Kategorie: Rezension

Jim Butcher: Fool Moon (Dresden Files 2)

Ich habe in den letzten Monaten aus der Bibliothek den ersten und den fünften Teil der „Dresden Files” aus deutsch ausleihen können – und beide Bücher hatten mir so gut gefallen, dass ich mehr von Jim Butcher lesen wollte. Blöderweise waren das die einzigen beiden Bände, die von dem Autor in der Bibliothek zu bekommen waren. Angesichts der „English“-Challenge (und weil Irina und Natira mir versicherten, dass die Geschichten auch auf Englisch gut zu verstehen sind) habe ich mich im März dann an „Fool Moon“, den zweiten Dresden-Files-Teil, gewagt. Ich muss zugeben, dass die beiden recht hatte! Jim Butchers Englisch ist ganz einfach zu verstehen und so hatte ich das Buch an einem Wochenende ausgelesen. Bevor ich mich aber für den April an den dritten Band der Reihe mache, sollte ich endlich mal die März-Rezension für die Challenge verfassen. 😉

Harry Dresden ist einer der wenigen Menschen, die öffentlich zu ihrer besonderen Begabung stehen. Auch wenn er immer wieder als Spinner abgetan wird, weil er sich als Magier bezeichnet und als solcher auch im Branchenverzeichnis steht, so kann Harry nicht anders als offen mit der übernatürlichen Seite seines Leben umzugehen. Blöderweise bekommt man auf diese Art und Weise aber nur selten einen Job – vor allem, wenn man seine Ansprechpartnerin (Murphy) bei der Chicagoer Polizei so sehr verärgert, dass sie einen seit Monaten nicht mehr für die ungewöhnlichen Kriminalfälle als Berater engagiert hat. So ist Harry mehr als bereit sich mit einer seiner „Zauberschülerinnen“ zu treffen, als diese ihm dafür ein Essen in McAnally’s Pub anbietet. Doch Kim Delaney will im Gegenzug von Harry etwas über einen Zauber wissen, der eindeutig über ihre Fähigkeiten geht und sie in große Gefahr bringen könnte.

Während sich Harry noch darüber Gedanken macht, in was für eine Angelegenheit Kim da geraten ist, meldet sich Murphy nach langer Zeit wieder bei ihm. Die Polizistin beschäftigt sich mit einer Reihe von Morden, bei denen die Opfer aussehen, als wären sie von großen Wölfen zerfleischt worden. Da das FBI schon seine Finger in die Ermittlungen gesteckt hat, befürchtet Murphy, dass die eventuell vorhandene übernatürliche Ursache für die Todesfälle übersehen und deshalb der Täter niemals gestoppt wird. So muss Harry von einem Tag auf den anderen sein Wissen um die verschiedenen Arten von Werwölfen deutlich erweiteren – und legt sich dabei mit dem kriminellen Oberhaupt von Chicago, einer unheimlichen Gang, der Polizei und dem FBI und noch einigen weiteren Parteien an.

Wie schon bei den anderen beiden Dresden-Files-Romanen fand ich den Einstieg in die Geschichte interessant und war neugierig darauf, was sich hinter den Morden verbarg, wurde aber nicht von der ersten Seite an gepackt. Ich mag Harry und die wenigen Leute, die er zu seinen Freunden zählt, ich mag die magische Parallel-Gesellschaft in Chicago und dazu kommt noch, dass Jim Butchers Schreibstil sich (auf deutsch und auf englisch) einfach flüssig lesen lässt. Harry ist ironisch, seine Magie fordert ihre Opfer und lässt sich nicht mal eben aus dem Ärmel schütteln und viel zu oft wird er von den übernatürlichen Wesen – ebenso wie von der Polizei – in ernsthafte Auseinandersetzungen verwickelt. Erst ab der Mitte der Geschichte bin ich immer so weit in der Handlung drin, dass ich das Buch kaum zur Seite legen mag und dann – wenn möglich – in einem Zug zu Ende lesen.

Aber auch wenn sich die Spannung langsam aufbaut, so führt das bei mir bei diesen Büchern eher dazu, dass ich umso neugieriger auf die weitere Entwicklung werde und mich nicht – wie bei schlechteren Autoren – gelangweilt fühle. Jim Butchers Humor liegt einfach auf meiner Wellenlänge und seine Actionszenen sind packend geschrieben. Doch vermutlich gefällt mir an den Büchern vor allem, dass sie mich an die hardboiled novels von Raymond Chandler, Dashiell Hammet und Cornell Woolrich erinnern. Harry Dresdens Chicago ist eine schmutzige kleine Stadt, in der die Kriminellen mehr zu sagen haben als die vermeintlich „Guten“ und in der man schneller um sein Überleben kämpfen muss, als dem durchschnittlichen Bürger bewusst ist. Der Magier folgt nur seinem eigenen Rechtsempfinden und lässt sich weder von den menschlichen, noch von den übernatürlichen „Ordnungshütern“ vorschreiben was rechtens ist, was mich doch sehr an Philip Marlowe & Co. erinnert – für mich eine der besten Assoziationen, die eine Geschichte und ihr „Held“ in mir wecken können. 😉

Ernst Solèr: Staub im Paradies

Dieses Buch habe ich im Rahmen des sechsten „SuB-Losverfahren“ von Kari gelesen – und ich muss zugeben, dass ich es nicht so schnell aus dem SuB befreit hätte, wenn mir nicht gerade dieser Roman zugelost worden wäre. Dabei weiß ich gar nicht, warum dieser Krimi solange auf dem SuB ruhte. Mit den Büchern vom Grafit-Verlag habe ich viele positive Erfahrungen gemacht und so dick war der Roman ja auch nicht, dass einen der Umfang vom Lesen abgeschreckt hätte.

„Staub im Paradies“ von Ernst Solèr führte mich gleich zweifach ins Ausland: Einmal konnte ich eine Mordermittlung im Zürich miterleben, auf der anderen Seite den Urlaub des Zürcher Kantonspolizisten Fred Staub. Dieser ist mit seiner Familie (Ehefrau, Sohn und Freundin des Sohnes) nach Sri Lanka geflogen, um seine Tochter Anna zu besuchen. Die junge Wissenschaftlerin lebt schon länger in diesem Inselstaat, weil sie in einer Forschungsstation arbeitet, und hat sich inzwischen dort nicht nur gut eingelebt, sondern mit Doktor Tschaggat auch einen einheimischen Arzt als Freund.

