Kategorie: Rezension

Laura Powell: The Lost Island (Silver Service Mystery 2)

Nachdem mir „The Last Duchess“ von Laura Powell im Januar so gut gefallen hatte, habe ich mir zeitnah zum Erscheinungsdatum die Fortsetzung „The Lost Island“ besorgt und gelesen. Obwohl die Protagonistin Pattern nach ihren Abenteuern im ersten Band der Serie finanziell gut abgesichert ist und sich keine Gedanken mehr über ihren Platz in der Gesellschaft machen müsste, hat sie sich dem „Silver Service“ verpflichtet. Der Silver Service ist eine Ermittlungsagentur, die sich darauf spezialisiert hat, ihre Mitarbeiter als Bedienstete einzuschleusen, um verdächtige Vorfälle mit vermutlich magischem Hintergrund zu lösen. Ihr erster Auftrag führt Pattern als drittes Hausmädchen in den Haushalt von Lady Cecily Hawk, wo sie herausfinden soll, was im vergangenen Jahr auf dem Besitz der Lady mit dem Mündel von Sir Whitby passiert ist und warum sich keiner der damals anwesenden Gäste an Details zu ihrem Aufenthalt erinnern kann.

Ich hatte Pattern ja schon in „The Last Duchess“ ins Herz geschlossen, aber in „The Lost Island“ gefiel sie mir noch besser. Hier ist sie nicht nur selbstbewusst bezüglich ihrer Fähigkeiten als Dienstmädchen, sondern sie wird auch gut ausgerüstet und bewaffnet mit vielen wertvollen Informationen auf ihren ersten Fall im Auftrag des Silver Service angesetzt. Nach all den Abenteuern in Elffinheim ist Pattern bereit für weitere magische Auseinandersetzungen, denn egal, wie anstrengend ihre Tage als drittes Hausmädchen bei Lady Hawk sind, sie freut sich über die neue Herausforderung und all die ungewöhnlichen Dinge, denen sie auf der verlorenen Insel begegnen wird. Dabei ist es Pattern durchaus bewusst, dass ihre Tätigkeit gefährlich ist und dass auf ihren Schultern die Verantwortung für die Sicherheit der gesamten Gesellschaft liegt. Am Ende dauert es dann doch eine ganze Weile, bis Pattern dahinterkommt, was auf der Insel schiefläuft und auf welche Weise die Magie der Lady Hawk funktioniert. Schließlich wäre es nicht so unterhaltsam zu lesen, wenn Pattern problemlos mit all den Herausforderungen umgehen könnte. Doch glücklicherweise steht ihr einer ihrer neuen Kollege zur Seite, der sich ebensowenig von der Magie der Insel einwickeln lässt wie sie.

Neben Patterns Entwicklung, den üblichen Beschreibungen des Dienstbotenalltags in einem solch herrschaftlichen Haus und all den kleinen zwischenmenschlichen Elementen, die nun einmal dazugehören, wenn so viele Personen auf so begrenztem Raum zusammenarbeiten müssen, hat mich vor allem die Insel fasziniert. Von Anfang an steht fest, dass Cull Island keine normale felsige Insel vor der walisischen Küste sein kann. Nicht nur gibt es ungewöhnlich viele südländische Fruchtbäume auf der Insel, sondern auch die Jahreszeiten scheinen ein wenig durcheinander zu sein, so dass man auf der einen Seite blühende Schneeglöckchen und auf der anderen Seite reife Zitrusfrüchte pflücken kann. Auch nimmt sich Laura Powell viel Zeit, um die Landschaft und die Gartengestaltung – inklusive all der ungewöhnlichen Statuen – zu beschreiben, was einen nur noch neugieriger darauf macht, hinter das Geheimnis der Insel und ihrer Besitzerin zu kommen.

Obwohl ich schon früh einen Verdacht hatte, wohin der eine oder andere vermisste Verehrer von Lady Hawks Tochter verschwunden war, hat mich der Einfallsreichtum der Autorin am Ende doch überrascht. Nach dem eher dezenten Einsatz von Magie im ersten Band greift Laura Powell in „The Lost Island“ tief in die Mythologie-Kiste und erschafft eine Geschichte voller Verzauberungen und klassischer Herausforderungen, die ich einfach nur wundervoll, amüsant und spannend zu lesen fand. Ich hoffe sehr, dass Pattern noch so einige Aufträge für den Silver Service annimmt und dabei ebenso unterhaltsame Abenteuer erlebt wie in diesem Teil der Reihe.

Dorothy Cannell: Die dünne Frau (Ellie Haskell 1)

Anfang der 1990er erschien „Die dünne Frau“, der erste Ellie-Haskell-Roman von Dorothy Cannell, auf Deutsch und wenig später hatte ich damals die Reihe für mich in der Bibliothek entdeckt. Dass mich diese amüsanten Krimis schon damals nicht vollkommen überzeugt haben, kann ich schon allein daran festmachen, dass ich mir den ersten Teil irgendwann einmal gebraucht gekauft habe. Hätte ich den Titel unbedingt haben wollen, hätte ich mir das Buch direkt bei meinem Buchhändler bestellt. Allerdings finde ich die Handlung auch heute noch unterhaltsam genug, dass ich mit den Eigenheiten der Protagonistin Ellie leben und mich beim Lesen gut amüsieren kann. Ellie ist siebenundzwanzig Jahre alt, Innenarchitektin und dick – letzteres beherrscht ihr Leben so sehr, dass sie seit zwei Jahren zu keinem Familientreffen gegangen ist, weil sie sich neben ihrer dünnen und schönen Cousine Vanessa wie eine hässliche Versagerin fühlt.

Als nun eine schriftliche Einladung von ihrem Großonkel Merlin eintrifft, beschließt Ellie, dass sie sich für diesen Termin einen attraktiven Mann bei „Kultivierte Herrenbegleitung“ mieten muss, um genügend Selbstbewusstsein für das Zusammentreffen mit dem Rest der Familie zusammenkratzen zu können. So richtig gut läuft es dann trotz des angemieteten (angehenden) Autors Bentley „Ben“ Haskell nicht, aber trotzdem hat dieses Familientreffen zur Folge, dass Ellie und Ben im Testament des wenige Wochen später verstorbenen Großonkel Merlins bedacht werden. Genau genommen sieht das Testament vor, dass die beiden sechs Monate lang in dem alten und vernachlässigten Herrenhaus von Großonkel Merlin leben. Während dieser Zeit muss Ben ein (nichtpornografisches!) Manuskript beenden, während Ellie testamentarisch dazu gezwungen wird, 30 Kilo abzunehmen – außerdem müssen die beiden gemeinsam ein Geheimnis lüften, das ihnen Großonkel Merlin hinterlassen hat.

Ich muss gestehen, dass ich immer wieder amüsiert darüber bin, dass sich diese Art von „Kriminalroman“ im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert hat. Abgesehen von den beschriebenen Frisuren, Einrichtungsgegenständen und Kleidern scheint sich im Bereich der „unterhaltsamen und gewaltfreien Frauenkrimis“ nicht viel zu bewegen. Dabei wäre ich so froh, wenn nicht so viele Autorinnen eine Protagonistin wählen würden, deren Gedanken sich ständig um ihre Figur drehen. Ellie (und ein Großteil ihrer Umgebung) denkt nur über ihr Übergewicht nach und darüber, wie sie an die nächste Mahlzeit kommt. Ich bin mir relativ sicher, dass die Menschen in ihrem Umfeld gar kein so großes Problem mit ihren Pfunden hätten, wenn sie nicht ständig selbst darauf aufmerksam machen würde. Die Masse an „ich bin hässlich und wenig liebenswert, weil ich so dick bin“-Bemerkungen wäre unerträglich, wenn nicht zwischendurch immer wieder sympathische Nebenfiguren, skurrile Momente mit anderen Personen oder – zumindest bei der Protagonistin – doch so etwas wie Interesse für andere Menschen oder Ellies Arbeit auftauchen würden.

