Kategorie: Rezension

Kate Leth und Megan Levens: Spell on Wheels (Comic)

Den Sammelband des Comics „Spell on Wheels“ habe ich mir zum Geburtstag gewünscht, nachdem ich ihn mehrmals in meiner US-Timeline auf Twitter gesehen hatte. Die Geschichte rund um drei Hexen, die auf der Suche nach einem Dieb durch Amerika fahren, klang, als ob sie genau in mein Beuteschema passen würde. Kate Leth (Story) und Megan Levens (Zeichnungen) lassen die Handlung in dem Moment beginnen, in dem ein junger Mann in das Haus der drei Hexen Andy Highsmith, Jo(lene) Nguyen und Claire Bettany einbricht. Die drei jungen Frauen sind zu diesem Zeitpunkt bei der Arbeit („Sister Witches – Tattoo & Tarot“), als sie spüren, dass jemand in ihr Heim eindringt, doch sie sind zu weit weg, um etwas dagegen zu unternehmen. Endlich zu Hause angekommen, müssen sie feststellen, dass der Eindringling nicht nur einen Großteil ihrer magischen Vorräte mitgenommen, sondern auch einen mächtigen Zauber gestohlen hat.

Auf der Suche nach ihrem geraubten Eigentum stolpern sie über den „Goblinmarkt“, eine dubiose Internetseite, auf der (unter anderem) ein Teil ihrer Sachen von einem anonymen Anbieter verkauft wird. Um mehr Informationen über den Dieb zu bekommen, beschließen Andy, Jo und Claire, die Käufer ihrer Besitztümer aufzusuchen, in der Hoffnung, dass sie so am Ende auch den gestohlenen Zauber wieder in ihre Obhut bringen können. Die Handlung an sich ist in „Spell on Wheels“ ziemlich simpel, da die drei Hexen nach dem Einbruch wirklich nur von einem Käufer zum nächsten fahren, um dem Dieb auf die Schliche zu kommen. Aber ich mochte die Ereignisse rund um die verschiedenen Käufer wirklich gern und noch mehr mochte ich die kleinen Szenen, die das Verhältnis von Andy, Jo und Claire zueinander beleuchten.

Dieser Band beinhaltet fünf Einzelhefte und so entwickelt sich die Geschichte auch über fünf Episoden, die vom Einbruch über das Zusammentreffen mit drei Käufer des Goblinmarkts bis zur Konfrontation mit dem Dieb gehen. Am Anfang lernt man Andy, Jo und Claire etwas besser kennen – die drei Hexen leben nicht nur zusammen in einem Haus, sondern teilen sich auch eine Jahrmarktbude, in der sie zahlenden Kunden ihre Fähigkeiten anbieten – wobei schon bei der ersten Szene mit den Frauen deutlich wird, dass sie sich auch mal über den Wunsch eines Kunden hinwegsetzen, wenn sie der Meinung sind, dass diese Person einen anderen Zauber nötiger hätte. Die drei sind sehr unterschiedlich, aber sie kümmern sich umeinander – besonders Jo und Claire, die sich anscheinend schon seit vielen Jahren kennen.

Kate Leth hat mit Jo, Claire und Andy drei wunderbare Freundinnen geschaffen, die sich mit ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr schön ergänzen. Auch mag ich es, dass die drei Protagonistinnen in diesem Comic die verschiedenen sexuellen Präferenzen ihre Freundinnen ebenso akzeptieren wie die anderen Eigenheiten und Fähigkeiten, die zu der jeweiligen Person gehören. Dazu gehört auch, dass man als Leser nie das Gefühl hat, sie würden die verschiedenen magischen Begabungen unterschiedlich werten. Trotzdem gibt es natürlich während dieser Reise auch die eine oder andere Auseinandersetzung, die nicht nur damit zu tun hat, dass die drei Frauen den ganzen Tag im Auto aufeinanderhocken, sondern eben auch damit, dass sie Situationen und Menschen verschieden beurteilen. Einig sind sie sich aber darin, dass man denjenigen helfen muss, die ihre Hilfe benötigen, selbst wenn diese Personen unrechtmäßig in den Besitz von magischen Familienerbstücken der drei Hexen geraten sind. Ebensowenig scheuen sie aber auch davor zurück, gegen jemanden anzukämpfen, der seine Macht missbraucht.

Sympathische Protagonistinnen, eine abwechslungsreiche Handlung und Dialoge, die mich oft genug zum Schmunzeln gebracht haben, haben „Spell on Wheels“ zu einer wunderbar kurzweiligen Lektüre gemacht. Dazu kommen noch die Zeichnungen von Megan Levens, die mir auch gut gefallen haben. Der Zeichnerin gelingt es nicht nur, jeder Figur eine individuelle Gestik und Mimik zu verleihen und selbst die ungewöhnlicheren Figuren glaubwürdig erscheinen zu lassen, sie schafft auch (gemeinsam mit der Koloristin Marissa Louise) wunderbar atmosphärische Kulissen für die Handlung – egal, ob die Szene dabei in einer ausgelassenen Party, in einem klassisch-amerikanischen Vorort-Heim oder einem verfallenen Haus im Wald spielt. Ich hoffe sehr, dass langfristig noch weitere Bände mit den drei Hexen erscheinen, denn ich würde die drei Frauen und ihre Welt gern noch ein bisschen besser kennenlernen.

Christian Carayon: Dunkler See der Angst

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „Dunkler See der Angst“ von Christian Carayon gestolpert bin – vermutlich über Twitter, denn in meinem Feedreader finde ich den Titel bei keinem der abonnierten Blogs. Obwohl ich mit französischen Autoren nur selten warm werde und auch skeptisch bin, wenn es in einer Geschichte um die Tötung mehrerer Kinder geht, die vor Jahren passierte und nie richtig aufgeklärt wurde, wurde ich auf diesen Titel neugierig. Dank der schnellen Verfügbarkeit über die Onleihe konnte ich es mir auch nicht noch einmal anders überlegen und habe so in den Tagen rund um Weihnachten einige Stunden mit diesem Roman verbracht.

