Kategorie: Rezension

Timothy Carter: Dämonenhunger

Mit „Dämonenhunger“ habe ich ein paar wirklich amüsante Stunden verbracht. Die Geschichte ist einfach zusammengefasst: Der vierzehnjährige Vincent erfährt eines Tages, dass der Weltuntergang kurz bevorsteht. Auch wenn dem Junge klar ist, dass er diese Katastrophe nicht verhindern kann, so will er doch zusammen mit ein paar übernatürlichen Wesen versuchen eine Möglichkeit zu finden, wenigstens einige Menschen zu retten. Doch so ganz freiwillig startet Vincent seinen Teil der Mission nicht, was unter anderem auch an der strengen religiösen Erziehung seiner Eltern liegt.

Der Autor warnt den Leser gleich zu Beginn, dass er sich keine Hoffnungen machen soll: Die Welt wird untergehen und nichts und niemand kann das verhindern! Auch bei der Darstellung seiner Geschöpfe ist Timothy Carter nicht gerade zimperlich mit der märchenhaften Vorstellung seiner Leser umgegangen. Niedliche Feen und zauberhafte Elfen wird man in diesem Roman nicht finden. Dafür muss der arme Vincent damit leben, dass ihn die mythischen Charaktere versklaven, quälen und (zumindest einige von ihnen) nur zu gern mit der Welt untergehen lassen würden.

Der Schreibstil, die Vorhersehbarkeit einiger Handlungselemente und die Tatsache, dass zwar viel Gewalt vorkommt, diese aber den Leser so wenig berührt wie vergleichbare Darstellungen in Trickfilmen, zeigen schon, dass Timothy Carter seine Geschichte als eindeutig Kinder- bzw. Jugendbuch konzipiert hat. Aber ich bin über so einige Stellen gestolpert, die ich so wunderbar böse fand, dass ich mir gut überlegen würde, welchem Kind ich diesen Roman in die Hand drücke.

Mir persönlich hat „Dämonenhunger“ hingegen sehr viel Spaß gemacht. Das Buch war kurzweilig, leicht und amüsant zu lesen und mit genügen Ironie und gesellschaftlichen Seitenhieben versetzt, dass es nicht langweilig wurde. Eine kurze Recherche hat mir verraten, im November in England ein zweites Buch von Timothy Carter erscheinen wird, das wohl in eine ähnliche Richtung (ein Teenager, ein Dämon und ein gefallener Engel) gehen wird. Mal gucken, ob auch dieser Titel den Sprung auf den deutschen Markt schafft. Mich würde es freuen!

Farahad Zama: Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle

Obwohl der Titel „Mister Alis Hochzeitsagentur für hoffnungslose Fälle“ ein wenig irreführend ist, denn für Mister Ali gibt es keinen Menschen, für den er nicht den passenden Ehepartner finden könnte, gefällt er mir deutlich besser als der Originaltitel „The Marriage Bureau For Rich People“. Und weil ich eine Schwäche für Geschichten aus Indien habe und mich der Titel so ansprach, konnte ich es kaum erwarten meine Nase in das Buch zu stecken. Belohnt wurde ich mit einem bezaubernden Roman voller liebenswerter Figuren, humorvoller Szenen und einem kleinen Blick in die indische Kultur.

Mister Ali ist nach einem Arbeitsleben als Beamter in den Ruhestand getreten und könnte nun zusammen mit seiner Frau seinen Lebensabend genießen. Doch die Untätigkeit macht ihn schier verrückt – und seine Unruhe stört das geregelte Leben seiner Angetrauten – und so beschließt er als Hobby ein Heiratsbüro nach westlichem Vorbild aufzubauen. Eine innovative Idee für die sonst so traditionell bestimmte Suche nach einem Ehepartner. Statt die Eltern oder einen professionellen Heiratsvermittler zu beauftragen gezielt die richtige Person zu finden, bietet Mister Ali eine Kartei an, auf die die Klienten zurückgreifen können. Und was als Hobby begann, wird schnell so erfolgreich, dass Mister Ali dringend eine Sekretärin einstellen muss, die ihm bei der Büroarbeit hilft.

