Kategorie: Rezension

Cynthia Voigt: Jackaroo

Der Roman „Unter der Maske Jackaroo“ hatte mich schon nachhaltig beeindruckt, als ich ihn vor vielen Jahren in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Inzwischen habe ich die Neuauflage „Jackaroo“  und kann das Buch heute noch genauso genießen wie als Teenager.

Das Leben der Wirtstochter Gwen ist von Hunger und Armut geprägt, die Adeligen beuten das Land aus und niemand kann etwas dagegen unternehmen. Doch immer häufiger geht das Gerücht von einem Kämpfer um, der gegen die Unterdrückung der Lords angeht. Gwen glaubt nicht an diesen „Jackaroo“, niemand hat je sein Gesicht gesehen und die Wirtstochter ist sich sicher, dass kein Mensch allein all diese Heldentaten begangen haben kann. Doch dann kommt der Tag, an dem Gwen in einer abgelegenen Hütte Jackaroos Maske, Schwert und Mantel findet – und selber in die Identität des Kämpfers für Gerechtigkeit schlüpft.

Angelehnt an den Robin-Hood-Mythos erzählt Cynthia Voigt eine wunderbar bewegende Geschichte von einem eigentlich ganz normalen Mädchen, das seinen Teil dazu beträgt, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird. Jeder kann die Maske des Jackaroo anlegen, um das Leben für alle Menschen besser zu machen – und Gwen gehört eben zu denjenigen, die diesen Schritt tun. Die Autorin schreibt so schön, dass man mit der Hauptfigur zusammen die Abenteuer des Jackaroo erlebt. Mit jedem neuen Erlebnis wird Gwen selbstbewusster und ist immer weniger bereit sich ihrem Schicksal als Mädchen zu fügen, einen Mann zu heiraten und die Willkür der Herrschenden einfach hinzunehmen. Am Ende legt man das Buch aus der Hand und hat nicht nur ein paar spannende Stunden mit Gwen verbracht, sondern fühlt sich selber ein kleines bisschen mehr in der Lage seinen eigenen Weg zu finden. 😉

Emily Wu: Feder im Sturm

„Feder im Sturm – Meine Kindheit in China“ (oder wie es im englischen noch etwas gelungener untertitelt wird: „A Childhood lost in Chaos“) ist ein biografischer Roman von Yimao (Emily) Wu, die während Maos Kulturrevolution aufgewachsen ist. Ich lese sehr gern so persönliche Berichte über geschichtliche Ereignisse, denn das lässt sie für mich greifbarer und erlebbarer werden. Und da die Kulturrevolution vor meiner Geburt stattfand, hatte (und habe) ich in diesem Bereich doch eine erschreckende Wissenslücke. Natürlich bin ich grob darüber informiert, was Mao damit bezweckte und welche Folgen diese für China hatte, aber die genaueren Zusammenhänge und Daten für eine detaillierter zeitliche Zuordnung haben mir lange Zeit gefehlt.

Durch Yimaos Augen erlebt der Leser von „Feder im Sturm“ die vorhergehenden Hungerwinter in China mit und wie ihr Vater Jahre in einem Straflager verbrachte, weil er in Amerika studiert hatte. Als er endlich wieder als Professor an einer Universität arbeiten darf, ist er schnell beliebt bei seinen Studenten, denen er die englische Literatur näher bringt. Doch kurz darauf verwandeln sich diese netten Studenten in einen unberechenbaren Mob, der verwüstend und mordend durch die Straßen zieht. Genauso wie für die junge Yimao gibt es für den Leser so viele Geschehnisse, die mit dem Verstand nicht nachvollziehbar sind. Die Gewalt, die von diesen gebildeten Menschen ausgeht, die Ächtung von Kultur, Literatur und den Traditionen, sind ohne das Wissen um die vorhergehende Propaganda kaum zu verstehen.