„Mein Leben ist von Stillstand geprägt. Ich bewege mich nur vorwärts, wenn mir nichts anderes übrig bleibt. Ansonsten stehe ich nach Möglichkeit auf der Bremse, notfalls laviere ich. Ich sehe auf meinem Weg so viele Hürden, Fallstricke und Gefahren. Sich immerzu verwunderbar zu fühlen, kostet Kraft. Man trägt schwer am Gewicht der Feigheit.“

(1. Absatz des 3. Kapitels von „Dunkler See der Angst“)

Zu Beginn der Geschichte erzählt der Protagonist Marc-Édouard, dass der Auslöser für seine Recherchen rund um die Morde in Basse-Misère sein Psychiater war. Dieser hatte das schon dreißig Jahre zurückliegende Ereignis als Wurzel all der Ängste des Geschichtsprofessors ausgemacht und gemeint, dass nur eine Auseinandersetzung mit dem schrecklichen Vorfall seinem Patienten helfen könne. Obwohl Marc-Édouard die Therapie daraufhin abbricht, lässt ihn der Gedanke nicht los, dass er als Historiker sich mit den Morden in Basse-Misère und den Auswirkungen, die diese auf das gesamte Tal hatten, beschäftigen könnte. So bezieht er das Haus, in dem früher seine Großeltern gelebt hatten, und recherchiert detailliert die Ereignisse rund um das Wochenende, an dem das Sommerfest des Club Nautique stattfand und an dem am Sonntagmorgen die drei Leichen sowie ein weiteres schwer verletztes Kind auf einer kleinen Insel im See gefunden wurden.

Marc-Édouard erinnert sich selber an nur wenige Details aus dieser Zeit. Er war noch relativ jung (Fünftklässler), als die Kinder ermordet wurden, und kannte die Opfer eigentlich nicht. Trotzdem prägte diese schreckliche Tat von nun an sein Leben, sei es, weil seine Eltern ihn übermäßig behüteten vor lauter Angst, dass der unbekannte Mörder auch ihr Kind in die Finger bekommen könnte, oder weil die vielfältigen Gerüchte und Verdächtigungen solche Blüten trieben, dass sich der junge Marc-Édouard in der Gesellschaft seiner Nachbarn nicht mehr sicher fühlte. So ist es für ihn auch als erwachsener Mann belastend, sich mit den Ereignissen zu beschäftigen, die in dieser einen Nacht stattfanden, während er auf der anderen Seite mit den Augen eines Historikers im Laufe seiner Recherchen Unstimmigkeiten in den Aussagen der Beteiligten sowie neue Hinweise findet.

Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte an sich recht spannend fand. Die Handlung wird sehr gemächlich erzählt und lange Zeit passiert nichts anderes, als dass Marc-Édouard immer wieder um dieselben Tatsachen und Personen kreist, dabei immer wieder die bekannten Fakten wiederholt und nur wenig neue Informationen entdeckt. Aber da ich es interessant fand, ein Verbrechen mal unter dem Aspekt der Folgen für diejenigen, die eigentlich nicht direkt von der Tat betroffen sind, zu betrachten, fand ich diese gemächliche und repetitive Erzählweise angemessen. Auch mit der Ausdrucksweise des Autors hatte ich keine Probleme, obwohl ich ja sonst französische Romane aufgrund der Blumigkeit der Sprache nicht so gern lese. Dafür war die Sicht, die der Protagonist auf die Welt an sich hat, für mich manchmal etwas schwierig, da mir Marc-Édouard mit seiner Ich-Bezogenheit, seinem ausweichenden Wesen und seiner Besessenheit von den Opfern nicht sehr sympathisch war. Aber da konnte ich noch nachvollziehen, warum Christian Carayon diese Figur so angelegt hat.

Ein wirkliches Problem hatte ich hingegen im Laufe der Geschichte mit all den Bewohnern von Basse-Misère und ihren kleinen dreckigen Geheimnissen, die von der Polizei und später von Marc-Édouard aufgedeckt werden. Denn wenn ich nach dieser Geschichte gehe, dann ist Sex die einzige Triebfeder für jegliche Art von Fehlverhalten. Der Autor hat sich viel Zeit genommen, um lang und breit zu beschreiben, wer sich von wem angezogen fühlte, wer mit wem ein Verhältnis hatte, wie „erwachsen“ der Körper des dreizehnjährige Teenagermädchen, das zu den Opfern gehörte, schon war und welche Wirkung dieser Körper auf all die Männer im Club Nautique hatte. Je mehr Details man als Leser über die verschiedenen Figuren erfuhr, desto schlimmer wurde es, denn entweder war eine Person verdächtig, weil sie bekannt dafür war, dass sie von Bett zu Bett hüpfte (und das vielleicht sogar mit Bettgefährten, die nicht dem anderen Geschlecht angehörten), oder es stellte sich heraus, dass jemand doch ganz überraschend ein Alibi hatte, weil derjenige zum Zeitpunkt der Tat gerade mit jemandem Geschlechtsverkehr hatte, mit dem er nicht verheiratet war.

Am meisten hat mich in der Beziehung das Ende gestört, denn obwohl Marc-Édouard herausfindet, wer die Morde auf der kleinen Insel im See begangen hat, und obwohl er genaue Informationen über Tatablauf und Motive bekommen könnte, bleibt er bei der Version der Geschichte, die er sich selbst anhand der Indizien „erdacht“ hat. Seine erdachte Variante bietet selbstverständlich eine „Erklärung“ für die Verstümmelungen eines der männlichen Opfer sowie für die Vergewaltigung des weiblichen Opfers, aber er kann sich nicht sicher sein, dass sie tatsächlich richtig ist. Hier hätte ich erwartet, dass er – gerade angesichts der Tatsache, dass er Historiker ist und dass er so lange geradezu besessen von der Wahrheit hinter den Morden von Basse-Misère war – am Ende genau wissen möchte, was in dieser einen Nacht passiert ist, doch er nimmt die Gelegenheit, seine Theorie endgültig bestätigt zu bekommen, nicht wahr. Es hätte mir ein einziger Satz gereicht, in dem Marc-Édouard anmerkt, dass durch die erhaltenen Informationen seine Version der Geschichte zum Großteil bestätigt wurde. Mir ist auch bewusst, dass der „Krimianteil“ in der Geschichte nur eine Krücke ist, um die Entwicklung eines schwachen und unglücklichen Protagonisten zu einem mutigeren und zufriedeneren Menschen anzustoßen. Aber das ändert nichts daran, dass ich mich darüber ärgere, dass ein eigentlich vielversprechendes Kriminalroman nach dem Lesen so viel Frustration bei mir hinterlässt.

