Kategorie: Rezension

Cherie Priest: I Am Princess X

„I Am Princess X“ von Cherie Priest (mit Illustrationen von Kali Ciesemier) gehört zu den Büchern, um die ich lange herumschlich, um dann festzustellen, dass ich sie doch kaufen muss. Erst saß der Titel sehr, sehr lange auf der Wunschliste, und nun lag er bestimmt sechs Wochen auf dem SuB. Vor allem lag dies daran, dass ich die Inhaltsangabe wirklich spannend fand und Angst hatte, dass der Roman meinen Erwartungen nicht gerecht werden würde. Außerdem hat es mir Spaß gemacht, mir Gedanken um die Auflösung der Geschichte zu machen (und das, bevor ich überhaupt Details der Handlung kannte *g*). „I Am Princess X“ dreht sich um May und Libby, die in der fünften Klasse Freundinnen werden, als sie gemeinsam Zeit vertrödeln müssen, weil sie nicht am Sportunterricht teilnehmen können.

Schon bei ihrer ersten Begegnung denken sie sich zusammen eine Heldin namens Princess X aus, die in einem Geisterhaus wohnt und ein Katana schwingt. In den folgenden Jahren sind May und Libby unzertrennlich und ihre gemeinsam geschaffenen Geschichten (mit Libby als Zeichnerin und May als Autorin) rund um Princess X nehmen einen ganzen Wandschrank in Libbys Schlafzimmer ein. Doch dann sterben Libby und ihre Mutter bei einem tragischen Unglück und ihr Vater verlässt von einem Tag auf den anderen Seattle. Wenig später muss May entdecken, dass ihr nach Libbys Tod nicht mal Princess X geblieben ist, da Libbys Vater alle Erinnerungen an seine Familie hat entsorgen lassen. Drei Jahre später stolpert May auf einmal überall in Seattle über Bilder von Princess X und auch in dem dazugehörigen Online-Comic gibt es Verweise auf Libbys Sturz von der Brücke und Andeutungen, dass Libby vielleicht noch am Leben sein könnte.

So ganz sicher war ich mir anfangs nicht, ob „I Am Princess X“ ein Jugendbuch über eine intensive Freundschaft ist oder gar ein Kriminalroman – am Ende kann ich sagen, dass beides der Fall ist. May verfolgt die in dem Comic versteckten Hinweise mit einer Starrköpfigkeit, die schon fast an Besessenheit grenzt – schließlich hat sie all die Jahre davon geträumt, dass Libby noch am Leben sein möge. Außerdem steht für sie fest, dass all diese Hinweise ganz eindeutig an sie gerichtet sind, weil sie sich auf Dinge beziehen, die die beiden Mädchen in der Vergangenheit gemeinsam erlebt haben. Gemeinsam mit dem Hacker „Trick“ (Patrick), den May kennenlernt, als sich ihr Laptop aufhängt, findet sie nicht nur mehr über die Hintergründe des Online-Comics heraus, sondern auch Details zu den Hinweisen, die der Öffentlichkeit sonst nicht zur Verfügung stehen.

Etwas schwierig fand ich dabei, dass May, obwohl sie eigentlich ein relativ normales und vertrauenswürdiges Mädchen ist (wenn man nach dem Verhalten ihres Vaters geht), sehr schnell bereit ist, Gesetze zu brechen, um an Informationen zu kommen. Es gibt Stellen in der Geschichte, wo ich erwartet hätte, dass sie erst einmal legale Möglichkeiten suchen würde, um an Daten zu kommen, statt gleich über Einbruchswerkzeug und Sicherheitsvorkehrungen in öffentlichen Gebäuden nachzudenken.Trotzdem fühlt sich die Handlung überraschend realistisch an, weil es May und Trick – trotz all der Hilfe, die sie durch „Princess X“ und ihren Verbündeten bekommen – Arbeit und eine Menge Fußwege kostet, um hinter die Geheimnisse des Comics zu kommen. Außerdem ist Trick zwar als Hacker gut genug, um (il)legal Informationen zu beschaffen, aber nicht so gut, dass er dies spurenlos auf die Reihe kriegt. So ziehen die beiden schnell Aufmerksamkeit auf sich, die ihr Leben in Gefahr bringt.

Mir hat „I Am Princess X“ sehr viel Spaß gemacht, obwohl mir einige Elemente schon fast zu schnell gelöst wurden, aber diese Schnelligkeit sorgte auch für durchgehend anhaltende Spannung. Ich mochte die innige Freundschaft zwischen May und Libby, mir gefielen die Geschichten, die sie sich zusammen ausgedacht haben ebenso wie die kleinen Anekdoten am Anfang rund um ihre gemeinsame Zeit. Besonders schön ist es, dass Seiten des Web-Comics im Roman zu sehen sind, auf denen man als Leser gemeinsam mit May nach Hinweisen Ausschau halten kann. Ebenso hat es mir gefallen, dass die Protagonisten relativ normale Charaktere mit Stärken und Schwächen sind, wobei sie – auch wenn sie die eine oder andere falsche Entscheidung treffen – so sympathisch sind, dass ich gern meine Zeit mit ihnen verbracht habe. Selbst die Hintergründe rund um den Unfall, den Libby hatte, erscheinen beim Lesen erstaunlich stimmig – auch wenn ich in Nachhinein den einen oder anderen Aspekt in Frage gestellt habe. Insgesamt hat mir „I Am Princess X“ einen spannenden Nachmittag beschert (und nun überlege ich, ob ich die Augen nach den Titeln der Autorin für Erwachsene aufhalte).

Janine Beacham: Rose Raventhorpe Investigates 1 – Black Cats and Butlers

„Black Cats und Butlers“ von Janine Beacham war eine ziemlich spontane Anschaffung, weil mir erst das hübsche Cover ins Auge fiel und mich dann der Klappentext so ansprach – und nun werde ich mir wohl die beiden bislang veröffentlichen Fortsetzungen auch noch kaufen müssen. 😉 Protagonistin der Geschichte ist Lady Rose Raventhorpe, die zu Beginn des Romans gerade ihren zwölften Geburtstag feiert. Während des Frühstücks liest sie davon, dass in den vergangenen Tagen zwei Butler ermordet wurden. Was dazu führt, dass sie sich nicht nur darüber aufregt, dass niemand den Tod der beiden Dienstboten bislang für erwähnenswert gehalten hätte, sondern auch große Angst um ihren eigenen Butler Argyle bekommt. Argyle ist Rose’s engste Bezugsperson und derjenige, der sie seit ihrer Geburt erzogen hat, da ihr Vater in wichtige politische Geschäfte involviert ist, während ihre Mutter den ganzen Tag damit beschäftigt ist, schön zu sein. Noch bevor der Tag zu Ende geht, wird auch Argyle ermordet, und Rose beschließt, alles dafür zu tun, um den Mörder ihres Butlers zu stellen.

