Kategorie: Rezension

Jeanne Adams: The Tentacle Affaire (A Slip Traveler Novel 1)

Als ich die ersten Seiten von „The Tentacle Affaire“ las, musste ich erst einmal eine kurze Pause machen und mir online den Klappentext anschauen, weil ich doch etwas verwirrt von der Mischung aus 9/11-Szenen und Außerirdischen war. Die Geschichte von Jeanne Adams dreht sich um Cait und Aiden, die beide auf ihre Weise die Erde und ihre Bewohner von „übernatürlichen“ Einflüssen beschützen. Während Cait seit einigen Jahren für eine außerirdische Organisation als „Wächterin“ für die Erde zuständig ist, ist Aiden ein Magier, der immer dann aktiv werden muss, wenn zerstörerische magische Kräfte eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Bei ihrem aktuellen Auftrag treffen die beiden aufeinander und während Cait nicht an Magie glaubt, ist Aiden davon überzeugt, dass es keine Außerirdischen gibt.

Ich fand es ehrlich gesagt sehr lustig, als die beiden am Anfang das Gefühl haben, dass der jeweils andere irgendwie dubios ist, sie aber aufgrund ihrer jeweiligen Methoden nicht herausbekommen, warum sie so alarmiert sind. Denn natürlich funktioniert eine Magiewarnung nicht, wenn die überprüfte Person über keinerlei Magie verfügt, ebenso wie die Suche nach gefährlichen außerirdischen Elementen nicht bei jemandem funktioniert, der durch und durch menschlich ist. Wie so oft bei „Liebesgeschichte“ war ich weniger davon angetan, dass sich die beiden Protagonisten nur einen kurzen Moment sehen mussten, um so sehr von einander fasziniert zu sein, dass all die in langen Jahren aufgebaute Berufserfahrung schwindet und von teilweise irrationalem Verhalten abgelöst wird. (Wenn die LiRo-Autorinnen ihre Geschichten mal über Wochen statt über Tage spielen lassen würden, könnte man das auch glaubwürdiger hinbekommen … *seufz*)

Aber ich muss zugeben, dass die plötzliche Anziehung in diesem Fall noch in Grenzen hielt und verkraftbar war, weil sowohl Cait als auch Aiden weiterhin eine Menge Zeit und Energie in die Lösung ihrer Aufgaben steckten. Außerdem muss ich zugunsten der Autorin betonen, dass zwar beide versuchten einander beizustehen (soweit ihre Informationslage dies zuließ), aber sie sich gegenseitig zustanden, dass der andere in der Lage wäre eine gefährliche Situation zu bewältigen. Gerade Aiden war – schon aufgrund von Caits Vorleben – in der Lage sie ihre eigenen Kämpfe auskämpfen zu lassen, auch wenn das bedeutete, dass er stillhalten und zuschauen musste wie sie ihn beschützte. Das war definitiv eine angenehm Abwechslung zu all den Damen in Not, denen durch ihre „Helden“ sämtliche Entscheidungen aus der Hand genommen werden.

Durch Caits Auftrag auf der Erde (das Einfangen eines außerirdischen Haustiers, das im schlimmsten Fall die Trinkwasserversorgung von Washington D.C. mit Gift kontaminieren könnte) und die dazukommenden Komplikationen (ein Senator wird in dem Apartmenthaus ermordet, in dem Cait und Aiden wohnen) gibt es ein paar Krimi-Elemente in der Geschichte, die zwar stellenweise etwas sehr offensichtlich waren (was vielleicht daran lag, dass ich durch den Klappentext ein paar Informationen zu viel hatte), aber auch zu ein paar interessanten und witzigen Szenen führten. Gerade die Begegnungen zwischen den beiden Protagonisten und dem FBI, das den Mörder des Senators sucht, fand ich stellenweise sehr lustig, während ich mich das gesamte Buch über gefragt habe, ob die süße alte Nachbarin vielleicht auch noch ein paar Geheimnisse verbirgt. Insgesamt war „The Tentacle Affaire“ eine wirklich nette und unterhaltsame Geschichte, die zwar stellenweise etwas straffer hätte erzählt werden können, bei der ich aber die Protagonisten, die Grundidee und die vielen amüsanten Szenen mochte. Ich würde die Serie vermutlich weiterlesen, auch wenn sie mehr „nett und locker“ als „umwerfend“ zu lesen ist, aber da es bislang keine Fortsetzung gibt, bleibt es für mich bei diesem ersten Band.

Seanan McGuire: Sparrow Hill Road

„Sparrow Hill Road“ von Seanan McGuire ist ein Einzelband mit Geschichten rund um Rose Marshall, ein in den 50er Jahren verstorbenes Mädchen, das seit Jahrzehnten immer wieder an amerikanischen Highways nach einer Mitfahrgelegenheit sucht ,.. Bevor ich mehr zum Inhalt sage, noch etwas zur Einordnung des Bandes in Seanan McGuires Romanwelt: „Sparrow Hill Road“ gehört nicht zu den „InCryptid“-Geschichten, aber die Ereignisse spielen in derselben Urban-Fantasy-Welt, auch wenn sich dies nur in ein, zwei Verweisen auf den Namen „Healy“ bemerkbar macht.

Wie schon bei „Indexing“ würde ich empfehlen, dass man sich beim Lesen von „Sparrow Hill Road“ Zeit lässt, um die einzelnen Geschichten zu genießen und langsam immer tiefer in diese Welt voller Geister einzutauchen. Das Buch ist dabei in vier Bereiche aufgeteilt, und während im ersten Abschnitt eher kleine und alltägliche Begebenheiten (also für Rose alltägliche Begebenheiten :D) geschildert werden, werden die späteren Geschichten immer intensiver und persönlicher. Jede Kurzgeschichte wird eingeleitet von einem Abschnitt, in dem etwas über diese Geisterwelt erklärt wird, etwas, das Rose in den vergangenen Jahrzehnten als „Hitchhiker-Ghost“ über die Highways des Landes und die Menschen und Geschöpfe, die dort existieren, gelernt hat.

