Kategorie: Rezension

Dies und Das (1) und ein paar Leseeindrücke

Wie ihr vermutlich bemerkt habt, war ich in den letzten Wochen etwas stiller. Das lag unter anderem daran, dass mein Mann fast drei Wochen Urlaub hatte und mein Kommunikationsbedarf somit zuhause mehr als gedeckt wurde. Und dann gab es für uns zu Weihnachten einen neuen Fernseher, der auch erst einmal gründlich getestet wurde. In erster Linie zwar von meinem Mann, der sich mit „Gran Turismo 5“ austobte, aber auch ich musste das neue Spielzeug doch auf Herz und Nieren prüfen. (Und ich verrate euch jetzt lieber nicht, dass ich in den letzten Tagen auch so einige Runden auf der Rennstrecke gedreht habe, um für meinen Mann etwas Geld zu erspielen, damit er sich sein Wunschauto kaufen konnte … *ohje* ) Momentan macht sogar das Gucken von Quizsendungen beinah wieder Spaß, da wir endlich mal wieder in der Lage sind die Anwortmöglichkeiten auf dem Fernseher zu entziffern. Seit Anfang der Woche arbeitet mein Mann wieder, aber ich habe es immer noch nicht geschafft meinen normalen Alltagsrhythums wiederzufinden. Das bedeutet, dass ich zwar versuche früh(er) ins Bett zu gehen, aber trotzdem bis vier Uhr morgens die Decke anstarre, während ich versuche einzuschlafen. Und mit so wenig Schlaf fällt es mir auch recht schwer früh genug aufzustehen, um den Vormittag richtig zu nutzen. Nun, das wird sich auch wieder einpendeln.

Wobei mir das Wetter gerade auch einen Strich durch die Rechnung macht. Abgesehen davon, dass es mir eindeutig zu warm für diese Jahreszeit ist und ich die Kopfschmerzen kaum noch loswerde, gefällt mir der Blick in den Garten gar nicht. Überall sprießt und grünt es, der Schmetterlingsflieder bekommt lauter zartgrüne Blätter, die Hecke sieht auch deutlich grüner aus als vor einer Woche und in den Beeten regt sich auch ein frühjahrshaftes Leben. Ich will lieber nicht wissen, welche Auswirkungen der nächste Frost haben wird …

Leseeindrücke:

Immerhin bin ich diese Woche endlich wieder zum Lesen gekommen, auch wenn ich dabei noch immer etwas unkonzentrierter bin als mir lieb wäre. So habe ich ehrlich gesagt auch keine Lust richtige Rezensionen zu schreiben, mag aber doch ein paar Worte zu den gelesenen Büchern hinterlassen.

Kim Harrison: Madison Avery – Totgeküsste leben länger
Das Buch hat mir von der ersten Seite an gefallen, auch wenn ich gerade in keiner Lesestimmung war. Ich mag die Grundidee, obwohl ich sonst unglaublich skeptisch bin, wenn es um das Thema Engel geht. Mir haben die meisten Charaktere gefallen, vor allem Madison, die versucht sich nicht von der Tatsache unterkriegen zu lassen, dass sie eigentlich tot ist und nur dank eines von ihrem Mörder geklauten Amulett noch eine Art Existenz führt. Da dieser Roman ein Jugendbuch ist, kann ich auch über die stellenweise etwas zu lockere Sprache hinwegsehen. Auf jeden Fall hat mir dieser Band große Lust auf die Fortsetzung gemacht!

Jonathan E. Howard: Jonathan Cabal – Seelenfänger
Das Buch ist mir freundlicherweise von Natira geliehen worden, deren Rezension mir Lust auf das Lesen gemacht hatte. Doch hat es einige Zeit gedauert bis ich mit der Geschichte warm geworden bin. Denn während Natira den Humor genossen hat, so empfand ich das Ganze als zu gewollt, zu übertrieben. Natürlich reizt eine solche Geschichte zu bestimmten Klischees und Übertreibungen, aber Jonathan E. Howard hat es dabei in meinen Augen zu sehr übertrieben und – vor allem zu Beginn – zu wenig eigene Ideen gehabt. Wobei ich Horst sehr mochte und auch die Bewohner in den letzten Ort, in dem Cabal mit seinem Jahrmarkt Rast machte. Letztendlich hat mir das Lesen aber nicht so viel Spaß gemacht, dass ich zu einer Fortsetzung greifen würde.

Susan Mallery: Frisch verheiratet
Da ich auf diversen Blogs sehr positive Rezensionen zu der Autorin gelesen und große Lust auf einen heiteren Liebesroman hatte, habe ich mir ein Buch von Susan Mallery in der Bibliothek ausgeliehen. Ich weiß nicht, ob ich damit den schlechtesten Teil dieser Serie um die drei Keyes-Schwestern erwischt habe, aber nach diesem Roman habe ich keine Lust noch ein weiteres Buch der Autorin auszuprobieren. Die Charaktere interessieren mich nicht, abgesehen davon, dass ich sie die Hälfte der Zeit kräftig schütteln will, die Handlung ist extrem langweilig und vorhersehbar und den angepriesenen Humor habe ich in dieser Geschichte auch nicht gefunden.

Julia Quinn: Hochzeitsglocken für Lady Lucy
Hach, schön … Mehr müsste ich eigentlich dazu gar nicht sagen. Irina meinte zwar, dass viele Leute diesen achten Band als den schlechtesten der Bridgerton-Reihe empfunden hätten, aber mir hat er gut gefallen. Und im Gegensatz zu den vorher genannten drei Büchern haben ich diesen Roman in einem Zug durchgelesen, weil es so schön war. Ich mag Julia Quinns Humor, ich mochte Gregory und Lucy und ich habe mich beim Lesen rundum gut unterhalten gefühlt. Am liebsten würde ich jetzt mit der Reihe noch einmal von vorne anfangen, aber leider habe ich inzwischen die ersten Bände viel zu gut verstaut … Oh, und die Grundvoraussetzung der Geschichte (Gregory verliebt sich in die schöne Hermione, um dann nach und nach festzustellen, dass die Person hinter dem hübschen Gesicht seinen Erwartungen nicht so ganz verspricht) erinnert mich sehr an eine meiner Lieblingsautorinnen (nein, ich schreibe nicht schon wieder ihren Namen in einen Leseeindruck über einen Quinn-Roman).