Trotz dieser traurigen Ausgangssituation ist „Black Cats and Butlers“ ein wundervolles Wohlfühlbuch, das ich gar nicht aus der Hand legen wollte, als ich es erst einmal angefangen hatte. Rose ist eine stimmige Protagonistin, die auch keine Hemmungen hat, den Namen ihrer Familie oder ihren Reichtum zu nutzen, wenn sie an Informationen gelangen will. Erst nach Argyles Tod entdeckt sie all die Geheimnisse, die ihr Butler hatte, und schämt sich sehr dafür, dass sie ihn ihr Leben lang als so selbstverständlich angesehen hat. Trotzdem drängt sie nicht diese Scham zu ihren Ermittlungen, sondern die feste Überzeugung, dass ein Mörder gefasst werden muss, dass es zu keinen weiteren Attentaten auf Butler kommen darf und dass eine Raventhorpe alles tun muss, um ihre Stadt zu retten. Denn nicht nur die Morde an den Butlern beunruhigen Rose, sondern auch das allmähliche Verschwinden der Katzenstatuen, die der Legende nach über die Stadt wachen sollen.

Ich mochte nicht nur Rose, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte. Rose‘ (etwas ältere) Freundin Emily, ihr Kleidungsstil und ihre Begeisterung für alles, was unheimlich, düster und schwarz ist, ist großartig. Die ganzen Butler, die Rose während ihrer Ermittlungen kennenlernt – inklusive der dazugehörigen Geheimgesellschaft, die Duelle und die aufbrausenden Temperamente (selbstverständlich nie im Dienst!) – sind nicht nur wundervoll induviduelle Figuren, sondern auch eine großartige Idee. Ich werde nie wieder in Romanen oder Filmen einem Butler begegnen können, ohne mich zu fragen, wie gut er wohl mit dem Schwert ist. 😉 Überhaupt ist die Welt, die Janine Beacham da erschaffen hat, sehr atmosphärisch geworden. Ihre Stadt Yorke verfügt über eine wunderbar viktorianische Atmosphäre und es gibt sehr schöne Beschreibungen der verschiedenen Viertel und Geschäfte, der Katzenstatuen und all der anderen Dinge, die einem Ort Leben verleihen.

Die Prophezeiung rund um das Schicksal von Yorke, wenn die Katzen verschwinden und die Wächter versagen sollten, ist eigentlich das einzige „fantastische“ in der Geschichte. Aber sie zieht sich durch den gesamten Roman und ist ungemein wichtig für die (teilweise sehr düstere) Atmosphäre und dient als Vorausetzung für so viele Elemente. Als Ausgleich dazu gibt es sehr viele amüsante Szene – schließlich ist „Black Cats and Butlers“ immer noch ein Kinderbuch – rund um die verschiedenen Figuren und die Enthüllungen, die Rose während ihrer Ermittlungen macht. Ich mochte es sehr, wie Janine Beacham es geschafft hat, gleichzeitig dafür zu sorgen, dass ich mir Sorgen um Rose, mögliche weitere Opfer und die Stadt machte, während ich mich auf der anderen Seite wunderbar amüsierte und das Buch gar nicht aus der Hand legen wollte, weil ich mich damit so wohlfühlte und ich wissen wollte, was als Nächstes passiert. Sehr schön war es auch, dass ich – während ich sonst häufig bei „Kriminalromanen“ für Kinder die Auflösung schon lange vor Ende der Geschichte weiß – hier mehr als eine überraschende Wendung bezüglich der möglichen Täter und ihrer Motive erleben durfte. Ich freu mich sehr auf die zwei weiteren Romane mit Rose und den Butlern von Yorke und bin gespannt, wie viele Abenteuer diese ungewöhnliche Detektivin wohl noch erleben wird.

Jen Wang: The Prince and the Dressmaker (Comic)

„The Prince and the Dressmaker“ von Jen Wang ist mir in den letzten Monaten immer wieder in meiner englischen Timeline untergekommen und dann recht schnell auf die Merkliste gehüpft. Ende Juni habe ich den Comic dann überraschenderweise geschenkt bekommen und gleich gelesen. Die Handlung in „The Prince and the Dressmaker“ beginnt mit einem Ball, der zu Ehren des 16jährigen Prinzen Sebastian abgehalten wird. Da der Ball recht kurzfristig angekündigt wurde, stürmen die jungen Damen, die in Paris ihre Saison verbringen, die Modesalons, um sich ein neues Kleid anfertigen zu lassen. So bekommt die junge Schneiderin Frances die Chance, ein aufsehenerregendes Kleid für eine ungewöhnliche Kundin anfertigen zu können, welches dafür sorgt, dass Frances von Prinz Sebastian als seine neue Schneiderin angestellt wird.

Der Prinz ist nämlich – gerade aufgrund der Tatsache, dass das von Frances entworfene Kleid nicht den üblichen Konventionen entspricht – geradezu hingerissen von den frischen Ideen der jungen Schneiderin. Wie Frances schnell feststellt, hat Prinz Sebastian nicht nur ein Faible für Mode, sondern er zieht (phasenweise) auch gern Damenkleidung an. Dabei ist Sebastian sich vollkommen bewusst, was für ein Skandal es wäre, wenn herauskäme, dass er Cross-Dressing betreibt. Sein Leben wäre deutlich einfacher, wenn er sich in Frauenkleidern nicht so wohlfühlen würde, aber auf der anderen Seite hat er das Bedürfnis, mit den von Frances entworfenden Kleidern zumindest eine Zeitlang diese Facette seiner Persönlichkeit voll auszuleben.

Ich fand die Geschichte wunderschön erzählt, gerade weil die beiden Protagonisten nicht immer die klügste Entscheidung treffen. Anfangs ist es vor allem bezaubernd zu verfolgen, wie Sebastian und Frances über ihr gemeinsames Interesse für Mode Freunde werden. Für Sebastian ist es das erste Mal, dass er mit jemandem so offen über ein Thema reden kann, das ihm so am Herzen liegt, während Frances sich und ihre Ideen erstmals anerkannt fühlt. Doch natürlich ist so eine Freundschaft zwischen einem Prinzen und einer Schneiderin nicht so einfach – vor allem, wenn der Prinz als Thronerbe an seinen Ruf und seine Pflicht gegenüber seiner Familie denken muss. Frances hingegen will Sebastian unterstützen, aber sie ist auch nicht bereit, dafür auf Dauer ihr Licht unter den Scheffel zu stellen. Sie geht im Laufe der Geschichte so einige Kompromisse ein, um endlich auch öffentliche Anerkennung für ihrer Arbeit zu bekommen, nur um dann festzustellen, dass es nicht so einfach ist, unter diesen Umständen den eigenen Stil beizubehalten.