Die Familie Wu wird später auf’s Land verbannt, wo sie weiterhin der Willkür andere Menschen ausgesetzt ist. Für Yimao bedeuten diese politischen Wendungen der Verlust der Kindheit – und dabei hatte es ein Mädchen in dieser Zeit in China eh schon nicht einfach. Ich weiß gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Die politischen Vorgänge oder die privaten Umstände für die Frauen. Was die Politik angeht und die Morde und Misshandlungen, die im Namen des Regimes verübt wurden, so möchte man doch immer glauben, dass soetwas nie wieder irgendwo auf der Welt möglich sein kann (was leider durch die Geschichtsschreibung widerlegt wird). Aber dass selbst in einem so intellektuellen und aufgeklärten Haushalt wie der Familie Wu so ein großer Unterschied zwischen den Söhnen und der Tochter gemacht wird, ist für mich fast genauso unbegreiflich.

„Feder im Sturm“ ist auf jeden Fall ein faszinierender, informativer und mitreißender Roman über eine Kindheit in China während der Kulturrevolution – und es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, dass ich zu diesem Thema lesen werde.

Thomas Kastura: Das dunkle Erbe

„Das dunkle Erbe“ ist schon der zweite Roman des Autors um den Kölner Hauptkommissar Klemens Raupach. Während man im ersten Krimi „Der vierte Mörder“ die Geschichte sowohl aus der Perspektive der Ermittler, als auch aus der des Verbrechers verfolgen konnte, beginnt dieses Buch in einem Verhörraum. Hier wird der Mediziner Bernhard Schwan von Raupach verhört, weil er unter Verdacht steht seine Frau und seine Geliebte – und vermutlich auch seine Kollegin Eva von Barth ermordet zu haben. Je mehr sich der Hauptkommissar mit dem vermutlichen Mörder unterhält, desto weniger weiß er, ob dieser schuldig ist oder nicht.

Währenddessen geschehen verschiedene Vorfälle, die die Vermutung aufkommen lassen, dass die alte Kölner Jugendstil-Villa, in der Bernhard Schwan und Eva von Barth ihre Praxis unterhalten, ein Geheimnis verbirgt. Die amerikanische Journalistin Sharon Springman schnüffelt in der Vergangenheit der Vorbesitzer herum und Klemens Raupach Kollegin Heide wird schwer verletzt, als sie Sharon beobachtet wie diese in die Villa einbricht.

Thomas Kastura gehört zu den Autoren auf deren Erzählweise ich mich immer erst einmal einlassen muss. Während „Der vierte Mörder“ einen faszinierenden Auftakt hatte, bei dem man aus der Sicht des Täters in die Geschichte eingeführt wurde, und die Handlung dann gemächlich weiterging, beginnt „Das dunkle Erbe“ wenig aufregend. Der vermutlicher Mörder ist in Haft, Klemens Raupach hat alle Zeit der Welt, um ihn zu einem Geständnis zu bewegen und die weiteren Ermittlungen scheinen erst einmal nur dazu da zu sein, um den Fall für die Staatsanwaltschaft wasserfest abzuschließen.

Diese ruhige Erzählweise erlaubt es dem Autor das Privatleben seiner Figuren anzureißen und ihnen so mehr Profil zu verleihen und liebevolle Beschreibungen von Köln zu liefern. Er hat ein Händchen für stimmungsvolle Szenen, so dass ein Teetrinken mit der Nachbarin der verschwundenen Ärztin voller schöner Details, voller Erinnerungen und Stimmungseindrücke steckt.

Doch leicht ist es mir anfangs nicht gefallen, mich bei einem Kriminalroman so weit zurückzunehmen, dass ich mich auf diese langsame Art einstellen kann. So habe ich auch bei „Das dunkle Erbe“ immer wieder das Buch in die Hand genommen und nach wenigen Seiten wieder zur Seite gelegt. Doch als ich erst einmal in der Geschichte drin war, haben mich die liebenswerten und erstaunlich realistischen Charaktere in ihren Bann gezogen. Auch wenn das Rätsel um die schöne alte Villa für den Leser recht schnell durchschaut war, so sorgen die kleinen Szenen und Stimmungen dafür, dass ich nach dem Zuschlagen des Buches am Liebsten gleich einen nächsten Band in die Hand nehmen würde, weil es letztendlich so schön zu lesen war.