Auch die neue Sekretärin Aruna hat Probleme bei der Suche nach einem Ehemann. Ihre Familie ist, nach einer Erkrankung des Vaters, hoch verschuldet, was dazu führt, dass sie sich keine Hochzeit leisten kann. So leicht und heiter die einzelnen Episoden geschildert sind, so nutzt Farahad Zama dieses Buch, um einem die Augen für die großen und kleinen Probleme Indiens zu öffnen. Da gibt es die Putzfrau der Alis, die die lebenswichtige Operation des Enkels nicht finanzieren kann, oder der politisch aktive Sohn Rehmann, der Mister Ali und seiner Frau so manchem Kummer bereitet.

Mister Ali und seine Hochzeitsagentur gehören zu den wenigen Romanen in den letzten Monaten, die fest in meinen Bestand gewandert sind. Ich habe selten eine so bezaubernde und liebevolle Geschichte gelesen, in der humorvoll ein kleines Stückchen Indien beschrieben wird, ohne dass dabei vor den Missständen im Land die Augen verschlossen wird. Hier bekommt man keine Romantik nach Art der Bollywood-Filme präsentiert, kann aber trotzdem eine schöne Liebesgeschichte genießen, über das Geheimnis einer guten Ehe nachdenken und sich mit der fremdartigen Kultur eines faszinierenden Landes auseinandersetzen.

Eva Dumann: Im Zeichen der Schwäne

Eigentlich bin ich immer sehr misstrauisch, wenn ich erfahre, dass ein Autor/eine Autorin noch nicht einmal alt genug ist, um zu wählen, aber schon ein Buch bei einem Verlag untergebracht hat. Oft genug werden diese Romane nämlich vor allem veröffentlicht, weil man mit dem jungen Alter so gut Werbung machen kann, und weniger, weil die Geschichte so gut ist. Eva Dumann hat „Im Zeichen der Schwäne“ mit vierzehn Jahren geschrieben und angefangen hat sie die Geschichte als Weihnachtsgeschenk für ihren kleinen Bruder. Letztendlich ist ein wirklich unterhaltsames Buch daraus geworden, mit überzeugenden Charakteren und einer Welt, in die man gern noch einmal einen Blick werfen würde.

Die Halbelfe Eolée lebt mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder vor den Mauern der Stadt Arber. Eines Nachts steht ein fremder Junge mit einem geheimnisvollen Schwert vor ihrer Tür und bittet um Schutz vor Soldaten, die ihn verfolgen. Eolées Familie nimmt Pellinor bei sich auf und zieht ihn zwei Jahre lang wie ihren eigenen Sohn groß. Doch dann wird die Sehnsucht des Jungen nach seinem Heimatland Nituria und seiner Familie zu groß und er macht sich auf, um herauszufinden, was aus seinen Lieben geworden ist. Eolée begleitet den Ziehbruder in das Nachbarland und erfährt schnell, was es heißt, wenn ein Land unter einem tyrannischen König zu leiden hat. Die beiden Kinder geraten von einer Schwierigkeit in die nächste und schließen sich bald einer Widerstandsbewegung an, die „Im Zeichen der Schwäne“ gegen den Herrscher vorgeht.

Die größte Schwäche dieses Romans ist wohl, dass Eva Dumann so manches Problem ein wenig leicht für ihre Figuren lösen lässt. So fällt gleich im ersten Kapitel auf, dass Eolées Vater ganz ohne Misstrauen den fremden Pellinor in seine Familie aufnimmt, obwohl dieser in einem friedlichen Land mit einer Waffe vor der Tür steht. Aber die Charaktere sind ihr gut gelungen (überzeugende Jugendliche, ohne pubertäre Nervigkeiten), die von der Autorin geschaffene Welt ist wunderschön beschrieben – und vor allem in den vielen Details hat mich dieses Buch beeindruckt. Gerade der Widerstand und die Mittel mit denen diese Kämpfer vorgehen, sind überzeugend geschildert – und auch die Probleme, die z.B. durch einen harten Winter entstehen können, hat sie wunderbar eingebaut. Da mir der Roman so viel Spaß gemacht hat, hoffe ich sehr, dass die junge Autorin in den nächsten Jahren noch mehr schreiben wird!

