Kategorie: Rezension

Tracey Baptiste: The Jumbies (The Jumbies 1)

„The Jumbies“ von Tracey Baptiste stand so lange auf meinem Wunschzettel, dass die Fortsetzung („Rise of the Jumbies“) erschien, bevor ich dieses Kinderbuch zum Geburtstag bekam. Grundsätzlich fand ich, dass der Klappentext, der von einem unerschrockenen Mädchen, Magie und Freundschaft erzählte, schon nett klang, doch vor allem hat mich die Tatsache gereizt, dass die titelgebenden „Jumbies“ aus karibischen Legenden stammen. Je nach Insel gibt es wohl unterschiedliche Auslegungen dieser Kreaturen, aber egal, ob sie Geister sein sollen oder übernatürliche Wesen, sie haben angeblich nichts Gutes im Sinn. Corinne, die Protagonistin dieser Geschichte, glaubt erst einmal nicht an die Jumbies. Sie ist sich sicher, dass die Erzählungen rund um die Jumbies nur ein Mittel sind, um die Kinder des Ortes zu erziehen und dafür zu sorgen, dass sie sich vom Wald fernhalten. Doch dann verfolgt sie eines Tages ein Aguti in den Wald, an dessen Bein zwei Jungen den Anhänger ihrer (verstorbenen) Mutter gebunden haben, und weckt damit die Aufmerksamkeit der Jumbies. Genauer gesagt weckt Corinne damit die Aufmerksamkeit einer ganz bestimmten Jumbie, die herausfinden will, warum der Geruch des Mädchens an den ihrer verschwundenen Schwester erinnert.

Für Corinne beginnt die Geschichte ganz langsam und harmlos, während man als Leser schon früh mitbekommt, dass ihr eine Jumbie (die sich selber „Severine“ nennt) folgt und dass dieses Geschöpf alles andere als harmlos ist. So fand ich es spannend, Corinne bei ihrem Alltag zu begleiten und mitzuerleben, wie sie neue Freunde findet, während gleichzeitig im Hintergrund immer die Gefahr durch die Jumbie lauert. Dabei stand für mich schon früh fest, dass die Jumbie nicht unbedingt „böse“ ist, sie handelt nur nach anderen Regeln als die Menschen, die vor vielen Generationen ihre Insel besiedelt und damit die Jumbies von ihrem angestammten Land verdrängt haben. Nur eine Person ist in der Lage, beide Seiten der Geschichte zu sehen, und das ist die Weiße Hexe. Doch ihre Kenntnisse um Severines Absichten und um die Hintergründe des Konflikts zwischen Menschen und Jumbies sorgen dafür, dass Corinne von ihr eigentlich keine Hilfe zu erwarten hat, gerade weil die Hexe als einzige Person auf der Insel das notwendige Wissen hätte, um ihr beizustehen.

So ist Corinne vor allem auf die Unterstützung ihrer neuen Freunde, ihre Erinnerungen an ihre Mutter und die in ihr aufkeimende Magie, die ihren Ursprung ebenso wie die Jumbies tief in der Geschichte der Insel hat, angewiesen. Das alles führt zu einer magischen und berührenden Geschichte über den Kampf zwischen Jumbies und Menschen um die Vormacht auf Corinnes Heimatinsel. Dabei geht es in „The Jumbies“ nicht gerade zimperlich zu, wenn die Kinder zum Beispiel am Morgen nach einem Kampf durch Überreste waten und sich nicht sicher sein können, ob diese von einem Jumbie oder einem Menschen stammen. Jumbies sind gefährlich, sie töten, sie verzaubern, sie rauben Kinder und verwandeln sie in einen der Ihren, womit er für seine Familie für immer verloren ist. Viele ihrer Fähigkeiten und ihrer Merkmale klingen überraschend vertraut, wenn man die Jumbies mit Figuren aus zum Beispiel der Irische Mythologie vergleicht, und doch gehören diese Jumbies mit all ihren Facetten in die Karibik. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie sehr sich solche „Naturgeister“-Beschreibungen ähneln können, einfach nur weil die Menschen überall auf der Welt dieselben Ängste vor der unkontrollierbaren Gewalt der Elemente teilen.

Ich mochte diese Geschichte, die sich um Magie, Freundschaft und Familie dreht und die (dezent) auf die vielfältige Bevölkerung der Insel eingeht (und auch darauf, warum es diese Vielfalt gibt). Dabei ist die Insel irgendeine namenlose Insel in der Karibik – klein genug, damit die Geschichte mit ein paar wenigen Dörfern und einem Wald funktioniert. Aber die Autorin erzählt im Nachwort von ihrer Kindheit auf Trinidad, von den Jumbie-Geschichten, die sie gehört hat, und von dem haitianischen Märchen „The Magic Orange Tree“, das die Inspiration zu einem Teil der Handlung war. Diese Hintergründe finde ich interessant und wünschte mir, ich würde mehr über Sagen, Legenden und Märchen aus dieser Region wissen. Doch auch ohne weitere Hintergründe habe ich all die Ereignisse rund um Corinne und ihre Freunde genossen, hatte Angst um den einen oder anderen liebenswerten Charakter und fand es schön, dass die Autorin es für den Leser nicht so einfach gemacht hat, zwischen „gut“ und „böse“ zu unterscheiden.

Kelly Jones: Murder, Magic, and What We Wore

Ich weiß nicht mehr, wie ich auf „Murder, Magic, and What We Wore“ von Kelly Jones aufmerksam geworden bin, aber der Klappentext hatte mich so sehr gereizt, dass ich den Roman ohne weiter nachzudenken auf meinen Wunschzettel gepackt hatte. Die Geschichte dreht sich um die sechzehnjährige Miss Annis Whitworth und beginnt an dem Tag im Jahr 1818, an dem Annis vom Tod ihres Vater erfährt. Während sie bis zu diesem Zeitpunkt ein relativ unbelastetes Leben in der Londoner Gesellschaft führte, steht sie nun – zusammen mit ihrer Tante Cassie, von der sie nach dem Tod ihrer Mutter aufgezogen wurde, – vor der Herausforderung, ohne Einkommen zu überleben. Auch befürchtet Annis, dass der Tod ihres Vaters bei einem Kutschenunglück kein Unfall war, sondern dass seine Tätigkeit als Spion für die Krone (zumindest hat sie in den letzten Jahren den Verdacht gehegt, dass ihr Vater ein Spion sein könnte) dafür verantwortlich ist.

Nachdem sie glücklichweise auch noch am selben Tag durch Zufall entdeckt, dass sie die recht seltene und begehrte Fähigkeit besitzt, „Glamour“ zu wirken – d.h. mit Magie durchwirkte Kleidungsstücke zu nähen -, beschließt Annis, dass sie ihre neuentdeckte Magie in den Dienst der Krone stellen möchte. Doch das Kriegsministerium ist nicht so angetan von Annis‘ Versuch, sich als Spionin anstellen zu lassen ,und so findet Annis ihre ganz eigenen Wege, um mehr über das Schicksal ihres Vaters und die geheimnisvolle Botschaft, die er hinterlassen hat, herauszufinden. Dass Annis, der es deutlich an Lebenserfahrung außerhalb ihrer behüteten Welt fehlt, dabei so einige Probleme hat, ist vorhersehbar. Dass sie ein Geschäft als Glamour-Schneiderin eröffnet, ohne auch nur grundlegende Kenntnisse davon zu haben, wie man ein Kleid von Grund auf schneidert, ist dabei das geringste ihrer Probleme.