Während dieser Urlaub Fred Staub eigentlich mal eine Auszeit von seiner Arbeit als Polizist verschaffen soll, muss dieser kurz nach seiner Ankunft miterleben wie ein Kollege seiner Tochter erschossen wird. Das herbeigerufene Militär ist sich sicher, dass tamilische Rebellen hinter dem Anschlag stecken, doch Staub ist ebenso wie sein Kollege Verasinghe davon überzeugt, dass hinter diesem Mord mehr steckt. Abgesehen davon, dass das Vorgehen nicht dem der Rebellen entspricht, sind die tamilischen Kämpfer in diesem Teil Sri Lankas eigentlich nicht aktiv. So beginnt Fred Staub gemeinsam mit dem einheimischen Polizisten zu ermitteln.

Auch bei der Mordermittlung in Zürich besteht eine Verbindung nach Sri Lanka, da der Tote ein Tamile ist, der gerade erst in die Schweiz eingereist war. Dabei besteht für die Polizisten das größte Problem darin, dass es in Zürich eine große tamilische Gemeinde gibt, die nicht bereit ist bei den Ermittlungen zu kooperieren. Jeder Hinweise, den die Beamten erhalten, scheint nur noch mehr Fragen aufzuwerfen – umso willkommener ist es ihnen, dass sie mit Fred Staub jemanden haben, der in der Heimat des Ermordeten ein paar Erkundigungen anstellen kann.

Ich muss zugeben, dass die Krimihandlung zwar recht vielversprechend anfängt, aber so richtig glücklich war ich damit nicht. Ernst Solèr hat das Potenzial, das ihm die Handlung auf Sri Lanka und die Darstellung der tamilischen Gemeinschaft in der Schweiz geboten hat, leider nicht ausgenutzt – und das Ende war in meinen Augen etwas arg bemüht und für den Leser unbefriedigend. Trotzdem habe ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen, denn ich  mochte die Figuren und die Geschichte ist sehr leicht und humorvoll geschrieben.

Der Autor hat wirklich liebenswerte Charaktere geschaffen und ihm gelingt es schon mit kleinen Szenen die Persönlichkeit einer Figur dazustellen. Fred Staub zum Beispiel ist kein einfacher Mensch, er ist dickköpfig, hat seine ganz eigenen Ansichten und zeigt keinerlei Bereitschaft auf sein Umfeld einzugehen. Trotzdem wächst er einem dank seiner unbändigen Neugierde schnell ans Herz. Seine Familie ist ein wenig ungewöhnlich, die Ehefrau zeigt ein erstaunliches Verständnis für Staubs Marotten, der Sohn ist ein richtiger Looser und dessen neue Freundin zeigt manchmal mehr Energie und Engagement als angebracht zu sein scheint. Und die Polizistin Gret ist voller Leidenschaft für ihren Beruf, auch wenn sie gegen einen kleinen Flirt während einer Befragung nichts einzusetzen hat. Alles in allem fand ich die Charaktere stimmig und recht realistisch beschrieben, sie allen hatten Ecken und Kanten, was sie sympathisch machte.

Neben den Figuren liegt der zweite Schwerpunkt von „Staub im Paradies“ auf der Beschreibung Sri Lankas. Ernst Solèr hat vier Monate dort gelebt und man merkt schnell, wie sehr ihm Land und Leute ans Herz gewachsen sind. Trotz Hitze und Insekten (was mir beides so gar nicht liegt) hat der Autor bei mir Lust geweckt, die Landschaft mit eigenen Augen zu sehen und vielleicht auch einmal die Gastfreundschaft der Menschen zu erleben.

Dieser Roman ist übrigens der vierte Krimi rund um Fred Staub – und wenn mir einer der ersten drei Bände in die Hände fallen sollte, dann werde ich mir den bestimmt auch noch durchlesen. Wobei ich sagen kann, dass man auch ohne Vorkenntnis dieses Buch gut verstehen konnte und ich nicht das Gefühl hatte, ich würde was verpassen. Leider wird es aber keine weiteren Fortsetzungen dieser Reihe geben, da der Autor schon im Sommer 2008 verstorben ist und dieses Buch posthum veröffentlicht wurde.

Novella Carpenter: Meine kleine Cityfarm

Dieses Buch hat mich recht zwiegespalten hinterlassen, was ich im Nachhinein vor allem auf die Autorin schiebe. Denn so richtig sympathisch fand ich Novella Carpenter nach all den Details aus ihrem (Privat-)Leben nicht, auch wenn man in diese Buch ein paar tolle Anregungen finden kann und immer wieder über Ideen stolpert, die man doch auch selber in seinem kleinen Stadtgarten, auf seinem Balkon, einem Blumenkasten am Fenster oder auf der Verkehrsinsel vor der Tür durchführen könnte.

In „Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt“ kann man Stück für Stück verfolgen, wie die Amerikanerin sich an immer größere Experimenten in Richtung Natur und Selbstversorgung wagt, während sie in einem eher heruntergekommenden Gebiet von Oakland (das liegt am östlichen Ufer der Bucht von San Fransciso) lebt. Dabei hat Novella – obwohl sie ihre Kindheit auf einer Farm verbracht hat, die von ihren idealistischen Hippie-Eltern als Selbstversorgerprojekt gestartet wurde – keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft. Und die Erzählungen ihrer Mutter über all die Nachteile des Landlebens, die Einsamkeit und die Herausforderungen, haben auch dazu geführt, dass die Autorin niemals so leben wollte. Trotzdem ist da dieser Wunsch nach selbstangebauten Lebensmitteln, danach zu wissen, woher die Dinge kommen, die man isst, und die Lust am Experimentieren.

