Kategorie: Rezension

Karen Joy Fowler: Der Jane Austen Club

Fünf Frauen und ein Mann kommen sechs Monate lang regelmäßig zusammen, um über die Romane von Jane Austen zu diskutieren. Doch was dabei ans Licht kommt, sind weniger die verschiedenen Aspekte von „Stolz und Vorurteil“ als die Wünsche und Sehnsüchte der Teilnehmer selbst. Während der Jane Austen Club sich trifft, werden Ehen getestet, zarte Bande gesponnen und Tragödien gemeistert. Und die Liebe bahnt sich am Ende durch alle Wirrnisse ihren Weg …

Soweit der Klappentext – und auf meiner Ausgabe stehen noch Zitate aus diversen Medien: „Ein wahres Lesefest“ (Bookreporter), „Ein absoluter Genuss! Intelligente, bezaubernde, kluge Unterhaltung für jeden Leser – und ein ganz besonderes Fest für alle Fans von Jane Austen.“ (Kirkus Reviews), „Scharfsinnig und raffiniert – eine ernste, witzige und durch und durch entzückende Komödie.“ (Entertainment Weekley) und „Dieser Roman zeigt, wie uns manche Bücher mitten ins Herz treffen.“ (Independent)

Nach all diesen werbenden Meinungen zum Buch muss ich mich nach dem Lesen des Romans fragen, ob die die gleiche Geschichte gelesen hatten wie ich. Ich meine, das Buch ist nett! Aber ich habe dafür zwei Tage gebraucht, weil ich beim Lesen auf dem Sofa immer wieder eingeschlafen bin. Und das lag weniger daran, dass ich so müde war, sondern daran, dass mich „Der Jane Austen Club“ nicht so weit fesselte, dass ich dabei wach bleiben konnte!

Sechs sehr unterschiedliche Personen treffen sich einmal im Monat, um über die Bücher von Jane Austen zu reden. Diese regelmäßigen Treffen nutzt Karen Joy Fowler, um pro Monat einen ihrer Charaktere näher zu beleuchten und zu zeigen, wie sich alle sechs im Laufe der Zeit weiterentwickeln. Das war ja alles ganz nett, aber in keiner Weise bezaubernd, raffiniert oder gar wirklich witzig – nur nett, wirklich nicht mehr (und ich muss zugeben, dass mir wirklich kein passenderes Wort dafür einfällt 😉 )!

Keine der sechs Personen ist mir besonders sympathisch gewesen oder gar ans Herz gewachsen. Der Teil, der sich um diese Leute gedreht hat, kam mir vor wie oberflächlicher Kaffeeklatsch: Man bekommt ein paar Details aus dem Leben der Nachbarn erzählt, einige sind belanglos und bleiben trotzdem hängen, andere hätte man eigentlich nie wissen wollen und wieder andere lassen einen den Menschen kurz aus einer anderen Perspektive sehen. Das ist in Ordnung, aber nichts, was ich bewusst suche. 😉

Das beste an diesem Buch war für mich die Beschäftigung mit den Jane-Austen-Romanen. Das hat auch bei mir dazu geführt, dass ich mir wieder neue Gedanken zu den bekannten Geschichten und Charakteren gemacht habe. Wobei da anzumerken ist, dass man die Handlungen und Figuren noch gut im Kopf haben muss, um die verschiedenen Ereignisse und Namen auf den Punkt parat zu haben und mit allen Anspielungen etwas anfangen zu können. Obwohl ich in diesem Jahr einiges von Jane Austen gelesen (oder gehört) habe, musste ich stellenweise ganz schön nachdenken, welcher Charakter nun gemeint war und warum diese Personen solche Ansichten über diese Figur äußerten.

Letztendlich habe ich zwar nicht das Gefühl, dass „Der Jane Austen Club“ totale Zeitverschwendung war, doch ich hätte mein Wochenende lieber mit meiner Ausgabe von „Mansfield Park“ verbringen sollen. Das Buch habe ich nämlich das letzte Mal vor ein paar Jahren gelesen, als ich es aus der Bibliothek geliehen hatte, und meine eigene Ausgabe wartet nun schon seit einigen Monaten darauf, dass ich Zeit finde, meine Erinnerungen wieder aufzufrischen. Und auf dieses Leseerlebnis freue ich mich wirklich! 🙂

Elizabeth Hoyt: Die Schöne mit der Maske

Es dürfte nicht mehr so überraschend sein, dass ich auch bei diesem Buch sagen kann, dass Irina Schuld ist – vor allem, da der Band eine Leihgabe von ihr ist. 😉 Ich hatte die Bücher einfach unsortiert ins Regal gelegt und nur geguckt, dass ich keine Reihen dabei habe und nun freue ich mich wirklich, dass „Die Schöne mit der Maske“ der letzte deutschsprachige Liebesroman ist, den ich von dem Stapel gefischt habe. Denn auch wenn mir die Bücher fast alle gut gefallen haben, so gibt es welche, die ich deutlich besser fand als andere und dieser Titel gehört eindeutig dazu!

Die weibliche Hauptfigur ist Anna Wren, eine eher unscheinbare ehrhafte Witwe, die vor sechs Jahren ihren Mann verlor und zusammen mit ihrer Schwiegermutter und einen Dienstmädchen in einem kleinen Cottage in dem Örtchen Little Battleford lebt. Da das Erbe von Annas Mannes nicht gerade viel abwirft, müssen die drei sehr sparsam haushalten und Anna und ihre Schwiegermutter versuchen mehr oder weniger verzweifelt eine Möglichkeit zu finden, damit sie noch etwas Geld dazuverdienen können. Zwar ist Anna überraschend gebildet für eine Frau ihrer Zeit (die Geschichte spielt im März 1760), was sie ihrem Vater zu verdanken hat, aber weder als Gouvernante noch als Gesellschafterin findet sie eine Anstellung.

So ist sie überaus erfreut, als sie erfährt, dass dem Earl of Swartingham gerade der Sekretär weggelaufen ist und sein Verwalter ganz dringend einen Ersatz sucht – mit möglichst viel Rückgrat, damit er nicht alle paar Wochen die Stelle neu besetzen muss. Denn der Earl (Edward), der zum ersten Mal seit seiner Teenagerzeit wieder auf seinem Stammsitz verweilt, ist ein etwas aufbrausender Mann, der seinem Sekretär auch gern mal eine Porzellanfigur an den Kopf wirft, wenn dieser etwas falsch gemacht hat.