Lois McMaster Bujold: Die magischen Messer 1+2

Lois McMaster Bujold ist vor allem für ihre humorvolle Science-Fiction-Reihe um Miles Vorkosigan bekannt geworden. Ihre „Die magischen Messer“-Serie geht in eine ganz andere Richtung. Hier bekommt man eine interessante Mischung aus Fantasy- und Liebesgeschichte geboten. Im erste Teil, „Die Klingen des Lichts“, läuft die junge Fawn vom Hof ihrer Eltern weg. Unverhofft schwanger und sicher, dass der werdende Vater nicht zu seinem Kind stehen wird, hofft sie, dass man ihr in der Stadt abnehmen wird, dass sie eine Witwe ist. So könnte Fawn doch noch eine Anstellung bekommen und ein einigermaßen ehrbares Leben führen.

Aber unterwegs begegnet sie einem Landzehrer, einem unheimlichen und tödlichen Geschöpf, vor dem sie von einem Seenläufer gerettet wird. Die Seenläufer sind der normalen Landbevölkerung unheimlich. Magie sollen sie einsetzen, Leichenfresserei und ähnlich schlimme Taten werden ihnen nachgesagt – allerdings sind sie auch die einzige Waffe gegen die Landzehrer, deren Zahl immer größer wird. Nach diesem Kampf entspinnt sich zwischen der wehrhaften, aber häufig naiven Fawn und dem abgebrühten Dag eine wunderschöne Liebesgeschichte. Ihre wachsenden Gefühle sorgen dafür, dass beide sich mit den Vorurteilen auseinandersetzen müssen, die sie von kein auf gehegt haben.

Im zweiten Teil, „Der magische Dolch“, geht die Geschichte von Fawn und Dag weiter und man erfährt eine Menge über die ungewöhnlichen Seenläufer und ihr Leben. Abgesehen davon, dass die Autorin mit diesen Büchern eine reizvolle fantastische Welt beschreibt, liebe ich den wunderbaren Humor von Lois McMaster Bujold. Vor allem sind diese Bücher für Leser geeignet, die sich auch auf eine wenig actionreiche Erzählweise einlassen könne. Die großen Kämpfe kommen eher zu Beginn der Romane und dann konzentriert sich die Handlung auf kleine Szenen, die die Charaktere und ihr Leben darstellen. Aber die große Gewichtung auf die Liebesgeschichte ist eh eher für romantisch veranlagte Leser gedacht, als für diejenigen, die große Kämpfe und eine Heldensaga suchen. Mir, die ich sowohl Fantasy, als auch Liebesgeschichten gerne mag, haben die Bücher sehr gut gefallen – und sie gehören zu den wenigen, die in den letzten Monaten in meinen festen Bestand gewandert sind, weil ich sicher bin, dass ich sie immer wieder lesen mag.

Cynthia Voigt: Jackaroo

Der Roman „Unter der Maske Jackaroo“ hatte mich schon nachhaltig beeindruckt, als ich ihn vor vielen Jahren in der Bibliothek ausgeliehen hatte. Inzwischen habe ich die Neuauflage „Jackaroo“  und kann das Buch heute noch genauso genießen wie als Teenager.

Das Leben der Wirtstochter Gwen ist von Hunger und Armut geprägt, die Adeligen beuten das Land aus und niemand kann etwas dagegen unternehmen. Doch immer häufiger geht das Gerücht von einem Kämpfer um, der gegen die Unterdrückung der Lords angeht. Gwen glaubt nicht an diesen „Jackaroo“, niemand hat je sein Gesicht gesehen und die Wirtstochter ist sich sicher, dass kein Mensch allein all diese Heldentaten begangen haben kann. Doch dann kommt der Tag, an dem Gwen in einer abgelegenen Hütte Jackaroos Maske, Schwert und Mantel findet – und selber in die Identität des Kämpfers für Gerechtigkeit schlüpft.

