Kategorie: Rezension

Christopher Golden (Hrsg.): Dark Cities (Anthologie)

Da ich in den letzten Jahren festgestellt habe, dass ich es mag, wenn ich auf dem Blog einen Beitrag habe, in dem ich kurze Bemerkungen zu den verschiedenen Kurzgeschichten einer Anthologie gesammelt habe, gibt es auch einen zu „Dark Cities“. In dieser Anthologie sind so einige Autoren versammelt, die ich mag, aber es gibt natürlich auch wieder welche, die ich noch gar nicht kenne oder bei denen ich das Gefühl habe, ich kann sie immer noch nicht so recht einschätzen. Aber genau das ist ja auch das Spannende an Kurzgeschichtensammlungen. 😉

Scott Smith: The Dogs

Die Handlung wird aus der Sicht von Rose erzählt, die regelmäßg in New York Männer trifft und die Nacht mit ihnen verbringt. Sie mag es, wenn diese Männer sie in Restaurants ausführen, die sie sich selbst nie leisten könnte, und es ist ihr egal, dass diese Begegnungen immer nur für eine Nacht sind. Eine Nacht verbringt Rose mit einem Typen, dessen Hund sie (indem er in ihrem Kopf mit ihr redet) davor warnt, dass der Mann sie ermorden will – womit der Hund nicht ganz unrecht hat, aber natürlich steht so einiges mehr hinter den Mordabsichten des Herrn. Die Grundidee der Geschichte mochte ich eigentlich, auch wenn die Handlung an sich spätestens ab dem Punkt vorhersehbar wurde, an dem Rose mit dem Hund ins Gespräch kommt.

Aber die Erzählweise hat mich recht unberührt gelassen (was ich bei einer Horrorgeschichte wirklich bedenklich finde) und es gab eine Szene in der Geschichte, die ich absolut wiederwärtig fand und die so – meiner Meinung nach – nur von einem Mann geschrieben werden konnte. Diese eine Szene trägt nichts zur Handlung bei, was nicht auf anderem Wege hätte erreicht werden können, und „erzwungener Sex als Mittel, um eine Frau gefügig zu machen“ gehört zu den Dingen, die ich nicht lesen will. Was dazu führt, dass ich am Ende der Geschichte ziemlich sauer war, dass dieser Aspekt überhaupt in „The Dogs“ vorkam und dass gerade diese Geschichte aus Auftakt der Anthologie gewählt wurde. (Mein Mann hat dazu angemerkt, dass Ekel als Horrorelement nicht unüblich ist und der Autor ja mit meiner Reaktion auf die Szene sein Ziel erreicht hätte – ich will so etwas trotzdem nicht lesen!)

Tim Lebbon: In Stone

Nachdem ich so unzufrieden mit der Auftaktgeschichte war, hat es einige Wochen gedauert, bis ich „Dark Cities“ wieder in die Hand nahm. Aber mit „In Stone“ wartete eine ganz andere Art von Geschichte auf mich, und das fand ich sehr angenehm. Die Handlung wird von einem Mann erzählt, dessen bester Freund Nigel vor einiger Zeit gestorben ist. Seit Nigels Tod kann der Erzähler nicht mehr schlafen und streift deshalb nachts allein durch London. Bei diesen nächtlichen Spaziergängen begegnet ihm eines Tages eine merkwürdige Frau, deren Verhalten ihn in den folgenden Tagen intensiv beschäftigt. Richtig gruselig ist die Geschichte nicht, aber sie spielt auf interessante Weise mit der Idee der menschenfeindlichen Stadt – bei mir hat das zu einigen absurden Gedankenspielen geführt und sowas mag ich ja.

Helen Marshall: The Way She is with Strangers

Eine Geschichte über eine Stadt voller Menschen, die ihren Weg verloren haben, und über eine Frau, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesen Menschen den Weg zu weisen. Ich bin mir auch eine ganze Weile nach dem Lesen noch nicht sicher, was ich von dem Ganzen halte, aber ich mochte die melancholische Atmosphäre der Geschichte und die Art und Weise, in der sie erzählt wurde.

M. R. Carey: We’ll always have Paris

„We’ll always have Paris“ wird erzählt von Inspector Philemon, der – kurz nach dem erfolgreich geschlagenen Krieg gegen Zombies – gegen einen Serienmörder ermittelt. Die Opfer wurden an verschiedenen Orten der Stadt gefunden, und jedes einzelne starb an einer ungewöhnlichen Kopfverletzung, doch es scheint – von der Todesart abgesehen – keine Verbindung zwischen den Toten zu geben, so dass der Inspector auch nach dem vierzehnten Opfer noch keine Spur zum Täter hat. Was eine normale Kriminalgeschichte sein könnte, bekommt hier durch den Schauplatz und den vor einiger Zeit geführten Krieg gegen Zombies in einen besonders düsteren Touch, den ich wirklich mochte. Auch gefiel mir die Wendung am Ende, die zwar nicht total überraschend kam, aber zu einer stimmigen Entwicklung bei Insector Philemon führte.

Cherie Priest: Good Night, Prison Kings

Eine überraschend coole Geistergeschichte rund um „seven pretty kittens and two prison kings“ oder auch um eine verstorbene Frau, ihr Leben und ihre Familie. Doch, die Geschichte gefiel mir.


Scott Sigler: Dear Diary

Irgendwie erinnert mich „Dear Diary“ an „In Stone“ (die zweite Geschichte in der Anthologie). Aber während „In Stone“ atmosphärisch war und meine Fantasie befeuert hat, fand ich „Dear Diary“ deutlich weniger reizvoll, was an der Vorhersehbarkeit der Handlung und dem Charakter des Protagonisten lag. Insgesamt war die Geschichte vor allem deprimierend und wenig gruselig.

Amber Benson: What I’ve always done

Gut erzählte, coole Geschichte über einen „Fixer“ und warum Monster sich nicht verlieben sollten. (Ich weiß nicht, ob Amber Benson im Laufe der Zeit einfach besser wurde als Autorin, oder ob mir ihre Kurzgeschichten einfach nur mehr liegen als ihre Romane, aber je kürzer die bislang gelesenen Geschichten, desto mehr habe ich sie genossen.)

Jonathan Maberry: Grit

Da ich von Jonathan Maberry nur Kurzgeschichten aus verschiedenen Anthologien kenne, fällt es mir immer schwer, seine Figuren einzuordnen. Diese Kurzgeschichte gehört zu den Monk-Addison-Geschichten, von denen ich bislang keine andere gelesen habe, und es gelingt dem Autor, eine schöne noir-Note in die Erzählung zu bringen. Die Hauptfigur ist ein Privatdetektiv, der zwar hauptsächlich Kautionsflüchtlinge jagt, dessen „Nebenjob“ sich aber mit deutlich düstereren Aspekten des Lebens beschäftigt. Ich mochte die Idee mit den Tätowierungen (auch wenn ich die eine oder andere Frage zum Thema Hygiene hätte 😉 ) und den Geistern, aber obwohl ich seine Figuren und Ideen mag, fällt mir immer wieder auf, dass Johnathan Maberry doch eher für eine männliche Zielgruppe schreibt.

Kasey Lansdale und Joe R. Lansdale: Dark Hill Run

Die Grundidee mochte ich eigentlich. Der Protagonist Johnny möchte sich das Rauchen abgewöhnen (unter anderem deshalb, weil er Läufer ist,) und geht deshalb zu einem Hypnotiseur. Doch obwohl durch die Hypnose die Nikotinsucht verschwindet, findet dadurch auch etwas vor langer Zeit Verdrängtes wieder einen Weg in Johnnys Leben. Die Vorgeschichte war nett erzählt und die Bedrohung, die in Laufe der Handlung auftaucht, war auch ganz gut beschrieben. Aber die Lösung für Johnnys Problem lag so sehr auf der Hand, dass ich beim „spannenden Showdown“ nur darauf wartete, dass der entscheidende Punkt endlich kommt – was definitiv zu Lasten der Spannung ging.