So schön und märchenhaft die Handlung war, so hätte ich mir hier und da etwas mehr „Umfeld“ für die Figuren gewünscht – gerade bei Frances hätte ich gern noch ein bisschen über ihre Vergangenheit, ihre Familie und ihren beruflichen Weg erfahren. Aber so richtig schlimm war es auch nicht, dass die Autorin nicht auf diese Aspekte eingegangen ist, denn umso intensiver nimmt man als Leser die Beziehung zwischen Frances und Sebastian wahr und freut sich darüber, dass beide endlich jemanden haben, der ihre Interessen teilt. Spannend war es auch zu verfolgen, wie Sebastian als „Lady Crystallia“ immer selbstsicherer auftrat und wie dieses neue Selbstbewusstsein stellenweise auch in seinem Alltag als Prinz hervorblitzte. Das Ende war ein etwas arg abgedrehtes, aber dafür auch sehr lustiges Happy End, womit „The Prince and the Dressmaker“ trotz des einen oder anderen kleinen Kritikpunkts eindeutig zur Wohlfühllektüre taugt.

Was den Zeichenstil von Jen Wang angeht, so finde ich ihn ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Die Zeichnungen sind – von der einen oder anderen Darstellung der Kleider abgesehen – relativ einfach gehalten. Es gibt nur selten wirklich nennenswerte Hintergründe und auch auf Schatten und Details hat Jen Wang in der Regel verzichtet. Wie schon bei der Charakterisierung der Nebenfiguren fallen bei Gestik und Mimik immer wieder bestimmte Stereotypen ins Augen, aber da die meisten dieser Figuren wirklich nur den Rahmen für die ansonsten wirklich hübschen Handlung bilden, konnte ich damit leben – auch wenn es natürlich schöner gewesen wäre, wenn jedes Panel die gleiche Aufmerksamkeit bekommen hätte wie die wunderschönen Kleider der Lady Crystallia.

Charlotte MacLeod: Madoc and Janet Rhys 5 – The Wrong Rite (Hörbuch)

„The Wrong Rite“ von Charlotte MacLeod ist die letzte Geschichte rund um Madoc und Janet Rhys. Inzwischen sind die beiden seit sechs Jahren verheiratet und haben eine acht Monate alte Tochter, die mitkommen durfte, als Janet und Madoc nach Wales fliegen, um den 90sten Geburtstag von Madocs Großonkel Sir Caradoc Rhys zu feiern. Während Janet sich etwas erschlagen von all den angeheirateten Verwandten fühlt, die sich zur Geburtstagsfeier versammeln, muss sich Madoc mit der Frage auseinandersetzen, wer in der alten Kapelle auf dem Anwesen ein Schaf geopfert haben könnte und was es mit dem Geist eines Druiden auf sich hat, der im Herrenhaus zu spuken scheint. Nachdem Madocs Verwandtschaft den Tod des Schafes noch zugunsten einer harmonischen Geburtstagsfeier vertuschen kann, kommt es am Abend des Festes zu einem ungewöhnlichen Todesfall, bei dem die örtliche Polizei nur zu gern den Mountie Madoc Rhys als zusätzlichen Ermittler heranzieht.

Wie so oft in ihren Romanen konzentriert sich Charlotte MacLeod auch in „The Wrong Rite“ erst einmal darauf, die beteiligten Personen – in diesem Fall Madocs walisische Familie – und die Umgebung näher vorzustellen. Insgesamt scheint der walisische Teil der Familie Rhys ein kunterbunter und sympathischer Haufen zu sein, auch wenn es natürlich – wie es sich nun einmal für Familienfeiern gehört – Personen gibt, die die Geduld der Anwesenden über das tolerierbare Maß strapazieren. Ich mochte an diesem speziellen Fall, dass Madoc theoretisch mit allen Beteiligten vertraut ist, sich aber im Laufe der Ermittlungen eingestehen muss, dass gemeinsame Kindheitserinnerungen und regelmäßig Treffen bei Familienfeiern nicht ausreichen, um einen Menschen wirklich gut zu kennen.

Wie immer bei einer Charlotte-McLeod-Geschichte habe ich den Humor und die vielen kleinen Szenen, in denen man die verschiedenen Charaktere besser kennenlernt, bei „The Wrong Rite“ sehr genossen. Obwohl sich der Anfang etwas hingezogen hat, weil dieses Mal nicht nur der Leser, sondern auch Janet Rhys all die Personen neu kennenlernte und es deshalb relativ viele erklärende Passagen in der Geschichte gab, habe ich auch diesen relativ langsamen Einstieg gemocht. Für mich reichten die diversen treffenden und nicht selten spitzen Bemerkungen während dieser erklärenden Absätze, um mich gut zu amüsieren und neugierig auf weitere Figuren und Szenen zu bleiben. Am Ende gibt es noch die eine oder andere unvorhersehbare Wendung in der Handlung, bis der Fall zufriedenstellend gelöst und alle Probleme der Beteiligten (natürlich von den Übeltätern abgesehen) beseitigt sind.

William Dufris hat auch dieses Hörbuch in seiner gewohnten Qualität gelesen. Ich musste mich ja beim ersten Hörbuch erst einmal an diesen Sprecher gewöhnen, bin aber inzwischen eigentlich sehr zufrieden mit seiner Art, eine Geschichte zu lesen. Allerdings muss ich schon anmerken, dass es bei „The Wrong Rite“ stellenweise überraschend schwierig, war die ganzen walisischen Rhys-Männer auseinanderzuhalten, weil der Sprecher sie alle (natürlich) mit demselben walisischen Akzent und der selben sanften Stimmlage ausgestattet hat. Was mich mal wieder sehr froh darüber sein ließ, dass Charlotte MacLeod oft genug die Namen der jeweiligen Personen einfließen ließ, dass ich trotzdem den Überblick bei den Dialogen behielt. Ich nehme nur ungern Abschied von Janet und Madoc Rhys, da ich die beiden Protagonisten und ihr Umfeld wirklich gern mag. Auf der anderen Seite bin ich nun auch neugierig auf die letzten mir noch unbekannten Geschichten von Charlotte MacLeod – mal schauen, wann es zeitlich klappt, dass ich mich auf die Ereignisse rund um den „Grub and Stakers“-Gartenclub einlassen kann.