Diese Aspekte sind es dann auch, die dafür gesorgt haben, dass ich nicht nur „Die dünne Frau“ unterhaltsam fand, sondern mir damals auch noch weitere Bände der Reihe besorgt habe. Solange ich mich auf die Handlung und weniger auf Ellies Selbstsicht konzentriere, fühle ich mich sehr wohl mit der gemischten Gemeinschaft, die sich im Laufe der Zeit in dem alten Herrenhaus sammelt. Neben Ellie und Ben (die theoretisch von Anfang an ein Paar hätten sein können, wenn sie nur einmal über ihre Gefühle geredet hätten) gehören noch Dorcas (eine energische ehemalige Sportlehrerin) und Jonas (der ca. 70jährige Gärtner des Anwesens) zum Haus. Dazu kommen die diversen Verwandten, die immer wieder in der Nähe des Anwesens auftauchen und die zwar nicht sympathisch sind, aber für die eine oder andere amüsante Szene sorgen, der gutaussehende Pfarrer, der doch nur hilfreich sein will, und diverse Bewohner des naheligenden Städtchens, die alle ihre ganz eigene Meinung über das Herrenhaus und dessen aktuelle und frühere Bewohner haben.

Außerdem gibt es natürlich noch das zu lösende Geheimnis, mit dem sich Ellie und Ben in den sechs Monaten mehr oder weniger intensiv beschäftigen. Diesen Teil mag ich an der Geschichte besonders gern, denn hier beweist die Autorin ein Händchen für alltägliche, kleine Dinge, die sehr viel über einen Menschen aussagen. Auch wenn Ellie und Ben nicht genau wissen, worum es bei diesem Geheimnis geht, konzentrieren sich viele ihrer Fragen auf Merlins Mutter. So studieren sie intensiv die wenigen erhaltenen Briefe, das Haushaltsbuch und die Rezeptsammlung dieser längst verstorbenen Frau und lernen erstaunlich viel über ihr Leben und ihre unglückliche Ehe. Ein paar der „überraschenden“ Elemente in der Geschichte sind zwar für den aufmerksamen Leser sehr vorhersehbar, aber das macht sie nicht weniger unterhaltsam. „Die dünne Frau“ ist also kein Meisterwerk der Krimiliteratur, aber ein netter und unterhaltsamer Roman, der für ein paar kurzweilige Lesestunden sorgt. (Und im Gegensatz zu den meisten anderen meiner immer noch als unterhaltsam empfundenen „älteren“ Krimis, gibt es bei diesem Roman sogar eine aktuelle deutsche Ausgabe.)

Alethea Kontis: Woodcutter Sisters 1/Books of Arilland 1 – Enchanted (Hörbuch)

„Enchanted“ ist der erste Band der Woodcutter-Sisters-Serie bzw. Books-of-Arilland-Serie der Autorin Alethea Kontis. Wer nun wegen der beiden Serien-Titel verwirrt ist: Die hängen damit zusammen, dass die ersten drei Veröffentlichungen („Woodcutter Sisters“) über einen Verlag passiert sind, der nicht nur die ersten Manuskripte radikaler bearbeitete, als es der Autorin lieb war, sondern auch nach dem dritten Band keine weiteren Teile mehr herausbringen wollte. Die „Books of Arilland“ hat hingegen die Autorin (soweit sie es finanzieren konnte) im Eigenverlag veröffentlicht – ohne die ersten drei Bänden, deren Rechte noch dem Verlag gehören, und in der Hoffnung, dass sie diese Rechte irgendwann einmal zurückkaufen und dann die Serie erfolgreicher bewerben kann, als dies aktuell der Fall ist. (Was man doch alles bei einem kurzen Besuch auf der Autorinnen-Homepage lernen kann. 😉 )

Die Geschichte in „Enchanted“ steht für sich und es gibt am Ende auch keinen Cliffhanger, so dass man nichts verpasst, wenn man sich auf diesen Titel beschränkt. Wobei mir das Hören des Hörbuchs (auch dank der guten Sprecherin) so viel Spaß gemacht hat und ich so neugierig auf all die anderen fantastischen Abenteuer der Familie Woodcutter geworden bin, dass ich mir wohl nach und nach die weiteren verfügbaren Hörbücher besorgen werde. Die fantastische Welt, die Alethea Kontis in dieser Geschichte beschreibt, beinhaltet all die klassischen Märchenelemente wie Feen-Patentanten, verwunschene Prinzen und einen armen Holzfäller (bzw. seine Familie), aber viele dieser Aspekte werden von der Autorin auf ungewöhnliche Weise kombiniert.

Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive von Sunday, der jüngsten Tochter der Familie Woodcutter, und aus der Sicht des Froschs Grumble, der in einem Wunschbrunnen im Wald lebt. Sunday und Grumble, der natürlich ein verfluchter Prinz ist, freunden sich schnell miteinander an und empfinden bald tiefere Gefühle füreinander. Doch diese Gefühle scheinen nicht tief genug, um den Fluch zu brechen, und als Grumble dann doch wieder zurückverwandelt wird, ist Sunday nicht vor Ort, um dieses Wunder mitzuerleben. Da die Familie Woodcutter gute Gründe hat, um Prinz Rumbold von Arilland zu hassen, muss dieser nun einen Weg finden, um auch in menschlicher Gestalt die Zuneigung seiner geliebten Sunday zu gewinnen.

Ich mochte es sehr, dass bei Alethea Kontis die Verwandlung in ein Tier oder die Rückwandlung in einen Menschen schmerzhafte Folgen hat. Es dauert, bis der Körper und der Geist sich umgestellt haben und sich wieder mit Vertrautheit und ohne Irritation oder Schmerzen bewegen lassen. Ebenso gefiel es mir, dass es Dinge gibt, die – mehr oder weniger – allgemein bekannt sind und die jemand, der frisch zurückverwandelt ist, beachten sollte. Zauber, Feen, Flüche und Magie sind in dieser Welt weit verbreitet und doch schon allein aufgrund ihrer „Nebenwirkungen“ keine alltäglichen Dinge. Jedem ist bewusst, dass mit Magie Schreckliches bewirkt werden kann, selbst wenn eine magische Gabe noch so „harmlos“ zu sein scheint. Dazu kommt die Sichtweise, die Alethea Kontis in dieser Geschichte auf klassische Märchen wirft. Außerdem baut sie unglaublich viele Elemente ein, ohne dass es erzwungen oder überfrachtet wirkt – wie die Schneewittchen-Gegenstände (Kamm, Apfel, Schnürriemen, der hier ein Halsband ist) bei einem harmlosen Marktbesuch, die kleinen Informationen rund um den großen Bruder Jack oder die Art und Weise, in der die verzauberte Bohnenstange Beginn und Ende der Handlung verbindet.