Stephanie Burgis: Snowspelled (The Harwood Spellbook 1)

„Snowspelled“ ist die aktuellste Veröffentlichung von Stephanie Burgis und eine wirklich wunderbare, unterhaltsame Mischung aus Fantasy und Historical. Die Protagonistin Cassandra Harwood ist die erste Frau, der es in Angland erlaubt wurde, Magie zu studieren. Denn normalerweise beschäftigen sich die adeligen Frauen dieser Gesellschaft mit Politik („It was a truth universally acknowledged that women were the more pragmatic sex; that was why we were expected to run the government, …“), während die Männer mit ihrer Magie die Frauen in ihrer wichtigen Aufgabe nur unterstützen durften („… while men attended to the more mystical and imaginative realm of magic.“). So musste Cassandra sehr dafür kämpfen, dass sie überhaupt diesen Weg gehen durfte und das macht es umso schlimmer, dass sie seit einem selbstverschuldeten Vorfall vor vier Monaten keine Zauber mehr wirken darf, wenn sie nicht ihr Leben riskieren will.

Eine weitere Folge dieses Vorfalls war, dass Cassandra ihre Verlobung mit Mr. Rajaram Wrexham gelöst hat, weil sie der Meinung ist, dass sie ohne ihre Magie keine angemessene Ehefrau für einen der besten Magier Anglands abgeben würde. Denn in ihren Augen bestand ein Großteil ihrer Beziehung auch darin, sich in der Magie zu messen oder gemeinsam große Sprüche wirken zu können, und ohne diese gemeinsamen Aktivitäten muss ihrer Ansicht nach seine Bereitschaft, an der Verlobung festzuhalten, vor allem auf Mitleid basieren. Dass Cassandra Mr. Wraxham trotzdem immer noch liebt, ist für den Leser unübersehbar, aber da sie sich ja nicht für den Rest ihres Lebens in ihrem Zimmer verstecken kann, bringt ihre Schwägerin Amy sie dazu, trotzdem an einer Wochenendgesellschaft teilzunehmen, zu der auch Mr. Wraxham eingeladen wurde. Während Cassandra der Gesellschaft (und Mr. Wraxham) beweisen will, dass ihr Leben weitergeht und sie keinerlei Gefühle mehr für ihren Ex-Verlobten hegt, wird sie von einem Elfenlord überlistet und muss nun innerhalb einer Woche herausfinden, wer den Frieden zwischen den Elfen und den Menschen gefährdet.

Ich mochte die „umgedrehte“ Regency-Welt, die Stephanie Burgis für diese Geschichte geschaffen hat, wirklich gern. Auf der einen Seite sind es die Frauen, die die Politik bestimmen, während die Männer zwar wichtige Zuarbeit leisten, aber nicht wirklich große Entscheidungen fällen dürfen. (Sehr schön war da die Szene, in der die Frauen sich nach dem Essen zurückzogen, um in Ruhe über Politik zu diskutieren, während die Männer erst folgen durften, nachdem ein Dienstmädchen ihnen signalisiert hat, dass die wichtigen Gespräche nun vorbei sind.) Aber die Autorin macht auch an Cassandras Beispiel deutlich, dass eine solch klare Trennung zwischen den Geschlechtern selbst für diejenigen ungut ist, die theoretisch dem einflussreicheren Geschlecht angehören

Dazu kommen noch die vielen kleinen und großen fantastischen Elemente, die von der Existenz der Elfen (und anderer nichtmenschlichen Wesen) zeugen. So werden die Straßen im Auftrag der Elfen von Trollen bewacht (um sicherzugehen, dass die jährliche Steuer für die Benutzung gezahlt wird), und es gibt traditionelle Zeremonien, die gewährleisten sollen, dass die Verträge mit den Elfen eingehalten werden. Es gibt Güter wie Lampen oder Seide, die von den Elfen zu horrenden Preisen bezogen werden, und natürlich die vielen kleinen Dinge, die ein Mensch beachten sollte, um nicht beim Kontakt mit Elfen in eine Falle zu geraten. Letzteres wird Cassandra zum Verhängnis, als sie in einer kritischen Situation ein Versprechen gibt, das anders ausgelegt werden konnte, als sie es beabsichtigt hatte.

Insgesamt beweist Stephanie Burgis in dieser Geschichte wieder, dass sie ein Händchen für glaubwürdige Charaktere hat, die nicht ganz in ihre Zeit und Gesellschaft passen und trotzdem versuchen, ihren Weg zu finden. Dazu gehört nicht nur Cassandra mit ihrer Leidenschaft für Magie, sondern auch ihr Bruder, der sich statt mit Magie mit Geschichte beschäftigt, oder die beiden Damen, die ebenfalls zur Wochenendgesellschaft gehören und einen Weg suchen, um zu heiraten, ohne dass die eine von ihnen auf ihren erhofften Platz in der Boudiccate (Regierung) verzichten muss. Auch Mr. Wrexham, bei dem nur der Vorname und die Tatsache, dass er sich aus eigener Kraft vom Hafenviertel Zugang zum Magiestudium erarbeitet hat, erahnen lassen, dass seine Familie (oder zumindest nicht alle Teile davon) nicht schon seit Jahrhunderten in Angland leben, finde ich mit seinen Stärken und Unsicherheiten stimmig gestaltet.

Ich mochte diese Mischung aus Regency-ähnlichem EAngland, Fantasy und Liebesgeschichte, ich mochte die Figuren und die Tatsache, dass die Autorin ganz selbstverständlich in einen „historischen“ Roman ein gleichgeschlechtliches Paar einbaut (wenn auch unter Bedingungen, die bei einer solch konservativen Gesellschaft erwartbar sind). Doch vor allem mochte ich es, zu verfolgen, wie sich Cassandra im Laufe der Geschichte verändert. Anfangs ist sie nur noch ein Schatten ihrer selbst, weil sie das Gefühl hat, dass sie ohne Magie keinen Wert mehr hat – vor allem, da sie den klassischen Weg für eine Frau der Gesellschaft nicht gehen will. Doch dann entdeckt sie nach und nach, dass es nicht nur einige Dinge gibt, die ihr Leben trotzdem noch lebenswert machen, sondern dass sie auch ohne ihre Magie noch etwas bewirken und ein Ziel für die Zukunft finden kann.

