Kategorie: Rezension

Sophie Escabasse: Witches of Brooklyn (Comic)

„Witches of Brooklyn“ von Sophie Escabasse habe ich im November zum Geburtstag bekommen und dann recht schnell aus dem Regal gezogen, weil es einfach nach einer süßen und lustigen Geschichte zum Entspannen klang – und genau das war es dann auch. Dabei ist die Situation für die elfjährige Protagonistin Effie zu Beginn alles andere als lustig, als sie mitten in der Nacht von einem Angestellten des Jugendamtes vor der Tür ihrer Tante Selimene abgeladen wird, da ihre Mutter gestorben ist. Selimene ist nicht nur alt genug, um Effies Großmutter zu sein, sondern auch eine sehr energische und nicht ganz einfache Dame. Zum Glück lebt Selimene mit ihrer Freundin Carlota zusammen, die einen deutlich ausgeglicheneren Eindruck macht – trotzdem ist sich Effie anfangs sicher, dass sie es nicht lange mit den beiden exzentrischen Frauen unter einem Dach aushalten wird. Doch im Laufe der Zeit lernt Effie ganz überraschende und liebenswerte Seiten an Selimene und Carlota kennen, und als sich auch noch herausstellt, dass die beiden älteren Damen Hexen sind, kann sich Effie kaum noch vorstellen, jemals wieder woanders zu leben.

Ich muss gestehen, dass in „Witches of Brooklyn“ gar nicht so viel passiert, obwohl der Comic 240 Seiten umfasst, aber es ist sehr, sehr niedlich zu verfolgen, wie Effie sich bei ihrer Tante Selimene und deren Freundin Carlota einlebt, wie sie im Laufe der Zeit Freunde in der Schule findet und wie sie mehr über die Fähigkeiten der beiden Hexen herausfindet. Außerdem trifft Effie im Laufe der Geschichte auf eine Sängerin, die vor ihrem nächsten Konzert dringend etwas übernatürliche Hilfe benötigt. Dabei mochte ich es sehr, dass so viele unterschiedliche Charaktere – von der sehr eigenwilligen Selimene über die Bibliothekar-Ritterrüstung bis zum kochenden Popstar-Assistenten Martin – in der Geschichte vorkommen. Immer wieder gibt es absurde oder amüsante Momente, die einen zum Schmunzeln bringen, oder berührende Szenen, in denen deutlich wird, wie sehr Effie ihre Mutter vermisst und wie schwer es ihr trotz all der tollen Freunde und Familienmitglieder fällt, sich in ihrem neuen Zuhause einzuleben.

Ich habe die Figuren in diesem Comic wirklich ins Herz geschlossen, und das lag natürlich nicht nur an der niedlichen und unterhaltsamen Handlung, sondern auch an den liebenswerten Zeichnungen von Sophie Escabasse. Einige ihrer Charaktere haben etwas überzeichnete Gesichtszüge und Körper, aber die Darstellungen fühlen sich nie negativ an, weil auch Personen, die auf den ersten Blick nicht so hübsch zu sein scheinen, im Laufe der Geschichte Szenen bekommen, in denen sie sich von ihrer besten Seite zeigen können. Ich fand es toll zu sehen, wie ausdrucksstark die Zeichnungen sind und wie schön Körpersprache und Mimik zu den verschiedenen Figuren passen. So gibt es so einige Szenen, in denen Effie oder Selimene mit großen, dramatischen Gesten ihre Worte unterstützen, wie es zu ihrem überschäumenden Temperament passt, während Effies schüchterner Freund Oliver auf fast jedem Panel, in dem er zu sehen ist, seine Arme eng am Körper hält und sich regelmäßig geradezu kleinmacht, um keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mir hat „Witches of Brooklyn“ wirklich viel Freude bereitet und ich hoffe sehr, dass bald ein weiterer Band rund um Effie. Selimene und Carlota erscheint.

Dean Atta: The Black Flamingo

Wenn man „The Black Flamingo“ von Dean Atta beginnt, fällt sofort die ungewöhnliche Erzählweise ins Auge, die der Autor für seine Geschichte gewählt hat. Denn Dean Atta ist in erster Linie ein Poet und so hat er auch sein Buch als eine „verse novel“ geschrieben, bei der die einzelnen (häufig kurzen) Gedichte von verschiedenen Momenten in dem Leben des Protagonisten Michael erzählen. Dabei begleitet der Leser Michael von seinem sechsten bis zu seinem neunzehnten Lebensjahr und erfährt so viel darüber, welche Wege dieser auf der Suche nach seiner eigenen Identität einschlägt. Denn Michael ist nicht nur ein schwarzer Brite mit jamaikanisch-zypriotischer Abstammung, der sich weder jamaikanisch noch griechisch-zypriotisch genug fühlt, um wirklich zu einer dieser Zuwanderergruppen zu gehören, sondern Michael ist auch schwul und hat von klein auf mit den dementsprechenden Vorurteilen und Anfeindungen zu kämpfen.

I Want to Be a Pink Flamingo

Pink. Definitely pink.
I want my feathers to match
the hue you imagine.
I want to blend in.
Nothing but flamingoness.