Die Charaktere waren mir zum Großteil sehr sympathisch – von den Bösewichten natürlich abgesehen. Jeder von ihnen hat Stärken und Schwächen, und auch wenn manche von ihnen aus Sundays oder Grumbles Perspektive vielleicht etwas zu perfekt wirken, so gibt mir die Autorin doch das Gefühl, dass auch diese Figuren ihre Probleme und Eigenheiten haben. Stellenweise war mir Sundays Reaktion ein wenig zu emotional, aber auf der anderen Seite passte das ebenso zu ihrem Charakter wie zu ihrem Alter, und am Ende hat sie sich immer so weit wieder berappelt, dass ich ihrer Perspektive weiter folgen mochte. Besonders schön fand ich ihre (und später Rumbolds) Ansichten über ihre Familie, die bei allen Auseinandersetzungen und Problemen doch sehr liebevoll miteinander umging.

Ein weiteres Lob gilt der (leider in diesem Januar verstorbenen) Sprecherin Katherine Kellgren, die nicht nur die märchenhafte Sprache von Alethea Kontis wunderbar zu Geltung brachte, sondern auch den vielen verschiedenen Charakteren durch ihre Betonung einen hohen Wiedererkennungswert verlieh. Katherine Kellgren hat mit ihrem Vortrag von „Enchanted“ nicht nur zu Beginn der Geschichte all die wunderbar amüsanten Momente und rätselhaften Andeutungen in der Handlung passend vorgetragen, sondern auch den rasanten Entkampf so fesselnd gestaltet, dass ich mich dabei ertappte, wie ich beim Zuhören mit offenem Mund und mit Putzlappen und Eimer in der Hand mitten im Zimmer stand und mich minutenlang nicht gerührt hatte.

Zelda Popkin: Rendezvous nach Ladenschluss (Mary Carner 1)

Beim Einräumen meiner Bücherregale bin ich über die drei Kriminalromane von Zelda Popkin in meinem Bestand gestolpert und musste den ersten Band nach all der Zeit gleich wieder lesen. Leider gibt es noch so einige Titel der Autorin, die ich nicht habe, und so war ich sehr enttäuscht, als ich nach dem Lesen herausfand, dass man auch die englischen Originale nicht mehr (oder nur noch als sehr, sehr teure Gebrauchtausgaben) bekommen kann. Wenn ich der Autorenangabe in meiner alten dtv-Ausgabe trauen kann, muss Zelda Popkin eine faszinierende Frau gewesen sein, die schon als Fünfzehnjährige als Reporterin arbeitete und vor ihrem siebzehnten Geburtstag mehrere Titelstories über authentische Kriminalfälle in verschiedenen Zeitungen platzieren konnte. Die Angabe über ihre späteren Lebensjahre (Heirat, zwei Kinder und die gemeinsame Werbeagentur mit ihrem Mann) finde ich im Vergleich dazu erschreckend langweilig und normal, aber ich hätte trotzdem gern nicht nur mehr Krimis von ihr gelesen, sondern auch ihre biografischen Romane.

„Rendezvous nach Ladenschluss“ („Death Wears a White Gardenia“) wurde 1938 das erste Mal veröffentlicht und ist nicht nur der Debütroman von Zelda Popkin, sondern auch der erste Band (von fünf Bänden) rund um die Kaufhausdetektivin Mary Carner. Die Geschichte beginnt mit dem Tod von Andrew MacAndrew, dem Leiter der Kundenkreditabteilung, bei der Fünfzig-Jahr-Feier des Kaufhauses, für das Mary Carner arbeitet. Nachdem seit Wochen auf dieses Jubiläum hingearbeitet worden war und nicht nur die Gattin des Gouverneurs, diverse andere Prominente und natürlich ein Haufen Presseleute anwesend sind, bemühen sich alle Beteiligten (abgesehen von der Polizei, der der Ruf des Kaufhauses relativ egal ist), den Mord möglichst schnell und dezent zu klären. Schon früh bekommt Mary Carner dabei heraus, dass der Ermordete eine Affäre mit einer Angestellten und neben seinem normalen Job noch ein paar dubiose Geschäfte laufen hatte.

Einer der Gründe, warum ich diese alten Geschichten so liebe, ist die Atmosphäre, die dem Leser da geboten wird. Gleich zu Beginn von „Rendezvous nach Ladenschluss“ bekommt man eine wunderbar detaillierte Beschreibung des Kaufhauses inklusive der luxuriösen Angebote anlässlich des Jubiläums und der Menge an Personal, die notwendig ist, um ein Geschäft in dem Stil zu betreiben. Die Tatsache, dass solch ein Kaufhaus für Zelda Popkin ein ganz normaler Anblick war, macht es für mich nur noch reizvoller. Denn so weiß ich, dass ich da keine verkitschte Vorstellung von der Vergangenheit präsentiert bekomme, sondern ein Stückchen Alltag, das es so heute nicht mehr gibt, inklusive der Heerscharen von Verkäuferinnen und Lagerarbeitern, einem Kaufhaus-Schreiner, einem Wachmann am Wareneingang und all den Leuten in den Büros, von denen man als Kunde gar nichts mitbekommt. Dabei verschweigt die Autorin nicht, dass die Zeit dieser großen Kaufhäuser fast vorbei ist, erzählt von der Großen Depression, den finanziellen Problemen des Inhabers und dem verzweifelten Versuch, über diese Jubiläumsveranstaltung die Verluste der vergangenen Monate wieder auszugleichen.

Bei über 1000 Angestellten gibt es in diesem Kaufhaus mehr als genügend Verdächtige für Mary Carner und ihren Vorgesetzten Chris Whittaker unter die Lupe zu nehmen, aber natürlich beschränkt sich die Autorin auf eine Handvoll Personen, die aus beruflichen oder privaten Gründen in regelmäßigem Kontakt mit Andrew MacAndrew standen. Obwohl ein Großteil der Handlung im Büro von Chris Whittaker und einigen weiteren Räumen im Kaufhaus stattfindet und kaum mehr passiert, als dass die Detektive, der ermittelnde Inspektor und der zuständige Staatsanwalt mit den verschiedenen Angestellten und Verdächtigen reden, fühlen sich die Ereignisse überraschend gedrängt und alles andere als gemächlich an. Zum einen liegt das daran, dass die Morduntersuchung gerade mal einem Tag beansprucht, zum anderen daran, dass die verschiedenen Ermittler unterschiedliche Spuren bevorzugen, weil sie den anderen Beteiligten möglichst schnell weitere Hinweise präsentieren wollen, die die Schuld ihres „bevorzugten“ Verdächtigen belegen sollen.

Ich muss gestehen, dass ein Teil von mir beim Lesen immer überlegt, mit welchen alten Schauspielern ich eine Verfilmung dieser Geschichte besetzen würde – vermutlich wird es niemanden überraschen, dass ich mir Lauren Bacall als Mary Carner und Humphrey Bogart als Chris Whittaker gut vorstellen könnte. Denn auf der einen Seite bringt der Roman die Atmosphäre einer Private-Eye-Novel dieser Zeit mit sich (das Abbild einer Gesellschaft auf dem absteigenden Ast voller korrupter Menschen), auf der anderen Seite ist hier der Privatdetektiv kein einzelner Kämpfer für die Gerechtigkeit, sondern Teil einer professionell agierenden Gruppe. Außerdem wird die Handlung deutlich amüsanter und schwungvoller erzählt, was zwar auch einen desillusionierten Blick auf die verschiedenen Charaktere ermöglicht, aber nicht diese alles durchdringende Melancholie einer Hammett- oder Chandler-Veröffentlichung. Nachdem ich diesen Krimi seit über zehn Jahren nicht mehr in der Hand hatte, bin ich sehr froh, dass ich die Geschichte auch heute noch so sehr genießen kann, dass ich die Charaktere immer noch sympathisch und unterhaltsam finde und dass ich beim Lesen weiterhin gespannt alle Hinweise und Erkenntnisse verfolgen mochte, um mit den Ermittlern den Täter zu überführen.