Simon R. Green: Happy Forever

Eine wunderbar bitter-böse Geschichte um einen professionellen Dieb und die Dinge im Leben, die man nicht stehlen sollte. Mehr kann ich dazu eigentlich gar nicht sagen, um nicht zu spoilern. Allerdings muss ich zugeben, dass ich mit dem Einstieg in die Geschichte leichte Probleme hatte …

Paul Tremblay: The Society of the Monsterhood

Die Handlung spielt in einer rauen Gegend und wird ausgelöst durch vier Kinder, die dank eines Stipendiums jeden Morgen abgeholt werden, um in einer Privatschule unterrichtet zu werden. Diese „Bevorzugung“ der Kinder löst eine Entwicklung aus, die einen darüber nachdenken lässt, wer in so einer Nachbarschaft das größte Monster ist und wie solche Monster entstehen. Sehr gute Geschichte mit überraschender Wendung und einem nachdenklich machenden Ende.

Nathan Ballingrud: The Maw

Atmosphärische und verstörende Geschichte, die aus zwei Perspektiven erzählt wird und bei der ich mir auch einige Tage nach dem Lesen nicht sicher bin, was ich davon halte (und wie der Autor begründen will, dass der Hund dem „Ruf“ gefolgt ist).

Tananarive Due: Field Trip

Eine eigentlich ganz normale Szene in der U-Bahn mit wunderbar unheimlichen Untertönen und ebenso beängstigenden Gedanken der Erzählerin. Sehr cool.

Christopher Golden: The Revelers

Eine Kurzgeschichte über Freundschaft und wie sie sich verändern kann. Ich muss gestehen, dass ich ein Problem mit den Figuren hatte, weil diese Feierabend-/Wochenend-Party-Besäufnis-Drogen-Welt auf mich noch nie einen Reiz ausgeübt hat. Ich mochte aber die Bilder, die die Geschichte heraufbeschworen hat und die mich an viele (alte) Filme erinnerten, die ich gern mag. Das Ende der Geschichte hingegen war eher deprimierend und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack.

Ramsey Campbell: Stillness

Diese Geschichte hat mir wieder mal gezeigt, dass ein Autor dafür sorgen muss, dass mich seine Figuren interessieren, damit die Handlung mich packen kann. Dummerweise war mir der Protagonist Donald ziemlich egal, weil ich ihn vor allem langweilig fand. Er arbeitet in einem Charity-Laden, verbringt seine Abende mit Essen und Musikhören und gehört einem Buchclub an, der sich einmal im Monat trifft. Erst als er sich eines Tages über eine „lebendige Statue“ vor dem Laden aufregt, ändert sich sein Leben und er fühlt sich regelrecht von dieser gruseligen „Statue“ verfolgt. So unheimlich ich die Grundidee finde, so wenig hat mich Donalds Schicksal interessiert, und so hat mich die Geschichte auch nicht packen können.

Kealan Patrick Burke: Sanctuary

Erzählt wird die Geschichte von einem zehnjährigen Jungen, dessen größtes Hobby das Zeichnen und Schreiben ist. Die Handlung spielt an einem Sonntag, an dem der Junge seinen Vater (der nach der Kirche immer in der Kneipe versackt) zum Essen holen soll, und die Umgebung, die der Junge beschreibt, ist wirklich gruselig. Ein verlassener Stadtteil voller Schimmel und Moos, abgestorbener Bäume und Menschen ohne Hoffnung, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und doch verloren sind … Am Ende kann man sich nicht ganz sicher sein, welcher Teil der fantastischen und gruseligen Geschichte „real“ ist und welcher nicht, oder welcher Teil in welcher Zeitebene spielt, aber gerade das macht den Reiz von „Sanctuary“ aus.

Sherrilyn Kenyon: Matter of Life and Death

Überraschend lustige Geschichte, wenn man bedenkt, dass „Dark Cities“ eine Horror- bzw. Dark-Fantasy-Anthologie ist. Erzählt wird die Handlung aus der Perspektive der Lektorin Elliott, die zu Beginn von „Matter of Life and Death“ froh darüber ist, dass ihre Star-Autorin verstorben ist, auch wenn sie nicht weiß, welche Auswirkungen das finanziell auf den Verlag haben wird. Aber die Aussicht, nie wieder etwas mit dieser anstrengenden und gehässigen Frau zu tun haben zu müssen, hellt Elliotts Laune sehr auf – bis auf einmal Nachrichten von der verstorbenen Autorin eintreffen. Ein bisschen hatte ich am Ende das Gefühl, dass da eine Autorin ihre unterdrückten Gefühle gegenüber Lektoren sehr genussvoll in allen Facetten ausgelebt hat. 😀

Seanan McGuire: Graffiti of the Lost and Dying Playces

Sehr atmosphärischer und bedrückender Text über Gentrifizierung und das Sterben einer Stadt – aus der Sicht einer Protagonistin, die ihr Viertel früher so sehr geliebt hat und nun ausharren will, bis die letzten Spuren des früheren Lebens erloschen sind …


Nick Cutter: The Crack

Uhhh … Die Geschichte fand ich heftig, allein deshalb schon, weil das Thema Gewalt gegen Kinder für sich genommen schlimm genug ist und es gar nicht mal den Horroraspekt in der Handlung benötigte, damit einem das Ganze unter die Haut geht.

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Mit Anthologien verlasse ich eher mal meine Komfortzone und in der Regel finde ich darin – unabhängig vom Thema – spannende und faszinierende Geschichten. Auch „Dark Cities“ hatte einige wunderbar atmosphärische Texte zu bieten und Autoren, deren Erzählweise, Charaktere und Ideen mich auf unterschiedliche Weise gut unterhalten haben. Trotzdem muss ich zugeben, dass ich am Ende von „Dark Cities“ vor allem mal wieder zu dem Schluss gekommen bin, dass Horror und Dark Fantasy eher weniger meine Genres sind. Denn je besser solch eine Geschichte ist, desto länger hält das unangenehme Gefühl beim Lesen an, desto länger drehen sich meine Gedanken um Elemente der Handlung – und das sind in der Regel keine Dinge, die ich in meinen Alltag mitnehmen möchte.

Nidhi Chanani: Pashmina (Comic)

Ich kann mich überhaupt nicht mehr erinnern, wie ich auf „Pashmina“ von Nidhi Chanani aufmerksam geworden bin, aber mir gefiel, dass sich die Geschichte laut Klappentext um eine indischstämmige Amerikanerin dreht, die gern mehr über das Heimatland ihrer Mutter erfahren würde. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht der ca. sechzehnjährigen Priyanka und zu Beginn des Comics kann man als Leser mitverfolgen, wie Pri(yanka) immer wieder mit ihrer Mutter aneinandergerät, weil diese ihr nichts über Pris Vater oder ihr Heimatland Indien erzählen will. Doch nicht nur mit ihrer Mutter hat Pri Probleme, sondern auch mit den Mitschülerinnen, die sich über ihren indischen Namen und ihre Leidschaft für Comics lustig machen.

Als Pri dann eines Tages in einem altem Koffer ihrer Mutter einen magischen Pashmina (ein traditionelles gewebtes Tuch) findet, bekommt sie die langersehnte Gelegenheit, Indien kennenzulernen. Gemeinsam mit ihren „Führern“ Kanta (einem Elefanten) und Mayur (einem Pfau) reist Pri zu allerlei Sehenswürdigkeiten und genießt eine Menge indisches Essen. Doch bei jedem dieser magischen Ausflüge wird Pri von dem Schatten einer Frau verfolgt, der ihr anscheinend etwas sagen möchte. Nachdem ihre Sehnsucht nach Indien durch diese „magischen Reisen“ nur noch mehr angefacht wurde, bekommt Pri überraschend die Möglichkeit, tatsächlich in das Heimatland ihrer Mutter zu fliegen und muss feststellen, dass der Alltag in Indien nicht ganz so bunt und berauschend ist, wie sie es sich vorgestellt hatte.