Diese Erzählweise erfordert schon, dass man sich auf das Ganze einstellen und etwas Geduld haben muss, aber es lohnt sich definitiv, diese Geduld aufzubringen, denn Rose und ihre Geschichte sind meiner Meinung nach etwas Besonderes, und es hat mir – auf eine melancholische Weise – viel Spaß gemacht, „Sparrow Hill Road“ zu lesen. Die Sparrow Hill Road ist der Ort, an dem Rose mit sechzehn Jahren getötet wurde, in der Nacht, in der sie eigentlich mit ihrem Freund auf einen Ball gehen sollte. Doch er kam zu spät und sie wurde ungeduldig und machte sich allein auf den Weg – und wurde so zum Opfer eines getriebenen Mannes.

Da Rose auf der Straße getötet wurde, wurde sie zu einem Hitchhiker-Ghost, einer Anhalterin, die ihr untotes Dasein damit verbringt, über die Straßen von Amerika zu trampen. Doch Rose ist mehr als eine geisterhafte Anhalterin, sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, zur Stelle zu sein, wenn Gefahr droht, dass ein Fahrer in einen tödlichen Unfall verwickelt wird. Manchmal kann sie dazu beitragen, dass derjenige, der sie in seinem Wagen mitnimmt, noch davonkommt, manchmal kann sie die Toten nur noch auf einem Stückchen ihres Weges begleiten, bis sie ihre Bestimmung nach dem Tod gefunden haben. Auch für Rose ist das „Leben“ auf der Straße nicht ganz ungefährlich, denn neben den diversen übernatürlichen Gefahren lauern z. B. auch Menschen auf sie, die aus den verschiedensten Gründen als Geisterjäger unterwegs sind. Doch niemand ist so schrecklich wie Bobby Cross, der Mann, der Rose getötet hat und nun auf der Jagd nach ihrer Seele ist.

Ich mag Rose sehr gern, sie ist hilfsbereit, aber nicht zu gut, sie hat Ecken und Kanten. Es gibt ein paar Freunde, die sie längere Zeit durch ihr untotes Leben begleiten, sowie einige Leute, die sie lieber meidet. Sie hat es geschafft, eine Nische nach ihrem Tod zu finden, mit der sie zufrieden ist – und im Laufe der Zeit lernt sie, ihre Angst vor Bobby Cross in Wut und Stärke umzuwandeln. Außerdem mag ich (mal wieder *g*) die Welt, die Seanan McGuire rund um Rose geschaffen hat. Es gibt ganz eigene Gesetzmäßigkeiten für eine Existenz nach dem Tod, und Rose weiß längst nicht alles, was in dieser Welt vor sich geht, aber gerade diese Mischung aus Wissen und Ungewissheit hat meine Fantasie befeuert.

Wenn man andere Kurzgeschichten von Seanan McGuire kennt, erkennt man vielleicht das eine oder andere Wesen (wie die Cheerleader-Walküren) wieder, aber auch ohne dieses Wiedererkennen machen die Figuren Sinn und es macht Spaß mitzuerleben, wie sie auf Rose treffen und was diese Begegnung für Rose bedeutet. Ich finde es auch immer wieder schön, wie es die Autorin schafft, mit wenigen Sätzen einer Figur so viel Profil zu verleihen, dass man das Gefühl hat, man hat eine klare Vorstellung von ihr. Manchmal reicht es schon, dass sie schreibt, dass jemand ein guter Mann ist, jemand, den man zum Freund haben möchte, und der eine Anhalterin nicht mitnimmt, weil er sich davon etwas erwartet, sondern weil er der Meinung ist, dass eine junge Frau nicht allein auf der Straße unterwegs sein sollte. Und nach diesen wenigen Sätzen bangt man so sehr um diesen Mann, dass man sich kaum traut, die nächste Seite umzublättern, weil man schließlich weiß, dass dort ein Unfall wartet und man befürchtet, dass Rose zu spät kommt, um ihn zu retten …

Jacqueline West: Olive und das Haus der Schatten

„Olive und das Haus der Schatten“ von Jacqueline West war eine Leihgabe von Natira, und da ich vorher noch nie von dem Buch gehört hatte, konnte ich angenehm erwartungsfrei an das Lesen herangehen. Umso schöner fand ich es, als ich mich dann beim Lesen immer wieder dabei ertappte, dass der Roman Erinnerungen an von mir halb vergessene britische Kinderbücher weckte.

Die Handlung von „Olive und das Haus der Schatten“ ist recht schnell erzählt. Olive zieht mit ihren Eltern, die beide sehr auf Mathematik versessen sind und nicht nachvollziehen können, dass ihre Tochter in diesem Bereich so wenig Begabung zeigt, in ein altes Haus. Während Olive das Haus von Anfang an unheimlich ist, finden ihre Eltern es toll, dass sie in der vollgestopften Bibliothek so schön arbeiten können und in der Küche immer wieder über Gegenstände stolpern, deren Nutzen ihnen fremd ist. Olive hingegen gruselt sich besonders vor den Bildern, die an allen Wänden fest angebracht sind und die eine unheimliche Atmosphäre ausstrahlen. Doch noch schlimmer ist es, dass sie immer wieder das Gefühl hat, dass sich in den Schatten der Bilder etwas bewegt oder sie von den dargestellten Figuren beobachtet wird. Irgendwann bekommt Olive die Möglichkeit, mehr über die Bilder und die Vorbesitzer des Hauses zu erfahren, und versucht, das Geheimnis hinter all den seltsamen Vorfällen zu entschlüsseln.

Mir hat die Geschichte einen wunderbaren Nachmittag beschert. Jacqueline West hat mit Olive einen liebenswerten Charakter geschaffen, der – trotz der ungewöhnlichen Eltern – ein angenehm realistisches „Kindsein“ vermittelt. Das Mädchen ist mal neugierig, mal trotzig, genießt einen Eltern-freien Abend mit einer großen Portion Eis oder beruhigt die nächtlichen Ängste mit dem altgedienten Teddybären. Nach und nach lernt Olive die drei Katzen kennen, die seit langer Zeit als Wächter des Hauses fungieren. Und obwohl ich sprechende Katzen sonst nicht so mag, passten die drei sehr ungewöhnlichen Tiere doch ganz wunderbar in diese teils gruselige, teils amüsante Geschichte.