Ich habe es geliebt, von Annis‘ Abenteuern nach dem Tod ihres Vaters zu lesen. Von einem Moment auf den anderen mischt das Mädchen sich in die Angelegenheiten fremder und einheimischer Spione ein und kann sich dabei nie sicher sein, ob ihr Gegenüber auch vertrauenswürdig ist. Einzig ihr neues Dienstmädchen Millie, das zum Glück über eine Menge gesunden Menschenverstand und eine gute Beobachtungsgabe verfügt, steht Annis treu zur Seite und rettet sie aus so mancher Misere. Auch hat Annis – bei aller Impulsivität und aller Dickköpfigkeit – das Glück, dass ihre Tante Cassie ihr bei ihrer Erziehung so einige nützliche Dinge mitgegeben hat. So kann Annis sich nicht nur sicher auf dem Ballparkett bewegen (und gleichzeitig jungen Herren eine Lektion über die gesellschaftliche Position von Frauen erteilen), sondern sie hat auch weitere praktische Fähigkeiten wie Buchführung und ähnliche Dinge, die von Frauen zu dieser Zeit gern ferngehalten wurden, gelernt. Das alles macht aus Annis weder die perfekte Spionin noch die geborene Geschäftsfrau, aber es macht das Mädchen zu einer wirklich sympathischen Figur.

Überraschenderweise mochte ich auch all die Passagen rund um Kleidung. Ich handarbeite zwar gern, aber in modischer Hinsicht bin ich ein hoffnungsloser Fall – und sei es nur, weil ich Bequemlichkeit immer wichtiger finde als die Frage, was gerade modern ist. In „Murder, Magic, and What We Wore“ dreht sich die Geschichte häufig um Kleidung und das nicht nur, weil die richtige Bekleidung zu Annis‘ Zeit und in ihrer Gesellschaftsschicht nun mal ein wichtiges Thema war. Für Annis geht es von Anfang an vor allem darum, die richtige Kleidung für eine Person zu finden. Je mehr sie ihre Fähigkeit des Glamour-Nähens erforscht, desto mehr konzentriert sie sich darauf, dass nicht nur Farbe und Schnitt einer Person schmeicheln, sondern dass das Kleidungsstück auch etwas über die Trägerin, ihren Charakter und ihre Fähigkeiten aussagt. Ich habe es so genossen, wenn Annis wieder einen Faden in ihre Nadel fädelte und sich darauf konzentrierte, für was für eine Person sie ein Kleidungsstück herstellte und wie sie dieser Person vielleicht noch etwas Selbstvertrauen, Schutz oder ähnliches mitgeben könnte, um ihr Leben besser zu machen.

Auch habe ich mich darüber gefreut, dass ich während der Lektüre nicht nur über berühmte Personen dieser Zeit gestolpert bin, sondern auch über Namen, die mir aus anderen Romanen vertraut sind. Ganz sicher war ich mir beim Lesen zwar nicht, dass hier wirklich auf ein paar meiner Lieblingsromane aus diesem Genre angespielt wurde, nur weil eine Lady Ravenscroft oder Lady Schofield erwähnt wurden, aber eine Auflistung am Ende des Roman hat mich dann aufgeklärt, dass diese Figuren wirklich bewusst eingebaut wurden als Verweis auf Werke anderer Autoren. (Dummerweise bedeutet das nun auch, dass ich neugierig auf diejenigen Bücher von der Liste bin, die ich noch nicht kenne. *g*)

Insgesamt war „Murder, Magic, and What We Wore“ eine wunderbar leichte und amüsante Wohlfühl-Lektüre, die trotz all der witzigen Szenen nicht zu oberflächlich war, sondern immer wieder auf wichtige Themen (nicht nur der Regency-Zeit) aufmerksam machte. Ich fand es wunderbar mitzuerleben, wie Annis sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt und so viele Sachen dazulernt. Ich mochte die Beziehung zwischen Annis und ihrer Tante und habe mich über die langsam entstehende Freundschaft zwischen Annis und ihrem Dienstmädchen Millie gefreut. Und so sehr ich mich sonst freue, wenn ich mal einen Einzelband entdecke, so hätte ich dieses Mal nichts dagegen, wenn die Autorin doch noch irgendwann einmal zu Annis und Millie zurückkehrt und die beiden Mädchen mehr Abenteuer erleben lassen würde.

Vaseem Khan: Ein Elefant für Inspector Chopra (Inspector Chopra 1)

„Ein Elefant für Inspector Chopra“ von Vaseem Khan ist ein wunderbar kurzweiliger Kriminalroman, dessen Geschichte den Leser mitten ins trubelige Mumbai führt. Die Handlung beginnt an dem Tag, an dem Inspector Ashwin Chopra aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst scheiden muss. Der Inspector hat sein gesamtes bisheriges Leben der Arbeit bei der Polizei gewidmet und gemeinsam mit seinen ergebenen Untergebenen große Erfolge gefeiert. Doch seit einem Herzinfakt vor einigen Monaten steht fest, dass es der Fünfzigjährige ruhiger angehen lassen muss. Während seine geliebte Frau Poppy sich schon sehr darauf freut, endlich mehr Zeit mit ihrem Mann verbringen zu können, trauert Inspector Chopra schon an seinem letzten Arbeitstag seiner Tätigkeit als Polizist hinterher. Der Abschied wird ihm durch die Klage einer Frau erschwert, die auf dem Revier auftaucht und behauptet, dass Chopras Untergebene dem überraschenden Tod ihres Sohnes nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Der Fall des „ertrunkenen“ jungen Mannes, dessen Tod von allen Behörden verdächtig schnell als Unfall abgetan wird, lässt den pensionierten Inspector auch in den kommenden Tagen nicht los, und so beginnt er auf eigene Faust zu recherchieren. Erschwert wird seine Tätigkeit dadurch, dass er sich nicht traut, Poppy in seine neue Freizeitbeschäftigung einzuweihen, weil diese ganz gewiss nicht glücklich wäre, wenn er sich weiterhin in Gefahr brächte. Außerdem gibt es zusätzlich eine Menge Trubel rund um den jungen Elefanten, der Chopra überraschenderweise von seinem Onkel geschickt wurde. Schwierig ist dabei nicht nur, dass das arme Tier eindeutig depressiv zu sein scheint, sondern auch, dass in dem Wohnkomplex, in dem Inspector Chopra mit seiner Frau und Schwiegermutter lebt, keinerlei Haustiere erlaubt sind – vom Halten von Elefanten ganz zu schweigen.