Joan Aiken: The Serial Garden – The Complete Armitage Family Stories

„The Serial Garden“ von Joan Aiken beinhaltet die vollständige Sammlung ihrer Geschichten rund um die Familie Armitage. Laut dem Vorwort ihrer Tochter Lizza entstanden die ersten Ideen zu den Abenteuern der Armitages, als Joan Aiken als Mädchen auf langen Spaziergängen ihren kleinen Bruder unterhalten wollte. Als Teenager hat sie dann die erste Geschichte („Yes, but Today is Tuesday“) an die BBC verkaufen können und sechzig Jahre später – nachdem sie schon viele weitere Episoden aus dem Leben der Familie Armitage erzählt hatte – hat Joan Aiken den Prolog und die letzten Geschichten rund um die Armitages geschrieben, um die Abenteuer der Familie abzurunden und die gesammelten Kurzgeschichten in einem Band mit dem Titel „The Serial Garden“ veröffentlichen zu können. Bevor ich diese Sammlung las, kannte ich nur eine der vielen Kurzgeschichten, und mir war nicht bewusst, dass sie zu einer ganzen Reihe von Anekdoten über diese Familie gehörte.

Ich muss zugeben, dass ich absolut hingerissen von diesen amüsanten und skurrilen Geschichten rund um die Familie Armitage bin und all die fantastischen und ungewöhnlichen Elemente liebe, die Joan Aiken da eingebaut hat. Das Ganze beginnt während der Flitterwochen von Mr. und Mrs. Armitage, als Mrs. Armitage darüber nachdenkt, wie das Leben wohl aussehen müsste, damit es wirklich zu einem „living happily ever after“ kommt. Als sie dann noch am Strand einen Wunschstein findet, wünscht sie sich ein Haus (mit mindestens einem Geist), zwei Kinder (inklusive Feen-Patentante) und ein Leben voller magischer Elemente – nur an Montagen, aber nicht an jedem Montag und nicht nur am Montag, weil es sonst zu vorhersehbar und damit wieder langweilig würde. Ich muss gestehen, dass der Prolog, in dem diese Ereignisse geschildert werden, schon deutlich macht, dass Mr. Armitage mit einem ganz normalen, unmagischen Leben mindestens ebenso zufrieden (vermutlich sogar zufriedener) gewesen wäre, aber irgendwie gehört es ja auch zu solchen Geschichten dazu, dass einer nicht so ganz glücklich über all die unvorhersehbaren und fantastischen Elemente im Leben ist.

In den folgenden Episoden gibt es Personen, die immer wieder auftauchen, wie bestimmte Nachbarn oder Angestellte, aber auch ein Haufen Charaktere, die nur für ein bestimmtes Ereignisse eingeführt werden. Da es Joan Aiken gelingt, jede vorkommende Figur mit ein paar Worten oder Dialogzeilen so klar zu charakterisieren, dass man sich sofort ein Bild von ihr machen kann, ist es überhaupt kein Problem, dass das Personal in den Geschichten so häufig wechselt. Angesichts all der Vorfälle, die im Umkreis der Familie Armitage passieren, ist es eher ein Wunder, dass es überhaupt Personen gibt, die all das über Jahre hinweg mitmachen und kein Problem damit haben, dass sie regelmäßig in Tiere verwandelt werden oder Zeuge aufsehenerregender magischer Vorfälle werden. Wobei die kleinen und fast alltäglichen Elemente in Joan Aikens Geschichten eigentlich überwiegen und das Lesen gerade deshalb so viel Spaß macht, weil die Autorin es schafft, dass man es als ganz selbstverständlich empfindet, dass die Nachbarin eine „Old Fairy Lady“ ist oder dass ein Einhorn im Garten grast.

Ich habe all die vielen kleinen und größeren Abenteuer, die sich in der Regel um die Kinder Mark und Harriet Armitage drehen, sehr genossen. Ich weiß nicht, ob ich selbst so gelassen damit umgehen würde, wenn auf einmal Einhörner meinen Garten überfluten, Furien in meinem Kohlenkeller überwintern wollen oder das Gebäck der Nachbarin dafür sorgt, dass das Schiff kentert, in dem ich mich gerade befinde, aber gerade die Tatsache, dass die Armitages so pragmatisch mit all diesen Vorfällen umgehen, sorgt immer wieder für wunderbare, amüsante und überraschende Wendungen in der Geschichte. Am Ende des Buchs war ich nicht nur sehr glücklich mit all den gelesenen Geschichten (obwohl nicht alle gleich großartig geschrieben sind, machen sie doch alle viel Spaß beim Lesen), sondern wünschte mir sogar, es gäbe ein bisschen mehr Alltagsmagie in meinem Leben. Vielleicht nicht gerade eine temperamentvolle Hexe alte Feendame als Nachbarin oder duellierende Druiden im Garten … aber ein höflicher Geist im Dachgeschoss klingt gut oder ein Einhorn zum Reiten – solche Elemente stelle ich mir schon sehr nett vor.

Tamora Pierce u.a.: Tortall – A Spy’s Guide

Ich weiß nicht, wie alt ich war, als ich das erste Mal einen Alanna-Roman von Tamora Pierce las, aber da der Auftaktband 1984 auf Deutsch erschienen ist, wird es Mitte der 80er gewesen sein. Ich weiß hingegen noch genau, wie entsetzt meine Eltern waren, als ich mir zu meinem 18. Geburtstag alle vier Alanna-Bände gewünscht habe und nichts „Vernünftiges“. Tamora Pierce‘ fantastisches Land Tortall begleitet mich also schon sehr viele Jahre, und ich liebe die unterschiedlichen Charaktere. Ich bin fasziniert davon, wie sich diese Welt im Laufe der Jahrzehnte verändert hat, und egal wie oft ich die Geschichten lese, ich entdecke immer wieder neue Aspekte (was vermutlich eher daran liegt, dass ich sie mit zunehmendem Alter anders bewerte, als daran, dass sie mir vorher nicht aufgefallen wären) und ich genieße die Geschehnisse ebenso wie beim ersten Entdecken der Handlung.

So ist es nicht überraschend, dass mir der Titel „Tortall – A Spy’s Guide“ mit seiner Ansammlung von Wissen über Tortall und die dort lebenden Figuren beim Lesen sehr viel Spaß gemacht hat. Zusammengestellt wurden die Texte von Tamora Pierce in Zusammenarbeit mit Timothy Liebe, Julie Holderman und Megan Messinger, während die wirklich schönen (und zum Teil farbigen) Illustrationen von Eva Widermann stammen. Das Buch ist sehr liebevoll aufgemacht mit Seiten, die ausschauen, als ob sie alt und gebraucht wären (inklusive Faltstellen und Flecken), mit unterschiedlichen Schriftfarben für verschiedene Texte und passenden Siegeln und Zeichnungen. Der Großteil des Textes besteht aus Briefen, die vor allem zwischen George Cooper und anderen Spionen (oder Familienmitgliedern) ausgetauscht wurden, aber auch aus Berichten, Ratschlägen, wie man ein guter Spion wird, einer ausführlichen Zeitleiste zur Geschichte des Landes und vielen anderen Elementen rund um Tortall und den Rest dieser großartigen fantastischen Welt.