Amanda Cross: Eine feine Gesellschaft (Kate Fransler 3)

Auch „Eine feine Gesellschaft“ von Amanda Cross (eigentlich Carolyn Heilbrun) gehört zu den Krimis, die ich gelesen habe, weil ich herausfinden wollte, ob mir diese Reihe noch gefällt. Da es keine Reihenangaben auf meinen dtv-Ausgaben gibt, habe ich einfach einen Band aus dem Regal gefischt, dessen Klappentext mich ansprach. Schließlich habe ich die Bücher früher mehrfach gelesen, so dass ich auch dann mit den Figuren und ihrer aktuellen Situation zurechtkomme, wenn ich nicht mit dem ersten Band anfange. Die Kriminalromane von Amanda Cross drehen sich alle um die Literaturprofessorin Kate Fransler, die gemeinsam mit ihrem Bekannten (bzw. späteren Ehemann) Reed Amhearst Fälle löst. All diese Fälle spielen im akademischen Milieu, und auf die Lösungen kommt Kate, während sie sich mit den verschiedenen Beteiligten unterhält (wobei in die Gespräche immer wieder literarische Anspielungen und Zitate eingeflochten werden).

Die Handlung von „Eine feine Gesellschaft“ spielt während der Studenten-Demonstrationen im Jahr 1968 (der Roman wurde 1970 erstveröffentlicht) und die Forderungen und Handlungen der Studenten haben die Universität, an der Kate Fransler lehrt, zutiefst erschüttert. Während die Verwaltung und der Lehrkörper noch versuchen, mit all den Veränderungen umzugehen, gibt es gleichzeitig eine Gruppierung unter den Professoren, die im Rahmen der Neuordnung auch das „University College“ abschaffen wollen. Dabei waren es gerade die Studenten des University College (wo ältere und in der Regel berufstätige Studenten Kurse belegen), die sich von den Unruhen ferngehalten und weiter ihre Lehrveranstaltungen besucht haben. Noch bevor dieser Konflikt geklärt werden kann, wird Professor Cudlipp – der Organisator dieser Abspaltungsbestrebungen – auf Kates Verlobungsparty ermordet.

Ich muss gestehen, dass ich eine Schwäche für „akademische“ Krimis habe, und die Zeit, in der die Autorin ihre Geschichte spielen lässt, sehr spannend finde. Auf der anderen Seite sind die Gespräche zwischen Kate und all den anderen Akademikern dank der vielen Anspielungen, Zitate und Abschweifungen häufig nicht gerade flüssig zu lesen. Vor allem ist Kate Fransler eine Anhängerin des Schriftstellers W. H. Auden, was zu einem sehr häufigen Zitieren und Verweisen auf seine Werke führt und stellenweise so gehäuft vorkommt, dass ich den Namen Auden irgendwann kaum noch sehen konnte. Da Carolyn Heilbrun selbst Professorin für englische Literaturwissenschaft war, habe ich mich zwischendurch gefragt, ob sie und ihre Kollegen sich Ende der 60er Jahre wirklich so unterhalten haben oder ob die Autorin die „unterhaltsame“ Überspitzung dieses intellektuellen Austauschs doch etwas übertrieben hat.

Auch gibt es stellenweise Bemerkungen, die ich heutzutage bei einem Autor deutlich kritisieren würde, weil ich sie als sexistisch oder abwertend empfinde, während sie hier amüsant sein sollen. Aber da ich hier das Gefühl habe, dass ich bei diesen Punkten auch die Zeit, in der der Roman geschrieben wurde, und den Stand der damaligen feministischen Debatte oder bei der Auseinandersetzungen mit anderen Kulturen in Betracht ziehen muss, kann ich diese Aussagen nicht so verdammen, wie ich es sonst tun würde. Vor allem, da im restlichen Text deutlich wird, dass Amanda Cross bei diesen Passagen eigentlich den traditionellen Universitätsbetrieb mit all seinem elitären Gehabe an den Pranger stellen und darauf aufmerksam machen will, dass auch solche Institutionen – bei aller Sentimentalität über den Reiz eines solchen geschützten Elfenbeinturms – dringend moderner, offener und gleichberechtiger werden müssen.

Trotz all dieser Kritik an den Dialogen, der Masse an Zitaten und einigen Ausdrücken muss ich zugeben, dass ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt habe. Ich mochte die verschiedenen Figuren – gerade weil so viele von ihnen so sehr von ihrem Spezialgebiet besessen sind, dass sie es in fast jedes Gespräch einfließen lassen. Mir gefiel die Selbstironie, mit der viele der Professoren über sich und ihr Fach redeten. Außerdem mochte ich das Verhältnis zwischen den verschiedene Personen inklusive der Offenheit, mit der auch schon mal zugegeben wurde, dass man sein Gegenüber nicht leiden kann. Dazu kommen noch unterhaltsame Elemente wie die subversiven Fahrstühle und ein ungewöhnlicher Fall, bei dem der Leser schon früh die verschiedenen Beteiligten und ihre Standpunkte kennenlernt. Dabei bleibt das Motiv lange Zeit ebenso undurchsichtig wie der Zeitpunkt, an dem die „Mordwaffe“ in den Besitz des Toten gekommen sein könnte, und man darf von diesem Roman am Ende keine klassische Auflösung des Falls erwarten. Nach diesem erneuten Lesen läuft mein Fazit darauf hinaus, dass Amanda Cross zwar nicht gerade zu meine Lieblings-Krimiautorinnen gehört, aber ihre Romane bleiben trotzdem noch eine Weile in meinem Regal, weil sie in meiner „Sammlung“ zu den einzigen ihrer Art gehören und ein interessantes Zeugnis ihrer Zeit darstellen.

G. A. McKevett: Nicht ohne meine Schokolade (Savannah Reid 1)

Als ich vor ein paar Tagen mein Krimiregal nach lange nicht gelesenen Romanen durchsuchte, bin ich über „Nicht ohne meine Schokolade“ von G. A. McKevett gestolpert und musste mir eingestehen, dass ich mich so gut wie gar nicht mehr an den Inhalt des Buches erinnern konnte. Was ganz eventuell daran liegt, dass ich diesen Band vermutlich zuletzt vor fünfzehn Jahren in der Hand hatte und diese Sorte 90er-Jahre-Krimis sich doch etwas ähnelt. Weil ich eh Lust auf einen Krimi hatte, schien mir der Zeitpunkt perfekt, um den Roman zu lesen und so endgültig zu entscheiden, ob er (mitsamt dem Folgeband) im Regal stehen bleiben darf.