David Attenborough would say,
„Here we see the most typical flamingo.“

Though I don’t want to be the most,
just typical. A wrapping-paper pattern.
I don’t want to stand apart.
Nothing different about my parts.
My beak just a beak, my head just a head.
My neck, body, wings. Simply fit for purpose.
Standing on one leg, just like the rest.
Pink. Definitely pink. (Seite 194)

Ich fand Michaels Geschichte sehr berührend zu lesen, gerade weil er im Laufe der Zeit immer wieder darüber nachdenkt, wie andere Menschen ihn eigentlich sehen und was diese Sicht der anderen mit ihm selber macht. Außerdem war es spannend, die vielen unterschiedlichen Gedichtformen zu lesen und zu sehen, wie jedes einzelne dieser Gedichte für sich stehen kann und doch gleichzeitig einen wichtigen Teil des Gesamtbilds darstellt. Dean Attas Spiel mit der englischen Sprache habe ich wirklich genossen, und seine Zeilen haben noch einige Zeit nach dem Lesen in mir nachgeklungen. So gelingt es dem Autoren, Michael nicht nur als Protagonisten, sondern auch als Künstler innerhalb der Geschichte wachsen zu lassen. Dabei muss Michael sich mit seinen eigenen Vorurteilen und Schwächen ebenso auseinandersetzen wie mit seinen Stärken und Wünschen. Das bringt auf diese Weise den Leser fast beiläufig dazu, ebenfalls über sein Verhalten und seinen Umgang mit sich selbst und anderen nachzudenken.

Only one name comes to mind. It’s like
I’ve said it before: „I am The Black Flamingo
and my pronouns are he and him,“ I declare.
I’m sure of this for the first time ever.

They look at each other, then at me,

Then Mzz B asks, „So are you a king,
a queen or …?“

„Neither,“ I say. „I’m just a man and I want
to wear a dress and make-up on stage,
I want to know how it feels to publicly
express a side of me I’ve only felt privately
when playing with my Barbie as a boy.
It was only at home that I’d play with that toy;
I knew my Mum loved me more than
anyone else and with her I could be myself.
I didn’t think boys could do ballet, certainly
not a black boy and definitely not me.
I was already suspicious that people were
nice to me despite me being different.
I never wanted to take my difference too far.“
[…] (Seite 206)

Faszinierend war es auch zu sehen, wie viele unterschiedliche Themen Dean Atta in diesem Buch anspricht und dass sich dies beim Lesen anfühlt, als ob er nur eine helfende Hand reichen will, damit der Leser seinen Horizont etwas erweitert kann. Dabei kann man wohl davon ausgehen, dass Dean Atta sehr viele Elemente seiner eigenen Biografie in Michaels Geschichte verarbeitet hat, denn auch der Autor ist schwarz und schwul und Drag-Künstler. Ich muss gestehen, dass es mir überraschend schwerfällt, über dieses Buch zu schreiben, weil es so viel beinhaltet, dass ich gar nicht auf alle Aspekte eingehen kann. Ich kann nur sagen, dass „The Black Flamingo“ mich sehr berührt hat, und deshalb wünsche ich diesem Titel viele Leser, die gemeinsam mit Michael ein kleines bisschen wachsen und ihre Flügel ausbreiten dürfen.

Hanna Alkaf: The Girl and the Ghost

Von Hanna Alkaf habe ich schon eine ganze Weile den Roman „The Weight of Our Sky“ auf dem SuB, aber als „The Girl and the Ghost“ erschien, musste ich das Buch trotz der Tatsache, dass die Autorin bislang „unerprobt“ ist, unbedingt haben, weil die Beschreibung einfach so gut klang. Die Geschichte dreht sich um die junge Suraya, die beim Tod ihrer Großmutter von dieser einen Pelesit (einen Geister-Familiar, aus der Sagenwelt Malaysias) erbt. Dabei wird dem Leser die Handlung abwechselnd aus Sicht des Mädchens und aus Sicht des Geistes erzählt, was es leichter macht, die Gedanken und die Motive der beiden zu verstehen.

Ich muss gestehen, dass ich anfangs den Roman ziemlich häufig aus der Hand gelegt habe, weil die Geschichte nicht nur ein paar Elemente enthielt, auf die ich empfindlich reagiere (wie Insektenplagen – auch in Zusammenhang mit Essen), sondern mir auch durchgehend das Gefühl gab, dass es jeden Moment ganz schrecklich werden würde. Auf der anderen Seite war „The Girl and the Ghost“ so wunderschön geschrieben und beinhaltete so viele tolle Szenen, dass ich das Buch definitiv nicht abbrechen wollte. Als ich den Roman dann beendet hatte, musste ich meinen Gefühlen ein bisschen auf Twitter Luft machen, was auf folgenden Tweet hinauslief:

Twitter-Screenshot mit dem Text: Es ist so schön ein Buch zu beenden, dass so berührend und toll geschrieben, witzig und fürchterlich und einfach nur gut war, dass ich am Ende einfach nur ein paar Stunden dasitzen und die Stimmung festhalten will.

Für Suraya, die in einem recht freudlosen und gefühlskalten Zuhause aufwächst, ist der Geist – den sie mit all ihrer fünfjährigen Weisheit „Pink“ nennt – ein dringend notwendiger Freund. Doch im Laufe der Zeit muss sie feststellen, dass die Freundschaft zu Pink ein zweischneidiges Schwert ist, denn so sehr er ihr zur Seite steht, so kann er doch seinen Ursprung als Fluch- und Plagenbringer nicht verleugnen. Er ist für sie da, als sie in der Schule drangsaliert wird, und man könnte sagen, dass er der Grund ist, warum sie im Laufe der Geschichte häufig besser und verzeihender ist, als man es bei einem Charakter ihres Alters erwarten würde, da sie weiß, dass Pinks Aktionen gegen ihre Feinde maßlos und fürchterlich sein würden. Richtig dramatisch wird es, als Suraya endlich eine Freundin findet und Pink nicht weiß, wie er damit umgehen soll.

Aber während Hanna Alkaf mich in der ersten Hälfte von „The Girl and the Ghost“ damit fertiggemacht hat, dass sie mich die ganze Zeit fürchten ließ, dass schreckliche Dinge passieren, gelingt es der Autorin, all die fürchterlichen Entwicklungen und Enthüllungen am Ende mit so vielen amüsanten Momenten zu mischen, dass ich diese Passagen – entgegen aller vorherigen Befürchtungen – rundum genossen habe. Ich habe Suraya, ihre chinesische Freundin Jing, Pink und ein paar der übernatürlichen Nebenfiguren wirklich ins Herz geschlossen. Außerdem fand ich es spannend, mal eine Geschichte zu lesen, die in Malaysia spielt und neben all den Sagenelementen auch ganz selbstverständlichen den Alltag in diesem Land aufgreift. Doch vor allem hat es mir Hanna Alkafs Erzählweise angetan, die zwischen märchenhaft und modern schwankt und von der ersten bis zur letzten Seite mit meinen Emotionen spielte.

