburtstag zu besuchen. Nach jeder Rückkehr zu ihrer leiblichen Familie ist sich Lundy sicherer, dass der Goblin Market die Welt ist, in der sie für den Rest ihres Lebens sein möchte. Doch bevor sie sich endgültig dafür entscheiden kann, muss sie sich sicher sein, dass sie in ihrer alten Welt keine Schulden und Verpflichtungen zurücklässt.

Seanan McGuire spannt die Handlung in „In an Absent Dream“ über zehn Jahre, was für gerade mal gut zweihundert Seiten sehr viel Zeit ist. So bekommt man als Leser auch nur die Momente erzählt, die wichtig für Lundys Charakterentwicklung und für ihre Entscheidungsfindung sind. Stellenweise fand ich es schade, dass man so wenig von den Abenteuern erfuhr, die Lundy im Goblin Market erlebte. Ich hätte diese Welt gern noch besser kennengelernt inklusive all der Gefahren, die dort existieren, und den Personen, mit denen sich die Protagonistin dort anfreundet. Aber die Geschichte dreht sich nun einmal nicht um all die verschiedenen Abenteuer, sondern um Lundys Entwicklung, um die Entscheidungen und Wendungen, die dazu geführt haben, dass sie am Ende in der Schule für Wayward Children landete.

Diese Entscheidungen zu verfolgen, führen – wie so oft in den Wayward-Children-Titeln – zu bittersüßen Lesemomenten. Ich habe die Passagen über die Eigenheiten und Händler des Goblin Markets gemocht und fand es wunderbar zu verfolgen, wie Lundys Verständnis dieser Welt von Besuch zu Besuch wuchs. Auf der anderen Seite war von Anfang an klar, dass am Ende irgendetwas passieren wird, das dafür sorgt, dass Lundy in der Schule für „Wayward Children“ landet und dass ihre Liebe zum Goblin Market und ihre Freundschaft zu Moon sie nicht davor bewahren würden, einen entscheidenden Fehler zu machen. Spannend fand ich es auch, dass in dieser Geschichte Lundy nicht die erste Person aus ihrer Familie ist, die den Weg in den Goblin Market findet, so dass ihr Wechsel zwischen den Welten in gewisser Weise reibungsloser verläuft, als dies bei einer anderen Vorgeschichte der Fall gewesen wäre.

Auch fand ich es faszinierend, dass man durch die zweite Perspektive auf den Goblin Market (so kurz die auch angerissen wird) eine kleine Vorstellung davon bekommt, wieso jemand dieser scheinbar so gerechten Welt den Rücken kehren würde, während Lundy den Markt nur als einen Ort wahrnimmt, in dem Fairness das oberste Gebot ist und stattdessen darunter leidet, dass es in unserer Welt alles andere als fair zugeht. Ich finde es traurig, dass ich diese negative Sicht auf den Goblin Market ein klein wenig nachvollziehen kann, bewundere es aber auch wieder, dass Seanan McGuire mit gerade mal ein paar Zeilen solch eine Reaktion bei mir auslösen kann. So oder so klingen die Geschichten und Figuren aus den Wayward-Children-Romanen immer noch eine Weile in mir nach und ich freu mich jetzt schon auf den nächsten Januar und die Veröffentlichung von „Come Tumbling Down“.

Kelly Barnhill: Dreadful Young Ladies and Other Stories (Anthologie)

Die Anthologie „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ habe ich mir ziemlich „blind“ gekauft, nachdem ich den Roman „The Girl Who Drank the Moon“ so wundervoll fand. Lustigerweise stellte ich dann beim Aufschlagen des Buchs fest, dass ich die erste Geschichte schon online gelesen und sehr genossen hatte (und die letzte Geschichte hatte ich schon in einer anderen Ausgabe als Einzelband gekauft). „Dreadful Young Ladies and Other Stories“ beinhaltet die Geschichten „Mrs. Sorensen and the Sasquatch“, „Open the Door and the Light Pours Through“, „The Dead Boy’s Last Poem“, „Dreadful Young Ladies“, „The Taxidermist’s Other Wife“, „Elegy to Gabrielle – Patron Saint of Healers, Whores and Righteous Thives“, „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“, „The Insect and the Astronomer: A Love Story“ und „The Unlicensed Magician“, wobei die einzelnen Geschichten -. von der letzten abgesehen, die 113 Seiten lang ist – einen Umfang von zwanzig bis dreißig Seiten haben.

Die Geschichten sind thematisch alle sehr unterschiedlich, obwohl sie alle märchenhaft-fantastische Elemente beinhalten. Und jede von ihnen beweist, wie gut Kelly Barnhill mit Worten umgehen und was für eindringliche Atmosphären sie mit ihren Sätzen erschaffen kann. Von der Handlung scheinen die Geschichten nicht sehr viel gemeinsam zu haben und doch habe ich in jeder einzelnen eine Variante von Liebe gefunden, die ich mal bezaubernd, mal erschreckend und dann wieder faszinierend fand. Obwohl weder „The Girl Who Drank the Moon“, noch „The Witch’s Boy“ frei von grausamen und schrecklichen Elementen waren, fand ich diese Anthologie häufig deutlich düsterer als die beiden von mir gelesenen Romane der Autorin. Ich muss zugeben, dass mir persönlich die Geschichten mehr lagen, die zwar trotz all der skurrilen Elemente und Entwicklungen eine „einfacher“ zu erfassende Handlung boten – nachgeklungen haben aber alle Geschichten und Charaktere in mir, und sie haben dafür gesorgt, dass mir auch ein paar Tage nach dem Lesen immer wieder Szenen oder Figuren in den Sinn kamen.

„The Unlicensed Magician“ war die Geschichte, die mich am ehesten noch an die bislang gelesenen Romane erinnerte – wahrscheinlich, weil die Länge einer Novelle einfach eine andere Erzählweise möglich macht als eine klassische Kurzgeschichte, aber ich fand es faszinierend, wie sehr sich der Umfang bei Kelly Barnhill auf die Schreibweise auswirken kann. Vielleicht liegt es auch daran, dass ihr Kurzgeschichten mehr Raum zum Experimentieren ermöglichen und deshalb dort mehr Unterschiede bei der Erzählweise zu finden sind. Ich mochte zum Beispiel sehr, wie man bei „Open the Door and the Light Pours Through“ anfangs von den Dingen liest, die sich ein Ehepaar gegenseitig in Briefen anvertraut – und von denen, die sie für sich behalten und vor dem Partner/der Partnerin geheimhalten, bis sich immer mehr unheimliche Begebenheiten in die Geschichte schleichen.