Besonders schön fand ich es, wenn mehrere Briefe zusammen eine kleine Geschichte erzählten, die – mit dem Wissen aus den Romanen – eine ganz andere Sicht auf eine Ausgangssituation oder einen Charakter werfen. Ein besonderes Highlight waren für mich die Tagebuchauszüge des königlichen Kochs, der über längere Zeit hinweg seine Gedanken zu den zu veranstaltenden Festen inklusive der Rezeptideen, zu der Lebensmittelsituation im Land und zu seinen Angestellten festgehalten hat. Einige der Ereignisse kann ich mit Vorkommnissen aus den Romanen in Verbindung bringen, aber da für diesen Koch die Hintergründe zu einer Veranstaltung nicht so wichtig sind, konzentrieren sich seine Gedanken eben vor allem auf seine Arbeit und seine Planung – und das war wunderbar amüsant zu lesen. Ich glaube, dass man all diese Elemente auch genießen kann, wenn man die Tortall-Romane von Tamora Pierce nicht gelesen hat, aber natürlich macht es deutlich mehr Spaß, wenn man die erwähnten Figuren schon kennt und die verschiedenen Anspielungen Szenen zuordnen kann, die man in den früher veröffentlichten Büchern gelesen hat.

Es ist toll zu sehen, wie weit gefächert die Themen in diesem Buch sind. Von der Ausbildung und der Arbeit eines Spions über die persönlichen Tagebuchauszüge des Kochs bis hin zu Informationen zu den Unsterblichen und über das Verhalten als Diplomat hat „Tortall – A Spy’s Guide“ alles zu bieten. Dazu gibt es noch all die vielen kleinen persönlichen Anmerkungen in den Briefen und Berichten, die das Ganze in erster Linie amüsant, aber manchmal eben auch berührend oder traurig machen. Wer also wie ich eine Schwäche für die Tortall-Romane von Tamora Pierce hat, sollte unbedingt einen Blick in dieses Buch werfen. (Und wer die Geschichten von der Autorin noch nicht kennt, sollte ganz schnell schauen, dass er eine der vielen gebrauchten Ausgaben der deutschen Alanna-Veröffentlichungen in die Finger bekommt oder sich mal die englischsprachigen Titel anschauen – da die Bücher für Jugendliche geschrieben sind, sind sie auch für nicht ganz so geübte Englisch-Leser gut geeignet).

Christopher Golden (Hrsg.): Dark Cities (Anthologie)

Da ich in den letzten Jahren festgestellt habe, dass ich es mag, wenn ich auf dem Blog einen Beitrag habe, in dem ich kurze Bemerkungen zu den verschiedenen Kurzgeschichten einer Anthologie gesammelt habe, gibt es auch einen zu „Dark Cities“. In dieser Anthologie sind so einige Autoren versammelt, die ich mag, aber es gibt natürlich auch wieder welche, die ich noch gar nicht kenne oder bei denen ich das Gefühl habe, ich kann sie immer noch nicht so recht einschätzen. Aber genau das ist ja auch das Spannende an Kurzgeschichtensammlungen. 😉

Scott Smith: The Dogs

Die Handlung wird aus der Sicht von Rose erzählt, die regelmäßg in New York Männer trifft und die Nacht mit ihnen verbringt. Sie mag es, wenn diese Männer sie in Restaurants ausführen, die sie sich selbst nie leisten könnte, und es ist ihr egal, dass diese Begegnungen immer nur für eine Nacht sind. Eine Nacht verbringt Rose mit einem Typen, dessen Hund sie (indem er in ihrem Kopf mit ihr redet) davor warnt, dass der Mann sie ermorden will – womit der Hund nicht ganz unrecht hat, aber natürlich steht so einiges mehr hinter den Mordabsichten des Herrn. Die Grundidee der Geschichte mochte ich eigentlich, auch wenn die Handlung an sich spätestens ab dem Punkt vorhersehbar wurde, an dem Rose mit dem Hund ins Gespräch kommt.

Aber die Erzählweise hat mich recht unberührt gelassen (was ich bei einer Horrorgeschichte wirklich bedenklich finde) und es gab eine Szene in der Geschichte, die ich absolut wiederwärtig fand und die so – meiner Meinung nach – nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Diese eine Szene trägt nichts zur Handlung bei, was nicht auf anderem Wege hätte erreicht werden können, und „erzwungener Sex als Mittel, um eine Frau gefügig zu machen“ gehört zu den Dingen, die ich nicht lesen will. Was dazu führt, dass ich am Ende der Geschichte ziemlich sauer war, dass dieser Aspekt überhaupt in „The Dogs“ vorkam und dass gerade diese Geschichte aus Auftakt der Anthologie gewählt wurde. (Mein Mann hat dazu angemerkt, dass Ekel als Horrorelement nicht unüblich ist und der Autor ja mit meiner Reaktion auf die Szene sein Ziel erreicht hätte – ich will so etwas trotzdem nicht lesen!)

Tim Lebbon: In Stone

Nachdem ich so unzufrieden mit der Auftaktgeschichte war, hat es einige Wochen gedauert, bis ich „Dark Cities“ wieder in die Hand nahm. Aber mit „In Stone“ wartete eine ganz andere Art von Geschichte auf mich, und das fand ich sehr angenehm. Die Handlung wird von einem Mann erzählt, dessen bester Freund Nigel vor einiger Zeit gestorben ist. Seit Nigels Tod kann der Erzähler nicht mehr schlafen und streift deshalb nachts allein durch London. Bei diesen nächtlichen Spaziergängen begegnet ihm eines Tages eine merkwürdige Frau, deren Verhalten ihn in den folgenden Tagen intensiv beschäftigt. Richtig gruselig ist die Geschichte nicht, aber sie spielt auf interessante Weise mit der Idee der menschenfeindlichen Stadt – bei mir hat das zu einigen absurden Gedankenspielen geführt und sowas mag ich ja.

Helen Marshall: The Way She is with Strangers

Eine Geschichte über eine Stadt voller Menschen, die ihren Weg verloren haben, und über eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen den Weg zu weisen. Ich bin mir auch eine ganze Weile nach dem Lesen noch nicht sicher, was ich von dem Ganzen halte, aber ich mochte die melancholische Atmosphäre der Geschichte und die Art und Weise, in der sie erzählt wurde.

M. R. Carey: We’ll always have Paris

„We’ll always have Paris“ wird erzählt von Inspector Philemon, der – kurz nach dem erfolgreich geschlagenen Krieg gegen Zombies – gegen einen Serienmörder ermittelt. Die Opfer wurden an verschiedenen Orten der Stadt gefunden, und jedes einzelne starb an einer ungewöhnlichen Kopfverletzung, doch es scheint – von der Todesart abgesehen – keine Verbindung zwischen den Toten zu geben, so dass der Inspector auch nach dem vierzehnten Opfer noch keine Spur zum Täter hat. Was eine normale Kriminalgeschichte sein könnte, bekommt hier durch den Schauplatz und den vor einiger Zeit geführten Krieg gegen Zombies in einen besonders düsteren Touch, den ich wirklich mochte. Auch gefiel mir die Wendung am Ende, die zwar nicht total überraschend kam, aber zu einer stimmigen Entwicklung bei Insector Philemon führte.