Die Geschichte spielt in Südkalifornien und wird aus der Perspektive von Savannah Reid – einer echten Südstaatenlady – erzählt. Savannah ist eine Polizistin mit langjähriger Erfahrung und einem Arbeitspartner namens Dirk, dessen Macken und Stärken sich gut mit ihren ergänzen. Umso überraschter ist Savannah, als ihr Vorgesetzter sie alleine auf einen Fall ansetzt, bei dem es sich um den Mord an dem Modedesigner Jonathan Winston handelt. Schon früh findet Savannah raus, dass die von ihr sehr bewunderte Ehefrau des Opfers, Stadträtin Beverly Winston, ein gutes Motiv gehabt hätte, um ihren Mann zu töten. Die Stellung der Verdächtigen führt dazu, dass der Polizeichef Norman Hillquist die Ermittlungen nicht ganz so professionell wie gewohnt leitet und stattdessen lieber übereilt Jonathan Winstons Hausmeister zum Verdächtigen Nr. 1 erklären möchte.

Aber natürlich ist die untreue Ehefrau nicht die einzige Person, die ein Motiv gehabt hätte, um Jonathan Winston umzubringen. Schnell entdeckt Savannah weitere Verdächtige, die nicht gut auf den Verstorbenen zu sprechen waren, und eine Frau, die hoffte, vor ihr läge eine gemeinsame Zukunft mit Jonathan. Ich mag es sehr, wie G. A. McKevett die Handlung in einer Mischung aus beruflichen und privaten Elementen rund um Savannah erzählt und wie die Autorin Verdächtige schafft, mit denen man auf der einen Seite Mitleid hat, obwohl man sich auf der anderen Seite genügend Gründe vorstellen könnte, warum sie den Mann umgebracht haben. Ein bisschen hat mich das Ganze an eine „Columbo“-Folge erinnert, wo häufig die sympathischsten Figuren (und die, mit denen Columbo sich überraschend gut versteht) zu den Hauptverdächtigen gehören und wo die Handlung eher ruhig und personenbezogen erzählt wird – nur dass man hier nicht von Anfang an weiß, wer der Täter ist.

Der Fall an sich ist solide konstruiert, auch wenn Savannah ohne Hilfe und Tipps wohl nicht so schnell auf die Lösung gekommen wäre. Aber man hat als Leser denselben Wissenstand wie die Ermittlerin, und G.A. McKevett hält meiner Meinung nach gut die Balance zwischen einigermaßen realistisch wirkender Ermittlungsarbeit und unterhaltsamen Szenen, die dafür sorgen, dass das Ganze nicht trocken wird. Ich mochte die Figuren sehr gern, weil ich sie als überraschend realistisch für so einen unterhaltsamen Kriminalroman empfinde und weil nicht alle Personen in dem Buch schön, sportlich, schlank und perfekt sind. Savannah ist eine Frau mit Rundungen, die sich regelmäßig Kuchen und Ähnliches gönnt, ohne dass sich die Autorin genötigt sah zu erwähnen, dass das ungesund ist oder dass die Figur aber sonst so diszipliniert ist – etwas, was mich ja regelmäßig bei aktuelleren Krimis die Wände hochtreibt.

Außerdem empfindet Savannah etwas für ihren Partner Dirk, doch das ist nicht die große Romanze, keine Liebe auf den ersten Blick, und er ist kein muskelbepackter Adonis. Sie kennen sich durch die jahrelange Zusammenarbeit sehr gut und mögen sich trotz ihrer jeweiligen Macken – was sie so vertraut miteinander umgehen lässt, als wären sie schon längst ein Paar. Aber die Tatsache, dass eine Romanze zwischen zwei Kollegen sehr schwierig wäre und ihnen beiden die Arbeit wichtiger ist als eine eventuelle Beziehung, sorgt dafür, dass diese Zuneigung eigentlich nur hier und da mitschwingt und in der Geschichte – im Gegensatz zu meiner Rezension – keinen großen Raum einnimmt. Es ist erschreckend, wie angenehm ich das nach all den „Liebesromanen mit Mini-Krimianteil“, die als Cozies vermarktet werden, finde. Da habe ich dann auch kein Problem, dass sich Savannah im letzten Drittel des Romans von einem Mann hinreißen lässt, weil er gut erzogen und sehr attraktiv ist.

Einzig die Tatsache, dass es an Savannahs Arbeitsplatz so erschreckend „politisch“ zugeht, hat mich gestört. Ihr direkter Vorgesetzter will seinen Aufstieg innerhalb der Polizei beschleunigen, der Polizeichef scheint in den Fall verwickelt zu sein und gemeinsam legen sie Savannah nicht nur Steine in den Weg. Es kommt so weit, dass ihr Beweismittel aus der Hand genommen werden, ihr wird mit Konsequenzen gedroht, wenn sie „ganz normal“ ihren Job macht, statt nach der Pfeife dieser Männer zu tanzen, und so etwas lese ich einfach nicht gern. Polizisten in Romanen müssen nicht alle nett und anständig sein, aber ich hätte in der Geschichte zu gern jemanden gesehen, der einen höheren Rang als Savannah bekleidet und ihr bei ihren Ermittlungen zur Seite steht, weil da ein Mord begangen wurde und es eben wichtig ist, den Täter zu finden. Aber insgesamt ist „Nicht ohne meine Schokolade“ ein wirklich netter Cozy, und auch wenn ich mir keine weiteren Teile davon besorgen muss, werde ich diesem Roman (und die Fortsetzung „Mit Schirm, Charme und Schokolade“) weiterhin einen Platz in meinem Regal einräumen.

George Baxt: Mordfall für Tallulah Bankhead

Von George Baxt habe ich mehrere Kriminalromane in meinem Regal, die unterhaltsame (und natürlich fiktive) Geschichten rund um berühmte Persönlichkeiten erzählen. Ich weiß nicht, ob George Baxt wirklich alle diese Personen gekannt hat, aber die Tätigkeit des Autors als Agent für Schauspieler und später als Drehbuchverfasser haben ihn auf jeden Fall in denselben Kreisen verkehren lassen wie die von ihm als Protagonisten verwendeten Personen. Außerdem konnte George Baxt laut seinem Nachwort für diese Romane nicht nur auf seine eigenen Erinnerungen, sondern auch auf andere Quellen zurückgreifen – unter anderem die nichtveröffentlichte Biografie von Jean Muir.