Für mich war es auch spannend den Kontrast zwischen den ersten Eindrucken ihrer neuen Wohngegend und ihren Erfahrungen dort zu erleben. Anfangs traut sich Novella in dem Ghetto, in dem sie eine Wohnung gefunden haben, nachts nicht vor die Tür, weil die Nachbarschaft so bedrohlich wirkt. Später hingegen hat sie das Gefühl, dass sie ihre Nachbarn mit all ihren Eigenarten (ein Obdachloser, der Schrott auf der Straße sammelt, Jugendliche, die trotz Gangmitgliedschaft eben doch nur Kinder sind, eine exzentrische Gruppe, die sich einmal die Woche trifft und künstlerisch tätig ist) so gut kennt, dass sie sich problemlos dort bewegen kann.

In dieser Umgebung nehmen Novella und ihr Freund Bill eine Brachfläche neben ihrem Haus in Besitz und nutzen sie für ihre kleine Landwirtschaft. So bauen die beiden nicht nur Gemüse an, sondern halten auch Bienen, Geflügel, Kaninchen und später sogar Schweine und Ziegen. So schön und spannend ich es fand, durch Novellas Augen mitzuerleben, wie aus einer vermüllten Brachfläche ein grüner Garten entstand, der nicht nur genügend abwarf, um die Autorin und ihre Nachbarschaft zu ernähren, sondern auch um Gemüse an soziale Projekte zu spenden, so gab es doch auch so einige Aspekte, die mir nicht gefallen haben.

Novella Carpenter scheint dazu zu neigen, sich ohne gründliche Vorbereitung Tiere anzuschaffen – und dann über Bücher und Gleichgesinnte genügend Wissen zu sammeln, damit die Haltung auch funktioniert. Mich irritiert es, wenn jemand loszieht, um sich zwei Ferkel zu kaufen, und dann nicht einmal weiß, ob er eine Sau, einen Eber oder einen Kastraten mit nach Hause nimmt. Genauso wäre es für mich wichtig zu wissen, wie groß meine beiden Ferkel am Ende werden und ob ich ihnen dann immer noch ein artgerechtes Leben bieten kann. Ich hatte zwar am Ende nicht das Gefühl, dass es den Tieren nicht gutging, dafür hat die Autorin zuviel Energie und Erfindungsreichtum in die Haltung gesteckt, aber ich glaube, dass das auch damit zusammenhing, dass sie höllisch viel Glück hatte. Und ich mag es nicht, wenn eine gute Tierhaltung vor allem dank „Glück“ funktioniert.

Auch schreibt sie offen über die Probleme, die es zu Beispiel mit den Nachbarn gab. Da mussten diese damit leben, dass der Truthahn ständig in ihren Gärten auftauchte, und die entlaufenden Schweine wurden zu Verkehrsrisiken – und meine Fantasie ist dann doch zu lebhaft, als dass ich lässig über den Beinahunfall mit einem Bus hinweglesen kann. Auch wurden der Lärm und Gestank natürlich nicht von allen Nachbarn einfach so hingenommen … Die Futterbeschaffung war ebenfalls eine Herausforderung, denn Novella Carpenter hatte sich vorgenommen nichts zu kaufen, sondern die Tiere mit dem zu ernähren, was sie sammeln oder im Garten anbauen konnte. Also hat sie für das Geflügel in den städtischen Grünanlage Unkraut gezupft und die Schweine aus den Abfalltonnen ernährt, die sie Nacht für Nacht in Chinatown geplündert hat.

Schön fand ich hingegen die positiven Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Nicht nur verteilte die City-Farmerin ihre Erzeugnisse freigiebig in der Nachbarschaft, sie ermöglichte es den Ghettokindern auch mal ein Kaninchen auf dem Arm zu halten oder ein Schwein beim Fressen zu beobachten. Und bei den asiatischen Nachbarn kam die Erinnerung an ihre Heimat auf, wo der Gemüseanbau und die Haltung von Kleintieren im städtischen Hinterhof einfach zum Leben dazu gehören.

Auch hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gemacht. Seit dem Lesen gehe ich mit anderen Augen durch die Stadt, sehe Brachflächen zwischen den Häusern und fragte mich, ob man da nicht etwas anbauen könnte. Und in meinem kleinen Blumengarten (der immer noch überfüllt ist mit Pflanzen, die die Vormieter dort hinterlassen haben) suche ich inzwischen kleine Eckchen, in denen ich vielleicht etwas Gemüse anbauen könnte. Es würde bei mir vermutlich nicht so einfach gedeihen, wie im sonnigen Kalifornien, aber eine frisch geerntete selbstgezogene Gurke schmeckt doch deutlich besser als eine, die schon einige Wegstunden hinter sich gebracht hat oder gar einen Aufenthalt im Supermarktkühlhaus erlebte. Noch habe ich Hemmungen die gesunden Blumen auszurupfen und auch der Schweinehund, der sich sicher ist, dass so ein Nutzgartenanteil doch noch mehr Arbeit macht, muckt, aber los lässt mich der Gedanke an mein eigenes Gemüse seit dem Lesen von „Meine kleine Cityfarm“ nicht.

K. L. Going: Voll daneben (Ein unmöglicher Roman)

„Voll daneben“ von K. L. Going habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und den Roman so gut in Erinnerung behalten, dass ich doch noch einen Blogbeitrag dazu schreiben will. Für mich war das Jugendbuch an einem Nachmittag zu lesen, die Geschichte ist nicht so anspruchsvoll und stellenweise sogar vorhersehbar, aber trotzdem hat es mir sehr gut gefallen und mich bei manchen Szenen sehr nachdenklich gemacht.

Die Hauptfigur Liam Geller scheint ein beneidenswertes Leben zu führen. Er kommt aus reichem Haus, sieht gut aus und ist sportlich. Seine Mutter Sarah war mal ein weltbekanntes Model, während sein Vater Allan ein Geschäftsmann ist, der einfach immer Erfolg hat. Schon als kleines Kind hat Liam alles dafür getan, dass seine Eltern stolz auf ihn sind. Doch so richtig hat das nie geklappt. Höhepunkt von Liams Verfehlungen ist der Tag, an dem der Junge von seinem Vater dabei erwischt wird, wie er volltrunken versucht einer Mitschülerin auf dem väterlichen Schreibtisch näher zu kommen. Beide Beteiligten sind so gut wie nackt – und die ganze Situation gibt genügend Anlass zum Fremdscham. Und trotzdem schwingt schon bei dieser ersten Szenen mit, dass Liam nicht einfach ein verantwortungsloser reicher Junge ist, sondern dass hinter seinem Benehmen deutlich mehr steckt.

