Kategorie: Rezension

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!

Da ich immer wieder an den Youtube-Videos von Mai Thi Nguyen-Kim hängenbleibe, habe ich mir vor einigen Wochen ihr Buch „Komisch, alles chemisch! Handys, Kaffee, Emotionen – wie man mit Chemie wirklich alles erklären kann“ vorgemerkt, um zu schauen, ob ich sie in Buchform ebenso informativ und unterhaltsam finde. Vorweg kann ich schon mal eins sagen: Informativ ist das Buch, aber nicht ganz so unterhaltsam wie die Videos – was natürlich auch an den unterschiedlichen Möglichkeiten der verschiedenen Medien liegt und Mais stakkatoartige Sprechweise wirkt für mich besser, als wenn ich einen vergleichbaren Text lese.

Die Autorin hangelt sich in „Komisch, alles chemisch!“ an ihrem persönlichen Tagesablauf entlang, um auf die vielen kleinen und großen alltäglichen Dinge aufmerksam zu machen, bei denen wir mit Chemie zu tun haben, ohne dass es uns in der Regel bewusst ist (oder zumindest ohne dass wir normalerweise darüber nachdenken, welche chemischen Abläufe da gerade passieren). Für mich hätte es diesen persönlichen roten Faden durchs Buch nicht benötigt – vor allem, da der eine oder andere Übergang, ebenso wie einige der Beispiele, doch etwas sehr bemüht wirken. Aber insgesamt sorgt diese „Geschichte“, die die verschiedenen Elemente miteinander verbindet, dafür, dass sich „Komisch, alles chemisch!“ trotz einer Flut von Informationen gut und flüssig lesen lässt (was man ja leider nicht so oft von deutschen Sachbüchern sagen kann).

Ein bisschen habe ich mich beim Lesen gefragt, für wen das Buch eigentlich gedacht ist, weil es – aufgrund der Vielfältigkeit der verschiedenen Beispiele von „Alltagschemie“ – viele Themen nur flüchtig streifen kann. Das hat bei mir angenehmerweise dafür gesorgt, dass ich mir erstaunlich schlau vorkam, weil ich feststellen durfte, dass ich beim Lesen überraschend viel Schulwissen (Chemie war bei mir Abi-Pflichtfach) abrufen konnte, obwohl ich mich damit in den vergangenen Jahrzehnten nicht gezielt beschäftigt habe. Am Ende würde ich sagen, dass „Komisch, alles chemisch!“ eine Art Speed-Dating mit der Chemie ist für Leute, die bislang noch nicht viel mit dem Thema zu tun hatten. Ich kann mir auf jeden Fall vorstellen, dass Mai Thi Nguyen-Kim damit bei dem einen oder anderen Leser, der Chemie bislang abschreckend oder uninteressant fand, Neugier geweckt hat – und das ist schließlich genau das, was sie mit diesem Buch und ihren Videos beabsichtigt.

Erika Fatland: Die Grenze – Eine Reise rund um Russland …

… durch Nordkorea, China, die Mongolei, Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien, die Ukraine, Weißrussland, Litauen, Polen, Lettland, Estland, Finnland, Norwegen sowie die Nordostpassage. Über „Die Grenze“ von Erika Fatland bin ich bei Helma gestolpert, die das Buch erst auf Twitter und später in ihrem Blog so sehr gelobt hatte, dass ich es spontan in der Bibliothek vorgemerkte. Die Autorin beginnt ihren Reisebericht mit der – im Vergleich zu den restlichen Erlebnissen – überraschend entspannten Seefahrt entlang der Nordostpassage, und schon hier hat mich die Erzählweise der Autorin gut unterhalten. Erika Fatland hat ein Händchen dafür, ihre Reiseerlebnisse inkusive diverser Anekdoten zu den verschiedenen Menschen, denen sie während der Reihe begegnet, mit einer gut lesbaren Zusammenfassung der Historie einer Region zu vermischen. So lernt man nicht nur Land und Leute durch die Augen der Autorin kennen, sondern kann die verschiedenen Erlebnisse auch in einen Zusammenhang mit der Geschichte und der aktuellen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation der jeweiligen Region bringen.

Das Buch wurde von Erika Fatland in vier Abschnitte („Das Meer“, „Asien“, „Kaukasus“ und „Europa“) unterteilt, wobei die Autorin den letzten Teil ihrer Reise – die Reise entlang der Nordostpassage – als Einleitung ihres Berichts gewählt hat. Doch egal in welchem Gebiet entlang der russischen Grenze sich der Leser mit Erika Fatland bewegt, immer wird deutlich, wie sehr sich diese Grenze im Laufe der Zeit verschoben hat, wie groß Russlands Einfluss auf die Nachbarländer in den vergangenen Jahrhunderten war und wie wenig sich doch daran in den vergangenen Jahren geändert hat, auch wenn es die UdSSR schon lange nicht mehr gibt. Dabei muss man sich nicht einmal ein so gravierendes Beispiel wie die Ereignisse in den letzten Jahren auf der Krim-Halbinsel vor Augen führen. Auch ohne den Einsatz von Soldaten gibt es in „Die Grenze“ viele Beispiele, wie Russland auch heute noch die Länder auf der anderen Seite der Grenze durch seine wirtschaftliche oder politische Macht beeinflusst.

Ich muss gestehen, dass ich erwartet hatte, dass ich den asiatischen Teil des Reiseberichts am spannendsten finden würde, weil ich in der Region nicht besonders bewandert bin, wenn es um die Geschichte der verschiedenen Länder geht. Aber am Ende gibt es eigentlich kein Kapitel, das ich weniger spannend fand als die anderen. Selbst rund um Nordkorea – wo man einfach eingestehen muss, dass jede Person, die jemals in Pjöngjang gewesen ist, dasselbe zu erzählen hat – gab es in „Die Grenze“ so einiges Neues für mich zu entdecken, weil es der Autorin gelungen ist, in Gebiete außerhalb der Hauptstadt zu fahren und diese Erlebnisse dann in ihrem Bericht geschickt mit den historischen Ereignissen zu verknüpfen. Es war wirklich spannend, die verschiedenen Länder zu entdecken und dabei die ganze Zeit die Frage nach ihrer Verbindung zu Russland im Hinterkopf zu halten. Außerdem hat es mir (obwohl einige Berichte wirklich erschütternd waren) viel Freude gemacht, all die verschiedenen Menschen kennenzulernen, denen Erika Fatland während ihrer Reise begegnet ist und die einen Platz in diesem Buch bekommen haben.