In vielerlei Hinsicht ist Pri ein typischer Teenager. Während sie in einigen Szenen erstaunlich erwachsen wirkt, gibt es auch immer wieder Momente, in denen sie deutlich zeigt, dass sie nicht alt genug ist, um mit einer ungewohnten Situation umzugehen. Aber insgesamt mochte ich Pri sehr gern, und es hat Spaß gemacht, sie auf ihrem Weg nach Indien zu begleiten. Ich mochte es, wie Nidhi Chanani in ihrem Comic all die kleinen Elemente eingeflochten hat, die deutlich machen, wie schwierig es für Priyanka ist, dass sie keiner ihrer beiden Welten wirklich angehört. Ebenso gefiel mir der Kontrast zwischen dem Bollywood-bunten Traum von Indien und dem Land, das Pri später dann doch noch persönlich kennenlernt. Hier und da hat die Autorin ihre Botschaft vielleicht etwas zu plakativ eingebaut, aber das hat mich bei all den wunderbaren Details und fantastischen Elementen aus der indischen Mythologie nicht gestört

Auch die relativ einfach gehaltenen Zeichnungen mochte ich bei „Pashmina“ sehr gern. Nidhi Chananis Figuren sind angenehm individuell gezeichnet und können sowohl in den schwarz-weißen Passagen, in denen die realistischen Szenen dargestellt werden, als auch auf den kunterbunten Seiten, in denen der Pashmina seine Magie wirkt, überzeugen. Besonders mochte ich Pris Gestik und Mimik, die so liebevoll gezeichnet wurden, dass man auch ohne Text genau sehen kann, wie es dem Mädchen gerade geht und wie sie auf ihre Umgebung reagiert. Insgesamt habe ich „Pashmina“ sehr genossen. Ich habe mich beim Lesen sehr über Priyankas Entwicklung gefreut und mich gern auf die Magie des Pashmina eingelassen.

Joan G. Robinson: When Marnie Was There

Als ich im vergangenen Jahr am ersten „Herbstlesen“-Tag „Erinnerungen an Marnie“ geschaut hatte, hat mich Neyasha darauf aufmerksam gemacht, dass der Film auf einem britischen Kinderbuch mit dem Titel „When Marnie Was There“ basiert. Nach ihrer Rezension zu dem Roman hatte ich nur noch mehr Lust, den Titel zu lesen, aber als ich ihn dann im November zum Geburtstag bekam, hatte ich erst einmal andere Dinge im Kopf. Letzte Woche war es aber dann endlich soweit und ich bekam – wie ich es mir erhofft hatte – mit „When Marnie Was There“ eine wunderschöne, ruhige Geschichte über Freundschaft und Familie erzählt, die voller atmosphärischer Beschreibungen der Salzmarsch und des Lebens an der Küste steckte.

Die Geschichte wird aus der Perspektive von Anna erzählt, die (nicht nur) aus gesundheitlichen Gründen nach Norfolk geschickt wird, um dort eine Zeitlang in der Obhut von Mr. und Mrs. Pegg zu leben. Für Anna fühlt sich dieser Aufenthalt in Norfolk an, als ob sie von ihrer Pflegefamilie abgeschoben würde, weil diese sich nicht länger um sie kümmern will. Nachdem sie schon von ihrer Mutter und Großmutter verlassen wurde (die beide gestorben sind, als Anna noch klein war), ist sie sich sicher, dass sie nicht liebenswert genug ist, um jemandem wirklich am Herzen zu liegen. Um nicht immer wieder von Neuem Ablehnung zu erfahren, setzt Anna alles daran, um Distanz zu anderen Menschen zu wahren. So ist es auch nicht überraschend, dass sie sehr zufrieden damit ist, dass sie bei den Peggs den ganzen Tag allein am Strand und in der Salzmarsch herumstreifen und sich mit sich selbst beschäftigen kann.

Doch eines Tages sieht sie in einem alten Anwesen am Rand der Salzmarsch ein junges Mädchen am Fenster und wenig später freundet sich Anna mit diesem Mädchen an. Marnie ist fröhlich und aufgeschlossen und stört sich nicht daran, wenn Anna mal abweisend ist, weil sie sich von Marnie vernachlässigt fühlt. Erst im Laufe der Zeit lernt Anna, dass Marnies Leben nicht ganz so schön ist, wie es auf den ersten Blick zu sein scheint – und genau das mag ich eigentlich an dieser Geschichte. Anna lernt in diesem langen Sommer an der Küste mehr über sich und über andere Menschen, sie lernt Freundschaften zu schließen und dass eigentlich jeder Mensch Phasen hat, in denen er für sich sein möchte oder sich ausgeschlossen fühlt und einsam ist. Ganz besonders habe ich bei dieser Geschichte das Ehepaar Pegg ins Herz geschlossen, denn obwohl sie Annas Verhalten nicht immer nachvollziehen können und gerade Mrs. Pegg sich manchmal wünscht, dass Anna sich den Nachbarn gegenüber „angemessener“ verhält, geben die beiden dem Mädchen Zeit und Raum, um es selbst zu sein.

Ich fand es auch schön, dass im Roman – im Gegensatz zum Film – den Erlebnissen, die Anna gegen Ende des Sommers hat, so viel mehr Platz eingeräumt wird. Diese Kapitel zeigen, wie sehr sich Anna im Laufe dieses Aufenthalts an der Küste verändert hat und wie gut ihr diese Zeit getan hat, dass sie aber trotz aller Veränderungen immer noch dieselbe Person geblieben ist (nur etwas glücklicher als vorher). Die Küste von Norfolk und die Salzmarsch bilden die perfekte Kulisse für diese Geschichte rund um die einsame Anna. Joan G. Robinson beschreibt die Gegend so liebevoll und detailliert, dass man beim Lesen richtige Sehnsucht nach diesem Ort bekommt. Ich habe es genossen, mit Anna zusammen den Tag über durch die Gegend zu streifen, tagzuträumen, während Möwen und Regenpfeifer über ihr am Himmel fliegen, mit ihr Sandburgen zu bauen und der aufziehenden Flut zuzuschauen. Im Vergleich zur Ghibli-Verfilmung mag ich die Handlung im Roman noch lieber. Obwohl der Anime viele Elemente der Geschichte im Detail aufnimmt, finde ich den Film kitschiger als das Buch und einige Aspekte (wie das Verhältnis zum Nachbarmädchen) sind im Original einfach stimmiger dargestellt als in der Verfilmung. Ganz bestimmt werde ich noch häufiger zu „When Marnie Was There“ greifen und die wunderbar ruhige und angenehm melancholische Erzählweise dieses Romans genießen.

Kristina Gehrmann: Im Eisland 1 – Die Franklin-Expedition (Comic)

Die Veröffentlichung „Im Eisland 1 – Die Franklin-Expedition“ von Kristina Gehrmann habe ich bei Neyasha entdeckt, die von dem Comic sehr angetan war. Dieser erste von drei Teilen erzählt die Geschichte der Franklin-Expedition von der Abfahrt im Mai 1845 bis zum Beginn des Jahres 1846. Von Anfang an lässt Kristina Gehrmann keinen Zweifel am traurigen Ausgang dieser Reise, so dass auch Leser, die über keine Vorkenntnisse über die Franklin-Expedition verfügen, schon mit dem Vorwissen um ihr Scheitern in die Geschichte einsteigen.

Die Zeichnerin konzentriert sich vor allem auf eine Handvoll Personen aus den verschiedenen Rängen wie Commander James Fitzjames, Kapitän Francis Crozier (Kapitän der H.M.S. Terror) oder den zwanzigjährigen Heizer John Torrington und den Schiffsjungen Tommy Evans. Man bekommt als Leser die Motivation der verschiedenen Charaktere ebenso präsentiert wie die Vorurteile und Befürchtungen, die mit der Expedition verknüpft sind, doch vor allem überwiegt anfangs die Hoffnung, dass man aufgrund der technischen Errungenschaften (es gab ein Heizungssystem für die Schiffe und große Mengen an Konservendosen, ebenso wie einen großen Vorrat an Zitronensaft, um dem Skorbut vorbeugen zu können) einen Weg durch die Arktis zu finden, die eine schnellere Reise von Europa nach Asien ermöglichen würde.