Um es kurz zu machen, Anna und der Earl verstehen sich erstaunlich gut. Er ist beeindruckt von ihrer guten Arbeit und der Tatsache, dass sie ihm auch mal widerspricht, wenn sie anderer Ansicht ist als er. Anna hingegen kann über das aufbrausende Temperament ihres Arbeitgebers hinwegsehen und findet es sehr anziehend, dass er keine Hemmungen hat zusammen mit seinen Pächtern zu arbeiten und dass er es nicht übers Herz bringt einen hässlichen (und manchmal etwas lästigen) Hund zu verscheuchen, der ihm – seitdem Edward ihn mal gerettet hat – ständig zur Seite steht.

Doch obwohl sich beide zueinander hingezogen fühlen, ist ihnen klar, dass eine Heirat nicht in Frage kommt. Erst einmal ist Edward von deutlich höherem Rang als Anna, die doch nur die Tochter eines Landpfarrers ist, und dann benötigt der Earl (als letzter Nachkomme seiner Familie) dringend einen Sohn – und Anna hat es in den vier Jahren ihrer Ehe nicht geschafft auch nur einmal schwanger zu werden. So gibt keiner von ihnen dieser Zuneigung nach oder spricht darüber, obwohl sich vor allem Anna sicher ist, dass Edward etwas für sie empfindet. Als er also nach London reist und sie davon ausgehen kann, dass er bei dieser Reise auch „Aphrodites Grotto“ – ein Edelbordell – aufsuchen wird, beschließt Anna, dass sie ihn maskiert dort erwarten wird, um wenigstens eine leidenschaftliche Nacht mit ihm verbringen zu können.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise eine solche Geschichte als schrecklich konstruiert aburteilen würde, aber es gelingt Elizabeth Hoyt die verschiedenen Hürden gut zu nehmen. So ist Anna als Witwe kein unerfahrenes Mädchen und nach einigen Jahren des selbständigen Lebens (und einer Enttäuschung durch ihren verstorbenen Mann) hat sie den Mut endlich einmal etwas zu tun, was zwar nicht dem guten Ton entspricht, aber dafür ihren eigenen Bedürfnissen. Dabei erfährt sie von dem Bordell über eine Rechnung, die sie in Edwards Schreibtischschublade findet (das finde ich mal schön ausgedacht) und auch sonst hat die Autorin die Handlungen und Hintergründe stimmig aufgebaut. Natürlich gibt es den einen oder anderen Zufall in der Geschichte, aber nichts davon wirkt zu bemüht oder zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Auch die Charaktere haben mir gut gefallen. Anna ist eine Dame, verhält sich auch in der Regel wie eine und die Dinge, über die sie sich in der Gesellschaft so aufregt, könnten direkt aus einem von Jane Austens Briefe gemopst worden sein. Auch wenn sich Jane Austen wohl nie so direkt ausgedrückt hätte. 😉 Trotzdem ist ihre kleine Rebellion mit ihrer Person mehr als vereinbar und auch das Risiko, das sie dabei eingeht, wurde von ihr von allen Seiten beleuchtet und als recht gering eingeschätzt.

Edward hingegen könnte theoretisch wunschlos glücklich sein: Reich, unabhängig und mit einem faszinierenden Interessengebiet, in dem seine Meinung geschätzt wird. Wäre da nicht der Umstand, dass er als Junge seine gesamte Familie an die Pocken verloren hätte, die ihn selber für den Rest seines Lebens vernarbt zurückgelassen haben. Beides hat seine Spuren hinterlassen und so lassen sich auch die Handlungen erklären, die mich manchmal etwas ungeduldig mit ihm gemacht haben.

Außerdem ist es für mich unabdingbar, dass so eine Liebesgeschichte humorvoll geschrieben wird. Denn wenn sich solche Geschichten zu ernst nehmen, dann ist das Lesen nur selten ein Genuss für mich. Aber auch das passte in „Die Schöne mit der Maske“ ganz wunderbar! Situationskomik, die nie übertrieben wurde, amüsante Dialoge, ohne dass man das Gefühl hat, dass da jemand unbedingt witzig sei will, und Charaktere voller realistischer Eigenheiten, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel das eher unfähige Dienstmädchen Fanny, das regelmäßig das Essen anbrennen lässt, weil es abgelenkt wurde.

Ergänzt wurde die Geschichte noch mit einem kleinen Märchen, das stückchenweise zu Anfang eines jeden Kapitels zu lesen ist. „Der Rabenprinz“ ist eine niedliche Geschichte, die eine direkte Verbindung zu der Handlung hat, da das Märchenbuch von Anna in Edwards Bibliothek gefunden wurde, und deren indirekte Verbindung ganz leicht durch die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin und dem verfluchten Rabenprinzen gezogen werden kann. Sehr niedlich gemacht! 🙂

Truman Capote: Frühstück bei Tiffany

Es gibt wohl kaum jemanden, der nicht zumindest schon von dem Film „Frühstück bei Tiffany“ gehört hat – und die meisten werden diesen Film auch kennen (und vielleicht sogar lieben). Das Drehbuch basiert auf einer Novelle von Truman Capote und obwohl mir das bekannt war, bin ich eigentlich nie auf den Gedanken gekommen, die Geschichte mal zu lesen. Doch im letzten Jahr habe ich die schöne Ausgabe von Kein & Aber von einer guten Freundin geschenkt bekommen und bin vor kurzem endlich dazu gekommen das Buch zu lesen.

Da ich durch den Film und Audrey Hepburn sehr vorbelastet bin, war es ungemein faszinierend das Original zu lesen und nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu gucken. Ich weiß nicht, ob er schon eine bestimmte Frau vor Augen hatte, als Truman Capote diese Geschichte – oder eher Episode – aus dem Leben von Holly Golightly und dem Erzähler schrieb, aber für die Verfilmung wollte er (und ich weiß gerade nicht mehr, wo ich die Information gefunden hatte) eigentlich Marilyn Monroe als Hauptdarstellerin haben! So nett ich die Schauspielerin finde, so hätte sie meiner Meinung nach überhaupt nicht gepasst. Viel zu weich (Mimik, Stimme und Figur!) wäre sie für die Rolle der Holly gewesen. Vor allem, da auch Truman Capote seine Hauptfigur als eine eher knabenhaft-schlanke Frau beschrieb.

Doch trotz all der Unterschiede und trotz all der Dinge, die mir vertraut waren und die ich wiedererkannt habe, hat mich „Frühstück bei Tiffany“ auch für sich überzeug. Holly Golightly mit den Augen des Erzählers kennenzulernen, zu erleben, wie ihre Umwelt auf sie reagiert und wie sie – zwischen Berechnung und Naivität schwankend – versucht ihren Weg im Leben zu finden, ist einfach großartig zu verfolgen. Doch im Gegensatz zum Film hat man nicht das Gefühl, dass die Geschichte erst einmal einen Abschluss gefunden hat.