Angelehnt an den Robin-Hood-Mythos erzählt Cynthia Voigt eine wunderbar bewegende Geschichte von einem eigentlich ganz normalen Mädchen, das seinen Teil dazu beträgt, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird. Jeder kann die Maske des Jackaroo anlegen, um das Leben für alle Menschen besser zu machen – und Gwen gehört eben zu denjenigen, die diesen Schritt tun. Die Autorin schreibt so schön, dass man mit der Hauptfigur zusammen die Abenteuer des Jackaroo erlebt. Mit jedem neuen Erlebnis wird Gwen selbstbewusster und ist immer weniger bereit sich ihrem Schicksal als Mädchen zu fügen, einen Mann zu heiraten und die Willkür der Herrschenden einfach hinzunehmen. Am Ende legt man das Buch aus der Hand und hat nicht nur ein paar spannende Stunden mit Gwen verbracht, sondern fühlt sich selber ein kleines bisschen mehr in der Lage seinen eigenen Weg zu finden. 😉

Emily Wu: Feder im Sturm

„Feder im Sturm – Meine Kindheit in China“ (oder wie es im englischen noch etwas gelungener untertitelt wird: „A Childhood lost in Chaos“) ist ein biografischer Roman von Yimao (Emily) Wu, die während Maos Kulturrevolution aufgewachsen ist. Ich lese sehr gern so persönliche Berichte über geschichtliche Ereignisse, denn das lässt sie für mich greifbarer und erlebbarer werden. Und da die Kulturrevolution vor meiner Geburt stattfand, hatte (und habe) ich in diesem Bereich doch eine erschreckende Wissenslücke. Natürlich bin ich grob darüber informiert, was Mao damit bezweckte und welche Folgen diese für China hatte, aber die genaueren Zusammenhänge und Daten für eine detaillierter zeitliche Zuordnung haben mir lange Zeit gefehlt.

Durch Yimaos Augen erlebt der Leser von „Feder im Sturm“ die vorhergehenden Hungerwinter in China mit und wie ihr Vater Jahre in einem Straflager verbrachte, weil er in Amerika studiert hatte. Als er endlich wieder als Professor an einer Universität arbeiten darf, ist er schnell beliebt bei seinen Studenten, denen er die englische Literatur näher bringt. Doch kurz darauf verwandeln sich diese netten Studenten in einen unberechenbaren Mob, der verwüstend und mordend durch die Straßen zieht. Genauso wie für die junge Yimao gibt es für den Leser so viele Geschehnisse, die mit dem Verstand nicht nachvollziehbar sind. Die Gewalt, die von diesen gebildeten Menschen ausgeht, die Ächtung von Kultur, Literatur und den Traditionen, sind ohne das Wissen um die vorhergehende Propaganda kaum zu verstehen.

Die Familie Wu wird später auf’s Land verbannt, wo sie weiterhin der Willkür andere Menschen ausgesetzt ist. Für Yimao bedeuten diese politischen Wendungen der Verlust der Kindheit – und dabei hatte es ein Mädchen in dieser Zeit in China eh schon nicht einfach. Ich weiß gar nicht, was mich mehr entsetzt hat: Die politischen Vorgänge oder die privaten Umstände für die Frauen. Was die Politik angeht und die Morde und Misshandlungen, die im Namen des Regimes verübt wurden, so möchte man doch immer glauben, dass soetwas nie wieder irgendwo auf der Welt möglich sein kann (was leider durch die Geschichtsschreibung widerlegt wird). Aber dass selbst in einem so intellektuellen und aufgeklärten Haushalt wie der Familie Wu so ein großer Unterschied zwischen den Söhnen und der Tochter gemacht wird, ist für mich fast genauso unbegreiflich.

„Feder im Sturm“ ist auf jeden Fall ein faszinierender, informativer und mitreißender Roman über eine Kindheit in China während der Kulturrevolution – und es wird bestimmt nicht das letzte Buch gewesen sein, dass ich zu diesem Thema lesen werde.