Obwohl in diesem ersten Band noch nicht viel passiert, wird deutlich, dass so eine Arktis-Expedition selbst unter optimalen Voraussetzungen nicht auf die leichte Schulter zu nehmen ist. Die lange Dunkelheit macht den Männern zu schaffen, die frischen Vorräte sind schon vor der Winterpause aufgebraucht und die Enge, in der die Männer leben, macht ein Miteinanderauskommen auch nicht immer leicht. Doch noch konzentrieren sich alle auf die Pläne für das kommende Frühjahr, darauf, sich gegenseitig bei Laune zu halten und die aufgezwungene Wartezeit so gut wie möglich zu verbringen. Das Ganze ist interessant zu lesen und gerade mit dem Wissen um das Scheitern der Expedition und den Tod der gesamten Teilnehmer auch sehr berührend. Gerade weil sich Kristina Gehrmann auf einzelne Charaktere konzentriert und ihnen durch kleine private Szenen (zum Beispiel die Panels, in denen John Torrington dem Schiffsjungen das Lesen und Schreiben beibringt) mehr Persönlichkeit verleiht.

Etwas schade fand ich, dass die Hintergrund-Informationen über die Expedition oft etwas steif und lehrbuchhaft eingeflochten wurden – unter anderem, indem sich zwei Personen über eine dritte unterhalten. Aber immerhin bekommt man auf diese Weise als Leser alle wichtigen Details mit und kann zum Beispiel besser einschätzen, wieso es so kritisch war, dass nur einer der beteiligten Offiziere vorher überhaupt in der zu erkundenden Region war. Auch mit den Zeichnungen war ich nicht so ganz glücklich. Zwar gelingt es Kristina Gehrmann, die vielen verschiedenen Figuren individuell genug darzustellen, dass sie einen hohen Wiedererkennungswert haben, aber all diese Darstellungen wirken schrecklich steif und ohne jegliche Dynamik. Obwohl es immer wieder Szenen gibt, wo man zum Beispiel die Mannschaft beim Essen oder bei der Arbeit sieht, erinnern die Zeichnungen eher an Stillleben und wirken nicht, als ob hier Aktivitäten festgehalten worden wären.

Auch hätte ich es schön gefunden, wenn es mehr ausgearbeitetet Hintergründe gegeben hätte, da die historischen Schiffe als Handlungsort für die Geschichte doch großartige Kulissen abgegeben hätten. Ein weiteres Problem ergibt sich beim „visuellen Alter“ der Figuren, denn obwohl bei den Expeditionsteilnehmer gewiss eine hohe Altersspanne herrschte, hat man das Gefühl, dass es (abgesehen von Sir John Franklin) nur Teenager oder aber Männer Ende Dreißig auf den Schiffen gibt – wobei ich zugeben muss, dass sehr viele Zeichner es nicht hinbekommen, den Gesichtern ihrer Figuren ein ihrem Alter entsprechendes Aussehen zu verleihen. Die Landschaftsdarstellungen hingegen fand ich ebenso wie die Szenen zu Beginn des Comics, in denen die Einheimische zu ihren Beobachtungen rund um die Franklin-Expedition befragt werden, sehr atmosphärisch.

Gail Honeyman: Ich, Eleanor Oliphant

„Ich, Eleanor Oliphant“ von Gail Honeyman gehört zu den Büchern, die ich im vergangenen Jahr so oft in meiner Timeline gesehen habe, dass ich sie schon nicht mehr sehen konnte. Auch die Inhaltsangabe hat mich nicht gereizt, ebensowenig wie all die begeisterten Rezensionen. Aber ich muss zugeben, dass ich trotz all der gelesenen Rezensionen die ganze Zeit der Meinung war, dass es sich bei dem Titel um ein Jugendbuch handelt, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses Thema eine gute Geschichte für Jugendliche bereithalten würde. Ich war mir also gut ein Jahr lang ganz sicher, dass ich das Buch nicht lesen würde, bis ich mich vor einer Woche dabei ertappte, dass ich den Ausleih-Button in der Onleihe anklickte. Ich habe keine Ahnung, was mich dazu gebracht hat, aber nachdem ich den Roman schon auf dem Reader hatte, konnte ich ihn ja auch gleich mal lesen.

Gail Honeyman hat mit Eleanor Oliphant eine Protagonistin geschaffen, die ein sehr einsames Leben führt. Sie arbeitet von Montag bis Freitag als Buchhalterin und hat bei der Arbeit kaum Kontakt zu den Kollegen, weil Eleanor mit deren Interessen und deren Verhalten wenig anfangen kann. Wenn Freitagabend dann der Wochenendeinkauf erledigt ist, vergräbt sich Eleanor mit einem ausreichenden Vorrat an Alkohol in ihrer Wohnung und versucht, irgendwie das einsame Wochenende zu überstehen. Obwohl Eleanor sich einzureden versucht, dass ihr Leben gar nicht so übel ist, wird von der ersten Seite an deutlich, dass sie unglücklich ist und dass sie keine Ahnung hat, wie sie ihre Situation ändern soll. Erst eine Schwärmerei für einen Musiker und die Bekanntschaft mit dem neuen Arbeitskollegen Raymond rütteln die einsame Frau so weit auf, dass sie sich vorsichtig an die eine oder andere Veränderung wagt.

Ich fand es etwas schade, dass die Autorin Eleanors Veränderungen damit anfangen ließ, dass sie zum Friseur geht und neue Kleidung kauft. Aber auf der anderen Seite sind das natürlich auch die Dinge, die sich am leichtesten ändern lassen und die von der Außenwelt am ehesten wahrgenommen werden, also konnte ich damit leben. Obwohl Eleanor sehr intelligent ist, ist sie doch auch sehr naiv, und das bringt sie immer wieder in Situationen, mit denen sie nicht so recht umgehen kann. Schon früh wird in dem Roman gesagt, dass Eleanor einen Großteil ihrer Kindheit in Pflegefamilien und Heimen verbracht hat, aber wie wenig sie in dieser Zeit über den Umgang mit anderen Menschen gelernt hat, wird erst im Laufe der Geschichte deutlich. So fand ich es nicht überraschend, dass Eleanor keine Ahnung hat, wie man sich verhält, wenn man zu einer Geburtstagsfeier eingeladen wird, wie man Small Talk betreibt oder überhaupt mit anderen Menschen auf privater Ebene Kontakt hat.

Für den Leser ist sehr früh offensichtlich, was in Eleanors Kindheit passiert ist, ebenso wie man sich schon nach den ersten Kapiteln denken kann, wie ihre bislang einzige Beziehung verlaufen ist. So entsteht die Spannung beim Lesen weniger durch die Frage nach Eleanors Kindheit, sondern eher durch die Frage wie es der Protagonistin, die bis zu ihrem dreißigsten Lebensjahr all diese Erlebnisse verdängt hat, gelingen wird, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. Dabei erlebt man die Geschichte aus Eleanors Perspektive inklusive all ihrer Fehlinterpretationen des Verhaltens anderer Menschen, ihrer diversen Schutzmechanismen und ihrer verächtlichen Gedanken gegenüber ihren Mitmenschen. Das wäre unangenehm zu lesen, wenn es nicht immer wieder diese Momente gäbe, in denen Eleanor zeigt, dass sie auch eine andere Seite hat, dass sie ihre abwertenden (und durch die Erziehung ihrer Mutter verursachten) Gedanken selbst unschön findet und doch eigentlich gern anders auf ihre Umgebung zugehen würde.

Eine große Hilfe findet Eleanor in ihrem neuen Arbeitskollegen Raymond, der ein netter und gutmütiger Mensch ist und dessen selbstverständliche Hilfsbereitschaft dazu führt, dass er sich mit Eleanor anfreundet. Er gibt Eleanor immer wieder (wenn auch häufig unbewusst) kleine Anstöße, um sich in unvertraute Situationen zu begeben, mit anderen Menschen zu treffen oder sich um jemanden zu kümmern, obwohl sie keine Ahnung hat, wie sie das überhaupt tun soll. Es dauert eine ganze Weile, bis Raymond versteht, wie hilflos Eleanor in privaten Situationen ist, die für die meisten anderen Menschen zum Alltag gehören, und das finde ich ebenso stimmig wie Eleanors intensive Konzentration auf jeden neuen Menschen und jedes neue Thema, das sie beschäftigt. Raymond muss sich keine Gedanken um viele Dinge machen, weil sie für ihn zum normalen Leben dazugehören, während Eleanor, die so lange in ihrer Einsamkeit gefangen war, voller Aufregung und Unsicherheit die schönen Seiten ausschmückt und auskostet und alles tut, um so perfekt wie möglich auf eine bevorstehende unvertraute Situation vorbereitet zu sein.