 

Shanna Swendson: Interview with a Dead Editor (Lucky Lexie Mysteries 1)

Nachdem ich in den vergangenen Wochen sehr viele fantastische Geschichten gelesen habe, war mir in den letzten Tagen spontan nach einem gemütlichen Kriminalroman. Trotzdem bin ich dann irgendwie bei einem Cozy gelandet, der zumindest leichte fantastische Elemente beinhaltete, denn in „Interview with a Dead Editor“ von Shanna Swendson kann man den Titel ruhig wortwörtlich nehmen, da nicht nur Personen mit besonderen Fähigkeiten in der Handlung auftauchen, sondern auch Geister eine Rolle spielen. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Alexa „Lucky Lexie“ Lincoln erzählt, die man als Leser zu einem Job-Interview begleitet, bei dem sie über die Leiche des Zeitungsredakteur Paul Odgen stolpert, mit dem sie den Termin gehabt hätte. Die Tatsache, dass sie zu den Verdächtigen gehört, sorgt ebenso wie ein aufziehender Sturm dafür, dass Lexie für ein paar Tage in der kleinen Stadt Stirling Mills bleiben muss – und natürlich kann die Journalistin ihre Neugier nicht so ganz zügeln und beginnt auf eigene Faust zu recherchieren.

Ermutigt wird sie bei ihren Ermittlungen von Jean Jacobs, der Gründerin der kleinen Zeitung in Sterling Mills – genauer gesagt von Jeans Geist, denn die Dame ist schon seit Längerem verstorben. Von Jean erfährt Lexie auch, das der verstorbene Odgen zuletzt an einem Artikel über eine Schülerin gearbeitet hatte, die vor zwanzig Jahren auf ungeklärte Weise ums Leben kam, womit der Verdacht naheliegt, dass der Mord an dem Redakteur mit seinen Recherchen zu tun haben könnte. Aber natürlich ist das nicht die einzige Vermutung, der Lexie nachgeht, und so dreht sich ein Großteil der Geschichte darum, dass die Journalistin mit den Bewohnern von Stirling Mills redet und versucht, mehr über all die Personen, ihre Beziehungen zueinander und eventuelle Verdachtsmomente herauszufinden. Auch mit dem ermittelnden Polizisten, Lt. Wes Mosby, tauscht Lexie sich regelmäßig aus, obwohl sie sich anfangs in seiner Gegenwart recht unwohl fühlt, weil er sie als Verdächtige behandelt.

Obwohl ich den Teil mit den „übernatürlichen Fähigkeiten“ der verschiedenen Charaktere nicht so recht überzeugend fand, gefiel mir „Interview with a Dead Editor“ gut genug, dass ich die Geschichte innerhalb von zwei Tagen gelesen habe. Die Stadt Stirling Mills bietet eine Mischung aus sympathischen und skurrilen Figuren, wobei ich sie alle mit ihren Stärken und Schwächen überraschend glaubwürdig dargestellt fand. Außerdem mochte ich die Protagonistin, obwohl sie in Gesprächen immer wieder dazu neigt, ihrem Gegenüber zu viel zu erklären, um ja niemanden vor den Kopf zu stoßen oder um ihre kleinen „Macken“ zu begründen, damit niemand sie deshalb für seltsam hält. Aber das ist – ebenso wie die vorher erwähnten übernatürlichen Fähigkeiten – nicht so schlimm, dass ich mich groß dran gestört hätte, sondern einfach nur etwas, woran ich mich beim Lesen gewöhnen musste.

Ich mochte, dass Lexie zwar schnell Leute kennenlernte, aber es keine Zu- oder Abneigungen auf den ersten Blick gab. Sie geht offen auf die verschiedenen Personen zu, findet einige davon auch sehr nett, ist aber trotzdem in der Lage, sich zu fragen, ob diese Person vielleicht einen Grund für einen Mord (oder sonstigen Dreck am Stecken) hätte. Auch das Verhältnis von Lexie zu Lt. Wes Mosby gefiel mir, denn beide gehen – auch wenn es für die Journalistin belastend ist, dass sie als Verdächtige behandelt wird – professionell miteinander um, tauschen Informationen aus, wenn es angebracht ist, und das Ganze ist so wunderbar dramafrei, dass ich wirklich angenehm überrascht davon war. Insgesamt hat mich „Interview with a Dead Editor“ zwar nicht umgehauen, aber mir genau das geboten, was ich von einem Cozy erwarte: Eine nette und unterhaltsame Geschichte mit sympathischen Figuren, von denen ziemlich viele ein bisschen verdächtig sind, so dass ich mir beim Lesen immer wieder von neuem Gedanken um mögliche Motive machen konnte.

Annabelle Sami: Agent Zaiba Investigates 1 – The Missing Diamonds

Bei dem ersten „Agent Zaiba Investigates“-Band von Annabelle Sami weiß ich gar nicht mehr, wie ich auf das Buch aufmerksam geworden bin. Aber die Inhaltsangabe klang nett, und ich teste gern neue Kriminalromane für Kinder bzw. Jugendliche an, weil ich davon eigentlich immer einen Vorrat auf Lager haben mag. Die Handlung wird erzählt aus der Sicht der elfjährigen Zaiba, die mit ihrer Familie (sowie ihrer besten Freundin Poppy) die Mehndi-Feier ihrer älteren Cousine Sam (Samirah) und deren Verlobten Tanvir im Royal-Star-Hotel besucht. Doch nicht nur die gesamte Großfamilie ist in dem Hotel untergebracht, sondern auch eine mysteriöse Berühmtheit, deren Identität Zaiba unbedingt herausfinden will. Denn Zaibas größter Wunsch ist es, einmal eine ebenso erfolgreiche Privatdetektivin zu sein wie ihre Tante Fouzia, und um dieses Ziel zu erreichen, nutzt sie all das Wissen, das sie aus den Romanen rund um die Detektivin Eden Lockett (und dem Eden-Lockett-Detektiv-Handbuch) gewinnen kann.

