Kategorie: Rezension

Rhiannon Lassiter: Böses Blut

Über „Böses Blut“ von Rhiannon Lassiter bin ich in den letzten Monaten auf verschiedenen Blogs gestolpert – wer letztendlich dafür verantwortlich war, dass ich es in der Bibliothek vormerkte, kann ich allerdings nicht mehr sagen. Oh, und bevor sich einer Gedanken macht wegen des Fotos, auf dem ich den Roman scheinbar brutal mit dem Fuß offen halte: Keine Angst, das Buch hat keine Spuren zurückbehalten. Das war nur eine Methode, um euch mal die einfache aber schöne Innengestaltung zu zeigen, ohne mir dabei die Arme zu verrenken.

Da es etwas gedauert hatte, bis die Bibliothek mir das Buch zur Verfügung stellen konnte, hatte ich anfangs keine Ahnung mehr, worum es überhaupt in der Geschichte ging und warum ich den Roman lesen wollte. Ich habe ihn mir am Samstag nur einfach geschnappt, weil ich keins meiner eigenen Bücher auf einen Trip in die Stadt mitnehmen wollte. Nach stundenlangem Rumgerenne zwischen orientierungslosen Menschen hat mich mein Mann in einem Café abgesetzt, weil er ohne mich noch ein paar Besorgungen unternehmen wollte. Als er eine Stunde später wiederkam, war ich auf Seite 142 und er musste mich anstupsen, damit ich ihn überhaupt wahrnahm.

„Böses Blut“ erzählt eine leicht gruselige Geschichte für Jugendliche, die eigentlich ganz gewöhnlich anfängt. Eines Tages lernten sich Peter und Harriet in einer Londoner Kunstgalerie kenne und stellten fest, dass ihre Töchter beide „Cat“ (bzw. „Kat“) genannt werde. Während sie über ihre Kinder redeten, kamen sich die beiden näher und einige Zeit später gab es ein großes Kennenlernessen bei dem es zum ersten Streit zwischen den beiden Mädchen kam. Weder Catriona noch Katherine waren besonders erfreut darüber, sich ihren Spitznamen teilen zu müssen, während Cats älterer Bruder Roley (Roland) und Kats jüngerer Bruder John die ganze Sache zwar unerfreulich fanden, aber nicht verstehen konnten, was denn nun so schlimm daran sei.

Zweieinhalb Jahre später sind Peter und Harriet verheiratet und noch immer streiten sich ihre Töchter, während die Jungen versuchen möglichst unauffällig durch den Familienalltag zu kommen, um nicht ständig in die Kleinkriege der Mädchen hineingezogen zu werden. Da kann auch die Aussicht auf einen Urlaub die Stimmung der Kinder nicht aufhellen, obwohl sie seit der Hochzeit der Eltern nicht mehr weggefahren sind. In dem Haus im Lake District war Kats und Johns Mutter aufgewachsen, auch wenn die beiden Geschwister das Gebäude noch nie gesehen hatten, da kein enges Verhältnis zwischen ihrer verstorbenen Mutter und ihren Eltern bestand.

Auf den ersten Blick scheint das Haus toll zu sein – etwas vernachlässigt, aber so groß, dass jeder freie Auswahl bei den Zimmer hat. Und in jeder Ecke stehen Bücher, finden sich alte Spielsachen oder lassen sich sonstige Schätze entdecken, sogar eine Scheune mit einem Billardtisch gehört zum Gebäude. Doch so richtig Lust hat keiner der vier sich in dem Haus umzugucken, zu unheimlich ist es ihnen. Richtig gruselig wird es aber, als Cat eine aufwändig gestaltete Puppe mit dem Namen Delilah findet und diese immer wieder an den seltsamsten Stelle auftaucht, obwohl niemand sie dahingesetzt haben will.

Während sich alle sicher sind, dass das Mädchen nur einen neuen Weg gefunden hat, um die Familie dafür leiden zu lassen, dass sie nun mit Kat zusammenleben muss, beginnt der sechzehnjährige Roley auf einmal seltsame Gestalten in spiegelnden Flächen zu sehen. Und die dreizehnjährige Kat stößt auf verstörende Tagebücher ihrer Mutter und einen Haufen Jugendbücher, bei denen die Namen der Figuren gewaltsam durchgestrichen wurden …

Mir hat es gefallen, dass die Geschichte schon früh recht gruselig wurde. Obwohl ich bei dem einen oder anderen Blogbeitrag schon einen Hinweis auf die Lösung all der unheimlichen Begebenheiten bekommen hatte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass mir dies die Stimmung verderben würde. Ganz langsam steigern sich die seltsamen Vorfälle von kleinen Dingen, die man als Streiche eines der Kinder interpretieren könnte, bis zu gefährlichen Zwischenfällen, die unübersehbar eine unnatürliche Ursache haben müssen.

Die vier „Geschwister“ fand ich – abgesehen von Cat – sehr sympathisch dargestellt, und sogar diese nervige Zicke 😉 tat mir am Ende wirklich leid, weil sie solche Angst hatte und ihr keiner glauben wollte, dass sie nicht Schuld an einigen der seltsamen Begebenheiten hatte. Einzig der kleine John schien mir etwas zu … hm … weise für sein Alter, aber vielleicht ist das die Folge, wenn man von seinem siebten Lebensjahr an in einer Familie lebt, in der sich alles nur um die Befindlichkeiten der beiden „Katzenmädchen“ dreht.

Die Geschichte hat wirklich meinen Geschmack getroffen: Ein bisschen gruselig, ein bisschen skurril (gegen Ende wurde es zum Teil wirklich seltsam) und doch nie so unheimlich, dass mir beim Lesen unwohl wurde. Von daher bin ich mir sicher, dass das Buch auch bei der jugendlichen Zielgruppe ankommt. Schön fand ich auch die Aufmachung der einzelnen Seiten, die wirklich viel zur Stimmung beim Lesen beigetragen hat. Achja, Rhiannon Lassiter drückt sich eher einfach aus, was aber bei dieser Geschichte wirklich nicht von Nachteil ist, denn so kann man den Roman zügig lesen und sich dabei auf die stetig steigende Spannung konzentrieren. Ich werde auf jeden Fall die Augen aufhalten, ob noch mehr Bücher von der Autorin in Deutschland erscheinen werden. Wenn ich das bei Amazon.com richtig sehe, dann hat sie sich auf unheimliche Jugendbücher spezialisiert …