Diese Elemente sind es, die ich an dieser Geschichte wirklich gemocht habe. Ich fand es stimmig, dass Raymond sich so wenig Gedanken gemacht hat, ich konnte Eleanors Unsicherheiten nachvollziehen und habe mich darüber amüsiert, wie sie versucht, zielstrebig und effektiv Wege zu finden, um mit neuen Situationen umzugehen. Ebenso fand ich es richtig, dass sich nicht von einem Tag auf den anderen etwas an Eleanors Arbeitsplatz ändert. Natürlich bemerken ihre Kollegen, dass Eleanor sich verändert, aber es entstehen nicht auf einmal Freundschaften, die nach der jahrelangen Distanz unnatürlich gewesen wären. Auch Eleanor ist am Ende des Buches nicht ein vollkommen neuer Mensch, aber sie ist ein bisschen weniger einsam, sie lernt, mit ihrer Vergangenheit umzugehen, und als Leser fand ich es schön zu sehen, wie weit sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt hat.

Charlotte MacLeod: Madoc und Janet Rhys 4 – Trouble in the Brasses (Hörbuch)

„Trouble in the Brasses“, das vierte Hörbuch rund um „Madoc und Janet Rhys“, muss leider ohne Janets Beteiligung auskommen, da diese gerade ihre Schwägerin zu Besuch hat, als Madoc von seinen Eltern zur Hilfe gerufen wird. Der berühmte Konzertmeister und seine ebenso berühmte Frau sind seit Wochen mit einem klassischen Orchester auf Tournee und beunruhigt, weil irgendetwas mit den Blechbläsern nicht in Ordnung ist und sie nicht herausfinden, was das sein könnte. Als Madoc beim Orchester eintrifft, kann er nur noch hilflos zusehen, wie einer der Musiker tot umfällt. Da anfangs davon ausgegangen wird, dass der Mann eines natürlichen Todes starb, darf das Orchester seine Reise zum nächsten Auftrittsort antreten – nur um unterwegs von einem Sturm überrascht zu werden und mit dem Flugzeug notlanden zu müssen.

Für Madoc bringt der Fall dieses Mal besondere Herausforderungen mit sich, da er nicht nur herausfinden muss, was mit dem verstorbenen Musiker passiert ist (und ob jemand ihn ermordet haben könnte), sondern auch von seinen Eltern mit der Versorgung des mitten in der kanadischen Wildnis gestrandeten Orchesters beauftragt wird. Auch wenn ich mich wiederhole: Charlotte MacLeod trifft meinen Humor mit ihren Geschichten jedes Mal wieder. Ich habe mich wunderbar amüsiert, während ich davon gelesen habe, wie all die Musiker sich wie egoistische kleine Raupen von Madoc versorgen ließen, wie er versucht, irgendwie die Dynamik zwischen all diesen Künstlern zu durchschauen, und wie sich das Verhältnis zwischen ihm und seinen Eltern gestaltet. Dass dieses Verhältnis trotz aller Zuneigung nicht so einfach ist, konnte man schon in den vorhergehenden Bänden der Reihe mitbekommen, schließlich ist es für eine so musikalische Familie doch sehr seltsam, einen so aus der Art schlagenden Sohn zu haben.

Natürlich stellt die Autorin die verschiedenen Figuren überspitzt dar, aber sie geht nie so weit, dass man die Figuren als unglaubwürdig empfindet. Die Orchester-Musiker stehen sich in gewisser Weise sehr nahe, da sie bei der Arbeit (und den damit verbundenen Reisen) sehr viel Zeit miteinander verbringen, aber auf der anderen Seite haben die meisten von ihnen auch ein privates Leben, das wenig mit ihrer Musikerkarriere zu tun hat. Dazu kommen Madoc, der zwar in einem Musiker-Haushalt aufgewachsen ist, aber eher mit amüsiertem Unverständnis auf dieses Leben reagiert, die beiden Piloten des Flugzeugs und der eine oder andere exzentrische Bewohner der kanadischen Wildnis – und schon ergeben sich so viele unterhaltsame Szenen, dass ich beim Hören ständig vor mich hingeschmunzelt habe. Neben all den humorvollen Elementen gehen die Mordermittlungen ein wenig unter, aber trotzdem gelingt es Charlotte MacLeod, den Fall am Ende stimmig von Madoc lösen zu lassen.

William Dufris leistet auch bei diesem Hörbuch wieder gute Arbeit (zu meinen Glück gibt es in dieser Geschichte recht wenige Personen, deren Passagen im Dialekt gelesen wurden, was für mich ja immer noch eine Herausforderung darstellt). Das einzige, was ich zu beklagen habe, ist, dass ich nun nur noch ein einziges ungehörtes Hörbuch vor mir habe, in dem Janet und Madoc eine Rolle spielen. Immerhin gibt es noch die vier „Dittany Henbit and Osbert Monk“-Hörbücher von Charlotte MacLeod, die ich auch noch nicht kenne. Eine paar unterhaltsame Hörbuchstunden mit dem typischen Humor der Autorin und einer mir unbekannten Geschichte habe ich also hoffentlich noch vor mir liegen.

Delilah S. Dawson/Ashley A. Woods: Ladycastle 1 (Comic)

Der erste „Ladycastle“-Sammelband von Delilah S. Dawson (Story) und Ashley A. Woods (Zeichnungen) ist ein amüsanter Comic rund um ein Schloss voller Frauen, deren Männer (und Väter und Söhne) in den Kampf gezogen sind. In der Abwesenheit der Männer halten sich die meisten Frauen brav an die Regeln und Gesetze, die König Mancastle aufgestellt hat, kümmern sich um alle anfallenden Angelegenheiten und hoffen, dass ihr Herrscher seine inzwischen achtzehnjährige Tochter Aeve nach seiner Rückkehr endlich aus dem Turm lässt, in dem sie seit sechs Jahren eingesperrt ist. Doch stattdessen erreicht der letzte lebende Ritter des Königreichs das Schloss und berichtet davon, dass der König und seine Gefolgsscharen erst zusammen mit dem restlichen Königreich verflucht und dann von einem Drachen gefressen wurden. Selbstverständlich ist dieser Ritter nun bereit, die Königskrone und alle damit verbundenen Aufgaben zu übernehmen, doch die „Lady of the Lake“ wählt die Schmiedin Merinor zum neuen König (ja, „König“ und nicht „Königin“).

Von diesem Tag an ändert sich so einiges im Schloss und der Anfang wird damit gemacht, dass Prinzessin Aeve endlich aus ihrem Gefängnis freigelassen und zum ersten weiblichen Ritter des Königreichs ernannt wird. Gemeinsam machen sich die Frauen daran, neue Regeln für ihr Königreich aufzustellen und gegen die Folgen des Fluchs zu kämpfen, die stetig über sie hereinbrechen. Egal, ob das Schloss von Feuersalamandern (natürlich in der magischen Variante) überflutet oder von Werwölfen oder Harpyien angegriffen wird, immer wieder müssen König Merinor und ihre Gefährtinnen einen Weg finden, um mit den unterschiedlichen Herausforderungen fertig zu werden. Doch nicht nur die diversen (übernatürlichen) Gegner müssen bezwungen werden, sondern auch die eigenen Selbstzweifel und Vorurteile gegenüber den anderen Frauen, während gleichzeitig die gewohnten Traditionen aufgebrochen und überdacht werden.