Doch vor allem hat mich die Atmosphäre in „Olive und das Haus der Schatten“ gepackt. Da Olives Eltern nach ihrem Einzug nichts verändert haben, findet sich der Leser in einem altmodischen und etwas angestaubten Haus wieder, voller Spuren der früheren Bewohner. Ich konnte mir die gut gefüllte Bibliothek ebenso plastisch vorstellen wie die altmodischen Schlafzimmer inklusive der Kommoden voller Handschuhe, Schmuckstücke und sonstiger Überbleibsel der ehemaligen Besitzer. Die Vorstellung von sich bewegenden Bildern (und zwar nicht in der netten „Harry Potter“-Variante), Dingen, die in Schatten lauern, und die düstere Vergangenheit des Gebäudes war wunderbar gruselig.

Auf der anderen Seite konnte man aber auch immer wieder merken, dass Olive sich an diverse ungewöhnliche Elemente so langsam gewöhnte und irgendwann anfing, das Haus als ihr Zuhause zu sehen. Und je mehr das Haus zu ihrem wurde, desto mehr war sie auch bereit, gegen die unheimlichen Elemente anzugehen. Die Handlung verläuft recht gradlinig, und während man einige Sachen schnell vorhersehen konnte, lässt die Autorin auch genügend Informationen im Dunklen, um die Spannung aufrecht zu halten und die eine oder andere Überraschung parat zu haben. Ich kann nicht so recht fassen, was genau mich an diesem Roman an die britischen Kinderbücher erinnert, die ich früher so geliebt habe, aber trotz der wunderbar unheimlichen Atmosphäre war das Lesen wie ein „nach Hause kommen“ – das war toll.

Jim Butcher: Die Elementare von Calderon (Codex Alera 1)

Nachdem mir die Dresden-Files-Romane von Jim Butcher so gut gefallen und ich mich jeden Monat darauf freue einen weiteren für die English-Challenge zu lesen, dachte ich mir, dass ich auch noch andere Bücher des Autors antesten könnte. Zum Glück hatte die örtliche Stadtbibliothek den ersten Band der „Codex Alera“-Reihe in ihrem Bestand (ebenso den dritten, aber natürlich nicht den zweiten Teil) und so konnte ich meine Nase vor ein paar Tagen in „Die Elementare von Calderon“ stecken.

Anfangs war es etwas ungewohnt eine High-Fantasy-Geschichte von Jim Butcher zu lesen, aber mir hat das Buch sehr gut gefallen. Seit langem mal wieder eine klassisches Fantasyhandlung, bei der ich nicht das Gefühl hatte, ich hätte die Geschichte schon x Mal gelesen. „Die Elementare von Calderon“ spielen in dem fantastischen Land Alera, in dem die Menschen auf die Kräfte von sechs Elementen zurückgreifen und so Magie nutzen können. Ob Wasser, Luft, Erde, Holz, Feuer oder Metall dem jeweiligen Menschen zur Verfügung stehen, dass entscheiden die einzelnen Elementare, die sich an die Person binden und machen Menschen verfügen sogar über mehrere davon. Nur der fünfzehnjährige Tavi beherrscht keinerlei Magie, obwohl er schon längst das Alter erreicht hat, in dem sich diese Fähigkeit zeigen sollte – und laut Klappentext liegt das Schicksal seines Landes in den Händen dieses Jungen.

Was sich schrecklich klischeehaft anhört, liest sich sehr unterhaltsam und spannend (wenn auch nicht ganz so amüsant wie die Harry-Dresden-Geschichten). Tavi lebt mit seinem Onkel Bernard und dessen Schwester Isana auf einem Hof an der Grenze des Landes. Als der Junge eines Tages mit seinem Onkel nach ein paar Schafen guckt, begegnen die beiden einem Marat-Krieger, dabei wurde dieses kriegerische und barbarische Volk vor vielen Jahren von der Grenze vertrieben. Ein Marat, der – samt der mit ihm verbundenen Herdentötern –, das Grenzland betritt, kann nur der Vorbote eines erneuten Krieges sein. Zur selben Zeit versucht die Kursorin Amara gemeinsam mit ihrem Ausbilder Fidelias inkognito Informationen über eine Söldnerarmee zu bekommen, die vermutlich einen Regierungsputsch gegen den Kaiser führen soll. Denn innerhalb der Adeligen herrscht eine gefährliche Unruhe, da der Kaiser schon recht alt ist und seit einer Schlacht, in der sein Sohn starb, keinen Erben mehr hat.

Aus diesen beiden Grundvoraussetzungen (Bedrohung durch die feindlichen Marat und Intrigen innerhalb der Adelskreise) entwickelt Jim Butcher eine spannende Handlung mit liebens- und hassenswerte Charakteren. Wie schon bei den „Dresden Files“ fand ich die ersten Kapitel schon unterhaltsam und interessant – und dann konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen, weil ich unbedingt wissen wollte wie es weitergeht. Jim Butcher hat mit Alera eine nicht so ungewöhnliche, aber sehr reizvolle fantastische Gesellschaft erschaffen. Mir hat die Magie über die Nutzung der Elementare und ihre Verbindung zu den Menschen gefallen, aber auch das, was man über das Leben der Marat – die über keine Magie verfügen, dafür enge Bindungen mit Tieren eingehen – erfahren hat.

Aufgrund verschiedener Perspektivwechsel, bei denen man die Ereignisse aus der Sicht von Tavi, Amara, Onkel Bernard, seine Schwester Isana und auch der diversen Bösewichte verfolgen kann, ist man als Leser zwar umfassend über die diversen Pläne informiert, aber gerade dadurch bleibt die Geschichte wirklich spannend. Denn während die eine Gruppe zum Beispiel noch hofft rechtzeitig eine Zuflucht zu erreichen, weiß man als Leser schon längst, dass den Leuten eine Falle gestellt wurde – und nun hofft und bangt man, dass diese Falle nicht zuschnappen möge. 😉 Mit „Die Elementare von Calderon“ hat Jim Butcher die High-Fantasy-Welt nicht gerade neu definiert, aber mir hat der Roman einige wirklich wunderbare Lesestunden (und große Lust auf weitere Bände dieser Reihe) bereitet.