Guy Delisle: Pjöngjang (Comic)

Guy Delisle ist ein kanadischer Comiczeichner, der eine Zeitlang für verschiedenen europäische Trickfilmstudios gearbeitet hat. Da viele dieser Studios die „Fleißarbeit“ der Produktion an asiatische Firmen vergeben, gehörte es zu Guy Delisles Aufgaben diese Arbeitsphasen in China und später in Nordkorea zu kontrollieren. So kam es, dass der Kanadier einige Monate lang in Pjöngjang gelebt und gearbeitet hat und seine dortigen Erlebnisse später in einem Comic verarbeitete. Ich muss zugeben, dass ich eine ganze Weile schon um diesen Comic herumgeschlichen bin, da mich das Thema wirklich gereizt hat. Aber mir war der Preis zu hoch, um den Band mal eben außer der Reihe zu bestellen. Glücklicherweise hat sich dann jemand meiner angenommen und mir den Comic geschenkt. Dafür noch einmal ganz vielen lieben Dank! 🙂

Anfangs fand ich den Zeichenstil etwas gewöhnungsbedürftig – vor allem Guy Delisles Darstellung von sich selber – , aber nach einer kleinen Zeit konnte ich besonders seine Zeichnungen wirklich genießen. Der Autor erzählt von seiner Ankunft in Nordkorea, von den Warnungen und Verhaltensregeln, die er vorher mit auf den Weg bekam – und wieweit sie dann in seinem Alltag überhaupt von Relevanz waren. Dabei dreht sich „Pjöngjang“ um zwei Schwerpunkte: Das Leben in Nordkorea aus der Sicht eines Ausländers und die Produktion von Zeichentrickfilmen (in so einem Land).

Dabei haben gerade die Teile, in denen es um die Trickfilmproduktion in dem Land ging, bei mir immer wieder die Frage entstehen lassen, ob eine Produktion unter diesen Umständen wirklich günstiger und effektiver sein kann. Allein die Sprachbarriere und kulturelle Unterschiede in Gestik und Mimik lassen so eine Produktion anscheinend zu einer Herausforderung werden. Trotzdem war es auch sehr lustig von all den kleinen Begebenheiten und Katastrophen in diesem Bereich zu lesen.

Doch vor allem hat mich Guy Delisles Wahrnehmung von Nordkorea interessiert. Viele Dinge kannte ich schon aus Büchern, die ich über das Land gelesen habe, wie zum Beispiel der Kontrast zwischen dem was man in den beiden großen Kaufhäusern Pjöngjangs kaufen kann und dem was für die normale Bevölkerung zu bekommen ist. Ich fand es faszinierend, wie sehr man bemüht ist für Delegationen einen schönen Schein aufrecht zu erhalten, während man sich wohl bei den Ausländern, die länger im Land sind, weniger Mühe gibt. Trotzdem werden auch diese von einer „Sehenswürdigkeit“ zur anderen geschleppt, immer in der Begleitung eines Übersetzers und eines Führers, die dafür sorgen, dass der Gast im Land auch nur die Dinge zu sehen bekommt, die „fremdentauglich“ sind.

Dabei gelingt es dem Autor und Zeichner mit feinem Humor und angenehm kritischen Blick auf die verschiedenen Begebenheiten einzugehen, seine eigene Reaktion auf die Kontraste im Land (imposante Gebäude, aber unübersehbare Armut in der Bevölkerung) und sein wachsendes „Trotzverhalten“ gegenüber der Ergebenheit seiner nordkoreanischen Begleiter gegenüber ihrem Führer und seiner Politik darzustellen. Dabei haben mich vor allem die Situationen bewegt, die einen Alltag in Nordkorea zeigen, der für mich persönlich absolut undenkbar wäre. Zum Beispiel die ganzen „Freiwilligendienste“, die die Bevölkerung zu leisten hat – und bei denen ich mich ständig gefragt habe, ob man diese Arbeitskraft nicht eher zum Nutzen der Menschen, statt für die Repräsentation des Staates verwenden sollte …

Wer auch nur ein bisschen Interesse an Comics und/oder Nordkorea hat, dem würde ich „Pjöngjang“ wirklich ans Herz legen! Der Band ist auch für Leute geeignet, die sich noch nicht mit Nordkorea und der Geschichte des Landes auseinander gesetzt haben, da Guy Delisle sich bemüht eventuell notwendige Hintergründe zu erklären. „Pjöngjang“ bietet einen faszinierenden, amüsanten und bedrückenden Einblick in ein Land, das sich schon so viel Jahre vom Rest der Welt isoliert hat und das inzwischen auch für seine „kommunistischen Verbündeten“ wohl kaum noch von Wert ist. Oh, und da mir dieser Comic so gut gefallen hat, ist auch gleich „Shenzhen“ – über Delisles Zeit in China – auf meinen Wunschzettel gewandert …

Agatha Christie: Meine gute alte Zeit

„Meine gute alte Zeit“ ist Agatha Christies Autobiografie, die sie 1950 mit sechzig Jahren begann und die erst nach ihrem Tod (sie starb 1976) veröffentlicht wurden. Dieser über 500 Seiten dicke Band bietet einem einen Einblick in die Zeit, in der sie aufgewachsen ist, ihre Familienverhältnisse und ihre Persönlichkeit. Wobei von Anfang an auffällt mit wieviel Zurückhaltung die Autorin auf viele Momente in ihrem Leben eingeht.

Ein großer Schwerpunkt dieses Buches liegt auf ihrer Kindheit und Jugend und man erfährt fast schon ein bisschen zuviel darüber, dass sie ein schüchternes Kind war, dass ihre Mutter sehr eigenwillige Ansichten über Agathas Erziehung hatte und wie sehr sie sich als kleines Mädchen mit sich und ihrer eigenen Fantasie beschäftigen musste. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Karriere als Schriftstellerin. Ich glaube, Agatha Christie hat es genossen mit sechzig Jahren auf ihre Kindheit zurückzublicken – und diese auch ein wenig zu verklären.

Andere Bereiche ihres Lebens, wie zum Beispiel ihr aufsehnerregendes Verschwinden im Jahr 1926 (kurz nach dem Tod der Mutter und nachdem ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte), klammert sie hingegen vollständig aus ihrer Erzählung aus. Ich finde das zwar verständlich, aber auch schade, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ihre Seite dieser Ereignisse darzustellen. Sehr spannend fand ich die Zeit nach ihrer Scheidung, als sie auf Reisen ging und die Welt für sich entdeckte.