Oh, und mit dem Lesen von „Madison Avery“ und „Hochzeitsglocken für Lady Lucy“ habe ich mich auch brav an meinen Vorsatz gehalten, die Neuzugänge innerhalb von sechs Wochen zu lesen. Bei der „Menge“ war das trotz Leseunlust auch kein Problem … 😉

Jane Austen: Verstand und Gefühl

Ausnahmsweise gibt es hier mal den Klappentext der CD-Box und keine eigene Inhaltsangabe zu der Geschichte: Elinor und Marianne Dashwood sind so verschieden, wie zwei Schwestern nur sein könnten: Während die eine diszipliniert und vernünftig ist, handelt die andere emotional und impulsiv. Dennoch verbindet die beiden das scheinbar ausweglose Schicksal, sich im England des achtzehnten Jahrhunderts den gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen und auf die große Liebe verzichten zu müssen …

Ich habe in diesem Jahr so viele Sachen von Jane Austen gelesen oder gehört, dass ich doch an der Jane-Austen-Challenge von Sarah hätte teilnehmen können. Bei der Wohnzimmerrenovierung gab es die ungekürzte Lesung von „Verstand und Gefühl“, für die ebenfalls von Eva Mattes vorgetragene Version von „Stolz und Vorurteil“ habe ich allerdings noch keine Zeit gefunden. Dafür habe ich in diesem Monat „Emma“ und „Mansfield Park“ gelesen und im Herbst habe ich „Anne Elliot oder Die Kraft der Überredung“ genossen. Nach einem kleinen Anstupser von Holly fiel mir auf, dass ich noch keine Rezension für den „Klassiker“-Teil der „Ich bilde mich weiter“-Challenge geschrieben habe – irgendwie hatte ich mit dem Lesen des letzten Buches die Challenge innerlich abgeschlossen.

Doch bei soviel Auswahl habe ich kurzfristig beschlossen nicht über „Mansfield Park“ zu schreiben, sondern über „Verstand und Gefühl“, denn diese Geschichte klingt immer noch in mir nach. Den Roman hatte ich das erste Mal als Teenager gelesen und als Studentin noch einmal verschlungen – und jedes Mal fühlte ich mich zwiegespalten. Ich mag Elinor und Marianne, ich mag die Geschichte, aber ich hatte lange Zeit ein Problem mit der Grundaussage des Buches.

Denn während Elinor immer brav, geduldig und vernünftig ist und deshalb miterleben muss wie der Mann, den sie liebt, immer unerreichbarer wird, so führt die blinde Verliebtheit von Marianne zu großem Unglück für das Mädchen. Neben Elinors Ängsten um das Glück ihrer Schwester, ihrem stummen Leiden wegen ihrer eigenen unglücklichen Liebe und Mariannes Höchflügen und Depressionen lebt das Buch – wie es sich für einen Austen-Roman gehört – von den wunderbaren Dialogen und Nebenfiguren. So viele wohlmeinende Menschen und soviel Möglichkeiten für Missverständnisse, Lebensweisheiten und Dummheiten.

Ich liebe schon allein den Anfang der Geschichte, wenn die Schwägerin der Dashwood-Mädchen mit ihrem Mann darüber diskutiert, wie weit man die Familie nach dem Tod des Vaters finanziell unterstützen müsste. In diesen wenigen Zeilen gelingt es Jane Austen soviel über ihre Zeit und die Situation der Frauen auszusagen, so treffend die biestige Schwägerin und ihren nachgiebigen Mann darzustellen – und dabei so amüsant zu sein -, dass ich jedes Mal wieder begeistert bin. Je älter ich werde, desto mehr stehe ich übrigens auf der Seite der vernünftigen Elinor. Was ich auch faszinierend finde … ich glaube, es gibt wenige Bücher, bei denen mir so sehr auffällt, dass ich sie bei jedem Lesen wieder mit anderen Augen entdecken kann.

Natürlich ist es schön von der großen Liebe zu träumen und noch schöner wäre es, wenn jede Frau einen Mann heiraten könnte, den sie liebt und für den sie die einzige Frau auf der Welt ist. Aber wenn ich mich so in meinem Bekanntenkreis umgucke, dann bin ich immer etwas irritiert von all den Frauen, die keine Augen für die Männer in ihrer Umgebung haben, weil sie auf der Suche nach der großen Liebe sind. Und zu Jane Austens Zeit wäre ein solches Verhalten einfach dumm gewesen. Nur wenige Frauen hatten eigene finanzielle Sicherheit oder gar die Gewissheit, dass die Familie sie für den Rest ihres Lebens versorgen könnte. So war es umgemein wichtig sich an die gesellschaftlichen Regeln zu halten und sich gut zu verheirateten. Und ich glaube, dass einige dieser Vernunftehen gar nicht schlecht waren, solange beide Parteien gewillt waren das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Somit ist Elinors Haltung (auch wenn sie nicht immer ihren eigenen Gefühlen entspricht) nicht nur vernünftig, sondern auch der beste Selbstschutz, den sie finden kann. Wenn man nicht das große Glück erwartet, dann kann man auch in einer nicht so gefühlvollen Ehe vermutlich Zufriedenheit finden. Wenn man aber wie Marianne von der einen großen Liebe träumt, sich seinen Hoffnungen hingibt und sich am Ende mit einem fürsorglichen, aber deutliche älteren Mann abfinden muss, dann ist es wohl schwierig nicht den Rest seines Lebens dem einen hinterherzutrauern, in dem man so verliebt war.

Obwohl Jane Austen meiner Meinung nach verhältnismäßig wenig auf die Männer eingeht, habe ich mich dieses Mal doch gefragt wie für Mariannes Ehemann wohl die Zukunft aussieht. Ob er wirklich damit leben kann, dass seine Frau eigentlich einen anderen Mann liebte? Und ob es ihm gefällt, dass aus dem lebenslustigen und übermütigen Mädchen eine zurückhaltende Frau geworden ist, die ihn aufgrund von Vernunft und Freundschaft geheiratet hat, während er sich – entgegen aller Vernunft – in sie verliebte …

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht

Auch auf dieses Buch bin ich durch (mindestens) eine Blogrezension aufmerksam geworden – und mir hat es so gut gefallen, dass ich es an einem Nachmittag ausgelesen habe. 🙂 Wer sich für die Empfehlung verantwortlich fühlt, kann mir gern einen Kommentar hinterlassen, denn ich verliere so langsam den Überblick wer Auslöser dafür war, dass ich vor einigen Wochen ein Buch in der Bibliothek vorgemerkt habe.

In „Tote Mädchen lügen nicht“ bekommt Clay Jensen zwei Wochen nach dem Selbstmord von Hannah Baker ein überraschendes Päckchen. Inhalt dieser Sendung sind sieben Kassetten, auf Hannah in dreizehn Episoden erzählt, was sie zu ihrer Tat getrieben hat. Von vornherein stellt ein Anschreiben klar, dass das Mädchen die dreizehn erwähnten Personen dafür verantwortlich macht, dass sie Selbstmord begehen wird. Während Clay sich verzweifelt den Kopf zerbricht, was er getan haben könnte, um auf Hannahs Liste der Verantwortlichen gelandet zu sein, lauscht er eine Nacht lang wie besessen der Stimme der inzwischen toten Mitschülerin.