Für seinen Vater Allan hingegen ist dies der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt, und so setzt er seinen Sohn vor die Tür. Während Liam keine Ahnung hat, was nun aus ihm werden soll, organisiert seine Mutter eine Unterkunft bei Liams Onkel Pete. Pete ist der ältere Bruder von Allan Geller und wurde schon vor langer Zeit von seiner Familie geächtet. Denn Pete ist – zum großen Entsetzen seiner konservativen Familie – nicht nur schwul, sondern auch Mitglied einer Glamrock-Band. Auch Liam hat Probleme mit der Lebensweise seines Onkels, den er immer nur „Tante Pete“ nennt. Denn dieser wohnt nicht nur in einem Wohnwagenanlage und lebt vor allem für seine Musik, sondern hat auch drei sehr gute Freunde, die sich von nun an ebenfalls in Liams Leben einmischen.

Für Liam scheint es nur einen Ausweg aus dem Wohnwagenpark in dem kleinen Ort Pineville zu geben: Er muss es endlich schaffen, der Sohn zu werden, auf den sein Vater stolz sein kann. Blöderweise denkt Liam, dass es hilfreich wäre, wenn er sich ein Streberimage zulegen und mit den „richtige“ Leuten anfreunden würde. Er tut alles, um seine Leidenschaft für Mode und Markenlabels zu unterdrücken und hofft, dass niemand herausfindet, dass er quasi neben seiner Mutter auf dem Laufsteg aufgewachsen ist. Doch natürlich kommt es immer wieder zu Situationen, in denen er deutlich cooler ist als er sein möchte und in denen er sein Auge für Mode und Schnitte nicht verleugnen kann.

Die Autorin erzählt Liams Geschichte einmal in der Gegenwart, wo man all seine Bemühungen und all seine Gedanken verfolgen kann, und dann gibt es noch – häufig am Kapitelanfang – Kindheitserinnerung, die Liams Familienverhältnisse beleuchten und zeigen, welche Situationen seinen Charakter geformt haben. Ich fand das Buch sowohl witzig, als auch schon fast schmerzlich zu lesen. Abgesehen von einem – allerdings erstaunlich wenig unangenehmen – Fremdscham-Teil, ist es sehr anrührend wie sehr der Junge um die Anerkennung seines Vaters kämpft. Dass dieser Mann das Problem ist und nicht Liams Begabungen und Talente, steht für einen sehr schnell fest, aber gerade deshalb ist es so berührend, dass Liam nicht in der Lage ist seine eigenen Stärken zu sehen und zu akzeptieren.

Es ist K. L. Going gelungen Liam, seinen Onkel Pete und das ganze Umfeld in der kleinen Stadt Pineville so sympathisch darzustellen, dass die Geschichte an keiner Stelle langweilig wird. Obwohl einige Hintergründe „jugendgerecht“ – und somit für viele erwachsene Leser etwas offensichtlich gestaltet sind (Warum trauen Verlage und Autoren eigentlich Jugendlichen häufig so wenig zu?) -, ist die Geschichte so witzig und spannend, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Zum Teil mochte ich nicht so recht glauben, dass ein Handlungsstrang wirklich so enden würde, wie ich es vorhersehen konnte und so schwankte ich beim Lesen zwischen Hoffen und Bangen und musste doch immer wieder laut auflachen, weil einige Situationen so absurd waren.

Natürlich kommt dieses Jugendbuch nicht ohne eine „Botschaft“ aus, aber diese ist in „Voll daneben“ so amüsant und mitreißend verpackt, dass ich damit gut leben konnte. Die Geschichte bringt auch den erwachsenen Leser dazu mal über sich und sein Leben nachzudenken. Zu überlegen, wie weit man sich doch oft den Erwartungen anderer beugt, statt seinen eigenen Wünschen und Träumen nachzugehen.

Matthew Pearl: Das letzte Kapitel

Bei der „Klappentextfrage“ hatte ich euch ja gefragt, was ihr bei der Inhaltsangabe von „Das letzte Kapitel“ erwarten würdet, und insgesamt ging die Tendenz bei euren Antworten schon zu einem spannenden historischen Krimi/Thriller. Während Natira sogar so verwegen war und übernatürliche Elemente in die Diskussion warf, meinten Soleil und Ailis, dass zumindest etwas Grusel zu erwarten sei. Ich persönlich hatte übrigens einfach nur einen schlichten historischen Bostoner Kriminalroman – vielleicht mit einem Hauch „Jack the Ripper“ von der Stimmung her – erwartet, obwohl der Klappentext schrecklich reißerisch formuliert ist.

Umso erstaunter war ich, dass ich mich beim ersten Kapitel in Indien wiederfand, wo zwei junge britische Polizisten (Turner und Mason) sich auf „Räuberjagd“ befanden. Erst das zweite Kapitel brachte mich nach Boston, wo ich erleben musste, wie ein junger Mann mit einem Bündel Seiten in den Händen verwirrt durch die Straßen wankt, während er von einer unheimlichen Gestalt mit einem auffälligen Gehstock verfolgt wurde. Und nein, es handelte sich bei dem jungen Mann nicht um Sylvanus Bendall, sondern um den Büroboten Daniel, der im Auftrag des Verlegers Osgood unterwegs war. Daniel stirbt und die Manuskriptseiten, die er am Hafen abgeholt hatte, verschwinden. Doch nach dieser fesselnden Szene beginnt für den Leser kein spannender Kriminalroman, stattdessen durfte ich fast die Hälfte des Buches hinter mich bringen, bis wieder ein wenig Spannung bei mir aufkam.

Denn trotz der Krimielemente ist dieses Buch vor allem eine Hommage an den Schriftsteller Charles Dickens, die Matthew Pearl mit vielen Details über sein Leben und die Zeit, in der er lebte, ausschmückte. So wird die Geschichte in drei Handlungssträngen erzählt. Einmal erlebt man aus der Perspektive des Verlegers Osgood, wie die Verlagswelt im Jahr 1870 in Amerika aussah, welche Rechtsprobleme es bei Büchern ausländischer Autoren gab und wie wichtig es für das Verlagshaus Fields, Osgood & Co. war, die letzten Seiten, die Dickens geschrieben hatte, in die Hände zu bekommen. Dieser Teil ist unterhaltsam und für jeden Buchliebhaber interessant – und wird von Matthew Pearl auch gleich als Aufruf an die Verlagswelt genutzt, dass Qualität und eine anständige Behandlung der Autoren wichtiger sind als das schnelle Geld.