Auch wenn ich nach dem Lesen ein wenig überfordert war mit all den Daten und Fakten über die Geschichte dieser vielen verschiedenen Länder, so gibt es doch viele Details und Personen, die einen bleibenen Eindruck bei mir hinterlassen haben. Schuld daran ist die wirklich flüssige und nachvollziehbare Erzählweise von Erika Fatland, der es gelungen ist, einen persönlichen Blick auf all die Menschen, Städte und Landschaften zu werfen, ohne mir als Leser dabei das Gefühl zu geben, sie würde mir ihre Sicht aufdrängen. Selbst bei den Passagen, in denen deutlich wird, dass sie überfordert und übermüdet war und nicht glücklich mit ihrem aktuellen Aufenthaltsort, gelingt es ihr, nicht nörgelig zu klingen, sondern genügend Abstand zu diesem Punkt der Reise aufzubauen, um deutlich zu machen, dass ein Teil dieses Eindrucks eben aufgrund ihrer Verfassung entstanden sein könnte. Ich bin wirklich begeistert von Erika Fatlands Art, ihre Reiseerlebnisse mit der Geschichte der jeweiligen Region zu verbinden und dem Leser so einen (groben) historischen Überblick und gleichzeitig einen persönlichen Blick auf die vielen Länder entlang der russischen Grenze zu bieten. Und weil ich so angetan von „Die Grenze“ war, habe ich gleich noch „Sowjetistan“ von der Autorin in der Bibliothek vorgemerkt, obwohl ich mich im kommenden Jahr doch eigentlich auf die Sachbücher von meinem SuB konzentrieren wollte.

Ellen Oh und Elsie Chapman (Hrsg.): A Thousand Beginnings and Endings (Anthologie)

„A Thousand Beginnings and Endings“ ist eine Anthologie, die fünfzehn Neuerzählungen von asiatischen Märchen und Legenden beinhaltet, geschrieben von fünfzehn Autorinnen und Autoren unterschiedlicher asiatischer Herkunft. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeberinnen Ellen Oh und Elsie Chapman, dass sie als Kinder Bücher über griechische Mythologie sehr geliebt haben, aber ihnen im Laufe der Zeit auffiel, dass es nichts Vergleichbares für den asiatischen Raum gibt. Wenn asiatische Legenden in Büchern zu finden waren, dann weil sie von nicht-asiatischen Autoren wiedererzählt wurden – und diesen Nacherzählungen fehlte in ihren Augen ein ganz besonderes Element. Jedem einzelnen Beitrag folgt ein Nachwort, in dem die Legende, auf der die Geschichte basiert, vorgestellt wird, und es wird berichtet, welcher Aspekt daraus für die Handlung aufgegriffen wurde.

Roshani Chokshi: Forbitten Fruit
Mit „Forbitten Fruit“ erzählt Roshani Chokshi ihre eigene Version der Geschichte rund um Maria Makiling, die der Schutzgeist des filipinischen Mount Makiling sein soll. Roshani Chokshis Variante der Legenden ist eine bittersüße Liebesgeschichte, in der ein Berg sein Herz an einen Menschen verliert. Ich mochte die Geschichte sehr, – gerade weil ich mir wünschte, dass sie am Ende anders ausgehen würde – allerdings hatte ich nicht das Gefühl, dass sich die Autorin sehr weit vom Original entfernt hätte. Die Handlung ist eigentlich sehr vorhersehbar und der Ton sehr märchenhaft. Letzteres gefällt mir eigentlich, aber es gibt dem Kern der Geschichte keine neuen Impulse.

Alyssa Wong: Olivia’s Table
Die Kurzgeschichte „Olivia’s Table“ von Alyssa Wong hat mir sehr gut gefallen (ich muss mal schauen, was die Autorin noch so geschrieben hat). In der Geschichte wird das chinesische Yu Lan (Hungry Ghost Festival – keine Ahnung, wie das auf Deutsch genannt wird) aufgegriffen, wobei Olivia eine chinesische Amerikanerin ist, die nach dem Tod ihrer Mutter deren Rolle als „Exorzistin“ übernimmt und in einer alten Minenstadt für die Geister ein Festmahl ausrichtet. Während das örtliche Hotel Olivia eher für ein Touristen-Spektakel engagiert hat, geht es ihr darum, die Vorfahren zu ehren und sie auch nach dem Tod noch mit gutem Essen glücklich zu machen. Und wenn das dazu führt, dass sie Ruhe und Frieden finden, dann ist es gut so. Ich mochte die Geschichte sehr, weil es nicht nur schön diese chinesische Tradition beschreibt, sondern auch Olivias eigenen Weg, um mit dem Tod ihrer Mutter fertig zu werden, und ihre Suche nach einen Platz im Leben.

Lori M. Lee: Steel Skin
Lori M. Lee greift in „Steel Skin“ eine Geschichte der Hmong (und zwar „The Woman and the Tiger“) auf und erzählt eine SF-Handlung, in der die fünfzehnjährige Protagonistin Yer vor einem Jahr bei einem Aufstand der Androiden ihre Mutter verloren hat. Ihr Vater ist seitdem nicht mehr derselbe, er ist verschlossen, antriebslos und abweisend, obwohl Yer ihn nun mehr den je benötigt. Richtig unheimlich wird es, als er nach einer Reise zurückkommt und sich noch weniger als zuvor um Yer kümmert, bis in ihr der Verdacht aufkommt, dass die Person, mit der sie zusammenlebt, nicht mehr ihr Vater ist … Ich mochte die Geschichte sehr, sie ist voller Wut und Trauer, Freundschaft und Vertrauen und präsentiert ein wirklich überraschendes und cooles Ende.

Sona Charaipotra: Still Star-Crossed
In „Still Star-Crossed“ hat sich Sona Charaipotra von der Geschichte von „Mirza und Sahiba“ inspirieren lassen und sich gefragt, was wohl passieren würde, wenn diese beiden legendären Figuren heutzutage aufeinanderträfen. Ich muss zugeben, dass ich mir nicht ganz sicher bin, ob mir die Geschichte gefällt. Auf der einen Seite mag ich die Protagonistin Taara, auf der anderen Seite finde ich Nick, der sich sicher ist, dass er Taara (wiederer)kennt, etwas zu übergriffig, zu selbstsicher, zu stalkend. Dann wieder finde ich die Wendung am Ende hübsch, bei der Taaras Mutter Amrita von ihrer ersten Liebe erzählt und davon, was damals passiert ist …

Aliette de Bodard: The Counting of Vermillion Beads
In „The Counting of Vermillion Beads“ greift Aliette de Bodard das Grundthema des vietnamesischen Märchens „Tấm Cám“ (in dem es um die Beziehung zweier Schwestern zueinander geht) auf. Doch statt eine Geschichte voller Eifersucht, Mord und Wiedergeburt zu erzählen, bekommt der Leser hier mit Tam und Cam zwei Schwestern präsentiert, die einander nicht besonders ähnlich sind, aber aneinander hängen, aneinander denken und sich gegenseitig stützen – auch wenn dies auf den ersten Blick nicht so zu sein scheint. Ich mochte die Geschichte, auch wenn ich etwas brauchte, um in die Handlung hineinzufinden (aber so geht es mir eigentlich immer bei Texten von Aliette de Bodard).