Vaseem Khan ist (laut seinem Wikipedia-Eintrag) in Großbritannien geboren und aufgewachsen, hat aber ungefähr zehn Jahre seines bisherigen Berufslebens in Indien bzw. Mumbai verbracht, und so gehe ich davon aus, dass seine liebevollen Beschreibungen dieser lauten, überfüllten, dreckigen, korrupten und doch liebenswerten Stadt auf eigenen Beobachtungen basieren – und so etwas mag ich bei einem Roman sehr. Die Hintergründe rund um den ermordeten jungen Mann, der Inspector Chopra so gar keine Ruhe lässt, sind erschreckend und düster, während die Elemente rund um den Elefanten Ganesha von dem Autor liebevoll überzogen und witzig erzählt werden. Doch vor allem lebt „Ein Elefant für Inspector Chopra“ von den vielen verschiedenen Charakteren und der großartigen Kulisse Mumbais, die Vaseem Khan auch wunderbar nutzt, um sowohl auf die verschiedenen Probleme Indiens als auch auf all die Kreativität, die Vielfalt, die Geschichte und die rasanten Entwicklungen der vergangenen Jahre einzugehen.

Dabei dient Inspector Chopra als leuchtendes Beispiel für die Ehrhaftigkeit und Unbestechlichkeit, indem er unerschütterlich inmitten all der korrupten Behördenmitarbeiter und verbrecherischen Geschäftsleute seinen Weg geht. Was vielleicht anstrengend zu lesen wäre, wenn er nicht auf der einen Seite von einer Handvoll gleichgesinnter Mitarbeiter und Freunde unterstützt wurde und auf der anderen Seite so viele liebenswerte Eigenarten hätte, dass man ihn schnell ins Herz schließt. Doch vor allem mochte ich all die kleinen Beschreibungen rund um das Leben in Mumbai. Inspector Chopra wird von seinen Ermittlungen nicht nur in die Armenviertel geführt, wo die Menschen in selbstgebauten Hütten vor allem dank ihrer unermütlichen Arbeit und ihres Einfallsreichtums überleben, sondern auch in Villengegenden, wo reiche Geschäftsmänner sich mit erfolgreichen Bollywoodstars mischen. So wie Vaseem Khan auf die verschiedenen gesellschaftlichen eingeht, so geht er in den verschiedenen kleinen Szenen auch immer wieder auf die religiösen Konflikte in diesem Land ein. Dabei erlebt man all diese Elemente durch Inspector Chopras Augen, der vor der Gewalt, die bei den religiös begründeten Auseinandersetzungen nicht verschließen kann, der aber auch genügend Menschen unterschiedlichen Glaubens kennt, die nicht nur Hand in Hand zusammenarbeiten, sondern auch tiefe Freundschaften schließen.

Ich mochte diese Ausgewogenheit bei der Darstellung Indiens ebenso wie den Kriminalfall, der all diese atmosphärischen Beschreibungen wie ein roter Faden verbindet. Doch vor allem sind mir beim Lesen die vielen verschiedenen Charaktere (allen voran der Inspector) ans Herz gewachsen, und ich habe mich wunderbar über all die absurden Szenen rund um Chopra und Ganesha amüsiert. „Ein Elefant für Inspector Chopra“ hat mir entspannte Lesestunden beschert, die ich sehr genossen habe. Trotz all dieser lobenden Worte muss ich aber auch zugeben, dass mir das eine oder andere Element an dieser Geschichte etwas zu abwegig war (vor allem, wenn es um Ganesha und seine besonderen Fähigkeiten ging) und ich den Kriminalfall gern noch etwas komplexer gehabt hätte. So werde ich zwar bestimmt den zweiten Band der Krimis rund um den Inspector und seinen Elefanten mitnehmen, wenn ich mal wieder leichte und unterhaltsame Lektüre suche. Ich bin aber nicht so hingerissen von diesem Buch, dass ich gezielt nach weiteren Teilen suchen oder mir die Romane gar anschaffen würde.

Joan Aiken: The Wolves of Willoughby Chase

Es gibt eine bestimmte Art klassische britische Kinderbücher, die ich schon als Kind geliebt habe und die sich beim Lesen anfühlen, als ob ich nach Hause kommen würde. „The Wolves of Willoughby Chase“ von Joan Aiken gehört zu diesen Büchern, und das nicht nur, weil ich den zweiten Band der „Wölfe“-Reihe („Verschwörung auf Schloss Battersea“) schon als Kind gelesen habe. Die Handlung dreht sich um die Cousinen Bonnie und Sylvia Green. Während Bonnie ihr ganzes Leben im Luxus verbracht hat und von ihren liebevollen Eltern ebenso verwöhnt wurde wie von den Dienstboten auf Willoughby Chase, wurde Sylvia nach dem Tod ihrer Eltern von ihre Tante Jane in eher ärmlichen Verhältnissen aufgezogen. Doch nun sieht sich die alte Tante Jane gesundheitlich nicht mehr in der Lage, für Sylvia zu sorgen, und schickt das Mädchen nach Willoughby Chase.

Die zweitägige Reise zu dem beeindruckenden Herrenhaus ist für Sylvia schon anstrengend genug, umso mehr, da ein Rudel Wölfe ihren Zug aufhält, doch dann muss das Mädchen auch noch entdecken, dass sein Onkel Willoughby und seine Tante direkt nach seiner Ankunft zu einer langen Reise aufbrechen. Zurück bleiben Bonnie und Sylvia unter der Aufsicht der unsympathischen neuen Gouvernante Miss Slighcarp, und die hat mit den beiden nichts Gutes im Sinn. Zum Glück steht ihnen der im Wald von Willoughby Chase lebende Gänsejunge Simon bei all den folgenden schrecklichen Ereignissen zur Seite. Mehr möchte ich über den Inhalt von „The Wolves of Willoughby Chase“ gar nicht erzählen, auch wenn der Klappentext deutlich mehr über die Handlung verrät. Mich hat es nicht so sehr gestört, dass ich den Großteil der Geschichte dadurch schon kannte, weil ich die Erzählweise und die Details rund um all die Ereignisse so genossen habe. Aber ich kann gut verstehen, wenn dieses Vorwissen um die Handlung jemandem die Lust auf die Geschichte nimmt.

„The Wolves of Willoughby Chase“ spielt in einem frühen 19. Jahrhundert, in dem König James III. regiert und in dem England – dank eines Tunnels, der die Insel mit dem Festland verbindet, – von gefährlichen Wolfsrudeln überrannt wurde, die das Leben auf dem Land (vor allem im Winter) unbeschreiblich gefährlich machen. Ich mochte dieses alternative England sehr, ebenso wie all die Anklänge an Charles Dickens, die Joan Aiken in diesem Buch verwendet. Es gibt wundervoll schreckliche Szenen mit all den Bösewichten, die sich – auf die eine oder andere Weise – auf Kosten der Kinder bereichern wollen und natürlich keinerlei Mitleid, Loyalität oder gar Freundlichkeit kennen. Zum Ausgleich gibt es in dieser Geschichte nicht nur die innige Freundschaft zwischen Sylvia, Bonnie und Simon, sondern auch den Beistand treuer Dienstboten, die alles in ihrer Macht Stehende tun, um hinter die Machenschaften von Miss Slighcarp zu kommen, und die Hilfsbereitschaft vollkommen unbeteiligter Personen, die einfach Mitleid mit den beiden Mädchen haben.