Thomas Kastura: Das dunkle Erbe

„Das dunkle Erbe“ ist schon der zweite Roman des Autors um den Kölner Hauptkommissar Klemens Raupach. Während man im ersten Krimi „Der vierte Mörder“ die Geschichte sowohl aus der Perspektive der Ermittler, als auch aus der des Verbrechers verfolgen konnte, beginnt dieses Buch in einem Verhörraum. Hier wird der Mediziner Bernhard Schwan von Raupach verhört, weil er unter Verdacht steht seine Frau und seine Geliebte – und vermutlich auch seine Kollegin Eva von Barth ermordet zu haben. Je mehr sich der Hauptkommissar mit dem vermutlichen Mörder unterhält, desto weniger weiß er, ob dieser schuldig ist oder nicht.

Währenddessen geschehen verschiedene Vorfälle, die die Vermutung aufkommen lassen, dass die alte Kölner Jugendstil-Villa, in der Bernhard Schwan und Eva von Barth ihre Praxis unterhalten, ein Geheimnis verbirgt. Die amerikanische Journalistin Sharon Springman schnüffelt in der Vergangenheit der Vorbesitzer herum und Klemens Raupach Kollegin Heide wird schwer verletzt, als sie Sharon beobachtet wie diese in die Villa einbricht.

Thomas Kastura gehört zu den Autoren auf deren Erzählweise ich mich immer erst einmal einlassen muss. Während „Der vierte Mörder“ einen faszinierenden Auftakt hatte, bei dem man aus der Sicht des Täters in die Geschichte eingeführt wurde, und die Handlung dann gemächlich weiterging, beginnt „Das dunkle Erbe“ wenig aufregend. Der vermutlicher Mörder ist in Haft, Klemens Raupach hat alle Zeit der Welt, um ihn zu einem Geständnis zu bewegen und die weiteren Ermittlungen scheinen erst einmal nur dazu da zu sein, um den Fall für die Staatsanwaltschaft wasserfest abzuschließen.

Diese ruhige Erzählweise erlaubt es dem Autor das Privatleben seiner Figuren anzureißen und ihnen so mehr Profil zu verleihen und liebevolle Beschreibungen von Köln zu liefern. Er hat ein Händchen für stimmungsvolle Szenen, so dass ein Teetrinken mit der Nachbarin der verschwundenen Ärztin voller schöner Details, voller Erinnerungen und Stimmungseindrücke steckt.

Doch leicht ist es mir anfangs nicht gefallen, mich bei einem Kriminalroman so weit zurückzunehmen, dass ich mich auf diese langsame Art einstellen kann. So habe ich auch bei „Das dunkle Erbe“ immer wieder das Buch in die Hand genommen und nach wenigen Seiten wieder zur Seite gelegt. Doch als ich erst einmal in der Geschichte drin war, haben mich die liebenswerten und erstaunlich realistischen Charaktere in ihren Bann gezogen. Auch wenn das Rätsel um die schöne alte Villa für den Leser recht schnell durchschaut war, so sorgen die kleinen Szenen und Stimmungen dafür, dass ich nach dem Zuschlagen des Buches am Liebsten gleich einen nächsten Band in die Hand nehmen würde, weil es letztendlich so schön zu lesen war.

Patricia C. Wrede: Die Drachenprinzessin (Zauberwald-Chroniken 1)

Eine Prinzessin zu sein, ist manchmal gar nicht so leicht – vor allem, wenn man den Erwartungen der Familie nicht entspricht. Und Cimorene entspricht den Vorstellungen ihrer königlichen Eltern so gar nicht: Sie ist weder blond, noch niedlich, noch interessiert sie sich für’s Tanzen und Sticken oder gar für die Prinzen der Nachbarländer. Immer wieder bringt sie die Berater und das Personal ihres Vaters dazu, ihr Dinge beizubringen, die sich für eine Prinzessin nicht gehören. Als sie Fechtunterricht nimmt, wird dieser schnell von ihren Eltern beendet, und so ergeht es ihr auch, als sie Kochen, Zaubern und etwas über Staatskunst lernen will. Letztendlich sind ihre Eltern so verzweifelt über eine so unprinzessinenhafte Tochter, dass sie sie so schnell wie möglich verheiraten wollen (und wenn man den potenziellen Bräutigam mit dem halben Königreich bestechen muss).