E.C. Myers: The Land of the Morning Calm
Oh, ich mochte diese Geschichte wirklich! Der Autor erzählt die Handlung aus der Sicht von Sun Moon, deren Mutter vor fünf Jahren starb und deren Großvater fest davon überzeugt ist, er hätte in den letzten Wochen regelmäßig den Geist seiner verstorbenen Tochter gesehen. Mir gefiel diese Mischung aus Geistergeschichte, Online-Rollenspiel (das in einem historischen Korea spielt, in dem sich die Charaktere in Tiere verwandeln können,) und Trauerbewältigung wirklich gut, auch wenn ein paar Wendungen nicht gerade überraschend kamen.

Aisha Saeed: The Smile
Mit „The Smile“ greift Aisha Saeed die Legende von Anarkali auf, der Geliebten eines Prinzen, deren Lächeln dem König verriet, dass sein Sohn ein Verhältnis mit ihr hat. Hier aber wird die Handlung von Naseem erzählt, die offiziell die Konkubine des Prinzen Kareem ist und der erst im Laufe der Zeit bewusst wird, was es bedeutet, dass sie dem Prinzen gehört. Ich mochte nicht nur Naseems Blick auf ihre Position als Konkubine, sondern auch die Nebencharaktere in der Geschichte sehr.

Preeti Chhibber: Girls Who Twirl and Other Dangers
Preeti Chhibber hat das Hinduistische Fest Navrātri in den Mittelpunkt der Geschichte gestellt und drei Freundinnen, die – wie die Göttin Durgā – für das Gute kämpfen. Nur dass Nirali, Jessica und Jaya bei der Wahl ihres Gegners kein solch gutes Händchen haben wie die Göttin. Ich fand die Geschichte nicht nur sehr unterhaltsam, ich habe es auch genossen von der Freundschaft der drei Mädchen zu lesen und von dem Fest, bei dem eine große indischstämmige Gemeinschaft mit Tanz und Essen zusammen feiert.

Renée Ahdieh: Nothing into All
„Nothing into All“ basiert auf dem koreanischen Märchen „The Goblin Treasure“, das Renée Ahdieh als Kind regelmäßig vorgelesen bekam. So ist es kein Wunder, dass die Geschichte selbst auch sehr märchenhaft von den Geschwistern Charan und Chun erzählt, die sich seit Jahren regelmäßig auf die Suche nach Goblins machen. Dabei dreht sich die Handlung mehr um das Verhältnis zwischen Charan und Chun und darum, wie die Eltern ihre Tochter und ihren Sohn behandeln, als um die Magie der Goblins, was diesem klassischen Märchen von einer Schatzsuche etwas mehr Tiefe verleiht.

Rahul Kanakia: Spear Carrier
Zu „Spear Carrier“ wurde der Autor durch das indische Epos Mahabharata inspiriert, in dem es einen Part gibt, in dem Tausende in einen Kampf ziehen, der zu einem Krieg um die Herrschaft gehört. Von diesen Tausenden überleben nur zwölf die Schlacht, doch statt aus der Sicht der Überlebenden wird diese Kurzgeschichte aus Sicht eines dieser Soldaten erzählt, der von Anfang an weiß, dass er den Kampf nicht überleben wird. Ich muss zugeben, dass ich anfangs mit „Spear Carrier“ nicht so recht warm geworden bin, auch weil ich den Protagonisten nicht gerade sympathisch fand. Erst mit dem angehängten Hinweis des Autors auf das Mahabharata und der Entwicklung, die die Handlung ganz am Ende nimmt, finde ich den Kern der Kurzgeschichte interessant genug, um noch etwas länger darüber nachzudenken.

Melissa de la Cruz: Code of Honor
Für ihre Geschichte greift Melissa de la Cruz die Legenden der philippinischen Aswangs (Vampir-ähnliche Hexen) auf, wobei ihre Protagonistin Aida schon seit langer Zeit nach einem eigenen Ehrenkodex lebt und nun in New York auf der Suche nach Personen ist, mit denen sie sich anfreunden kann. Wirklich einfach ist es nicht, Freundschaften zu schließen, wenn man sich von Blut ernährt und außerordentliche Aggressionsprobleme hat, aber Aida bemüht sich, einen Platz in der Schule zu finden, die sie zu diesem Zweck besucht. Ich fand die Geschichte ganz nett, auch wenn die „überraschende Wende“ am Ende etwas arg vorhersehbar war (selbst dann, wenn man die Blue-Blood-Serie der Autorin nicht kennt, sondern erst nach dem Lesen der Kurzgeschichte beim Recherchieren über die Autorin davon erfährt).

Elsie Chapman: Bullet, Butterfly
„Bullet, Butterfly“ ist eine Neuerzählung der Geschichte „The Butterfly Lovers“, einer chinesischen Romeo-und-Julia-Variante, bei der die beiden Liebenden nicht zueinanderkommen, weil familiäre Verpflichtungen gravierender sind als ihre Gefühle füreinander. Elsie Chapman lässt ihre Geschichte in einer Welt spielen, die von Krieg und Hunger gezeichnet ist und in der das Leben von Teenagern von ihrer Pflicht gegenüber ihrer Familie geprägt ist. Weder der Protagonist Liang noch seine Freundin Zhu haben Einfluss auf ihr Leben, und doch suchen sie nach einem Weg, um beieinander bleiben zu können. Ich muss gestehen, dass ich die Geschichte wirklich gut erzählt und berührend zu lesen fand, aber das (klassische) Ende frustrierte mich.

Shveta Thakrar: Daughter of the Sun
Auch diese Geschichte wurde von dem indische Epos Mahabharata inspiriert, aber statt wie in „Spear Carrier“ von Krieg und Opfern zu handeln, dreht sie sich um zwei Liebende. Dabei war es Shveta Thakrar wichtig aufzugreifen, dass es die Protagonistin ist, die ihren Liebsten rettet und einen Weg finden, damit sie zusammenbleiben können. Ich fand die Geschichte sehr hübsch zu lesen, auch wenn die Mischung aus altmodischen und modernen Elementen in meinen Augen nicht immer ganz rund war.