So habe ich es sehr genossen, Sylvias und Bonnies Schicksal zu verfolgen. Ich mochte es, wie kämpferisch Bonnie mit all den Herausforderungen umgeht, die die Pläne ihrer Gouveranten und deren Verbündeten mit sich bringen, und hatte Mitleid mit der wohlerzogenen und zarten Sylvia, die bei aller Armut doch nur Liebe von ihrer Tante Jane erfahren hatte und nun nicht weiß, wie sie mit all diesen herzlosen Menschen umgehen soll. Auch die vielen Nebenfiguren, die den Mädchen zur Seite stehen, sind mir schnell ans Herz gewachsen – vor allem natürlich der patente Simon, der schon seit Jahren für sich selbst sorgt und allein schon deshalb für jedes Problem eine Lösung parat hat. Dank all dieser wunderbaren Charaktere steht von Anfang an fest, dass es für Bonnie und Sylvia am Ende glücklich ausgehen wird, was nun nicht so verwunderlich sein sollte angesicht der Tatsache, dass „The Wolves of Willoughby Chase“ ein Kinderbuch ist. Aber das hat mich nicht daran gehindert, mit den beiden Mädchen mitzuleiden und (ein wenig) um das Leben einer der Figuren zu bangen. Genau so mag ich es beim Lesen, so habe ich ein kleines Tränchen verdrückt, ich habe vor mich hingekichert und ich habe die vielen kleinen freundschaftlichen Momente zwischen den Protagonistinnen genossen – und ich freu mich schon darauf, noch weitere Romane von Joan Aiken lesen zu können, die in dieser Welt spielen.

Lynda Mullaly Hunt: Wie ein Fisch im Baum

Über „Wie ein Fisch im Baum“ von Lynda Mullaly Hunt bin ich bei Tine gestolpert, die von dem Roman sehr angetan war, und so habe habe mir dann den Titel über die Onleihe besorgt. Die Geschichte wird aus der Sicht der elfjährigen Ally Nickerson erzählt, deren Leben davon geprägt ist, dass sie nicht lesen und schreiben kann. Dass das Mädchen in den vergangenen sieben Jahren sieben verschiedene Schulen besucht hat, macht die Sache nicht leichter, und dass Allys Lehrer denken, dass sie aufsässig ist und sich nur mehr Mühe geben muss, erst recht nicht. Denn jedem – außer Ally – ist eigentlich bewusst, dass sie nicht dumm ist. Sie ist schlagfertig, sie kann gut mit Zahlen umgehen und logisch denken. Sie hat ein besonderes Talent zum Zeichnen und beobachtet aufmerksam ihre Umgebung. Nur im Unterricht versucht sie, sich unsichtbar zu machen, und hat diverse Strategien entwickelt, damit sie nicht ständig offenbaren muss, wie schlecht sie im Lesen und Schreiben ist.

Diese ständigen Bemühungen, unsichtbar zu bleiben, sorgen auch dafür, dass Ally keine Freunde hat, obwohl sie in ihrer Klasse die eine oder andere Person sympathisch findet. Nicht einmal nach Schulschluss fühlt sich Ally richtig frei, denn dann muss sie in dem Restaurant, in dem ihre Mutter kellnert, an der Theke sitzen und Hausarbeiten machen – und aufpassen, dass niemand sie dabei erwischt, dass sie stattdessen lieber zeichnet. Richtig glücklich scheint sie nur zu sein, wenn sie Dinge mit ihrem großen Bruder Travis unternehmen kann. Travis liebt alles, was mechanisch ist, und urteilt nicht über Allys Probleme, aber so gut das Verhältnis zwischen den beiden auch ist, so reicht das doch nicht aus, um Ally durch ihren Schulalltag zu bringen. So kämpft sie sich jeden Tag durch viele Stunden, in denen sie – obwohl sie so gern für alle unsichtbar bleiben würde – immer wieder aufgefordert wird, etwas zu lesen oder zu schreiben. Um nicht immer wieder vor der gesamten Klasse zu scheitern, stellt Ally dann lieber etwas an, das den Unterricht so sehr behindert, dass sie zur Direktorin geschickt wird, um sich einen Tadel für ihr Benehmen abzuholen.

Erst als mit Mr. Daniels ein neuer Lehrer Allys Klasse übernimmt, ändert sich Schritt für Schritt Allys Leben. Mr. Daniels nimmt sich Zeit, um auf die individuellen Persönlichkeiten seiner Schüler einzugehen, und versucht gemeinsam mit ihnen an ihren Problemen zu arbeiten, ohne sie vor ihren Mitschülern bloßzustellen. Dabei braucht auch er Zeit, um überhaupt herauszufinden, was mit Ally los ist und wie er ihr helfen kann, besser zurechtzukommen. Ich mochte es sehr, wie Lynda Mullaly Hunt Mr. Daniels dargestellt hat. Er ist nett und aufmerksam und versucht all seinen Schülern Selbstbewusstsein und ein Gefühl für die eigenen Stärken mitzugeben. Dabei ist er nicht unfehlbar, sondern sorgt auch schon mal unabsichtlich dafür, dass sich Ally schlecht fühlt oder dass eine unangenehme Situation in der Klasse ausartet, obwohl sie hätte vermieden werden können.

Überhaupt beweist die Autorin ein wunderbares Händchen für Figuren. Nicht nur Ally, sondern auch die vielen Nebenfiguren können durch vielschichtige Charaktere überzeugen. Ich habe die diversen Eigenheiten von Allys Mitschülern sehr genossen, wenn zum Beispiel Albert mal wieder einen wissenschaftlichen Vortrag gehalten hat, wenn Keisha sich für jemanden oder etwas eingesetzt hat, wenn Oliver mal durch die Gegend hüpfte oder Suki von ihrem japanischen Großvater erzählte. Natürlich gibt es auch einige unangenehme Personen in Allys Umfeld, aber auch bei denen schimmert hier und da eine menschliche Seite oder ein Grund für ihr Verhalten durch. Vor allem zeigt Lynda Mullaly Hunt mit den vielen verschiedenen Figuren, dass Ally nicht die einzige ist, die im Alltag Probleme hat. So lernt Ally im Laufe der Geschichte nicht nur, mit ihren eigenen Schwächen umzugehen, sondern auch, dass sie in der Lage ist, anderen beizustehen, wenn diese mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben.

Die gesamte Geschichte wird dabei von der Autorin in einer einfachen, aber wunderbar bildreichen Sprache erzählt. Für Ally ist es natürlich, sich Dinge zu merken, wenn sie dazu Bilder oder Filme in ihrem Kopf abspeichert, und so verarbeitet sie auch viele Szenen in ihrem Alltag, indem sie sie in solche bildhaften Elemente umsetzt. So hatte ich beim Lesen nicht nur viel Spaß mit den vielen Bildern und Filmen in Allys Kopf, sondern es hat mir auch geholfen zu verstehen, wie Ally die Welt wahrnimmt und welche Herausforderung das Lesen für sie mitbringt. Obwohl das Leben für Ally nicht einfach ist und es dementsprechend die eine oder andere Szene in diesem Roman gibt, die einen beim Lesen wütend oder traurig macht, ist „Wie ein Fisch im Baum“ eine überraschend lustige Geschichte. Ally ist witzig und schlagfertig und selbst in ihrer Verzweiflung hat sie sich immer wieder Sachen ausgemalt, die mich zum Schmunzeln gebracht haben. Ich habe die Geschichte wirklich gern gelesen (und prompt „Ich hab mich nie so leicht gefühlt“, den Debütroman der Autorin, auch noch auf meine Merkliste in der Bibliothek gesetzt).