Doch vor allem fasziniert es mich bei Kelly Barnhill immer wieder, wie sie vertraut wirkende Sachen vermischt, wie sie märchenhafte Elemente in einen anderen Rahmen setzt oder eben reale Dinge auf fantastische Weise weiterspinnt. Am Ende war ich dann manchmal schon fast etwas erschrocken darüber, wie unterhaltsam ich zum Beispiel „Notes of the Untimely Death of Ronia Drake“ fand, obwohl die Autorin weder mit Ronia Drake noch mit den Personen in ihrem Umfeld zimperlich umging. Ich fand es spannend, mich auf die verschiedenen Geschichten, Welten und Figuren einzulassen, und ich habe die Sprache und Atmosphäre jedes Mal wieder genossen. Nicht alle Geschichten haben mir gleich gut gefallen, aber das ist bei Anthologien ja eigentlich grundsätzlich der Fall. Ich fand die, die mir nicht so zusagten, aber immerhin faszinierend, und es war auch da interessant zu sehen, wie Kelly Barnhill die Geschichte aufbaute und welche überraschenden Elemente sie dieses Mal wieder verwendete. Solange ihr nicht erwartet, dass „Dreadful Young Ladies and Other Stories“  mit Varianten von „The Girl Who Drank the Moon“ aufwartet, sondern euch gern auf sehr unterschiedliche, manchmal amüsante, häufig düstere Geschichten voller skurriler Elemente einlassen mögt, solltet ihr einen Blick in die Anthologie werfen.

Cindy Pon: Serpentine

„Serpentine“ von Cindy Pon liegt schon ein paar Jahre auf meinem SuB, nachdem ich den Roman damals nach einem kurzen Anlesen erst einmal zur Seite gelegt hatte, weil ich nicht in der richtigen Stimmung dafür war. Da ich in den letzten Tagen große Lust auf ein asiatisches Setting hatte (vermutlich ist mein Mann mit seiner „Rebellen vom Liang Shan Po“-BluRay Schuld daran), habe ich endlich „Serpentine“ aus dem Regal gezupft und fast in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der sechzehnjährigen Skybright, die, solange sie denken kann, als Kammerzofe für die gleichaltrige Zhen Ni arbeitet. Genau genommen sind Zhen Ni und Skybright zusammen aufgewachsen, nachdem eine Dienerin kurz vor Zhen Nis Geburt ein neugeborenes ausgesetztes Mädchen fand. Doch so sehr Zhen Ni immer betont, dass sie in ihrer Dienerin eine Schwester sieht, so sehr ist Skybright doch bewusst, dass ihre Stellung deutlich niedriger ist und dass sie ihr Leben lang abhängig von Zhen Ni sein wird.

Beide Mädchen gehen davon aus, dass sie wissen, was die Zukunft für sie bereithalten wird. Zhen Ni wird – wenn sie denn endlich ihre Periode bekommt – an einen reichen und einflussreichen Mann verheiratet, während Skybright Zhen Ni nach der Hochzeit in den neuen Haushalt folgen und weiterhin ihren Pflichten als Zofe und getreue Freundin nachgehen wird. Keine von beiden kann sich vorstellen, dass ihre Beziehung einmal weniger eng sein könnte als in all den Jahren des Heranwachsens, und doch gibt es in dem Sommer, in dem der Roman spielt, Ereignisse, die dafür sorgen, dass die Mädchen Geheimnisse voreinander haben. Vor allem Skybright ist sich sicher, dass sie die Tatsache, dass sie sich auf einmal in der Nacht zur Hälfte in eine Schlange verwandelt, niemals jemandem preisgeben darf, wenn sie nicht von den Menschen, die ihr nahestehen, als Dämon gejagt werden will. Und auch ihre Gefühle für den im benachbarten Kloster aufgewachsenen siebzehnjährigen Kai Sen verbirgt Skybright lieber vor ihrer Herrin.

Mir haben an „Serpentine“ wirklich sehr viele Aspekte gefallen, angefangen von der Darstellung dieses fantastischen historischen Chinas über die fantastischen (und stellenweise sehr beängstigenden) Wesen und die Charaktere, die sich beim Lesen realistisch und stimmig anfühlten, bis hin zu den Beziehungen zwischen den einzelnen Figuren. Ich mochte Skybright als Erzählerin sehr, gerade weil sie so pragmatisch mit ihrer Situation umgeht. Ihr ist bewusst, dass es recht wenig zählt, wenn ihre Herrin sie als Schwester bezeichnet, da doch ihr ganzes Leben auf dem Wohlwollen von Zhen Nis Familie aufgebaut wurde und sich jederzeit ihre Situation ändern könnte, wenn Zhen Nis Eltern das so entscheiden sollten. Trotz dieser ungleichen Ausgangssituation hegt Skybright für Zhen Ni ehrliche freundschaftlich-schwesterliche Gefühle (und reagiert eifersüchtig, als ein anderes Mädchen im Leben ihrer Herrin eine wichtige Position einnimmt). Auch mit ihrer nächtlichen Verwandlung versucht das Mädchen pragmatisch umzugehen und testet nach der ersten Panik systematisch die Möglichkeiten, die ihre neue Gestalt ihr bietet, während sie gleichzeitig versucht, in den Legenden mehr über „Schlangenwesen“ herauszufinden.

Natürlich ist Sykbrights Verwandlung nicht das einzige fantastische Element in der Geschichte, sie ist nur für den Leser ein erstes Anzeichen dafür, dass das Tor zur Unterwelt sich geöffnet hat und Geister und Dämonen die Welt der Menschen betreten haben. Im Laufe der Geschichte wird Skybright durch ihre neuen Fähigkeiten, ihre Freundschaft zu Kai Sen und ihr Bedürfnis, den jungen Mann vor den Ungeheuern zu beschützen, die er als Teil der Klostergemeinschaft bekämpfen muss, in einen uralten Kampf zwischen Menschen und Dämonen hineingezogen. Viele dieser Elemente wurden von Cindy Pon nur relativ kurz angerissen, denn es geht in der Geschichte weniger um diese Auseinandersetzung mit den Dämonen als um Skybrights Suche nach ihrer eigenen Identität und um ihre Beziehungen zu Zhen Ni und Kai Sen. Da am Ende von „Serpentine“ noch einige Fragen offen sind und ich Skybrights Welt nur ungern verlassen habe, werde ich auf jeden Fall auch noch zu „Sacrifice“, dem zweiten Serpentine-Band, greifen.