Zusammen mit dem Erzähler lernt man Holly Golightly kennen. Anfangs nur als exzentrische Nachbarin, die den neu eingezogenen Schriftsteller regelmäßig aus dem Bett klingelt, weil sie in der Nacht nach Hause kommt, ohne einen Schlüssel dabei zu haben. Dann als verwirrende und bezaubernde Frau, die vor einem Verehrer Zuflucht sucht und später in vielen kleinen – immer persönlicher werdenden – Begegnungen. Der Erzähler ist ungemein fasziniert von dieser ungewöhnlichen Persönlichkeit und mit ihm der Leser.

Ich glaube, dass Holly gerade deshalb so fesselnd ist, weil sie auf den ersten Blick zwar so leicht und unabhängig durchs Leben zu gehen scheint, aber doch eigentlich eine traurige Figur ist, die vor Beziehungen flüchtet und sich doch nach einem Zuhause sehnt. Gleich zu Beginn des Buches weiß man, dass der Erzähler seine ehemalige Nachbarin schon sehr lange Zeit nicht mehr gesehen hat und dieses Wissen schwingt bei jeder Szene mit. Immer wieder habe ich mich gefragt, wo der Wendepunkt ist, der dafür sorgte, dass Holly und der Schriftsteller den Kontakt verloren haben.

Jede kleine Szene habe ich genossen – und ehrlich gesagt auch immer wieder das Gelesene mit dem Film verglichen und keines für besser oder schlechter befinden können. Beide Geschichten haben ihre ganz eigene Gewichtungen und auch wenn mich das angedeutete Happy End des Films immer wieder rührt, so hat mich das Lesen des Buches genauso befriedigt. Ich bin sehr froh, dass meine Freundin mir diese wunderschöne Geschichte geschenkt hat und ich so tolle Momente mit Holly Golightly verbringen konnte!

Oh, und ich sage ja selten ein Wort zur Ausgabe, aber diese hier hat wirklich ein paar lobende Erwähnungen verdient! Nicht nur, dass der schwarze Seideneinband wunderschön anzuschauen ist und sich ebenso schön anfühlt, sondern auch die Modeskizzen von Hubert de Givenchy (der unter anderem das kleine schwarze Kleid, das Audrey Hepburn in der Verfilmung trägt, entworfen hat) – eine davon ist in Silber auf dem Cover zu sehen, drei weitere sind im Buch abgedruckt – sind einen Blick wert und tragen ihren Teil dazu bei, um die richtige Stimmung beim Lesen zu erzeugen.

Chris D’Lacey: Feuerträne

Über das Buch „Feuerträne“ bin ich bei Natira gestolpert (Natira ist Schuld! 😉 ) und habe es gleich nach dem Lesen der Rezension auf meine Wunschliste setzen. „Feuerträne“ ist ein ganz bezauberndes Kinderbuch, das mir wirklich viel Spaß gemacht hat. Doch während die Inhaltsangabe, der von dem besonderen Drachen Gadzooks die Rede ist, eher einen fantastischen Roman zu versprechen scheint, so ist es erst einmal mehr eine Tiergeschichte.

Der Student David Rain meldet sich auf eine Anzeige, mit der Elizabeth Pennykettle einen Untermieter sucht. Sie bietet ein hübsches kleines Zimmer an und wünscht sich dafür einen ordentlichen und sauberen Bewohner, der Kinder, Katzen und Drachen (!) mögen muss. So sehr sich David doch über die Erwähnung der Drachen in der Anzeige wundert, so sehr leuchtet es ihm ein, als er das Haus von Elizabeth (Liz) betritt. Die Künstlerin fertigt nämlich Drachen aus Ton – und in jedem Zimmer begegnen einem die kleinen zauberhaften Figuren.

Während David die Tondrachen sehr niedlich findet, scheinen für Liz und ihre zehnjährige Tochter Lucy die Figuren etwas ganz besonderes zu sein, aber mit dieser kleinen Marotte kann der Student gut leben. Überhaupt fühlt er sich schnell im Haus der Pennykettles wohl, denn er wird von Liz sehr nett behandelt und von Lucy als „großer Bruder“ eingespannt. So erzählt das Mädchen David auch sehr schnell von ihrem Kummer bezüglich der Eichhörnchen, die früher in der Straße gelebt haben.

Nachdem eine alte Eiche gefällt worden ist, sind alle Eichhörnchen verschwunden. Nur ein Tier kann Lucy noch hin und wieder sehen und Conker – wie sie es nennt – scheint verletzt zu sein. Zusammen versuchen David und Lucy das Eichhörnchen einzufangen, damit sie seine Verletzungen versorgen können. Doch das ist nicht so leicht, dann das scheue Tier geht nicht so schnell in die Falle, Liz und Lucys Kater Bonington könnte für Conker zur Gefahr werden und auch der Nachbar, Henry Bacon, macht Jagd auf jedes Getier, dass seiner Ansicht nach seine Beete zerstören könnte.

Mir haben die Charaktere gefallen, die Chris D’Lacey für seine Geschichte entworfen hat. David ist ein wirklich netter junger Mann, der erstaunlich viel Geduld mit der aufgedrehten Lucy hat, während Liz den ganzen Haushalt zusammenhält, vernünftig und fürsorglich ist – und doch gerade dadurch, dass sie anfangs so gar nicht über das Thema reden will, immer wieder durchklingen lässt, dass mit ihren Drachen etwas Besonderes verbunden ist. Lucy wäre mir im wahren Leben als Mitbewohnerin vermutlich zu anstrengend, denn sie ist zwar ein aufgewecktes, tierliebes und sehr nettes Mädchen, aber auch sehr quirlig und will jede ihrer Ideen jetzt sofort umgesetzt sehen – womit sie auch David ganz schön fordert.

Dem Autor ist es gelungen, dass ich bei dieser niedlichen Tiergeschichte um Conkers Schicksal mitgefiebert habe, dass ich mich im – manchmal etwas chaotischen – Haushalt der Pennykettles wohlgefühlt habe und dass in mir der Wunsch nach einem ganz besonderen kleinen Tondrachen aufkam. Wer von euch also einen solchen Drachen (bitte mitsamt dem kleinen Hauch Magie, der dazu gehört) finden sollte, darf ihn mir gerne zukommen lassen. Ich würde mich zu gern von so einer kleinen Figur auf meinem Fensterbrett inspirieren lassen – auch wenn ich wohl wegen der vier Katzen immer um ihr Leben bangen müsste.