Kerstin Herrnkind: Mein Mann der Mörder

Gleich zu Beginn: Ich will in den Titel immer ein Komma einbasteln, weil es in meinen Augen einfach dahingehört, aber Verlag (und Autorin?) haben das Buch ohne Komma im Titel auf den Markt gebracht – und damit muss ich wohl leben. 😉 Statt einer eigenen Inhaltszusammenfassung gibt es hier den Klappentext, denn dann bekommt ihr eine Vorstellung davon, was ich von dem Roman erwartet hatte:

Von einem Tag auf den anderen zerbricht Xenia Rabes heile Welt: Ihr Mann Tobias hat ein 14-jähriges Mädchen vergewaltigt und ermordet. Nun ist er auf der Flucht vor der Polizei.
Fassungslos fragt sich Xenia, warum sie von dem Doppelleben ihres Mannes nichts geahnt hat, und geht auf Spurensuche. Wer ist der Mann, den sie so überstürzt geheiratet hat? In Tobias’ Heimatdorf stößt sie auf sein furchtbares Familiengeheimnis. Ist dies der Schlüssel zu seiner Tat? Oder ist es in Wahrheit alles ganz anders?
Xenia fasst einen verhängnisvollen Entschluss …

Nach diesem Klappentext hatte ich eine Geschichte erwartet, in der eine Frau damit fertig werden muss, dass ihr Mann ein Mörder ist. Ich dachte, es ginge darum, wie sie zu verarbeiten versucht, dass der Mensch, den sie geliebt hat, zu einer solchen Tat fähig ist. Umso irritierender waren die Passagen des Romans, in denen man als Leser die Reaktion Xenia Rabes aus der Ich-Perspektive erlebt. Die Frau scheint sich weniger zu fragen, wie es sein konnte, dass sie das Doppelleben ihres Mannes nicht erkannt hatte, als dass sie herausfinden will, warum sie diesen Mann überhaupt geheiratet hat. Sie ist weniger verletzt als wütend, sie will diese Ehe und ihren Mann nur so schnell wie möglich abhaken und wieder zu einem „normalen“ Leben zurückfinden.

Neben diesem Handlungsstrang bekommt der Leser auch noch die Perspektiven diverser anderer Personen mit, die – aufgrund des „Mein Mann ist ein Mörder“-Themas – Kontakt mit Xenia Rabe haben. Dabei beschreibt Kerstin Herrnkind sehr ausführlich den Alltag zweier Polizeireporter, die anfangs Xenia Rabe zu ihrem Mann befragen wollten, und so bekommt der Leser mit, mit welcher Skrupellosigkeit die beiden Männer an Fotos und Informationen kommen, wenn es um Verbrechen geht. Auch gibt es einen kleinen – und sehr zynischen – Einblick in die Arbeit der Polizei und Staatsanwaltschaft. Das alles ist gut und interessant geschrieben, aber ich war das halbe Buch über irritiert über das seltsame Verhalten der verschiedenen Charaktere und die kleinen Unstimmigkeiten in der Geschichte.

Wieso es zu diesen unstimmigen Szenen und Handlungen kommt, wird zwar am Ende von Kerstin Herrnkind aufgeklärt, doch das hat bei mir vor allem dazu geführt, dass ich die Grundidee der Autorin zwar anerkennen kann, mich persönlich davon aber verarscht gefühlt habe. Denn diese Wendung ganz am Ende der Geschichte wirft ein komplett neues Licht auf eine der Personen, die man den ganzen Roman hindurch begleitet hat. Ich weiß nicht, ob es daran lag, dass die Lösungshinweise sehr (für mich anscheinend zu) subtil eingebaut wurden, oder daran, dass ich einfach etwas anderes erwartet habe, aber das Ende hat mich richtig verärgert. Bei einem zweiten Lesen könnte ich vermutlich den geschickten Einbau von Hinweisen bewundern, aber so fühle ich mich von der Autorin gezielt „dumm gehalten“.

Objektiv kann ich die gute Schreibweise, die interessanten Perspektiven und die nicht so ausgelutschte Idee würdigen, aber rein subjektiv habe ich das Gefühl, dass die Autorin gegen eine der Krimi-Grundregeln verstoßen hat, indem sie mich als Leser nicht „mitermitteln“ ließ. Vermutlich würde ich – aufgrund des wirklich gut zu lesenden Stils und der interessanten Charaktere – nach diesem Debütroman auch ein weiteres Buch der Autorin lesen, aber wenn sie auch dann zu einem solchen Kniff greifen würde, um ihrer Handlung einen besonderen Dreh zu geben, dann hätte Kerstin Herrnkind mich als Leserin wohl verloren. Ich gehöre eben doch eher zu den Leuten, die von Krimi-Schriftstellern erwarten, dass sie sich – zumindest grob – an die Regeln des „Detection Club“ halten, die gewährleisten sollen, dass sich der Autor dem Leser gegenüber fair verhält. Und ja, mir ist bewusst, dass diese Geschichte kein Detektiv-Roman ist … 😉

Jim Butcher: Grave Peril (Dresden Files 3)

„Grave Peril“ ist der dritte Teil der Dresden-Files-Romane und hat sich auf Englisch ebenso gut lesen lassen wie schon „Fool Moon“. Wenn das so weitergeht, dann werde ich den Rest der „English“-Challenge mit den Abenteuern von Harry Dresden bewältigen, denn mir machen diese Geschichten wirklich Spaß. In „Grave Peril“ sehen sich der Magier Harry Dresden und der „Ritter des Kreuzes“ Michael (ich habe keine Ahnung, wie der in der deutschen Übersetzung bezeichnet wird, aber das ist meiner Ansicht nach der kürzeste – und treffenste – Begriff dafür) Geisteraktivitäten von ungewohnten Ausmaß gegenüber. Normalerweise können Geister nicht viel Schaden auf Erden anrichten, doch seit zwei Wochen kommt es jede Nacht zu gefährlichen Vorfällen bei denen Geister Menschen bedrohen.

So auch in der Nacht, in der der Roman beginnt: Der Geist von Agatha Hagglethorn spukt in der Säuglingsstation eines Krankenhauses und nur unter Einsatz all ihrer magischen und von Gott verliehenen Kräfte können Harry und Michael das Leben der Neugeborenen retten. Nach zwei Wochen, in denen die beiden jede Nacht ihr Leben riskierten und all ihre Fähigkeiten einsetzen mussten, sind der Magier und der Ritter inzwischen sehr erschöpft und doch haben sie noch immer nicht die Ursache für die bedrohlichen Geistererscheinungen gefunden.