So amüsant ich die Kämpfe gegen die unterschiedlichen magischen Wesen fand, die nach dem Tod des Königs das Schloss einnehmen wollen, so haben mich vor allem die vielen kleinen Szenen zwischen den Frauen berührt und amüsiert. Ich mochte nicht nur die unkonventionellen Lösungen, die die Frauen gemeinsam für ihre Probleme gefunden haben, sondern auch die vielfältigen Ziele und Wünsche, die die Frauen nun in Angriff nehmen können, ohne sich fragen zu müssen, ob ihr Mann oder ihr Vater damit einverstanden wäre. Dalilah S. Dawson bringt viele wunderbare Elemente in die Geschichte ein, so hat sie zum Beispiel einen stimmigen Tagesablauf für die arme Prinzessin Aeve gefunden, die seit Jahren irgendwie ihre Zeit im Turm rumbringen muss, ohne vor lauter Einsamkeit wahnsinnig zu werden. Ich verrate hier nicht zu viel, wenn ich erzähle, dass eine ihrer Tätigkeiten darin besteht, die verschiedenen „Kummerkasten“-Briefe zu beantworten, die ihr jeden Tag in einem Korb zu ihrem Turmfenster hinaufgezogen werden (und dass das Ganze auf eine Art und Weise erzählt wird, die ganz wunderbar die ganze Singerei in Disney-Filmen parodiert).

Die Zeichnungen von Ashley A. Woods sind ein bisschen schlichter, als mir normalerweise lieb wäre, aber ansprechend und mit genügend Details, um die Handlung ausreichend zu unterstützen. Ich mochte die Vielfalt der dargestellten Personen ebenso wie die Gestik und Mimik. Dazu kommen noch die vielen kleinen Elemente, die die eh schon witzigen Momente in der Geschichte mit weiteren Details unterstützen.

Stephanie Burgis/Tiffany Trent (Hrsg.): The Underwater Ballroom Society (Anthologie)

„The Underwater Ballroom Society“ ist eine von Stephanie Burgis und Tiffany Trent herausgegebene Anthologie, die aus einem Austausch der beiden Autorinnen über den „Underwater Ballroom at Witley Park“ auf Twitter entstand. Ich habe Mitte März überraschenderweise das eBook gewonnen, da ich den Newsletter zu der Anthologie abonniert hatte – offiziell wird der Titel erst am 30. April veröffentlicht – und da ich bei solchen Sammlungen gern beim Lesen meine Gedanken zu den einzelnen Geschichten aufschreibe, gibt es wieder einen Blogpost zu dem Titel.

1. „The Queen of Life“ von Ysabeau S. Wilce

Bei „The Queen of Life“ fand ich sowohl die Welt, in der die Geschichte spielt, als auch die Erzählweise sehr eigen und musste mich erst einmal darauf einlassen. Nachdem ich aber beim Aufstieg der Band „Love’s Secret Domain“ angekommen war und verfolgen musste, wie der Bassist Robert Mynwar von dem Elfenkönig Oberon entführt wurde, hatte mich die Handlung gepackt. Ich mochte das wunderbar atmosphärische Treffen zwischen der Musikerin Sylvanna de Godervya und dem geheimnisvollen Jungen an einer Kreuzung ebenso wie die Rolle, die der dicke Corgi in den folgenden Passagen übernahm, und fand die Szene im Ballsaal der Feen sehr berührend. Doch das Beste war die Entwicklung der Protagonistin und die Art und Weise, wie die Geschichte endete. Das hat mir so viel Freude bereitet, dass ich direkt im Anschluss „Flora Segundas magische Missgeschicke“ von der Autorin in der Bibliothek auf die Merkliste gesetzt habe, um zu schauen, ob es da ebenso viele ungewöhnliche und atmosphärische Elemente zu finden gibt.

2. „Twelve Sisters“ von Y. S. Lee

„Twelve Sisters“ spielt zwölf Jahre, nachdem die zwölf Prinzessinnen ihre zertanzten Schuhe an den Nagel hängen und zusehen mussten, wie die Älteste von ihnen den Soldaten heiratete, der ihr Geheimnis aufdeckte. Schon im ersten Absatz wird deutlich, dass dieser Soldat seiner Frau in den vergangenen Jahren kein guter Ehemann war, dass er sie misshandelte und gegen ihren Willen dafür gesorgt hat, dass sie nun zum zwölften Mal schwanger ist. Doch nicht nur Prinzessin Anya leidet unter dem Soldaten, sondern das gesamte Königreich – und es wird noch schlimmer werden, wenn der todkranke König erst verstorben ist und der Soldat das Reich erbt. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der jüngsten Prinzessin (Ling), die sich in den vergangenen Jahren nicht nur um ihren Vater und die älteste Schwester gekümmert hat, sondern auch um die verzauberte Welt, in der die Schwestern Nacht für Nacht tanzten. Ich fand Lings Perspektive (und ihre Prioritäten im Leben) wunderbar, ich mochte die märchenhafte und doch erschreckend realistische Atmosphäre dieser Geschichte sehr und ebenso gefiel mir die Lösung, die Y. S. Lee für die Prinzessinnen gefunden hat. Dummerweise hat das dazu geführt, dass ich mir prompt den Debütroman der Autorin („The Agency: A Spy in the House“) auf den Wunschzettel gepackt habe.

3. „Penhallow Amid Passing Things“ von Iona Datt Sharma

Das war eine wunderschöne Geschichte über eine Schmugglerin (Penhallow), den gleichnamigen Ort, für den sie verantwortlich ist, und die Gesetzeshüterin (Trevelyan), die an der Küste Dienst tut – und darüber, dass die beiden Frauen so viel verbinden könnte, wenn sie nicht auf gegensätzlichen Seiten des Gesetzes stünden. „Penhallow Amid Passing Things“ spielt in einem England, in dem die Magie nur noch Legende ist, auch wenn einige von den älteren Leuten immer noch hoffen, dass die Magie eines Tages wieder zurückkommt. Diese Sehnsucht nach Magie und das Gefühl, Unrecht verhindern zu müssen, ist es dann auch, die Penhallow und Trevelyan über ihren Schatten springen lässt und das ist wunderschön (und amüsant) zu verfolgen. Nur gut, dass die Autorin noch keinen Roman geschrieben hat, sonst hätte ich einen weiteren Zugang auf der Wunschliste zu verzeichnen …

4. „Mermaids, Singing“ von Tiffany Trent

Eine wunderschön erzählte Geschichte, die im viktorianischen London spielt und aus zwei Perspektiven erzählt wird. „Mermaids, Singing“ ist voller atmosphärischer Elemente wie dem Chinesischen Viertel und magischer Dinge wie Gestaltwandlern, Einhörnern, Harpyien, Meerjungfrauen und dem dazu passenden unheimlichen Zirkus. Die Bösewichte erinnern mich an Mommy Fortuna zu ihren mächtigsten Zeiten (inklusive passendem Partner), während die Protagonisten (wenn man davon absieht, dass der männliche Part ein Gestaltwandler ist) angenehm normal sind und vor allem aufgrund ihrer guten Zusammenarbeit und der wohlverdienten Unterstützung von höherer Stelle am Ende Erfolg haben. (Und da „The Unnaturalist“ von Tiffany Trent in derselben Welt zu spielen scheint und mir die Charaktere ebenso wie die Erzählweise in dieser Kurzgeschichte so gut gefallen hatten, ist gleich ein weiteres Buch auf die Wunschliste gewandert.)