Der zweite Erzählstrang dreht sich um Charles Dickens’ letzte Reise nach Amerika, um seine Erlebnisse dort – sehr faszinierend, was für ein Kult damals um den Autor betrieben wurde –, seine Person und sein Umfeld. Der dritte Teil spielt in Indien, und auch wenn man das anfangs nicht vermutet, so lernt man hier Charles Dickens’ Sohn Frank kennen. Während die ersten beiden Handlungsstränge mir ein paar neue Erkenntnisse über die Zeit, über Charles Dickens und über das Verlegerhandwerk im Jahr 1870 gebracht haben, hatte ich bei den Indien-Passagen immer ein großes Fragezeichen im Gesicht, weil ich den Teil lange nicht mit der restlichen Geschichte in Verbindung bringen konnte. Und ganz ehrlich, für die dünne Verknüpfung, die sich dann am Ende ergibt, hätte man diesen Part nicht in das Buch einbringen müssen.

Abgelenkt durch das Indienkapitel am Anfang und weil ich einen Krimi erwartete, brauchte ich ziemlich lange, bis ich in das Buch reingefunden hatte. Erst als ich das Ganze als historischen Roman rund um Dickens akzeptierte und nicht länger einen spannenden Krimi, der mit realen historischen Elementen spielt, erwartete, konnte ich mich mehr auf die Geschichte einlassen. Matthew Pearl hat mir beim Lesen das Gefühl gegeben, dass er sehr sorgfältig recherchiert hat und dass seine Darstellungen von Boston und England und den damaligen Lebensumstände sehr realistisch sind. Das hat mir – ebenso wie die Figur des Verlegers Osgood – sehr gut gefallen, war aber nicht besonders mitreißend geschrieben.

Auch die ständigen Zeitsprünge zu Dickens‘ Lesereise durch Amerika oder die Abschweifungen auf die Ereignisse in Indien haben bei mir nicht die Neugierde angefacht, sondern mir eher das Gefühl verliehen, dass die Handlung einfach schlecht konzipiert ist. Trotz des Rätsels um Charles Dickens’ letzten Roman fehlten mir einfach die kleinen, raffinierten Elemente, mit denen ein guter Autor die Spannung beim Leser hält und dafür sorgt, dass man das Buch einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. Erst ganz am Schluss gibt es einen etwas rasanteren Showdown, doch so ganz konnte mich der nicht für die ausschweifige Erzählweise entschädigen.

Als Hommage an Dickens und an seinen unvollendeten Roman „Das Geheimnis des Edwin Drood“, ebenso wie an die integren amerikanischen Verleger, die ein Buch als Gesamtkunstwerk verstehen und nicht als Ramschware, ist „Das letzte Kapitel“ eine faszinierende – wenn auch etwas langatmige – Lektüre, doch dann hätte man auf so einige Passagen (zum Beispiel die Handlung in Indien) verzichten können. Als Kriminalroman hingegen würde ich dieses Buch eher nicht bezeichnen …

[Graphic Novel] Jane Austen (und Nancy Butler): Pride and Prejudice

Eigentlich hatte ich diese Graphic Novel ja mit dem Hintergedanken an die „I’m in English“-Challenge noch im SuB-Regal liegen lassen. Aber letztes Wochenende hatte ich dann doch  zuviel Lust auf die Geschichte, um sie nicht endlich zu lesen. In der Reihe „Marvel Classics“ wurden hauptsächlich Romanklassiker wie „Picture of Dorian Gray“, „The Three Musketeers“ und „The Iliad“ umgesetzt. Diese Themen sprechen – nach Meinung der Autorin Nancy Butler – vor allem Jungen an, und so war sie sehr erfreut über die Möglichkeit für Marvel eine Geschichte umsetzen zu können, die eher Mädchen ansprechen und in die Comicläden locken sollte. Und bei der witzigen Coveridee könnte das sogar funktioniert haben, wenn die kaufenden Mädchen keine Ahnung hatten, was das für eine Geschichte ist.

Im Vorwort informiert Nancy Butler nicht nur darüber wie es zu der Grundidee zu dieser Graphic Novel kam, sondern erzählt auch wie sie versuchte die Sprache Jane Austens zu modernisieren, um dann einzusehen, dass das Original doch die ansprechendste Version ist. So hat sie die Dialoge des Romans unangetastet gelassen und nur durch eine Erzählperspektive die Geschichte (deutlich) gekürzt. Trotzdem hatte ich beim Lesen von „Pride an Prejudice“ das Gefühl ein sprachlich stimmiges Gesamtwerk vorzufinden – was mir gut gefallen hat.

Deutlich mehr Kritikpunkte finde ich allerdings an den Zeichnungen. Obwohl Hugo Petrus sich merklich Mühe gegeben hat, um die Atmosphäre der Zeit einzufangen, und obwohl viele Details liebevoll und stimmig dargestellt werden, habe ich mich beim Betrachten der Bilder immer wieder geärgert. Versteht mich nicht falsch, es gibt wunderschöne Zeichnungen in diesem Comic – vor allem, wenn man an amerikanische Superheldencomics (samt üppiger Lippen und wallenden Haarmähnen bei den Damen) gewöhnt ist, dann gibt es eigentlich an den Darstellungen nichts zu meckern. Aber wenn man die Abbildungen vor dem Hintergrund betrachtet, dass das eine Geschichte ist, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts spielt, dann gibt es so viele Ärgernisse. Allein über die Frisuren hätte ich mich aufregen können, denn adrett zu sein galt damals doch zu viel, als dass eine Frau so rumgelaufen wäre. 😉

Wenn man aber über dieser Kleinigkeiten hinwegsehen kann, dann bietet einem „Pride and Prejudice“ als Graphic Novel eine gute Möglichkeit mal in die Geschichte hineinzuschnuppern. Wer noch nicht mit Jane Austen vertraut ist, kann so herausfinden, ob ihm die Sprache und die Geschichten, die dieser Autorin erzählt, zusagen. Für „Zwischendurch“ ist diese Präsentationsform auf jeden Fall geeignet, auch wenn viel von dem Witz und der Gesellschaftskritik Jane Austens – natürlich – auf diese Weise verloren geht. Da „Sense and Sensibility“ von einem anderen Zeichner umgesetzt wurde und ich mal wieder neugierig bin, wird diese Geschichte demnächst auch noch bei mir als Graphic Novel einziehen.