Victoria Jamieson: Roller Girl (Comic)

Wenn ich mich recht erinnere, dann bin ich bei Twitter über „Roller Girl“ von Victoria Jamieson gestolpert, und da ich inzwischen mit großem Vergnügen die Bouts der hiesigen Roller-Derby-Mannschaft verfolge und bislang viel Spaß mit Comics zu dem Thema hatte, musste ich den Titel natürlich auch haben. Die Geschichte wird erzählt aus der Sicht der zwölfjährigen Astrid Vasquez, die zusammen mit ihrer besten Freundin Nicole von ihrer Mutter zu einem Roller-Derby-Spiel mitgenommen wurde. Mrs. Vasquez macht solche „kulturellen Bildungsausflüge“ regelmäßig mit den beiden Mädchen, doch während Astrid und Nicole die Gedichtvorträge, Museums- und Opernbesuche nicht ganz so zu würdigen wussten, ist Astrid bei ihrem ersten Roller-Derby-Spiel (Bout) gleich Feuer und Flamme.

Astrid ist sogar so begeistert von dem Sport, dass sie sich kurz darauf zu einem Roller-Derby-Sommer-Camp anmeldet – und dabei davon ausgeht, dass ihre beste Freundin Nicole ebenfalls mit dabeisein wird. Doch Nicole hat schon andere Pläne für den Sommer und diese beinhalten nicht Roller Derby, sondern ein Ballett-Camp, an dem auch Astrids Erzfeindin Rachel teilnehmen wird. So muss sich Astrid nicht nur ganz allein dem Abenteuer „Roller-Derby-Camp“ stellen, sondern auch feststellen, dass sich ihre langjährige Freundschaft zu Nicole auf einmal total verändert hat. Und weil sie sich nicht traut, ihrer Mutter von all den Dingen zu erzählen, baut sich über den Sommer eine Lüge nach der anderen auf, was Astrid immer wieder in Schwierigkeiten bringt.

Es gab viele Elemente, die ich an Astrid beim Lesen mochte. Das Mädchen ist begeisterungsfähig und beweist während des herausfordernden Roller-Derby-Camps Durchhaltevermögen. Auf der anderne Seite ist sie ihren Freundinnen gegenüber häufig ziemlich unsensibel und egoistisch, ohne zu merken, dass nicht jeder Mensch ihre Prioritäten teilt oder dass jemand anderer vielleicht auch mal Unterstützung und ein offenes Ohr benötigt. Umso schöner war es, im Laufe des Comics zu verfolgen, wie sehr Astrid sich im Laufe des Sommers entwickelte und mit welcher Hingabe sie sich dem Roller Derby zuwandte. Auch mochte ich die vielen lustigen Momente, die sich unter anderem aus Astrids kleinen Lügen ergaben. Dabei rechne ich es Victoria Jamieson hoch an, dass ich diese Szenen wirklich amüsant fand, statt Fremdscham zu empfinden, was bei mir sonst sehr schnell der Fall ist. So wurde Astrid gerade durch ihre Fehler und ihre Hilflosigkeit gegenüber dem veränderten Verhalten ihrer Freundin Nicole für mich zu einem realistischen und liebenswerten Charakter, deren Sommer im Roller-Derby-Camp ich gern verfolgt habe.

Sehr schön fand ich auch den Roller-Derby-Anteil in der Geschichte. Da hatte ich das Gefühl, dass dieser Teil sehr davon profitiert hat, dass die Autorin selbst auch spielt. So wurden die verschiedenen Regeln, die beim Roller Derby gelten, sehr schön in die Geschichte eingeflocheten, so dass jemand, der sich mit dem Thema nicht auskennt, nachvollziehen kann, was bei einem Bout so passiert, während Roller-Derby-vertraute Leser nicht das Gefühl bekommen, hier würde lehrbuchmäßig über Selbstverständlichkeiten doziert. Mir hat es auch gefallen, dass für Astrid dieser Sport nicht einfach zu lernen war und dass sie am Ende trotz aller Übungen immer noch keine besonders gute Spielerin war und sie trotzdem großen Spaß beim Roller Derby hat. Außerdem mochte ich das Zusammenspiel zwischen den Teilnehmerinnen des Camps sehr gern in dieser Geschichte. Es gibt Freundschaften und Rivalitäten, Neid und all die anderen Gefühle, die zwischen Menschen in einer Gruppe nun einmal so herrschen, aber am Ende ist es für Astrid und die anderen vor allem wichtig, dass sie als Team zusammenspielen, und dafür unterstützen sie sich trotz aller Unterschiede gegenseitig.

Nicht  nur die Handlung, sondern auch die Zeichnungen von Victoria Jamieson haben mir gut gefallen. Obwohl ich ihren Stil stellenweise etwas schlicht finde, mochte ich die Lebendigkeit der Darstellungen, wie abwechslungsreich die verschiedenen Charaktere gezeichnet waren und die in der Regel fröhliche Farbgebung, die die verschiedenen Szenen stimmig untermalt. Und während ich überzogene Mimik und Gestik häufig nicht so schön finde, fand ich diese Szenen in „Roller Girl“ angesichts Astrids teilweise extremer (pubertärer) Gefühlsausbrüche überraschend angemessen. Alles in allem hat mir dieser Comic so gut gefallen, dass ich mir gleich nach dem Lesen angeschaut habe, was Victoria Jamieson sonst noch so veröffentlich hat, und nun sitzt ihr Comic „All’s Faire in Middle School“ ganz oben auf der Merkliste.

Molly Knox Ostertag: The Witch Boy (Comic)

Den Comic „The Witch Boy“ von Molly Knox Ostertag hatte ich schon seit einiger Zeit auf dem Wunschzettel, bis mein Vater ihn mir im November zum Geburtstag schenkte. Wie immer, wenn ich so viele Neuzugänge auf einmal bekomme, hat es etwas gedauert, bis ich das Lesen des Comics auf die Reihe bekam – dafür habe ich die Geschichte dann umso mehr genossen. „The Witch Boy“ erzählt von dem dreizehnjährigen Aster, der in einer Familie aufwächst, in der jedes weibliche Wesen eine Hexe ist und jedes männliche Wesen ein Gestaltwandler. Doch Aster verspürt keinen Drang, sich zu verwandeln, und ist stattdessen von klein auf von der Magie der Hexen fasziniert. So meidet er die gröberen Spiele mit den anderen Jungen und verbringt seinen Tag lieber damit, hinter den Mädchen herzuspionieren, um so viel wie möglich von ihrem Zauber-Unterricht aufschnappen zu können.