Auch das Privatleben der beiden Männer leidet sehr unter der Unruhe in der Geisterwelt: Während Michaels Frau hochschwanger ist und eigentlich Unterstützung und Hilfe mit den Kindern gebrauchen könnte, hat Harry seine Freundin Susan schon viel zu lange nicht mehr gesehen. Ihr Beziehung besteht zur Zeit fast nur aus Telefonaten, bei denen die Journalistin und der Magier Informationen austauschen, was zu erkennbaren Spannungen zwischen den beiden führt. Doch Harry hat keine Zeit für ein Privatleben, denn neben den Geisteraktivitäten muss er sich auch als Repräsentant des „White Council“ mit einer Einladung der Vampir-Fürstin Bianca beschäftigen. Die Vampirin hat noch eine Rechnung mit Harry offen, seitdem er (im ersten Band der „Dresden Files“) den Tod einer ihrer Anhängerinnen verursacht hatte – und so könnte die Party zu einer unschönen Angelegenheit werden, auch wenn Harry durch den Kodex der Vampire eigentlich geschützt sein müsste.

Trotz des rasanten Auftakts habe ich diesen Harry-Dresden-Roman als deutlich ruhiger empfunden als „Fool Moon“. Harry muss sich zwar immer wieder mit den Geistern und einem damit zusammenhängenden „Albtraum“ herumschlagen, aber vor allem geht es um die Schwierigkeiten zwischenmenschliche Aktivitäten mit den Aufgaben eines Magiers zu verbinden und herauszufinden, was alles hinter dem unheimlichen Spuk steckt. Von der ersten Seite an wird von Jim Butcher betont, wie erschöpft Harry ist und wie sehr seine Magie unter den Kämpfen in den letzten Nächten gelitten hat. Diese Erschöpfung muss dann auch dafür herhalten, dass der Magier die eine oder anderer Verbindung zwischen den verschiedenen Ereignissen übersieht, obwohl sie dem Leser regelrecht ins Auge springt.

Trotzdem fand ich diese Geschichte wieder spannend und gut zu lesen. Der Humor, die wunderbaren Charaktere und die Herausforderungen, mit denen sich Harry und Michael auseinandersetzen müssen, haben mich über den einen oder anderen Schwachpunkt der Handlung locker hinwegsehen lassen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich durch den schon gelesenen fünften Band wusste, dass entweder in diesem oder im nächsten Teil etwas entscheidendes passieren muss – und die Befürchtung, dass es in diesem Roman (und bei einem ganz bestimmten Ereignis) so kommen würde, hat mich beim Lesen besonders kribbelig gemacht. Uff, ist es blöd, wenn man sich so vage ausdrücken muss, um nichts zu verraten. *g*

Jim Butcher: Fool Moon (Dresden Files 2)

Ich habe in den letzten Monaten aus der Bibliothek den ersten und den fünften Teil der „Dresden Files” aus deutsch ausleihen können – und beide Bücher hatten mir so gut gefallen, dass ich mehr von Jim Butcher lesen wollte. Blöderweise waren das die einzigen beiden Bände, die von dem Autor in der Bibliothek zu bekommen waren. Angesichts der „English“-Challenge (und weil Irina und Natira mir versicherten, dass die Geschichten auch auf Englisch gut zu verstehen sind) habe ich mich im März dann an „Fool Moon“, den zweiten Dresden-Files-Teil, gewagt. Ich muss zugeben, dass die beiden recht hatte! Jim Butchers Englisch ist ganz einfach zu verstehen und so hatte ich das Buch an einem Wochenende ausgelesen. Bevor ich mich aber für den April an den dritten Band der Reihe mache, sollte ich endlich mal die März-Rezension für die Challenge verfassen. 😉

Harry Dresden ist einer der wenigen Menschen, die öffentlich zu ihrer besonderen Begabung stehen. Auch wenn er immer wieder als Spinner abgetan wird, weil er sich als Magier bezeichnet und als solcher auch im Branchenverzeichnis steht, so kann Harry nicht anders als offen mit der übernatürlichen Seite seines Leben umzugehen. Blöderweise bekommt man auf diese Art und Weise aber nur selten einen Job – vor allem, wenn man seine Ansprechpartnerin (Murphy) bei der Chicagoer Polizei so sehr verärgert, dass sie einen seit Monaten nicht mehr für die ungewöhnlichen Kriminalfälle als Berater engagiert hat. So ist Harry mehr als bereit sich mit einer seiner „Zauberschülerinnen“ zu treffen, als diese ihm dafür ein Essen in McAnally’s Pub anbietet. Doch Kim Delaney will im Gegenzug von Harry etwas über einen Zauber wissen, der eindeutig über ihre Fähigkeiten geht und sie in große Gefahr bringen könnte.

Während sich Harry noch darüber Gedanken macht, in was für eine Angelegenheit Kim da geraten ist, meldet sich Murphy nach langer Zeit wieder bei ihm. Die Polizistin beschäftigt sich mit einer Reihe von Morden, bei denen die Opfer aussehen, als wären sie von großen Wölfen zerfleischt worden. Da das FBI schon seine Finger in die Ermittlungen gesteckt hat, befürchtet Murphy, dass die eventuell vorhandene übernatürliche Ursache für die Todesfälle übersehen und deshalb der Täter niemals gestoppt wird. So muss Harry von einem Tag auf den anderen sein Wissen um die verschiedenen Arten von Werwölfen deutlich erweiteren – und legt sich dabei mit dem kriminellen Oberhaupt von Chicago, einer unheimlichen Gang, der Polizei und dem FBI und noch einigen weiteren Parteien an.

Wie schon bei den anderen beiden Dresden-Files-Romanen fand ich den Einstieg in die Geschichte interessant und war neugierig darauf, was sich hinter den Morden verbarg, wurde aber nicht von der ersten Seite an gepackt. Ich mag Harry und die wenigen Leute, die er zu seinen Freunden zählt, ich mag die magische Parallel-Gesellschaft in Chicago und dazu kommt noch, dass Jim Butchers Schreibstil sich (auf deutsch und auf englisch) einfach flüssig lesen lässt. Harry ist ironisch, seine Magie fordert ihre Opfer und lässt sich nicht mal eben aus dem Ärmel schütteln und viel zu oft wird er von den übernatürlichen Wesen – ebenso wie von der Polizei – in ernsthafte Auseinandersetzungen verwickelt. Erst ab der Mitte der Geschichte bin ich immer so weit in der Handlung drin, dass ich das Buch kaum zur Seite legen mag und dann – wenn möglich – in einem Zug zu Ende lesen.