Von Anfang an steht fest, dass Clay in Hannah verliebt war, dass er sie lange Zeit beobachtet hat und nicht den Mut fand, ihr seine Zuneigung zu gestehen. Umso schlimmer ist es für ihn von all den kleinen und großen Begebenheiten zu hören, die das Leben für Hannah so schrecklich gemacht haben, dass sie Selbstmord beging. Dabei fängt eigentlich alles ganz harmlos an, es beginnt mit einer belanglosen – und vielleicht sogar lustig gemeinten – Liste, auf der Hannah zu dem Mädchen mit dem „geilsten Arsch“ der ersten Jahrgangsstufe gewählt wurde. Doch diese Liste löste viele kleine Vorfälle aus, die dazu führten, dass Gerüchte an der Schule kursierten gegen die Hannah nicht ankam.

Die Geschichte hat mich sehr schnell gefesselt. Zwar war ich anfangs etwas ungeduldig mit Hannah und habe aus meiner erwachsenen Sicht immer wieder gedacht, dass das alles doch kein Grund für Selbstmord sei. Aber trotz dieser Verständnislosigkeit in Bezug auf Hannahs Handeln, ist es einfach fesselnd ihre Aussagen auf den Kassetten – und Clays dazu parallel laufenden Gedanken – zu lesen. Während der Junge sich immer wieder Vorwürfe macht, weil er sich bei den diversen Begebenheiten nichts gedacht hat oder bestimmte Alarmsignale nicht verstanden hat, obwohl er Hannah so aufmerksam beobachtete, steht man als Leser da und verfolgt fassungslos, wie sich aus kleinen Dingen eine immer hässlichere Lawine entwickelt.

Auch wenn ich die eine oder andere Wendung etwas unrealistisch fand, so gelingt es Jay Asher doch die einzelnen Elemente der Geschichte so zu präsentieren, dass ich am Ende mit Tränen in den Augen dasaß und nicht fassen konnte wie sich das Ganze entwickelte. Es ist ganz faszinierend, wenn man ein Buch so zweigeteilt wahrnimmt. Auf der einen Seite war ich recht schnell emotional beteiligt und hatte zusammen mit Clay Angst davor, was er getan haben könnte, um Hannah zu verletzen, und litt mit dem Mädchen mit, das an all den kleinen und großen Kränkungen zerbrochen ist.

Auf der anderen Seite war da meine „erwachsene“ und rationale Seite, die mit einigen Details nicht so gut zurechtkam. Hannah hat sich zum Teil erstaunlich intelligent und wehrhaft verhalten, so dass mich ihre Passivität bei anderen Gelegenheiten richtig wütend gemacht hat. Versöhnt hat mich beim Lesen dann die Figur des Clay, der ebenso fassungslos vor Hannahs Bericht sitzt und zwar auch wütend über die Dinge ist, die dem Mädchen angetan wurde, aber auch wütend darüber ist, dass sie sich so verrannt hat, dass sie keine Hilfe gesucht hat und nicht auf die Menschen zugehen konnte, die sich etwas aus ihr gemacht haben.

Letztendlich hat mich „Tote Mädchen lügen nicht“ etwas zwiegespalten zurückgelassen. Emotional fand ich das Buch sehr berührend und es gibt auch den einen oder andere Anstoß,  um noch mal über das eigene Verhalten gegenüber anderen nachzudenken, aber auf der rationalen Ebene gibt es zu viele Punkte, die mich gestört haben, um den  Roman durchweg empfehlen zu können.

Charlotte Trümpler: Agatha Christie und der Orient – Kriminalistik und Archäologie

Ich hatte das große Glück und konnte durch die örtliche Bibliothek dieses Buch ausleihen, sonst wäre ich wohl nicht so schnell darüber gestolpert. In ihren autobiografischen Werken („Meine gute alte Zeit“ und „Erinnerung an glückliche Tage“) hatte Agatha Christie viel über die Ausgrabungen ihres Mannes Max Mallowan geschrieben und darüber, wieviel Freude es ihr immer bereitet hatte, dass sie dabei sein durfte.

Dabei hat die Autorin ihren eigenen Anteil an seiner Arbeit immer recht nebensächlich beschrieben. Viel mehr als „ich bekam eine Dunkelkammer zugewiesen“, „Elfenbeinschnitzereien lassen sich hervorragend mit meiner Gesichtscreme reinigen“ und „ich bin fasziniert von Keramik“ bekommt man von ihr direkt nicht erzählt. Nur zwischen den Zeilen kann man lesen, wie viel sie zu den Ausgrabungen beigetragen hat – und dies alles, obwohl sie „nebenbei“ weiterhin an ihren Romanen schrieb.

„Agatha Christie und der Orient“ ist als Begleitmaterial zu einer Ausstellung über die Autorin und ihre Arbeit bei den Ausgrabungen ihres Mannes entstanden und wurde vom Scherz Verlag veröffentlicht. Leider ist das Buch nur noch gebraucht zu bekommen, dabei möchte ich es eigentlich jedem ans Herz legen, der sich für die Person Agatha Christies und für Archäologie interessiert. Denn hier bekommt man Einblick in die Ausgrabungen Max Mallowans und in das Leben an einem solchen Ausgrabungsplatz. Das Buch zeigt Bilder von den verschiedenen Orten (und was mir besonders gefiel: Es gibt auch sehr viele Bilder von Agatha Christie bei den Ausgrabungen – was bei der scheuen Autorin ja nun doch ein Glücksfall ist).

Verschiedene Autoren berichten von der Bedeutung der Entdeckungen Max Mallowans für die Archäologie, extrahieren aus den Büchern des Ehepaares Agathas Anteil an diesem Werk ihres Mannes (so hat sie definitiv finanzielle Unterstützung geleistet, hat die Arbeiter medizinisch versorgt, hat Keramiken wieder zusammengesetzt, Elfenbein gereinigt, die Fundstücke fotografiert und für das Wohl aller Beteiligten gesorgt, in dem sie ihre Fantasie nutzte, um zum Beispiel Eclairs mit Büffelmilchsahne zu servieren, damit es den Briten in der Fremde nicht an dem gewohnten Luxus fehlt *g*).