Seine Familie tut alles, um Aster von der Hexenmagie fernzuhalten, damit aus dem Jungen nicht so ein schrecklicher Mensch wird wie aus seinem Großonkel, dessen Interesse an Hexerei ihn in ein Ungeheuer verwandelt hat. Verständnis für seine ungewöhnlichen Interessen findet Aster nur bei seiner neuen Freundin Charlie, die er kennenlernt, als er in seinem Kummer den geschützten Bereich der magischen Gemeinschaft verlässt und durch einen angrenzenden Vorort wandert. Da Charlie keinerlei Erfahrungen mit Magie hat, kann sie unvoreingenommen mit dem Thema umgehen, und da sie selbst – trotz ihrer großen Sportlichkeit – deutlich weniger Chancen im Sport bekommt als gleichaltrige Jungen, kann sie nur zu gut nachvollziehen, wie es Aster geht. So ist es Charlie, die ihn unterstützt, als Asters Cousins verschwinden und er mit Magie nach ihnen suchen will.

Mir hat bei „The Witch Boy“ gut gefallen, wie Molly Knox Ostertag auf der einen Seite in ihrer Geschichte zeigt, dass Asters Familienangehörige wenig Verständnis für sein Interesse an der Hexerei haben, sie auf der anderen Seite den Jungen aber wirklich lieben und ihm helfen wollen, ein Talent fürs Gestaltwandeln zu entwickeln. Gerade seine Eltern sind sehr liebevoll und unterstützen Aster nur deshalb nicht, weil sie Angst haben, dass ihm das Gleiche wiederfährt wie seinem Großonkel. Charlie hingegen akzeptiert ihn so, wie er ist, und nimmt es auch gelassen hin, dass er aus einer ungewöhnlichen Familie kommt (und dass es in seinem Leben Magie gibt). Erschreckenderweise habe ich das Gefühl, ich müsste hier betonen, dass zwischen Aster und Charlie „nur“ Freundschaft besteht – vielleicht weil ich in diversen englischsprachigen Kommentaren zu dem Comic Fragen nach Asters Sexualität oder zu einer romantischen Entwicklung zwischen den beiden gelesen habe. Dass beides so gar kein Thema in dieser Geschichte ist, finde ich besonders angenehm, denn so kann keine sogenannte Liebesgeschichte von dem eigentlichen Kern des Comics ablenken.

Auch die Zeichnungen haben mir bei „The Witch Boy“ gut gefallen. Die Figuren sind wunderbar individuell gestaltet und strotzen nur so vor lauter kleinen Details, die ihnen nur noch mehr Charakter verleihen. Besonders schön fand ich, dass Asters Familie aus sehr unterschiedlichen Menschen (Hautfarben, Körperformen, Neigungen) besteht und wie gut Molly Knox Ostertag es gelungen ist, dies alles in ihren Darstellungen zu transportieren. So wird bei Asters Cousins zum Beispiel in nur wenigen Panels anhand von Gestik und Mimik deutlich, wer von ihnen dazu neigt, Aster wegen seines Verhaltens zu hänseln, und wer zugunsten des gemeinsamen Ziels auf diplomatische Weise die Rolle des Anführers übernimmt. Dazu passt die Koloration, die anfangs sehr gefällig und leicht wirkt (ohne pastellig zu sein) und im Laufe der dramatischen Entwicklungen in der Handlung immer kräftiger und dominanter wird. Ich freue mich auf jeden Fall sehr, dass es schon eine Fortsetzung zu „The Witch Boy“ gibt (und ein dritter Band schon angekündigt wurde).

Hideo Yokoyama: 64

Den Roman „64“ von Hideo Yokoyama hatte ich schon einmal im vergangenen Sommer ausgeliehen und dann war es einfach zu heiß, um einen 770-Seiten-Wälzer aufmerksam zu lesen. Da mir der Anfang aber gut genug gefallen und mich neugierig auf die Geschichte gemacht hatte, habe ich das Buch noch einmal in der Bibliothek vormerken lassen und es mir jetzt im Januar vorgenommen. Am Ende stehe ich allerdings da und frage mich, ob sich das Lesen dieses Wälzers gelohnt hat, den es gab sehr viele Aspekte an dem Roman, die nicht meinen Geschmack getroffen haben. Dabei fing die Geschichte recht stimmungsvoll an, indem beschrieben wird, wie Yoshinobu Mikami und seine Frau Minako die Leiche eines jungen Mädchens betrachten, um herauszufinden, ob die Tote ihre Tochter Ayumi ist, die vor einigen Wochen von Zuhause weggelaufen ist. Diese Angst davor, dass Ayumi irgendwann tot aufgefunden werden würde, zieht sich für Mikami und seine Familie durch das gesamte Buch und beeinflusst viele Entscheidungen des ehemaligen Kriminalbeamten und aktuellen Direktors der Pressestelle des Präsidiums der Präfektur D.

Doch erst einmal wird Mikamis Aufmerksamkeit nach seiner Rückkehr zur Arbeit vor allem von der Tatsache gefangen gehalten, dass ein hoher Beamter aus Tokio bei einem in den nächsten Tagen anstehenden Besuch eine Pressekonferenz im Haus von Yoshio Amamiya abhalten will. Für das Präsidium stehen der Name Amamiya und der Fall „64“ (danach benannt, dass er im 64sten Jahr der Shōwa-Ära stattfand) für ihren größten Misserfolg, da es den Ermittlern weder damals noch in den folgenden Jahren gelang, den Entführer und Mörder von Yoshio Amamiyas kleiner Tochter Shoko zu fassen. Gerade mal sieben Tage hat Mikami, um den immer noch trauernden Vater davon zu überzeugen, diesen Besuch zuzulassen. Sein einziges Argument besteht darin, dass die Pressekonferenz auch nach all dieser Zeit vielleicht genügend Aufmerksamkeit weckt, um neue Hinweise auf den damaligen Täter zu bekommen.