Alles in allem spürt man meiner Meinung nach beim Lesen von „Mordfall für Tallulah Bankhead“, dass er die Personen, den Ton in ihren Kreisen und natürlich die Zeit der McCarthy-Ära direkt miterlebt hat. Wobei George Baxt sich in diesem Krimi auch ein kleines Denkmal gesetzt hat, indem er sich als Agent diverser vorkommender Figuren selbst in die Geschichte eingebaut hat. Oh, und vom Veröffentlichungsdatum her ist „Mordfall für Dorothy Parker“ der erste Band (und in dem später spielenden „Mordfall für Tallulah Bankhead“ wird auch der Täter aus dem ersten Roman verraten), weshalb es sich anbietet, mit „Dorothy Parker“ zu starten, wenn man die Krimis ausprobieren will. Ich habe nur zu „Tallulah Bankhead“ gegriffen, weil mir der Band als erstes in die Finger fiel, als ich meinen Krimibestand durchsah, und weil ich die Geschichte in ebenso guter Erinnerung hatte wie „Dorothy Parker“.

„Mordfall für Tallulah Bankhead“ beginnt mit dem Selbstmord der Tänzerin Nance Liston – einer von vielen Todesfällen unter Künstlern während der McCarthy-Ära, mit denen die verbleibenden Kollegen neben all ihren eigenen Sorgen rund um ihre Zukunft fertig werden müssen. Als weitere in New York lebende Künstler, die auf der „Schwarzen Liste“ stehen, sich das Leben nehmen, scheint es einem unbekannten Mörder zu reichen. Er rächt sich für das Unglück, das die Denunzianten mit ihren Aussagen vor den Ausschüssen des HUAC (House Committee on Un-American Activities) angerichtet haben, indem er ihnen nach dem Leben trachtet. Tallulah Bankhead wird dabei in die Ermittlungen verwickelt, weil sie auf der einen Seite versucht, so viele geächtete Künstler wie möglich in ihrer Radiosendung unterzubringen, um den Freunden und Kollegen zumindest ein kleines Auskommen zuschießen zu können, und auf der anderen Seite die Bekanntschaft von Detective Jacob Singer macht, der mit der Suche nach dem Mörder beauftragt ist. So ist Jacob Singer für die methodische Polizeiarbeit in der Geschichte wie Recherchen, Verhöre und Kriminaltechnik zuständig, während Tallulah scheinbar ziellos von einem Bekannten zum nächsten flattert, um möglichst viel über die Verstorbenen und mögliche Verdächtige in Erfahrung zu bringen.

Ein Grund, warum ich diese Romane so gern lese, sind die wundervollen Dialoge und Charaktere, die direkt aus einem der alten (Schwarzweiß-)Filme stammen könnten, die ich so sehr mag. Dazu kommen noch all die vielen Nebenfiguren, die trotz ihrer kurzen Auftritte einen bleibenen Eindruck hinterlassen und bei denen ich mir nie sicher bin, ob der Autor da reale Personen aus dem Film- oder Theatermileu aufgreift oder nicht. Das bringt mich dann immer wieder dazu, sehr viel Zeit mit Recherchen über schon längst verstorbene Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren, ihr Leben, ihre Filme/Stücke und Ähnliches zu verbringen. Ich mag es, wenn ein Roman mich dazu animiert, dass ich mich neben dem Lesen der Geschichte mit den Figuren und der Zeit beschäftige, in denen die Handlung spielt. Und nicht zuletzt spricht für diese Kriminalromane, dass George Baxt jedes Mal wieder unterhaltsame und solide Fälle konstruiert, die in ihre Zeit und zu den verwendeten Charakteren zu passen scheinen.

Wenn jemand von euch nun auch Lust auf diese Krimis hat, so gibt es viele der damals auf Deutsch veröffentlichten Titel noch sehr günstig gebraucht zu kaufen. Da mir (wie ich inzwischen feststellen konnte) auch noch ein paar der Original-Bände fehlen, werde ich mich in den nächsten Wochen auch auf die Jagd danach machen. Ich freue mich jetzt schon darauf, dass ich in Zukunft noch ein paar Geschichten von George Baxt vor mir habe, die ich noch nicht kenne. Oh, und wer vielleicht an der Zeit und dem Erzählstil, aber weniger an Geschichten mit „berühmten Personen“ interessiert ist, der könnte mal nach den Krimis rund um den Privatdetektiv Pharoah Love Ausschau halten. Angeblich war Pharoah Love der erste schwule (schwarze) Protagonist eines Kriminalromans, als George Baxt 1966 „A Queer Kind of Death“ – „Pharoah Love und die Badewanne des Todes“ – veröffentlichte. Ich muss allerdings gestehen, dass mich Pharoah Love in den 90ern nicht so sehr packte, dass ich mir nach dem Auftaktband die weiteren Teile angeschafft hätte.

Lydia Adamson: Eine Katze kommt selten allein (Alice Nestleton 1)

„Eine Katze kommt selten allein“ von Lydia Adamson ist der erste Band der Alice-Nestleton-Reihe, von der ich gerade mal sieben (von im englischsprachigen Original zweiundzwanzig) Bänden im Regal stehen habe. Meine Ausgabe dieses Romans ist 1995 bei Aufbau Verlag erschienen, eine (eBook-)Neuauflage der Bücher gab es im vergangenen Jahr. Lustigerweise finde ich das Cover meiner Ausgabe nirgendwo online, sondern nur eins, das nicht zu den weiteren Fortsetzungen passt, die damals erschienen sind – da wüsste ich schon gern mehr über die verschiedenen Veröffentlichungen. Auf jeden Fall hatte ich die Romane immer in guter Erinnerung behalten und wollte jetzt beim Regaleinräumen sicherstellen, dass ich die Krimis wirklich weiterhin behalten möchte.

Schon beim ersten Lesen fand ich es etwas seltsam, dass die Protagonistin Alice Nestleton ständig mit ihren Katzen von einem Ort zum nächsten wandert, um dort als Haus- und/oder Catsitterin zu wohnen. Wobei das immerhin erklärt, wie sie es sich als nicht gerade erfolgreiche Schauspielerin mit einer Schwäche für Avantgarde-Theater eine Wohnung in New York leisten kann. Ihre Katzen scheinen diesen ständigen Ortswechsel erstaunlich gut mitzumachen, obwohl der eine Kater superängstlich sein soll – alle meine Katzen (abgesehen von Baltimore in seinen jüngeren Jahren) hätten so viel Unruhe nicht besonders gut aufgenommen. Aber nun gut, irgendwie muss die Autorin ihre Figur ja von einer „Ermittlungssituation“ in den Romanen zur nächsten bringen. In „Eine Katze kommt selten allein“ soll Alice einen jedes Jahr wiederkehrenden Catsitterjob übernehmen und auf dem Hof des älteren Ehepaars Jo und Harry Starobin ihre acht Himalaya-Katzen für zwei Wochen versorgen. Doch als Alice am Bahnhof ankommt, gibt es von Harry keine Spur – stattdessen findet sie ihn wenig später ermordet in dem Cottage, in dem sie auf dem Hof wohnen sollte.

