Kategorie: Rezension

Diana Wynne Jones: The Homeward Bounders

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Romane von Diana Wynne Jones vom Thema und der Atmosphäre her sind. „The Homeward Bounders“ wird aus der Perspektive von Jamie Hamilton erzählt, der als Zwölfjähriger beim Herumstreunern nach der Schule eine geheimnissvolle Festung in seiner Heimatstadt entdeckt. Als er heimlich durch die Fenster des Gebäudes späht, beobachtet er zwei Kapuzen-tragende Gestalten bei ihrem rätselhaften Tun. Von diesem Moment an lässt ihn die Festung ebensowenig los wie die Frage, was die beiden Personen da wohl getan haben. Doch als er die Antwort auf diese Frage findet, wünscht er sich bald, er hätte seiner Neugier nicht nachgegeben. Denn an diesem Tag findet Jamie heraus, dass die beiden Personen Spieler eines allumfassenden großen Spiels sind, welches auch Auswirkungen auf seine Welt und somit sein Leben hat.

Als jemand, der über das Spiel Bescheid weiß, wird er als „Homeward Bounder“ an die Grenzen des Spielfelds verband, wo er von einer Welt zur nächsten versetzt wird, wann immer ein Spielzug seinen aktuellen Aufenthaltsort beeinflussen könnte. Theoretisch – so wurde er vor seiner Verbannung informiert – gibt es die Möglichkeit, einen Weg nach Hause zu finden, doch dafür muss er erst einmal all die Regeln verstehen, die in diesem unheimlichen Spiel zur Anwendung kommen, und Verbündete finden, die ihm gegen die allmächtigen Spieler zur Seite stehen. Letzteres wird vor allem dadurch erschwert, dass sich unter den Homeward Bounders hartnäckig das Gerücht hält, dass keiner von ihnen mit den anderen über die seltsamen Gestalten reden darf und dass es ihnen nicht erlaubt ist, zusammen zu reisen. So benötigt auch Jamie sehr lange, um genügend Informationen über die unheimlichen Spieler zu sammeln, um überhaupt einen Eindruck vom Gesamtbild zu bekommen, und noch länger, um die ersten Schicksalsgenossen etwas besser kennenzulernen.

Es ist wirklich spannend zu sehen, wie Diana Wynne Jones an eine Geschichte herangeht. Bei „Homeward Bounders“ könnte man grob sagen, dass sie die Handlung aus der Perspektive einer Spielfigur in einem Tabletop-Game erzählt, aber das würde die abstrakten Theorien, die dafür sorgen, dass all die parallelen Welten funktionieren und Teil eines großen Spiels sein können, nicht genügend würdigen. Doch so faszinierend ich die Idee hinter „The Homeward Bounders“ finde und so sehr mich die Geschichte spätestens ab der Hälfte des Romans gepackt hatte, so muss ich zugeben, dass ich es lieber mag, wenn die Autorin weniger den Kopf als vielmehr Herz und Bauch des Lesers anspricht. So hatte ich lange Zeit mit Jamie Probleme, weil er nun einmal ein recht egoistischer Junge ist, der auch aus den Fehlern, die er macht, nicht so schnell zu lernen scheint. Außerdem mochte ich es nicht so gern, dass mir die Geschichte aus der Rückschau und stellenweise sehr gerafft erzählt wurde.

Natürlich kann Jamie nicht von jedem Erlebnis berichten, das er in den vielen hundert Welten hatte, die er besuchte, aber dadurch, dass beim Lesen klar war, dass diese Ereignisse in der Vergangenheit lagen, war ich lange Zeit Jamies Schicksal gegenüber deutlich gleichgültiger, als mir lieb war. Erst nach gut der Hälfte der Geschichte, als Jamie andere Personen kennenlernt und sich – entgegen aller Regeln, die er bis zu diesem Zeitpunkt gelernt hatte – mit ihnen über ihr Schicksal austauscht, wurde ich neugieriger auf die weitere Handlung. Durch die Interaktion mit anderen Homeward Bounders kommt es zu amüsanten kleinen Szenen, und durch die extrem unterschiedlichen Charaktere wurde die Geschichte weniger vorhersehbar. Am Ende hatte mich der Roman dann richtig gepackt – so sehr, dass ich die Handlung und die Figuren sogar mit in meine Träume genommen habe -, was vermutlich auch daran lag, dass der Schluss auf eine Art und Weise bitter(süß) ist, die perfekt für diese Art von Geschichte ist.

Elly Griffiths: Dr. Ruth Galloway 1 – Totenpfad (Hörbuch)

Im Juli vergangenen Jahres hatte ich mir das Hörbuch „Totenpfad“ von Elly Griffiths zugelegt, dann aber keine Zeit gehabt, es auch zu hören. Nachdem Irina im Oktober dem Krimi auch nur eine durchwachsene Bewertung hatte zukommen lassen, habe ich in den vergangenen Monaten erst einmal zu anderen Hörbüchern gegriffen, bevor ich in den letzten Tagen dann doch zum Möbelaufbau diese Geschichte auf den Player gezogen habe. Die Handlung wird aus der Perspektive der 39jährigen Dr. Ruth Galloway erzählt, die als Archäologie-Professorin von der Polizei herangezogen wird, um einen Knochenfund im Salzmoor zu bestimmen. Zu Detective Chief Inspector Harry Nelsons Enttäuschung, der gehofft hatte, dass es sich bei dem Fund um die Leiche eines entführten kleinen Mädchens handeln würde, stellt Ruth fest, dass die Knochen schon seit der Bronzezeit im Salzmoor von Norfolk liegen.

Obwohl sie der Polizei dieses Mal nicht weiterhelfen konnte, wird Ruth in den folgenden Wochen immer weiter in die Ermittlungen rund um die entführte Scarlett (und die vor zehn Jahren ebenfalls entführte Lucy) hineingezogen. Nach und nach beschleicht sie der Verdacht, dass zwischen den Entführungen und den Ausgrabungen, die vor zehn Jahren im Moor stattfanden, eine Verbindung besteht und dass ihr ehemaliger Mentor und ihre damaligen Kollegen vielleicht etwas mit den anonymen Briefen und den Entführungen zu tun haben könnten. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich noch zum Inhalt schreiben soll, denn obwohl das Hörbuch fast neun Stunden lang war, habe ich nicht das Gefühl, dass in der Geschichte etwas Erzählenswertes passiert.

Die Handlung plätschert so vor sich hin, es wird von Ruth viel über die Ereignisse von vor zehn Jahren nachgedacht, über ihre damaligen (und heutigen) Freunde, über ihr Leben, über ihre Eltern und vor allem darüber, was all die Menschen in ihrer Umgebung über sie denken. Letzteres vor allem deshalb, weil sie mit fast 40 Jahren alleinstehend ist, in einem einsam gelegenen Haus am Rande des Salzmoors lebt, zwei Katzen hat, übergewichtig ist und sich deshalb anscheinend als unfassbare Versagerin sieht, obwohl Ruth sich ständig erzählt, wie sehr sie ihr eigenständiges Leben doch liebt. Diese Passagen, in denen Ruth über ihr Leben und darüber, wie andere über sie denken könnten, grübelt, fand ich unglaublich nervig. Das Ganze steckte so voller Klischees, Vorurteilen und Selbstverachtung von Seiten der Protagonistin, dass ich mich beim Hören ständig aufgeregt habe.