Bei diesen vielen wirklich hübsch gemachten Elementen und Entwicklungen in der Geschichte kam leider das eigentliche Problem (das Versprechen gegenüber dem Elfenlord) etwas zu kurz. So ist mein größter Kritikpunkt am Ende von „Snowspelled“, dass die Geschichte so viel mehr Potenzial gehabt hätte und dass die gerade mal 168 Seiten für meinen Geschmack eindeutig zu kurz waren, um der Handlung und den verschiedenen Figuren, über die ich gern noch mehr erfahren hätte, wirklich gerecht zu werden. Da ich mich aber insgesamt gut amüsiert habe und die Welt und die Charaktere wirklich mochte, freu ich mich jetzt schon, dass es irgendwann im kommenden Jahr eine Fortsetzung zu „Snowspelled“ geben wird.

Holly Black: The Darkest Part of the Forest

Über „The Darkest Part of the Forest“ bin ich vor ein paar Jahren bei Darkstar gestolpert, der eine begeisterte Rezension zu dem Roman geschrieben hatte. Obwohl die Geschichte klang, als würde sie genau in mein Beuteschema fallen, bin ich lange Zeit um das Buch herumgeschlichen. Und als ich den Titel endlich in meinem Besitz hatte, landete er dann erst einmal für über ein Jahr im SuB, weil ich auf die richtige Stimmung dafür wartete. Manchmal ist die Angst, enttäuscht zu werden, eben doch größer als die Hoffnung auf eine großartige Geschichte. 😉

Nachdem ich das Buch jetzt aber endlich gelesen habe, kann ich versichern, dass meine Erwartungen voll erfüllt wurden – und dass Holly Black mit „The Darkest Part of the Forest“ eine ziemlich coole Geschichte erzählt. Den Großteil der Handlung erlebt man aus der Perspektive von Hazel Evans, ein paar weitere Szenen aus der ihres Bruders Ben oder der seines besten Freundes Jack. Sie alle leben in Fairfold, einem kleinen Ort, der deshalb etwas besonderes ist, weil dort nicht nur seit langer, langer Zeit ein gehörnter junger Mann in einem Glassarg im Wald schläft, sondern weil auch sonst täglich die Existenz des Feenvolks zu spüren ist. So ist es für die Anwohner ganz selbstverständlich, dass man Schälchen mit Milch vor die Tür stellt, Talismane zum Schutz trägt und all die anderen Regeln befolgt, die für das Zusammenleben mit dem magischen Volk wichtig sind. Und wenn doch mal jemandem etwas passiert, dann muss es ein Tourist gewesen sein, der nicht wusste, dass man Feen respektvoll behandeln muss.

Während also der ganze Ort damit lebt, dass das Leben ein bisschen gefährlicher, aber eben auch ein bisschen magischer ist als anderswo, ist Hazel schon als kleines Mädchen fest entschlossen, dass sie die Bedrohung, die vom Feenvolk ausgeht, stoppen will. Diese Entschlossenheit hindert sie aber nicht daran – ebenso wie ihr Bruder – in den schlafenden Feenprinzen im Wald verliebt zu sein und davon zu träumen, wie es wäre, wenn er eines Tages erwachen würde. Holly Black mischt gekonnt klassische keltische Mythologie mit Märchenelementen und macht daraus eine Geschichte, die modern ist und düster und voller erschreckender Geheimnisse, aber auch voller Liebe (geschwisterlicher und anderer) und Freundschaft.

Ich mochte es, dass Hazels großer Bruder mit einer Feengabe gesegnet ist – und diese doch eher als Fluch empfindet. Ich fand es spannend zu sehen, wie es Hazel damit ergeht, dass sie diejenige ist, die „normal“ ist und über keine besondere Begabung verfügt – auch wenn es natürlich vorhersehbar war, dass sie gerade deshalb diejenige sein wird, die am Ende all die Verwicklungen und Rätsel auflösen muss. Richtig toll fand ich es, dass es für keinen Beteiligten ein Thema war, dass Ben schwul ist, dass aber trotzdem nicht verschwiegen wurde, dass so eine allgemeine Toleranz unüblich ist. Ich fand es spannend, wie liebevoll die Eltern von Hazel und Ben dargestellt wurden, obwohl sie beim besten Willen nicht die idealen Eltern waren, als die Geschwister sie am dringendsten benötigt hätten. Und auch bei Jack gab es so viele kleine Szenen, die – trotz seiner ungewöhnlichen Herkunft als Wechselbalg – davon zeugten, dass seine (menschliche) Familie für ihn seine richtige Familie ist, auch wenn es für ihn in Fairfold selbst nicht immer einfach ist.

Es gibt so viele größere und kleinere Elemente in der Geschichten, die ich wirklich genossen habe und die auch nach dem Lesen noch nachklingen. Dabei habe ich den – wirklich sehr atmosphärisch und wunderbar düster beschriebenen – fantastischen Anteil der Handlung zwar als sehr spannend empfunden, aber die ganzen zwischenmenschlichen Aspekte fand ich in „The Darkest Part of the Forest“ fast noch wichtiger und noch besser erzählt.

Jeanne Adams: The Tentacle Affaire (A Slip Traveler Novel 1)

Als ich die ersten Seiten von „The Tentacle Affaire“ las, musste ich erst einmal eine kurze Pause machen und mir online den Klappentext anschauen, weil ich doch etwas verwirrt von der Mischung aus 9/11-Szenen und Außerirdischen war. Die Geschichte von Jeanne Adams dreht sich um Cait und Aiden, die beide auf ihre Weise die Erde und ihre Bewohner von „übernatürlichen“ Einflüssen beschützen. Während Cait seit einigen Jahren für eine außerirdische Organisation als „Wächterin“ für die Erde zuständig ist, ist Aiden ein Magier, der immer dann aktiv werden muss, wenn zerstörerische magische Kräfte eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Bei ihrem aktuellen Auftrag treffen die beiden aufeinander und während Cait nicht an Magie glaubt, ist Aiden davon überzeugt, dass es keine Außerirdischen gibt.