Sehr schön fand ich es auch die Eindrücke von Joan Oates zu lesen, die mit der Autorin befreundet war und sich an so manchen gemeinsamen Einkaufsbummel über den Bazar erinnerte. Auch wird auf den Einfluss ihrer Erlebnisse im Nahen Osten auf ihre Arbeit als Kriminalschriftstellerin hingewiesen, denn nicht nur in „Rächende Geister“ (ein Krimi, der während der 11. Dynastie in Theben spielt und bei dem ihr ein Kollege ihres Mannes bei der Recherche geholfen hatte), sondern auch einige der modernen Titel sind davon sehr geprägt worden. Ich werde nach dieser Lektüre einige Agatha-Christie-Krimis auf jeden Fall mit anderen Augen betrachten.

Dabei habe ich gar nicht mal so viel neues erfahren, wenn man von dem archäologischen Anteil des Buches absieht (ich finde das zwar interessant, beschränke mich da aber normalerweise auf Romane, die in diesem Umfeld spielen 😉 ), aber ich habe eine neue Sicht auf einige Dinge bekommen  – und ich habe die Fotos genossen! So viele alte Abbildungen von den Ausgrabungen, von den Landschaften und von den Menschen. Fotos von Agatha Christie, die zeigen, wie sie die Ausgrabungen wahrgenommen hat, was ihr damals ins Auge gefallen ist und was für sie so wichtig war, dass sie es trotz der hohen Materialkosten abgelichtet hat. Aber auch Bilder, die die Autorin zeigen, wie sie entspannt auf einem Hügel spazieren geht, wie sie neugierig in ein Ausgrabungsloch späht und wie sie mit den anderen in der Wüste an einer Teetafel sitzt. Wer von euch die Möglichkeit hat, der sollte auf jeden Fall einen Blick in das Buch werfen – und wenn er dabei nur die Fotos betrachtet!

Rhiannon Lassiter: Böses Blut

Über „Böses Blut“ von Rhiannon Lassiter bin ich in den letzten Monaten auf verschiedenen Blogs gestolpert – wer letztendlich dafür verantwortlich war, dass ich es in der Bibliothek vormerkte, kann ich allerdings nicht mehr sagen. Oh, und bevor sich einer Gedanken macht wegen des Fotos, auf dem ich den Roman scheinbar brutal mit dem Fuß offen halte: Keine Angst, das Buch hat keine Spuren zurückbehalten. Das war nur eine Methode, um euch mal die einfache aber schöne Innengestaltung zu zeigen, ohne mir dabei die Arme zu verrenken.

Da es etwas gedauert hatte, bis die Bibliothek mir das Buch zur Verfügung stellen konnte, hatte ich anfangs keine Ahnung mehr, worum es überhaupt in der Geschichte ging und warum ich den Roman lesen wollte. Ich habe ihn mir am Samstag nur einfach geschnappt, weil ich keins meiner eigenen Bücher auf einen Trip in die Stadt mitnehmen wollte. Nach stundenlangem Rumgerenne zwischen orientierungslosen Menschen hat mich mein Mann in einem Café abgesetzt, weil er ohne mich noch ein paar Besorgungen unternehmen wollte. Als er eine Stunde später wiederkam, war ich auf Seite 142 und er musste mich anstupsen, damit ich ihn überhaupt wahrnahm.

„Böses Blut“ erzählt eine leicht gruselige Geschichte für Jugendliche, die eigentlich ganz gewöhnlich anfängt. Eines Tages lernten sich Peter und Harriet in einer Londoner Kunstgalerie kenne und stellten fest, dass ihre Töchter beide „Cat“ (bzw. „Kat“) genannt werde. Während sie über ihre Kinder redeten, kamen sich die beiden näher und einige Zeit später gab es ein großes Kennenlernessen bei dem es zum ersten Streit zwischen den beiden Mädchen kam. Weder Catriona noch Katherine waren besonders erfreut darüber, sich ihren Spitznamen teilen zu müssen, während Cats älterer Bruder Roley (Roland) und Kats jüngerer Bruder John die ganze Sache zwar unerfreulich fanden, aber nicht verstehen konnten, was denn nun so schlimm daran sei.

Zweieinhalb Jahre später sind Peter und Harriet verheiratet und noch immer streiten sich ihre Töchter, während die Jungen versuchen möglichst unauffällig durch den Familienalltag zu kommen, um nicht ständig in die Kleinkriege der Mädchen hineingezogen zu werden. Da kann auch die Aussicht auf einen Urlaub die Stimmung der Kinder nicht aufhellen, obwohl sie seit der Hochzeit der Eltern nicht mehr weggefahren sind. In dem Haus im Lake District war Kats und Johns Mutter aufgewachsen, auch wenn die beiden Geschwister das Gebäude noch nie gesehen hatten, da kein enges Verhältnis zwischen ihrer verstorbenen Mutter und ihren Eltern bestand.

Auf den ersten Blick scheint das Haus toll zu sein – etwas vernachlässigt, aber so groß, dass jeder freie Auswahl bei den Zimmer hat. Und in jeder Ecke stehen Bücher, finden sich alte Spielsachen oder lassen sich sonstige Schätze entdecken, sogar eine Scheune mit einem Billardtisch gehört zum Gebäude. Doch so richtig Lust hat keiner der vier sich in dem Haus umzugucken, zu unheimlich ist es ihnen. Richtig gruselig wird es aber, als Cat eine aufwändig gestaltete Puppe mit dem Namen Delilah findet und diese immer wieder an den seltsamsten Stelle auftaucht, obwohl niemand sie dahingesetzt haben will.

Während sich alle sicher sind, dass das Mädchen nur einen neuen Weg gefunden hat, um die Familie dafür leiden zu lassen, dass sie nun mit Kat zusammenleben muss, beginnt der sechzehnjährige Roley auf einmal seltsame Gestalten in spiegelnden Flächen zu sehen. Und die dreizehnjährige Kat stößt auf verstörende Tagebücher ihrer Mutter und einen Haufen Jugendbücher, bei denen die Namen der Figuren gewaltsam durchgestrichen wurden …

Mir hat es gefallen, dass die Geschichte schon früh recht gruselig wurde. Obwohl ich bei dem einen oder anderen Blogbeitrag schon einen Hinweis auf die Lösung all der unheimlichen Begebenheiten bekommen hatte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass mir dies die Stimmung verderben würde. Ganz langsam steigern sich die seltsamen Vorfälle von kleinen Dingen, die man als Streiche eines der Kinder interpretieren könnte, bis zu gefährlichen Zwischenfällen, die unübersehbar eine unnatürliche Ursache haben müssen.

Die vier „Geschwister“ fand ich – abgesehen von Cat – sehr sympathisch dargestellt, und sogar diese nervige Zicke 😉 tat mir am Ende wirklich leid, weil sie solche Angst hatte und ihr keiner glauben wollte, dass sie nicht Schuld an einigen der seltsamen Begebenheiten hatte. Einzig der kleine John schien mir etwas zu … hm … weise für sein Alter, aber vielleicht ist das die Folge, wenn man von seinem siebten Lebensjahr an in einer Familie lebt, in der sich alles nur um die Befindlichkeiten der beiden „Katzenmädchen“ dreht.