Yoko Ogawa: Der Herr der kleinen Vögel

Ich habe keine Ahnung mehr, wo ich über „Der Herr der kleinen Vögel“ von Yoko Ogawa gestolpert bin, aber die Inhaltsangabe klang nett und die Autorin wollte ich auch schon länger ausprobieren, also habe ich den Roman in der Onleihe vorgemerkt. In der letzten Woche konnte ich die Geschichte dann lesen und habe mir immer wieder ein Kapitel vorgenommen. „Der Herr der kleinen Vögel“ war für mich definitiv kein Roman, den ich in einem Zug runterlesen konnte. Ich musste mir für all die kleinen Begebenheiten rund um die beiden namenlosen Brüder Zeit nehmen und die verschiedenen Szenen nachklingen lassen.

Yoko Ogawa erzählt von zwei Brüdern, von denen der ältere eines Tages aufhört, auf Japanisch zu kommunizieren, um viele Monate später wieder anzufangen zu sprechen, allerdings nur noch in seiner eigenen Sprache. Eine Sprache, die nur sein kleiner Bruder versteht, die komplex ist und über eine eigene Grammatik, Personalpronomen und all die anderen Dinge verfügt, die eine Sprache ausmachen, in der man auch komplizierte Sachverhalte erklären kann. Doch selbst der jüngere Bruder lernt nie, diese Sprache fließend zu sprechen, sondern kann sie in erster Linie nur verstehen und bei Bedarf übersetzen. Die Eltern der beiden Brüder finden sich lange Zeit nicht damit ab, dass der ältere nicht mehr in ihrer Sprache mit ihnen kommuniziert, und stellen ihn einem Facharzt nach dem anderen vor. Doch keiner dieser Ärzte kann eine „reparierbare“ Ursache für das Verhalten des Jungen finden.

Nach dem Tod der Eltern kümmert sich der jüngere um den älteren Bruder. Zusammen leben die beiden ein ruhiges und bescheidenes Leben, das ebenso von den Bedürfnissen (und Einschränkungen) des Älteren geprägt ist wie von seiner Liebe zu den Vögeln. So liegt im Haushalt der beiden Brüder immer ein Vogelbestimmungsbuch bereit und wird ebenso täglich benutzt wie Salz- und Pfefferstreuer oder der Putzlappen, mit dem der Tisch abgewischt wird. Dreiundzwanzig Jahre lang teilen die beiden sich nach dem Tod der Eltern den Haushalt, bis der altere der beiden Brüder stirbt. Für den jüngeren Bruder wird das Leben nach dem Tod des Bruders noch ein bisschen ruhiger, etwas einsamer, aber auch freier als vorher. Nun muss er sich nicht mehr jeden Moment seines Tages an den Rhythmus seines Bruders anpassen, sondern kann in seiner Mittagspause in die Bibliothek gehen oder mit dem Blick auf den Rosengarten bei der Arbeit sein Essen im Grünen zu sich nehmen. Hin und wieder lernt er neue Menschen kennen, die ihn ein kleines Stückchen begleiten und sein Leben in größerem Ausmaß bereichern, als sie selbst vermuten würden.

Ich mochte diese ruhige Erzählung rund um die beiden Brüder sehr. Es passiert nichts Großartiges in der Geschichte, es gibt keine nennenswerte Entwicklung, keine Dramen und keine jubelnden Höhepunkte, nur eine wunderbare Hommage an ein unauffälliges, bescheidenes Leben, geschrieben in einer berührend schlichten Sprache, die schöne, klare Bilder im Leser hervorruft. Natürlich bleibt ein so zurückhaltender Charakter wie der jüngere Bruder – von den Kindern der Nachbarschaft liebevoll „Der Herr der kleinen Vögel“ gerufen – nicht von den Vorurteilen und Verdächtungen seiner Umgebung verschont. Aber auch wenn es ihm unangenehm ist, dass jemand etwas Negatives über ihn denken könnte, so scheinen selbst diese Phasen sein Leben nicht groß zu beeinträchtigen.

Das beherrschende Thema dieses Romans ist die Liebe zu den Vögeln, die der ältere an den jüngeren Bruder vererbt. Ich mochte diese Momente sehr, in denen einfach nur beschrieben wurde, wie die beiden geduldig lauschen, bis einer der Vögel in ihrem Garten anfing zu singen, wie sie den Gesang genossen und sich Gedanken über die verschiedenen Zwitschertöne machten. Diesen Genuss an der Anwesenheit und dem Gesang von Vögeln bewahrt sich der jüngere Bruder bis zu seinem eigenen Tod und findet in diesen vermeintlich kleinen Momenten Freude, Trost und ein Mittel gegen die Einsamkeit. Mit „Der Herr der kleinen Vögel“ erzählt Yoko Ogawa eine wunderbar ruhige, leicht melancholische Geschichte, die dafür gesorgt hat, dass auch ich beim Lesen ruhiger wurde und mehr „bei mir“ war.

Rachel Caine: Stillhouse Lake (Stillhouse Lake 1)

Im Dezember gab es das eBook „Stillhouse Lake“ von Rachel Caine für gerade mal 99 Cent, und weil ich die (ersten Bände der) Morganville-Reihe der Autorin so mag, dachte ich, ich könnte auch mal einen Thriller von ihr ausprobieren. Auf Deutsch ist das Taschenbuch übrigens vor ein paar Tagen mit dem Titel „Die Angst schläft nie“ (ich hasse deutsche Thriller-Titel wirklich) erschienen, falls jemand nach meiner Rezension Lust auf die Geschichte, aber keine Lust auf Lesen eines englischen Buches hat. 😉 Die Handlung beginnt damit, dass Gina Royal, die ihre beiden Kinder von der Schule abgeholt hat, ihr Haus von der Polizei umstellt vorfindet. Vor den Augen der Kinder wird sie verhaftet, ohne überhaupt zu wissen, was los ist. Erst später findet Gina heraus, dass man – dank eines unvorsichtigen Autofahrers, der das Gebäude gerammt hatte, – in der Holzwerkstatt ihres Mannes die Leiche einer jungen Frau gefunden hat und dass diese nicht das erste Opfer von Melvin Royal war.

Jahre später versucht Gina unter ihrem neuen Namen „Gwen Proctor“, mit ihrem Sohn Connor und ihrer Tochter Lanny ein neues Leben in einem verfallenen Haus am Stillhouse Lake in Tennessee zu beginnen. Hinter ihr liegen 1 1/2 Jahre Untersuchungshaft, da sie verdächtigt wurde, Anteil an den Taten ihres Mannes gehabt zu haben, und weitere Jahre, in denen sie mit den Kindern von einem Ort zum nächsten und von einer Identität zur anderen wechselte, um denjenigen zu entkommen, die auch nach ihrer Freisprechung Jagd auf sie machten. Gwen fürchtet vor allem um das Leben ihrer Kinder, da online von ihren Peinigern immer wieder dazu aufgerufen wird, diese zu missbrauchen oder zu töten, um ihrer Mutter zu zeigen, wie es sei, wenn man ein Familienmitglied auf grausame Weise verliert. Doch nachdem sie so oft umgezogen sind und so oft den Namen gewechselt haben, wird es endlich Zeit, etwas sesshafter zu werden und den Kindern wieder etwas Stabilität zu bieten.