Auch die Erzählweise hat mich angesprochen, obwohl Chris D’Lacey sich einer sehr einfachen und kindgerechten Sprache bedient. Bereichert wird das Buch noch von sehr feinen Zeichnungen von Nora Nowatzyk. Mal von den englischen Namen abgesehen, würde sich das Buch auch sehr gut zum Vorlesen eignen. Die Kapitel sind kurz, die Handlung ist lustig, aufregend, spannend und mitreißend – und ich wollte die ganze Zeit mehr über die Geheimnisse der Drachen wissen! Leider wird meine Neugierde wohl erst im nächsten Band „Eisflamme“ weiter gestillt, der Anfang 2011 als Taschenbuch angekündigt ist.

Rachel Hawkins: Hex Hall 1 – Wilder Zauber

Ich glaube, ich sollte eine neue Kategorie aufmachen und diese mit „Irina ist Schuld“ betiteln! Nach dem Studiums des Lyx-Programms hatte ich das Buch mit einem „Nicht schon wieder eine übernatürliche Schulgeschichte!“ für mich abgehakt – und dann kam Irinas Rezension zu „Wilder Zauber“ und mich plagte die Neugier. Als ich dann am Freitag in einer Buchhandlung auch noch neben einem ganzen Stapel davon darauf wartete, dass ich endlich an der Kasse bezahlen kann, habe ich mich spontan gegen den ausgesuchten Roman und für den ersten Hex-Hall-Band entschieden.

Heute mache ich es mir mal leicht und gebe hier den (gekürzten) Text der Innenklappe des Buches wieder: Die sechzehnjährige Sophie Mercer ist eine Hexe. Doch die Sache mit der Magie hat sie nicht so wirklich im Griff. Als sie einer Mitschülerin mit einem Liebeszauber helfen will, endet dies mit derart katastrophalen Folgen, dass ihre Mutter sie an die Hecate Hall schickt, ein Internat für auffällig gewordenen junge Hexen, Gestaltwandler und Feen. Dort teilt sich Sophie ein Zimmer mit der einzigen Vampirin der Schule.

Kaum ist sie in „Hex Hall“ angekommen, versucht ein Trio dunkler Hexen, sie für ihren Zirkel zu gewinnen, und Sophie verliebt sich Hals über Kopf in den traumhaft gut aussehenden Hexer Archer – den Herzensbrecher von Hex Hall, der aber leider schon vergeben ist. Da werden auf dem Campus einige Hexen angegriffen, und der Verdacht fällt auf Sophies Zimmergenossin Jenna. Doch Sophie ist davon überzeugt, dass Jenna unschuldig ist. [Die restlichen zwei Sätze verraten mir zuviel, also lass ich die mal weg.]

„Wilder Zauber“ hat mich in genau der passenden Stimmung erwischt und ich habe mich sehr gut dabei amüsiert. Kritisch betrachtet ist es wirklich nur eine dieser zahlreichen „übernatürlichen Schulgeschichten“ und einige der Charaktere kommen einem doch sehr vertraut vor, begonnen bei Archer, dem Schwarm aller Mädchen, über die Schulzicke Elodie, die natürlich wunderschön und machtversessen ist, bis zur biestigen Sportlehrerin. Auch waren viele der „überraschenden“ Wendungen in der Handlung für mich sehr vorhersehbar – und das nicht nur, weil ich den Klappentext komplett gelesen hatte. 😉

Aber Rachel Hawkins Humor spricht mich an und so hat mich schon der Prolog zum Schmunzeln gebracht. Obwohl abzusehen war, dass Sophies Liebeszauber bestimmt schief laufen würde, wurden die Folgen dieser gut gemeinten Hexerei so wunderbar überzogen dargestellt, dass ich mich wohlwollend auf die weiteren Kapitel gestürzt habe. Nicht alles, was lustig gemeint war, war wirklich witzig, aber ich habe den Großteil der Zeit mit einem Grinsen im Gesicht über den Seiten gesessen. An vielen Stellen hat mich der Humor sehr an „Buffy“ erinnert – und die Serie war in der Beziehung wirklich toll! -, wobei ich schlecht erklären könnte, warum das so war. Die (manchmal zynischen) Sprüche von Sophie könnte ich mir einfach auch gut aus Buffys oder Willows Mund vorstellen.

Auch die Darstellung der übernatürlichen Wesen hat mir gefallen. Sophie lebt erst einmal wie ein ganz normaler amerikanischer Teenager, bis ihrer Zauberei einfach nicht mehr zu vertuschen ist. Erst dann bekommt sie überhaupt Kontakt mit der magischen Welt und mit ihr zusammen lernt man als Leser die verschiedenen Gestalten und ihre Fähigkeiten kenne. Wobei Sophie zwar sehr unerfahren, aber nicht unwissend ist, denn ihre (menschliche) Mutter hat so viele Bücher wie möglich über Hexen, Zauberer, Gestaltwandler und Magie gesammelt und das Mädchen hat diese Sachbücher intensiv studiert. Aber es besteht doch ein deutlicher Unterschied zwischen theoretischen Wissen und dem Leben in einem Internat für magische Jugendliche, die „auffällig“ geworden sind.

Mir gefällt es, dass diese ganzen Hexen, Gestaltwandler und Feen ganz normale Teenager sind – nur halt mit ein paar Problemen mehr als ein durchschnittlicher Jugendlicher sie hat. So beschreibt die Autorin einen (häufig langweiligen, aber) glaubwürdigen Schulalltag und überzeugende Teenager – mit all den Problemen, die Jugendliche so beschäftigen können, von der ersten Verliebtheit, Stress mit den Lehrern oder Mitschülern und Freundschaften. Auch die Beziehung zwischen Sophie und ihrer Mitbewohnerin Jenna finde ich sehr schön dargestellt. Obwohl Sophie selber mehr als genug Vorurteile gegenüber der Vampirin hat, versucht sie objektiv zu bleiben, als Jenna von den Mitschülern angegriffen wird, und weiterhin eine gute Freundin zu sein. Allerdings finde ich Jenna – so sympathisch die Vampirin ist –als Figur mit all ihren Vorlieben doch etwas übertrieben.

Ein paar Punkte haben mich an dem Buch geärgert wie zum Beispiel Sophies Eltern. Auch wenn nachvollziehbar erklärt, warum ihr Vater sie nie persönlich getroffen hat, so denke ich doch, dass er seine Tochter über seine Stellung in der magischen Welt und den damit für sie verbundenen Gefahren hätte aufklären sollen. Schließlich haben sie sich per Email ausgetauscht – und wenn das zu wenig „privat“ gewesen wäre, dann hätte ich an seiner Stelle zumindest einen langen Brief für meine Tochter bei der Schulleitung der „Hex Hall“ hinterlassen.