Ich fand es ehrlich gesagt sehr lustig, als die beiden am Anfang das Gefühl haben, dass der jeweils andere irgendwie dubios ist, sie aber aufgrund ihrer jeweiligen Methoden nicht herausbekommen, warum sie so alarmiert sind. Denn natürlich funktioniert eine Magiewarnung nicht, wenn die überprüfte Person über keinerlei Magie verfügt, ebenso wie die Suche nach gefährlichen außerirdischen Elementen nicht bei jemandem funktioniert, der durch und durch menschlich ist. Wie so oft bei „Liebesgeschichte“ war ich weniger davon angetan, dass sich die beiden Protagonisten nur einen kurzen Moment sehen mussten, um so sehr von einander fasziniert zu sein, dass all die in langen Jahren aufgebaute Berufserfahrung schwindet und von teilweise irrationalem Verhalten abgelöst wird. (Wenn die LiRo-Autorinnen ihre Geschichten mal über Wochen statt über Tage spielen lassen würden, könnte man das auch glaubwürdiger hinbekommen … *seufz*)

Aber ich muss zugeben, dass die plötzliche Anziehung in diesem Fall noch in Grenzen hielt und verkraftbar war, weil sowohl Cait als auch Aiden weiterhin eine Menge Zeit und Energie in die Lösung ihrer Aufgaben steckten. Außerdem muss ich zugunsten der Autorin betonen, dass zwar beide versuchten einander beizustehen (soweit ihre Informationslage dies zuließ), aber sie sich gegenseitig zustanden, dass der andere in der Lage wäre eine gefährliche Situation zu bewältigen. Gerade Aiden war – schon aufgrund von Caits Vorleben – in der Lage sie ihre eigenen Kämpfe auskämpfen zu lassen, auch wenn das bedeutete, dass er stillhalten und zuschauen musste wie sie ihn beschützte. Das war definitiv eine angenehm Abwechslung zu all den Damen in Not, denen durch ihre „Helden“ sämtliche Entscheidungen aus der Hand genommen werden.

Durch Caits Auftrag auf der Erde (das Einfangen eines außerirdischen Haustiers, das im schlimmsten Fall die Trinkwasserversorgung von Washington D.C. mit Gift kontaminieren könnte) und die dazukommenden Komplikationen (ein Senator wird in dem Apartmenthaus ermordet, in dem Cait und Aiden wohnen) gibt es ein paar Krimi-Elemente in der Geschichte, die zwar stellenweise etwas sehr offensichtlich waren (was vielleicht daran lag, dass ich durch den Klappentext ein paar Informationen zu viel hatte), aber auch zu ein paar interessanten und witzigen Szenen führten. Gerade die Begegnungen zwischen den beiden Protagonisten und dem FBI, das den Mörder des Senators sucht, fand ich stellenweise sehr lustig, während ich mich das gesamte Buch über gefragt habe, ob die süße alte Nachbarin vielleicht auch noch ein paar Geheimnisse verbirgt. Insgesamt war „The Tentacle Affaire“ eine wirklich nette und unterhaltsame Geschichte, die zwar stellenweise etwas straffer hätte erzählt werden können, bei der ich aber die Protagonisten, die Grundidee und die vielen amüsanten Szenen mochte. Ich würde die Serie vermutlich weiterlesen, auch wenn sie mehr „nett und locker“ als „umwerfend“ zu lesen ist, aber da es bislang keine Fortsetzung gibt, bleibt es für mich bei diesem ersten Band.

Seanan McGuire: Sparrow Hill Road

„Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire ist ein Einzelband mit Geschichten rund um Rose Marshall, ein in den 50er Jahren verstorbenes Mädchen, das seit Jahrzehnten immer wieder an amerikanischen Highways nach einer Mitfahrgelegenheit sucht ,.. Bevor ich mehr zum Inhalt sage, noch etwas zur Einordnung des Bandes in Seanan McGuires Romanwelt: „Sparrow Hill Road“ gehört nicht zu den „InCryptid“-Geschichten, aber die Ereignisse spielen in derselben Urban-Fantasy-Welt, auch wenn sich dies nur in ein, zwei Verweisen auf den Namen „Healy“ bemerkbar macht.

Wie schon bei „Indexing“ würde ich empfehlen, dass man sich beim Lesen von „Sparrow Hill Road“ Zeit lässt, um die einzelnen Geschichten zu genießen und langsam immer tiefer in diese Welt voller Geister einzutauchen. Das Buch ist dabei in vier Bereiche aufgeteilt, und während im ersten Abschnitt eher kleine und alltägliche Begebenheiten (also für Rose alltägliche Begebenheiten :D) geschildert werden, werden die späteren Geschichten immer intensiver und persönlicher. Jede Kurzgeschichte wird eingeleitet von einem Abschnitt, in dem etwas über diese Geisterwelt erklärt wird, etwas, das Rose in den vergangenen Jahrzehnten als „Hitchhiker-Ghost“ über die Highways des Landes und die Menschen und Geschöpfe, die dort existieren, gelernt hat.

Diese Erzählweise erfordert schon, dass man sich auf das Ganze einstellen und etwas Geduld haben muss, aber es lohnt sich definitiv, diese Geduld aufzubringen, denn Rose und ihre Geschichte sind meiner Meinung nach etwas Besonderes, und es hat mir – auf eine melancholische Weise – viel Spaß gemacht, „Sparrow Hill Road“ zu lesen. Die Sparrow Hill Road ist der Ort, an dem Rose mit sechzehn Jahren getötet wurde, in der Nacht, in der sie eigentlich mit ihrem Freund auf einen Ball gehen sollte. Doch er kam zu spät und sie wurde ungeduldig und machte sich allein auf den Weg – und wurde so zum Opfer eines getriebenen Mannes.

Da Rose auf der Straße getötet wurde, wurde sie zu einem Hitchhiker-Ghost, einer Anhalterin, die ihr untotes Dasein damit verbringt, über die Straßen von Amerika zu trampen. Doch Rose ist mehr als eine geisterhafte Anhalterin, sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, zur Stelle zu sein, wenn Gefahr droht, dass ein Fahrer in einen tödlichen Unfall verwickelt wird. Manchmal kann sie dazu beitragen, dass derjenige, der sie in seinem Wagen mitnimmt, noch davonkommt, manchmal kann sie die Toten nur noch auf einem Stückchen ihres Weges begleiten, bis sie ihre Bestimmung nach dem Tod gefunden haben. Auch für Rose ist das „Leben“ auf der Straße nicht ganz ungefährlich, denn neben den diversen übernatürlichen Gefahren lauern z. B. auch Menschen auf sie, die aus den verschiedensten Gründen als Geisterjäger unterwegs sind. Doch niemand ist so schrecklich wie Bobby Cross, der Mann, der Rose getötet hat und nun auf der Jagd nach ihrer Seele ist.