Natürlich wird es nicht so einfach für Gwen, Fuß am Stillhouse Lake zu fassen. Alle drei sind von den vergangenen Jahren traumatisiert, und Gwen ist nicht mehr in der Lage, einem anderem Menschen zu vertrauen, nachdem ihr Ehemann sich als Serienkiller entpuppt hat. Immer wieder schärft sie den Kindern ein, dass sie all die eingeübten Vorsichtsmaßnahmen nicht außer Acht lassen dürfen, immer wieder führt sie „Notfallübungen“ durch und jeden Tag schwebt über Lanny und Connor die Furcht, dass sie wieder von einer Stunde auf die andere ihr neues Zuhause inklusive der wenigen liebgewonnenen Gegenstände, die eine Flucht erschweren würden, verlassen müssen. Als dann auch noch im See die Leiche einer jungen Frau gefunden wird und Gwen und ihre Kinder als Zeugen die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich ziehen, steht Gwen wieder vor der Entscheidung, ob sie fliehen oder die Ermittlungen durchstehen will, auch wenn das bedeuten könnte, dass ihre wahre Identität aufgedeckt wird.

Dass Rachel Caine gut schreiben kann, wusste ich schon vor diesem Buch. Ich war aber trotzdem überrascht davon, wie sehr mich „Stillhouse Lake“ fesseln konnte. Die Handlung an sich ist gar nicht so ungewöhnlich, ich stolpere in (amerikanischen) Thrillern häufiger über Protagonistinnen, die in irgendeiner Weise Opfer waren und nun eines Verbrechens verdächtigt werden und/oder befürchten müssen, dass ihre Vergangenheit sie einholt, weil sie (wieder) ins Visier der Polizei geraten sind. Was „Stillhouse Lake“ für mich zu einer besonderen Geschichte gemacht hat, war auf der einen Seite Gwens Charakter. Man erlebt im Prolog, wie ihre Welt von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Sie hat keine Ahnung, was ihr Mann getan hat, und während sie überhaupt zu begreifen versucht, was los ist, wird sie als Mittäterin verhaftet. Ohne dass Rachel Caine lang und breit beschreibt, wie diese Jahre für Gwen verlaufen sind, wird deutlich, welch ein einschneidender Einschnitt dies für ihr Leben bedeutete und welch gravierende Entwicklung sie danach in kürzester Zeit durchmachen musste, um die folgenden Monate zu überstehen und ihren Kindern so viel Sicherheit wie möglich (was nicht gerade viel war) gewährleisten zu können.

Gwen ist misstrauisch, abweisend, bewegt sich auf illegalen Pfaden, denkt ständig über Fluchtrouten und Verteidigungsmöglichkeiten im Falle eines Angriffs nach und versucht trotzdem irgendwie, eine liebevolle und nicht überbehütende Mutter zu sein – letzteres zugegeben nicht sehr erfolgreich. Eine große Rolle in Gwens Leben nach „dem Ereignis“ spielt das Internet, denn dort sammeln sich all die Personen, die glauben, dass Gwen an den Taten ihres Ex-Mannes beteiligt war, die Rache für die Opfer wollen (egal, ob Gwen nun mitschuldig war oder nicht) und diejenigen, die Gwen und die Kinder bedrohen und verfolgen, weil es ihnen einen Kick gibt. Die Szenen, in denen sich die Protagonistin Tag für Tag einloggt, um zu schauen, ob einer dieser Verfolger einen Hinweis auf ihren Aufenthaltsort gefunden hat, ob vielleicht ein Foto aufgetaucht ist, mit dem man sie oder eines der Kinder identifizieren könnte, oder um einfach nur die aktuellsten Drohungen zu archivieren und (anonym) an die zuständigen Polizeistellen weiterzuleiten, fand ich unglaublich bedrückend.

Gerade weil sich solche Online-Lynch-Mobs in der Realität selbst zu den belanglosesten Themen finden, fiel es mir beim Lesen erstaunlich schwer, mit diesem Aspekt von Gwens Leben umzugehen. So ist es lange Zeit auch eher diese ständig schwelende Bedrohung für Gwen und ihre Kinder, die für Spannung sorgte, als die aktuellen Ereignisse rund um den See. Natürlich bedrückt der Mord an einer jungen Frau die Protagonistin und es ist nicht schön, von der Polizei als Verdächtige behandelt zu werden, aber all die unschönen „Nebeneffekte“, die dies für Gwen und die Kinder mit sich bringt, sind viel schlimmer zu verfolgen. Am Ende gab es dann auch noch einen dramatischeren Showdown, und als ich an der Stelle angelangt war, war ich regelrecht erleichtert, weil aus einer nicht greifbaren Bedrohung ein realer Angreifer geworden war, gegen den Gwen direkt vorgehen konnte.

Falls es bislang noch nicht deutlich geworden ist: „Stillhouse Lake“ ist eine sehr spannende Geschichte, die mich beim Lesen wirklich gefesselt hat. Neben all den bedrückenden Elementen gibt es übrigens auch sehr schöne Szenen, in denen Gwen so etwas wie freundschaftlichen Austausch mit ihren Nachbarn oder Bekannten hat. Da aber auch diese Szenen immer von der Frage durchdrungen sind, ob man dem Gegenüber vertrauen kann oder was die anderen wohl von Gwen denken würden, wenn sie ihre wahre Identität wüssten, vertiefen diese nur die beklemmende Atmosphäre, die den Roman durchdringt. Nach aller Begeisterung muss ich aber auch noch einen kleinen Kritikpunkt an der Handlung einbringen, da eine Person in Gwens Umfeld in meinen Augen als potenzieller Verdächtiger ziemlich auffällig war. So schlimm war das aber nicht, da Rachel Caine genügend weitere „verdächtige“ Figuren in die Geschichte eingebaut hat, so dass man sich nie so ganz sicher sein konnte, ob einer oder mehrere Bekannte nicht ebenfalls mehr über sie und über die Morde am Stillhouse Lake wissen. So gibt es gerade nur einen einzigen Grund, warum ich mir nicht schon die Fortsetzung gekauft habe, und der ist, dass ich meinen Bücheretat für den Monat schon sehr großzügig ausgereizt habe.

Bruce Coville: Always October (Hörbuch)

„Always October“ von Bruce Coville ist eigentlich die perfekte Halloween-Geschichte (für Kinder), aber da ich gerade nicht so oft Hörbücher höre, kam ich erst im Dezember dazu, mir dieses Hörbuch anzuhören. Die Handlung wird abwechselnd aus der Sicht von Jacob „Jake“ Dolittle und Lily Carker erzählt. Dabei macht Lily den Anfang, da sie der Meinung ist, dass sie ihre Geschichte erzählen müssten, bevor sich Jake in ein Monster verwandelt – und wenn sie nicht mit dem Aufschreiben anfängt, dann bekommt ihr Freund das Ganze bestimmt nicht auf die Reihe. Jacob und Lily kennen sich schon viele Jahre, haben sich aber erst miteinander angefreundet, nachdem Jakes Vater vor einiger Zeit bei der Erforschung einer Höhle verschwand. Beide Kinder lieben Horrorgeschichte, besonders die, die von Jacobs Großvater geschrieben wurden (bevor auch dieser vor vielen Jahren verschwand – es liegt wohl in der Familie) und in denen er von einer Welt voller Monster erzählt, die angeblich „Always October“ heißt.