Cherie Priest: Good Night, Prison Kings

Eine überraschend coole Geistergeschichte rund um „seven pretty kittens and two prison kings“ oder auch um eine verstorbene Frau, ihr Leben und ihre Familie. Doch, die Geschichte gefiel mir.


Scott Sigler: Dear Diary

Irgendwie erinnert mich „Dear Diary“ an „In Stone“ (die zweite Geschichte in der Anthologie). Aber während „In Stone“ atmosphärisch war und meine Fantasie befeuert hat, fand ich „Dear Diary“ deutlich weniger reizvoll, was an der Vorhersehbarkeit der Handlung und dem Charakter des Protagonisten lag. Insgesamt war die Geschichte vor allem deprimierend und wenig gruselig.

Amber Benson: What I’ve always done

Gut erzählte, coole Geschichte über einen „Fixer“ und warum Monster sich nicht verlieben sollten. (Ich weiß nicht, ob Amber Benson im Laufe der Zeit einfach besser wurde als Autorin, oder ob mir ihre Kurzgeschichten einfach nur mehr liegen als ihre Romane, aber je kürzer die bislang gelesenen Geschichten, desto mehr habe ich sie genossen.)

Jonathan Maberry: Grit

Da ich von Jonathan Maberry nur Kurzgeschichten aus verschiedenen Anthologien kenne, fällt es mir immer schwer, seine Figuren einzuordnen. Diese Kurzgeschichte gehört zu den Monk-Addison-Geschichten, von denen ich bislang keine andere gelesen habe, und es gelingt dem Autor, eine schöne noir-Note in die Erzählung zu bringen. Die Hauptfigur ist ein Privatdetektiv, der zwar hauptsächlich Kautionsflüchtlinge jagt, dessen „Nebenjob“ sich aber mit deutlich düstereren Aspekten des Lebens beschäftigt. Ich mochte die Idee mit den Tätowierungen (auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Thema Hygiene hätte 😉 ) und den Geistern, aber obwohl ich seine Figuren und Ideen mag, fällt mir immer wieder auf, dass Johnathan Maberry doch eher für eine männliche Zielgruppe schreibt.

Kasey Lansdale und Joe R. Lansdale: Dark Hill Run

Die Grundidee mochte ich eigentlich. Der Protagonist Johnny möchte sich das Rauchen abgewöhnen (unter anderem deshalb, weil er Läufer ist,) und geht deshalb zu einem Hypnotiseur. Doch obwohl durch die Hypnose die Nikotinsucht verschwindet, findet dadurch auch etwas vor langer Zeit Verdrängtes wieder einen Weg in Johnnys Leben. Die Vorgeschichte war nett erzählt und die Bedrohung, die in Laufe der Handlung auftaucht, war auch ganz gut beschrieben. Aber die Lösung für Johnnys Problem lag so sehr auf der Hand, dass ich beim „spannenden Showdown“ nur darauf wartete, dass der entscheidende Punkt endlich kommt – was definitiv zu Lasten der Spannung ging.

Simon R. Green: Happy Forever

Eine wunderbar bitter-böse Geschichte um einen professionellen Dieb und die Dinge im Leben, die man nicht stehlen sollte. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, um nicht zu spoilern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dem Einstieg in die Geschichte leichte Probleme hatte …

Paul Tremblay: The Society of the Monsterhood

Die Handlung spielt in einer rauen Gegend und wird ausgelöst durch vier Kinder, die dank eines Stipendiums jeden Morgen abgeholt werden, um in einer Privatschule unterrichtet zu werden. Diese „Bevorzugung“ der Kinder löst eine Entwicklung aus, die einen darüber nachdenken lässt, wer in so einer Nachbarschaft das größte Monster ist und wie solche Monster entstehen. Sehr gute Geschichte mit überraschender Wendung und einem nachdenklich machenden Ende.

Nathan Ballingrud: The Maw

Atmosphärische und verstörende Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird und bei der ich mir auch einige Tage nach dem Lesen nicht sicher bin, was ich davon halte (und wie der Autor begründen will, dass der Hund dem „Ruf“ gefolgt ist).

Tananarive Due: Field Trip

Eine eigentlich ganz normale Szene in der U-Bahn mit wunderbar unheimlichen Untertönen und ebenso beängstigenden Gedanken der Erzählerin. Sehr cool.

Christopher Golden: The Revelers

Eine Kurzgeschichte über Freundschaft und wie sie sich verändern kann. Ich muss gestehen, dass ich ein Problem mit den Figuren hatte, weil diese Feierabend-/Wochenend-Party-Besäufnis-Drogen-Welt auf mich noch nie einen Reiz ausgeübt hat. Ich mochte aber die Bilder, die die Geschichte heraufbeschworen hat und die mich an viele (alte) Filme erinnerten, die ich gern mag. Das Ende der Geschichte hingegen war eher deprimierend und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Ramsey Campbell: Stillness

Diese Geschichte hat mir wieder mal gezeigt, dass ein Autor dafür sorgen muss, dass mich seine Figuren interessieren, damit die Handlung mich packen kann. Dummerweise war mir der Protagonist Donald ziemlich egal, weil ich ihn vor allem langweilig fand. Er arbeitet in einem Charity-Laden, verbringt seine Abende mit Essen und Musikhören und gehört einem Buchclub an, der sich einmal im Monat trifft. Erst als er sich eines Tages über eine „lebendige Statue“ vor dem Laden aufregt, ändert sich sein Leben und er fühlt sich regelrecht von dieser gruseligen „Statue“ verfolgt. So unheimlich ich die Grundidee finde, so wenig hat mich Donalds Schicksal interessiert, und so hat mich die Geschichte auch nicht packen können.

Kealan Patrick Burke: Sanctuary

Erzählt wird die Geschichte von einem zehnjährigen Jungen, dessen größtes Hobby das Zeichnen und Schreiben ist. Die Handlung spielt an einem Sonntag, an dem der Junge seinen Vater (der nach der Kirche immer in der Kneipe versackt) zum Essen holen soll, und die Umgebung, die der Junge beschreibt, ist wirklich gruselig. Ein verlassener Stadtteil voller Schimmel und Moos, abgestorbener Bäume und Menschen ohne Hoffnung, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch verloren sind … Am Ende kann man sich nicht ganz sicher sein, welcher Teil der fantastischen und gruseligen Geschichte „real“ ist und welcher nicht, oder welcher Teil in welcher Zeitebene spielt, aber gerade das macht den Reiz von „Sanctuary“ aus.