Agatha Christie war schon früher viel gereist, aber als alleinstehende Dame war das Ganze doch ein deutlich aufregenderes Unternehmen – vor allem, da sie keine Lust hatte sich von den englischen Siedlern betüddeln zu lassen. Ich fand es faszinierend wie neugierig und abenteuerlustig die Autorin auf die fremde Umgebung zuging, aber auch spannend, dass bei aller Offenheit und Toleranz immer wieder kleine Vorurteile oder ein Hauch von Überheblichkeit in ihren Schilderungen durchschimmerten. Dabei bin ich mir sicher, dass sie (vor allem für eine Frau ihrer Zeit) unglaublich vorurteilsfrei und fortschrittlich war, aber die viktorianisch geprägten Ansichten ihrer Mutter und Großmutter haben wohl ebenso Spuren hinterlassen wie das vorherrschende britische Kolonialdenken. 😉

Ihre Romane spielen in „Meine gute alte Zeit“ eine eher geringe Rolle, Agatha Christie erwähnt nur nebenbei, dass sie zu einer bestimmten Zeit an diesem oder jenen Roman gearbeitet hat, dass sie durch einen Bekannten zu einer Geschichte inspiriert wurde oder wie sehr ihr der Verdienst eines Romans geholfen hat, wenn sie aus irgendeinem Grund Geld benötigte. Ich muss zugeben, dass ich von sehr viele Eigenarten Agatha Christies mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf schoss „Das kenne ich von mir!“ – leider haben diese Ähnlichkeiten nicht dazu geführt, dass ich eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. 😀

Auch wenn sich der Anfang etwas hinzieht, so fand ich „Meine gute alte Zeit“ hochinteressant – nicht nur als Autobiografie, sondern auch als Abbild eines Lebens vor den beiden Weltkriegen, einer Zeit, in der ein Gentleman oder eine Dame genau wussten, was sich gehört und was nicht, als man als junge Frau zwar mit einem Mann alleine Golfspielen, aber nicht in einem Hotel Tee trinken durfte, als es noch keine Flugzeuge gab und ein Mädchen eine Saison in London (wenn das Geld reichte, ansonsten ging es eben ins Ausland) erlebte, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden … Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, ich habe ein paar neue Dinge über eine meiner Lieblingsautorinnen erfahren und wieder einiges über die Zeit zwischen 1890 und 1960 gelernt.

Rick Yancey: Der Monstrumologe

Ich warne euch lieber gleich vor, denn diese Rezension könnte etwas unstrukturiert (und lang) werden. Es ist schon ein paar Tage her, dass ich das Buch gelesen habe, und trotzdem bin ich mir noch immer nicht so ganz sicher, was ich von „Der Monstrumologe“ wirklich halte. Normalerweise lasse ich dann einfach die Geschichte etwas sacken, während ich gar nicht oder ein anderes Genre lese, aber hier funktioniert das nicht so ganz. Also bekommt ihr jetzt einfach so meine Meinung, etwas ungeordnet, vielleicht auch etwas widersprüchlich, aber wer weiß, vielleicht hilft es euch, um ein Bild von diesem Buch zu bekommen.

Als ich den Roman im Lübbe-Programm sah, war ich fasziniert – wusste aber nicht so recht, was für eine Geschichte mich da erwarten würde. Die Hauptfigur ist Will Henry, ein Junge, der seit dem Tod seiner Eltern für den seltsamen Dr. Warthrop arbeitet. Der Doktor ist Monstrumologe und beschäftigt sich mit der Erforschung und Vernichtung von Monstern – was für Will Henry dazu führt, dass er trotz seiner gerade mal zwölf Jahre schon allerlei grauenhafte Dinge in seinem Leben gesehen hat. Ganz ehrlich, wenn ich in seinem Alter solch ein Leben geführt hätte, dann hätte ich nicht nur Angst davor, in das Keller-Labor meines Arbeitgebers zu gehen, sondern auch davor, überhaupt in der Nacht die Augen zuzumachen!

Als erstes ist mir bei dem Buch das Cover ins Auge gefallen – ich mag diesen Linolschnitt-Eindruck und der setzt sich auch bei den Illustrationen im Inneren des Buches fort. Sehr dunkle Bilder, die monströse Dinge zeigen, wie es sich für eine solch gruselige Geschichte gehört. Und obwohl das Alter von Will Henry und die liebevolle Aufmachung den Gedanken an ein Jugendbuch nahelegen (ein Blick auf die Amazon-Rezensionen zeigte mir, dass ich nicht allein mit der Vermutung war), würde ich sagen, dass die dort zu findende Altersempfehlung „ab 14 Jahren“ meiner Meinung nach deutlich zu tief gegriffen ist.

Auch wenn der durchschnittliche Teenager wohl etwas härter im Nehmen ist, als ich es in dem Alter war, so gibt es zu viele Szenen in der Geschichte, in denen Blut und Eingeweide spritzen, in denen Menschen mehr oder wenig kaltblütig ermordet werden, und Momente, in denen so ekelige Sachen beschrieben werden, dass ich das Buch für einen Augenblick aus der Hand legen musste. Dabei hatte ich nicht das Gefühl, dass Rick Yancey diese Dinge beschreibt, um ekelhaft zu sein, sondern deshalb, weil es eben genau so zu dieser Geschichte gehört – und das ist schon wieder ein Kompliment für den Autor, da ich doch nur zu gern unterstelle, dass jemand hofft, dass sich sein Buch über den Ekelfaktor verkauft, wenn die Handlung und die Charaktere schon nicht so gelungen sind.