Dazu kam dann noch der kaum vorhandene Krimianteil, der offensichtliche Täter (und die Tatsache, dass er anscheinend niemals von irgendjemandem verdächtigt wurde) und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren, was dazu führte, dass ich ständig drüber nachgedacht habe, ob ich dieses Hörbuch wirklich bis zum Ende hören will. Immerhin kann ich sagen, dass ich – im Gegensatz zu Irina – wenig Probleme damit hatte, dass sich die gesamte Handlung auf die Menschen in Ruths Umgebung konzentriert. Denn auf der einen Seite leben nun mal nicht so viele Menschen am Rande des Salzmoors und auf der anderen Seite scheint es bei den Entführungen Verbindungen zu den archäologischen Ausgrabungen im Moor zu geben und die damals an den Ausgrabungen beteiligten Personen gehören eben auch heute noch zu Ruths Freundeskreis.

Mit ein Grund, warum ich letztes Jahr das Hörbuch gekauft habe, war nicht nur eine allgemeine Krimilust, sondern auch die Sprecherin Gabriele Blum, der ich normalerweise gern zu höre. Doch bei „Totenpfad“ konnte sie auch nicht viel aus der Handlung machen, während ihre – wie ich zugeben muss – stimmige Darstellung von Ruth dafür sorgte, dass ich die Protagonistin noch weniger mochte. Ich finde es wirklich schade, dass dieser Krimi bei mir so gar nicht ankam, denn die Grundidee war wirklich nicht schlecht und das Salzmoor bildete eine wunderbar atmosphärische Kulisse für die Geschichte, aber die Perspektive der Protagonistin und die ereignislose Handlung haben mich beim Hören wirklich genervt.

Laura Powell: The Last Duchess (Silver Service Mystery 1)

Es gibt diese Geschichten, in die man sich schon auf den ersten Seiten verliebt, und „The Last Duchess“ von Laura Powell gehört für mich eindeutig dazu. Ich habe mich in Pattern verliebt, die schon als Dreizehnjährige eine der besten Schülerinnen in „Mrs. Minchkin’s Academy of Domestic Servitude“ ist. Wie es sich für eine zukünftige Kammerzofe gehört, ist Pattern ein unauffälliges Mädchen, das es beherrscht, vollkommen im Hintergrund zu verschwinden. Außerdem ist Pattern berühmt dafür, dass sie jeden Flecken entfernen kann, dass ihre Nähte geradezu unsichtbar sind und auch für die neusten Frisuren beweist sie ein gutes Händchen. Trotzdem ist es überraschend, dass gerade sie und nicht eine der älteren Schülerinnen von der Baronin von Bliven ausgewählt wird, um der Großherzogin von Elffinberg als Kammerzofe zu dienen.

So verlässt Pattern Jahre vor Beendigung der Schule London, um auf dem Kontinent in der Stadt Elffinheim ihre Stellung anzutreten. Ihre neue Arbeitgeberin ist nicht nur ungefähr so alt wie Pattern, sondern ebenfalls eine Waise, und so sollte man ja theoretisch davon ausgehen können, dass die beiden Mädchen genügend Gemeinsamkeiten finden, um – natürlich nur, soweit es der professionelle Rahmen erlaubt – eine freundschaftliche Beziehung zueinander zu finden. Doch die junge Großherzogin ist fest davon überzeugt, dass ihr Personal und auch ihr Onkel, der das Herzogtum bis zu ihrer Volljährigkeit regiert, auf ihr Leben abgesehen haben. Dass Pattern fremd in Elffinheim ist und keine Ahnung von den lokalen Gepflogenheiten, der Geschichte des Landes und seinen Legenden hat, hilft ihr auch nicht dabei, ihre neue Aufgabe mit der angestrebten Perfektion zu meistern.

Laura Powell hat mit Elffinberg ein sehr ungewöhnliches Herzogtum geschaffen. Gegründet wurde das Land von einem walisischen Prinzen, der in der Mitte Deutschlands (das anscheinend noch in mehrere Fürstentümer aufgeteilt ist) eine neue Heimat fand, nachdem er sein Geburtsland aus nicht näher bekannten Gründen verlassen musste. Berühmt ist Elffinberg für seine Porzellanherstellung, aber das ist auch schon das Einzige, was das Land regelmäßig verlässt – was auch daran liegt, dass die Einwohner nur dann ausreisen dürfen, wenn sie eine offizelle Erlaubsnis der Herzogsfamilie dafür bekommen. Schon früh keimt im Leser der Verdacht, dass hinter der freiwilligen Isolation, die sich das Land auferlegt hat, tiefere Gründe liegen und dass diese vielleicht sogar mit dem mysteriösen Verschwinden von Kindern zu tun haben, das Elffinberg seit einige Zeit plagt.

Ich sagte schon, dass ich mich auf den ersten Seiten in Pattern verliebt habe, weil das Mädchen so wunderbar liebenswert und patent ist. Trotz aller Herausforderungen, die Patterns neue Stellung mit sich bringt, versucht sie ihr Bestes für die Großherzogin zu geben. Das bedeutet nicht nur, dass sie sich um die Kleidung und die Räumlichkeiten ihrer Dienstherrin kümmert, sondern auch ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt und eine Lösung dafür findet – sogar dann, wenn die junge Großherzogin sich mal wieder von ihrer anstrengenderen Seite zeigt. Dabei findet Pattern schnell heraus, dass ihre neue Arbeitgeberin gar nicht so paranoid ist, wie anfangs befürchtet, sondern dass wirklich fürchterliche Dinge in Elffinberg vorgehen, die zum Tode der Großherzogin führen könnten.

Richtig mitermitteln kann man bei der Geschichte als Leser nicht, weil man die Handlung aus Patterns Perspektive erlebt und diese nun einmal nicht über alle notwendigen Informationen verfügt. Aber es hat mir Spaß gemacht, mir Gedanken darüber zu machen, welche Motive welche Person haben könnte und welche Folgen eine Handlung für das Herzogtum, seine zukünftige Regentin oder für ihre treue Kammerzofe haben könnte. Außerdem habe ich es genossen, Patterns ungewöhnliche Lösung für eine ganz besonders große Herausforderung am Ende der Geschichte mitzuerleben. Denn zum Schluss wird „The Last Duchess“ noch einmal richtig dramatisch, obwohl der Roman vorher vor allem von all den vielen kleinen Szenen lebt, in denen man verfolgen kann, wie Pattern Fuß in ihrer neuen Stellung fasst oder doch so langsam das Vertrauen der Großherzogin gewinnt. Nachdem mir „The Last Duchess“ beim Lesen so viel Freude bereitet hat (und die Leseprobe zum nächsten Teil schon so nett beginnt), habe ich direkt im Anschluss die Fortsetzung „The Lost Island“ auf die Wunschliste gesetzt.