Patricia C. Wrede: Die Drachenprinzessin (Zauberwald-Chroniken 1)

Eine Prinzessin zu sein, ist manchmal gar nicht so leicht – vor allem, wenn man den Erwartungen der Familie nicht entspricht. Und Cimorene entspricht den Vorstellungen ihrer königlichen Eltern so gar nicht: Sie ist weder blond, noch niedlich, noch interessiert sie sich für’s Tanzen und Sticken oder gar für die Prinzen der Nachbarländer. Immer wieder bringt sie die Berater und das Personal ihres Vaters dazu, ihr Dinge beizubringen, die sich für eine Prinzessin nicht gehören. Als sie Fechtunterricht nimmt, wird dieser schnell von ihren Eltern beendet, und so ergeht es ihr auch, als sie Kochen, Zaubern und etwas über Staatskunst lernen will. Letztendlich sind ihre Eltern so verzweifelt über eine so unprinzessinenhafte Tochter, dass sie sie so schnell wie möglich verheiraten wollen (und wenn man den potenziellen Bräutigam mit dem halben Königreich bestechen muss).

Doch als Cimorene hinter den Plan ihrer Eltern kommt, läuft sie weg und beschließt eine Drachenprinzessin zu werden. Bei den Drachen zu leben ist vollkommen akzeptabel für eine Prinzessin – auch wenn man normalerweise dafür entweder von seinem Volk geopfert oder von einem Drachen entführt werden muss. So ist es für Cimorene auch nicht so ganz leicht einen Drachen zu finden, der bereit ist eine so energische Prinzessin aufzunehmen. Doch die Drachendame Kazul ist beeindruckt von Cimorenes Unternehmungsgeist und so beginnt die Prinzessin glücklich das Leben in der Drachenhöhle zu organisieren.

Mit dem Ordnen der Bibliothek und der Schatzkammer und dem Aufräumen und Putzen der Höhle ist Cimorene gut ausgelastet und kochen muss sie für die Drachendame auch noch. Da ist es mehr als hinderlich, dass ständig Prinzen und Ritter vorbeikommen und sie vor Kazul retten wollen. Und auch die Zauberer, die versuchen sich zu dem Gebiet der Drachen Zugang zu verschaffen, werden der Prinzessin schnell lästig.

Patricia C. Wrede hat mit der „Drachenprinzessin“ eine ganz wunderbare Geschichte geschrieben, die junge und alte Leser erfreut. Die amüsante Sicht der Autorin auf die klassische Märchenwelt und Cimorenes energische Art ihr Leben gegen die Traditionen aufzubauen sind mehr als unterhaltsam. Immer wieder stolpert man über kleine Szenen, die in sich so stimmig sind, dass man sich fragt, warum es nicht noch viel mehr Bücher gibt, die Geschichten außerhalb der Klischees zeigen.

Eine so vernünftige und emanzipierte Prinzessin ist nicht nur sympathischer als ein „Fräulein in Nöten“, sondern es macht auch deutlich mehr Spaß ihre Abenteuer bei den Drachen und im Zauberwald zu verfolgen. So ist es kein Wunder, dass ich dieses Buch (und die Fortsetzungen) mindestens einmal im Jahr lese und mich immer wieder an der schlagfertigen Cimorene und all den anderen liebenswerten Charakteren erfreue.

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Als ihre Großmutter stirbt erbt Iris das Haus, das für sie mit so vielen Kindheiterinnerungen verbunden ist. Hier hat sie mit den anderen Familienmitglieder jeden Sommer verbracht und zusammen mit ihrer Kusine Rosmarie und deren Freudin Mira fantasievolle Spiele gespielt. Noch überlegt die Bibliothekarin, ob sie das Erbe annimmt, doch je mehr sie sich auf das alte Haus einlässt, je mehr sie über die Vergangenheit ihrer Großmutter Bertha erfährt, desto mehr fühlt sie sich mit dem Hof und ihrer Familie verbunden.

Zu Beginn zieht einen die Autorin in ein schon fast unwirklich erscheinendes Umfeld. Der kleine Ort, der alte Hof und die Fülle an wunderbaren Kindheitserinnerungen wirken beinah magisch auf den Leser. Katharina Hagena beschreibt so lebhaft die Szenen, die sich in den vergangenen Jahren dort zugetragen haben, dass man regelrecht das Gefühl hat, den Duft von Apfelblüten, von Gras im Sonnenschein und üppig blühenden Blumenbeeten in der Nase zu haben.