Dabei zieht sich das erste Drittel der Geschichte schon etwas hin – ich habe für diesen Teil fünf Tage gebraucht, weil ich einfach nicht richtig reingekommen bin. Dabei ist die Grundsituation schon spannend: Ein Leichenräuber kommt eines Nachts zum Haus von Dr. Warthrop, weil er eine unheimliche Entdeckung gemacht hat. Er bringt dem Wissenschaftler eine Mädchenleiche, in die sich ein grauenhaftes Monster verbissen hat. Schnell steht für Dr. Warthrop fest, dass eine ganze Population dieser Viecher in der kleinen Stadt in Neuengland heimisch sein muss – und dass er zusammen mit Will Henry diese Monster beseitigen muss, bevor sie die Bevölkerung von New Jerusalem ausrotten. Neben der Suche nach dem Nest dieser Wesen beschäftigen sich der Wissenschaftler und sein Assistent mit der Frage, wie diese Antropophagen überhaupt nach Neuengland kommen konnten …

Mein Problem bei diesem Anfang war weniger die altmodische Sprache, an die hatte ich mich schnell gewöhnt – und dafür, dass die Geschichte 1888 spielen soll, ist die Ausdrucksweise des Autors leicht und flüssig zu lesen. Ich hatte ein Problem mit den Figuren, immer wieder fragte ich mich, warum Will Henry überhaupt nach dem Tod seiner Eltern zu Dr. Warthrop gezogen war, obwohl es andere Alternativen gegeben hätte. Ich fragte mich, warum der Wissenschaftler sich mit einem Kind als Assistenten abgibt, wenn dieser Junge doch vom Alter und den körperlichen Möglichkeiten her eigentlich denkbar ungeeignet für seine Aufgabe ist. Ich habe einfach keinen Zugang zu den beiden gefunden und dann wurde das Rätsel um die Antropophagen auch noch von detaillierten Beschreibungen der gefundenen Leichen überschattet. Okay, zum Teil ist das wirklich mein ganz persönliches Problem, weil ich neue Bücher gern beim Frühstück anfange – und da liest es sich etwas schlecht von blutigen Untersuchungen, Mädchenleichen und monströsen Fortpflanzungsdetails. 😉

Nach dem ersten Drittel zog die Geschichte dann an. Dr. Warthrop und Will Henry waren mir inzwischen vertraut und ich bekam eine Ahnung davon, was die beiden miteinander verband und wie sehr sie eigentlich aufeinander angewiesen waren. Außerdem gab es am Ende des ersten Drittels detaillierte Informationen über die Herkunft der Antropophagen und die Jagdvorbereitungen nahmen konkrete Züge an. Ab diesem Punkt hat mich das Buch wirklich gefesselt, es gab zwar immer noch genügend eklige Stellen, aber die Handlung wurde so spannend, dass ich darüber hinwegsehen konnte. Es waren einfach nur Dinge, die im Laufe der Geschichte passierten – und wenn das bedeutete, dass Will Henry knietief durch alte Leichen waten musste, dann war das eben so und wurde von mir einfach nur registriert, weil ich wissen wollte, was den Jungen am Ende seines Weges erwartet.

Mir fällt es sehr schwer, ein Urteil über dieses Buch zu fällen. Ich lese normalerweise keine üblichen Horrorromane, dafür mag ich aber gruselige Geschichten. Immer mal wieder war ich versucht „Der Monstrumologe“ mit H.P. Lovecraft (den ich übrigens wirklich gern lese) zu vergleichen, aber das trifft es auch nicht – abgesehen vielleicht von der Verbindung zu Neuengland und Will Henrys Perspektive, die mich an einige Lovecraftsche Erzähler erinnerte. Mich hat Rick Yancey letztendlich nicht mit den gruseligen Szenen oder der Jagd auf die Antropophagen gepackt – obwohl ich das vor allem am Ende auch spannend fand -, sondern mit der vielschichtigen Beziehung zwischen Dr. Warthrop und Will Henry.

Das bringt mich aber zu der Frage, für wen dieses Buch überhaupt geeignet ist. Wer auf hintergrundlose Splatterszenen steht oder keine Lust hat, sich in die etwas geschraubte Ausdrucksweise einzulesen, der wird mit „Der Monstrumologe“ auf keinen Fall glücklich. Wer keine Geduld hat, um die ersten 120 Seiten einfach durchzustehen, bevor die Handlung richtig Fahrt aufnimmt, der sollte wohl auch die Finger davon lassen … Wer hingegen Lust auf eine Geschichte hat, in der Horrorelemente mit einer leicht altmodischen Ausdrucksweise und einer komplexen Beziehung zwischen dem Wissenschaftler und seinem Assistenten gemischt wurden, und die sich angenehmerweise von dem Gros an Veröffentlichungen unterscheidet, der sollte gucken, dass er den Roman in einer Buchhandlung in die Finger bekommt und unbedingt einmal reinlesen!

Agnès Desarthe: Mein hungriges Herz

Wieder ein Buch, bei dem der Klappentext in mir andere Erwartungen geweckt hatte als letztendlich erfüllt wurden.

Der Verlagstext lautet:

Seit Myriam von ihrer Familie verstoßen wurde, sucht sie nach einem neuen Sinn in ihrem Leben. Nach Jahren zielloser Wanderschaft eröffnet sie in Paris ein kleines Lokal namens Chez moi. Das ungewöhnliche Restaurant wird schnell zum Lieblingstreffpunkt des Viertels, und Myriam findet in ihren Nachbarn und Gästen eine neue Familie. Doch kann man die Vergangenheit einfach so hinter sich lassen?

Den Anfang von „Mein hungriges Herz“ fand ich noch sehr reizvoll. Agnès Desarthe zeigt hier eine recht entschlossene Myriam, die einen Haufen Dokumente fälscht und Geschichten erzählt, um sich den Traum vom eigenen Restaurant erfüllen zu können. Mir hat es gefallen, wie sich die Frau provisorisch in ihrem Café „Chez moi“ eingerichtet hat, wie sie auf einer gepolsterten Bank schläft und sich in ihrem Spülbecken ein Bad gönnt, weil sie sich eine Wohnung neben dem Restaurant nicht leisten kann. In diesen Aktionen steckt so ein Wille zum Überleben, so ein Bedürfnis sich diesen einen Traum zu erfüllen, das fand ich schön!

Doch als das Café so langsam anläuft, wird die Geschichte für mich immer seltsamer. Myriam philosophiert über die verschiedenen Gäste, über ihre Geschäftsnachbarn und über ihre eigene Stellung in der Welt – und mit diesen Passagen hat es mir die Autorin sehr schwer gemacht bei der Stange zu bleiben. Für mich waren die Gedanken von Myriam oft nicht nachvollziehbar, zu abgehoben, zu pathetisch, zu … fremd. Und zwar auf eine Art und Weise, die ich nicht interessant, sondern ermüdend fand. Wieder einmal war es hier eine Nebenfigur, die dafür sorgte, dass ich weitergelesen habe.