Statt des versprochenen Thrillers, bei dem – wenn man den Angaben des Klappentextes glauben darf – der vor vierzehn Jahren passierte Entführungsfall mit dem Verschwinden von Mikamis Tochter in Verbindung steht, bekommt man so eine Geschichte, die sich um die politischen und persönlichen Intrigen innerhalb des Präsidums dreht. Von Anfang an steht fest, dass Mikami als ehemaliger Kriminalbeamter zwischen den Stühlen sitzt, da ihm von den Verwaltungsleuten (wozu auch die Pressestellenmitarbeiter gehören) vorgeworfen wird, dass er Partei für das KUA (Kriminaluntersuchungsamt) ergreift, während seine ehemaligen Kollegen sich sicher sind, dass er ihre sensiblen Arbeitsergebnisse an die Presse „verrät“.

Wenn man den Roman als Studie zum Thema Loyalität sieht, dann hat Hideo Yokoyama ein spannendes Werk geschaffen, bei dem der Leser im Laufe der Zeit mehr über die verschiedenen Beteiligten, ihren Charakter und ihre Motivation erfährt. Immer wieder sehen sich die verschiedenen Figuren vor die Frage gestellt, wem ihre Loyalität gilt, ob sie zu ihrem direkten Vorgesetzten, ihrer Abteilung oder den Polizeiapparat als Gesamtheit stehen sollen. Am Ende steht sogar die Frage im Raum, ob es einen funktionierenden Polizeiapparat überhaupt geben kann, solange es dieses Gegeneinander der verschiedenen Abteilungen gibt – vor allem, wenn dazu noch der Kampf mit der Presse kommt, deren Vertreter theoretisch als Bindeglied zwischen der Polizei und der Bevölkerung dienen könnten.

All das ist grundsätzlich nicht uninteressant zu lesen, trifft aber bei mir eines der Themen, mit denen ich mich bei Unterhaltungsliteratur wirklich ungern beschäftige. Ich hasse Geschichten, die sich vor allem darum drehen, dass Menschen, deren Zusammenarbeit wichtig ist, aus unterschiedlichen Gründen gegeneinander arbeiten, intrigieren und ihre Macht missbrauchen. Es fängt schon damit an, dass Mikami von Anfang an das Gefühl hat, er dürfe nicht zu weit gehen, weil dann vielleicht die nationale (und eher inoffizielle) Suche nach seiner Tochter eingestellt werden könnte. Bei „64“ dreht sich dummerweise fast das ganze Buch um genau diese Thematik und erst kurz vor Schluss erkennt man all die kleinen Hinweise, die in all die Szenen rund um die Intrigen eingebettet sind und die zum Showdown führen, auch wirklich als Fingerzeige.

Normalerweise mag ich dieses Sammeln von kleinen Momenten und Beschreibungen, die einen auf die richtige Fährte führen, aber bei diesem Roman haben mich all diese Machtkämpfe so ermüdet, dass die Geschichte auf den letzten hundert Seiten nur noch hinter mich bringen wollte. Dazu kam noch, dass der dann doch noch vorhandene Krimianteil sich als recht offensichtlich herausstellte, so dass ich nicht mal daraus am Ende Befriedigung ziehen konnte. Grundsätzlich verstehe ich, dass Hideo Yokoyama ein erfolgreicher Autor ist und „64“ ein Bestseller wurde, denn der Autor schreibt wirklich gut und hat ein Händchen für Szenen, die vom ersten oberflächlichen Eindruck ausgehend nach und nach den Kern eines Charakters aufdecken. Aber ich hatte mich auf einen Thriller gefreut und nicht auf eine Studie zum Thema Loyalität und interne Politik in japanischen Polizeiapparaten, und da mich nur ungern mit Letzterem beschäftige, war „64“ nicht die richtige Lektüre für mich.

Abi Elphinstone: Sky Song

Mit „Sky Song“ hat Abi Elphinstone ein bezauberndes Märchen geschrieben, dessen einzelne Elemente sich häufig zwar sehr vertraut anfühlen, die in der Summe aber eine wunderschöne neue Geschichte ergeben. Zu Beginn lernt man das verschneite Land Erkenwald kennen, in dem drei Stämme friedlich miteinander leben, Wale zwischen Eisbergen schwimmen, Wölfe in der Tundra jagen und Polarbären zwischten Gletschern wandern. In Erkenwald scheint den ganzen Sommer über die Sonne und sie geht nicht einmal in der Nacht unter, während im Winter Tag und Nacht der Sternenhimmel zu sehen ist. Unter all diesen Sternen am Himmel kann man auch die sieben „Sky Gods“ sehen, deren ältester und stärkster von den Astronomen irrtümlicherweise als Polarstern bezeichnet wird.

Vor nicht allzu langer Zeit fiel die jüngste unter den Himmelsgöttern – von den Bewohnern Erkenwalds „Eiskönigin“ genannt – vom Himmel, und mit Hilfe des Schamanen des Tusk-Stamms gelang es ihr, das Land nach einer großen Schlacht in ihren Besitz zu bringen. Die Gefangenen, die nach dem Kampf von der Eiskönigin gemacht wurden, wurden von ihr ihrer Stimme beraubt und in ihre Eisfestung am Meer eingesperrt. Dort spielt die Eiskönigin jeden Morgen auf einer Orgel aus Eis und versucht so mit den vertrauten Stimmen der in ihrer Festung verschollenen Menschen diejenigen aus ihren Verstecken zu locken, die sich noch in den wilden Regionen des Landes verstecken. Nur eine einzige Gefangene gibt es, deren Stimme die Eiskönigin noch nicht in ihren Besitz gebracht hat, und das ist ein junges Mädchen names Eska. Ihr gelingt es mithilfe des Jungen Flint, aus der Gefangenschaft der Eiskönigin zu fliehen, und gemeinsam suchen die beiden einen Weg, um die Herrschaft der Eiskönigin zu beenden, bevor sie auch die letzten freien Menschen Erkenwalds in ihre Gewalt bekommt.

Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Eska und Flint, und während man mit Eska eine Protagonistin hat, die sämtliche Erinnerungen an die Zeit vor ihrer Gefangenschaft verloren hat und deshalb mit offenen Augen und ohne große Vorurteile durch die Welt geht, ist Flint in seinem Denken und Handeln von all den Dingen geprägt, die sein Stamm ihm beigebracht hat und die es ihm schwer machen, auf Menschen zuzugehen, die nicht zu seinem vertrauten Kreis gehören. Ich mochte die beiden Figuren sehr und ich habe sie gern dabei begleitet, wie Eska und Flint neue Dinge gelernt und sich weiterentwickelt haben. Dabei erleben die beiden viele größere und kleinere Abenteuer, die von einer wunderbaren magischen Welt zeugen, in der Steinriesen und Magie genauso dazugehören wie das alltägliche Überleben in einer Welt voller Eis und Schnee. Und während ich diesen Alltag sehr schön realistisch dargestellt fand, überraschten mich immer wieder die kleinen magischen Elemente, die in der Geschichte vorkamen, weil sie ungewöhnliche Bestandteile enthielten und zu unvorhersehbaren Wendungen in der Handlung führten, die ich sehr genossen habe.

„A voice is a mighty thing, Eska. When everything is taken from you – your family, your home, your friends, your dignity – you still have a voice, however weak it sounds.“ (Seite 131)

Die Botschaft, die hinter dieser Variante der „Schneekönigin“ steckt, wird stellenweise schon etwas sehr plakativ von Abi Elphinstone präsentiert, aber da „Sky Song“ für Leser ab acht Jahren gedacht ist und weniger für Erwachsene, kann ich gut damit leben. Etwas schade fand ich, dass die Autorin trotz all ihrer Bemühungen, aufzuzeigen, dass Vorurteile gegen einen anderen „Stamm“ dumm sind, ihre Stämme vor allem aufgrund der Haarfarbe (und ihres Wohnorts) unterscheidbar gemacht hat. So gibt es einen blonden, einen braunhaarigen und einen schwarzhaarigen Stamm (und eine rothaarige Heldin), und das gab mir das Gefühl, dass alle erwähnten Personen von weißer Hautfarbe sind, was ich bei einer Welt, die so sehr an die Arktis erinnert, doch ziemlich unpassend fand. Von diesem Kritikpunkt abgesehen hat mir „Sky Song“ aber sehr, sehr gut gefallen. Ich mochte die märchenhafte Erzählweise, die verschiedenen Charaktere mit ihren Ecken und Kanten, die Beschreibungen vom Leben in einer so unwirtlichen Umgebung und all die ungewöhnlichen und wunderschönen magischen Elemente in der Geschichte. Das alles hat dazu geführt, dass ich das Buch mit einem breiten Lächeln (und der einen oder anderen Träne) gelesen habe und nicht aus der Hand legen mochte, weil ich wissen wollte, welche bezaubernden oder schrecklichen Wesen hinter der nächsten Ecke stecken und welche Auswirkungen eine Begegnung mit ihnen auf die beiden Protagonisten haben würde.

Stephanie Burgis: Congress of Secrets

„Congress of Secrets“ war der letzte Titel von Stephanie Burgis‘ Backlist, der mir noch fehlte, und nachdem ich ihn mir im August gekauft hatte, dauerte es ein bisschen, bis ich in der richtigen Stimmung für einen Roman war, der 1814 in Wien spielt und voller politischer Intrigen steckt. Die Autorin greift für „Congress of Secrets“ auf dieselbe Welt zurück, in der auch „Masks and Shadows“ spielte, was sich nicht nur durch einen Verweis auf eine der Nebenfiguren aus „Masks and Shadows“ zeigt, sondern auch durch die Art und Weise, in der Stephanie Burgis die Alchemie ihrer Welt beschreibt. In beiden Romanen ist die Alchemie eine dunkle, dämonische Macht, die von Menschen verwendet wird, die sich zum Drahtzieher hinter dem Thron aufschwingen wollen (oder diesen Platz schon eingenommen haben). So ist es nicht verwunderlich, dass die Atmosphäre in „Congress of Secrets“ von Anfang an bedrückend ist und man die gesamte Geschichte hindurch um die verschiedenen Figuren bangen muss.

Erzählt wird die Handlung aus mehreren Perspektiven, wobei man vor allem die Sicht von Lady Caroline Wyndham (geborene Karolina Vogl) und die von Michael Steinhüller verfolgt. Beide Personen sind in Wien geboren und mussten aufgrund von Ereignissen rund um Carolines Vater vor über zwanzig Jahren die Stadt verlassen. Damals wurden die – noch relativ jungen – Gesetze zur Pressefreiheit von Kaiser Joseph II zurückgenommen, was dazu führte, dass einige Journalisten und Drucker illegal Handblätter verteilten, in denen sie über die aktuelle politische Situation aufklärten. Carolines Vater war einer dieser Drucker, und als die Geheimpolizei ihn festnahm, wurde auch Caroline gefangen gesetzt, wobei Michael, der als Druckerlehrling für Herrn Vogl arbeitete, die Flucht gelang. Während Michael sich in den vergangenen vierundzwanzig Jahren als Hochstapler und Betrüger durchs Leben schlug, hat es Caroline Jahre nach ihrer Inhaftierung nach England verschlagen, wo sie inzwischen zu einer geachteten Dame der Gesellschaft geworden ist, die nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes frei über ihr Vermögen verfügen kann.

Dieses Vermögen will Caroline nun ebenso wie ihren guten Ruf einsetzen, um während des Wiener Kongresses mehr über das Schicksal ihres Vaters zu erfahren und ihn wenn irgendwie möglich aus der Gefangenschaft freikaufen. Dabei ist ihr durchaus bewusst, dass sie ein großes Risiko eingeht, denn wenn Kaiser Franz II oder gar Johan Anton von Pergen, der (inoffizielle) Leiter der Geheimpolizei, sie wiedererkennen würden, dann würden all ihre Beziehungen in Großbritannien sie nicht davor bewahren können, in den geheimen Wiener Verliesen zu landen. Anfangs scheint für Caroline alles gut zu laufen, denn sie kennt die richtigen Leute, die sie mit dem Kaiser in Verbindung bringen können, und es gelingt ihr, den Kaiser mit ihrem Charme und der Aufsicht auf finanzielle Unterstützung auf sich aufmerksam zu machen. Doch dann begegnet sie Michael wieder, der den Wiener Kongress für einen letzten großen Coup nutzen will, der ihm genügend Geld bringen soll, um seine Zukunft zu sichern. Während sich Caroline der großen Gefahr durchaus bewusst ist, in der sie schwebt, scheint es Michael egal zu sein, wie riskant seine Pläne sind und was aus den Menschen wird, die er darin verwickelt.