Doch als Cimorene hinter den Plan ihrer Eltern kommt, läuft sie weg und beschließt eine Drachenprinzessin zu werden. Bei den Drachen zu leben ist vollkommen akzeptabel für eine Prinzessin – auch wenn man normalerweise dafür entweder von seinem Volk geopfert oder von einem Drachen entführt werden muss. So ist es für Cimorene auch nicht so ganz leicht einen Drachen zu finden, der bereit ist eine so energische Prinzessin aufzunehmen. Doch die Drachendame Kazul ist beeindruckt von Cimorenes Unternehmungsgeist und so beginnt die Prinzessin glücklich das Leben in der Drachenhöhle zu organisieren.

Mit dem Ordnen der Bibliothek und der Schatzkammer und dem Aufräumen und Putzen der Höhle ist Cimorene gut ausgelastet und kochen muss sie für die Drachendame auch noch. Da ist es mehr als hinderlich, dass ständig Prinzen und Ritter vorbeikommen und sie vor Kazul retten wollen. Und auch die Zauberer, die versuchen sich zu dem Gebiet der Drachen Zugang zu verschaffen, werden der Prinzessin schnell lästig.

Patricia C. Wrede hat mit der „Drachenprinzessin“ eine ganz wunderbare Geschichte geschrieben, die junge und alte Leser erfreut. Die amüsante Sicht der Autorin auf die klassische Märchenwelt und Cimorenes energische Art ihr Leben gegen die Traditionen aufzubauen sind mehr als unterhaltsam. Immer wieder stolpert man über kleine Szenen, die in sich so stimmig sind, dass man sich fragt, warum es nicht noch viel mehr Bücher gibt, die Geschichten außerhalb der Klischees zeigen.

Eine so vernünftige und emanzipierte Prinzessin ist nicht nur sympathischer als ein „Fräulein in Nöten“, sondern es macht auch deutlich mehr Spaß ihre Abenteuer bei den Drachen und im Zauberwald zu verfolgen. So ist es kein Wunder, dass ich dieses Buch (und die Fortsetzungen) mindestens einmal im Jahr lese und mich immer wieder an der schlagfertigen Cimorene und all den anderen liebenswerten Charakteren erfreue.

Katharina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen

Als ihre Großmutter stirbt erbt Iris das Haus, das für sie mit so vielen Kindheiterinnerungen verbunden ist. Hier hat sie mit den anderen Familienmitglieder jeden Sommer verbracht und zusammen mit ihrer Kusine Rosmarie und deren Freudin Mira fantasievolle Spiele gespielt. Noch überlegt die Bibliothekarin, ob sie das Erbe annimmt, doch je mehr sie sich auf das alte Haus einlässt, je mehr sie über die Vergangenheit ihrer Großmutter Bertha erfährt, desto mehr fühlt sie sich mit dem Hof und ihrer Familie verbunden.

Zu Beginn zieht einen die Autorin in ein schon fast unwirklich erscheinendes Umfeld. Der kleine Ort, der alte Hof und die Fülle an wunderbaren Kindheitserinnerungen wirken beinah magisch auf den Leser. Katharina Hagena beschreibt so lebhaft die Szenen, die sich in den vergangenen Jahren dort zugetragen haben, dass man regelrecht das Gefühl hat, den Duft von Apfelblüten, von Gras im Sonnenschein und üppig blühenden Blumenbeeten in der Nase zu haben.

Auch die Erinnerung an Rosemaries Tod und der langsam aufkommende Verdacht, dass der Großvater den Frauen in seiner Familie das Leben arg schwer gemacht hat, kann an der wunderbaren Atmosphäre dieses Buches erst einmal nichts ändern. Doch an manchen Stellen werden die Beschreibungen so gewollt poetisch, dass es nur schwer zu akzeptieren ist und auch die Geschichte schwächelt gegen Ende.