Agatha Christie: Passenger to Frankfurt

Über „Passenger to Frankfurt“ bin ich in einer der Agatha-Christie-Biografien gestolpert, die ich letztes Jahr gelesen habe. Da stand, dass dies der einzige Roman sei, der nicht ins Deutsche übersetzt worden sei – und natürlich war ich neugierig, was das für eine Geschichte ist. (Inzwischen habe ich übrigens rausgefunden, dass das Buch 2008 ins Deutsche übersetzt wurde, allerdings scheint die Ausgabe nicht mehr erhältlich zu sein.) Auf jeden Fall ist „Passenger to Frankfurt“ kein gewöhnlicher Christie-Roman, obwohl das nicht das einzige Buch ist, in dem sich die Handlung um Spionage dreht. Aber in diesem Buch bezieht sich die Autorin ungewöhnlich oft auf die „jüngste“ Vergangenheit (der Roman erschien 1970) und es fallen einige kritische Bemerkungen zu Politik und Diplomatie.

Hauptfigur dieser Geschichte ist Sir Stafford Nye, ein junger Diplomat, der die großen Hoffnungen, die einst in ihn gesetzt wurden, nicht erfüllt hat. Denn für seinen Beruf verfügt er über einen überaus unpassenden Humor, der ihn zu einem unberechenbaren Gesprächspartner macht, was einem Karriereaufstieg deutlich im Wege steht. Und sein Humor und sein Sinn für absurde Situationen sind es auch, die ihn auf einem Heimflug in Schwierigkeiten bringen. Denn als er in Frankfurt darauf wartet, dass der Nebel in London sich soweit verzieht, dass der Flug weitergehen kann, wird Stafford von einer jungen Frau angesprochen. Diese Dame wurde durch die Zwischenlandung in Frankfurt in große Schwierigkeiten gebracht und benötigt nun Hilfe, um sicher weiter nach England reisen zu können. Von seiner Abenteuerlust angestachelt, lässt sich Sir Stafford Nye dazu überreden ihr seinen ungewöhnlichen Mantel und seinen Pass zu überlassen, damit sie in seine Rolle schlüpfen und so sicher heimkehren kann.

Nach dieser ungewöhnlichen Ausgangssituation zieht sich die Geschichte erst einmal ganz schön hin. Sir Stafford Nye wird bei seiner Heimkehr misstrauisch vom Geheimdienst beäugt, weil er sich in Frankfurt angeblich hat betäuben und ausrauben lassen und weil sein Pass ohne ihn heimgeflogen ist. Die Behörden sind sich nicht sicher, ob der Diplomat nicht vielleicht in unsaubere Geschäfte verwickelt ist – auch wenn der eine oder andere Beamte den Verdacht hegt, dass Stafford harmlos ist und nur sein allseits bekannter Humor ihn in diese Situation gebracht hat. Stafford hingegen versucht mehr über die geheimnisvolle Frau herauszufinden, fragt sich, ob sie heil nach England gekommen ist – und muss feststellen, dass jemand seine Schritte genau im Auge behält. Letztendlich entwickelt sich die Handlung zu einer eher unglaubwürdigen Geschichte rund um eine geheimnisvolle Organisation, die versucht die Weltherrschaft an sich zu reißen. Mehr will ich dazu gar nicht verraten, für den Fall, dass einer von euch das Buch noch lesen will.

Obwohl  immer wieder Szenen und Figuren auftauchen, die ich als sehr typisch für Agatha Christie empfinde – vor allem Staffords Großtante Matilda erinnerte mich an so einige meiner „viktorianischen“ Lieblingsladys in den anderen Krimis-, konnte mich „Passenger to Frankfurt“ nicht so recht überzeugen. Die Handlung zieht sich hin und bei einigen Passagen habe ich mich gefragt, zu welchem Zweck sie überhaupt in das Buch eingebaut wurden. Während anfangs Sir Stafford Nye als Hauptfigur fungierte, wird die Spionagegeschichte letztendlich doch von einem Haufen Politikern und Geheimdienstmitarbeitern beendet – und auch wenn ich mich immer wieder über ein Wiedersehen mit Mr. Robinson (der Mann, der einfach alles über Geld weiß) freue, so sind diese Szenen doch eher langweilig zu lesen. Doch vor allem habe ich mich über die Unglaubwürdigkeit der Geschichte geärgert. Eigentlich gibt es einige interessante Ansätze, wie die geheimnisvolle Begegnung am Flughafen, die faszinierende Spionin und die unheimliche Organisation, aber letztendlich kann Agatha Christie keinen Handlungsstrang überzeugend zuende führen.

Ich bedauere nicht, dass ich „Passenger to Frankfurt“ gelesen habe, denn so habe ich auch diese Seite von Agatha Christies Werk kennengelernt, aber noch einmal werde ich die Geschichte bestimmt nicht lesen. Nur gut, dass ich das Buch aus der Bibliothek ausleihen konnte. Oh, und „Passenger to Frankfurt“ ist mein Februar-Buch für die „I’m in English“-Challenge gewesen.

Richard Castle: Heat Wave

Der Roman „Heat Wave“ hat seinen Ursprung in der Fernsehserie „Castle“, da dort von der Hauptfigur Richard Castle eine Geschichte mit diesem Titel verfasst wurde – und die Serienmacher es dann für keinen schlechten Marketingtrick hielten, so ein Buch auch tatsächlich zu veröffentlichen. Die Serie kenne ich bislang noch nicht. Aber da Bibendum so ein Fan davon ist und mir Serie und Bücher nahebringen wollte, lieh sie mir sowohl „Heat Wave“ als auch den Folgeband „Naked Heat“. Und weil das Buch so schön dünn ist, hatte ich mir „Heat Wave“ als Einstieg für die „I`m in … English“-Challenge vorgenommen (zumindest nachdem ich mit der Liebesroman-Leihgabe von Irina nicht so recht vorankam 😉 ).