Bonnie-Sue Hitchcock: Der Geruch von Häusern anderer Leute

„Der Geruch von Häusern anderer Leute“ von Bonnie-Sue Hitchcock ist mir in den vergangenen Monaten auf diversen Blogs untergekommen und irgendwann bin ich dann auch neugierig auf die Geschichte geworden. Die Handlung wird aus der Perspektive einiger Jugendlicher erzählt, die im Jahr 1970 in Fairbanks (Alaska) leben. Genau genommen leben Ruth, Dora, Alyce und ihre Freundinnen in Birch Park – und egal, ob man zu den Athabasken, den Inupiat oder zu den Weißen gehört, reich ist keiner der Einwohner dieses Stadtteils. Jedes der drei Mädchen hat mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, ebenso wie Hank, der mit seinen beiden Brüdern zwar nicht in Birch Park lebt, dessen Leben sich aber im Laufe des Jahres mit dem der anderen drei Erzählerinnen kreuzen wird.

„Ich wartete jahrelang auf Mamas Rückkehr und machte mir große Sorgen um Lily, weil ich fürchtete, sie würde nie erfahren, wie schön das Leben eigentlich war.“
(Ruth, Seite 15)

Ich mochte, dass Bonnie-Sue Hitchcock den verschiedenen Erzählern so unterschiedliche Stimmen verliehen hat, weniger sprachlich als von der Atmosphäre her, die ihre jeweiligen Passagen durchdrang. Man beginnt das Buch mit Ruth, die davon erzählt, wie glücklich ihre Kindheit war, als ihr Vater noch lebte, ihre Mutter regelmäßig das Haus mit Blumen schmückte und sie alle sich auf die Geburt ihrer kleinen Schwester Lily freuten. Doch dann kommt Ruths Vater bei einem Flugzeugunglück ums Leben und sie und ihre kleine Schwester landen bei ihrer Oma in Birch Park, wo das Leben deutlich freudloser ist. Bei ihrer Großmutter gilt es hingegen, stets bestimmte Regeln einzuhalten und sich nicht besonders hervorzutun. So ist es kein Wunder, dass Ruth verzweifelt auf der Suche nach etwas Schönheit und Aufmerksamkeit ist, nach jemandem, für den sie wichtig ist.

„Dumplings Dad hat ihr beigebracht, dass das Glas halb voll ist. Meiner hat mir beigebracht, dass es randvoll ist – mit billigem Whiskey.“
(Dora, Seite 44)

Noch freudloser ist das Leben in Birch Park für Dora, die vor einer Weile von der Nachbarfamilie (der Familie ihrer Mitschülerin Dumpling) aufgenommen wurde, nachdem ihr Vater ins Gefängnis kam. Ihren Teil fand ich besonders schwierig zu lesen, weil ihr Leben nie schön war und weil ihr nun – im Gegensatz zu den anderen dreien – die Hoffnung fehlt, dass es irgendwann einmal besser wird. Sie kann einfach nicht daran glauben, dass die Zukunft auch für sie etwas Besonderes bereithalten könnte. Dora ist so jung und doch so verbittert, und sie hat solche Angst davor, den kleinen Halt, den ihr die Nachbarfamilie bietet, zu verlieren. Und bei Dora schwingt so viel zwischen den Zeilen mit, wenn sie von ihren Eltern erzählt oder wenn sie beobachtet, wie Dumplings Familie miteinander umgeht.

„Meine Mutter kommt zu den Aufführungen – meistens übernimmt sie den Ticketverkauf an der Abendkasse -, aber Dad hat mich noch nie tanzen gesehen. Dads Leben findet auf dem Boot statt. Und wenn ich nicht mehr auf dem Boot mithelfe, wer füllt dann die Lachseier in Tüten? Wer nimmt die Fische aus und säubert sie? Das waren schon immer meine Jobs.“
(Alyce, Seite 70)

Alyce‘ Welt scheint im Vergleich deutlich weniger düster zu sein, und doch weiß sie nicht, wie sie seit der Scheidung ihrer Eltern ihre beiden Welten (das Leben in Fairbanks mit ihrer Mutter inklusive des Ballettunterrichts und im Sommer das Leben auf dem Fischkutter ihres Vaters mit all den dazugehörigen Verpflichtungen) mit einander vereinbart bekommen soll. Ich fand es besonders schön, dass man aus Alyce‘ Perspektive zwar erfuhr, was für eine harte und dreckige Arbeit der Fischfang ist, aber eben auch, wie schön es sein kann, wenn man als Familie gemeinsam so eng zusammenarbeitet.

„Wisst ihr noch, wie meine Mutter gesagt hat: „Warte nur, bis dir von heute auf morgen der Boden unter den Füßen weggezogen wird“? Jetzt weiß ich, dass ein Leben mehrere Böden hat.“
(Hank, Seite 160)

Hank hingegen scheitert mit gerade mal siebzehn Jahren daran, dass er nach dem Tod des Vaters „der Mann im Haus“ und somit verantwortlich für das Wohlergehen seiner beiden Brüder ist. Und es ist noch schwieriger geworden, für seine Brüder zu sorgen, seitdem seine Mutter einen neuen Mann ins Haus geholt hat. Bei ihm fand ich es besonders schön zu lesen, dass ihm durch und durch bewusst ist, dass seine Brüder so anders sind als er selbst und dass er sie – genau so, wie sie sind – mag und dass er alles dafür tun würde, um sie zu beschützen. Weder Hank noch die anderen drei Erzähler fällen im Laufe der Handlung besonders kluge Entscheidungen, aber alle vier Teenager entwickeln sich in diesem einen Jahr, in dem man ihr Leben verfolgen kann, deutlich weiter.

Obwohl es im Jahr 1970 zu einigen einschneidenden und dramatischen Entwicklungen kommt, mochte ich vor allem die vielen kleinen Momente, in denen Ruth, Dora, Alyce und Hank von ihrem Leben und ihren Familien und Freunden erzählten. Ich mochte die kleinen Beobachtungen und Gedanken, die die vier Erzähler beschäftigen, wie zum Beispiel wenn Ruth darüber nachdenkt, dass ein Haus besser riecht, wenn eine Mutter darin wohnt, und wie sehr sie den Geruch nach Schimmel und Armut in dem Haus ihrer Großmutter hasst. Es ist schön zu lesen, wenn Dora beschreibt, wie wunderbar chaotisch das Haus von Dumplings Familie ist, weil all das Chaos von Zuneigung und Wärme zeugt, von der Tatsache, dass in diesem Haus darauf geachtet wird, was jemand gern zum Nachtisch isst und ob jemand etwas Aufmerksamkeit oder Raum für sich benötigt.