Die Geschichte hat wirklich meinen Geschmack getroffen: Ein bisschen gruselig, ein bisschen skurril (gegen Ende wurde es zum Teil wirklich seltsam) und doch nie so unheimlich, dass mir beim Lesen unwohl wurde. Von daher bin ich mir sicher, dass das Buch auch bei der jugendlichen Zielgruppe ankommt. Schön fand ich auch die Aufmachung der einzelnen Seiten, die wirklich viel zur Stimmung beim Lesen beigetragen hat. Achja, Rhiannon Lassiter drückt sich eher einfach aus, was aber bei dieser Geschichte wirklich nicht von Nachteil ist, denn so kann man den Roman zügig lesen und sich dabei auf die stetig steigende Spannung konzentrieren. Ich werde auf jeden Fall die Augen aufhalten, ob noch mehr Bücher von der Autorin in Deutschland erscheinen werden. Wenn ich das bei Amazon.com richtig sehe, dann hat sie sich auf unheimliche Jugendbücher spezialisiert …

Guy Delisle: Pjöngjang (Comic)

Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner, der eine Zeitlang für verschiedenen europäische Trickfilmstudios gearbeitet hat. Da viele dieser Studios die „Fleißarbeit“ der Produktion an asiatische Firmen vergeben, gehörte es zu Guy Delisles Aufgaben diese Arbeitsphasen in China und später in Nordkorea zu kontrollieren. So kam es, dass der Kanadier einige Monate lang in Pjöngjang gelebt und gearbeitet hat und seine dortigen Erlebnisse später in einem Comic verarbeitete. Ich muss zugeben, dass ich eine ganze Weile schon um diesen Comic herumgeschlichen bin, da mich das Thema wirklich gereizt hat. Aber mir war der Preis zu hoch, um den Band mal eben außer der Reihe zu bestellen. Glücklicherweise hat sich dann jemand meiner angenommen und mir den Comic geschenkt. Dafür noch einmal ganz vielen lieben Dank! 🙂

Anfangs fand ich den Zeichenstil etwas gewöhnungsbedürftig – vor allem Guy Delisles Darstellung von sich selber – , aber nach einer kleinen Zeit konnte ich besonders seine Zeichnungen wirklich genießen. Der Autor erzählt von seiner Ankunft in Nordkorea, von den Warnungen und Verhaltensregeln, die er vorher mit auf den Weg bekam – und wieweit sie dann in seinem Alltag überhaupt von Relevanz waren. Dabei dreht sich „Pjöngjang“ um zwei Schwerpunkte: Das Leben in Nordkorea aus der Sicht eines Ausländers und die Produktion von Zeichentrickfilmen (in so einem Land).

Dabei haben gerade die Teile, in denen es um die Trickfilmproduktion in dem Land ging, bei mir immer wieder die Frage entstehen lassen, ob eine Produktion unter diesen Umständen wirklich günstiger und effektiver sein kann. Allein die Sprachbarriere und kulturelle Unterschiede in Gestik und Mimik lassen so eine Produktion anscheinend zu einer Herausforderung werden. Trotzdem war es auch sehr lustig von all den kleinen Begebenheiten und Katastrophen in diesem Bereich zu lesen.

Doch vor allem hat mich Guy Delisles Wahrnehmung von Nordkorea interessiert. Viele Dinge kannte ich schon aus Büchern, die ich über das Land gelesen habe, wie zum Beispiel der Kontrast zwischen dem was man in den beiden großen Kaufhäusern Pjöngjangs kaufen kann und dem was für die normale Bevölkerung zu bekommen ist. Ich fand es faszinierend, wie sehr man bemüht ist für Delegationen einen schönen Schein aufrecht zu erhalten, während man sich wohl bei den Ausländern, die länger im Land sind, weniger Mühe gibt. Trotzdem werden auch diese von einer „Sehenswürdigkeit“ zur anderen geschleppt, immer in der Begleitung eines Übersetzers und eines Führers, die dafür sorgen, dass der Gast im Land auch nur die Dinge zu sehen bekommt, die „fremdentauglich“ sind.

Dabei gelingt es dem Autor und Zeichner mit feinem Humor und angenehm kritischen Blick auf die verschiedenen Begebenheiten einzugehen, seine eigene Reaktion auf die Kontraste im Land (imposante Gebäude, aber unübersehbare Armut in der Bevölkerung) und sein wachsendes „Trotzverhalten“ gegenüber der Ergebenheit seiner nordkoreanischen Begleiter gegenüber ihrem Führer und seiner Politik darzustellen. Dabei haben mich vor allem die Situationen bewegt, die einen Alltag in Nordkorea zeigen, der für mich persönlich absolut undenkbar wäre. Zum Beispiel die ganzen „Freiwilligendienste“, die die Bevölkerung zu leisten hat – und bei denen ich mich ständig gefragt habe, ob man diese Arbeitskraft nicht eher zum Nutzen der Menschen, statt für die Repräsentation des Staates verwenden sollte …

Wer auch nur ein bisschen Interesse an Comics und/oder Nordkorea hat, dem würde ich „Pjöngjang“ wirklich ans Herz legen! Der Band ist auch für Leute geeignet, die sich noch nicht mit Nordkorea und der Geschichte des Landes auseinander gesetzt haben, da Guy Delisle sich bemüht eventuell notwendige Hintergründe zu erklären. „Pjöngjang“ bietet einen faszinierenden, amüsanten und bedrückenden Einblick in ein Land, das sich schon so viel Jahre vom Rest der Welt isoliert hat und das inzwischen auch für seine „kommunistischen Verbündeten“ wohl kaum noch von Wert ist. Oh, und da mir dieser Comic so gut gefallen hat, ist auch gleich „Shenzhen“ – über Delisles Zeit in China – auf meinen Wunschzettel gewandert …

Agatha Christie: Meine gute alte Zeit

„Meine gute alte Zeit“ ist Agatha Christies Autobiografie, die sie 1950 mit sechzig Jahren begann und die erst nach ihrem Tod (sie starb 1976) veröffentlicht wurden. Dieser über 500 Seiten dicke Band bietet einem einen Einblick in die Zeit, in der sie aufgewachsen ist, ihre Familienverhältnisse und ihre Persönlichkeit. Wobei von Anfang an auffällt mit wieviel Zurückhaltung die Autorin auf viele Momente in ihrem Leben eingeht.