Leider hat mich „Heat Wave“ nicht so ganz überzeugen können. Ich könnte mir vorstellen, dass man als Fan der Serie – wenn ich Bibendums Meinung richtig in Erinnerung habe – Parallelen zwischen den Protagonisten ziehen könnte, aber für mich war das Ganze nur eine nicht besonders spannende Kriminalgeschichte. Die Hauptfiguren von „Heat Wave“ sind die Polizistin Nikki Heat und der Journalist Rook, der einen Hintergrundbericht über die New Yorker Polizei und ihre Arbeit schreibt. Nikki ist eher genervt von ihrem ständigen Begleiter (fühlt sich aber auch von ihm angezogen), während sie ermitteln soll, wer den erfolgreichen Bauunternehmer Matthew Starr ermordet hat. Dieser ist nämlich aus dem sechsten Stockwerk seines Wohnhauses gestürzt – und alle Anzeichen sprechen dafür, dass das kein freiwilliger Flug vom Balkon war. Dabei scheint es auf den ersten Blick keinen Grund für eine solche Tat zu geben. Das Opfer war zwar (erfolg)reich, aber anscheinend ein geachteter Mann, der mit seiner hübschen (und deutlich jüngeren) Ehefrau eine vorzeigbare Ehe führt. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass weder die finanzielle noch die berufliche oder private Situation des Opfers so beneidenswert waren, wie man hätte vermuten können.

Während der Kriminalfall eher Standard ist, gibt es häufig amüsant gemeinte Dialoge zwischen den beiden Protagonisten Nikki und Rook, die in meinen Augen aber nicht immer funktionieren. Denn es gibt schon einen deutlichen Unterschied zwischen einer Geschichte, die als Serienfolge ausreicht, und einem unterhaltsamen und soliden Roman. Und während gute Schauspieler (und eine durchlaufende Hintergrundidee) aus einer durchschnittlichen Krimihandlung (und einem in ähnlicher Form schon diverse Male gehörten Dialog) noch eine unterhaltsame Sache machen können, fehlt bei einem Roman diese ausgleichende Funktion der Schauspieler, und so liegen die Handlungsschwächen offen zutage. Auch hat für mich die Chemie zwischen den beiden Hauptfiguren lange Zeit nicht gestimmt. Vielleicht wäre das anders, wenn ich die Castle-Serie kennen – und mögen – würde, aber so fand ich den „Schlagabtausch“ zwischen Nikki und Rook vorhersehbar und viel zu oft für mich nicht nachvollziehbar.

„Heat Wave“ ist unübersehbar wie eine Serienfolge konzipiert – und das ist für mich kein positives Merkmal. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass ich in den letzten Jahren so viele amerikanische Krimiserien gesehen habe, dass ich inzwischen nicht nur übersättigt bin, sondern in der Regel auch nach der ersten Viertelstunden sagen kann, in welche Richtung die Drehbuchautoren den Plot weitergesponnnen haben. (Hm, das könnte ein Grund dafür sein, dass mein Mann mit mir keine Krimiserien mehr gucken will – oder es ist die Tatsache, dass unserem Gefühl nach die Serien immer schlechter werden. 😉 ) Vermutlich hätte ich kein Problem mit der Klischeehaftigkeit der Figuren und dem nur langsam anlaufenden Kriminalfall, wenn ich mich abends mit abgeschaltetem Gehirn vor den Fernseher setzen würde, aber als Roman hat mich das Ganze einfach nicht packen können. Jetzt bleibt nur noch abzuwarten, ob Bibendums Bekehrungsversuche zur Fernsehserie nächste Woche Erfolg habrn – und wer weiß, wenn das klappen sollte, dann sehe ich den Roman ja vielleicht auch mit anderen Augen. 😉

Oh, noch ein Nachtrag: Auch wenn ich „Castle“ nicht kenne, so habe ich einige Folgen von „The Mentalist“ (auch keine Serie, die mich begeistert) gesehen und bei dem Verhalten von Nikki und Rook musste ich regelmäßig an die Hauptfiguren dieser Serie denken – was ein weiterer Punkt war, warum ich mit dem Buch nicht warm geworden bin …

Michael Koser: Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen 2 – Das sicherste Gefängnis der Welt

„Das sicherste Gefängnis der Welt“ ist die zweite Folge rund um den genialen Wissenschaftler van Dusen – und wer sich die Kommentare zu der Hörspielproduktion anhört, die man am Ende der CD präsentiert bekommt, der erfährt auch noch so einiges über den Autor, die beiden Regisseure und weitere Hintergründe der Serie. Doch so interessant das alles ist, ich habe vor allem diese wunderbare Geschichte genossen!

Alles beginnt an einem Abend, an dem Professor van Dusen gemeinsam mit ein paar Freunden in einem Restaurant isst. Unter ihnen befindet sich auch der Gefängnisdirektor Ransome und seine Frau, und als van Dusen die Meinung äußert, dass der menschliche Geist in der Lage ist sämtliche Hindernisse zu überwinden, fühlt sich Ransome herausgefordert. So kommt es zu einer ungewöhnlichen Wette: Professor van Dusen erklärt sich bereit eine Woche lang „Gast“ in dem von Ransome geleiteten Gefängnis zu sein.