Während die Polizei davon ausgeht, dass die Mörder es eigentlich auf Wertsachen abgesehen haben mussten, da das gesamte Haus verwüstet wurde, beteuert Jo, dass weder sie noch ihr Mann jemals Wertsachen besessen hätten. Um dahinterzukommen, warum Harry so grausam ermordet wurde, bittet sie Alice, mit ihr zusammen Harrys Unterlagen durchzusehen. Alice hingegen findet das Verhalten des Stallmädchens verdächtig, ebenso wie fast alle anderen Personen, denen sie in den kommenden Wochen begegnet. Dabei schwankt das Verhalten der Protagonistin von spontaner Abneigung über ebenso spontanen Hass bis zu dem recht sachlichen Eingeständnis, dass sie mit einem der Beteiligten gern ins Bett gehen würde (vor allem, weil der letzte Sex schon so lange her ist). Ich muss gestehen, dass ich nicht weiß, wie ich früher die Eigenarten von Alice einfach so hinnehmen konnte. Eine gewisse Exzentrik und Konzentration auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf andere kann ich bei einer Schauspielerin hinnehmen, aber ihre Stimmungswechsel hat Lydia Adamson für mich nicht nachvollziehbar dargestellt und ihre schnellen Urteile über andere Menschen fand ich auch eher anstrengend zu lesen.

Ebenso ist der Fallaufbau – inklusive der absurden Auflösung bezüglich des Täters – nicht gerade überzeugend. Dick Francis hätte aus der Idee vielleicht einen spannenden Kriminalroman gemacht, aber hier war ich am Ende eher frustriert. Es ist schade, dass ich mit einer Reihe, die ich doch in guter Erinnerung hatte, heute anscheinend überhaupt nichts mehr anfangen kann. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich inzwischen kritischer geworden bin, bestimmte Eigenarten bei Personen, aus deren Perspektive ich die Handlung erzählt bekomme, nicht mehr leiden kann oder einfach inzwischen so viele bessere Cozies gelesen habe, aber von „Eine Katze kommt selten allein“ war ich beim erneuten Lesen wirklich enttäuscht. Bleibt mir nur ein tröstlicher Gedanke, um über dieses Leseerlebnis hinwegzukommen: Ich habe nach dem Aussortieren dieser sieben Romane wieder ein bisschen mehr Platz im Regal für Bücher, die ich auch nach all den Jahren (mindestens) ebenso genießen kann wie beim ersten Lesen.

Vicki Grant: 36 Fragen an dich

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „36 Fragen an dich“ von Vicki Grant gestolpert bin. Ich weiß aber noch, dass ich das Buch nach dem Lesen einer Rezension spontan in der Bibliothek vorgemerkt hatte, in der Hoffnung, dass mir da eine „nette“ Geschichte erzählt wird. Die Grundidee basiert auf einem Experiment mit dem Titel „The Experimental Generation of Interpersonal Closeness: A Procedure and Some Preliminary Findings“, das von Arthur Aron entwickelt wurde und davon ausgeht, dass es möglich ist, dass sich zwei Menschen sehr nahe zu kommen (bzw. sich verlieben), wenn diese zwei Menschen einander 36 vorgegebene Fragen so ehrlich wie möglich gegenseitig beantworten. Wer mehr dazu wissen will, kann gern einmal online nach dem Experiment suchen, da findet man in diversen Artikeln auch alle Fragen und Details zum Experimentaufbau aufgeführt.

In „36 Fragen an dich“ erzählt Vicki Grant nun die Geschichte zweier fiktiver Experimentteilnehmer, die von ihrer Art und Herkunft unterschiedlicher nicht sein könnten. Hildy (eigentlicht Hilda, aber den Namen mag sie nicht) kommt aus einem Akademikerhaushalt, hat lauter musische Extrafächer belegt, wirft mit Fremdwörtern um sich und versucht, sich jederzeit korrekt zu verhalten. Paul hingegen hat die Schule vorzeitig abgebrochen, wirkt geldgierig (die Geldprämie ist der einzige Grund, warum er an der Studie teilnimmt) und abweisend und macht sich regelmäßig über Hildys Gedanken und Gefühle lustig. Aber natürlich hat jeder der beiden Probleme und deutlich mehr Tiefgang, als man auf den ersten Blick annehmen soll, und je besser sie sich kennenlernen, desto mehr mögen sie sich.

Ich hatte gar keine so großen Erwartungen an die Geschichte gesetzt, wollte nur eine nette und unterhaltsame Lektüre für einen viel zu heißen Nachmittag und dann habe ich mich beim Lesen ständig geärgert. Vicki Grant nimmt zwei klischeeüberfrachtete Achtzehnjährige, garniert Hildys Leben mit einem besten schwulen Freund und einer Freundin, deren einzige Charakterisierung darin besteht, dass sie 1. bei einem Cafébesuch nur ein halbes Croissant isst und 2. in einen Straßenmusiker verknallt ist, und mischt das Ganze noch mit zwei von Anfang an vorhersehbaren Dramen im Leben der Protagonisten. Für mich war die Geschichte zu absehbar, zu sehr künstlich gestreckt durch die 36 Fragen (das gegenseitige Kennenlernen habe ich in anderen Romanen schon deutlich glaubwürdiger und unterhaltsamer gelesen) und die Hälfte der Zeit hätte ich Hildy gern aus den unterschiedlichsten Gründen heraus geschüttelt.

Einer der Gründe ist, dass sie ständig Paul berichtigt, seine Rechtschreibung verbessert und darauf besteht, dass er nicht flucht, dass sie aber – trotz all ihrer „politisch korrekten“ Verhaltensweise – seine abweisende und verschlossene Art als „maskulin“ bezeichnet, während er auf einmal – laut ihrer Wortwahl – seine „feminine Seite“ zeigt, wenn er über Gefühle redet. Eine junge Frau, die sich mit allen möglichen Themen auseinandersetzt, die sich angeblich für diverse gute Zwecke einsetzt und die einen „schwulen besten Freund“ hat, sollte meiner Meinung nach schon mal darüber nachgedacht haben, dass dieses Schubladendenken von den „emotionalen Frauen“ und den „zurückhaltenden, introvertierten“ Männern gefährlicher und schädlicher ist als ein spontanes Schimpfwort. Aber Hildy wiederholt trotz ihres Beteuerns, wie wichtig ihr die Rolle der Frau und Feminismus sei, regelmäßig ihre ungute Wortwahl, und sie findet Pauls „maskuline Art“ total cool, obwohl sie doch sonst angeblich so ein aufmerksamer und nachdenklicher Mensch ist.