Unter all diese kleineren und größeren Erlebnisse mischen sich die Elemente, die von dem Leben in Alaska zeugen. Die davon erzählen, dass nicht jeder froh war, als Alaska zu einem Bundesstaat der USA wurde, dass durch diesen geplanten Zusammenschluss viele Ängste erzeugt wurde – gerade bei den Menschen, die ihre traditionelle Lebensweise erhalten wollten -, dass aber diese gemeinsamen Ängste auch dafür sorgten, dass man unabhängig von der Herkunft (Athabasken, Inuquiat und Weiße) zusammenarbeitetete, um diesen Zusammenschluss zu verhindern. Auch die Voruteile zwischen den verschiedenen Bewohnern in Birch Park erzählen von der Geschichte Alaskas, von den unterschiedlichen Abstammungen der Erzähler, von den Schubladen, in die die verschiedenen Familien gesteckt werden, und von dem Versuch, ein Leben zu führen, in dem man als Individuum mehr zählt als seine Herkunft. Dabei baut Bonnie-Sue Hitchcock diese Aspekte nicht schulbuchmäßig in ihre Geschichte ein, sondern erzählt „einfach nur“ von den Dingen, die zum Alltag ihrer Protagonisten gehören – und das ist am Ende nicht nur interessant und unterhaltsam, sondern auch bewegend und wunderschön zu lesen.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

Graham Norton war mir bislang kein Begriff und so lag es nur an dieser Rezension, dass ich Lust hatte, den Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ auszuprobieren. Die Handlung wird zu einem großen Teil von dem Polizisten Sergant PJ Collins bestimmt, der seit fast zwanzig Jahren in dem kleinen Dorf Duneen eine ruhige Kugel schiebt. Sein Leben wird beherrscht von den drei warmen Mahlzeiten, die ihm seine Haushälterin Mrs. Meany jeden Tag serviert, und von den Kleinigkeiten, die er in seinem Alltag als Dorfpolizist übernehmen muss. Geprägt wird sein Verhalten dabei von einer allumfassenden Unsicherheit, die nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass er sehr dick ist und sich der Tatsache bewusst ist, dass ihn kaum ein Mensch ernst nimmt. Als eines Tages bei Bauarbeiten auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs ein Skelett gefunden wird, ist sich das gesamte Dorf sicher, dass es sich dabei um die Leiche des vor über zwanzig Jahren verschwundenen Tommy Burke handelt.

Gerüchten zufolge war Tommy zwar damals nach London abgehauen, nachdem sich seinetwegen zwei Frauen vor dem Dorfladen geprügelt hatten. Doch da man nie wieder von dem jungen Mann etwas gehört hatte, hat das Rätsel um Tommy Burke die Dorfgemeinschaft nie ganz in Ruhe gelassen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nun vor allem die beiden Frauen, denen er vor so vielen Jahren so wichtig war, dass sie sich um ihn prügelten. Weder Brid Riordan noch Evelyn Ross haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihr Glück gefunden. Während Evelyn gemeinsam mit ihren beiden älteren Schwestern im Haus ihrer verstorbenen Eltern lebt, hat Brid einen Mann geheiratet, von dem sie wusste, dass er sie nicht liebt, sondern es nur auf den vom Vater geerbten Bauernhof abgesehen hatte. Aus der Sicht dieser drei traurigen Figuren (PJ, Evelyn und Brid) wird der Großteil der Geschichte erzählt, wobei es Graham Norton gelingt, überraschend liebevoll und respektvoll mit diesen drei gescheiterten Existenzen umzugehen.

Ein paar Elemente in „Ein irischer Dorfpolizist“ erinnerten mich an den Miss-Marple-Krimi „Nemesis“ von Agatha Christie, auch da gibt es diese drei ältlichen Schwestern, die zusammen leben und zwischen denen so viel Unausgesprochenes steht und die alle drei so viel mehr in ihrem Leben hätten haben können, wenn sie es gewagt hätten, ihren eigenen Weg zu gehen. Und der Fall selbst dreht sich um eine Person, die vor vielen Jahren aus dem Leben aller Beteiligten verschwunden ist und die durch ihre Abwesenheit eine große Lücke hinterlassen hat. Eine Lücke, die bei mehr als einem Charakter zu einem Bruch im Leben geführt hat, von dem sich diese Personen nicht wieder erholt haben. Doch während Miss Marple von einem Hinweis zum nächsten geschickt wird und dabei aus den verschiedenen Erinnerungen, die ihr erzählt werden, ihre Schlüsse zieht, scheint PJ sich angesichts einer so großen Aufgabe recht hilflos zu fühlen.

Auf der einen Seite will er endlich mal zeigen, dass er als Polizist zu mehr gut ist als nur den Verkehr zu regeln und Strafzettel auszustellen, auf der anderen Seite ist PJ nicht gerade jemand, der die hinzugezogenen Ermittler aus Cork mit seinem Verstand und seinen Einfällen beeindruckt. Doch PJ strahlt – bei all seiner Unbeholfenheit – Wärme und Verständnis aus, was die Beteiligten dazu bringt, ihm im Laufe der Zeit ihr Herz auszuschütten. So ist „Ein irischer Dorfpolizist“ weniger ein Kriminalroman als eine Geschichte rund um all die verpassten Gelegenheiten, die Kümmernisse und die Hoffnungslosigkeit, die lange Zeit das Leben einiger Bewohner des Dorfes Duneen bestimmen. Ich mochte es sehr, wie Graham Norton die verschiedenen Charaktere darstellt, weil er keine seiner Figuren für irgendetwas zu verurteilen scheint. Er macht hingegen deutlich, dass hinter all den größeren und kleineren Fehler und Probleme seiner Figuren eine Geschichte steckte – und dass es nicht immer so einfach ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein anderes Leben anzufangen.

Aber dieses liebevolle Verständnis für all die gescheiterten Existenzen in diesem Roman sorgte bei mir auch für eine melancholische Stimmung beim Lesen. Es ändert sich zwar im Laufe der Geschichte etwas für alle Beteiligten, aber allein die Vorstellung, dass die meisten von ihnen zwanzig, dreißig Jahre in ihrer Einsamkeit gefangen waren und nicht wussten, wie sie etwas in ihrem Leben ändern sollten, fand ich schon etwas deprimierend. Doch im Gegensatz zu „Nemesis“, wo man am Ende das Gefühl hat, dass die Auflösung des Verbrechens den Figuren zwar Antworten auf einige wichtige Fragen bietet, aber keine Erlösung aus ihrer Einsamkeit, gibt es bei „Ein irischer Dorfpolizist“ immerhin für den einen oder anderen Charakter einen ausreichenden Anstoß im Laufe der Geschichte, um eine neue (und immer noch realistisch wirkende) Wendung im Leben einzuschlagen.