Ich mag Rose sehr gern, sie ist hilfsbereit, aber nicht zu gut, sie hat Ecken und Kanten. Es gibt ein paar Freunde, die sie längere Zeit durch ihr untotes Leben begleiten, sowie einige Leute, die sie lieber meidet. Sie hat es geschafft, eine Nische nach ihrem Tod zu finden, mit der sie zufrieden ist – und im Laufe der Zeit lernt sie, ihre Angst vor Bobby Cross in Wut und Stärke umzuwandeln. Außerdem mag ich (mal wieder *g*) die Welt, die Seanan McGuire rund um Rose geschaffen hat. Es gibt ganz eigene Gesetzmäßigkeiten für eine Existenz nach dem Tod, und Rose weiß längst nicht alles, was in dieser Welt vor sich geht, aber gerade diese Mischung aus Wissen und Ungewissheit hat meine Fantasie befeuert.

Wenn man andere Kurzgeschichten von Seanan McGuire kennt, erkennt man vielleicht das eine oder andere Wesen (wie die Cheerleader-Walküren) wieder, aber auch ohne dieses Wiedererkennen machen die Figuren Sinn und es macht Spaß mitzuerleben, wie sie auf Rose treffen und was diese Begegnung für Rose bedeutet. Ich finde es auch immer wieder schön, wie es die Autorin schafft, mit wenigen Sätzen einer Figur so viel Profil zu verleihen, dass man das Gefühl hat, man hat eine klare Vorstellung von ihr. Manchmal reicht es schon, dass sie schreibt, dass jemand ein guter Mann ist, jemand, den man zum Freund haben möchte, und der eine Anhalterin nicht mitnimmt, weil er sich davon etwas erwartet, sondern weil er der Meinung ist, dass eine junge Frau nicht allein auf der Straße unterwegs sein sollte. Und nach diesen wenigen Sätzen bangt man so sehr um diesen Mann, dass man sich kaum traut, die nächste Seite umzublättern, weil man schließlich weiß, dass dort ein Unfall wartet und man befürchtet, dass Rose zu spät kommt, um ihn zu retten …

Jacqueline West: Olive und das Haus der Schatten

„Olive und das Haus der Schatten“ von Jacqueline West war eine Leihgabe von Natira, und da ich vorher noch nie von dem Buch gehört hatte, konnte ich angenehm erwartungsfrei an das Lesen herangehen. Umso schöner fand ich es, als ich mich dann beim Lesen immer wieder dabei ertappte, dass der Roman Erinnerungen an von mir halb vergessene britische Kinderbücher weckte.

Die Handlung von „Olive und das Haus der Schatten“ ist recht schnell erzählt. Olive zieht mit ihren Eltern, die beide sehr auf Mathematik versessen sind und nicht nachvollziehen können, dass ihre Tochter in diesem Bereich so wenig Begabung zeigt, in ein altes Haus. Während Olive das Haus von Anfang an unheimlich ist, finden ihre Eltern es toll, dass sie in der vollgestopften Bibliothek so schön arbeiten können und in der Küche immer wieder über Gegenstände stolpern, deren Nutzen ihnen fremd ist. Olive hingegen gruselt sich besonders vor den Bildern, die an allen Wänden fest angebracht sind und die eine unheimliche Atmosphäre ausstrahlen. Doch noch schlimmer ist es, dass sie immer wieder das Gefühl hat, dass sich in den Schatten der Bilder etwas bewegt oder sie von den dargestellten Figuren beobachtet wird. Irgendwann bekommt Olive die Möglichkeit, mehr über die Bilder und die Vorbesitzer des Hauses zu erfahren, und versucht, das Geheimnis hinter all den seltsamen Vorfällen zu entschlüsseln.

Mir hat die Geschichte einen wunderbaren Nachmittag beschert. Jacqueline West hat mit Olive einen liebenswerten Charakter geschaffen, der – trotz der ungewöhnlichen Eltern – ein angenehm realistisches „Kindsein“ vermittelt. Das Mädchen ist mal neugierig, mal trotzig, genießt einen Eltern-freien Abend mit einer großen Portion Eis oder beruhigt die nächtlichen Ängste mit dem altgedienten Teddybären. Nach und nach lernt Olive die drei Katzen kennen, die seit langer Zeit als Wächter des Hauses fungieren. Und obwohl ich sprechende Katzen sonst nicht so mag, passten die drei sehr ungewöhnlichen Tiere doch ganz wunderbar in diese teils gruselige, teils amüsante Geschichte.

Doch vor allem hat mich die Atmosphäre in „Olive und das Haus der Schatten“ gepackt. Da Olives Eltern nach ihrem Einzug nichts verändert haben, findet sich der Leser in einem altmodischen und etwas angestaubten Haus wieder, voller Spuren der früheren Bewohner. Ich konnte mir die gut gefüllte Bibliothek ebenso plastisch vorstellen wie die altmodischen Schlafzimmer inklusive der Kommoden voller Handschuhe, Schmuckstücke und sonstiger Überbleibsel der ehemaligen Besitzer. Die Vorstellung von sich bewegenden Bildern (und zwar nicht in der netten „Harry Potter“-Variante), Dingen, die in Schatten lauern, und die düstere Vergangenheit des Gebäudes war wunderbar gruselig.

Auf der anderen Seite konnte man aber auch immer wieder merken, dass Olive sich an diverse ungewöhnliche Elemente so langsam gewöhnte und irgendwann anfing, das Haus als ihr Zuhause zu sehen. Und je mehr das Haus zu ihrem wurde, desto mehr war sie auch bereit, gegen die unheimlichen Elemente anzugehen. Die Handlung verläuft recht gradlinig, und während man einige Sachen schnell vorhersehen konnte, lässt die Autorin auch genügend Informationen im Dunklen, um die Spannung aufrecht zu halten und die eine oder andere Überraschung parat zu haben. Ich kann nicht so recht fassen, was genau mich an diesem Roman an die britischen Kinderbücher erinnert, die ich früher so geliebt habe, aber trotz der wunderbar unheimlichen Atmosphäre war das Lesen wie ein „nach Hause kommen“ – das war toll.

Jim Butcher: Die Elementare von Calderon (Codex Alera 1)

Nachdem mir die Dresden-Files-Romane von Jim Butcher so gut gefallen und ich mich jeden Monat darauf freue einen weiteren für die English-Challenge zu lesen, dachte ich mir, dass ich auch noch andere Bücher des Autors antesten könnte. Zum Glück hatte die örtliche Stadtbibliothek den ersten Band der „Codex Alera“-Reihe in ihrem Bestand (ebenso den dritten, aber natürlich nicht den zweiten Teil) und so konnte ich meine Nase vor ein paar Tagen in „Die Elementare von Calderon“ stecken.