Ein großer Schwerpunkt dieses Buches liegt auf ihrer Kindheit und Jugend und man erfährt fast schon ein bisschen zuviel darüber, dass sie ein schüchternes Kind war, dass ihre Mutter sehr eigenwillige Ansichten über Agathas Erziehung hatte und wie sehr sie sich als kleines Mädchen mit sich und ihrer eigenen Fantasie beschäftigen musste. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Karriere als Schriftstellerin. Ich glaube, Agatha Christie hat es genossen mit sechzig Jahren auf ihre Kindheit zurückzublicken – und diese auch ein wenig zu verklären.

Andere Bereiche ihres Lebens, wie zum Beispiel ihr aufsehnerregendes Verschwinden im Jahr 1926 (kurz nach dem Tod der Mutter und nachdem ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte), klammert sie hingegen vollständig aus ihrer Erzählung aus. Ich finde das zwar verständlich, aber auch schade, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ihre Seite dieser Ereignisse darzustellen. Sehr spannend fand ich die Zeit nach ihrer Scheidung, als sie auf Reisen ging und die Welt für sich entdeckte.

Agatha Christie war schon früher viel gereist, aber als alleinstehende Dame war das Ganze doch ein deutlich aufregenderes Unternehmen – vor allem, da sie keine Lust hatte sich von den englischen Siedlern betüddeln zu lassen. Ich fand es faszinierend wie neugierig und abenteuerlustig die Autorin auf die fremde Umgebung zuging, aber auch spannend, dass bei aller Offenheit und Toleranz immer wieder kleine Vorurteile oder ein Hauch von Überheblichkeit in ihren Schilderungen durchschimmerten. Dabei bin ich mir sicher, dass sie (vor allem für eine Frau ihrer Zeit) unglaublich vorurteilsfrei und fortschrittlich war, aber die viktorianisch geprägten Ansichten ihrer Mutter und Großmutter haben wohl ebenso Spuren hinterlassen wie das vorherrschende britische Kolonialdenken. 😉

Ihre Romane spielen in „Meine gute alte Zeit“ eine eher geringe Rolle, Agatha Christie erwähnt nur nebenbei, dass sie zu einer bestimmten Zeit an diesem oder jenen Roman gearbeitet hat, dass sie durch einen Bekannten zu einer Geschichte inspiriert wurde oder wie sehr ihr der Verdienst eines Romans geholfen hat, wenn sie aus irgendeinem Grund Geld benötigte. Ich muss zugeben, dass ich von sehr viele Eigenarten Agatha Christies mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf schoss „Das kenne ich von mir!“ – leider haben diese Ähnlichkeiten nicht dazu geführt, dass ich eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. 😀

Auch wenn sich der Anfang etwas hinzieht, so fand ich „Meine gute alte Zeit“ hochinteressant – nicht nur als Autobiografie, sondern auch als Abbild eines Lebens vor den beiden Weltkriegen, einer Zeit, in der ein Gentleman oder eine Dame genau wussten, was sich gehört und was nicht, als man als junge Frau zwar mit einem Mann alleine Golfspielen, aber nicht in einem Hotel Tee trinken durfte, als es noch keine Flugzeuge gab und ein Mädchen eine Saison in London (wenn das Geld reichte, ansonsten ging es eben ins Ausland) erlebte, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden … Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, ich habe ein paar neue Dinge über eine meiner Lieblingsautorinnen erfahren und wieder einiges über die Zeit zwischen 1890 und 1960 gelernt.

Rick Yancey: Der Monstrumologe

Ich warne euch lieber gleich vor, denn diese Rezension könnte etwas unstrukturiert (und lang) werden. Es ist schon ein paar Tage her, dass ich das Buch gelesen habe, und trotzdem bin ich mir noch immer nicht so ganz sicher, was ich von „Der Monstrumologe“ wirklich halte. Normalerweise lasse ich dann einfach die Geschichte etwas sacken, während ich gar nicht oder ein anderes Genre lese, aber hier funktioniert das nicht so ganz. Also bekommt ihr jetzt einfach so meine Meinung, etwas ungeordnet, vielleicht auch etwas widersprüchlich, aber wer weiß, vielleicht hilft es euch, um ein Bild von diesem Buch zu bekommen.

Als ich den Roman im Lübbe-Programm sah, war ich fasziniert – wusste aber nicht so recht, was für eine Geschichte mich da erwarten würde. Die Hauptfigur ist Will Henry, ein Junge, der seit dem Tod seiner Eltern für den seltsamen Dr. Warthrop arbeitet. Der Doktor ist Monstrumologe und beschäftigt sich mit der Erforschung und Vernichtung von Monstern – was für Will Henry dazu führt, dass er trotz seiner gerade mal zwölf Jahre schon allerlei grauenhafte Dinge in seinem Leben gesehen hat. Ganz ehrlich, wenn ich in seinem Alter solch ein Leben geführt hätte, dann hätte ich nicht nur Angst davor, in das Keller-Labor meines Arbeitgebers zu gehen, sondern auch davor, überhaupt in der Nacht die Augen zuzumachen!

Als erstes ist mir bei dem Buch das Cover ins Auge gefallen – ich mag diesen Linolschnitt-Eindruck und der setzt sich auch bei den Illustrationen im Inneren des Buches fort. Sehr dunkle Bilder, die monströse Dinge zeigen, wie es sich für eine solch gruselige Geschichte gehört. Und obwohl das Alter von Will Henry und die liebevolle Aufmachung den Gedanken an ein Jugendbuch nahelegen (ein Blick auf die Amazon-Rezensionen zeigte mir, dass ich nicht allein mit der Vermutung war), würde ich sagen, dass die dort zu findende Altersempfehlung „ab 14 Jahren“ meiner Meinung nach deutlich zu tief gegriffen ist.

Auch wenn der durchschnittliche Teenager wohl etwas härter im Nehmen ist, als ich es in dem Alter war, so gibt es zu viele Szenen in der Geschichte, in denen Blut und Eingeweide spritzen, in denen Menschen mehr oder wenig kaltblütig ermordet werden, und Momente, in denen so ekelige Sachen beschrieben werden, dass ich das Buch für einen Augenblick aus der Hand legen musste. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Rick Yancey diese Dinge beschreibt, um ekelhaft zu sein, sondern deshalb, weil es eben genau so zu dieser Geschichte gehört – und das ist schon wieder ein Kompliment für den Autor, da ich doch nur zu gern unterstelle, dass jemand hofft, dass sich sein Buch über den Ekelfaktor verkauft, wenn die Handlung und die Charaktere schon nicht so gelungen sind.