Auch die Erinnerung an Rosemaries Tod und der langsam aufkommende Verdacht, dass der Großvater den Frauen in seiner Familie das Leben arg schwer gemacht hat, kann an der wunderbaren Atmosphäre dieses Buches erst einmal nichts ändern. Doch an manchen Stellen werden die Beschreibungen so gewollt poetisch, dass es nur schwer zu akzeptieren ist und auch die Geschichte schwächelt gegen Ende.

Iris ist so begierig darauf, mehr über ihre Großmutter zu erfahren. Doch als sie endlich jemanden gefunden hat, der ihr auf ihre Fragen antwortet, verliert sie sich lieber in Tagträumen. Stellt sich vor wie es hätte sein können, ohne dem alten Herren, der nur schweren Herzens seine Erinnungen für sie öffnet, wirklich zuzuhören. Auch der ungemein harmonische Schluss wirkt, als ob die Autorin auf halber Strecke nicht mehr gewußt hätte, wohin ihre Handlung gehen sollte, und sich dann dachte, dass ein Happy-End immer zieht.

Max, der Bruder von Mira, war Iris in ihrer Kindheit keinerlei Beachtung wert, doch nun entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte zwischen den beiden. Und diese ersten zarten Anfänge wirken soviel stimmiger und romantischer als der letzte Abschnitt, der dem Leser mit dem Holzhammer beibringt, wie glücklich Iris doch Jahre später auf dem Hof der Familie geworden ist. Nach einem überaus vielversprechenden Anfang hat mich das Buch letztendlich doch enttäuscht. Sehr schade, denn die ersten Seiten hatte mir so gut gefallen …

Amulya Malladi: 100 Arten eine Mango zu essen

Die siebenzwanzigjährige Priya Rao ging vor vielen Jahren von Indien nach Amerika, um dort zu studieren. Inzwischen hat sie sich in dem fremden Land ein gutes Leben aufgebaut, arbeitet in der IT-Branche und es gibt auch einen Mann, in den sie sich verliebt hat. Doch von Nick, den sie heiraten will, hat sie ihrer Familie nichts erzählt. Priya ist sich darüber im klaren wie traditionsbewußt ihre Familie ist – und wie sehr ihre Eltern damit rechnen, dass sie standesgemäß heiraten wird. Zum ersten Mal seit vielen Jahren reist die junge Frau nun wieder in ihre Heimat und schnell wird ihr bewußt, wie weit sie sich von dem Leben ihrer Eltern entfernt hat.

Sie ist nicht mehr das kleine Mädchen, das dem Großvater zuhört, wenn er seine Geschichten erzählt. Während sich die ganze Familie zum traditionellen Mangokochen bei den Großeltern versammelt, löst Priyas Haltung gegenüber den Vorgängen in ihrem Umkreis so einige offenen Aussprachen aus. Sie kann nicht mitansehen, wie ihre Tante regelrecht zu einer dritten Schwangerschaft gezwungen wird, damit endlich der ersehnte Sohn geboren wird. Und auch der verächtliche Umgang mit derjenigen von ihren Tanten, die seit zehn Jahren erfolglos auf dem Heiratsmarkt gehandelt wird, erbost die emanzipierte junge Frau.

Amulya Malladi, die selber eine im Ausland lebende Inderin ist, gelingt es ganz hervorragend die Spannungen zwischen den Traditionen und dem modernen Leben aufzuzeigen. Obwohl einige ihrer Charakter ziemlich rassistisch denken und handeln, habe ich die verschiedenen Figuren schnell lieb gewonnen. Keiner von ihnen meint es böse, all diese menschenverachtende Aussagen zeugen eher von Unwissen und einen umgesunden Verhaften an alten Regeln. Denn als Priya ihre Familie dazu zwingt mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, und ihnen aufzeigt, wie sehr sie ihre Lieben durch ihr Verhalten verletzten, sind sie in der Lage zaghaft ihr Denken zu verändern. Dabei bleiben sie immer noch fehlerhafte, dickköpfige – und doch liebenswerte – Personen, die sich eben schwer durch Argumente überzeugen lassen.