5. „A Brand New Thing“ von Jenny Moss

So unterschiedlich die Geschichten sind, so sehr mag ich sie doch bislang alle – auch „A Brand New Thing“ von Jenny Moss rund um Eve, die so ganz anders ist als der Rest der Familie (von der ominösen Tante Dorothy mal abgesehen). Eve hat so ihre Eigenarten, deshalb fällt es ihr schwer, eine Arbeit zu unterbrechen, weil sie sie erst beenden muss, bevor sie sie zur Seite legen kann, sie tippt dreimal auf eine Türklinke, bevor sie sie benutzt, und sie versteht den Sinn hinter all den Konventionen der höheren britischen Gesellschaft so gar nicht. Während ihre Familie kurz vor der Hochzeit ihrer Schwester Edith besonders darauf bedacht ist, dass Eve sich nicht immer so schrecklich seltsam verhält, entdeckt zur selben Zeit Eve eine magisch wirkenden Ballsaal unter dem Teich auf dem Anwesen ihres Vaters. Ich habe die Perspektive von Eve so sehr gemochte, ebenso wie ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte und die Tatsache, dass der Ballsaal nicht die Lösung für Eves Probleme beinhaltet. Ich würde wirklich gern mehr über Eve und ihr weiteres Schicksal lesen …

6. „Four Revelations from the Rusalka Ball“ von Cassandra Khaw

Vier Enthüllungen über Dinge, die man bei einem Rusalka Ball sehen oder erleben kann. Keine Geschichte, aber kleine, skurrile und magische Dinge, die die Fantasie des Lesers anheizen.

7. „Spellswept“ von Stephanie Burgis

Die Kurzgeschichte Spellswept erzählt davon, wie Amy und Jonathan, die ich schon aus dem Titel „Snowspelled“ kenne, zusammenkamen. In der Welt, die Stephanie Burgis hier entworfen hat, liegt die politische Macht in den Händen der Frauen, während die Männer (als emotionaleres Geschlecht) Magie lernen und mit dieser ihre Frauen bei ihrer Arbeit unterstützen. Für eine junge Frau wie Amy, die ihr Leben lang darauf hingearbeitet hat, eine politische Karriere zu verfolgen, kommt es also überhaupt nicht in Frage, einen Mann wie Jonathan, der über keinerlei magische Ausbildung verfügt, zu heiraten. Während Amy also eigentlich plant, auf dem Frühlingsball ihre Verlobung mit Lord Llewellyn bekanntzugeben, lernt sie im Laufe des Abends, dass es manchmal nötig ist, nicht den traditionellen Weg einzuschlagen, um ein Ziel zu erreichen. So eine süße Liebesgeschichte, voller amüsanter Momente und unglaublich rührender Szenen. Ich mag die Figuren und ich mag die Welt, die Stephanie Burgis da geschaffen hat. (Und im Gegensatz zu „Snowspelled“, das mir viel zu kurz war, fand ich hier die Länge der Geschichte für die Handlung auch passend.)

8. „The River Always Wins“ von Laura Anne Gilman

Ich mochte an dieser Geschichte sehr, dass der „Ballsaal“ dieses Mal ein Punk-Club kurz vor dem Abriss war. Ein Punk-Club voller übernatürlicher Gestalten aus den unterschiedlichsten Mythologien, die zum letzten Mal den Ort besuchen, an dem sie in ihrer Jugend all ihre Aggressionen rauslassen konnten. Dummerweise bringt dieses letzte Mal auch so einige Erinnerungen an frühere Zeiten zurück, die nicht ganz so erinnerungswert sind. Sehr interessante Variante einer Sirene, sehr atmosphärisch erzählte Geschichte und eine tolle Freundschaft zwischen zwei ungewöhnlichen Frauen. (Keine neue Autorin für die Wunschliste, da Laura Anne Gilman da schon länger draufsteht … 😉 )

9. „The Amethyst Deceiver“ von Shveta Thakrar

Eine Geschichte über eine ungewöhnliche symbiotische Gemeinschaft und über die Industrialisierung und ihre Folgen für die Natur. Und auch eine Geschichte über das Leben als Kind eines englischen Vaters und einer indischen Mutter in einem Land, in dem die höhere Gesellschaft diese Mutter und ihre Kinder wohl niemals als ebenbürtig ansehen wird, unabhängig davon, wer ihr Vater ist und wie sie sich benehmen. Sehr schöne fantastische Elemente – ich fand es toll, dass Pilze hier für mehr als nur den klassischen Feenkreis stehen -, starke Erzählstimme, deren Beweggründe und Gefühle mich schnell gepackt haben, und eine wunderbare Wendung am Ende. Ich mag die ungewöhnliche Idee hinter der Geschichte und würde gern mehr über die verschiedenen Pilze lernen.

10. „A Spy in the Deep“ von Patrick Samphire

„A Spy in the Deep“ ist eine Geschichte, die in der „Regency Mars“-Welt des Autors spielt und sich um Harriet George dreht, die mitten in der Ausbildung zur Spionin für die Britisch-Marsianische-Regierung steckt. Um zu beweisen, was sie in den vergangenen Monaten alles gelernt hat, soll Harriet eigenständig (wenn auch unter Aufsicht) eine einfache Mission bewältigen – bei der natürlich alles schiefläuft, was schieflaufen kann. Ich fand die Geschichte sehr unterhaltsam, ich mochte die Charaktere (also die, die auch sympathisch sein sollten) und ich habe es genossen, Harriet bei der Durchführung ihrer Mission zu verfolgen. Zu meiner eigenen Überraschung hatte ich aber erstaunlich große Probleme mit der Vorstellung von einer Britisch-Marsianischen-Gesellschaft, in der es auf der einen Seite im Jahr 1816 Krieg mit Napoleon gibt und auf der anderen Seite der Mars durchgehend besiedelt ist (inklusive einheimischer „Marsianer“, die vor vielen Jahrtausenden von der Erde dorthin ausgewandert waren). Das ist definitiv mein ganz persönliches Problem und liegt nicht an der Erzählweise von Patrick Samphire – die ist so unterhaltsam, dass ich nun um die erste Geschichte rund um Harriet George herumschleiche, weil ich wissen will, was es mit dem „Gläsernen Phantom“ auf sich hat.

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Insgesamt war ich wirklich sehr glücklich mit „The Underwater Ballroom Society“. Es gibt nur selten Anthologien, bei denen ich durchgehend so zufrieden mit den Geschichten bin, mich so gut unterhalten fühle und so viele neue Autoren auf meine Merkliste setze. Die verschiedenen Kurzgeschichten sind wunderbar vielfältig, es gibt ein angenehm diverses Figurenspektrum, sehr viele ungewöhnliche fantastische Grundideen und immer wieder überraschende Wendungen. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht!

Isabel Yap: Hurricane Heels

Auf der Rückseite des Romans wird „Hurricane Heels“ von Isabel Yap als „series of interconnected short stories“ bezeichnet, doch ich bezweifle, dass die ersten Geschichten ohne die folgenden funktionieren können, weshalb dieses Buch für mich ein Roman ist, der in fünf Teilen erzählt wird. Genau genommen bekommt der Leser die Handlung aus der Sicht der „magical girls“ Alex, Ria, Aiko, Natalie und Selena erzählt und obwohl jede von ihnen auf den Tag eingeht, an die fünf Mädchen einer Göttin begegneten, die sie bat, für das Gute zu kämpfen, lernt man durch die unterschiedlichen Perspektiven auch verschiedene Aspekte dieses Lebens als „magical girl“ kennen.

Zu dem Zeitpunkt, an dem die aktuelle Handlung beginnt, kämpfen die fünf Frauen, die mittlerweile Mitte 20 sind, schon seit fast zwölf Jahren für die Göttin gegen „Greystones“. Zwölf Jahre, in denen sie ständig verletzt werden, zwölf Jahre, in denen sie ihre Familien und Freunde belügen müssen, um ihre Identität als „magical girl“ geheim zu halten, zwölf Jahre, in denen sie immer und immer wieder zusehen müssen, wie ihre Mitstreiterinnen verletzt werden und gerade noch mit dem Leben davonkommen. Diese zwölf Jahre haben in allen fünf Protagonistinnen ihre Spuren hinterlassen, und selbst diejenigen, die anfangs begeistert von der Aussicht auf ein Leben als Kämpferin für das Gute waren, sind inzwischen des Kämpfens müde.