Dabei zieht sich das erste Drittel der Geschichte schon etwas hin – ich habe für diesen Teil fünf Tage gebraucht, weil ich einfach nicht richtig reingekommen bin. Dabei ist die Grundsituation schon spannend: Ein Leichenräuber kommt eines Nachts zum Haus von Dr. Warthrop, weil er eine unheimliche Entdeckung gemacht hat. Er bringt dem Wissenschaftler eine Mädchenleiche, in die sich ein grauenhaftes Monster verbissen hat. Schnell steht für Dr. Warthrop fest, dass eine ganze Population dieser Viecher in der kleinen Stadt in Neuengland heimisch sein muss – und dass er zusammen mit Will Henry diese Monster beseitigen muss, bevor sie die Bevölkerung von New Jerusalem ausrotten. Neben der Suche nach dem Nest dieser Wesen beschäftigen sich der Wissenschaftler und sein Assistent mit der Frage, wie diese Antropophagen überhaupt nach Neuengland kommen konnten …

Mein Problem bei diesem Anfang war weniger die altmodische Sprache, an die hatte ich mich schnell gewöhnt – und dafür, dass die Geschichte 1888 spielen soll, ist die Ausdrucksweise des Autors leicht und flüssig zu lesen. Ich hatte ein Problem mit den Figuren, immer wieder fragte ich mich, warum Will Henry überhaupt nach dem Tod seiner Eltern zu Dr. Warthrop gezogen war, obwohl es andere Alternativen gegeben hätte. Ich fragte mich, warum der Wissenschaftler sich mit einem Kind als Assistenten abgibt, wenn dieser Junge doch vom Alter und den körperlichen Möglichkeiten her eigentlich denkbar ungeeignet für seine Aufgabe ist. Ich habe einfach keinen Zugang zu den beiden gefunden und dann wurde das Rätsel um die Antropophagen auch noch von detaillierten Beschreibungen der gefundenen Leichen überschattet. Okay, zum Teil ist das wirklich mein ganz persönliches Problem, weil ich neue Bücher gern beim Frühstück anfange – und da liest es sich etwas schlecht von blutigen Untersuchungen, Mädchenleichen und monströsen Fortpflanzungsdetails. 😉

Nach dem ersten Drittel zog die Geschichte dann an. Dr. Warthrop und Will Henry waren mir inzwischen vertraut und ich bekam eine Ahnung davon, was die beiden miteinander verband und wie sehr sie eigentlich aufeinander angewiesen waren. Außerdem gab es am Ende des ersten Drittels detaillierte Informationen über die Herkunft der Antropophagen und die Jagdvorbereitungen nahmen konkrete Züge an. Ab diesem Punkt hat mich das Buch wirklich gefesselt, es gab zwar immer noch genügend eklige Stellen, aber die Handlung wurde so spannend, dass ich darüber hinwegsehen konnte. Es waren einfach nur Dinge, die im Laufe der Geschichte passierten – und wenn das bedeutete, dass Will Henry knietief durch alte Leichen waten musste, dann war das eben so und wurde von mir einfach nur registriert, weil ich wissen wollte, was den Jungen am Ende seines Weges erwartet.

Mir fällt es sehr schwer, ein Urteil über dieses Buch zu fällen. Ich lese normalerweise keine üblichen Horrorromane, dafür mag ich aber gruselige Geschichten. Immer mal wieder war ich versucht „Der Monstrumologe“ mit H.P. Lovecraft (den ich übrigens wirklich gern lese) zu vergleichen, aber das trifft es auch nicht – abgesehen vielleicht von der Verbindung zu Neuengland und Will Henrys Perspektive, die mich an einige Lovecraftsche Erzähler erinnerte. Mich hat Rick Yancey letztendlich nicht mit den gruseligen Szenen oder der Jagd auf die Antropophagen gepackt – obwohl ich das vor allem am Ende auch spannend fand -, sondern mit der vielschichtigen Beziehung zwischen Dr. Warthrop und Will Henry.

Das bringt mich aber zu der Frage, für wen dieses Buch überhaupt geeignet ist. Wer auf hintergrundlose Splatterszenen steht oder keine Lust hat, sich in die etwas geschraubte Ausdrucksweise einzulesen, der wird mit „Der Monstrumologe“ auf keinen Fall glücklich. Wer keine Geduld hat, um die ersten 120 Seiten einfach durchzustehen, bevor die Handlung richtig Fahrt aufnimmt, der sollte wohl auch die Finger davon lassen … Wer hingegen Lust auf eine Geschichte hat, in der Horrorelemente mit einer leicht altmodischen Ausdrucksweise und einer komplexen Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und seinem Assistenten gemischt wurden, und die sich angenehmerweise von dem Gros an Veröffentlichungen unterscheidet, der sollte gucken, dass er den Roman in einer Buchhandlung in die Finger bekommt und unbedingt einmal reinlesen!

Agnès Desarthe: Mein hungriges Herz

Wieder ein Buch, bei dem der Klappentext in mir andere Erwartungen geweckt hatte als letztendlich erfüllt wurden.

Der Verlagstext lautet:

Seit Myriam von ihrer Familie verstoßen wurde, sucht sie nach einem neuen Sinn in ihrem Leben. Nach Jahren zielloser Wanderschaft eröffnet sie in Paris ein kleines Lokal namens Chez moi. Das ungewöhnliche Restaurant wird schnell zum Lieblingstreffpunkt des Viertels, und Myriam findet in ihren Nachbarn und Gästen eine neue Familie. Doch kann man die Vergangenheit einfach so hinter sich lassen?

Den Anfang von „Mein hungriges Herz“ fand ich noch sehr reizvoll. Agnès Desarthe zeigt hier eine recht entschlossene Myriam, die einen Haufen Dokumente fälscht und Geschichten erzählt, um sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllen zu können. Mir hat es gefallen, wie sich die Frau provisorisch in ihrem Café „Chez moi“ eingerichtet hat, wie sie auf einer gepolsterten Bank schläft und sich in ihrem Spülbecken ein Bad gönnt, weil sie sich eine Wohnung neben dem Restaurant nicht leisten kann. In diesen Aktionen steckt so ein Wille zum Überleben, so ein Bedürfnis sich diesen einen Traum zu erfüllen, das fand ich schön!

Doch als das Café so langsam anläuft, wird die Geschichte für mich immer seltsamer. Myriam philosophiert über die verschiedenen Gäste, über ihre Geschäftsnachbarn und über ihre eigene Stellung in der Welt – und mit diesen Passagen hat es mir die Autorin sehr schwer gemacht bei der Stange zu bleiben. Für mich waren die Gedanken von Myriam oft nicht nachvollziehbar, zu abgehoben, zu pathetisch, zu … fremd. Und zwar auf eine Art und Weise, die ich nicht interessant, sondern ermüdend fand. Wieder einmal war es hier eine Nebenfigur, die dafür sorgte, dass ich weitergelesen habe.