Aber auch wenn sich die Spannung langsam aufbaut, so führt das bei mir bei diesen Büchern eher dazu, dass ich umso neugieriger auf die weitere Entwicklung werde und mich nicht – wie bei schlechteren Autoren – gelangweilt fühle. Jim Butchers Humor liegt einfach auf meiner Wellenlänge und seine Actionszenen sind packend geschrieben. Doch vermutlich gefällt mir an den Büchern vor allem, dass sie mich an die hardboiled novels von Raymond Chandler, Dashiell Hammet und Cornell Woolrich erinnern. Harry Dresdens Chicago ist eine schmutzige kleine Stadt, in der die Kriminellen mehr zu sagen haben als die vermeintlich „Guten“ und in der man schneller um sein Überleben kämpfen muss, als dem durchschnittlichen Bürger bewusst ist. Der Magier folgt nur seinem eigenen Rechtsempfinden und lässt sich weder von den menschlichen, noch von den übernatürlichen „Ordnungshütern“ vorschreiben was rechtens ist, was mich doch sehr an Philip Marlowe & Co. erinnert – für mich eine der besten Assoziationen, die eine Geschichte und ihr „Held“ in mir wecken können. 😉

Ernst Solèr: Staub im Paradies

Dieses Buch habe ich im Rahmen des sechsten „SuB-Losverfahren“ von Kari gelesen – und ich muss zugeben, dass ich es nicht so schnell aus dem SuB befreit hätte, wenn mir nicht gerade dieser Roman zugelost worden wäre. Dabei weiß ich gar nicht, warum dieser Krimi solange auf dem SuB ruhte. Mit den Büchern vom Grafit-Verlag habe ich viele positive Erfahrungen gemacht und so dick war der Roman ja auch nicht, dass einen der Umfang vom Lesen abgeschreckt hätte.

„Staub im Paradies“ von Ernst Solèr führte mich gleich zweifach ins Ausland: Einmal konnte ich eine Mordermittlung im Zürich miterleben, auf der anderen Seite den Urlaub des Zürcher Kantonspolizisten Fred Staub. Dieser ist mit seiner Familie (Ehefrau, Sohn und Freundin des Sohnes) nach Sri Lanka geflogen, um seine Tochter Anna zu besuchen. Die junge Wissenschaftlerin lebt schon länger in diesem Inselstaat, weil sie in einer Forschungsstation arbeitet, und hat sich inzwischen dort nicht nur gut eingelebt, sondern mit Doktor Tschaggat auch einen einheimischen Arzt als Freund.

Während dieser Urlaub Fred Staub eigentlich mal eine Auszeit von seiner Arbeit als Polizist verschaffen soll, muss dieser kurz nach seiner Ankunft miterleben wie ein Kollege seiner Tochter erschossen wird. Das herbeigerufene Militär ist sich sicher, dass tamilische Rebellen hinter dem Anschlag stecken, doch Staub ist ebenso wie sein Kollege Verasinghe davon überzeugt, dass hinter diesem Mord mehr steckt. Abgesehen davon, dass das Vorgehen nicht dem der Rebellen entspricht, sind die tamilischen Kämpfer in diesem Teil Sri Lankas eigentlich nicht aktiv. So beginnt Fred Staub gemeinsam mit dem einheimischen Polizisten zu ermitteln.

Auch bei der Mordermittlung in Zürich besteht eine Verbindung nach Sri Lanka, da der Tote ein Tamile ist, der gerade erst in die Schweiz eingereist war. Dabei besteht für die Polizisten das größte Problem darin, dass es in Zürich eine große tamilische Gemeinde gibt, die nicht bereit ist bei den Ermittlungen zu kooperieren. Jeder Hinweise, den die Beamten erhalten, scheint nur noch mehr Fragen aufzuwerfen – umso willkommener ist es ihnen, dass sie mit Fred Staub jemanden haben, der in der Heimat des Ermordeten ein paar Erkundigungen anstellen kann.

Ich muss zugeben, dass die Krimihandlung zwar recht vielversprechend anfängt, aber so richtig glücklich war ich damit nicht. Ernst Solèr hat das Potenzial, das ihm die Handlung auf Sri Lanka und die Darstellung der tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz geboten hat, leider nicht ausgenutzt – und das Ende war in meinen Augen etwas arg bemüht und für den Leser unbefriedigend. Trotzdem habe ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen, denn ich  mochte die Figuren und die Geschichte ist sehr leicht und humorvoll geschrieben.

Der Autor hat wirklich liebenswerte Charaktere geschaffen und ihm gelingt es schon mit kleinen Szenen die Persönlichkeit einer Figur dazustellen. Fred Staub zum Beispiel ist kein einfacher Mensch, er ist dickköpfig, hat seine ganz eigenen Ansichten und zeigt keinerlei Bereitschaft auf sein Umfeld einzugehen. Trotzdem wächst er einem dank seiner unbändigen Neugierde schnell ans Herz. Seine Familie ist ein wenig ungewöhnlich, die Ehefrau zeigt ein erstaunliches Verständnis für Staubs Marotten, der Sohn ist ein richtiger Looser und dessen neue Freundin zeigt manchmal mehr Energie und Engagement als angebracht zu sein scheint. Und die Polizistin Gret ist voller Leidenschaft für ihren Beruf, auch wenn sie gegen einen kleinen Flirt während einer Befragung nichts einzusetzen hat. Alles in allem fand ich die Charaktere stimmig und recht realistisch beschrieben, sie allen hatten Ecken und Kanten, was sie sympathisch machte.

Neben den Figuren liegt der zweite Schwerpunkt von „Staub im Paradies“ auf der Beschreibung Sri Lankas. Ernst Solèr hat vier Monate dort gelebt und man merkt schnell, wie sehr ihm Land und Leute ans Herz gewachsen sind. Trotz Hitze und Insekten (was mir beides so gar nicht liegt) hat der Autor bei mir Lust geweckt, die Landschaft mit eigenen Augen zu sehen und vielleicht auch einmal die Gastfreundschaft der Menschen zu erleben.