Cindy Pon: The Crimson Cloak
Mit „The Crimson Cloak“ gibt Cindy Pon einer Figur eine Stimme, die ihrer Meinung nach in keiner der chinesischen Märchenvarianten, die es über „The Cowherd and the Weaver Girl“ gibt, ausreichend zu Wort kommt. In „The Crimson Cloak“ ist es die siebte Tochter der Himmelskönigin, die eines Tages an einem See einen Mann sieht und ihn näher kennenlernen will, während es in den verschiedenen Märchen er ist, der ihr beim Baden ihren Mantel raubt, damit sie ihn heiraten muss. Ich mochte es sehr, dass die Autorin nicht nur eine Figur zu Wort kommen lässt, die (nach Aussage von Cindy Pon) im Märchen weniger zu sagen hat als der magische Ochse des Protagonisten, sondern auch, dass diese Geschichte so glücklich verläuft, wie eine Liebesgeschichte zwischen einer Unsterblichen und einem Menschen nun einmal sein kann.

Julie Kagawa: Eyes like Candlelight
Julie Kagawa erzählt die Geschichte von Takeo, der als Kind einen Fuchs rettete und sich als Mann in eine Kitsune verliebt, und der alles dafür tun würde, um sein Dorf vor der Willkür des Daimyo zu retten. „Eyes like Candlelight“ ist eine bittersüße Geschichte und bildet einen melancholischen Ausklang für die Anthologie, gerade weil die Figuren so liebenswert sind.

 

Insgesamt war ich beim Lesen von „A Thousand Beginnings and Endings“ wirklich fasziniert davon, wie viele verschiedene Ansätze hier gefunden wurden, um klassische asiatische Sagen(elemente) neu oder auch nur erneut zu erzählen. Auch wenn ich häufig die moderneren Varianten bevorzugte, gab es doch so einige märchenhafte Nacherzählungen, die ich sehr genossen habe und die mich sehr berührten.

Kristin Hahn/Sigrid Jacobeit: Brennender Stoff – Jüdische Konfektionäre vom Hausvogteiplatz

Ende letzten Jahres habe ich einiges über die Ausstellung „Brennender Stoff“ mitbekommen, und da ich nicht nach Berlin fahren konnte, um sie mir anzuschauen, habe ich mir das Begleitbuch zur Ausstellung besorgt. Leider habe ich mich dann beim ersten Anlesen etwas über die Einleitung geärgert, so dass es einige Zeit dauerte, bis ich das Buch wieder in die Hand nahm, obwohl ich das Thema grundsätzlich wirklich interessant finde (und mir in diesem Jahr auch von Brundhilde Dähn den Titel „Hausvogteiplatz“ besorgt habe, auf den hier oft verwiesen wird). In „Brennender Stoff“ wird die Entwicklung des Hausvogteiplatzes (bzw. der dort vor dem Zweiten Weltkrieg angesiedelten jüdischen Bekleidungsfirmen) beschrieben.

In dem Kapitel „Mode schaffen – Mode zerstören“ wird zum Beispiel von Marian Vatter erläutert, wie es überhaupt dazu kam, dass sich dank des Emanzipationsedikts von 1812, das Juden in den vier Provinzen Brandenburg, Schlesien, Pommern und Ostpreußen Gewerbefreiheit gewährte, so viele jüdische Schneider in Berlin sammelten, und wie diese im Laufe der folgenden Jahrzehnte durch das Zwischenmeistersystem (bei dem Aufträge an kleine Firmen vergeben werden, die wiederum Heimarbeiterinnen beschäftigen) kostengünstig in größeren Mengen Mode produzieren konnten. Diese effizente Herstellungsweise sorgte – ebenso wie die „Anlehnung“ der Designs an Pariser Modelle – für eine Ausweitung des Berliner Modemarktes ins Ausland, so dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Berlin hergestellte Kleidung in Amerika, England, Holland, Russland, Skandinavien und der Schweiz getragen wurde.

Mit „Heimnäherinnen“ geht Paula Hausmann näher auf die Rolle all der Frauen ein, die die (schlecht bezahlte) Grundlage für das Zwischenmeistersystem bildeten. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Heimarbeiterinnen im Vergleich zu ihren Kolleginnen in den Konfektionswerkstätten deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen hatten. Sie wurden durch keinerlei Gesetz geschützt, wurden nach Stückzahl und nicht nach Arbeitszeit bezahlt, und wenn ihr Zwischenmeister keine Aufträge hatte, gab es auch kein Einkommen für sie. Außerdem mussten sie sich selbst eine teure Nähmaschine anschaffen, um überhaupt Aufträge als Heimnäherin zu bekommen, denn das Nähen mit der Hand war nach ca. 1850 im Vergleich zur Arbeit mit der Maschine weder schnell genug noch präzise genug.

Die folgenden beiden Kapitel („Vergessene Pioniere vom Hausvogteiplatz“ von Lisa Schellig und „Das Warenhaus N. Israel“ von Siggi Meyhöfer) konzentrieren sich auf die jüdischen Modehäuser Hermann Gerson, Valentin Manheimer und Nathan Israel und ihre Entwicklung von der Gründung Anfang des 18. Jahrhunderts an bis zur Auflösung durch die Nationalsozialisten bzw. den weiteren Verlauf der Geschäfte in den Händen nazitreuer neuer Besitzer/Geschäftsführer. Ein bisschen habe ich hier die Verweise auf das Zwischenmeistersystem und die Heimnäherinnen vermisst, während der Schwerpunkt der Autorinnen sehr auf den Erfolgen und Errungenschaften der Familienunternehmen lag (inklusive der für ihre Zeit sehr fortschrittlichen Versorgung der direkten Angestellten mit Versicherungen und Weiterbildungen).

„Berlin wird Modestadt – Förderung der Mode“ (von Melanie Mengay) dreht sich um die Gründung des „Verein Mode-Museum e. V. Berlin“ und weiterer Organisationen, die sich für eine Zusammenarbeit der verschiedenen Modeindustrien, den Austausch untereinander und Veranstaltungen rund um das Thema bemühten. „Mode und Medien – Eine Symbiose“ (erneut von Marian Vatter) hingegen geht auf das Zusammenspiel zwischen den Konfektionshäusern und dem Theater- bzw. Filmmilieu ein, das sich nicht nur darin äußerte, dass ganze Filme von einzelnen Konfektionären ausgestattet wurden, sondern auch darin, dass berühmte Schauspieler.innen für bestimmte Modehäuser warben. Ich muss gestehen, dass mir die Entdeckung, dass es das Theatergenre „Konfektionsposse“ gab, beim Lesen dieses Kapitels große Freude bereitet hat.