Auf der anderen Seite ist Sophies Verhalten innerhalb dieser Situation stimmig. Das Mädchen kommt recht naiv und ahnungslos an diese Schule und muss damit kämpfen, dass scheinbar jeder ihren Vater kennt (und einen Groll gegen ihn hegt). So schwankt sie zwischen Misstrauen und der Hoffnung, sich mit den Mitschülern anfreunden zu können – und reagiert häufig aus Unsicherheit heraus etwas überzogen. Dabei ist ihre Entwicklung im Laufe der Geschichte schön zu verfolgen, denn je besser sie sich in „Hex Hall“ einlebt, desto selbstbewusster wird sie und desto mehr wagt sie sich.

Ohje, ich weiß nicht, ob jetzt wirklich deutlich wurde, was mir an dem Buch gut gefallen hat, aber abschließend lässt sich sagen: Trotz der „gewöhnlichen“ Grundidee und diverser Kritikpunkte hat mir „Wilder Zauber“ wirklich viel Spaß gemacht! Der Humor liegt ganz auf meiner Wellenlänger, auch wenn mich die verschiedenen Szenen eher zum Schmunzeln als zum Auflachen gereizt haben – und ich werde mir ganz bestimmt auch die Fortsetzung zulegen, wenn sie irgendwann in Deutschland erscheint!

Polly Shulman: Die geheime Sammlung

„Die geheime Sammlung“ ist ein ganz wunderbares, märchenhaftes – und auch ein wenig altmodisches – Buch von Polly Shulman. Hauptfigur ist Elizabeth, eine Schülerin, die nicht gerade glücklich mit ihrem Leben ist. Vor einigen Jahren starb ihre Mutter, und auch wenn das Mädchen sie sehr vermisst hatte, so hat sie sich in der Zeit danach sehr mit ihrem Vater verbunden gefühlt. Doch inzwischen hat ihr Vater neu geheiratet und so muss Elizabeth nicht nur seine Aufmerksamkeit vermissen, die nun der neuen Frau gilt, sondern auch zugunsten ihrer beiden Stiefschwestern auf viele Dinge verzichten.

Unter anderem bedeutete die Heirat ihres Vaters, dass Elizabeth nun auf eine neue Schule gehen muss. Und da ihre Schwestern beide studieren, musste sie ihren geliebten Ballettunterricht aufgeben, da für diesen kein Geld mehr da war. Außerdem ist ihre beste Freundin gerade nach Kalifornien gezogen – und nun fühlt sich Elizabeth im verschneiten New York ziemlich allein. Einzig der Unterricht bei Mr. Mauskopf, ihrem Lehrer für europäische Geschichte, macht ihr noch Spaß – und so gefällt es ihr sogar, dass sie über die Weihnachtsferien für seinen Unterricht einen Aufsatz über die Gebrüder Grimm schreiben muss.

Der Lehrer ist es auch, der ihr im neuen Jahr einen Nebenjob vermittelt. Dank Mr. Mauskopfs Empfehlung bekommt Elizabeth eine Stelle als „Page“ im „Repositorium der Verleihbaren Schätze“. Das ist eine ungewöhnliche „Bibliothek“, in der die Nutzer die seltsamsten Gegenstände ausleihen können. In den Archiven dieses Gebäudes finden sich Kostbarkeiten, die früher berühmte Persönlichkeiten gehört haben, ungewöhnliche Werkzeuge, wertvolle Teppiche und andere Dinge, von denen ein normaler Mensch kaum zu träumen wagt.

Elizabeth bekommt aber schnell mit, dass sich hinter den Mauern des Repositoriums mehr verbirgt als nur diese kostbaren Gegenstände. Während ihr auf der einen Seite Gerüchte zugetragen werden, die behaupten, dass ein unheimlicher Vogel die Besucher des Repositoriums beobachtet, Gegenstände stielt und auch schon Angestellte entführt hat, bekommt sie auf der anderen Seite hinweise auf geheime Sammlungen, zu denen nur wenige Menschen in dem Repositorium Zugang haben.

Eine dieser Sammlungen beinhaltet magische (und nichtmagische) Schätze aus den Märchen der Gebrüder Grimm, in anderen werden Erfindungen und Gegenstände aufgewahrt, die aus den Romanen der Autorn H.G. Wells oder William Gibson stammen könnten. Doch kaum bekommt Elizabeth offiziell Zugang zu der grimmschen Sammlung, da erfährt sie auch schon, dass wirklich einige der Kostbarkeiten gestohlen wurden.

Neben den Hintergründen des fantastischen „Repositorium der Verleihbaren Schätze“ beschäftig sich Elizabeth auch viel mit ihren neuen Kollegen. Gleich an ihrem ersten Tag hat sie zu ihrer großen Freude feststellen können, dass der beliebte Marc Merritt von ihrer Schule ebenfalls als „Page“ dort arbeitet – und auch mit Aaron, Anjali (und Anjalis jüngerer Schwester Jaya) freundet sich das Mädchen schnell an. Natürlich schwärmt auch Elizabeth für Marc – und benimmt sich deshalb im Laufe des Buches manchmal etwas dümmer, als man es von ihr erwarten sollte, aber alles in allem hat Polly Shulman die verschiedenen Beziehungen sehr schön in die Geschichte eingearbeitet.

Die gesamte Handlung wird aus Elizabeths Perspektive erzählt, und die Schülerin ist – wie es sich für eine klassische Märchenfigur gehört 😉 – ein wirklich nettes, verantwortungsbewusstes und fürsorgliches Mädchen. Überhaupt haben mir all die Anspielungen auf Märchenelemente, -charaktere und –gegenstände ganz wunderbar gefallen. Hier und da plätschert die Handlung objektiv gesehen vielleicht etwas dahin, aber beim Lesen fällt das überhaupt nicht auf, weil man sich an all den kleinen Szenen und fantastischen Einfällen der Autorin erfreuen kann.

Zwei Sachen hingegen sind nicht ganz so schön gelungen: Einmal gibt es eine unübersehbare Unstimmigkeit in der Handlung (die man durch das Streichen des Wörtchens „gestern“ locker hätte beheben können), als sich Mr. Mauskopf im Januar in einem Gespräch mit Elizabeth auf eine Szene bezieht, die sich vor den Weihnachtsferien zugetragen hatte – von der er meint, dass er das „gestern“ gesehen hätte. Nicht schlimm, aber irgendwie bleibt es hängen und hat mich geärgert.