Denn obwohl Myriams Restaurant gut besucht ist und die Leute ihr Essen und ihre Ideen lieben, bekommt sie ihre Finanzen und all die anderen Dinge, die zu beachten sind, nicht in den Griff. Was auch daran liegt, dass sie zum Beispiel zwei Studentinnen, die sie ins Herz geschlossen hat, die teuersten Gerichte vorsetzt, ohne dass die beiden angemessen dafür bezahlen müssen. Immerhin sind es auch diese beiden Mädchen, die ihr empfehlen Ben als Kellner anzustellen. Ihr Argument ist es, dass sich Myriam so mehr auf das Kochen konzentrieren kann, während sich Ben um die Gäste kümmern wird. Aber der junge Mann bedient nicht nur die hungrigen Besucher des „Chez moi“, sondern sortiert unauffällig auch Myriams Leben neu. Er sorgt dafür, dass dringende Rechnungen bezahlt werden, dass sich die Köchin nach dem richtigen Lieferanten umschaut und dass sich Myriam wieder mehr auf sich konzentrieren kann.

Denn Myriam wirkt – je erfolgreicher das Restaurant ist – immer verlorener. Als Leser weiß man zwar, dass es zu einem Bruch mit ihrer Familie kam, aber erst so nach und nach erfährt man, was wirklich passiert ist. Auch hier hatte ich das Gefühl, dass mir die Autorin nicht so ganz erklären kann, warum dieser eine Vorfall zu einer solchen Zerstörung von Myriams Persönlichkeit geführt hat. Einzig die Andeutungen, dass sie sich noch nie wie andere gefühlt hat und dass sie auch damals ihren Mann vor allem geheiratet hat, um ein beständiges und „normales“ Leben zu führen, hat mich etwas mit dieser Grundsituation versöhnt.

„Mein hungriges Herz“ gehört wieder einmal zu den Büchern, bei denen ich die Idee, die Figuren und die Sprach zwar würdigen kann, aber bei denen ich das Fazit ziehen muss: Für mich ist das nichts! Und das obwohl ich mich am Ende in die Geschichte eingefunden hatte und mich über den Schluss freuen konnte. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Agnès Desarthe oder daran, dass ich eben auch mit einer bestimmten Form von „Frauenroman“ nichts anfangen kann, aber so ist es eben. Das wird mich allerdings nicht daran hindern, immer wieder zu solchen Büchern zu greifen, in der Hoffnung darin eine berührende und ungewöhnliche Geschichte zu entdecken.

Mariëtte Aerts: Hexenheide

Ich glaube, ich hätte „Hexenheide“ als Kind geliebt – und lange dem Teenageralter entwachsen, hat mir das Lesen dieses Buches wirklich Spaß gemacht. Die Geschichte ist eigentlich ganz schnell erzählt: Karim und Lenne leben am Rande eines Dorfes in den Niederlanden. Die beiden Elfjährigen wohnen weiter draußen, da wo eine Heidefläche an den Ort grenzt. Wenn sie von der Schule nach Hause gehen, dann wäre es deutlich kürzer über die Heide abzukürzen, aber das haben ihnen ihre Eltern vor einiger Zeit verboten, nachdem ein Mädchen spurlos verschwunden ist.

Denn die Erwachsenen vermuten, dass Rinnie – so hieß die verschollene Schülerin – von einem Fremden auf der Heide angesprochen und mitgenommen wurde. Als Leser hingegen hat man einen ganz anderen Verdacht, denn schon im Prolog lässt die Autorin Mariëtte Aerts drei mehr oder weniger unheimliche Frauen auftreten, die sich darüber streiten, dass sie „frisches Blut“ benötigten. Alles sehr vage, aber genau deshalb – vor allem, wenn man den Titel „Hexenheide“ im Hinterkopf behält – auch etwas unheimlich.

Eines Tages lässt sich der eher bedächtige Karim von seiner Freundin Lenne dazu überreden den Heimweg über die Heide anzutreten. Und als nichts anderes passiert, als dass sie ein ungewöhnliches Eichhörnchen sehen, gehen sie wieder regelmäßig diese Abkürzung nach Hause. Doch obwohl sich die Kinder sicher sind, dass die Heide ein ganz normales Stückchen Land ist, wird ihnen im Laufe der nächsten Wochen immer unheimlicher zumute. Eine seltsame Frau taucht immer mal wieder unvermutet auf und scheint Lenne zu sich zu rufen und auch andere ungewöhnliche Ereignisse geschehen, die sich nicht immer erklären lassen.

In der Dorfbibliothek erfahren die beiden Kinder dann auch noch mehr über die Heide – und warum sie früher von den Leuten in der Gegend nur „Hexenheide“ genannt wurde. Denn angeblich lebte dort eine Frau mit unnatürlichen Kräften, die ihre Nachbarn verfluchte und für viel Unglück im Dorf verantwortlich gewesen sein soll. So langsam aber sicher befürchtet Karim, dass eine Hexe hinter Lenne hinterher ist – und versucht alles, um seine Freundin zu beschützen.

Mir hat es gefallen, dass man zwar schnell den Verdacht hatte, dass die drei Frauen aus dem Prolog Hexen sind, aber Mariëtte Aerts sich sehr viel Zeit damit lässt näher auf die Geschichte der Hexenheide und die damit verbundenen Legenden einzugehen. Auch Karim und Lenne fand ich schön charakterisiert, die beiden sind zwei nette, aber trotzdem real wirkende Kinder, die die ganze Zeit über zwischen Angst und Faszination hin und her gerissen werden.

Ich fand die Geschichte spannend, aber nicht wirklich unheimlich. Immer nur gerade so gruselig, dass ich mich als Kind vermutlich abends etwas tiefer in meine Bettdecke eingegraben hätte, aber nie so heftig, dass mich die Handlung geängstigt oder mir gar Albträume bereitet hätte. Auch hat es mir gefallen, dass der Alltag von Karim und Lenne neben all den unheimlichen Ereignissen ganz normal weiterlaufen musste – was für die beiden gar nicht so einfach ist, da sie ja weder ihren Eltern, noch Lehrern oder Mitschülern von all den Dingen erzählen können, die sie so sehr beschäftigen.

Auch die Erzählweise von Mariëtte Aerts hat mir gefallen, die Autorin verwendet eine klare und gut zu erfassende Sprache, so dass die Geschichte auf jeden Fall für Kinder ab zehn sehr gut zu lesen ist, ohne dabei so simpel zu werden, dass es für mich als Erwachsene langweilig wurde. Insgesamt ist das einfach ein rundum gelungenes Buch rund um Freundschaft, übernatürliche Vorgänge, Vorurteile und eine Menge mehr – mir hat es so gut gefallen, dass es erst einmal einen Platz in meinem Regal bekommen wird.