In „Mode und Emanzipation“ geht Sarah Gubitz auf den kurzen Aufschwung der Frauenrechte in den 1920er Jahren ein, als ein gestiegenes Angebot an Arbeitsplätzen für Frauen (gerade im städtischen Umfeld) dem weiblichen Teil der Bevölkerung größere Unabhängigkeit ermöglichte. Die in dieser Zeit erkämpften Rechte und Möglichkeiten für Frauen fielen aber wenig später der Politik der Nationalsozialisten zum Opfer – was sich auch bei einem Vergleich der Modeströmungen in diesen Jahrzehnten zeigt. Das Kapitel „Arisierung“ (von Sandra Zangerl) zeigt die Mechanismen auf, die dazu führten, dass innerhalb von gerade mal sechs Jahren die einfluss- und erfolgreichen jüdischen Konfektionäre vom Hausvogteiplatz vertrieben wurden. Dabei geht die Autorin nicht nur auf die geänderte Gesetzgebung, sondern auch auf die Propaganda der Nationalsozialisten und die Rolle, die zum Beispiel das Archiv der IHK dabei spielte, ein. Abschließend wirft das Kapitel „Die Familie Wolff – Enteignung und Rückführung eines jüdischen Besitzes“ (von Vera Braun und Katharina Giertz) noch einen Blick auf den Versuch von Dina Gold, einer Nachfahrin der Familie Wolff, mehr über das Schicksal ihrer Familie während des Zweiten Weltkriegs herauszufinden, während der Text „Der Hausvogteiplatz nach dem Zweiten Weltkrieg“ (von Jonathan Irrgang) die Entwicklung des Hausvogteiplatzes in der DDR und nach der Wiedervereinigung schildert.

Ich finde das Thema (Berliner) Modegeschichte grundsätzlich interessant, muss aber zugeben, dass ich mit dieser Veröffentlichung nicht immer so ganz glücklich war. Dadurch, dass die Texte von unterschiedlichen Autor.innen verfasst wurden, gibt es deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den verschiedenen Kapiteln. Diese zeigen sich nicht nur in der inhaltlichen Aufbereitung der unterschiedlichen Themen, sondern auch in der Sprache und Strukturierung der verschiedenen Beiträge. Besonders bedauerlich fand ich es, dass ich stellenweise über Aussagen gestolpert bin, die mehr von Vorurteilen als von einem aktuellen Wissensstand zum Thema historische Mode zeugten. Was mich aber vor allem geärgert hat, war eine Anmerkung der Herausgeberinnen im Vorwort, in dem darauf verwiesen wurde, dass die Texte „nur“ von Studierenden verfasst wurden (und man deshalb keine zu hohen Ansprüche an die Qualität stellen sollte), während ich mich frage, warum die beiden als Leiterinnen dieses Projekts dann nicht mit den Autor.innen daran gearbeitet haben, dass alle Texte vor ihrer Veröffentlichung inhaltlich und stilistisch ein angemessenes Niveau erreichen.

Jane Harper: Ins Dunkel (Aaron Falk 2)

Nachdem mir „Hitze“ von Jane Harper so gut gefallen hatte, habe ich mir noch vor Beenden des ersten Bandes den zweiten Kriminalroman rund um Aaron Falk in der Bibliothek ausgeliehen. Während im Debütroman der Autorin die alles vernichtende Dürre, die das kleine Städtchen Kiewarra um seine Existenz zu bringen droht, für einen Großteil der Atmosphäre verantwortlich war, liegt in „Im Dunkeln“ der Fokus auf der Unwegsamkeit des Giralang-Massivs. Wie schon im ersten Kriminalroman der Autorin gibt es auch in diesem Roman wieder zwei Fälle – einen aktuellen und einen deutlich älteren – die eine Rolle in der Geschichte spielen. Die aktuellen Ermittlungen drehen sich um eine Frau, die bei einer mehrtägigen Teambuilding-Wanderung, die eine Gruppe von Angestellten und Führungskräften der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BaileyTennants unternahm, verloren ging. Besonders brisant ist dabei für Aaron, dass die vermisste Alice Russell die Kontaktperson für ihn und seine Kollegin Carmen Cooper bei einem umfassenden Geldwäsche-Fall war und kurz davorstand, ihnen brisante Unterlagen zu überreichen.

Der ältere Fall, der immer wieder im Laufe der Handlung erwähnt wird, hat dafür gesorgt, dass der Nationalpark, in dem Alice verschwunden ist, berüchtigt ist für mehrere Morde, die dort vor Jahren stattfanden. Vor zwanzig Jahren wurden die Leichen von drei Frauen in dem dichten Waldgebiet aufgefunden und der für diese Taten verurteilte Wanderarbeiter Martin Kovac leugnete bis zu seinem Tod, dass er für die Morde an diesen Frauen oder das Verschwinden der achtzehnjährigen Sarah Sondenberg, deren Leiche bis heute nicht entdeckt werden konnte, verantwortlich gewesen sei. Die Angst, die die Erinnerungen an die damaligen Taten auch heute noch in der Wandergruppe hervorruft, und die Tatsache, dass die Polizei nichts über den aktuellen Aufenthaltsort des Sohns von Martin Kovac weiß, sorgt dafür, dass man als Leser diesen Teil der Erzählung nie ganz aus den Augen verliert. Außerdem bietet die regelmäßige Erinnerung an Martin und Sam Kovac einen hervorragenden Grund, dass man grundsätzlich jeden männlichen Charakter im passenden Alter erst einmal misstraut.

Wie schon bei „Hitze“ arbeitet Jane Harper auch hier mit Rückblicken, um die Handlung zu erzählen. Doch bekommt man bei „Im Dunkeln“ nicht Ereignisse präsentiert, die vor mehreren Jahren stattfanden, sondern die Erlebnisse der vier Wanderinnen, die in den Tagen vor ihrem Verschwinden mit Alice unterwegs waren. Da man die Erinnerungen jeder einzelnen dieser Frauen teilt, lernt man ihren jeweiligen Charakter sowohl aus der eigenen als auch aus fremder Perspektive ziemlich gut kennen. Auf der anderen Seite verfolgt man, wie Aaron und Carmen versuchen, mehr über die verschiedenen Personen herauszufinden (und trotz des Verschwindens von Alice ihren Geldwäsche-Fall weiter voranzutreiben). Ich mochte es sehr, wie die Autorin all die kleinen Zwistigkeiten in ihre Geschichte einbaute, die sich schnell aufhäufen, wenn sehr unterschiedliche Menschen zwangsweise in einer unangenehmen Situation aufeinander angewiesen sind. Außerdem war es stimmig und sehr atmosphärisch zu lesen, wie diese kleinen Reibereien sich immer weiter steigerten, während es den Frauen nach und nach klar wird, dass sie in großer Gefahr schweben.