Sherrilyn Kenyon: Matter of Life and Death

Überraschend lustige Geschichte, wenn man bedenkt, dass „Dark Cities“ eine Horror- bzw. Dark-Fantasy-Anthologie ist. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Lektorin Elliott, die zu Beginn von „Matter of Life and Death“ froh darüber ist, dass ihre Star-Autorin verstorben ist, auch wenn sie nicht weiß, welche Auswirkungen das finanziell auf den Verlag haben wird. Aber die Aussicht, nie wieder etwas mit dieser anstrengenden und gehässigen Frau zu tun haben zu müssen, hellt Elliotts Laune sehr auf – bis auf einmal Nachrichten von der verstorbenen Autorin eintreffen. Ein bisschen hatte ich am Ende das Gefühl, dass da eine Autorin ihre unterdrückten Gefühle gegenüber Lektoren sehr genussvoll in allen Facetten ausgelebt hat. 😀

Seanan McGuire: Graffiti of the Lost and Dying Playces

Sehr atmosphärischer und bedrückender Text über Gentrifizierung und das Sterben einer Stadt – aus der Sicht einer Protagonistin, die ihr Viertel früher so sehr geliebt hat und nun ausharren will, bis die letzten Spuren des früheren Lebens erloschen sind …


Nick Cutter: The Crack

Uhhh … Die Geschichte fand ich heftig, allein deshalb schon, weil das Thema Gewalt gegen Kinder für sich genommen schlimm genug ist und es gar nicht mal den Horroraspekt in der Handlung benötigte, damit einem das Ganze unter die Haut geht.

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Mit Anthologien verlasse ich eher mal meine Komfortzone und in der Regel finde ich darin – unabhängig vom Thema – spannende und faszinierende Geschichten. Auch „Dark Cities“ hatte einige wunderbar atmosphärische Texte zu bieten und Autoren, deren Erzählweise, Charaktere und Ideen mich auf unterschiedliche Weise gut unterhalten haben. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich am Ende von „Dark Cities“ vor allem mal wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass Horror und Dark Fantasy eher weniger meine Genres sind. Denn je besser solch eine Geschichte ist, desto länger hält das unangenehme Gefühl beim Lesen an, desto länger drehen sich meine Gedanken um Elemente der Handlung – und das sind in der Regel keine Dinge, die ich in meinen Alltag mitnehmen möchte.

Nidhi Chanani: Pashmina (Comic)

Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, wie ich auf „Pashmina“ von Nidhi Chanani aufmerksam geworden bin, aber mir gefiel, dass sich die Geschichte laut Klappentext um eine indischstämmige Amerikanerin dreht, die gern mehr über das Heimatland ihrer Mutter erfahren würde. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht der ca. sechzehnjährigen Priyanka und zu Beginn des Comics kann man als Leser mitverfolgen, wie Pri(yanka) immer wieder mit ihrer Mutter aneinandergerät, weil diese ihr nichts über Pris Vater oder ihr Heimatland Indien erzählen will. Doch nicht nur mit ihrer Mutter hat Pri Probleme, sondern auch mit den Mitschülerinnen, die sich über ihren indischen Namen und ihre Leidschaft für Comics lustig machen.

Als Pri dann eines Tages in einem altem Koffer ihrer Mutter einen magischen Pashmina (ein traditionelles gewebtes Tuch) findet, bekommt sie die langersehnte Gelegenheit, Indien kennenzulernen. Gemeinsam mit ihren „Führern“ Kanta (einem Elefanten) und Mayur (einem Pfau) reist Pri zu allerlei Sehenswürdigkeiten und genießt eine Menge indisches Essen. Doch bei jedem dieser magischen Ausflüge wird Pri von dem Schatten einer Frau verfolgt, der ihr anscheinend etwas sagen möchte. Nachdem ihre Sehnsucht nach Indien durch diese „magischen Reisen“ nur noch mehr angefacht wurde, bekommt Pri überraschend die Möglichkeit, tatsächlich in das Heimatland ihrer Mutter zu fliegen und muss feststellen, dass der Alltag in Indien nicht ganz so bunt und berauschend ist, wie sie es sich vorgestellt hatte.

In vielerlei Hinsicht ist Pri ein typischer Teenager. Während sie in einigen Szenen erstaunlich erwachsen wirkt, gibt es auch immer wieder Momente, in denen sie deutlich zeigt, dass sie nicht alt genug ist, um mit einer ungewohnten Situation umzugehen. Aber insgesamt mochte ich Pri sehr gern, und es hat Spaß gemacht, sie auf ihrem Weg nach Indien zu begleiten. Ich mochte es, wie Nidhi Chanani in ihrem Comic all die kleinen Elemente eingeflochten hat, die deutlich machen, wie schwierig es für Priyanka ist, dass sie keiner ihrer beiden Welten wirklich angehört. Ebenso gefiel mir der Kontrast zwischen dem Bollywood-bunten Traum von Indien und dem Land, das Pri später dann doch noch persönlich kennenlernt. Hier und da hat die Autorin ihre Botschaft vielleicht etwas zu plakativ eingebaut, aber das hat mich bei all den wunderbaren Details und fantastischen Elementen aus der indischen Mythologie nicht gestört

Auch die relativ einfach gehaltenen Zeichnungen mochte ich bei „Pashmina“ sehr gern. Nidhi Chananis Figuren sind angenehm individuell gezeichnet und können sowohl in den schwarz-weißen Passagen, in denen die realistischen Szenen dargestellt werden, als auch auf den kunterbunten Seiten, in denen der Pashmina seine Magie wirkt, überzeugen. Besonders mochte ich Pris Gestik und Mimik, die so liebevoll gezeichnet wurden, dass man auch ohne Text genau sehen kann, wie es dem Mädchen gerade geht und wie sie auf ihre Umgebung reagiert. Insgesamt habe ich „Pashmina“ sehr genossen. Ich habe mich beim Lesen sehr über Priyankas Entwicklung gefreut und mich gern auf die Magie des Pashmina eingelassen.

Joan G. Robinson: When Marnie Was There

Als ich im vergangenen Jahr am ersten „Herbstlesen“-Tag „Erinnerungen an Marnie“ geschaut hatte, hat mich Neyasha darauf aufmerksam gemacht, dass der Film auf einem britischen Kinderbuch mit dem Titel „When Marnie Was There“ basiert. Nach ihrer Rezension zu dem Roman hatte ich nur noch mehr Lust, den Titel zu lesen, aber als ich ihn dann im November zum Geburtstag bekam, hatte ich erst einmal andere Dinge im Kopf. Letzte Woche war es aber dann endlich soweit und ich bekam – wie ich es mir erhofft hatte – mit „When Marnie Was There“ eine wunderschöne, ruhige Geschichte über Freundschaft und Familie erzählt, die voller atmosphärischer Beschreibungen der Salzmarsch und des Lebens an der Küste steckte.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Anna erzählt, die (nicht nur) aus gesundheitlichen Gründen nach Norfolk geschickt wird, um dort eine Zeitlang in der Obhut von Mr. und Mrs. Pegg zu leben. Für Anna fühlt sich dieser Aufenthalt in Norfolk an, als ob sie von ihrer Pflegefamilie abgeschoben würde, weil diese sich nicht länger um sie kümmern will. Nachdem sie schon von ihrer Mutter und Großmutter verlassen wurde (die beide gestorben sind, als Anna noch klein war), ist sie sich sicher, dass sie nicht liebenswert genug ist, um jemandem wirklich am Herzen zu liegen. Um nicht immer wieder von Neuem Ablehnung zu erfahren, setzt Anna alles daran, um Distanz zu anderen Menschen zu wahren. So ist es auch nicht überraschend, dass sie sehr zufrieden damit ist, dass sie bei den Peggs den ganzen Tag allein am Strand und in der Salzmarsch herumstreifen und sich mit sich selbst beschäftigen kann.