Denn obwohl Myriams Restaurant gut besucht ist und die Leute ihr Essen und ihre Ideen lieben, bekommt sie ihre Finanzen und all die anderen Dinge, die zu beachten sind, nicht in den Griff. Was auch daran liegt, dass sie zum Beispiel zwei Studentinnen, die sie ins Herz geschlossen hat, die teuersten Gerichte vorsetzt, ohne dass die beiden angemessen dafür bezahlen müssen. Immerhin sind es auch diese beiden Mädchen, die ihr empfehlen Ben als Kellner anzustellen. Ihr Argument ist es, dass sich Myriam so mehr auf das Kochen konzentrieren kann, während sich Ben um die Gäste kümmern wird. Aber der junge Mann bedient nicht nur die hungrigen Besucher des „Chez moi“, sondern sortiert unauffällig auch Myriams Leben neu. Er sorgt dafür, dass dringende Rechnungen bezahlt werden, dass sich die Köchin nach dem richtigen Lieferanten umschaut und dass sich Myriam wieder mehr auf sich konzentrieren kann.

Denn Myriam wirkt – je erfolgreicher das Restaurant ist – immer verlorener. Als Leser weiß man zwar, dass es zu einem Bruch mit ihrer Familie kam, aber erst so nach und nach erfährt man, was wirklich passiert ist. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass mir die Autorin nicht so ganz erklären kann, warum dieser eine Vorfall zu einer solchen Zerstörung von Myriams Persönlichkeit geführt hat. Einzig die Andeutungen, dass sie sich noch nie wie andere gefühlt hat und dass sie auch damals ihren Mann vor allem geheiratet hat, um ein beständiges und „normales“ Leben zu führen, hat mich etwas mit dieser Grundsituation versöhnt.

„Mein hungriges Herz“ gehört wieder einmal zu den Büchern, bei denen ich die Idee, die Figuren und die Sprach zwar würdigen kann, aber bei denen ich das Fazit ziehen muss: Für mich ist das nichts! Und das obwohl ich mich am Ende in die Geschichte eingefunden hatte und mich über den Schluss freuen konnte. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Agnès Desarthe oder daran, dass ich eben auch mit einer bestimmten Form von „Frauenroman“ nichts anfangen kann, aber so ist es eben. Das wird mich allerdings nicht daran hindern, immer wieder zu solchen Büchern zu greifen, in der Hoffnung darin eine berührende und ungewöhnliche Geschichte zu entdecken.

Mariëtte Aerts: Hexenheide

Ich glaube, ich hätte „Hexenheide“ als Kind geliebt – und lange dem Teenageralter entwachsen, hat mir das Lesen dieses Buches wirklich Spaß gemacht. Die Geschichte ist eigentlich ganz schnell erzählt: Karim und Lenne leben am Rande eines Dorfes in den Niederlanden. Die beiden Elfjährigen wohnen weiter draußen, da wo eine Heidefläche an den Ort grenzt. Wenn sie von der Schule nach Hause gehen, dann wäre es deutlich kürzer über die Heide abzukürzen, aber das haben ihnen ihre Eltern vor einiger Zeit verboten, nachdem ein Mädchen spurlos verschwunden ist.

Denn die Erwachsenen vermuten, dass Rinnie – so hieß die verschollene Schülerin – von einem Fremden auf der Heide angesprochen und mitgenommen wurde. Als Leser hingegen hat man einen ganz anderen Verdacht, denn schon im Prolog lässt die Autorin Mariëtte Aerts drei mehr oder weniger unheimliche Frauen auftreten, die sich darüber streiten, dass sie „frisches Blut“ benötigten. Alles sehr vage, aber genau deshalb – vor allem, wenn man den Titel „Hexenheide“ im Hinterkopf behält – auch etwas unheimlich.

Eines Tages lässt sich der eher bedächtige Karim von seiner Freundin Lenne dazu überreden den Heimweg über die Heide anzutreten. Und als nichts anderes passiert, als dass sie ein ungewöhnliches Eichhörnchen sehen, gehen sie wieder regelmäßig diese Abkürzung nach Hause. Doch obwohl sich die Kinder sicher sind, dass die Heide ein ganz normales Stückchen Land ist, wird ihnen im Laufe der nächsten Wochen immer unheimlicher zumute. Eine seltsame Frau taucht immer mal wieder unvermutet auf und scheint Lenne zu sich zu rufen und auch andere ungewöhnliche Ereignisse geschehen, die sich nicht immer erklären lassen.

In der Dorfbibliothek erfahren die beiden Kinder dann auch noch mehr über die Heide – und warum sie früher von den Leuten in der Gegend nur „Hexenheide“ genannt wurde. Denn angeblich lebte dort eine Frau mit unnatürlichen Kräften, die ihre Nachbarn verfluchte und für viel Unglück im Dorf verantwortlich gewesen sein soll. So langsam aber sicher befürchtet Karim, dass eine Hexe hinter Lenne hinterher ist – und versucht alles, um seine Freundin zu beschützen.

Mir hat es gefallen, dass man zwar schnell den Verdacht hatte, dass die drei Frauen aus dem Prolog Hexen sind, aber Mariëtte Aerts sich sehr viel Zeit damit lässt näher auf die Geschichte der Hexenheide und die damit verbundenen Legenden einzugehen. Auch Karim und Lenne fand ich schön charakterisiert, die beiden sind zwei nette, aber trotzdem real wirkende Kinder, die die ganze Zeit über zwischen Angst und Faszination hin und her gerissen werden.

Ich fand die Geschichte spannend, aber nicht wirklich unheimlich. Immer nur gerade so gruselig, dass ich mich als Kind vermutlich abends etwas tiefer in meine Bettdecke eingegraben hätte, aber nie so heftig, dass mich die Handlung geängstigt oder mir gar Albträume bereitet hätte. Auch hat es mir gefallen, dass der Alltag von Karim und Lenne neben all den unheimlichen Ereignissen ganz normal weiterlaufen musste – was für die beiden gar nicht so einfach ist, da sie ja weder ihren Eltern, noch Lehrern oder Mitschülern von all den Dingen erzählen können, die sie so sehr beschäftigen.

Auch die Erzählweise von Mariëtte Aerts hat mir gefallen, die Autorin verwendet eine klare und gut zu erfassende Sprache, so dass die Geschichte auf jeden Fall für Kinder ab zehn sehr gut zu lesen ist, ohne dabei so simpel zu werden, dass es für mich als Erwachsene langweilig wurde. Insgesamt ist das einfach ein rundum gelungenes Buch rund um Freundschaft, übernatürliche Vorgänge, Vorurteile und eine Menge mehr – mir hat es so gut gefallen, dass es erst einmal einen Platz in meinem Regal bekommen wird.