Gemeinsam mit Poppy und ihrem jüngeren Bruder Ali versucht sie, mehr über die Berühmtheit im Hotel herauszufinden, doch dann verschwindet ein wertvolles Diamant(hunde)halsband, und aus der spielerischen Ermittlung wird schnell ein ernsthaftes Unterfangen – vor allem, da all der Trubel Samis Mehndi-Feier bedroht. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte in der ersten Hälfte des Romans nicht so recht packen konnte. Ich mochte Zaibas pakistanisch-britische Familie, ich fand es nett, wie die drei Kinder durchs Hotel stromerten, und hier und da habe ich etwas schmunzeln müssen. Als dann die Handlung aber etwas mehr anzog, es immer mehr Hinweise auf das Verbrechen gab und man mehr über Zaiba und all die anderen Charaktere erfuhrt, hatte ich wirklich Spaß mit dem Buch. Der Kriminalfall ist zwar nicht gerade herausfordernd (was ich bei einem Buch für eine Zielgruppe zwischen 10 und 12 Jahren auch nicht erwartet hätte), aber so konzipiert, dass man gut mitraten kann. Außerdem mochte ich die ganzen Verweise auf die Eden-Lockett-Geschichten und die Tatsache, dass diese Romane schon Zaibas verstorbener Mutter und ihrer Tante Fouzia viel bedeutet haben, als diese noch Kinder waren.

Überhaupt spielt Zaibas Familie eine große Rolle in der Geschichte, und ihre Verwandtschaft wird so liebevoll (und trotzdem realistisch) dargestellt, dass man am liebsten Teil ihrer Familie sein würde. Ich fand es auch sehr schön zu sehen, dass Zaibas Freundin Poppy und Ali einen wichtigen Part bei den Ermittlungen spielen. Obwohl Zaiba eindeutig die Anführerin ist, würde sie ohne die Hilfe ihrer beiden „Assistenten“ deutlich mehr Fehler machen oder sich – und das sollte keine gute Detektivin! – in Spekulationen verrennen, ohne die bekannten Fakten noch einmal nachzuprüfen. Sowohl Poppy als auch Ali bringen ihre ganz eigenen Interessen und Stärken ein und überwinden im Laufe des Buches immer wieder (größere oder kleinere) Ängste, um die Suche nach den verschwundenen Diamanten voranzubringen. Dabei mochte ich es nicht nur, dass sich die drei immer wieder gegenseitig unterstützen, sondern auch, dass sie sich gegenseitig auf Fehler und Irrtümer aufmerksam machten, ohne dass das zu Zerwürfnissen führte.

Insgesamt hat mir „The Missing Diamonds“ deutlich mehr Freude bereitet, als ich das in der ersten Hälfte des Buches erwartet hätte, und so ist inzwischen auch der zweite Band („The Poison Plot“) auf meinem Wunschzettel gelandet. Zum Schluss muss ich noch die wirklich ansprechenden Schwarz-weiß-Illustrationen von Daniela Sosa (von der auch das Cover ist) erwähnen, die sich durch das gesamte Buch ziehen und mir richtig gut gefallen haben, weil sie Zaiba und all die anderen so lebendig und stimmig darstellen. Man bekommt auf den Bildern nicht nur die verschiedenen Schlüsselszenen präsentiert, sondern auch einen ganz wunderbar atmosphärischen Eindruck von dem eleganten Hotel, der ausgelassenen Mehndi-Feier und den verschiedenen Nebenfiguren, so dass die Zeichnungen die erzählte Geschichte wirklich schön ergänzen.

Silvia Moreno-Garcia: Mexican Gothic

Von „Mexican Gothic“ von Silvia Moreno-Garcia hatte ich gehört, als der Titel zur Veröffentlichung angekündigt wurde – ich hatte ihn damals gleich auf die Merkliste gesetzt. Als das eBook Ende Oktober im Angebot war, habe ich zugeschlagen und den Roman dann passenderweise am 31. Oktober angefangen zu lesen. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Noemí Taboada, die als Tochter aus reichem Hause in den 1950er Jahren ihr Leben in Mexiko zwischen Studium und Partys genießt. Unterbrochen wird ihr sorgenfreies Leben von einem Brief ihrer Cousine Catalina, die vor einiger Zeit geheiratet hat und zu ihrem Mann Virgil Doyle in einen kleinen Ort in den Bergen gezogen ist. In ihrem Brief behauptet Catalina, dass Virgil sie vergiften würde und dass sein Familiensitz High Place verflucht sei. Also wird Noemí von ihrer Familie losgeschickt, um herauszufinden, was mit Catalina los ist und ob sie vielleicht – wie Noemís Vater befürchtet – verrückt geworden sei oder ob auf High Place irgendwelche unheimlichen Dinge vorgehen.