So spannend die Handlung war und so sehr mich das Schicksal von Alice beschäftigt hat, so muss ich zugeben, dass ich doch bei diesem Roman etwas mehr Abstand zu den Ereignissen empfand als bei „Hitze“. Das liegt vermutlich daran, dass auch Aaron – trotz aller Sorge, die er sich um Alice macht, – nicht persönlich betroffen ist. Er empfindet Sympathie für einige der beteiligten Frauen, er sorgt sich um seinen Fall und er macht sich Gedanken darüber, was für Folgen all die Ereignisse für einige Personen haben werden, aber insgesamt ist das Ganze auch nur Teil einer Ermittlung für ihn. Das lässt diesen Teil der Reihe rund um Aaron Falk ein kleines bisschen weniger intensiv wirken als den Auftaktband. Trotzdem ist dies ein wirklich sehr gut erzählter Kriminalroman mit realistisch wirkenden Figuren, einer sehr spannenden Handlung und einer wunderbar atmosphärischen Kulisse. Ich habe mich auch von diesem Teil der Aaron-Falk-Bücher wieder sehr gut unterhalten gefühlt und würde gern noch mehr von der Autorin lesen, allerdings scheint Jane Harper nach diesem Roman noch kein weiteres Buch veröffentlicht zu haben.

Caroline Stevermer: A College of Magics

Seit ich die „Cecelia and Kate“-Romane von Patricia C. Wrede und Caroline Stevermer gelesen habe, halte ich die Augen nach weiteren Büchern von Caroline Stevermer auf (Patricia C. Wrede gehört sowieso zu den wenigen Autoren, deren Neuerscheinungen automatisch von mir gekauft werden). „Magic Below Stairs“ von der Autorin hatte mir ebenfalls gut gefallen, aber so richtig wusste ich danach nicht, was ich als nächstes ausprobieren sollte, bis ich vor einigen Tagen über einen Artikel gestolpert bin, in dem die Fortsetzung von „A College of Magic“ empfohlen wurde. Da es mir aber widerstrebt, mit dem zweiten (und angeblich besseren) Teil eine Serie anzufangen, habe ich mir daraufhin „A College of Magic“ als eBook besorgt und gelesen. Der Roman erzählt die Geschichte von Faris Nallaneen, die als Achtzehnjährige in Greenlaw aufgenommen wird. Greenlaw ist mehr als eine normale „Finishing School“, denn dort wird bekannterweise Magie gelehrt, auch wenn in der Welt, in der Faris lebt, eigentlich so gut wie keine Magie vorzukommen scheint.

Caroline Stevermer erzählt in „A College of Magic“ sehr ruhig und unaufgeregt von Faris‘ Entwicklung und den Dingen, die sie in den drei Jahren nach ihrer Ankunft in Greenlaw erlebt. Dabei teilt sich die Handlung in drei Abschnitte, die jeweils unterschiedliche Schwerpunkte (und Handlungsorte) aufweisen. Der erste Teil konzentriert sich darauf, Faris und ihren Hintergrund vorzustellen und eine Basis für die folgenden Ereignisse zu schaffen. Faris ist die Herzogin von Galazon, einem kleinen Herzogtum im Osten eines alternativen Europas, und bis zu ihrem 21. Geburtstag wird das Land von Faris‘ Onkel Brinker regiert. Da Faris ihrem Onkel nicht vertraut und sich sicher ist, dass er Galazon in den Ruin treiben wird, ist sie nicht gerade begeistert von der Aussicht, einige Jahre in Frankreich zur Schule zu gehen und keinerlei Kontakt zu ihrem Herzogtum zu haben. Doch im Laufe der Zeit findet Faris nicht nur einige Freundinnen, sondern lernt auch, das Lernen zu lieben. Spannenderweise wird in Greenlaw aber nicht – wie man bei einem College für Magie eigentlich erwarten sollte – Magie gelehrt, sondern die „Magiestunden“ konzentrieren sich auf Theorien und Philosophien, die es jemanden mit angeborener Magie ermöglichen sollten, die eigenen verborgenen Kräfte zu nutzen.

Der anschließende mittlere Teil der Geschichte erzählt von Faris‘ Reise nach Hause, von all den Entdeckungen und Erlebnissen während des Heimwegs, und zeigt, wie Galazon sich unter der Herrschaft ihres Onkels entwickelt hat. Dieser Abschnitt der Handlung zeigt ein größeres Bild als der vorhergehende Teil, so dass man nicht nur ein Gefühl dafür bekommt, in welcher politischen (und persönlichen) Situation sich Faris befindet, sondern auch dafür, wie weit die Ereignisse in Galazon auch Einfluss auf die Nachbarländer haben, und dafür, dass Faris‘ Stellung in der Welt mehr sein könnte als die eine bloßen Herzogin eines recht unbedeutenden kleinen Landes. Im dritten Abschnitt wiederum muss Faris ihre Ausbildung, die Erfahrungen der letzten Monate und die Fähigkeiten, über die sie potenziell verfügt, nutzen, um sich den Aufgaben zu stellen, die sie (nicht nur in ihrer Rolle als Herzogin) von ihren Vorfahren geerbt hat.

Es gibt vieles, was ich – neben dem wunderschönen Schreibstil von Caroline Stevermer – an „A College of Magic“ mochte. Mir gefiel die Low-Magic-Welt, in der die Geschichte spielt und die an unser Europa zu Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert, und mir gefiel die Darstellung des Collegelebens in Greenlaw. Ich mochte Faris, ihre Freundinnen (allen voran die großartige Jane) und ihre Vertrauten und (von einer ganz speziellen Gegnerin abgesehen) las ich gern von Faris‘ Gegenspielern, die schön vielschichtig angelegt waren. Außerdem zog sich durch den gesamten Roman ein feiner Humor, der immer wieder zu Sätzen oder Szenen führte, die ich gern jemandem vorgelesen hätte, weil ich dabei schmunzeln musste. Besonders geschätzt habe ich auch all die kleinen Details, die stimmig das Leben in einem kleinen und von Landwirtschaft geprägten Land darstellten, wie zum Beispiel die Erwähnung, dass die Steuern immer nach der letzten Ernte des Jahres erhoben wurden. Überhaupt lag Faris‘ Augenmerk – egal, ob es um Nachrichten von Zuhause oder um die vorbeiziehende Landschaft während einer Reise ging – auf der Landwirtschaft, und der Frage, wie die Ernte ausgefallen ist, lag ihr ebenso nah wie die Beobachtung, welche Produkte in welchem Gebiet angebaut werden, oder die selbstverständliche Rücksicht auf die Felder während einer herbstlichen Fuchsjagd.