Tetsuya Honda: Blutroter Tod (Reiko Himekawa 1)

„Blutroter Tod“ von Tesuya Honda habe ich in der Bibliothek bei den Krimiempfehlungen gefunden und – da ich den Autor nicht kannte und grundsätzlich neugierig auf japanische Krimis bin – zusammen mit dem zweiten Band rund um die Hauptkommissarin Reiko Himekawa zum Ausprobieren mitgenommen. In „Blutroter Tod“ wird die Geschichte in erster Linie aus der Perspektive der 29jährigen Reiko erzählt – ab und an gibt es aber auch Passagen, die mehr über die Hindergründe der Morde enthüllen oder die aus der Sicht eines Kollegen von Reiko geschrieben wurden. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Reiko zum Fundort einer Leiche gerufen wird. Der unbekannte Tote wurde in eine Plastikplane gewickelt an einem Fischteich in Tokio gefunden und seine Verletzungen deuten darauf hin, dass er vor seinem Tod gefoltert wurde. Noch bevor Reiko und ihr Team einen Grund finden können, warum der Ermordete einer solchen Gewalttat zum Opfer fiel, wird eine weitere Leiche gefunden, die anscheinend einen Monat zuvor in dem Fischteich versenkt worden war.

Die Geschichte in „Blutroter Tod“ wird relativ ruhig und ausführlich erzählt, wobei ein großer Schwerpunkt bei der Arbeit der Polizei liegt. Ich muss gestehen, dass ich diesen Teil sehr spannend fand, weil die Details rund um die Zusammenarbeit der verschiedenen Abteilungen, die Hirachien innerhalb der Polizei und ihre Arbeitsweise an sich sehr interessant war. Aber so hat man halt auch das Gefühl, man wäre bei jeder einzelnen Befragung, bei jeder Teambesprechung und bei jedem Geplänkel zwischen den Kollegen dabei gewesen, während die Ermittlungen in dieser Zeit nur langsam vorangehen. Der Fall selbst war für mich in Ordung, es gab Elemente, die dem Leser bekannt waren, von denen die Polizei aber nichts wusste, so dass bestimmte Wendungen vorhersehbar waren. Andere Details rund um die Morde hat man als Leser hingegen fast zeitgleich mit den Ermittlern herausgefunden, so dass es noch die eine oder andere nicht so vorhersehbare Wendung in der Handlung gab, die mich gut unterhalten hat.

Auch die meisten Charaktere fand ich interessant und zum großen Teil sogar sympathisch. Reiko hat ihre ganz eigene Vergangenheit, die vor gut zehn Jahren dafür gesorgt hat, dass sie sich für die Arbeit bei der Polizei entschieden hat. Ihre Kollegen kommen in der Regel gut mit ihr aus und gerade im engen Kollegenkreis herrscht eine gute Arbeitsatmosphäre. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Umgang zwischen japanischen Arbeitskollegen in japanischen Romanen (oder anderen Medien) dargestellt wird. Diese Mischung aus Distanz und (aufgezwungener) Nähe – inklusive dem gemeinsamen Besäufnis nach Feierabend – ist eben etwas ganz anderes, als ich es in meinem normalem Arbeitsumfeld erlebt habe.

Schwierig fand ich hingegen zwei Punkte bzw. Charaktere, und ich muss zugeben, dass die mich mehrmals darüber nachdenken ließen, ob ich den Roman nicht lieber abbrechen sollte. Zum einen gibt es einen externen Kollegen, der eng mit Reiko zusammenarbeiten soll und der „verliebt“ in die Hauptkommissarin ist. Seine Verliebtheit äußert sich darin, dass er ihr ständig unpassende Komplimente macht und versucht, sie zum Essengehen oder mehr zu überreden. Reikos Reaktion darauf besteht in der Regel darin, ihn zu ignorieren, ihn auszuschimpfen (was überhaupt nicht bei ihm ankommt) oder ihm eine Ohrfeige zu verpassen – was ebenfalls keinerlei Auswirkungen auf sein Verhalten hat. Auch ihre anderen Kollegen sind genervt von dem Verhalten des „Externen“, aber ihre Reaktion beschränkt sich zum Großteil darauf, belustigt zu sein oder die Augen zu verdrehen, und der einzige Typ, der wirklich aktiv wird, greift auf körperliche Gewalt zurück – was wieder dazu führt, dass Reiko oder die anderen Kollegen ihn zurückhalten müssen.

Noch schlimmer war es mit den zweiten Charakter, der mich so gestört hat. Dieser Polizist gehört zu denjenigen, deren Perspektive man in einigen Abschnitten miterlebt, und die Art und Weise, wie er über andere Menschen denkt, hat mich regelrecht abgestoßen. Ebenso fand ich die Mittel, die er einsetzte, um an seine Informationen zu kommen oder anderen Kollegen Steine in den Weg zu legen, überaus unangenehm zu verfolgen. Sein Verhalten wird damit begründet, dass er einige Jahre für den Geheimdienst gearbeitet hatte und ihn diese Tätigkeit sehr veränderte, aber das macht es für mich als Leser nicht einfacher zu ertragen. Ich wünschte mir wirklich, dass Tetsuya Honda auf diese beiden Figuren verzichtet hätte, dann hätte mir die Geschichte mehr Vergnügen (soweit man das bei einer Handlung rund um gefolterte und ermordete Menschen sagen kann) bereitet.

Außerdem haben diese ganzen Szenen rund um Reiko und den „verliebten“ Kollegen dazu geführt, dass ich mich gefragt habe, wie wohl in Japan mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz umgegangen wird. Bei „Stahlblaue Nacht“, dem zweiten Reiko-Himekawa-Krimi, kommt das Thema übrigens auch wieder vor. Zum einen, weil der externe Kollege wieder mit dabei ist (und wieder hatte ich nicht das Gefühl, dass er irgendeinen Gewinn für die Geschichte mit sich bringt, aber wer weiß, vielleicht spricht er den japanischen Humor an), und zum anderen, weil die weiblichen Angestellten einer Firma, die im Rahmen der Ermittlungen mehrfach aufgesucht wird, regelmäßig von einem Kollegen begrabscht und bedrängt wurden. Hier wird aber auch betont, dass der Chef und die anderen Kollegen deshalb ein Auge auf die Frauen haben und rettend einspringen, bevor etwas wirklich Schlimmes passieren konnte. Reiko hingegen muss sich auch im zweiten Band weiterhin selbst verbal und handgreiflich gegen den aufdringlichen Kollegen wehren.

Paige Shelton: The Cracked Spine (Scottish Bookshop Mystery 1)

Nachdem ich im vergangenen Jahr den ersten Band der Farmers‘-Market-Mysteries gelesen und sehr gemocht hatte, wollte ich unbedingt noch mehr von Paige Shelton kennenlernen. Doch weil ich mich nicht so recht entscheiden konnte, ob ich nun erst mehr über die Landwirtin Becca Robins lese oder eine der anderen Reihen der Autorin ausprobieren wollte, blieb es erst einmal bei dem Vorsatz. Vor ein paar Wochen dann hatte sich Helma dann den zweiten Band der „Scottish-Bookshop-Mysteries“ gegönnt, und ihr Tweet über ihre Neuzugänge hatte bei mir dann die Bestellung von „The Cracked Spine“ ausgelöst. Die Geschichte spielt in Schottland und dreht sich um die Amerikanerin Delaney Nichols, die nach einer spontanen Bewebung auf eine Anzeige eine neue Stelle in einem Antiquariat in Edingburgh antritt. Viel weiß sie über ihren Job nicht, aber ihr neuer Chef Edwin klang am Telefon sehr angetan davon, dass Delaney jahrelang für ein Museum gearbeitet hat und sich nicht nur mit alten Büchern auskennt.