Paul selbst ist als Figur ganz in Ordnung (was auch daran liegt, dass man von ihm nur seine Dialoge mit Hildy mitbekommt) und ich mochte die kleinen Zeichnungen, die immer wieder im Buch zu finden waren, weil Paul bei Gesprächen nebenbei „kritzelt“, um seine Stimmung und seine Gedanken auszudrücken. Auch die letzten Kapitel waren eigentlich nett zu lesen inklusive des großen Missverständnisses und der daraus folgenden Bemühungen Hildys, alles wieder gutzumachen. Aber ich muss zugeben, dass ich an diesem Punkt schon so grummelig wegen der klischeeüberfrachteten Handlung und der Vorhersehbarkeit all der „überraschenden“ Wendungen und Enthüllungen war, dass ich mich darauf gar nicht mehr einlassen konnte. Mir ist bewusst, dass ich bei einem Jugendbuch nicht zur eigentlichen Zielgruppe gehöre, aber das ändert nichts daran, dass ich mir bei einer solchen Geschichte eine sympathische Erzählstimme, amüsante Dialoge oder zumindest die eine oder andere überraschende Wendung wünsche.

Keigo Higashino: Unter der Mitternachtssonne

„Unter der Mitternachtssonne“ von Keigo Higashino ist in diesem Jahr in Deutschland erschienen, wobei das Original schon 1999 in Japan veröffentlicht wurde. Die Handlung in diesem Kriminalroman zieht sich über fast zwanzig Jahre hin und beginnt im Jahr 1973, als der Pfandleiher Yosuke Kirihara ermordet wird. Anfangs verfolgt der Leser die Ermittlungen in diesem Mord aus der Sicht des Kommissars Sasagaki, aber im Laufe des Romans erlebt man die Handlung aus vielen verschiedenen Perspektiven. Diese Perspektivwechsel waren für mich anfangs gewöhnungsbedürftig, vor allem, da ich mich immer fragte, ob ich der Person schon mal im Laufe der Geschichte begegnet bin und mich nur nicht erinnern kann oder ob das jetzt ein neu eingeführter Charakter war. (In der Regel war Letzteres der Fall und ich hätte einfach weiterlesen können, weil man die neue Figur in den meisten Kapiteln schnell in der Gesamthandlung unterbringen konnte.)

Schon früh steht fest, dass der Mord an Yosuke Kirihara nicht so einfach zu klären ist. Es gibt einige Verdächtige, aber entweder lässt sich kein ausreichendes Motiv ermitteln oder die Alibis der Verdächtigen können nicht erschüttert werden. Außerdem ist sich Kommissar Sasagaki sicher, dass ihm irgendein wichtiger Aspekt im Leben des Yosuke Kirihara entgangen ist bzw. nicht von seinen Familienmitgliedern und Bekannten erwähnt wurde, der ihn auf die richtige Fährte hätte bringen können. All diese Ungereimtheiten sorgen dafür, dass der Fall Kommissar Sasagaki auch in den kommenden Jahren nicht loslässt. Und auch den Leser, der – nicht nur dank des unglücklich formulierten deutschen Klappentextes – schon früh einen Verdacht bezüglich des bzw. der Täter hat, beschäftigt die Durchführung dieses ersten Verbrechens bis zum Ende des Romans. Wie so oft bei Keigo Higashino befasst man sich als Leser weniger mit der Frage, wer eine Tat begangen hat, sondern damit, wie genau der Mord verübt wurde und wie die Spuren verwischt wurden, die zur Überführung des Verbrechers hätten führen können. Dabei geht der Autor in diesem Roman sogar noch ein Stück weiter als in den anderen bisher von ihm übersetzten Titeln und lässt den Leser den weiteren Weg der betreffenden Personen verfolgen.

So spielt Keigo Higashino über den Großteil des Buches sehr schön mit dem, was man als Leser über diese Personen weiß, und dem, was die Charaktere, aus deren Perspektive man den entsprechenden Abschnitt liest, über sie denken. So wird die Spannung in „Unter der Mitternachtssonne“ weniger durch die Frage erzeugt, wie die Verdächtigen am Ende vielleicht doch noch überführt werden, sondern wie viele Leben sie auf ihrem weiteren Weg noch zerstören und zu welchen Mitteln sie greifen, um ihre Pläne zu verwirklichen. Gerade wenn man diese Passagen aus der Sicht einer Person liest, die in einem der Verdächtigen einen Freund sieht, bangt man schnell um das weitere Schicksal dieses – häufig recht jungen und naiven – Charakters. Dabei sorgt der zurückhaltende Erzählstil des Autors dafür, dass man selbst beim Lesen der wirklich dramatischen Ereignisse weniger emotional betroffen ist, als dass man fasziniert ist von den Wendungen, die die Geschichte nimmt, und den skrupelosen Methoden, die immer wieder angewandt werden.

Trotz dieser relativ großen Distanz zu den Charakteren gefällt es mir immer wieder, wie Keigo Higashino Menschen darstellt. Seine Figuren sind selten schwarz-weiß gezeichnet, sondern Personen mit Stärken und Schwächen, mit Ängsten, die ihr Handeln bestimmen, und mit Wünschen und Träumen, die man als Leser nachvollziehen kann. Doch bei „Unter der Mitternachtssonne“ beweist der Autor nicht nur ein gutes Händchen für die Charaktere, sondern auch für all die Elemente, die so typisch für ihre jeweilige Zeit sind. Im Laufe der Kapitel erlebt man als Leser (noch einmal) die technische, politische, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung von 1973 bis 1992 mit, während sich zum Beispiel eine Gruppe von Schülern über einen Kinofilm unterhält, ein Spieleentwickler sich Gedanken über das Copyright macht oder ein Liebhaber seine Frau nicht verlässt, weil er das während des Wirtschaftsbooms gekaufte Apartment nicht ohne das Geld ihres Vaters abbezahlen kann. Dieses gekonnte Einfangen des jeweiligen Zeitgeists hat für mich bei „Unter der Mitternachtssonne“ einen fast ebenso großen Anteil am Lesevergnügen gehabt wie die sich über beinahe zwanzig Jahre hinziehenden und überraschend detailliert erzählten Folgen des Mordes an dem Pfandleiher. Ich weiß nicht, ob Keigo Higashino weitere Romane von diesem Umfang und dieser Komplexität geschrieben hat, aber wenn dies der Fall sein sollte, dann hoffe ich sehr, dass davon noch mehr ins Deutsche übersetzt werden.