Obwohl ich meine Lektüre normalerweise weniger unheimlich mag, habe ich die Atmosphäre in „Mexican Gothic“ sehr genossen und fand es spannend, gemeinsam mit Noemí mehr über die Familie Doyle zu erfahren. Noemí ist eine selbstbewusste und lebensbejahende junge Frau, die zwar nicht gerade diplomatisch vorgeht, aber immer das Beste für ihre Cousine Catalina im Sinn hat. Zu sehen, wie eine Figur wie Noemí in einer so geregelten, freudlosen und düsteren Umgebung wie High Place zurechtkommt, war wirklich unterhaltsam, wobei selbst bei den amüsanteren Szenen immer eine unheimliche und bedrohliche Atmosphäre zu spüren war. Noemí ist sich bis zuletzt nicht sicher, wem sie in diesem Haus trauen kann, vor allem, da sie im Laufe der Zeit – ebenso wie ihre Cousine Catalina – Stimmen zu hören scheint und Dinge sieht, die nicht real sein können. Und bei der Enthüllung der Geheimnisse der Familie Doyle habe ich dann auch den Lovecraft-Vergleich besser nachvollziehen können, mit dem die Geschichte beworben wird, auch wenn ich ihn selbst nicht ganz so naheliegend finde.

Allerding muss ich zugeben, dass ich zwei Probleme mit „Mexican Gothic“ hatte: Zum einen fand ich ein bestimmtes Element von Anfang an etwas zu überpräsent, gerade weil es sich dabei um etwas dreht, das die Ursache für all die Vorgänge in High Place ist. Zum anderen finde ich „körperinvasive“ Elemente in Horrorgeschichten wirklich unerträglich, und das hat mir auch hier beim Lesen zu schaffen gemacht, obwohl Silvia Moreno-Garcia diese Szenen als Traum getarnt oder relativ früh abgebrochen hat, um an einem anderen Punkt der Handlung wieder einzusetzen. Aber genau das sind die Passagen, wegen der ich so selten Horror lese, und dementsprechend konnte ich dieses Buch nur tagsüber lesen, ohne davon unangenehme Träume zu bekommen, und brauchte nebenbei noch einen harmlosen Roman zur Ablenkung. Immerhin kann ich sagen, dass ich die Geschichte trotzdem mochte, und das ist ein großes Kompliment für die Autorin und ihre Art zu erzählen. Wer sich also von solchen Elementen nicht abschrecken lässt, bekommt mit „Mexican Gothic“ eine gut geschriebene und sehr atmosphärische Geschichte, die in einem untergewöhnlichen und reizvollen Setting angesiedelt ist und gekonnt mit Elementen aus verschiedenen Genres spielt.

Magid Magid: The Art of Disruption – A Manifesto for Real Change

Über Magid Magid bin ich gestolpert, als mir ein Zeitungsartikel über ihn in die Timeline gespült wurde, in dem auch dieses Buch erwähnt wurde. Magid Magid war von Mai 2018 bis Mai 2019 Oberbürgermeister von Sheffield (und somit der erste Oberbürgermeister somalischer Abstammung, der erste, der einer grünen Partei angehört, und auch noch der bislang jüngste Oberbürgermeister von Sheffield), und von Juli 2019 bis Januar 2020 war er Mitglied des EU-Parlaments, bis seine Mitgliedschaft durch den Brexit beendet wurde. „The Art of Disruption – A Manifesto for Real Change“ ist ein Aufruf, etwas zu verändern und die aktuellen Entwicklungen in der Politik nicht einfach hinzunehmen. Dabei ist das Buch in zehn Kapitel aufgeteilt, die sich an zehn „Geboten“ orientieren, die Magid Magid während seiner Amtszeit als Oberbürgermeister für einen Plakatentwurf eines örtlichen Musik-Festivals aufgeschrieben hatte.

Diese zehn Gebote lauten: Be Kind, Dont’t Be a Prick, Do Epic Shit, See the Good, Don’t Lose Hope, Do It Differently, Always Buy Your Round, Don’t Kiss a Tory, Tell Ya Ma You Love Her und You’ve Got This! Dabei erklärt Magid Magid erst einmal, was er mit jedem Punkt meint, und erzählt dazu verschiedene Begebenheiten aus seinem Leben, die zeigen sollen, wieso er dieses „Gebot“ für wichtig hält und wie er es auslegt. Vor allem aber geht es dem Autor darum, aufzuzeigen, dass jeder Mensch auch mit kleinen Dingen die Welt ein wenig verändern kann. Ihm ist bewusst, dass nicht jeder für große Politik gemacht ist, auch wenn er sich wünschen würde, dass mehr Menschen in die Politik gehen würden, für die das nicht selbstverständlich ist. Aber er fordert den Leser auf, sich darüber Gedanken zu machen, wie man auf seine Art und Weise seine Umgebung beeinflussen kann. „The Art of Disruption“ wird so zu einer gut zu lesenden Mischung aus Motivationsbuch und Biografie, auch wenn ich zugeben muss, dass ich für mich persönlich wenig Neues bzw. Nützliches daraus ziehen konnte und vor allem den biografischen Anteil spannend fand.

Aber dafür hat mir das Buch in den Tagen vor der diesjährigen US-Präsidentschaftswahl gutgetan, weil Magid Magid in seinen Texten so viel Hoffnung auf Veränderung mitschwingen lässt. Umso spannender war es dann, kurz nach dem Lesen von „The Art of Disruption“ zu sehen, dass viele der kleineren Dinge, die der Autor in seinen Texten erwähnt, wenn er über die Politik in Sheffield schreibt, in den USA dazu geführt haben, dass die Demokraten dank des „grassroot movement“ so viele Stimmen bekommen haben. Aber ich bin auch immer wieder beim Lesen über Passagen gestolpert, bei denen ich dachte, dass mir für so ein Verhalten die Naivität bzw. die Furchtlosigkeit fehlt – zwei Eigenschaften, die Magid Magid bislang erstaunlich weit gebracht haben. Außerdem macht es sich natürlich bemerkbar, dass seine politische Erfahrung auf dem System in Großbritannien basiert, und so habe ich mich immer wieder gefragt, wie bestimmte Elemente wohl in Deutschland gehandhabt werden, oder welche Schritte man wohl gehen müsste, um bestimmte Dinge hierzulande umsetzen zu können.