Alan Bennett: Così fan tutte

Anlässlich des ersten 24-h-read-a-thon hatte ich von Alan Bennett „Die souveräne Leserin“ gelesen und es hatte mir so gut gefallen, dass ich mich von Natiras Rezension dazu verleiten ließ, mir „Così fan tutte“ von dem Autor in der Bibliothek vormerken zu lassen. Ich kann gleich dazu anmerken, dass ich im Gegensatz zu Natira „Die souveräne Leserin“ bevorzuge, aber Spaß gemacht hat mir auch dieses Bändchen.

Der Inhalt lässt sich ganz schnell erzählen: Als Rosemary und Maurice Ransome von einem Opernabend nach Hause kommen, finden sie eine komplett leere Wohnung vor. Und zwar wirklich komplett leer! Kein Schrank, kein Topf, nicht einmal das Toilettenpapier ist ihnen geblieben. Während Mr. Ransome sich um die wichtigen Dinge wie die Auseinandersetzung mit der Versicherung und eine neue Stereoanlage kümmert, um dann stoisch sein normales Leben weiterzuführen, entdeckt Mrs. Ransome die Möglichkeiten, die so ein Neuanfang mit sich bringen kann.

Sie geht zum ersten Mal in ihren Leben in den indischen Gemüseladen um die Ecke, probiert exotische Obstsorten, genießt den billig aussehenden, aber sehr bequemen Schaukelstuhl, den sie neu angeschafft hat, erfreut sich an dem farbenfrohen Teppich, der nicht zu ihrer alten konservativen Möblierung gepasst hätte und denkt darüber nach, was man eigentlich alles noch in der eigenen Stadt entdecken könnte. Mrs. Ransome träumt von Museumsbesuchen und Volkshochschulkursen und entdeckt die nachmittäglichen Talkshows im Fernsehen.

Ich muss zugeben, dass mein Herz eindeutig für Mrs. Ransome schlug, die diesen Eingriff in ihr Leben als eine Chance für Veränderungen ansieht. Ihren Mann hingegen fand ich ganz schrecklich! So ein pedantischer, unflexibler und konservativer Mensch, der außer seinen eigenen Bedürfnissen nichts wahrzunehmen scheint! Die Vorstellung so unbelastet neu auf alles zuzugehen wie Mrs Ransome finde ich faszinierend – mir wäre es nicht möglich, allein meine Bücher, wären ein unwiederbringlicher Verlust, den ich wohl kaum überwinden könnte 😉 – aber gerade deshalb habe ich es genossen mir Mrs. Ransomes Situation auszumalen. So habe ich mich auch dieses Mal von Alan Bennett gut unterhalten gefühlt. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir dieses Büchlein wohl nicht selber kaufen werde/würde. Für den Umfang finde ich es – trotz des Lesevergnügens und der schönen Ausstattung – mit fast 15 Euro dann doch etwas teuer.

Jussi Adler-Olsen: Erbarmen

„Erbarmen“ ist der erste Teil einer Krimireihe rund um Carl Mørck und das Sonderdezernat Q. Jussi Adler-Olsen baut die Handlung aus zwei Perspektiven auf, die von dem Polizisten Carl Mørck und die der Merete Lynggard. Meretes Geschichte beginnt im Jahr 2002, sie ist eine junge und aufstrebende Politikern, sehr hübsch und sehr geheimnisvoll. So erfahrt man gleich zu Anfang, dass sie ihre Position nur unter der Bedingung angenommen hatte, dass sie jeden Abend pünktlich Feierabend machen kann, ohne zu begründen, warum das so notwendig sei.

Carl Mørck Teil startet im Jahr 2007, kurz nachdem der Kriminalbeamte aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Denn dieser war vor einiger Zeit gemeinsam mit seinen beiden Kollegen Anker und Hardy bei einem Routineeinsatz beschossen worden. Anker starb bei diesem Angriff und Hardy dank der Schussverletzungen nie wieder laufen können. Carl hingegen kam noch recht glimpflich davon, nur eine Narbe ist von diesem Tag zurückgeblieben – und das Gefühl seine beiden Freunde bei diesem Einsatz im Stich gelassen zu haben.

Für den Chef der Mordkommission, Marcus Jacobsen, ist Carls Rückkehr in den Dienst ein Problem. Den der ist zwar ein hervorragender Polizist, aber ein grauenhafter Kollege – und nur Anker und Hardy waren bereit mit ihm zusammenzuarbeiten. Da aber ein im Dienst verletzter Beamter nicht ewig beurlaubt werden kann, gründet Jacobsen kurzerhand das Sonderdezernat Q und überträgt Carl Mørck die Leitung. Damit kommt der Chef der Mordkommission den Wünschen der Politiker nach einer besonderen Abteilung für ungelöste ältere Fälle entgegen, kann auf eine großzügige finanzielle Unterstützung für seine Behörde hoffen und hat Carl auf einen Posten verbannt, an dem er mit keinem anderen zusammenarbeiten muss. Einzig Hafez el-Assad leistet Carl in den Kellerräumen, in denen das Sonderdezernat eingerichtet wurde, Gesellschaft – und der Einwanderer, der eigentlich nur Böden putzen und aufräumen sollte, nimmt schon bald die Organisation von Carls Arbeit in die Hand und sorgt dafür, dass der Kriminalbeamte in dem alten Fall der verschwundenen Politikerin Merete Lyngaard ermittelt.

Ich hatte ja schon einen ersten Eindruck zu diesem Buch geschrieben – und musste den im Laufe des Romans eigentlich nicht revidieren. „Erbarmen“ hat mich sehr gut unterhalten, ich fand es interessant zu verfolgen wie Merete überhaupt verschwand und was für ein Leben hinter dieser erfolgreichen Politikerin stand und fragte mich, was später aus ihrem Bruder Uffe geworden ist. Die Figur des Assad hat mir bis zum Ende die Geschichte „versüßt“, er ist hilfsbereit, patent, hat seinen ganze eigenen Kopf – und obwohl er so ein kommunikativer Mensch ist, merkt man genau, dass da noch so einige Geheimnisse verborgen sind.