Anfangs war es etwas ungewohnt eine High-Fantasy-Geschichte von Jim Butcher zu lesen, aber mir hat das Buch sehr gut gefallen. Seit langem mal wieder eine klassisches Fantasyhandlung, bei der ich nicht das Gefühl hatte, ich hätte die Geschichte schon x Mal gelesen. „Die Elementare von Calderon“ spielen in dem fantastischen Land Alera, in dem die Menschen auf die Kräfte von sechs Elementen zurückgreifen und so Magie nutzen können. Ob Wasser, Luft, Erde, Holz, Feuer oder Metall dem jeweiligen Menschen zur Verfügung stehen, dass entscheiden die einzelnen Elementare, die sich an die Person binden und machen Menschen verfügen sogar über mehrere davon. Nur der fünfzehnjährige Tavi beherrscht keinerlei Magie, obwohl er schon längst das Alter erreicht hat, in dem sich diese Fähigkeit zeigen sollte – und laut Klappentext liegt das Schicksal seines Landes in den Händen dieses Jungen.

Was sich schrecklich klischeehaft anhört, liest sich sehr unterhaltsam und spannend (wenn auch nicht ganz so amüsant wie die Harry-Dresden-Geschichten). Tavi lebt mit seinem Onkel Bernard und dessen Schwester Isana auf einem Hof an der Grenze des Landes. Als der Junge eines Tages mit seinem Onkel nach ein paar Schafen guckt, begegnen die beiden einem Marat-Krieger, dabei wurde dieses kriegerische und barbarische Volk vor vielen Jahren von der Grenze vertrieben. Ein Marat, der – samt der mit ihm verbundenen Herdentötern –, das Grenzland betritt, kann nur der Vorbote eines erneuten Krieges sein. Zur selben Zeit versucht die Kursorin Amara gemeinsam mit ihrem Ausbilder Fidelias inkognito Informationen über eine Söldnerarmee zu bekommen, die vermutlich einen Regierungsputsch gegen den Kaiser führen soll. Denn innerhalb der Adeligen herrscht eine gefährliche Unruhe, da der Kaiser schon recht alt ist und seit einer Schlacht, in der sein Sohn starb, keinen Erben mehr hat.

Aus diesen beiden Grundvoraussetzungen (Bedrohung durch die feindlichen Marat und Intrigen innerhalb der Adelskreise) entwickelt Jim Butcher eine spannende Handlung mit liebens- und hassenswerte Charakteren. Wie schon bei den „Dresden Files“ fand ich die ersten Kapitel schon unterhaltsam und interessant – und dann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte wie es weitergeht. Jim Butcher hat mit Alera eine nicht so ungewöhnliche, aber sehr reizvolle fantastische Gesellschaft erschaffen. Mir hat die Magie über die Nutzung der Elementare und ihre Verbindung zu den Menschen gefallen, aber auch das, was man über das Leben der Marat – die über keine Magie verfügen, dafür enge Bindungen mit Tieren eingehen – erfahren hat.

Aufgrund verschiedener Perspektivwechsel, bei denen man die Ereignisse aus der Sicht von Tavi, Amara, Onkel Bernard, seine Schwester Isana und auch der diversen Bösewichte verfolgen kann, ist man als Leser zwar umfassend über die diversen Pläne informiert, aber gerade dadurch bleibt die Geschichte wirklich spannend. Denn während die eine Gruppe zum Beispiel noch hofft rechtzeitig eine Zuflucht zu erreichen, weiß man als Leser schon längst, dass den Leuten eine Falle gestellt wurde – und nun hofft und bangt man, dass diese Falle nicht zuschnappen möge. 😉 Mit „Die Elementare von Calderon“ hat Jim Butcher die High-Fantasy-Welt nicht gerade neu definiert, aber mir hat der Roman einige wirklich wunderbare Lesestunden (und große Lust auf weitere Bände dieser Reihe) bereitet.

Kerstin Herrnkind: Mein Mann der Mörder

Gleich zu Beginn: Ich will in den Titel immer ein Komma einbasteln, weil es in meinen Augen einfach dahingehört, aber Verlag (und Autorin?) haben das Buch ohne Komma im Titel auf den Markt gebracht – und damit muss ich wohl leben. 😉 Statt einer eigenen Inhaltszusammenfassung gibt es hier den Klappentext, denn dann bekommt ihr eine Vorstellung davon, was ich von dem Roman erwartet hatte:

Von einem Tag auf den anderen zerbricht Xenia Rabes heile Welt: Ihr Mann Tobias hat ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet. Nun ist er auf der Flucht vor der Polizei.
Fassungslos fragt sich Xenia, warum sie von dem Doppelleben ihres Mannes nichts geahnt hat, und geht auf Spurensuche. Wer ist der Mann, den sie so überstürzt geheiratet hat? In Tobias’ Heimatdorf stößt sie auf sein furchtbares Familiengeheimnis. Ist dies der Schlüssel zu seiner Tat? Oder ist es in Wahrheit alles ganz anders?
Xenia fasst einen verhängnisvollen Entschluss …

Nach diesem Klappentext hatte ich eine Geschichte erwartet, in der eine Frau damit fertig werden muss, dass ihr Mann ein Mörder ist. Ich dachte, es ginge darum, wie sie zu verarbeiten versucht, dass der Mensch, den sie geliebt hat, zu einer solchen Tat fähig ist. Umso irritierender waren die Passagen des Romans, in denen man als Leser die Reaktion Xenia Rabes aus der Ich-Perspektive erlebt. Die Frau scheint sich weniger zu fragen, wie es sein konnte, dass sie das Doppelleben ihres Mannes nicht erkannt hatte, als dass sie herausfinden will, warum sie diesen Mann überhaupt geheiratet hat. Sie ist weniger verletzt als wütend, sie will diese Ehe und ihren Mann nur so schnell wie möglich abhaken und wieder zu einem „normalen“ Leben zurückfinden.

Neben diesem Handlungsstrang bekommt der Leser auch noch die Perspektiven diverser anderer Personen mit, die – aufgrund des „Mein Mann ist ein Mörder“-Themas – Kontakt mit Xenia Rabe haben. Dabei beschreibt Kerstin Herrnkind sehr ausführlich den Alltag zweier Polizeireporter, die anfangs Xenia Rabe zu ihrem Mann befragen wollten, und so bekommt der Leser mit, mit welcher Skrupellosigkeit die beiden Männer an Fotos und Informationen kommen, wenn es um Verbrechen geht. Auch gibt es einen kleinen – und sehr zynischen – Einblick in die Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft. Das alles ist gut und interessant geschrieben, aber ich war das halbe Buch über irritiert über das seltsame Verhalten der verschiedenen Charaktere und die kleinen Unstimmigkeiten in der Geschichte.