Kaum hat Delaney ihre neuen Kollegen Rosie (inklusive ihrem Hund Hector) und Hamlet kennengelernt, wird die Schwester ihres Chefs ermordet. Das ist nicht nur ein tragischer persönlicher Verlust für Edwin, sondern das Verbrechen bringt auch einen finanziellen Verlust für Delaneys Chef mit sich, da dieser seiner Schwester Jenny ein einzigartiges Buch zur Aufbewahrung überlassen hatte – und nun weiß natürlich keiner, wo dieses Buch geblieben ist. Da Delaney das Gefühl hat, noch nicht so ganz durchschauen zu können, in welchem Verhältnis Edwin, die neuen Kollegen und die Teilnehmer einer seltsamen Auktionen zu Edwins getöteter Schwester standen, macht sie sich selbst auf die Suche nach Hinweisen und Antworten.

Ich muss gestehen, dass ich mit diesem Serien-Auftakt nicht ganz so glücklich war wie im vergangenen Jahr mit „Farm Fresh Murder“. Die Erzählstimme von Delaney lag mir weniger als die von Becca, ebenso fand ich einige der Charaktere, denen die Amerikanerin gleich zu Beginn der Geschichte begegnet, etwas unstimmig. Außerdem habe ich es gehasst, dass die Autorin einen bestimmten Aspekt von Delaneys neuer Arbeit sechzig Seiten lang rausgezögert hat, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gab – abgesehen davon, dass sie künstlich Spannung aufbauen wollte, was bei mir aber nicht ankam, weil dieses „mysteriöse Element“ doch ziemlich offensichtlich war. Auch die Auflösung des Falls konnte mich nicht so recht überzeugen. Nachdem Delaney die ganze Zeit von einer Person zur nächsten tappte, auf ihre Intuition hörte und Fragen stellte, ohne dass mir Paige Shelton begreiflich machen konnte, welche Motivation bei ihrer Protagonistin dahintersteckte und warum niemand Delaney Grenzen gesetzt hat, wird der Mörder am Ende aus dem Hut gezaubert und fertig.

Theoretisch gab es ganz viele Personen, die sympathisch hätten sein können, aber keine davon habe ich als Leser gut genug kennengelernt, um irgendeine Beziehung zu ihr aufzubauen. Ich hätte auch mit dem ungewöhnlichen Talent von Delaney gut leben können, wenn die Autorin das unterhaltsamer eingebaut oder dafür gesorgt hätte, dass es für die Ermittlungen relevant gewesen wäre. Auch habe ich den Humor vermisst, den ich in „Farm Fresh Murder“ so mochte, und während ich es bei einer selbstständigen Landwirtin noch einigermaßen verkraften konnte, dass sie ihre Arbeit zugunsten einiger Ermittlungen aufschob, habe ich bei Delaney nicht verstanden, dass sie in ihrer ersten Arbeitswoche nicht einen Arbeitstag hatte, ohne dass sie die Buchhandlung mal eben verließ, um ihren eigenen Weg zu gehen. Ein bisschen fühlt es sich für mich an, als ob die beiden Bücher unmöglich von der selben Autorin geschrieben worden sein können – und nun frage ich mich ein, ob ich wirklich noch weitere Reihen von Paige Shelton ausprobieren soll oder nicht.

Charlotte MacLeod: Madoc and Janet Rhys 3 – A Dismal Thing to Do (Hörbuch)

„A Dismal Thing to Do“ ist der dritte Band rund um Madoc und Janet Rhys von Charlotte MacLeod. Dieses Mal beginnt die Geschichte kurz nach der Hochzeit der beiden Protagonisten, während Janet mit ihrem neuen Auto unterwegs ist, um einen Waschtisch für ihr neues Haus aufzutreiben. Da sich ihre Schwiegermutter für einen Kurzbesuch angekündigt hat, ist es Janet sehr wichtig, das Gästezimmer so schnell wie möglich perfekt eingerichtet zu haben. Dieses Anliegen ist für sie so bedeutsam, dass sie sich trotz einer dicken Schneedecke und der eher unverständlichen Wegbeschreibung ihrer neuen Nachbarin auf den Weg zu einer Scheune macht, wo ein solcher alter Waschtisch zu finden sein soll. Doch statt heil mit ihrer Beute heimzukommen, beobachtet Janet auf einer kleinen Straße, wie vor ihr eine Art Umzugswagen aus dem Gleichgewicht gerät und umkippt.

Die Schneemassen am Straßenrand verhindern, dass sie problemlos zum Führerhaus des Wagens kommen kann, und so sucht sie in einer Scheune neben der Straße nach einer Leiter oder einem anderen Hilfsmittel, das ihr über die Schneewehen hinweghelfen kann. Noch bevor sie fündig wird, hört Janet von draußen eine Explosion und die Scheune bricht über ihr zusammen. Madoc hingegen freut sich zu Beginn der Geschichte auf ein paar Urlaubstage. Seitdem er Janet im vergangenen Jahr begegnet ist, konnten sie – trotz ihrer Heirat – nicht einmal ein paar geruhsame gemeinsame Tage miteinander verbringen, da seine Arbeit als Mountie immer wieder dazwischenkam. Doch nun sind alle aktuellen Fälle abgearbeitet und Madoc ist wild entschlossen, sich in der kommenden Woche ausschließlich auf seine Frau zu konzentrieren. Als er jedoch nach Hause kommt, fehlt von Janet jede Spur, und wenig später erhält er einen Anruf von den Kollegen, die ihm mitteilen, dass der Wagen seiner Frau unverschlossen mit all ihren Papieren darin gefunden wurde.

So dramatisch meine Inhaltsbeschreibung sich vielleicht auch anhören mag, so unterhaltsam entwickelt sich die weitere Handlung. Selbst bei den Szenen, bei denen Janet wirklich in Gefahr schwebt, gelingt es Charlotte MacLeod immer wieder, humorvolle Elemente einzubauen, die mich zum Schmunzel gebracht haben. Mir liegt der Humor der Autorin aber auch wirklich sehr, vor allem, da mir ihre Charaktere und deren Handlungen – trotz der einen oder anderen Übertreibung – immer stimmig und realistisch vorkommen. Kurz nach Janets „Unfall“ führt eine Spur Madoc nach Pitcherville (Janets Heimatort), so dass die Geschichte vor allem von dem sehr abgeschiedenen Leben in der ländlichen Gemeinde und den etwas eigenbrötlerischen Personen bestimmt wird, die man schon in „A Pint of Murder“ kennengelernt hat. Ich mag die liebevolle Art, mit der Charlotte MacLeod mit den verschiedenen Charakteren umgeht, ich mag die amüsanten kleinen Szenen, die häufig darauf beruhen, dass die Figuren die diversen Macken ihrer Nachbarn nur allzu gut kennen, und ich mag es, dass die Autorin immer wieder neue Wendungen in ihre Kriminalfälle einbaut, die dafür sorgen, dass selbst ein größerer Fall seinen Platz in einer kleinen Ortschaft wie Pitcherville findet.