Ich muss aber auch zugeben, dass dies keines der Bücher war, bei denen mir die Personen besonders am Herzen gelegen hätten. Ich habe gern von Faris und all den anderen gelesen und ich war neugierig darauf, wie ihre Geschichte weiterging, aber ich hatte trotzdem keinerlei Probleme, das Buch aus der Hand zu legen und mich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Zum Teil lag das vermutlich auch daran, dass gerade im ersten Drittel des Romans relativ große Zeitsprünge in der Handlung vorkommen, um die verschiedenen Entwicklungs- und Lernstufen von Faris besser darstellen zu können. „A College of Magic“ war für mich eindeutig ein Buch, das mehr meinen Kopf als meine Emotionen beschäftigt hat (obwohl ich lustigerweise den einen oder anderen Aspekt der Geschichte nachts mit in meine Träume genommen habe, wenn ich vor dem Schlafengehen darin gelesen habe). Insgesamt mochte ich den Roman aber sehr und bin jetzt schon gespannt darauf, was in „A Scholar of Magic“ – das in dem englischen College Greencastle spielt und in dem Faris‘ Freundin Jane wieder vorkommt – für eine Geschichte erzählt wird.

Jane Harper: Hitze (Aaron Falk 1)

In den letzten Monaten bin ich mehrmals bei Neyasha über Bücher gestolpert, die ich interessant fand, so auch „Hitze“ von Jane Harper, das ich in der Onleihe ausleihen konnte. Der Kriminalroman beginnt mit der Beerdigung von Luke Hadler, der erst seine Frau und seinen Sohn und dann sich selbst umgebracht haben soll. Der Polizist Aaron Falk, Lukes Freund aus Kindertagen, kommt zu diesem Anlass zurück in seinen Geburtsort Kiewarra, obwohl er mit dem Ort keine guten Erinnerungen verknüpft. So ist es kein Wunder, dass Aaron eigentlich so schnell wie möglich wieder verschwinden will, doch Lukes Mutter ist sich sicher, dass ihr Sohn niemals seine Familie umgebracht hätte, und auch den örtlichen Polizisten Sergeant Raco beschäftigen rund um Lukes Tod noch einige unbeantwortete Fragen.

Von Anfang an bekommt man als Leser mit, dass für Aaron die Rückkehr nach Kiewarra nicht so einfach ist, da er vor vielen Jahren verdächtigt wurde, seine Freundin Ellie ermordet zu haben. Luke hatte ihm zwar damals für den Nachmittag, an dem Ellie verschwand, ein Alibi gegeben, aber so richtig wollte niemand in der kleinen Stadt glauben, dass der (oder gar beide) Teenager unschuldig an dem Tod der Sechzehnjährigen waren. Je mehr Aaron sich mit dem Tod von Luke beschäftigt, desto mehr Erinnerungen kommen auch an ihre gemeinsame Jugendzeit und natürlich Ellie hoch. Jane Harper lässt sich Zeit beim Erzählen der beiden Handlungsstränge rund um den Mord an Luke und seiner Familie sowie um den Tod von Ellie, der zwar offiziell als Selbstmord zu den Akten gelegt wurde, aber in den Augen der Bewohner von Kiewarra bis heute ungeklärt blieb. Ich mochte diese eher gemächliche Erzählweise der Autorin, weil sie einem so nicht nur die Gelegenheit gab, die verschiedenen Charaktere gut kennenzulernen, sondern damit auch eine ungemein atmosphärische Stimmung für ihre Geschichte kreiert hat.

Das Leben in Kiewarra war noch nie einfach, die Menschen dort leben von der Landwirtschaft und der australische Boden ist weder gnädig zu den Pflanzen noch zu den Nutztieren. Doch in den vergangenen Jahren wurde die Situation in dem kleinen Ort noch angespannter. Zwei Jahre Dürre haben die Felder verdorren und die letzten Wasserreserven verschwinden lassen. Viele Farmen in Kiewarra ringen um ihr Überleben oder mussten sich den extremen Wetterbedingungen geschlagen geben, was natürlich auch Auswirkungen auf alle anderen Geschäfte im Ort hat. Durch Aarons Augen erlebt man als Leser diese Veränderungen hautnah. Er hat schon als Kind gesehen, wie schwierig das Leben von der Landwirtschaft ist und welche Abhängigkeiten sich innerhalb der Nachbarschaft unter solchen Bedinungen entwickeln (und wie unmöglich das Leben an einem solchen Ort wird, wenn die Nachbarn beschließen, dass man in ihren Reihen keinen Platz mehr hat). Doch die Stimmung im heutigen Kiewarra ist noch angespannter, die Verzweiflung und Armut der Menschen an allen Ecken zu spüren, ebenso wie die Gewissheit, dass (im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne) ein Funke genügt, um eine Katastrophe auszulösen.

Obwohl die Stimmung in der Stadt schrecklich ist, fand ich die Geschichte nicht deprimierend. Ich mochte Aaron Falk, der mit all seinen Stärken und Schwächen einen sympathischen und glaubwürdigen Protagonisten abgab, und ich mochte es vor allem, dass er so gut mit dem örtlichen Polizisten Sergeant Raco zusammenarbeitete. Es gab kein Kompetenzgerangel zwischen den beiden – was auch daran lag, dass beide inoffiziell in einem eigentlich schon abgeschlossenen Fall ermittelten -, stattdessen entwickelt sich aus dem gemeinsamen Bedürfnis, die Wahrheit über die entsetzlichen Morde zu erfahren, eine relativ entspannte Freundschaft und ein überraschend belastbares Vertrauensverhältnis. Am Ende werden beide Fälle gelöst, wobei die Hintergründe rund um Ellies Tod schon relativ lange auf der Hand lagen, während mich die Autorin rund um den Tod von Luke und seiner Familie erfolgreich von meinem anfänglichen (richtigen) Verdacht ablenken konnte. Insgesamt bin ich wirklich beeindruckt davon, dass Jane Harper mit ihrem Debütroman eine so überzeugende und faszinierend Kriminalgeschichte geschaffen hat. Mir hat „Hitze“ sogar so gut gefallen, dass ich schon während des Lesens „Ins Dunkel“, den zweiten Band rund um Aaron Falk, in der Onleihe vorgemerkt habe, um ihn dann hoffentlich bald lesen zu können.

Seanan McGuire: Deadlands 3 – Boneyard

Ich muss zugeben, dass ich das Weird-West-RPG „Deadlands“ nicht kannte, bevor ich diesen Roman in die Finger bekam, aber nach dem Lesen kann ich behaupten, dass man die Hintergründe des Games oder der ersten beiden Bände („Ghostwalkers“ von Jonathan Maberry und „Thunder Moon Rising“ von Jeffrey Mariotte) auch nicht benötigt, um diese Geschichte genießen zu können. Erzählt wird die Handlung aus der Sicht von Annie Pearl, die beim Blackstone Familiy Circus – dem sie gemeinsam mit ihrer siebenjährigen Tochter Adeline angehört – für die Pflege der Kuriositäten zuständig ist. Schon früh lernt man, dass Annie in deutlich wohlhabenderen Umständen aufgewachsen ist und dass sie vor Jahren auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit beim Zirkus landete, als verzweifelte Frau mit einem Kleinkind auf der Hüfte und einem noch nicht ausgewachsenem Luchsweibchen auf den Schultern.