Wieso es zu diesen unstimmigen Szenen und Handlungen kommt, wird zwar am Ende von Kerstin Herrnkind aufgeklärt, doch das hat bei mir vor allem dazu geführt, dass ich die Grundidee der Autorin zwar anerkennen kann, mich persönlich davon aber verarscht gefühlt habe. Denn diese Wendung ganz am Ende der Geschichte wirft ein komplett neues Licht auf eine der Personen, die man den ganzen Roman hindurch begleitet hat. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die Lösungshinweise sehr (für mich anscheinend zu) subtil eingebaut wurden, oder daran, dass ich einfach etwas anderes erwartet habe, aber das Ende hat mich richtig verärgert. Bei einem zweiten Lesen könnte ich vermutlich den geschickten Einbau von Hinweisen bewundern, aber so fühle ich mich von der Autorin gezielt „dumm gehalten“.

Objektiv kann ich die gute Schreibweise, die interessanten Perspektiven und die nicht so ausgelutschte Idee würdigen, aber rein subjektiv habe ich das Gefühl, dass die Autorin gegen eine der Krimi-Grundregeln verstoßen hat, indem sie mich als Leser nicht „mitermitteln“ ließ. Vermutlich würde ich – aufgrund des wirklich gut zu lesenden Stils und der interessanten Charaktere – nach diesem Debütroman auch ein weiteres Buch der Autorin lesen, aber wenn sie auch dann zu einem solchen Kniff greifen würde, um ihrer Handlung einen besonderen Dreh zu geben, dann hätte Kerstin Herrnkind mich als Leserin wohl verloren. Ich gehöre eben doch eher zu den Leuten, die von Krimi-Schriftstellern erwarten, dass sie sich – zumindest grob – an die Regeln des „Detection Club“ halten, die gewährleisten sollen, dass sich der Autor dem Leser gegenüber fair verhält. Und ja, mir ist bewusst, dass diese Geschichte kein Detektiv-Roman ist … 😉

Jim Butcher: Grave Peril (Dresden Files 3)

„Grave Peril“ ist der dritte Teil der Dresden-Files-Romane und hat sich auf Englisch ebenso gut lesen lassen wie schon „Fool Moon“. Wenn das so weitergeht, dann werde ich den Rest der „English“-Challenge mit den Abenteuern von Harry Dresden bewältigen, denn mir machen diese Geschichten wirklich Spaß. In „Grave Peril“ sehen sich der Magier Harry Dresden und der „Ritter des Kreuzes“ Michael (ich habe keine Ahnung, wie der in der deutschen Übersetzung bezeichnet wird, aber das ist meiner Ansicht nach der kürzeste – und treffenste – Begriff dafür) Geisteraktivitäten von ungewohnten Ausmaß gegenüber. Normalerweise können Geister nicht viel Schaden auf Erden anrichten, doch seit zwei Wochen kommt es jede Nacht zu gefährlichen Vorfällen bei denen Geister Menschen bedrohen.

So auch in der Nacht, in der der Roman beginnt: Der Geist von Agatha Hagglethorn spukt in der Säuglingsstation eines Krankenhauses und nur unter Einsatz all ihrer magischen und von Gott verliehenen Kräfte können Harry und Michael das Leben der Neugeborenen retten. Nach zwei Wochen, in denen die beiden jede Nacht ihr Leben riskierten und all ihre Fähigkeiten einsetzen mussten, sind der Magier und der Ritter inzwischen sehr erschöpft und doch haben sie noch immer nicht die Ursache für die bedrohlichen Geistererscheinungen gefunden.

Auch das Privatleben der beiden Männer leidet sehr unter der Unruhe in der Geisterwelt: Während Michaels Frau hochschwanger ist und eigentlich Unterstützung und Hilfe mit den Kindern gebrauchen könnte, hat Harry seine Freundin Susan schon viel zu lange nicht mehr gesehen. Ihr Beziehung besteht zur Zeit fast nur aus Telefonaten, bei denen die Journalistin und der Magier Informationen austauschen, was zu erkennbaren Spannungen zwischen den beiden führt. Doch Harry hat keine Zeit für ein Privatleben, denn neben den Geisteraktivitäten muss er sich auch als Repräsentant des „White Council“ mit einer Einladung der Vampir-Fürstin Bianca beschäftigen. Die Vampirin hat noch eine Rechnung mit Harry offen, seitdem er (im ersten Band der „Dresden Files“) den Tod einer ihrer Anhängerinnen verursacht hatte – und so könnte die Party zu einer unschönen Angelegenheit werden, auch wenn Harry durch den Kodex der Vampire eigentlich geschützt sein müsste.

Trotz des rasanten Auftakts habe ich diesen Harry-Dresden-Roman als deutlich ruhiger empfunden als „Fool Moon“. Harry muss sich zwar immer wieder mit den Geistern und einem damit zusammenhängenden „Albtraum“ herumschlagen, aber vor allem geht es um die Schwierigkeiten zwischenmenschliche Aktivitäten mit den Aufgaben eines Magiers zu verbinden und herauszufinden, was alles hinter dem unheimlichen Spuk steckt. Von der ersten Seite an wird von Jim Butcher betont, wie erschöpft Harry ist und wie sehr seine Magie unter den Kämpfen in den letzten Nächten gelitten hat. Diese Erschöpfung muss dann auch dafür herhalten, dass der Magier die eine oder anderer Verbindung zwischen den verschiedenen Ereignissen übersieht, obwohl sie dem Leser regelrecht ins Auge springt.

Trotzdem fand ich diese Geschichte wieder spannend und gut zu lesen. Der Humor, die wunderbaren Charaktere und die Herausforderungen, mit denen sich Harry und Michael auseinandersetzen müssen, haben mich über den einen oder anderen Schwachpunkt der Handlung locker hinwegsehen lassen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich durch den schon gelesenen fünften Band wusste, dass entweder in diesem oder im nächsten Teil etwas entscheidendes passieren muss – und die Befürchtung, dass es in diesem Roman (und bei einem ganz bestimmten Ereignis) so kommen würde, hat mich beim Lesen besonders kribbelig gemacht. Uff, ist es blöd, wenn man sich so vage ausdrücken muss, um nichts zu verraten. *g*