So muss ich zugeben, dass mich Carl Mørck und seine Geschichte am wenigsten berührt hat, auch wenn diese Figur nicht unsympathisch ist – und einen wundervollen Gegensatz zu Assad bildet. Aber ansonsten ist Carl einfach nur ein Kriminalroman-Klischee, wie er einem in ständig über den Weg läuft. Auch hat mich Meretes Gefangenschaft erstaunlich wenig berührt, hier und da habe ich mich geschüttelt zum Beispiel bei der Vorstellung so lange Zeit die gleichen Kleidungsstücke tragen zu müssen, ohne sie waschen zu können, oder mich gefragt, ob so viel geistige Gesundheit unter den Umständen wirklich möglich wäre, aber ich ansonsten habe ich nicht sehr um diese Figur gebangt.

Vielleicht, weil mir recht schnell klar war, wer und was hinter der Tat steckte – in meinen Augen hat der Autor die Hinweise nicht gerade dezent gestreut – und das nimmt einem ja doch einiges an Spannung. Aber auch ohne die Angst, dass Merete noch schlimmeres passieren könnte oder einen faszinierenden Ermittler hat mich „Erbarmen“ gut unterhalten. Das lag vor allem an Assad, bei dem ich mich ständig fragte, wie er an manche Informationen herangekommen ist, was er in seiner Vergangenheit wohl gemacht hat und wie sein und Carls Verhältnis sich noch ändern wird. Auch habe ich die Gespräche zwischen ihm und dem Polizisten genossen, in diesen Momenten lief sogar Carl zur Höchstform auf und reizte mich hier und da zum Schmunzeln. Ich habe mir „Schändung“, den zweiten Band um das Sonderdezernat Q schon in der Bibliothek vorgemerkt – und hoffe sehr, dass der wieder so unterhaltsam wird wie „Erbarmen“.

Milena Agus: Die Gräfin der Lüfte

„Die Gräfin der Lüfte“ ist das dritte Buch aus dem Hoffmann und Campe Verlag von Milena Agus, die schon mit ihrem Roman „Die Frau im Mond“ zu einer Bestseller-Autorin wurde. Milena Agus konzentriert sich in ihren Geschichten auf das Leben auf Sardinien und um die Eigenheiten der Sarden. Während ich sonst häufig mit italienischen Autoren nicht so recht warm werde, so mag ich die Bücher von Milena Agus – und da ich hier noch nichts über sie geschrieben habe, müsst ihr jetzt mit ein paar zusätzlichen Passagen zu diesen Geschichten leben, bevor ich zu „Die Gräfin der Lüfte“ komme.

Ihr erster Titel „Die Frau im Mond“ hat mich gut unterhalten. Ich war von ihrer Hauptfigur fasziniert, einer Frau, die trotz der harten Lebensumstände in ihrem Ort und des Drucks der Familie viele Jahre lang auf den richtigen Mann wartet. Eine Frau, die erst mit dreißig Jahren den Plänen ihrer Verwandtschaft nicht mehr standhalten kann und sich mit einem Mann verheiraten lässt, der aufgrund des (zweiten Welt-)Krieges aus der Hauptstadt Cagliari geflüchtet ist. Doch auch in dieser Vernunftehe träumt diese Sardin weiter von der großen Liebe … All das wird von ihrer Enkelin erzählt, ohne dass das Verhalten der Personen gewertet oder gar kommentiert wird. Es wird dem Leser überlassen, wie er das Benehmen der Figuren beurteilt und wie er die leichten Widersprüche deutet.

Mit „Die Flügel meines Vaters“ bin ich nicht ganz so warm geworden, aber auch hier sind Szenen oder Sätze in meiner Erinnerung haften geblieben. Wie bei „Die Gräfin der Lüfte“ erzählt Milena Agus in diesem Roman weniger eine Geschichte, als dass sie Momentaufnahmen vom Leben ihrer Protagonisten zeigt und versucht die Eigenheiten der Sarden und das Leben auf Sardinien zu beschreiben. Die Autorin verwendet eine sehr einfache Sprache und ebenso einfache Bilder und doch schwingt hinter jedem Absatz noch etwas Ungesagtes oder Ungezeigtes mit, das dafür sorgt, dass diese Szenen in mir nachklingen.

Nun aber zu „Die Gräfin der Lüfte“: Die Handlung dreht sich um drei Schwestern, die in einem alten Palazzo in Cagliari wohnen. Die drei gehören zu einer alten und verarmten Adelsfamilie – und so mussten sie in der Vergangenheit fünf von den acht Wohnungen ihres Palazzos verkaufen. Noemi, die älteste der Schwestern, ist Single und eine erfolgreiche Anwältin. Sie träumt davon den Stadtpalast eines Tages wieder in altem Glanz auferstehen zu lassen, die Fassaden zu renovieren, die Wohnungen zurückzukaufen und die Räume mit den prächtigen Möbeln ihrer Vorfahren einzurichten.

Die zweite der Schwestern, Maddalena, ist mit Salvatore verheiratet. Die beiden wünschen sich sehnlichst ein Kind und verbringen so viel Zeit wie möglich mit Sex. Die jüngste der drei Frauen wird von allen aufgrund ihrer Unbeholfenheit nur die „Contessa mit den Ricottahänden“ oder kurz Contessa (di Ricotta) genannt. Ich persönlich finde diesen Namen scheußlich, auch wenn er auf italienisch deutlich hübscher klingt. Die Contessa ist eine sehr weichherzige und ebenso ungeschickte Person. Sie gibt ihr ganzes Geld und ihren gesamten Hausrat an die Armen der Stadt weiter – die wohl zum Teil ohne ihre Mildtätigkeit besser dran gewesen wären -, obwohl sie selber ohne die Unterstützung ihrer Schwestern nicht über die Runden käme.

Auch bei der Arbeit versagt die Contessa regelmäßig, denn obwohl sie alle Prüfungen (mit Hilfe ihrer Schwestern) geschafft hat, erträgt sie es nicht als Lehrerin zu arbeiten. Nicht einmal die Aushilfsstellen, die sie immer wieder annimmt, bringt sie zu einem Ende, da sie den Lärm und den Spott der Schüler beim Unterrichten nicht erträgt. Sie hat einen kleinen Sohn, Carlino, der ebenso ein Außenseiter ist wie seine Mutter, und dessen Vater nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte.