Das andere sind die vielen Zeitsprünge in der Handlung, die man leicht mit einer Leerzeile hätte kenntlich machen können. Da aber der Sprung im Text nur durch einen Absatz kenntlich gemacht wird, muss man sich als Leser erst einmal neu orientieren, wenn man feststellt, dass sich zwischen dem aktuellen Satz und dem davor Ort und Zeit geändert haben. Vielleicht fand man ja die vielen kleinen Abschnitte nicht so schön oder wollte Seiten sparen, aber übersichtlicher – und somit auch angenehmer – wäre es schon gewesen, wenn man diese Sprünge deutlicher gemacht hätte.

Doch beide Punkte sind nun keine so gravierenden Fehler, dass sie mir das Lesevergnügen verleiden konnten. Und Spaß hat mir Elizabeths Geschichte wirklich gemacht. Hier bekommt man vielleicht – im Vergleich zu manch anderem Jugendfantasybuch – keine herzergreifende Liebesgeschichte, keine rasanten Actionsszenen oder kniffelige Herausforderungen für die Charaktere präsentiert, aber dafür wirklich sympathische Figuren, lustige und fantasievolle Einfälle, leise und angenehm realistisch wirkende Beziehungen und viele kleine Momente, die einfach dafür sorgen, dass man sich in der Geschichte wohlfühlt.

Für mich hat dieser Roman etwas angenehm Altmodisches, das mich an viele Jugendbücher erinnert, die ich während meiner Kindheit gelesen habe (uiui, das klingt, als hätte ich das Rentenalter schon erreicht). Das „Repositorium der Verleihbaren Schätze“ hat meine Fantasie angeregt und ein bisschen hoffe ich, dass der Autorin noch einmal eine Idee für ein Roman kommt, der mit diesem wundersamen Ort verbunden ist. „Die geheime Sammlung“ wird auf jeden Fall in mein Regal wandern und in den nächsten Jahren immer mal wieder gelesen werden.

Francisco González Ledesma: Der Tod wohnt nebenan

„Der Tod wohnt nebenan“ wurde von mir als erste Station der „Weltreise“-Challenge von Natira ausgewählt und führte mich nach Barcelona. Dort hatte der Nachbarschaftsvereins des Viertels eine Feier in einem Abrisshaus geplant. Denn mit diesem Haus würde endgültig die Vergangenheit verschwinden und so sollte man sich noch ein letztes Mal zusammenfinden, um Abschied zu nehmen. Doch vor den schön geschmückten Tischen, die sich unter den Speisen und Getränken regelrecht verbiegen, liegt die Leiche eines Mannes.

Seine Identität ist kein Rätsel, denn er ist den Leuten in der Nachbarschaft bekannt, auch wenn er schon seit vielen Jahren nicht mehr hier wohnt. Omedes war ein kleiner Schläger und Ganove und hat eines Tages mit einem Komplizen eine Bank überfallen. Dabei wurde nicht nur ein Wachmann, sondern auch eine Geisel getötet – besonders tragisch war dabei, dass die Geisel ein gerade mal dreijähriger Junge war. Als der Gauner nun ermordet aufgefunden wird, steht für jeden fest, dass der Vater des getöteten Jungen sich für die inzwischen dreißig Jahre zurückliegende Ermordung seines Kindes gerächt hat. Auch Inspector Méndez geht davon aus, nun muss es ihm nur noch gelingen, David Miralles die Tat nachzuweisen. Und zwar bevor dieser auch noch Omedes Komplizen aufstöbern und töten kann. Oder von diesem ermordet wird, damit Miralles seine Rache nicht vollenden kann.

Was wie ein sehr reizvoller Krimi beginnt, ist eigentlich eher eine Hommage an die katalanische (nicht spanische) Gesellschaft, und zwar an eine Gesellschaft, die aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahre zu verschwinden scheint. Inspector Méndez und die Menschen, denen er während seiner Ermittlungen begegnet, trauern der alten Zeit hinterher. Dabei ist ihnen allen bewusst, dass diese Vergangenheit auch ihre Schattenseiten hatte – kein Wunder, wenn man überlegt, dass all diese Menschen während des Franco-Regimes aufgewachsen sind.

Es ist nicht gerade unüblich, dass ein Krimi die gesellschaftskritische Sicht des Autors widerspiegelt, aber Francisco González Ledesma macht das „In der Tod wohnt nebenan“ so plakativ, dass es für mich doch sehr gewöhnungsbedürftig war. Ich bevorzuge dann doch eher die subtile Erzählweise eines Raymond Chandler oder Ross Macdonald. Francisco González Ledesma hingegen neigt zu blumigen Formulierungen, Übertreibungen und Wiederholungen, an die ich mich erst einmal gewöhnen musste – was mir nicht so leicht gefallen ist. Aber so geht es mir häufig mit Autoren, die aus dem spanischen, französischen oder italienischen Sprachraum kommen.

Ein weiteres Problem ergab sich beim Lesen dieses Romans dadurch, dass „Der Tod wohnt nebenan“ schon der neunte Band der „Inspector Méndez“-Reihe ist – aber das erste Buch des Autors, das in Deutschland veröffentlicht wurde. So hatte ich ganz oft das Gefühl, dass mir Hintergründe zu den Personen fehlen, dass der Autor eigentlich Namen oder Beschreibungen hätte liefern müssen und dass ich anfangs eher hilflos auf den ungewöhnlichen Inspector und sein Umfeld losgelassen werde. All das regelt sich im Laufe des Romans, doch wäre der Einstieg in die Geschichte für mich vermutlich deutlich leichter geworden, wenn ich die ersten acht Bücher um diesen Polizisten schon gekannt hätte.

Insgesamt war es für mich schon ein interessantes Buch. Ich habe noch nicht sehr viele katalanische Krimis gelesen und die Anzahl der spanischen Autoren, die mir bislang durch ihre Bücher begegnet sind, kann ich an einer Hand abzählen. So bot mir „Der Tod wohnt nebenan“ – nachdem ich mich an die Erzählweise gewöhnt hatte – einen spannenden und eher melancholischen Einblick in die katalanische Gesellschaft (wenn auch nur durch die Augen dieses einen Autors), eine Vielzahl ungewöhnlicher Charaktere und eine anfangs eher plätschernden, aber letztendlich doch noch reizvolle Kriminalgeschichte.

Isabel Abedi: Imago

Nachdem mir „Whisper“ ja so gar nicht zugesagt hatte, haben mir mehrere Leute „Imago“ und „Isola“ von der Autorin ans Herz gelegt – und da „Imago“ bei der Bibliothek vormerkbar war, habe ich beschlossen, dass ich dem Buch eine Chance geben. Anfangs hat mich die Namensgebung der Hauptfigur Wanja etwas irritiert. Denn für mich ist dieser Name eindeutlich ein Männername und so musste ich doch etwas umdenken, um in „Wanja“ ein zwölfjähriges Mädchen mit dunklen Locken und runden Augen zu entdecken.