Da nur die anderen „magical girls“ von diesem geheimen Leben wissen, ist es ganz natürlich, dass die fünf Mädchen – trotz ihrer unterschiedlichen Neigungen und Persönlichkeiten – enge Freundinnen werden. Einfach ist diese Freundschaft nicht, denn obwohl die Freundinnen Schutz und Stärke bedeuten, gehören sie auch zu den Schwachstellen der Kämpferinnen. Und natürlich gibt es bei dieser besonderen Freundschaft auch all die Kompromisse, die man schließen muss, um für die anderen da sein zu können oder um diese wichtige Beziehung nicht zerbrechen zu lassen, obwohl man doch so sehr aufeinander angewiesen ist. Dieser Wechsel zwischen Dankbarkeit für die Freundschaft, Neid darauf, dass eine der anderen anscheinend besser mit dem Leben als „magical girl“ fertig wird als die Erzählerin selbst, Angst um das Leben der Freundinnen und Frustration, weil man als Kriegerin für das Gute nicht einfach aufhören kann, weil einfach zu viele andere auf einen angewiesen sind, fand ich sehr berührend.

Es war für mich sehr stimmig, wie Isabel Yap die Freundschaft zwischen den fünf Mädchen/Frauen beschrieben hat. Obwohl Natalie und Selena schon vor dem entscheidenden Tag Freundinnen waren, bin ich mir sicher, dass sich die fünf Mädchen nie miteinander angefreundet hätten, wenn sie nicht diese Begegnung mit der Göttin gehabt hätten. So ist es für mich auch richtig und überzeugend, dass ihre Freundschaft bei aller Innigkeit und Dankbarkeit, dass es die anderen gibt, aus unterschiedlichen Gründen nicht immer einfach ist. Jede einzelne verschweigt den anderen etwas, sei es, weil es einfach etwas zu Privates ist, um darüber zu reden, oder weil sie Angst hat, dass die anderen sie nicht verstehen könnten, oder weil sie sich sicher ist, dass sie, wenn sie erst einmal ihre Gedanken aussprechen würde, die Harmonie zwischen den Kämpferinnen und somit die Hoffnung auf einen Sieg gegen das Böse gefährden würde.

Da die Autorin selbst diverse Male Sailor Moon und andere Geschichten mit „übernatürlichen Kämpfern für das Gute“ erwähnt, liegt es natürlich nahe, „Hurricane Heels“ (vor allem) mit dem Manga von Naoko Takeuchi zu vergleichen. Was mir bei „Hurricane Heels“ so gut gefallen hat, war der Realismus, den der Roman trotz aller „magical girl“-Elemente beinhaltet. Auch wenn es deprimierend zu lesen ist, wie müde die fünf Kämpferinnen nach all den Jahren sind und wie viel Angst sie davor haben, dass Selenas bevorstehende Hochzeit etwas an ihrer Freundschaft ändern wird, oder gar, dass Selenas Mann nicht damit leben kann, dass seine Frau ein geheimes Leben führt, von dem er nichts mitbekommen darf, so ist es eben auch stimmig, dass so viele Jahre voller Kämpfe und Schmerzen ihre Spuren hinterlassen haben. Somit konzentriert sich Isabel Yap mit ihrer Geschichte meiner Meinung nach vor allem auf die herausfordernden Elemente, die bei „Sailor Moon“ eher zwischen den Zeilen stehen und meinem Gefühl nach so gut wie nie von Sailor Moons Mitstreiterinnen ausgesprochen werden.

Das macht „Hurricane Heels“ zwar nicht zu einem locker-flockigen Roman, aber zu einer reizvollen Lektüre, die eine „erwachsenere“ Sicht auf das Leben als „magical girl“ wirft. Ich habe mich darüber gefreut, die fünf Protagonistinnen besser kennenlernen zu können und ihre jeweilige Sicht auf die Freundinnen mitzuerleben. Die Entschlossenheit der vier Freundinnen, dafür zu sorgen, dass Selenas Hochzeit – trotz der drohenden Gefahr durch das Böse – zu einem unvergesslichen Erlebnis wird, fand ich wunderbar rührend, und natürlich hatte ich kein Problem damit, dass es am Ende so etwas wie ein Happy End gab. Doch vor allem haben mich all die Jahre berührt, in denen die fünf Mädchen kämpften, ohne zu wissen, wie lange das noch so weitergeht und ob sie jemals ihre Träume verwirklichen könnten.

Seanan McGuire: Beneath the Sugar Sky (Wayward Children)

Nachdem „Down Among the Sticks and Bones“ dem Leser die Vorgeschichte von Jill und Jack erzählt hat, führt „Beneath the Sugar Sky“ einen anfangs zurück in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“. Dieses Mal erzählt Seanan McGuire die Geschichte vor allem aus der Sicht von Cora, die erst seit wenigen Wochen in Eleanor Wests besonderer Schule lebt und noch immer nicht so richtig angekommen ist. Immerhin hat sie in Nadya, die ebenso wie Cora vor einiger Zeit den Weg in eine Wasserwelt fand, bevor sie wieder zurück in ihre Geburtswelt musste, eine gute Freundin gefunden. Gemeinsam halten sich die beiden Teenager am Schildkröten-Teich hinter der Schule auf, als auf einmal ein Mädchen durch eine Tür in den Teich fällt.

Rini ist auf der Suche nach ihrer Mutter, denn ohne sie ist die Welt Confection, in der Rinis Mutter als Heldin verehrt wird, dem Untergang geweiht. Doch da Rinis Mutter eine der Personen ist, die in „Every Heart a Doorway“ ermordet wurde und die deshalb nie einen Weg zurück in ihre fantastische Welt fand, steht nicht nur Confections Schicksal, sondern auch die Existenz von Rini auf dem Spiel. Zum Glück findet Rini in einigen von Eleanors Schülern Quest-erfahrene Unterstützung, deren ungewöhnliche Talente für die Aufgabe unabdingbar sind. So findet sich Cora zu ihrer eigenen Überraschung gemeinsam mit Nadya, Kade, Christopher und Rini auf der Suche nach einem Weg, um Rinis ermordete Mutter zurückzuholen. Dass Seanan McGuire dieses Mal die Geschichte rund um eine Gruppe von Personen gewoben hat, statt sich auf eine Perspektive zu konzentrieren, macht „Beneath the Sugar Sky“ für mich zum bislang besten Band der Wayward-Children-Bücher, weil man so verschiedene Ansichten zu einem Thema kennenlernt und ganz andere Einblicke in die Begebenheiten erhält.

Zwar bekommt man vor allem Coras Perspektive präsentiert, aber das hat den Vorteil, dass Cora – die noch relativ neu in Eleanor Wests Schule ist – Fragen stellen kann, die bei den anderen Beteiligten unnatürlich wirken würden. Durch die Beteiligung der anderen Charaktere bekommt man nicht nur viele Details zu Confection präsentiert, sondern auch zu den Welten, in die Cora, Nadya, Kade und Christopher geraten waren. Doch was ich an dieser Geschichte besonders mochte, ist der Einblick in das Seelenleben der verschiedenen Figuren. Seanan McGuire zeigt nicht nur, warum die Charaktere sich in ihrer Welt nicht wohlfühlten und sich deshalb so sehr in die fantastische Welt zurücksehnen, in die sie durch ihre ganz persönliche magische Tür geraten waren, sondern auch, wie ihr Leben in dieser anderen Welt ausschaute. Einzig Kade möchte nicht zurück in die Welt Prism, denn dort wurde die Tatsache, dass er ein Junge ist, ebensowenig akzeptiert, wie seine Eltern damit leben konnten, dass ihr kleines süßes Mädchen doch eigentlich kein Mädchen ist.

Ich liebe diesen Einblick in die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere fast mehr als all die wunderbaren Details zu den verschiedenen fantastischen Welten (inklusive Erdbeer-Rhabarber-Limonaden-See und einem Schildkröten-Gefährten für ein ertrunkenes Mädchen). Obwohl die „Wayward Children“-Romane bei mir normalerweise eher den Kopf als das Herz ansprechen, hat mich diese Geschichte rundum gepackt, und während sonst die Gesetze und verschiedenen Aspekte der fantastischen Welten (inklusive der „Reisebedingungen“) in mir nachklangen, sind es dieses Mal die Figuren und ihr Schicksal, die mich noch eine Weile beschäftigen werden. Ich freu mich jetzt schon darauf, Anfang 2019 den nächsten Titel („In an Absent Dream“) lesen zu können.