Milena Agus erzählt in ihrem Buch von den Hoffnungen und Wünschen dieser drei Frauen, die oft genug in einem harten Kontrast zu ihrer Realität stehen. Und doch führen ihre Träume dazu führen, dass jede von ihnen wunderschöne Zeiten erlebt. So kann man als Leser die Höhen und Tiefen im Leben der Schwestern miterleben, während sich kleine Beschreibungen der Umgebung und des Alltags in dieser Stadt durch die Zeilen ziehen.

Am Ende von „Die Gräfin der Lüfte“ blieben bei mir weniger die Erinnerung an einer Geschichte oder greifbare Handlung hängen, sondern Gerüche, Gefühle, Bilder und Träume. Ich habe das Gefühl, ich habe einen Blick auf Cagliari werfen können, hätte mich durch den dunklen Palazzo bewegt und mich vom Ausblick am Meer bezaubern lassen. In meiner Nase hängt der Geruch eines schimmeligen Kellers, in dem die Nachbarn der Schwestern wohnen, und der von Mandelgebäck, dass frisch gebacken wurde, um eine an Liebeskummer leidende Noemi aufzubauen. Ich möchte einen kleinen Garten mit einer Bruchsteinmauer hegen und pflegen – obwohl einem Teil von mir bewusst ist, dass ich mit meinem eigenen kleinen Garten nicht besonders gut zurecht komme *g* – und ich bin gerade fest davon überzeugt, dass es sich sehr heimelig anfühlen würde, wenn ich jetzt aus dem Fenstern der Nachbarn Klaviermusik hören würde.

Die Bücher von Milena Agus erzählen keine spannenden oder mitreißenden Geschichten, aber sie hinterlassen Eindrücke in mir, die noch eine ganze Weile nachklingen, die mir ein gutes Gefühl geben und die dafür sorgen, dass ich wohl auch zum nächsten Buch von der Autorin greifen werde. Ich muss aber zugeben, dass mir diese Romane nicht so wichtig sind, dass ich dafür 15 Euro für ein (wirklich schönes und liebevoll gemachtes) sehr dünnes Hardcover ausgeben wollte. Also werde ich auch dann wieder darauf warten, dass ich in der Bibliothek überraschend über eines ihrer Bücher stolpere, um mich damit für ein paar Stündchen nach Sardinien träumen zu können.

Michael Harvey: Preis der Schuld

Seit einiger Zeit bin ich recht erfolglos auf der Suche nach einem spannenden Krimi und auch dieser hat mich nach dem Lesen eher enttäuscht zurückgelassen. Die Geschichte dreht sich um den irischstämmigen Privatdetektiv Michael Kelly, der in Chicago in einer vor neun Jahren passierten Vergewaltigung ermittelt. Normalerweise würde er von so einem Fall die Finger lasse, doch er wurde dieses Mal von seinem alten Partner John Gibbons darum gebeten.

Der inzwischen pensionierte Polizist hatte, bevor er und Michael Partner wurden, bei einer Streifenfahrt eine junge Frau gefunden, die vergewaltigt und danach schwer verletzt auf der Straße zurückgelassen worden war. John gelang es sogar den Täter festzunehmen, doch kurze Zeit später war der schon wieder auf freiem Fuß und dem Beamten wurde von höherer Stelle klargemacht, dass er alles vergessen sollte, was in dieser Nacht geschehen war. Doch jetzt hat das damalige Opfer, Elaine Remington, John aufgesucht, weil sie endlich die Wahrheit über die Geschehnisse aus dieser Nacht wissen will.

Noch bevor Michael Kelly richtig aktiv werden kann, wird John ermordet – und der Privatdetektiv gerät natürlich in den Verdacht damit etwas zu tun zu haben. Unterstützt von der Journalistin Diane Lindsay und seiner alten Freundin Nicole, die inzwischen in einem Labor arbeitet und bereit ist für Michael alte Beweismittel auszuwerten, macht sich der Detektiv auf die Suche nach dem Täter.

Das alles klingt soweit ganz nett, aber richtig glücklich bin ich mit der Geschichte nicht geworden. Wenn meine Recherchen stimmen, dann wurde der Michael Harvey in Amerika schnell mit Raymond Chandler verglichen und ja, es gibt ein paar Dinge, die man auch in den Büchern von Chandler finden würde. Harveys Dialoge und ebenso einige Szenen erinnern sehr an die Marlowe-Krimis und ich fürchte, dass es seine Anspielung auf Chandlers Schulbildung sein soll, wenn der Autor seine Hauptfigur Texte auf Altgriechisch lesen lässt. Mir persönlich ist das dann doch etwas zuviel des Guten …

Außerdem sorgt der Gegensatz zwischen dem Erzählstil einer „hardboiled novel“ und den in dieser Geschichte angewandten modernen Ermittlungstechniken und Labormethoden für eine scheußliche Unstimmigkeit. Da gibt es den alten Mafioso, dem bewusst ist, dass er zu einer ausgestorbenen Art gehört, eine durch und durch korrupte Behörde, in der Akten verschwinden und Beweismaterial manipuliert wird, und lauter Leute, die Rache- und Mordpläne schmieden. Das alles könnte zu einem unterhaltsamen Krimi führen, wenn der Autor es nicht mit der Darstellung eines realistischen und moderne Polizeiapparates und diverser Labortechniken selber widerlegen würde.

Auch Michael Kelly finde ich nicht gerade glaubwürdig gestaltet. Während ich einer Chandler-Figur abnehme, dass sie klaglos aus dem Polizeidienst ausgetreten ist und aufgrund ihres Gerechtigkeitsempfindens bestimmte Entscheidungen trifft, kann ich Michael Harvey diese Charakterzüge an seinem Detektiv nicht abnehmen. Dazu kommt dann noch, dass die „überraschende Auflösung“ von mir schon sehr früh geahnt wurde und lange vor Schluss war mir schon klar, wie die Geschichte ausgehen würde.

Ich gebe zu, dass das ein Problem ist, das ich häufiger mit Krimis habe – vielleicht habe ich inzwischen davon einfach zu viele gelesen oder sie sind nicht mehr für Menschen konzipiert, die beim Lesen mitdenken. Aber wenn eine Geschichte in sich logisch ist und ich mich gut unterhalten gefühlt habe, dann kann ich normalerweise damit leben, dass ich den Täter schon vor der großen Enthüllung kenne. Hier hingegen hat es mich einfach nur ärgerlich gemacht. Immerhin muss ich dem Autor zugute halten, dass sich sein Schreibstil schnell und gut lesen lässt und ich das Buch nach wenigen Stunden durchgelesen hatte.