Wanja lebt mit ihrer Mutter Jo und dem alten dicken Kater Schröder zusammen. Wer ihr Vater ist, weiß Wanja nicht, denn ihre Mutter hat sich schon immer geweigert über ihn zu reden. Auch von Flora, der besten Freundin von Jo, und ihrer Großmutter bekommt das Mädchen keine Informationen – abgesehen davon, dass ihre Großmutter ihr immer wieder „Ganz wie der Vater“ vorwirft, wenn Wanja mal wieder etwas falsch gemacht hat.

Doch eines Tages erhält Wanja eine geheimnisvolle Einladung zu der Ausstellung „Vaterbilder“ – und mit ihr finden sich zu diesem Zeitpunkt mehrere Jugendliche in der Kunsthalle ein, um diese geheime Ausstellung zu besuchen. Die „Vaterbilder“ bieten den Kindern die Möglichkeit durch ein Bild, das ihnen besonders zusagt, in eine andere Welt zu treten. Für Wanja ist dies die Welt Imago, wo sie auf den zauberhaften Zirkus Anima und den freundlichen Trapezkünstler Taro trifft. Doch das Mädchen betritt diese Welt nicht allein, denn auch Mischa, ein Junge von ihrer Schule, wird von dem Zirkus angezogen.

Mischa gilt an der Schule als Außenseiter – und vor allem Wanjas Freundinnen lästern gern über sein abgerissenes Aussehen und seine Problemfamilie. Doch das Mädchen fühlt sich von dem Jungen angezogen, es scheint sie mehr zu verbinden, als nur ihre gemeinsamen Erlebnisse während der Besuche der „Vaterbilder“. Für die beiden werden die Figuren, die sie im Zirkus Anima kennengelernt haben immer wichtiger – und vor allem Taro scheint einen Platz in ihrem Leben auszufüllen, der sonst eine schmerzliche Leere hinterlässt. Doch nicht alles in diesem fantastischen Land ist wunderschön, denn ein riesiger schwarzer Vogel bedroht Taro und seine Freunde.

Ich muss zugeben, dass ich anfangs noch etwas skeptisch war, da ich das Gefühl hatte, ich wüsste genau, worauf die Handlung hinausläuft (womit ich auch richtig lag *g*). Aber Isabel Abedi hat ihre Geschichte sehr schön erzählt und mir haben nicht nur der Zirkus Anima gut gefallen, sondern auch die Passagen, die in der realen Welt spielen und in denen sich Wanja mit ihren Alltagsproblemen rumschlagen muss. Denn zwischen den einzelnen Besuchen der „Vaterbilder“ liegen oft Wochen und in denen muss sich Wanja nicht nur Gedanken, um das Schicksal von Taro und den anderen aus dem Zirkus machen, sondern sich auch mit Schulproblemen, ihrer (für mich nervigen) Mutter und ihren Freundinnen auseinandersetzen.

Aber ich muss auch sagen, dass mich die Handlung lange Zeit nicht richtig gepackt hat. „Imago“ ist nett und es hat Spaß gemacht das Buch zu lesen, aber wenn man es mir weggenommen hätte, dann wäre es auch okay gewesen. Ich war nicht allzu neugierig auf das Ende, sondern habe lieber einzelne Szenen genossen oder die Stimmung, die sie in mir hervorgerufen haben. Erst am Schluss war ich gespannt darauf, wie Isabel Abedi die Geschichte abschließen würde. Insgesamt habe ich also nicht das Gefühl, dass ich meine Zeit mit dem Roman vergeudet habe, aber so großartig, dass ich ihn noch einmal lesen oder gar besitzen müsste, fand ich ihn auch nicht.

William Shakespeare: Macbeth

„Macbeth“ ist für mich im Prinzip ein re-read, denn ich habe mich zwischen der zehnten Klasse und meinem Abitur quer durch die englische Shakespeare-Gesamtausgabe aus der Bibliothek gelesen. Da das aber schon so einige Jahre her ist und ich inzwischen sehr viele Romane (vor allem Krimis) gelesen habe, in denen dieses Stück entweder zitiert oder auf einer Bühne aufgeführt wird, dachte ich, dass Hollys „Ich bilde mich weiter“-Challenge eine gute Gelegenheit ist, um diese Geschichte neu – und auf deutsch – auf mich wirken zu lassen.

Ich wollte es mir dieses Mal einfach machen und „Macbeth“ auf deutsch lesen – doch das stellte sich als überraschend großes Hindernis heraus. Wieder habe ich auf eine Stadtbibliothek zurückgegriffen – und die ersten beiden ausgeliehenen Titel fast ungelesen wieder zurückgebracht, da ich wirklich ein Problem mit den Übersetzungen hatte. Ich erwarte einfach einen bestimmten Rhythmus bei den ersten Zeilen dieses Stücks und reagiere erstaunlich irritiert, wenn der erste Auftritt der Hexen in meinen Ohren falsch klingt. Außerdem stelle ich immer wieder fest, dass ich Shakespeare laut lesen muss, damit ich mich mit seiner Sprache wohlfühle – was dazu führt, dass ich mich jedes Mal vergewissert habe, ob die Fenster auch zu sind, bevor ich zum Buch griff.

Die Handlung von „Macbeth“ ist eigentlich ganz simpel: Macbeth ist ein starker Krieger, der sich im Krieg gegen den norwegischen König ausgezeichnet hat. Als Duncan, der König von Schottland, von den Taten Macbeths hört, überträgt er ihm die Ämter und Würden des Thane of Cawdor (der sich im Krieg als Verräter herausgestellt hatte). Da Macbeth diese Würdigung schon von drei Hexen vorhergesagt wurde, die ihn auch als den zukünftigen König von Schottland bezeichneten, lässt ihn der Gedanke an die Ergreifung des Throns nicht los.

Von seiner Ehefrau angestachelt ermordet er Duncan, als dieser bei ihm zu Gast ist, und versucht die Tat den beiden Kammerdienern des Königs in die Schuhe zu schieben. Aber auch die Söhne des Ermordeten werden verdächtig, da sie nach der Tat außer Landes fliehen. Macbeth wird zum König gekrönt und nur sein alter Kamerad Banquo hegt einen Verdacht, dass Macbeth Duncan getötet haben könnte – und wird deshalb von angeheuerten Mördern erstochen. Doch mit dem Tod von Banquo wächst auch Macbeth schlechtes Gewissen und er fühlt sich vom Geist seines Freundes verfolgt.