Iris ist so begierig darauf, mehr über ihre Großmutter zu erfahren. Doch als sie endlich jemanden gefunden hat, der ihr auf ihre Fragen antwortet, verliert sie sich lieber in Tagträumen. Stellt sich vor wie es hätte sein können, ohne dem alten Herren, der nur schweren Herzens seine Erinnungen für sie öffnet, wirklich zuzuhören. Auch der ungemein harmonische Schluss wirkt, als ob die Autorin auf halber Strecke nicht mehr gewußt hätte, wohin ihre Handlung gehen sollte, und sich dann dachte, dass ein Happy-End immer zieht.

Max, der Bruder von Mira, war Iris in ihrer Kindheit keinerlei Beachtung wert, doch nun entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte zwischen den beiden. Und diese ersten zarten Anfänge wirken soviel stimmiger und romantischer als der letzte Abschnitt, der dem Leser mit dem Holzhammer beibringt, wie glücklich Iris doch Jahre später auf dem Hof der Familie geworden ist. Nach einem überaus vielversprechenden Anfang hat mich das Buch letztendlich doch enttäuscht. Sehr schade, denn die ersten Seiten hatte mir so gut gefallen …

Amulya Malladi: 100 Arten eine Mango zu essen

Die siebenzwanzigjährige Priya Rao ging vor vielen Jahren von Indien nach Amerika, um dort zu studieren. Inzwischen hat sie sich in dem fremden Land ein gutes Leben aufgebaut, arbeitet in der IT-Branche und es gibt auch einen Mann, in den sie sich verliebt hat. Doch von Nick, den sie heiraten will, hat sie ihrer Familie nichts erzählt. Priya ist sich darüber im klaren wie traditionsbewußt ihre Familie ist – und wie sehr ihre Eltern damit rechnen, dass sie standesgemäß heiraten wird. Zum ersten Mal seit vielen Jahren reist die junge Frau nun wieder in ihre Heimat und schnell wird ihr bewußt, wie weit sie sich von dem Leben ihrer Eltern entfernt hat.

Sie ist nicht mehr das kleine Mädchen, das dem Großvater zuhört, wenn er seine Geschichten erzählt. Während sich die ganze Familie zum traditionellen Mangokochen bei den Großeltern versammelt, löst Priyas Haltung gegenüber den Vorgängen in ihrem Umkreis so einige offenen Aussprachen aus. Sie kann nicht mitansehen, wie ihre Tante regelrecht zu einer dritten Schwangerschaft gezwungen wird, damit endlich der ersehnte Sohn geboren wird. Und auch der verächtliche Umgang mit derjenigen von ihren Tanten, die seit zehn Jahren erfolglos auf dem Heiratsmarkt gehandelt wird, erbost die emanzipierte junge Frau.

Amulya Malladi, die selber eine im Ausland lebende Inderin ist, gelingt es ganz hervorragend die Spannungen zwischen den Traditionen und dem modernen Leben aufzuzeigen. Obwohl einige ihrer Charakter ziemlich rassistisch denken und handeln, habe ich die verschiedenen Figuren schnell lieb gewonnen. Keiner von ihnen meint es böse, all diese menschenverachtende Aussagen zeugen eher von Unwissen und einen umgesunden Verhaften an alten Regeln. Denn als Priya ihre Familie dazu zwingt mal über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, und ihnen aufzeigt, wie sehr sie ihre Lieben durch ihr Verhalten verletzten, sind sie in der Lage zaghaft ihr Denken zu verändern. Dabei bleiben sie immer noch fehlerhafte, dickköpfige – und doch liebenswerte – Personen, die sich eben schwer durch Argumente überzeugen lassen.

Mir hat dieser Roman auf überaus unterhaltsame Weise die Augen für einen kleinen Teil Indiens geöffnet. Gerade diese Gradwanderung zwischen dem Erhalt der altvertrauten Traditionen und dem notwendigen Umdenken, um in einer modernen Welt zu bestehen, ist sehr schön dargestellt. Und neben dem informativen Teil gibt es unglaublich viele kleine humorvolle Szenen, die das Lesen zu einem Vergnügen machen.