Ich muss gestehen, dass die Figur des Michael Steinhüller es mir anfangs recht schwer gemacht hat, diesen Roman zu genießen. Ich mochte die Zeit und die Atmosphäre des Wiener Kongresses sehr, ebenso wie die Art und Weise, in der Stephanie Burgis reale Ereignisse und Figuren mit der Bedrohung durch ihre Variante der Alchemie verknüpfte. Das Ganze sorgt dafür, dass man sich gemeinsam mit der Protagonistin ständig vergewissern will, dass man nicht belauscht wird, dass die Risiken, die die Figuren eingehen, auch gerechtfertigt sind, und dass man nur auf den Moment wartet, in dem Pergen seine Informationen, seine Macht und natürlich auch die Alchemie nutzt, um Caroline und ihre Verbündeten in seine Gewalt zu bekommen. Dazu kommt dann eine Figur wie Michael, ein leichtsinniger Mensch, der sich keine Gedanken über seine Taten macht, der nicht darüber nachdenkt, was er über die Personen in seiner Umgebung bringt, wenn er sie ausnutzt, betrügt und erpresst, nur um seinen eigenen Vorteil daraus zu schlagen. Obwohl ich mir sicher war (schließlich habe ich inzwischen genügend Geschichten der Autorin gelesen), dass sich auch Michael am Ende als weniger skrupellos herausstellt, als er anfangs wirkt, fand ich es sehr schwer, diesen Weg zu verfolgen.

Eigentlich ist es ja ein Beweis dafür, wie gut Stephanie Burgis ihre Geschichte erzählt hat, wenn mir ein Protagonist so sehr auf die Nerven geht, aber das machte das Lesen für mich nicht einfacher. Auf der anderen Seite konnte ich das Buch auch nicht nur wegen dieser einen Figur abbrechen, wo ich doch den Rest so gut geschrieben und spannend fand und unbedingt wissen wollte, wie es weitergeht. Ganz versöhnt war ich am Ende mit Michael nicht (und der „romantische“ Teil der Geschichte hätte für meinen Geschmack ruhig etwas weniger hastig passieren dürfen), aber insgesamt bleiben mir von „Congress of Secrets“ vor allem die tolle Atmosphäre, der wunderbare Einsatz der diversen realen historischen Figuren für diese Geschichte und der spannende und stellenweise sogar amüsante Schluss in Erinnerung. Außerdem haben die Literaturverweise am Ende des Buches dafür gesorgt, dass ich mir die Biografie „Prince of Europe: The Life of Charles Joseph de Ligne“ bestellt habe, weil ich endlich mehr über diese Person lernen will, nachdem sie mir schon so oft in historischen Romanen begegnete und mir eigentlich immer sympathisch war.

Kate Milford: Ghosts of Greenglass House (Greenglass House 2)

Nachdem mir „Greenglass House“ von Kate Milford im vergangenen Jahr so gut gefallen hatte, hatte ich mich sehr über die Veröffentlichung einer Fortsetzung gefreut. Trotzdem habe ich mir den Roman aber dann nicht direkt nach dem Kauf vorgenommen, sondern für die Feiertage aufgehoben, da auch die Handlung von „Ghosts of Greenglass House“ direkt vor Weihnachten spielt. Zu Beginn der Geschichte ist der inzwischen dreizehnjährige Milo nicht gerade glücklich. Er weiß nicht, wie er mit einem Lehrer umgehen soll, der ihn immer wieder auf seine chinesische Herkunft anspricht, er befürchtet, dass der einzige Gast im Greenglass House nicht rechtzeitig abreist, damit Milo ein privates Weihnachten mit seinen Eltern verbringen kann, und vor allem erinnern ihn die nahen Feiertage daran, dass er seine Freundin Meddy seit den Vorfällen im vergangenen Jahr nicht mehr gesehen hat.

Noch bevor Milo so richtig in seinen Problemen versinken kann, klingelt es an der Tür des Greenglass House und ein Haufen neuer Gäste zieht in die Pension ein. Ein paar Personen kennt man als Leser schon von den Ereignissen aus „Greenglass House“, einige andere Charaktere sind vollkommen neu. Aber wie schon im ersten Band scheint fast jeder einzelne sich verdächtig zu verhalten und Geheimnisse zu hüten, die schwerwiegende Folgen für das Gasthaus und seine Gäste mit sich bringen können. In vielen Elementen ähneln sich „Greenglass House“ und „Ghosts of Greenglass House“ sehr, und das finde ich gar nicht schlecht, weil es mir beim Lesen genau die Dinge wiederbrachte, die ich am ersten Band so genossen hatte. Auf der anderen Seite bringt die Tatsache, dass man als Leser inzwischen Meddys Hintergründe kennt und mehr über die Geschichte des Greenglass House und die Stadt Nagspeake weiß, viele neue Möglichkeiten mit sich, die Kate Milford auch gelungen für diese Fortsetzung ausnutzt.

Wie schon beim ersten Band hatte ich trotz der wunderbaren Atmosphäre und den Ereignissen rund um die „Waits“ (eine Gruppe von Sängern, die in – zum Teil unheimlichen – Kostümen in den Tagen vor Weihnachten von Haus zu Haus ziehen), die im Greenglass House landen, relativ wenig Probleme, den Roman in der ersten Hälfte aus der Hand zu legen. Es gibt so viele kleine Szenen, die im Leser nachklingen können, und so viele neue Figuren, auf die man sich erst einmal einlassen muss, dass ich persönlich die Geschichte anfangs lieber in kleinen Häppchen genieße. Erst nachdem mich das Rätsel um die gestohlenen Schätze, die legendäre Violet Cross und die Besonderheiten der „Liberty of the Gammerbund“ richtig gepackt hatte, konnte ich „Ghosts of Greenglass House“ nicht mehr zur Seite legen und habe lieber bis in die Nacht hinein gelesen, um das Buch zu beenden, als vernünftigerweise schlafen zu gehen. Auf der anderen Seite wollte ich eigentlich gar nicht, dass der Roman endet, denn ich mag das Greenglass House und seine Bewohner so gern, dass ich noch mehr Zeit damit verbringen wollte.