Da Lilys Großvater die Aufsicht über den örtlichen Friedhof hat, liegt es nah, dass die beiden Kinder eine Horrorbibliothek in einem der Mausoleen anlegen und dieses Mausoleum als Geheimversteck nutzen, um sich ungestört über all die Dinge austauschen zu können, die sie beschäftigen. Kurz nachdem es während einer stürmischen Nacht zu seltsamen Vorfällen in der „Mausoleums-Bibliothek“ kam, wird vor Jacobs Tür ein Säugling ausgesetzt. Während er natürlich davon ausgeht, dass seine Mutter das fremde Kind den Behörden übergibt, beschließt diese, dass sie sich um „Little Dumpling“ (kurz LD) kümmern wird, bis seine Mutter ihn wieder abholt. So kommt Jake zu einem liebenswerten kleinen Bruder, der trotz seiner ungewöhnlichen Eigenschaften (die sich vor allem bei Vollmond zeigen) sofort Jacobs Beschützerinstinkt weckt. Wenig später finden Jake und Lily heraus, dass LD eigentlich aus Always October stammt, und um LD eine sichere Zukunft zu gewährleisten, müssen die beiden durch die Monsterwelt reisen. Dort versucht gerade eine Gruppe von Monstern die Verbindung zwischen der Menschenwelt und Always October zu zerstören, was nicht nur die Opferung von LD erfordern, sondern auch für beide Welten das Ende bedeuten würde.

Das Hörbuch von „Always October“ dauert ungefähr acht Stunden und ich habe jede einzelne Minute davon genossen. Lily ist eine großartige Protagonistin mitsamt ihrer Begeisterung für Horrorgeschichten, ihrer Abenteuerlust und ihrer absoluten Loyalität zu ihren Freunden und ihrem nicht ganz einfachen Großvater. Auch Jake habe ich mit all seinen Macken und Ängsten sehr ins Herz geschlossen, gerade weil für ihn die vielen Herausforderungen, die die Reise durch Always October so mit sich bringt, besonders schwierig zu bewältigen waren. Unterstützt werden die Kinder durch eine ganze Gruppe von Helfern – besonders hervorheben möchte ich dabei Luna Marie Eleganza VI. -, die mir alle miteinander ans Herz gewachsen sind. Die Handlung ist spannend, amüsant und voller wunderbarer fantastischer Einfälle. Bruce Coville verwendet zwar ein paar Elemente, die nicht gerade „neu“ in diesem Genre sind, wie zum Beispiel die Bibliothek der Albträume, aber das hat mich in keinem Moment gestört, weil „Always October“ wunderbar kurzweilig war und mir jede einzelne Figur (na ja, abgesehen natürlich vom Bösewicht) ans Herz gewachsen ist.

Normalerweise bin ich nicht so begeistert, wenn ein Hörbuch von Kindern/Jugendlichen eingelesen wird, aber Nancy O’Connor und Zac Fletcher machen ihre Sache sehr gut und es hat mir Spaß gemacht, ihnen zuzuhören. Welche Sprecher die erwachsenen Figuren (Monster ebenso wie Menschen) übernommen haben, wird zwar im letzten Track von Bruce Coville (der ebenfalls einem der Charaktere seine Stimme verleiht) aufgezählt, aber da ich weder bei Audible noch bei Full Cast Audio eine Liste gefunden habe, beschränke ich mich hier auf die Aussage, dass auch diese Personen ihre Arbeit sehr gut gemacht und somit für mich zum Hörvergnügen beigetragen haben.

(Für diejenigen, die die Trickfilm-Serie „Die Trolljäger“ kennen: Bruce Covilles Romanvorlage zu „Always October“ ist ein paar Jahre älter als die Serie, aber einige Figuren und die Atmosphäre dieses Hörbuchs haben mich sehr daran erinnert.)

Hayley Long: Sophie Soundso

Über das Buch „Sophie Soundso“ von Hayley Long bin ich bei den Nominierungen für Dezember für „Das Jahr der Königskinder“ bei Anja gestolpert. Es gab zwar keine überzeugenden Argumente oder gar inhaltliche Aussagen zu dem Roman in dem Beitrag zu lesen, aber der Titel allein hat mich neugierig genug gemacht. Kurz vor Weihnachten konnte ich das Buch dann in der Bibliothek ausleihen, habe einen ersten Blick hineingeworfen und war erst einmal irritiert. Und fasziniert. Und verwirrt. Und nahm mir dann vor, dass ich mir mehr Zeit und etwas mehr Ruhe für Sophies ungewöhnliche Erzählweise nehmen würde. Denn Sophie ersetzt die gesamte Geschichte hindurch Substantive durch Wörter, die eine vollkommen andere Bedeutung haben, was mich beim Lesen immer wieder stutzen ließ und dafür sorgte, dass ich stellenweise ein paar Seiten brauchte, um herauszufinden, welches richtige Wort da eigentlich in den Satz gehört. Das hat mich in überraschend hohem Grad beim Lesen gestört, obwohl man Sophies „Ersatzwörter“ in der Regel schnell auf die Reihe bekommt, ihre Geschichte problemlos verstehen kann und wirklich nur wenige Wörter für mich nicht gleich erschließbar waren. Vor allem hat mich aber irritiert, dass ich keinen Grund für diese Erzählweise fand, bis am Ende des Romans in einem Gespräch deutlich wird, weshalb sie ihre Geschichte auf diese Weise aufgeschrieben hat.

Grundsätzlich ist diese ungewöhnliche Erzählweise zwar ein netter Kniff der Autorin, aber auch ohne dieses Element hätte die Geschichte rund um Sophie für mich gut funktioniert. Die gesamte Handlung hindurch ist Sophie auf der Suche nach ihrer eigenen Identität, was für einen Teenager – Sophie ist 14 Jahre alt, als sie die Geschichte erzählt, – nicht ungewöhnlich ist, aber bei ihr besondere Gründe hat. Sophie lebt zusammen mit ihren Eltern und ihrem siebenjährigen Bruder Hercule in einem Mehrfamilienhaus in Brüssel. In der ruhigen Straße, die schon bessere Zeiten gesehen hat, scheinen sich all ihre Erinnerungen zu sammeln, und doch gibt es immer wieder Momente, bei denen sie sich fragen muss, ob eine Szene aus ihrer Vergangenheit stammt oder etwas ist, das sie mal im Fernsehen gesehen hat. Wenn sie ihre Eltern nach solchen Erinnerungen fragt oder nach all den anderen Dinge, die in ihrem Leben anders zu sein scheinen als im Leben ihrer Klassenkameraden, dann bekommst sie ausweichende oder verwirrende Antworten. Und je mehr sich diese seltsamen Momente häufen, desto mehr fragt sich Sophie, welches Geheimnis ihre Eltern verbergen und wer sie selbst eigentlich ist.