Mir hat dieser Roman auf überaus unterhaltsame Weise die Augen für einen kleinen Teil Indiens geöffnet. Gerade diese Gradwanderung zwischen dem Erhalt der altvertrauten Traditionen und dem notwendigen Umdenken, um in einer modernen Welt zu bestehen, ist sehr schön dargestellt. Und neben dem informativen Teil gibt es unglaublich viele kleine humorvolle Szenen, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.

Ella Theiss: Die Spucke des Teufels

Das Jahr 1755 ist ziemlich ereignisreich für Lisbeth, die kürzlich verwitwete Wirtin des Gasthauses zum Ochsen. Erst musste sie ihren recht alten Mann begraben – und kaum ist er unter der Erde, stehen auch schon preußische Gardisten vor der Tür. Während ein Major ihr gewaltig nachstellt, steht Lisbeth vor der Aufgabe seinen Soldaten aus den ungenießbaren Tartüffeln jeden Tag eine neue Mahlzeit kochen zu müssen. Doch auch der benachbarte Pachtmüller ist an der hübschen Witwe interessiert, diese kümmert sich aber lieber um zwei Waisenkinder, statt ihm ihre Gunst zu schenken.

Ella Theiss gelingt es hervorragend einem das Gefühl zu vermitteln in eine andere Zeit zu reisen. Leicht hatte es das gewöhnliche Volk zu dieser Zeit nicht, Kriege erschütterten das Land und jeder Winter kostet viele Menschenleben. Durch Zwang und Gewalt versucht Friedrich II. die Kartoffel in seinem Herrschaftsgebiet populär zu machen. Doch solange die Menschen nur wissen, dass viele Teile diese Pflanze giftig sind – und sie keine Ahnung haben, wie sie diese neue Frucht – die sogar von den meisten Tieren verschmäht wird – zubereiten sollen, hat er mit seinen Bemühungen wenig Erfolg.

Lisbeth versucht das Beste aus ihrer Situation zu machen – und ist doch trotz ihrer eigentlich recht guten Position als Wirtin, so vielen Dingen hilflos ausgeliefert. Aber nicht nur aus ihrer Perspektive wird die Geschichte erzählt, auch der fahrende Händler Jost, der Müller und ein paar Personen mehr kommen zu Wort. Das ist auch der Punkt, der bei mir verhindert hat, dass ich so richtig in das Buch abtauchen konnte.

Immer wieder gibt es so Passagen, die eine distanzierte Sicht auf Lisbeth zeigen. Während ich anfangs mit der Witwe und ihrem Schicksal mitgelitten habe, schlug meine Teilnahme schnell um in eine Art historisches Interesse. Lisbeth hat ein Geheimnis und auch wenn die Menschen in ihrer Umgebung davon keine Ahnung haben, so gibt es für den Leser eigentlich keine große Überraschungen mehr. Obwohl die Handlung (trotz vieler Höhen und Tiefen) nicht so mitreißend ist wie sie hätte sein können, so ist die geschilderte Zeit in all ihren Details faszinierend und die Charaktere sind zum großen Teil liebenwerte Figuren, deren Leben man gerne eine Weile lang verfolgt.

Tania Krätschmar: Seerosensommer

Nach dem Tod ihres Mannes ist Josephine gezwungen sich ein neues Leben aufzubauen. Fern von Berlin, wo er als Sternekoch großes Ansehen genoss, will sie in einem alten Haus an einem See voller Seerosen ein kleines Restaurant eröffnen. Ist sie anfangs noch davon überzeugt, dass sie von nun an nur für ihr Restaurant „Seerose“ und ihre beiden Kinder da sein wird, entwickelt sie doch erstaunlich schnell Gefühle für den Ingenieur Severin. Und auch der zurückhaltende Mann ist vom ersten Augenblick an von der jungen Witwe hingerissen.

Während Severin noch versucht mehr über die schöne Frau herauszufinden, die ihn so fasziniert, ist Josephine hin und her gerissen zwischen ihrer Trauer um Johann und dem Gefühl, dass sie sich so schnell gar nicht neu verlieben dürfte, – und dem Herzflattern, dass der schweigsame und zuverlässige Severin in ihr auslöst. Beide lieben den Seerosensee, an dem Josephines Restaurant steht – und als dieses Idylle von einem skrupellosen Mann bedroht wird, kämpfen sie zusammen gegen die Zerstörung dieses friedlichen Stückchens Natur.