Dadurch, dass man als Leser inzwischen weiß, was Meddys Geheimnis ist, und dadurch, dass Milo mit einigen der Gäste befreundet ist, die auch im vergangenen Jahr schon die Vorweihnachtszeit im Greenglass House verbracht haben, gibt es eine Offenheit zwischen diesen Charakteren, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. So fühlt es sich nicht mehr so an, als seien Milo und Meddy die einzigen, denen etwas unheimlich vorkommt und die versuchen müssen, die Hintergründe der verschiedenen seltsamen Ereignisse aufzuklären. Stattdessen arbeitet Milo mit den verschiedenen Personen zusammen, und jede von ihnen hat ihr ganz besonderes Talent, das sie zur Lösung des Rätsels beitragen kann und mit dem sie diejenigen schützen will, die sie in Gefahr sieht. Da es mir persönlich immer so viel Freude bereitet, all diese kleinen Enthüllungen in der Geschichte mitzuerleben, mag ich hier gar nicht mehr oder detaillierter darüber schreiben, aber auch dieses Mal hat Kate Milford wieder einen gute Balance gefunden zwischen „ich kann (fast) niemandem trauen“-Szenen und „heimeligen Momenten mit Familie und Freunden und heißer Schokolade vor dem geschmückten Weihnachtsbaum“. Ich freu mich jetzt schon auf den Tag, an dem „Bluecrown“  – die Vorgeschichte des Greenglass House – als Taschenbuch erscheint und ich noch mehr Zeit in der Stadt Nagspeake mit all ihren Besonderheiten und ungewöhnlichen Bewohnern verbringen kann.

Catherine Fisher: The Clockwork Crow

„The Clockwork Crow“ von Catherine Fisher gehört zu den vielen Büchern, die mir in den letzten Monaten in meiner englischsprachigen Timeline bei Twitter untergekommen sind und die so gut klangen, dass sie direkt auf dem Wunschzettel gelandet sind. Die Handlung erinnert auf den ersten Blick an verschiedene britische Kinderbuchklassiker, aber es gibt genügend Wendungen und Elemente, um „The Clockwork Crow“ zu einer ganz eigenen Geschichte voller kleiner Besonderheiten zu machen. Der Leser lernt die Protagonistin Seren Rhys kennen, als sie gerade mitten im Schneegestöbert auf einem Bahnsteig auf den Zug wartet. Das Mädchen hat nach dem Tod seiner Eltern zwölf Jahre in einem Waisenhaus gelebt, um dann eine kurze Zeit bei seiner Großtante Grace unterzukommen. Jetzt, nachdem Großtante Grace verstorben ist, soll Seren von ihrem Patenonkel Captain Arthur Jones und seiner Familie aufgenommen werden, was bedeutet, dass sie die lange Bahnfahrt nach Wales auf sich nehmen muss.

Bevor ihr Zug noch am Bahnsteig eintrifft, bekommt Seren von einem geheimnisvollen und sehr ängstlichen Mann ein Päckchen übergeben, das sie für ein paar Minuten sicher aufbewahren soll, bis er es wieder abholt. Doch als der Fremde nach der vereinbarten Zeit nicht zurückkehrt, nimmt Seren das Päckchen mit, als endlich ihr Zug abfährt. In Plas-y-Fran, dem Haus von Captain Jones, angekommen, muss Seren feststellen, dass die Familie in London weilt und sie ganz allein mit der Haushälterin und einem weiteren Angestellten in dem düsteren und unheimlichen Haus wohnen soll. Obwohl Seren schon so lange Zeit von einem gemütlichen Weihnachtsfest im Kreis einer liebevollen Familie geträumt hat, versucht sie, das Beste aus ihrer Situation zu machen. Doch die Tatsache, dass sie ständig über Regeln und Verbote stolpert, deren Sinn sich ihr nicht erschließt, und dass es ein unheimliches Geheimnis rund um Captain Jones‘ Sohn Tomos zu geben scheint, das eng mit Plas-y-Fran verknüpft ist, lassen ihr keine Ruhe. Gemeinsam mit der mechanischen und verzauberten Krähe aus dem Päckchen, das sie am Bahnhof in ihre Obhut genommen hat, versucht Seren, die diversen Geheimnisse in ihrem neuen Zuhause zu lüften.

Grundsätzlich habe ich eh schon eine Schwäche für diese Art britische Kinderbücher, aber bei „The Clockwork Crow“ kamen angenehmerweise zu einer klassischen Handlung auch noch viele unvertraute Elemente hinzu, die ich sehr mochte, und eine Protagonistin, die ich schnell ins Herz geschlossen hatte. Seren ist kein traditionelles braves Mädchen, das es allen recht machen will, sie ist aber auch keine Mary Lennox, die erst einmal lernen muss, dass ihre eigenen Bedürfnisse nicht wichtiger sind als die der anderen. Aber Seren ist enttäuscht von der Situation in Plas-y-Fran und frustriert von all den Erwachsenen, die ihre Fragen nicht beantworten wollen, und sie hat keine Hemmungen, diese Gefühle auch offen zu zeigen. Gerade mit der Haushälterin Mrs. Villiers gerät Seren regelmäßig aneinander, obwohl sie nicht bewusst aufsässig oder verletztend sein will. Außerdem ist Seren sehr mutig und riskiert am Ende nicht nur ihre Freiheit, sondern sogar den Verlust ihres neuen Zuhauses, um das Geheimnis von Plas-y-Fran zu lüften und der Familie Jones zu helfen.

Ich mochte Serens offene und aufmüpfige Art sehr und ich mochte ihr Interagieren mit der mechanischen Krähe, die nicht gerade ein aufmerksamer und liebenswerter Helfer ist, aber gerade deshalb für einige amüsante Szenen in der Geschichte verantwortlich ist. Dazu kommt die wunderbar düster-viktorianische Atmophäre, die Catherine Fisher in „The Clockwork Crow“ heraufbeschwört und die anfangs wenig greifbare, aber überaus präsente Bedrohung durch Personen, vor denen anscheinend jeder, der von ihnen weiß, große Angst hat. Dass die ganze Geschichte dann noch in einem vernachlässigt wirkenden eingeschneiten Herrenhaus spielt, ist eigentlich nur noch das Tüpfelchen auf dem i und macht „The Clockwork Crow“ zur perfekten „Vorweihnachtslektüre“ – vor allem, da man sich bei einem Kinderbuch darauf verlassen kann, dass am Schluss trotz aller Widernisse und Gefahren ein glückliches Ende auf die Protagonistin warten wird.