Insgesamt hat es mir gutgetan, „The Art of Disruption“ zu lesen, und ich fand es spannend, Magid Magid kennenzulernen und mehr über seinen Lebensweg zu erfahren. Außerdem kann ich definitiv sagen, dass er mich dazu gebracht hat, über einige Dinge noch etwas intensiver nachzudenken (und mal wieder etwas zum Thema Regionalpolitik zu recherchieren, denn mir wurde nach dem Lesen des Buches bewusst, dass ich da erstaunlich wenig informiert bin). Auf der anderen Seite gehören viele seiner „so kannst du dich engagieren“-Vorschläge zu den Dingen, die ich schon vor Jahren für mich verworfen habe, so dass ich nicht das Gefühl habe, dass das Buch mich persönlich ein Stück weitergebracht hätte auf der Suche nach einem Weg, etwas zu verändern.

Kalynn Bayron: Cinderella is Dead

Ich muss gestehen, dass „Cinderella is Dead“ von Kalynn Bayron eines der Bücher ist, die ich auf die Merkliste gesetzt habe, weil ich das Cover der Taschenbuch-Ausgabe so toll fand (und grundsätzlich Märchen-Neuerzählungen mag). Die Handlung wird aus Sicht von Sophia erzählt, die – wie jedes Mädchen in ihrem Alter – zum jährlichen Ball des Königs eingeladen wurde. Doch da dieser Ball seine ganz eigene Historie hat, ist dies für Sophia kein Anlass zu Freude, sondern sie ist wütend und sorgt sich um sich und ihre Freundinnen. Denn in dem Königreich, in dem die Geschichte spielt, wird in jedem Jahr von neuem Cinderellas Ballnacht neu aufgeführt, nur dass es nicht darum geht, dass sich ein Mädchen aus dem Volk und ein Prinz ineinander verliebe und miteinander glücklich bis in alle Ewigkeit leben. Hier geht es darum, dass die Mädchen zum Ball gezwungen werden, damit die Männer des Landes sich eine Frau auswählen können. Die Mädchen haben keinerlei Mitspracherecht, und wenn sie bis zu ihrem achtzehnten Lebensjahr keinen Mann gefunden haben, landen sie im Arbeitshaus.

Kalynn Bayron stellt von Anfang an für den Leser klar, dass es nichts Märchenhaftes in diesem Königreich gibt. Die Männer sind es gewohnt, ihre Frauen als Besitz anzusehen, und selbst die Familien, die ihren Töchtern gern den Ball mit all seinen Folgen ersparen würden, werden gezwungen, sich der „Tradition“ anzuschließen, wenn sie nicht das Leben aller Familienmitglieder aufs Spiel setzen wollen. Es gibt kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen durch Hinrichtung verloren hat, und es gibt erschreckend viele Männer, deren Frauen kurz vor dem Ball „Unfälle“ erleiden, damit sie sich an der frischen „Ware“ bedienen können. Für Sophia kommt noch dazu, dass sie sich Sorgen um ihre Freundin Liv macht, die zum dritten und letzten Mal den Ball besuchen muss, obwohl ihre Familie keinerlei Geld mehr hat, um den üblichen Auftritt (Ballkleid, Schmuck usw.) bezahlen zu können. Und dann ist da noch Erin, das Mädchen, das Sophia seit Jahren liebt, und das ebenfalls in diesem Jahr zum ersten Mal am königlichen Ball teilnimmt.

Ich habe in einigen Rezensionen gelesen, dass es Leute gab, für die die Charaktere nicht gründlich genug ausgearbeitet waren, aber für mich hat die Autorin die richtige Balance zwischen Märchenatmosphäre und Charaktergestaltung gefunden. Ich hatte nicht das Gefühl, ich würde etwas vermissen, und mir reichte es, die Protagonistinnen in diesen wenigen Tagen, in denen der Roman spielt, begleiten zu können. Ich glaube sogar, dass ich die leichte Distanz, die mir die märchenhafte Erzählweise erlaubt hat, gebraucht habe, um das Buch so intensiv lesen zu können und mich dabei trotzdem noch gut zu unterhalten. Denn das Königreich, in dem Sophia lebt, ist unglaublich bedrückend. Vor allem sind es die Frauen, die tagtäglich damit leben müssen, dass sie keinerlei Rechte haben, dass für sie ebenso wie für die Kinder eine abendliche Ausgangssperre gilt, dass sie jederzeit – ohne Folgen für den Täter – misshandelt werden können und dass sie keinen Besitz haben, sondern Besitz sind. Aber auch unter den Männern gibt es genügend, denen bewusst ist, dass die Willkür des Königs sie jederzeit treffen kann und dass jeder, der nicht der vom König festgelegten Norm entspricht, seine wahre Natur entweder verbergen muss oder hingerichtet wird.

So ist es kein Wunder, dass Sophia die ganze Zeit hindurch zwischen Angst und Wut schwankt und ihre Reaktionen auf die verschiedenen Bedrohungen vielleicht nicht immer klug und durchdacht sind. Was bei jeder Szene deutlich wird, ist ihre Verzweiflung über den aktuellen Status und ihr ungebrochener Wille, etwas gegen die Tyrannei des Königs zu unternehmen. Besonders schön fand ich dabei, dass Sophia zwar gegen den König und seine „Traditionen“ kämpfen will und in keiner Weise bereit ist, sich zu verstecken oder anzupassen, aber eben auch immer wieder feststellen muss, wie sehr sie durch die Regeln des Königs geprägt ist und wie schwer es ihr fällt, neue Informationen, die der von Klein auf gelernten Cinderella-Geschichte widersprechen, zu verarbeiten. Hübsch fand ich auch Sophias Liebesgeschichte, denn obwohl sie schon als kleines Mädchen wusste, dass sie Mädchen liebt, und das von ihren Eltern toleriert wurde, solange die Öffentlichkeit nichts davon erfuhr, so wird im Laufe des Romans deutlich, wie wichtig es ist, dass man auch öffentlich zu seiner Liebe stehen darf und dass man von jemandem zurückgeliebt wird, der einen so akzeptiert, wie man ist.