Doch eines Tages sieht sie in einem alten Anwesen am Rand der Salzmarsch ein junges Mädchen am Fenster und wenig später freundet sich Anna mit diesem Mädchen an. Marnie ist fröhlich und aufgeschlossen und stört sich nicht daran, wenn Anna mal abweisend ist, weil sie sich von Marnie vernachlässigt fühlt. Erst im Laufe der Zeit lernt Anna, dass Marnies Leben nicht ganz so schön ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint – und genau das mag ich eigentlich an dieser Geschichte. Anna lernt in diesem langen Sommer an der Küste mehr über sich und über andere Menschen, sie lernt Freundschaften zu schließen und dass eigentlich jeder Mensch Phasen hat, in denen er für sich sein möchte oder sich ausgeschlossen fühlt und einsam ist. Ganz besonders habe ich bei dieser Geschichte das Ehepaar Pegg ins Herz geschlossen, denn obwohl sie Annas Verhalten nicht immer nachvollziehen können und gerade Mrs. Pegg sich manchmal wünscht, dass Anna sich den Nachbarn gegenüber „angemessener“ verhält, geben die beiden dem Mädchen Zeit und Raum, um es selbst zu sein.

Ich fand es auch schön, dass im Roman – im Gegensatz zum Film – den Erlebnissen, die Anna gegen Ende des Sommers hat, so viel mehr Platz eingeräumt wird. Diese Kapitel zeigen, wie sehr sich Anna im Laufe dieses Aufenthalts an der Küste verändert hat und wie gut ihr diese Zeit getan hat, dass sie aber trotz aller Veränderungen immer noch dieselbe Person geblieben ist (nur etwas glücklicher als vorher). Die Küste von Norfolk und die Salzmarsch bilden die perfekte Kulisse für diese Geschichte rund um die einsame Anna. Joan G. Robinson beschreibt die Gegend so liebevoll und detailliert, dass man beim Lesen richtige Sehnsucht nach diesem Ort bekommt. Ich habe es genossen, mit Anna zusammen den Tag über durch die Gegend zu streifen, tagzuträumen, während Möwen und Regenpfeifer über ihr am Himmel fliegen, mit ihr Sandburgen zu bauen und der aufziehenden Flut zuzuschauen. Im Vergleich zur Ghibli-Verfilmung mag ich die Handlung im Roman noch lieber. Obwohl der Anime viele Elemente der Geschichte im Detail aufnimmt, finde ich den Film kitschiger als das Buch und einige Aspekte (wie das Verhältnis zum Nachbarmädchen) sind im Original einfach stimmiger dargestellt als in der Verfilmung. Ganz bestimmt werde ich noch häufiger zu „When Marnie Was There“ greifen und die wunderbar ruhige und angenehm melancholische Erzählweise dieses Romans genießen.

Kristina Gehrmann: Im Eisland 1 – Die Franklin-Expedition (Comic)

Die Veröffentlichung „Im Eisland 1 – Die Franklin-Expedition“ von Kristina Gehrmann habe ich bei Neyasha entdeckt, die von dem Comic sehr angetan war. Dieser erste von drei Teilen erzählt die Geschichte der Franklin-Expedition von der Abfahrt im Mai 1845 bis zum Beginn des Jahres 1846. Von Anfang an lässt Kristina Gehrmann keinen Zweifel am traurigen Ausgang dieser Reise, so dass auch Leser, die über keine Vorkenntnisse über die Franklin-Expedition verfügen, schon mit dem Vorwissen um ihr Scheitern in die Geschichte einsteigen.

Die Zeichnerin konzentriert sich vor allem auf eine Handvoll Personen aus den verschiedenen Rängen wie Commander James Fitzjames, Kapitän Francis Crozier (Kapitän der H.M.S. Terror) oder den zwanzigjährigen Heizer John Torrington und den Schiffsjungen Tommy Evans. Man bekommt als Leser die Motivation der verschiedenen Charaktere ebenso präsentiert wie die Vorurteile und Befürchtungen, die mit der Expedition verknüpft sind, doch vor allem überwiegt anfangs die Hoffnung, dass man aufgrund der technischen Errungenschaften (es gab ein Heizungssystem für die Schiffe und große Mengen an Konservendosen, ebenso wie einen großen Vorrat an Zitronensaft, um dem Skorbut vorbeugen zu können) einen Weg durch die Arktis zu finden, die eine schnellere Reise von Europa nach Asien ermöglichen würde.

Obwohl in diesem ersten Band noch nicht viel passiert, wird deutlich, dass so eine Arktis-Expedition selbst unter optimalen Voraussetzungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Die lange Dunkelheit macht den Männern zu schaffen, die frischen Vorräte sind schon vor der Winterpause aufgebraucht und die Enge, in der die Männer leben, macht ein Miteinanderauskommen auch nicht immer leicht. Doch noch konzentrieren sich alle auf die Pläne für das kommende Frühjahr, darauf, sich gegenseitig bei Laune zu halten und die aufgezwungene Wartezeit so gut wie möglich zu verbringen. Das Ganze ist interessant zu lesen und gerade mit dem Wissen um das Scheitern der Expedition und den Tod der gesamten Teilnehmer auch sehr berührend. Gerade weil sich Kristina Gehrmann auf einzelne Charaktere konzentriert und ihnen durch kleine private Szenen (zum Beispiel die Panels, in denen John Torrington dem Schiffsjungen das Lesen und Schreiben beibringt) mehr Persönlichkeit verleiht.

Etwas schade fand ich, dass die Hintergrund-Informationen über die Expedition oft etwas steif und lehrbuchhaft eingeflochten wurden – unter anderem, indem sich zwei Personen über eine dritte unterhalten. Aber immerhin bekommt man auf diese Weise als Leser alle wichtigen Details mit und kann zum Beispiel besser einschätzen, wieso es so kritisch war, dass nur einer der beteiligten Offiziere vorher überhaupt in der zu erkundenden Region war. Auch mit den Zeichnungen war ich nicht so ganz glücklich. Zwar gelingt es Kristina Gehrmann, die vielen verschiedenen Figuren individuell genug darzustellen, dass sie einen hohen Wiedererkennungswert haben, aber all diese Darstellungen wirken schrecklich steif und ohne jegliche Dynamik. Obwohl es immer wieder Szenen gibt, wo man zum Beispiel die Mannschaft beim Essen oder bei der Arbeit sieht, erinnern die Zeichnungen eher an Stillleben und wirken nicht, als ob hier Aktivitäten festgehalten worden wären.

Auch hätte ich es schön gefunden, wenn es mehr ausgearbeitetet Hintergründe gegeben hätte, da die historischen Schiffe als Handlungsort für die Geschichte doch großartige Kulissen abgegeben hätten. Ein weiteres Problem ergibt sich beim „visuellen Alter“ der Figuren, denn obwohl bei den Expeditionsteilnehmer gewiss eine hohe Altersspanne herrschte, hat man das Gefühl, dass es (abgesehen von Sir John Franklin) nur Teenager oder aber Männer Ende Dreißig auf den Schiffen gibt – wobei ich zugeben muss, dass sehr viele Zeichner es nicht hinbekommen, den Gesichtern ihrer Figuren ein ihrem Alter entsprechendes Aussehen zu verleihen. Die Landschaftsdarstellungen hingegen fand ich ebenso wie die Szenen zu Beginn des Comics, in denen die Einheimische zu ihren Beobachtungen rund um die Franklin-Expedition befragt werden, sehr atmosphärisch.