Dieser Roman ist übrigens der vierte Krimi rund um Fred Staub – und wenn mir einer der ersten drei Bände in die Hände fallen sollte, dann werde ich mir den bestimmt auch noch durchlesen. Wobei ich sagen kann, dass man auch ohne Vorkenntnis dieses Buch gut verstehen konnte und ich nicht das Gefühl hatte, ich würde was verpassen. Leider wird es aber keine weiteren Fortsetzungen dieser Reihe geben, da der Autor schon im Sommer 2008 verstorben ist und dieses Buch posthum veröffentlicht wurde.

Novella Carpenter: Meine kleine Cityfarm

Dieses Buch hat mich recht zwiegespalten hinterlassen, was ich im Nachhinein vor allem auf die Autorin schiebe. Denn so richtig sympathisch fand ich Novella Carpenter nach all den Details aus ihrem (Privat-)Leben nicht, auch wenn man in diese Buch ein paar tolle Anregungen finden kann und immer wieder über Ideen stolpert, die man doch auch selber in seinem kleinen Stadtgarten, auf seinem Balkon, einem Blumenkasten am Fenster oder auf der Verkehrsinsel vor der Tür durchführen könnte.

In „Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt“ kann man Stück für Stück verfolgen, wie die Amerikanerin sich an immer größere Experimenten in Richtung Natur und Selbstversorgung wagt, während sie in einem eher heruntergekommenden Gebiet von Oakland (das liegt am östlichen Ufer der Bucht von San Fransciso) lebt. Dabei hat Novella – obwohl sie ihre Kindheit auf einer Farm verbracht hat, die von ihren idealistischen Hippie-Eltern als Selbstversorgerprojekt gestartet wurde – keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft. Und die Erzählungen ihrer Mutter über all die Nachteile des Landlebens, die Einsamkeit und die Herausforderungen, haben auch dazu geführt, dass die Autorin niemals so leben wollte. Trotzdem ist da dieser Wunsch nach selbstangebauten Lebensmitteln, danach zu wissen, woher die Dinge kommen, die man isst, und die Lust am Experimentieren.

Für mich war es auch spannend den Kontrast zwischen den ersten Eindrucken ihrer neuen Wohngegend und ihren Erfahrungen dort zu erleben. Anfangs traut sich Novella in dem Ghetto, in dem sie eine Wohnung gefunden haben, nachts nicht vor die Tür, weil die Nachbarschaft so bedrohlich wirkt. Später hingegen hat sie das Gefühl, dass sie ihre Nachbarn mit all ihren Eigenarten (ein Obdachloser, der Schrott auf der Straße sammelt, Jugendliche, die trotz Gangmitgliedschaft eben doch nur Kinder sind, eine exzentrische Gruppe, die sich einmal die Woche trifft und künstlerisch tätig ist) so gut kennt, dass sie sich problemlos dort bewegen kann.

In dieser Umgebung nehmen Novella und ihr Freund Bill eine Brachfläche neben ihrem Haus in Besitz und nutzen sie für ihre kleine Landwirtschaft. So bauen die beiden nicht nur Gemüse an, sondern halten auch Bienen, Geflügel, Kaninchen und später sogar Schweine und Ziegen. So schön und spannend ich es fand, durch Novellas Augen mitzuerleben, wie aus einer vermüllten Brachfläche ein grüner Garten entstand, der nicht nur genügend abwarf, um die Autorin und ihre Nachbarschaft zu ernähren, sondern auch um Gemüse an soziale Projekte zu spenden, so gab es doch auch so einige Aspekte, die mir nicht gefallen haben.

Novella Carpenter scheint dazu zu neigen, sich ohne gründliche Vorbereitung Tiere anzuschaffen – und dann über Bücher und Gleichgesinnte genügend Wissen zu sammeln, damit die Haltung auch funktioniert. Mich irritiert es, wenn jemand loszieht, um sich zwei Ferkel zu kaufen, und dann nicht einmal weiß, ob er eine Sau, einen Eber oder einen Kastraten mit nach Hause nimmt. Genauso wäre es für mich wichtig zu wissen, wie groß meine beiden Ferkel am Ende werden und ob ich ihnen dann immer noch ein artgerechtes Leben bieten kann. Ich hatte zwar am Ende nicht das Gefühl, dass es den Tieren nicht gutging, dafür hat die Autorin zuviel Energie und Erfindungsreichtum in die Haltung gesteckt, aber ich glaube, dass das auch damit zusammenhing, dass sie höllisch viel Glück hatte. Und ich mag es nicht, wenn eine gute Tierhaltung vor allem dank „Glück“ funktioniert.

Auch schreibt sie offen über die Probleme, die es zu Beispiel mit den Nachbarn gab. Da mussten diese damit leben, dass der Truthahn ständig in ihren Gärten auftauchte, und die entlaufenden Schweine wurden zu Verkehrsrisiken – und meine Fantasie ist dann doch zu lebhaft, als dass ich lässig über den Beinahunfall mit einem Bus hinweglesen kann. Auch wurden der Lärm und Gestank natürlich nicht von allen Nachbarn einfach so hingenommen … Die Futterbeschaffung war ebenfalls eine Herausforderung, denn Novella Carpenter hatte sich vorgenommen nichts zu kaufen, sondern die Tiere mit dem zu ernähren, was sie sammeln oder im Garten anbauen konnte. Also hat sie für das Geflügel in den städtischen Grünanlage Unkraut gezupft und die Schweine aus den Abfalltonnen ernährt, die sie Nacht für Nacht in Chinatown geplündert hat.

Schön fand ich hingegen die positiven Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Nicht nur verteilte die City-Farmerin ihre Erzeugnisse freigiebig in der Nachbarschaft, sie ermöglichte es den Ghettokindern auch mal ein Kaninchen auf dem Arm zu halten oder ein Schwein beim Fressen zu beobachten. Und bei den asiatischen Nachbarn kam die Erinnerung an ihre Heimat auf, wo der Gemüseanbau und die Haltung von Kleintieren im städtischen Hinterhof einfach zum Leben dazu gehören.