Ich habe den gesamten Roman sehr genossen, obwohl die „überraschende Enthüllung“ am Ende der Geschichte für mich sehr vorhersehbar war. Die Autorin hat es mit ihrer Schreibweise nämlich geschafft, dass ich trotzdem bis zum Schluss mit den Figuren gebangt habe, dass ich mir Gedanken um die verschiedenen Personen gemacht habe, die in den letzten Kampf gegen den König involviert waren, und dass ich mit Sophia zusammen um das Leben der schon längst verstorbenen Cinderella getrauert habe. Insgesamt hatte ich viel Spaß beim Lesen von „Cinderella is Dead“ und fand die – wirklich düstere – Interpretation, die Kalynn Bayron für das klassische Aschenputtel-Märchen gefunden hat, ungemein faszinierend. Außerdem war es spannend, all die Details zu entdecken, die zeigen, was alles aus einem Land werden kann, wenn man die verklärten Elemente eines Märchens instrumentalisiert, um Frauen zu unterdrücken. Auch wenn das keine neuen Erkenntnisse sind, so wirkt es doch ganz anders, wenn es innerhalb einer solchen Geschichte noch einmal erzählt wird. Nach „Cinderella is Dead“ bin ich sehr gespannt auf andere Bücher von Kalynn Bayron und schleiche aktuell um ihre Neuinterpretation der Peter-Pan-Geschichte („Hook’s Origin“ und „The Lost Son“) herum.

Karen Abbott: The Ghosts of Eden Park …

… The Bootleg King, the Women Who Pursued Him, and the Murder That Shocked Jazz-Age America

Karen Abbott erzählt mit „The Ghosts of Eden Park“ die Geschichte des Schwarzbrenners George Remus, der als Sohn deutscher Einwanderer während der Prohibition Millionen verdiente, bis es der Staatsanwältin Mable Walker Willebrandt gelang, ihm das Handwerk zu legen. Die damit verbundenen Veränderungen in George Remus‘ Leben führten im Jahr 1927 zu einem Mord im Eden Park in Cincinnati und zu einem der aufsehenerregendsten Prozesse in der Geschichte der USA. Für ihr Buch über George Remus konnte Karen Abbott auf unglaublich viele Originaldokumente wie Prozessprotokolle, Ermittlungsakten, Tagebücher, Zeitungsartikel u. ä. zurückgreifen und so viele Aussagen und Gespräche wortwörtlich zitieren, was die Lektüre dieses Sachbuchs zu einem wirklich spannenden Erlebnis macht. (Auch wenn ich zu Beginn die ganzen Namen und Informationen ziemlich überwältigend fand, die einem hier präsentiert wurden.)

Die Autorin teilt „The Ghosts of Eden Park“ in drei Abschnitten, die die wichtigsten Punkte in George Remus‘ Leben erzählen. So beschreibt der erste Abschnitt George Remus‘ Werdegang vom Apothekerlehrling über seine Tätigkeit als Anwalt bis zu seiner sehr erfolgreichen Karriere als Schwarzbrenner, die dafür sorgte, dass er vor Gericht und im Gefängnis landete. Und da es nicht möglich ist, die Geschichte von George Remus zu erzählen, ohne auf sein Privatleben einzugehen, erfährt der Leser auch viel über die Personen, die in seinem Leben wichtig waren – allen voran seine zweite Frau Imogene. Der mittlere Teil des Buches dreht sich um die Folgen, die Imogenes Bemühungen um eine Scheidung auf George Remus‘ Leben hatten, um Georges Reaktion darauf, dass Imogene ein Verhältnis mit Franklin Dodge (einem ehemaligen Ermittler der Staatsanwaltschaft) hatte, und um den Mord, der am Ende dieses „Dreiecksverhältnisses“ stand. Der letzte und kürzeste Abschnitt konzentriert sich auf den folgenden Mordprozess, der in den USA zu einem vorher so noch nicht gekannten Schauspiel wurde.

Da Karen Abbott – bis sie zu dem Mord selbst kommt – in „The Ghosts of Eden Park“ nicht erwähnt, wer ermordet wird, habe ich diese Information auch aus meiner Rezension rausgehalten, obwohl online natürlich problemlos herauszufinden ist, wer das Opfer war. Aber für mich war das Lesen dieses Sachbuchs gerade deshalb so spannend, weil ich vorher nichts über George Remus und den Mord wusste. Die Geschichte dieses Mannes ist stellenweise so unfassbar, dass ich sie in einem Roman als unglaubwürdig und „zu viel“ abgetan hätte, aber da das Leben von George Remus nun einmal so verlief, fand ich es wirklich faszinierend, seinen Werdegang zu verfolgen. Auch von Mable Walker Willebrandt hatte ich vor diesem Sachbuch nichts gehört, und ich hätte gern noch mehr über diese Frau erfahren, die trotz einiger Umwege in ihrer Ausbildung und ihrer angeborenen Schwerhörigkeit sehr jung zur Staatsanwältin ernannt wurde und dadurch so viel (politischen) Einfluss hatte.

Außerdem gefiel es mir, beim Lesen immer wieder über kleine Informationen zu stolpern, die mir vorher noch nie untergekommen waren. So gab es in den 1920er Jahren keine Richtlinien oder Vorgaben für das Engagieren von Ermittlern der Staatsanwaltschaft, was dazu führte, dass zum Beispiel jemand wie „Steward McMullin“ Prohibitionsagent werden konnte: „A prospective Prohibitions agent could even have a record of his own, as in the case of the pseudonymous „Steward McMullin“, the first agent to kill a bootlegger in the line of duty. When McMullin – who hat been convicted of murder, falsifying checks, and armed robbery – received his agent badge, he was still doing time in New York’s Dannemora State Prison.“ (Seite 35/36) Oder ich bin an Details hängengeblieben, die ich einfach absurd fand, auch wenn sie mir schon länger bekannt waren, wie zum Beispiel die Tatsache, dass eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA einflussreiche Positionen einnehmen konnte (wie die Position einer Staatsanwältin), aber nicht wählen durfte (da das bundesweite Wahlrecht für Frauen erst 1920 eingeführt wurde).