Dieser Knast gilt als das sicherste Gefängnis der Welt und so ist sich der Direktor sicher, dass die Kerkermauern für den Professor – auch bekannt als „Die Denkmaschine“ – zu einem unüberwindbaren Problem werden. Der Professor hingegen bleibt bei der Meinung, dass ein intelligenter Mensch auch mit so einer Situation fertig wird. So liegt es nun an ihm zu beweisen, dass es ihm auch unter normalen Gefängnisbedingungen gelingt aus der besonders sicheren Todeszelle auszubrechen, um eine Woche später eine weitere Essensverabredung einzuhalten. Schafft der Professor diesen Gefängnisausbruch, so muss Ransome für die Rechnung aufkommen – ansonsten geht das Essen auf die Kosten des Wissenschaftlers …

Die ersten „Van Dusen“-Hörspiele erinnern mich immer an ein Kammerspiel. Es gibt nur wenige Figuren und die Geschichte wird sehr konzentriert präsentiert. Wieder ist es der Reporter Hutchinson Hatch, der dem Zuhörer von den Geschehnissen berichtet – und nur eine kleine Bemerkung am Anfang gibt einen Hinweis darauf, wie es dem Professor letztendlich gelingen könnte, aus seiner Zelle auszubrechen. Ansonsten kann man verfolgen wie van Dusen seine Umgebung (inklusive Ratten und Gefängniskost) erkundet, wie er versucht den Wärter auszuhorchen und wie seine ungewöhnlichen Aktivitäten im Laufe der Woche für nicht wenig Stress bei dem Gefängnisdirektor Ransome sorgen. Alles in allem ist es eine wirklich amüsante Krimifolge, in der es zwar nicht um Leben und Tod geht, bei der die Geschichte trotzdem spannend zu verfolgen ist. Schließlich geht es darum, dass der Professor unter Beweis stellen muss, dass sein Verstand jeder Gefängnismauer überlegen ist!

Michael Koser: Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen 1 – Eine Unze Radium

Ich muss gestehen, mit dieser Rezension möchte ich ein bisschen Werbung für eine ganz wunderbare Hörspiel-Reihe machen. Denn je mehr Leute sich dazu überwinden die CDs zu kaufen, desto größer ist die Chance, dass auch die weiteren Folgen irgendwann gekauft werden können. Ich habe die „Van Dusen“-Hörspiele leider nicht durch die Radioausstrahlungen (die 1978 begannen) kennengelernt, sondern Jahre später von einer Freundin Mitschnitte geliehen bekommen. Nachdem mir diese Radio-Mitschnitte gut gefallen hatten, habe ich natürlich versucht irgendwie selber an die „Van Dusen“-Folgen zu kommen, aber zu der Zeit gab es – unter anderem aufgrund von Rechtsstreitigkeiten – keine Hoffnung auf eine ganz normal käuflich erwerbbare Variante dieser Hörspiele.

Umso schöner war es für mich, als ich herausfand, dass die ersten vier Folgen seit Oktober 2010 auf CD zu bekommen sind – und so stand für mich fest, dass ich die (trotz des nicht gerade günstigen Preises) unbedingt haben musste. Zu Weihnachten gab es also den ersten Teil „Eine Unze Radium“, den wir dann Silvester als krönenden Jahresabschluss gehört haben. Der zweite Teil, „Das sicherste Gefängnis der Welt“ wurde mir übrigens gestern (zusammen mit den beiden „Dead like me“-Staffeln) geliefert und wird hoffentlich am Wochenende gehört.

Doch nun endlich mal zum Inhalt! Die Figur des Professor van Dusen basiert auf Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Jacques Futrelle und wurden von dem Autor Michael Koser für Hörspiele verwendet, die er für den RIAS geschrieben hatte. Dabei hat sich der deutsche Autor nur anfänglich an die Geschichten des „Van Dusen“-Erfinders gehalten und bald eigene Handlungsstränge rund um den genialen Professor, der auch „Die Denkmaschine“ genannt wird, entwickelt. Neben dem Professor, der seine Logik an den diversen rätselhaften Kriminalfällen erprobt, spielt der Reporter Hutchinson Hatch eine große Rolle. Er übernimmt nicht nur die Rolle des Erzählers, sondern trägt auch seinen Teil zur Lösung der Kriminalfälle bei, in dem er Professor van Dusen nicht nur Laufarbeit abnimmt, sondern ihn auch über aktuelle Vorfälle und Klatsch und Tratsch informiert.

In „Eine Unze Radium“ verschwindet genau diese Menge des hochbrisanten Materials aus einem fensterlosen Labor. Abgesehen von Professor Dexter, der wichtige Versuche mit dem Radium vorhat, hat niemand den Raum betreten – und der Professor ist eindeutig nicht der Täter. So macht sich sein Kollege Professor van Dusen daran, herauszufinden wie das Radium aus dem Labor verschwinden konnte, während Professor Dexter im Vorraum mit einer französischen Besucherin über den Ankauf weiteren Radiums verhandelte.

Wer eine Schwäche für Sherlock-Holmes- oder andere klassische Kriminalgeschichten hat, wird zwar schnell auf die Lösung der Falles kommen, aber das ändert nichts daran, dass „Eine Unze Radium“ wunderbar unterhaltsam ist. Die Sprecher – allen voran Friedrich W. Bauschulte als Professor van Dusen, aber auch Klaus Herm als Hutchinson Hatch – leisten sehr gute Arbeit und es ein Vergnügen ihnen zuzuhören. Ich muss aber auch zugeben, dass ich einfach eine Schwäche für Bauschultes Stimme habe. Für mich ist der Sprecher die perfekte Verkörperung eines nicht gerade jungen, aber hellwachen Wissenschaftlers und ich höre ihn einfach zu gerne.

Was die Produktion angeht: Die Tonqualität ist prima! Ansonsten hört man deutlich, dass die „Van Dusen“-Geschichten in den 70er Jahren als Radiohörspiele produziert wurden. Hier bekommt man wunderbare Sprecher geboten, aber es gibt keine extra eingebauten Hintergrundgeräusche, die die Handlung untermalen sollen und keine überwältigenden Musik, die an den spannenden Stellen aufbrandet. Mir persönlich gefällt das sehr gut, auch wenn ich nichts gegen eine gelungene Geräuschuntermalung habe (wobei mir in letzter Zeit auffällt, dass tolle Effekte bei Hörspielen – genauso wie beim Fernsehen – anscheinend als ausreichender Ersatz für eine gute Handlung oder vernünftige Sprecher/Schauspieler angesehen werden). So bekommt man mit „Eine Unze Radium“ ein klassisches Krimihörspiel. Die Handlung könnte noch überraschender und etwas weniger behäbig sein, aber da ich die weiteren „Van Dusen“-Fälle zum Großteil kenne, kann ich versichern, dass sich die Serie positiv weiterentwickelt.