Auch habe ich mich ja inzwischen gut an William Dufris‘ Art zu lesen gewöhnt und mag sogar sehr, wie individuell er die verschiedenen Figuren darstellt. Ich muss aber auch zugeben, dass ich, sobald er in Dialekt verfällt – und das ist bei dieser Geschichte dank der vielen Landwirte, Schrotthändler und Handwerker, die zu Wort kommen, sehr häufig der Fall – vollkommen aufgeschmissen bin und nur noch aus dem Zusammenhang erraten kann, was gesprochen wird. Zum Glück lässt sie Madoc immer wieder das Ermittelte durchdenken oder er teilt anderen Leuten seine Erkenntnisse mit, so dass ich der Handlung trotzdem gut folgen konnte. Dennoch ist das für mich weiterhin das größte Problem, wenn ich englische Hörbücher höre. Bei einem Buch kann ich mir Zeit nehmen, um den Klang der Dialoge auf mich wirken zu lassen, so dass ich noch genügend von den Worten mitbekomme, um den Inhalt zu begreifen. Bei gesprochenem Dialakt hingegen stoße ich immer noch ganz schnell an meine Grenzen.

Ranga Yogeshwar: Nächste Ausfahrt Zukunft

Ich muss gestehen, dass ein Titel wie „Nächste Ausfahrt Zukunft – Geschichten aus einer Welt im Wandel“ von Ranga Yogeshwar mich normalerweise nicht spontan gereizt hätte, weil mich die Themenwahl (obwohl sie weitgefächert ist) frustriert, wütend macht und ängstigt. Da aber Anette so angetan von dem Buch war, hat sie mit ihrer Rezension meine Neugier geweckt, was dazu geführt hat, dass ich es mir in der Bibliothek besorgt habe, um es zumindest mal anzulesen. Ich muss zugeben, dass Ranga Yogeshwar wirklich gut schreibt und man seine Begeisterung für seine Arbeit als Wissenschaftsjournalist und seine Faszination über (und auch seine Bedenken rund um) die verschiedenen Entwicklungen und die Theorien, die daraus abgeleitet werden können, deutlich spüren kann.

In elf verschiedenen Kapiteln spricht er über verschiedene Aspekte des Fortschritts, über die Hoffnungen, die in der Vergangenheit damit verbunden waren, über zerstörte Träume und über die Möglichkeiten, die sich neu auftun. In eigentlich jedem Unterkapitel kann man von persönlichen Erlebnissen des Autors lesen wie von den Dreharbeiten in Tschernobyl und Fukushima, dem vorbeifahrenden Ochsenwagen in Indien, der vollbeladen war mit den neuesten Computern, oder anderen Szenen, die Ranga Yogeshwars Zusammenfassungen zu den verschiedenen Themen untermalen. Auch betont der Autor in der Regel die Vor- und Nachteile einer neuen Entdeckung. So ermöglicht die genaue Erfassung von Augenbewegungen zum Beispiel auf der einen Seite die Steuerung von Geräten für Menschen, die aufgrund von körperlichen Einschränkungen dafür nicht ihre Hände verwenden können. Aber auf der anderen Seite wird genau die gleiche Technik verwendet, um Informationen über den Nutzer zu sammeln, um Werbung auf das Blickverhalten von Menschen zuzuschneiden, um die Stimmung, den Grad der Müdigkeit oder Ähnliches auszulesen – lauter Informationen, die missbraucht werden können, um den Menschen zu durchleuchten und zu manipulieren.

Allerdings gab es auch immer wieder Momente, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Argumentation nicht stimmig war. So erwähnt Ranga Yogeshwar zum Beispiel beim Thema „Online-Partnersuche“, dass ganz viele zwischenmenschliche Aspekte bei der Partnerwahl wegfallen würden, wenn man sich auf ein Bild und einen Computer-Algorhythmus verlassen würde. Er schließt aber aus der Tatsache, dass sich solche Partneragenturen wachsener Beliebtheit erfreuen, dass das daran läge, dass die Partner-Suchenden auf diesen Plattformen wirklich einen Menschen für eine Beziehung finden würden. Meine Theorie lautet aber eher, dass so viele Menschen inzwischen verzweifelt auf der Suche nach einem Partner sind, dass sie auch solche Plattformen ausprobieren, obwohl darüber eben nicht die breite Palette des zwischenmenschlichen Austauschs (z.B. Stimme, Gestik, Mimik, Geruch) abgedeckt werden kann, die normalerweise notwendig ist, um einem Menschen für eine Partnerschaft in Betracht zu ziehen. In meinen Augen hängt der Erfolg also nicht am erfolgreichen Algorhythmus, sondern an der Einsamkeit der Nutzer. Es ist ein bisschen wie Lottospielen: Obwohl eigentlich jeder die Statistiken kennt, möchte doch niemand die Hoffnung aufgeben, dass so ein Lottoschein vielleicht für großen Reichtum sorgen könnte.

Vielleicht liegt es daran, dass es mir nach den vergangenen Jahren schwer fällt, optimistisch zu sein, aber wenn Ranga Yogeshwar erzählt, wie weit sich die Welt doch zum Beispiel seit Martin Luther Kings Rede im Jahr 1963 entwickelt hat und als Beispiel die Präsidentschaft von Barack Obama aufführt, dann muss ich automatisch daran denken, welche Folgen Donald Trumps Wahl zum Präsidenten gerade mit sich bringt und was für ein schrecklicher Rückschritt diese Präsidentschaft für all die Rechte von PoC oder LGBTQIA-Personen oder einfach nur arme oder kranke Menschen (natürlich inklusive aller Überschneidungen, die es da gibt) mit sich bringt. Ich glaube, dass es Ranga Yogeshwar in dieser Beziehung schwer fällt, die Sicht eines Wissenschaftlers – für den es nun mal logisch ist, auf Weiterentwicklungen und gewonnene Erkenntnisse auch angemessen zu reagieren – aufzugeben. Ein Großteil der Menschheit handelt aber nun mal nicht wissenschaftlich, sondern emotional, was dazu führt, dass bei einem zu großen Voranschreiten des Fortschritts Panik ausbricht. Und in Panik neigt der Mensch nun mal dazu, nach unten zu treten, um seine Position zu sichern und in vertraute Verhaltensweise zurückzuverfallen, selbst wenn diese ihm schaden.