Insgesamt fand ich „The Ghosts of Eden Park“ wirklich spannend zu lesen, und das nicht nur, weil George Remus, Mable Walker Willebrandt und all die anderen erwähnten Personen interessant waren, sondern auch, weil es Karen Abbott gelungen ist, eine Geschichte von illegalen Geschäften, Liebschaften, Mord und Prozessen so zu erzählen, dass mich nicht nur das Wohlergehen der verschiedenen Parteien interessierte, sondern ich für mich auch viele Elemente der amerikanischen Geschichte neu verknüpfen konnte. Ich habe auf überraschend unterhaltsame Weise viel beim Lesen dieses Buches gelernt – und das ist genau das, was ich von einem Sachbuch erwarte.

Rachel Caine: Ink and Bone (The Great Library 1)

Rachel Caines „The Great Library“-Serie basiert auf der Grundidee, dass die Große Bibliothek von Alexandria nie zerstört wurde, sondern im Laufe der Zeit immer mehr Wissen und Macht an sich gerissen hat. Die daraus resultierende Alternativ-Welt, die der Leser in „Ink and Bone“ kennenlernt, ist eine harte Welt für die Menschen, die darin leben. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Jess Brightwell, dessen Familie als Buchschmuggler ein gefährliches und lukratives Geschäft betreibt. Denn der Besitz von Original-Bücher ist von der Bibliothek verboten worden, und wer mit diesen Kostbarkeiten handelt, dem droht die Todesstrafe – unabhängig vom Alter desjenigen, der mit einem solchen illegalen Buch erwischt wird. Jess liebt es zwar, alte Bücher in den Händen zu halten, aber er hasst die Skrupellosigkeit, mit der sein Vater seinem Geschäft nachgeht. So sieht er in dem Plan seines Vaters, dass Jess sich auf eine der seltenen Trainingsstellen der Bibliothek bewerben soll, eine Möglichkeit, dem Geschäft seiner Familie zu entkommen – auch wenn sein Vater damit nur eine neue Quelle für illegale Bücher auftun will.

Doch schnell muss Jess erkennen, dass das Leben innerhalb der Großen Bibliothek nicht weniger gefährlich ist als seine Tätigkeit als „Runner“ für seinen Vater. Nur sechs Anwärter können auf eine der begehrten Stellen in der Bibliothek hoffen, so dass die Rivalität zwischen den – anfangs dreißig – Bewerbern hoch ist. Einige von ihnen haben daher keine Hemmungen, drastische Mittel einzusetzen, um die Konkurrenten auszuschalten. Außerdem entdeckt Jess im Laufe der Zeit, wie skrupellos die Obersten der Bibliothek sind, wie wenig ein Menschenleben in ihren Augen zählt und welche Mittel sie einsetzen, um ihre Macht zu erhalten. Während Jess relativ wenig Probleme damit hat, wenn er sein Leben geben soll, um einzigartige Bücher zu beschützen, so erschüttern ihn doch die (bibliothekspolitischen) Intrigen und Machtspiele, die er während seiner Trainingszeit erleben muss.

Obwohl Rachel Caine „Ink and Bone“ mit einer actionreichen und sehr spannenden Szene beginnt, bei der man Jess als Zehnjährigen begleitet, während er als Runner für seinen Vater unterwegs ist, entwickelt sich die Handlung in dem Roman recht langsam. Es dauert einige Zeit, bis die Autorin einem die Alternativ-Welt, in der ihre Handlung spielt, vorgestellt hat und die verschiedenen Parteien, sowohl die, die gegen die Großen Bibliothek vorgehen, als auch die, die innerhalb dieser Institution agieren, eingeführt hat. Trotzdem sind diese Kapitel in keiner Weise langweilig, weil den gesamten Roman – selbst bei den amüsanten Szenen – so eine bedrohliche Atmosphäre durchzieht. Außerdem muss sich Jess immer wieder in Situationen bewähren, die im besten Fall seine Hoffnung auf eine Anstellung in der Bibliothek oder im schlimmsten Fall sogar sein Leben bedrohen.

Ich fand die Welt, die Rachel Caine für diesen Roman geschaffen hat, mit all ihren Details rund um die Bibliothek, um Politik und Krieg wirklich faszinierend, doch noch mehr haben mich ihre Charaktere überzeugt. Egal, ob mir eine Figur sympathisch war oder nicht, ich hatte das Gefühl, ich könnte ihr Motive verstehen und trotz aller Fehler auch ihre guten Seiten anerkennen (wenn sie denn gute Seiten hatten). Dabei geht die Autorin alles andere als gnädig mit ihren Charakteren um, und die Sterberate in „Ink and Bone“ ist nicht gering. Aber da die Welt, die rund um die Große Bibliothek entstanden ist, so unbarmherzig ist, sind diese Todesfälle innerhalb der Handlung stimmig. Außerdem erwartet einen am Ende dieses Buchs kein wie auch immer geartetes Happy End, allerdings auch kein Cliffhanger – nur die Frage, wie die Zukunft für diejenigen, die nach all den schrecklichen Erlebnissen nun einen Job in der Bibliothek ergattert haben, aussehen wird. Was bedeutet, dass ich den nächsten Band („Paper and Fire“) direkt ganz oben auf den Wunschzettel gepackt habe, weil ich unbedingt herausfinden muss, wie es Jess und seinen Mitstreitern ergehen wird.