Also sucht er noch einmal die drei Hexen auf, die ihm dieses Mal prophezeien, dass er sicher sei, solange nicht der Wald von Birnam nach Dunsinane komme. Außerdem könne ihm kein Mensch, der von einer Frau geboren wurde, Schaden zufügen. In der Zwischenzeit ist der schottische Edelmann Macduff nach England geflohen und versucht mit Malcolm (dem Sohn König Duncans) ein Heer gegen Macbeth aufzustellen. Obwohl Lady Macbeth die treibende Kraft hinter der Ermordung Duncans war, verfällt sie so langsam dem Wahnsinn, während sich ihr Mann zu einem schrecklichen Tyrann entwickelt. Schließlich gelingt es Macduff (der nicht normal geboren, sondern aus dem Leib seiner Mutter geschnitten wurde) Macbeth in einer Schlacht zu töten und so seiner Herrschaft ein Ende zu bereiten.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass es Shakespeare gelungen ist, in seinen Stücken so viele Inhalte zu verpacken, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Machtgier ist dabei das offensichtlichste Thema, aber auch Lady Macbeths Schuldgefühle, die sie in den Wahnsinn treiben und die Entwicklung Macbeths vom Helden zum Tyrannen – der in seinem Bestreben seine Macht zu erhalten immer lächerlicher wirkt. Spannend ist es für mich auch, dass ich bislang jedes Shakespeare-Stück beim erneuten Lesen auch wieder neu für mich entdecken konnte. Trotzdem werde ich mich wohl die nächsten Wochen wieder weiter mit aktuellere Lektüre beschäftigen und nicht so schnell zu einem anderen Text von William Shakespeare greifen. 😉

Rachel Hore: Der Garten der Erinnerung

Dieses Buch habe ich im Rahmen von Karis fünftem SuB-Losverfahren gelesen und es hat sich als recht angenehme Sommerlektüre herausgestellt. Die Geschichte teilt sich in zwei Handlungen auf. Auf der einen Seite verfolgt man das Leben von Mel, die zu heutiger Zeit in London lebt und dort an einer Universität eine Stelle als Dozentin hat. Der zweite Teil erzählt von Pearl, einer jungen Frau aus Cornwall, die im Jahr 1912 bei einem Brand ihr Zuhause verlor und eine Anstellung als Dienstmädchen in einem Herrenhaus annehmen musste.

Mel hat vor knapp einem Jahr ihre Mutter verloren, die an Krebs starb, und erst vor wenigen Wochen hat sie sich auch noch von ihrem Freund getrennt, da dieser andere Vorstellungen vom gemeinsamen Leben hatte als sie. Emotional ausgelaugt nimmt sich Mel ein Freisemester an der Uni und will die Zeit nicht nur nutzen, um wieder zur Ruhe zu kommen, sondern auch um ein Buch über eine Künstlergemeinschaft aus Cornwall zu schreiben, die zur Zeit des Impressionismus einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte.

Um direkt vor Ort Nachforschungen anstellen zu können, mietet sie von einem Freund ihrer Schwester Chrissie, der vor kurzem ein ehemaliges Herrenhaus in Cornwall geerbt hat, ein kleines Cottage. Dort hängen kleine Zeichnungen an der Wand, die mit P.T. signiert sind und die Mels Neugierde wecken. Zusammen mit ihrem Vermieter Patrick versucht sie mehr über diese Zeichnungen – und die früheren Besitzer des Herrenhauses herauszufinden. Gemeinsam erliegen die beiden dem Charme des Gartens und machen sich daran, das ungepflegte Landstück wieder in altem Glanz auferstehen zu lassen.

Pearls Anteil an diesem Roman ist deutlich geringer als der von Mel. Nur manchmal gibt es ein ganzes Kapitel, in dem erzählt wird, wie es der jungen Frau als Dienstmädchen ergeht. Weitere Hinweise über ihr Leben erhält man hier und da am Ende eines Kapitels, in dem sich die Handlung um Mel drehte, wo man manchmal einen kursiven Absatz findet, der Pearls Gedanken wiedergibt.

Die Handlung in „Der Garten der Erinnerung“ ist sehr vorhersehbar. Auf der einen Seite gibt es da Mel und Patrick, die beide gerade unangenehme Beziehungen hinter sich gebracht haben und nun Trost beieinander finden, auf der anderen Seite das junge Dienstmädchen, das sich für Malerei interessiert und sich in den Erben ihrer Arbeitgeber verliebt. Wie das Ganze endet, kann wohl jeder erraten … Aber ich muss betonen, dass Rachel Hore ihre Geschichte auf eine sehr schöne Weise erzählt. Obwohl die Handlung eher dahinplätschert und es kaum Höhen oder Tiefen gibt, fand ich es sehr nett dieses Buch zu lesen. Der Schwerpunkt liegt dabei vor allem auf Mel und Patrick, die sich nicht einfach kopfüber für eine neue Beziehung entscheiden können (was bei anderen Bücher dazu führen würde, dass sich daraufhin alles in Wohlgefallen auflöst). Beide haben aufgrund ihrer vergangenen Erfahrungen ein paar Altlasten, die sie erst einmal verarbeiten müssen.

Mel ist extrem misstrauisch, schnüffelt Patrick irgendwann sogar soweit hinterher, dass ich ihr Verhalten kaum noch akzeptieren konnte, und hat ihren Ex-Freund immer noch nicht so ganz überwunden. Ebenso geht es Patrick, der sich immer noch für die ehemalige Verlobte verantwortlich fühlt und der nicht verstehen kann, dass sich Mel daran stört, dass er immer noch für die andere Frau da ist. Auch gibt es immer wieder Dinge, bei denen er Mel ausschließt, was sie natürlich in den Wahnsinn treibt. Doch es gelingt Rachel Hore all dieses am Ende in eine realistische kleine Liebesgeschichte zu verwandeln, sodass man das Buch mit dem befriedigende Gefühl zuklappt, dass man mal eine Geschichte mit ganz normalen Menschen voller Fehler und Schwächen gelesen hat.

Und da das alles so ganz normal ist, ist es auch gut, dass die Autorin noch die zweite Handlung eingeflochten hat, denn so gibt es doch noch ein paar Dinge, auf die man neugierig bleibt und die einen von der Alltäglichkeit der Hauptgeschichte ablenken. „Der Garten der Erinnerung“ ist wohl kein Buch, dass ich ein zweites Mal lesen würde, aber für einen heißen Sommertag, an dem man sich nicht auf eine komplizierte Handlung konzentrieren will und einfach nur eine nette und unterhaltsame Erzählung sucht, ist der Roman gut geeignet.