Liebevoll beschreibt die Autorin die Landschaft an der die „Seerose“ liegt und weckt so das Verlangen einmal ein paar Tage in einer so heilen und friedlichen Naturidylle zu erleben. Man kann sich richtig gut vorstellen, wie es wäre am Abend mit einem Glas Wein auf der Terrasse zu sitzen und auf den See zu schauen. Ihre Charaktere sind sympathische Personen, mit denen man gern befreunden wäre, auch wenn Severins Eifersucht und Josephines Unentschlossenheit manchmal ein wenig zu Ungeduld beim Leser führen. Sogar der Bösewicht ist stimmig beschrieben – ihm nimmt man es ohne weiteres ab, dass ihm der Ort seiner Kindheit egal ist und er in dem bezaubernden Seerosensee nur eine Chance wittert, um Geld zu verdienen.

Wenn ich ehrlich bin, dann habe ich vergleichbare Geschichten, wie sie in „Seerosensommer“ beschrieben werden, schon im Heftromanformat gelesen – und da waren sie fundierter ausgearbeitet. Aber dafür bietet Tania Krätschmar neben einer etwas kitschigen und vorhersehbaren Handlung ein paar nette Details, die dieses Buch zu einer wunderbaren Sommerlektüre machen. Wer also nicht mehr als einen leichten und unterhaltsamen Liebesroman erwartet und sich an der wunderschön beschriebenen Landschaft erfreuen kann, der wird mit „Seerosensommer“ ein paar schöne Stunden erleben. Das Buch ist einfach hervorragend geeignet, um an einem warmen Sommerabend gelesen zu werden.

Ricarda Martin: Tochter der Schuld

Alaynes Leben wird von einem Moment auf den anderen auf den Kopf gestellt: Ihre Tocher eröffnet ihr erst im letzten Moment, dass sie demnächst im Ausland studieren will, ihre geliebte Großmutter erleidet einen Schlaganfall und ihr Mann Michael betrügt sie mit ihrer besten Freundin. Um zu überlegen, wie es in Zukunft weitergehen soll, flüchtet Alayne in das Cottage ihrer Großmutter Edith, wo sie nicht nur auf dem Dachboden sehr alte und sehr edle Kinderkleidung mit einem Wappen findet, sondern auch die Nachricht bekommt, dass in dem ehemaligen Wirtshaus der Großmutter während des Abriss eine Leiche gefunden wurde. Edith erzählt Alayne daraufhin von dem Küchenmädchen Edwina und ihrer unstandesgemäßen Liebe zu dem jüngsten Sohn eines alten Adelsgeschlechts …

Auch wenn der Part um Alayne ein ganz stimmungsvoller Anfang für dieses Buch ist, so ist es Ricarda Martin erst nach fast hundert Seiten gelungen mich richtig in die Geschichte zu ziehen. Der Teil, in dem es um Edwina, ihre unglückliche Liebe und die Intrigen des Lords gegen die Beziehung zwischen dem Küchenmädchen und seinem Bruder geht, ist wirklich spannend und flüssig geschrieben. Der Autorin ist es so schön gelungen die Atmosphäre in dem Herrensitz vor dem Zweiten Weltkrieg einzufangen, dass man gleich richtig in der Geschichte drin ist.

Überraschende Wendungen sorgen dafür, dass man den Roman in einem Rutsch runterlesen kann, obwohl die einzelnen Elemente jedem vertraut sein dürften, der schon mal eine Familiensaga gelesen hat. Ein wenig enttäuschend ist dann wieder das schwache Ende, wenn der Erzählstrang zurück in die Gegenwart und zu Alayne springt. Hier bekommt man das Gefühl, dass die Autorin diesen Part irgendwie abschließen wollte – und natürlich brauchte es ihrer Ansicht nach ein HappyEnd, damit man das Buch in dem Wissen zuklappen kann, dass auch für Alayne noch ein schöner Lebensabend anbrechen wird. Trotzdem ein schönes und unterhaltsames Buch, das mir sehr gut gefallen hat!