Dabei werden die Ereignisse von Sophie nicht chronologisch erzählt, so dass man den Teil der Geheimnisse, an den sich das Mädchen teilweise sogar erinnern kann, schon zu Beginn des Romans erfährt. Diese Vorgeschichte macht einen als Leser aber nur neugieriger auf die Hintergründe rund um die ungewöhnliche Ankunft von Sophie und ihrer Mutter in Belgien. So wird die Handlung von Hayley Long in fünf Teile aufgeteilt, die Sophies Suche nach der Wahrheit und ihr Verarbeiten der ganzen Informationen darstellen. Die Betitelung der verschiedenen Teile – „Sophie im Schockstress“, „Sophie Nirgendwer“, „Sophie Sherlock“, „Sophie Pratt“ und „Sophie Soundso“ fassen Sophies Weg auf der Suche nach den Ereignissen in der Vergangenheit und dem Grund für die Lügen ihrer Eltern schön zusammen. Ich mochte Sophie wirklich gern und ich habe sie gern auf ihrem Weg begleitet. Auch gefiel es mir, wie die Autorin Sophies Verhältnis zu ihrer Familie oder zu ihrer besten Freundin Comet dargestellt hat. Denn gerade weil Sophie eigentlich so behütet aufgewachsen ist, fällt es ihr so schwer, mit den Geheimnissen in ihrem Umfeld umzugehen. Und als Sophie anfängt nachzuforschen und Antworten auf all die vielen Fragen findet, die sie beschäftigen, da hat sie zwar Angst vor dem, was sie enthüllt, lässt sich davon aber nicht abhalten und ist sogar reif genug, um Unterstützung, die ihr angeboten wird, auch anzunehmen.

Ich muss gestehen, dass ich es schwierig finde, mehr zu dem Buch zu schreiben, weil ich Angst habe, dass ich zu viel zur Handlung verrate. Denn das Besondere an „Sophie Soundso“ ist eben nicht nur die ungewöhnliche Erzählweise, sondern auch all die kleinen Szenen, in denen man Sophie, ihre Familie und ihre Freunde (und Nachbarn) kennenlernt und die Momenten, in denen sie nicht weiß, wie sie damit umgehen soll, dass ihre Eltern auch nur Menschen mit Schwächen und Fehlern sind. Würde ich hier erzählen, was mich an diesen Passagen so berührt, amüsiert oder bedrückt hat, müsstet ihr den Roman nicht mehr lesen, was wirklich schade wäre, denn ich habe wirklich schöne Stunden mit Sophie und ihrer Suche nach ihrer Identität verbracht und mir am Ende aus mehr als einem Grund ein Tränchen verdrücken müssen.

Karen Foxlee: Ophelia and the Marvelous Boy

Über „Ophelia and the Marvelous Boy“ von Karen Foxlee bin ich durch den Twitteraccount von Stephanie Burgis gestolpert und die Leseprobe hatte mir dann so gut gefallen, dass ich den Roman auf meine Geburtstagswunschliste gepackt hatte. Ich hatte während des Adventslesens schon ein bisschen zu der Geschichte geschrieben, aber ich wollte noch eine „richtige“ Rezension auf dem Blog haben, weil mir der Roman so gut gefallen hatte. Die Handlung wird vor allem aus der Sicht der elfjährige Ophelia Jane Worthington-Whittard erzählt, die die drei Tage vor Weihnachten mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester in einem ungewöhnlichen Museum festsitzt. Ophelias Vater Malcolm Whittard ist Experte für Schwerter und wurde von der Museumsleitung engagiert, um die Ausstellung „Battle: The Greatest Exhibition of Swords in the History of the World“ bis zum Weihnachtstag eröffnungsreif zu machen, nachdem der dafür verantwortliche Kurator überraschend verschwand. Da Ophelias Mutter vor ein paar Monaten gestorben ist, müssen sie und ihre Schwester Alice ihren Vater begleiten.

Ein bisschen hofft Ophelias Vater, dass seine Töchter in einer wunderschönen weihnachtlichen Stadt, in der immer Schnee liegt, ihren Kummer über den Tod der Mutter ein wenig vergessen können. Doch statt gemeinsam Eislaufen zu gehen oder auf andere Weise ihre Zeit zu genießen, verbringen die Schwestern die Tage voneinander getrennt. Und während Alice sich mithilfe ihrer Musik von der Welt zurückzieht, erkundet Ophelia das Museum – bis sie durch ein Schlüsselloch einen geheimnisvollen Jungen in einem der Zimmer des Museums entdeckt. „The Marvelous Boy“ – wie der Junge laut der Beschriftung an seiner Tür genannt wird – behauptet, er würde Ophelias Hilfe benötigten, um die Welt zu retten. So richtig weiß das Mädchen nicht, was sie von dem Jungen und seinem Anliegen halten soll. Ophelia ist eine sehr vernünftige Elfjährige, die sich lieber auf Wissenschaft stützt, als an etwas so wenig Greifbares wie Magie zu glauben. Aber sie ist auch hilfsbereit und neugierig und erledigt genau deshalb all die seltsamen Aufgaben, die ihr der Junge aufträgt.

Ich habe Ophelias Erlebnisse sehr gern verfolgt. Das Mädchen ist neugierig und wissensdurstig, aber auch ängstlich (was noch durch ihr Asthma verstärkt wird) und seit dem Tod der Mutter sehr unsicher. Durch die verschiedenen Herausforderungen, die Ophelia bewältigen muss, um den geheimnisvollen Jungen zu befreien, überwindet sie immer wieder von neuem ihre Ängste. Doch sie lernt nicht nur mit ihren Ängsten umzugehen, sondern sie verarbeitet auch so langsam den Verlust ihrer Mutter. Nebenbei bekommt sie immer wieder von dem mysteriösen Jungen ein Stückchen seiner Geschichte erzählt, so dass man auch mehr über seinen Hintergrund erfährt. Dabei bleibt der Junge selbst die ganze Zeit über namenlos, und auch als Charakter bekommt er keine besondere Tiefe von der Autorin verliehen. Ich fand diese wenig intensive Beschreibung des Jungen sehr passend, denn auf der einen Seite ist seine Geschichte durch und durch märchenhaft, und auf der anderen Seite spielt er als Person in erster Linie die Rolle des Auslösers für Ophelias Entwicklung und braucht keinen komplexeren Hintergrund.

Es hat mir Spaß gemacht, mit Ophelia durch das Museum zu streifen. Je mehr Ecken des Gebäudes man zusammen mit dem Mädchen entdecken konnte, desto mehr erfuhr man auch über seine Familie, seine Ängste und Sehnsüchte. Dazu kommen noch all die unheimlichen und gefährlichen Elemente, die vom Einfluss der Schneekönigin zeugen. Besonders bei diesen Passagen beweist die Autorin ein wunderbares Händchen für Atmosphäre und Figuren – meine Lieblingsszene in der Geschichte spielte in einem Korridor voller Geistermädchen und ist wunderbar herzzerreißend geschrieben. Ich mochte auch die Passagen mit Ophelia und ihrer Familie, denn obwohl es relativ wenige Momente gibt, in denen sie gemeinsam mit ihrem Vater oder Alice etwas erlebt, so ist ihre Familie doch ständig in ihren Gedanken präsent. Dadurch, dass Ophelia ihrer Familie so wichtig ist, bangt man als Leser natürlich auch um diese beiden Charaktere, die selbstverständlich keine Ahnung von dem Kampf gegen die Schneekönigin und den unheimlichen Machenschaften dieser Person haben. Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich „Ophelia and the Marvelous Boy“ aufgrund der sympathischen und realistischen Protagonistin, der wunderbaren Atmosphäre und all der kleinen magischen Elemente wirklich gern gelesen habe.