Auch hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gemacht. Seit dem Lesen gehe ich mit anderen Augen durch die Stadt, sehe Brachflächen zwischen den Häusern und fragte mich, ob man da nicht etwas anbauen könnte. Und in meinem kleinen Blumengarten (der immer noch überfüllt ist mit Pflanzen, die die Vormieter dort hinterlassen haben) suche ich inzwischen kleine Eckchen, in denen ich vielleicht etwas Gemüse anbauen könnte. Es würde bei mir vermutlich nicht so einfach gedeihen, wie im sonnigen Kalifornien, aber eine frisch geerntete selbstgezogene Gurke schmeckt doch deutlich besser als eine, die schon einige Wegstunden hinter sich gebracht hat oder gar einen Aufenthalt im Supermarktkühlhaus erlebte. Noch habe ich Hemmungen die gesunden Blumen auszurupfen und auch der Schweinehund, der sich sicher ist, dass so ein Nutzgartenanteil doch noch mehr Arbeit macht, muckt, aber los lässt mich der Gedanke an mein eigenes Gemüse seit dem Lesen von „Meine kleine Cityfarm“ nicht.

K. L. Going: Voll daneben (Ein unmöglicher Roman)

„Voll daneben“ von K. L. Going habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und den Roman so gut in Erinnerung behalten, dass ich doch noch einen Blogbeitrag dazu schreiben will. Für mich war das Jugendbuch an einem Nachmittag zu lesen, die Geschichte ist nicht so anspruchsvoll und stellenweise sogar vorhersehbar, aber trotzdem hat es mir sehr gut gefallen und mich bei manchen Szenen sehr nachdenklich gemacht.

Die Hauptfigur Liam Geller scheint ein beneidenswertes Leben zu führen. Er kommt aus reichem Haus, sieht gut aus und ist sportlich. Seine Mutter Sarah war mal ein weltbekanntes Model, während sein Vater Allan ein Geschäftsmann ist, der einfach immer Erfolg hat. Schon als kleines Kind hat Liam alles dafür getan, dass seine Eltern stolz auf ihn sind. Doch so richtig hat das nie geklappt. Höhepunkt von Liams Verfehlungen ist der Tag, an dem der Junge von seinem Vater dabei erwischt wird, wie er volltrunken versucht einer Mitschülerin auf dem väterlichen Schreibtisch näher zu kommen. Beide Beteiligten sind so gut wie nackt – und die ganze Situation gibt genügend Anlass zum Fremdscham. Und trotzdem schwingt schon bei dieser ersten Szenen mit, dass Liam nicht einfach ein verantwortungsloser reicher Junge ist, sondern dass hinter seinem Benehmen deutlich mehr steckt.

Für seinen Vater Allan hingegen ist dies der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt, und so setzt er seinen Sohn vor die Tür. Während Liam keine Ahnung hat, was nun aus ihm werden soll, organisiert seine Mutter eine Unterkunft bei Liams Onkel Pete. Pete ist der ältere Bruder von Allan Geller und wurde schon vor langer Zeit von seiner Familie geächtet. Denn Pete ist – zum großen Entsetzen seiner konservativen Familie – nicht nur schwul, sondern auch Mitglied einer Glamrock-Band. Auch Liam hat Probleme mit der Lebensweise seines Onkels, den er immer nur „Tante Pete“ nennt. Denn dieser wohnt nicht nur in einem Wohnwagenanlage und lebt vor allem für seine Musik, sondern hat auch drei sehr gute Freunde, die sich von nun an ebenfalls in Liams Leben einmischen.

Für Liam scheint es nur einen Ausweg aus dem Wohnwagenpark in dem kleinen Ort Pineville zu geben: Er muss es endlich schaffen, der Sohn zu werden, auf den sein Vater stolz sein kann. Blöderweise denkt Liam, dass es hilfreich wäre, wenn er sich ein Streberimage zulegen und mit den „richtige“ Leuten anfreunden würde. Er tut alles, um seine Leidenschaft für Mode und Markenlabels zu unterdrücken und hofft, dass niemand herausfindet, dass er quasi neben seiner Mutter auf dem Laufsteg aufgewachsen ist. Doch natürlich kommt es immer wieder zu Situationen, in denen er deutlich cooler ist als er sein möchte und in denen er sein Auge für Mode und Schnitte nicht verleugnen kann.

Die Autorin erzählt Liams Geschichte einmal in der Gegenwart, wo man all seine Bemühungen und all seine Gedanken verfolgen kann, und dann gibt es noch – häufig am Kapitelanfang – Kindheitserinnerung, die Liams Familienverhältnisse beleuchten und zeigen, welche Situationen seinen Charakter geformt haben. Ich fand das Buch sowohl witzig, als auch schon fast schmerzlich zu lesen. Abgesehen von einem – allerdings erstaunlich wenig unangenehmen – Fremdscham-Teil, ist es sehr anrührend wie sehr der Junge um die Anerkennung seines Vaters kämpft. Dass dieser Mann das Problem ist und nicht Liams Begabungen und Talente, steht für einen sehr schnell fest, aber gerade deshalb ist es so berührend, dass Liam nicht in der Lage ist seine eigenen Stärken zu sehen und zu akzeptieren.

Es ist K. L. Going gelungen Liam, seinen Onkel Pete und das ganze Umfeld in der kleinen Stadt Pineville so sympathisch darzustellen, dass die Geschichte an keiner Stelle langweilig wird. Obwohl einige Hintergründe „jugendgerecht“ – und somit für viele erwachsene Leser etwas offensichtlich gestaltet sind (Warum trauen Verlage und Autoren eigentlich Jugendlichen häufig so wenig zu?) -, ist die Geschichte so witzig und spannend, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Zum Teil mochte ich nicht so recht glauben, dass ein Handlungsstrang wirklich so enden würde, wie ich es vorhersehen konnte und so schwankte ich beim Lesen zwischen Hoffen und Bangen und musste doch immer wieder laut auflachen, weil einige Situationen so absurd waren.

Natürlich kommt dieses Jugendbuch nicht ohne eine „Botschaft“ aus, aber diese ist in „Voll daneben“ so amüsant und mitreißend verpackt, dass ich damit gut leben konnte. Die Geschichte bringt auch den erwachsenen Leser dazu mal über sich und sein Leben nachzudenken. Zu überlegen, wie weit man sich doch oft den Erwartungen anderer beugt, statt seinen eigenen Wünschen und Träumen nachzugehen.