Am Ende zählt Ranga Yogeshwar auf, was sich alles in den vergangenen Jahrzehnten verbessert hat, angefangen bei der Lebenserwartung, über die Zahl der Demokratien auf der Welt, die Zahl der Mord- und Totschlagzahlen in Deutschland, die Alphabetisierung bis zur Zahl der Menschen auf der Welt, die unter die extreme Armutsgrenze fallen. Und ja, die reinen Zahlen sehen gut aus, aber für mich sehen diese Zahlen vor allem nach „es ist seit so vielen Jahren möglich, eine größere Veränderung herbeizuführen, aber viel zu wenige arbeiten an dieser Veränderung, weil am Ende kein schneller Profit damit zu erreichen ist“ aus. Ranga Yogeshwar schließt hingegen aus diesen Zahlen, dass der Mensch an sich bereit ist, zu teilen, und dass die Suche nach Liebe und Zuwendung am Ende bestimmender für die Zukunft sein wird als das Streben nach Macht und Geld – ganz ehrlich, ich wünschte, ich könnte Ranga Yogeshwars optimistische Sicht auf die Zukunft teilen, aber anhand seiner Beispiele kann ich nicht nachvollziehen, wieso er mit so viel Zuversicht und Vertrauen in die Zukunft blickt. Dabei fände ich es wunderbar, wenn ich miterleben könnte, wie all die Chancen, die der Autor in  den erwähnten Entwicklungen findet, auch genutzt würden, statt weiterhin befürchten zu müssen, dass die Menschheit als Masse doch immer nur den einfachsten und/oder profitabelsten Weg gehen wird.

Frida Nilsson: Siri und die Eismeerpiraten

Nachdem ich im Dezember Neyashas Rezension zu „Siri und die Eismeerpiraten“ von Frida Nilsson gelesen hatte, habe ich mir gleich das Buch in der Bibliothek vorgemerkt. Die Geschichte dreht sich um die zehnjährige Siri, deren kleine Schwester Miki vom bösen Piraten Weißhaupt geraubt wurde. Der Pirat ist im gesamten Eismeer dafür bekannt, dass er kleine Kinder stiehlt, um diese in seinem Bergwerk für sich schuften zu lassen. So gefürchtet wird der Pirat, dass sich kein Erwachsener findet, der Siri nach der Entführung helfen will, ihre kleine Schwester zurückzuholen. Einzig ihr gebrechlicher alter Vater ist wild entschlossen, sich auf den Weg zu machen, aber das kann Siri nicht zulassen. Schließlich ist ihr Papa nicht mal kräftig genug, um noch auf Fischfang zu gehen, wie soll er da die Suche nach Miki überstehen? So schleicht sich Siri heimlich aus dem Haus, um ihre kleine Schwester aus der Gewalt des Piraten zu befreien – große Hoffnungen macht sie sich nicht, aber wie ihr Vater sagt:

„… die Dinge, die man tut, hinterlassen Spuren. Die guten Dinge hinterlassen gute Spuren … und die schlimmen Dinge hinterlassen schlimme Spuren. Wenn ich nicht versuche, Miki zu finden, dann kann ich nicht weiterleben. Die Spur in meinem Herzen würde zu sehr schmerzen.“ (Seite 28)

Auf der Suche nach ihrer Schwester muss Siri quer durchs Eismeer reisen, von ihrer kleinen Insel Blautum im Osten bis nach Kantum am anderen Ende des Meeres, wo die Welt fast zu Ende ist. Sie begegnet auf ihrer Reise vielen verschiedenen Menschen, Tieren und anderen Wesen, manche von ihnen helfen ihr, andere ignorieren sie oder nutzen sie gar aus. Auf jeden Fall lernt Siri schnell, dass es schwierig ist, einem Menschen anzusehen, ob er gut oder böse ist, und sie lernt, dass jeder, dem sie begegnet, seine ganz eigenen Beweggründe für sein Handeln hat. Dabei macht es Frida Nilsson mit ihrem wunderbar atmosphärischen Eismeer dem Leser ganz einfach zu begreifen, dass das Mädchen in einer harten Welt voller Gefahren und Herausforderungen lebt, in der es erschreckend leicht ist, den einfacheren, aber eben in der Regel auch moralisch fragwürdigen Weg zu gehen.

Ein Menschenleben gilt nicht viel in dieser Welt, und die Winter sind lang und hart. Hunger und Tod sind regelmäßige Gefährten für diejenigen, die im Eismeer leben, und nur wenige haben das Gefühl, sie könnten sich Freundlichkeit leisten. Ein so wundersames Geschöpf wie eine Meerjungfrau gehört für die meisten Menschen ins Reich der Legenden und wenn sie wirklich einer begegnen würden, wäre die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie als erstes darüber nachdenken, wie sie mit einem solchen Wesen Geld verdienen könnten. Vermutlich ist es nicht einfach, in einer solchen Welt freundlich und hilfsbereit zu bleiben, und doch findet Siri immer wieder Personen, die ihr auf die eine oder andere Weise zur Seite stehen. Doch all die hilfreichen Hände können ihr am Ende nicht helfen, als sie einen Weg finden muss, um Miki aus der Gewalt des Piraten zu befreien.

„Es gibt einen Mann, der benutzt Kinder, als wären sie Tiere. Das hatte ich immer gesagt, wenn wir zu Hause auf unserer Schlafbank lagen. Was ich damals nicht wusste, war, dass Weißhaupts Grube Kinder in Tiere verwandelte. Ja, so war es. Wir waren nicht länger Kinder, wir waren Tiere auf drei Beinen, Tiere, die aus Näpfen aßen, Tiere, die nur sich selbst halfen und niemandem sonst.“ (Seite 286)

Ich habe Siri gern bei ihrer Reise begleitet, ich mochte diese Protagonistin so gern, gerade weil sie nicht ohne Fehler ist. Sie fühlt sich schuldig, weil sie kurz vor Mikis Entführung noch mit ihrer kleinen Schwester gestritten hat. Sie wird immer wieder in Versuchung geführt, aufzugeben und ein anderes Leben aufzunehmen, weil die Suche nach Miki so vergeblich zu sein scheint und es immer wieder Personen gibt, die für sie Platz in ihrem Leben machen würden. Doch am Ende bleibt Siri standhaft und handelt mutiger, als sie es sich jemals zugetraut hätte, und diese Charakterstärke kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist eindeutig eine Folge der Haltung, die ihr Vater ihr von klein auf vorgelebt hat. Dazu kommen noch all die schrecklichen, furchterregenden, traurigen und wunderbaren Nebenfiguren, bei denen man sich selbst dann, wenn sie nur einen kleinen Auftritt haben, genau vorstellen kann, wie sie zu der Person geworden sind, die sie sind.

Abgerundet wird diese schrecklich-schöne Geschichte rund um Siri und ihrer Suche nach dem furchterregenden Piraten Weißhaupt von der schönen Sprache, die Frida Nilsson (und ihre Übersetzerin Friedericke Buchinger) verwenden. Die Erzählweise ist klar, einfach und einprägsam und damit perfekt (nicht nur) für jüngere Leser, aber auch immer wieder von schönen Bildern und poetischen Beschreibungen durchdrungen, die nach dem Lesen noch ein Weilchen beim Leser haften bleiben. Sehr schön ist auch die Gestaltung des Kinderbuchs mit einer Landkarte des Eismeers und ansprechenden Zeichnungen (gezeichnet von Torben Kuhlmann) am Kapitelanfang, die ein entscheidendes Element der auf den folgenden Seiten geschilderten Handlung aufgreifen. Ich mag so liebevoll erzählte Geschichten einfach!