Die Geschichte beginnt im Herbst: Der Zirkus benötigt dringend noch einen guten Halt vor dem Winter, um genügend Geld für die kommenden Monate zu verdienen. Die Situation ist so angespannt, dass Jonathan Blackwood beschließt, mit seinem Zirkus nach „The Clearing“ zu reisen – eine kleine Stadt tief in der Wildnis von Oregon, wo die Menschen freundlich und der Profit groß sein sollen. Ihm ist, ebenso wie allen anderen Mitgliedern seines Zirkus, durchaus bewusst, dass eine Gelegenheit, die sich so gut anhört, einen Haken haben muss. Doch um all seine Angestellten (inklusive der diversen Waisenkinder, die ihren Weg zum Zirkus gefunden haben) über den Winter bringen zu können, muss er dieses Riskio eingehen.

Seanan McGuire lässt in „Boneyard“ die Handlung sehr langsam anlaufen, man lernt als Leser den Zirkus und die diversen Personen, die mit ihm verbunden sind, kennen, man erfährt ein wenig über Annies Alltag mit ihren Kuriositäten und welche Gefahren der Umgang mit diesen Wesen mit sich bringt. Mir hat es gut gefallen, wie die Autorin die diversen Charaktere vorstellt und wie sie die aktuelle Situation (und Vergangenheit) der verschiedenen Figuren durch kleine Beschreibungen und Szenen andeutet. Allerdings muss ich zugeben, dass dieses langsame Herantasten an die Geschichte auch dazu geführt hat, dass ich den Roman anfangs auch gut aus der Hand legen und mich mit etwas Anderem beschäftigen konnte. Dabei mochte ich grundsätzlich das Setting mit seinen Western-Steampunk-Horror-Elementen und fühlte mich von der Erzählweise stellenweise an die Jonathan-Healey-und-Frances-Brown-Kurzgeschichten aus Seanan McGuires InCryptid-Serie erinnert.

Als der Zirkus dann in „The Clearing“ ankommt, zieht die Handlung endlich an. Schnell wird klar, dass mit dem Ort wirklich etwas nicht in Ordung ist, und so findet sich Annie bald in einem Kampf um das Überleben ihrer Tochter und all der anderen Personen, die dem Zirkus angehören, wieder. Auch hier zieht das Tempo nicht besonders stark an, aber diese eher gemächliche Erzählweise passt zu dem Grauen, das in den Wäldern rund um „The Clearing“ heimisch ist. Das Warten darauf, dass man endlich die bedrohlichen Kreaturen zu Gesicht bekommt, die zwischen den Bäumen lauern, die Stunden, die sich Annie im Dunkeln durch den Wald bewegt, ohne zu wissen, ob sie Adeline jemals wieder zu Gesicht bekommen wird, die grauenhafte Geschichte, die der allein in einer Hütte in den Wäldern hausende Hal zu erzählen hat – all das sorgt für wunderbar atmosphärische Lesestunden, bei denen man die ganze Zeit darauf wartet, dass die Protagonisten endlich aktiv gegen die Bedrohung angehen können.

Allerdings gab es in „Boneyard“ auch Elemente, die ich nicht ganz so überzeugend fand und bei denen ich vermute, dass es zum Teil daran lag, dass ich mit „Deadlands“ nicht vertraut bin. So fand ich zwar die Beschreibungen von Annies Ehemann und seinem gottlosen Tun angemessen abstoßend, hatte aber das Gefühl, ich könnte seine Rolle in der Welt und die Position, die sein Mentor Dr. Hellstromme einnimmt, nicht richtig einschätzen. Auch hätte ich normalerwiese bei Seanan McGuire eine besser ausgebaute Hintergrundgeschichte zu „The Clearing“ erwartet, denn auch wenn sie durch die Einführung von Hal und seinen Erfahrungsbericht mit dem Ort und seinem Bürgermeister da noch einige Details nachgeliefert hat, so konnte mich das doch nicht ganz überzeugen. Alles in Allem hat mir das Lesen von „Boneyard“ aber sehr viel Spaß gemacht, und wenn ich wieder auf der Suche nach einer relativ ruhig erzählten Horrorgeschichte für einen dunklen und unheimlichen Herbsttag bin, dann werde ich „Boneyard“ gewiss noch einmal aus dem Regal ziehen.

Barbara Achermann: Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda

Auf den Titel „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte von Ruanda“ von Barbara Achermann bin ich bei Neyasha gestoßen, die das Buch während des Herbstlesens erwähnt hatte. In diesem Sachbuch konzentriert sich die Autorin vor allem darauf, Frauen aus Ruanda vorzustellen, wie die über hundertjährige Zula, die nicht nur die Kolonialzeiten miterlebt hat, sondern auch während des Völkermords unzählige Menschen in ihrem Haus versteckt und so deren Leben gerettet hat. Oder die junge Musikerin Teta, die früh beide Eltern verlor und nun neben der Musik verschiedene Geschäftsideen ausprobiert, um über die Runden zu kommen und für Notfälle ein zweites Standbein parat zu haben. Einige der vorgestellten Frauen haben einflussreiche Positionen wie Espérance Nyirasafari, die zum Zeitpunkt des Interviews als Ministerin für „Gender and Family Promotion“ verantwortlich war (und inzwischen Sport- und Kulturministerin ist), doch fast alle von ihnen haben gemeinsam, dass sie nach dem Völkermord ohne Ehemänner oder Väter dastanden, die ihr Leben bestimmten, und deshalb aus eigener Kraft (und im besten Fall mit anderen Frauen zusammen) einen Weg finden musste, um zu (über)leben.

Mithilfe dieser vielen verschiedenen Frauen beschreibt Barbara Achermann ein Land, das in den vergangenen 20 Jahren unglaubliche Fortschritte erzielt hat, auch wenn man nicht verschweigen darf, dass die autoritäre Regierung in Ruanda alles andere als vorbildlich ist, wenn es um das Thema Menschenrechte, um eine eventuelle Opposition und Ähnliches geht. Was natürlich die Frage aufwirft, wie sehr man die Entwicklung Ruandas loben darf, wenn ihre Schattenseiten in der Unterdrückung (und Ermordung) von Oppositionspolitikern und kritischen Journalisten besteht oder wenn all die schönen sauberen Straßen vermutlich nur deshalb so vorbildlich ausschauen, weil jeder Mensch, der dort Anstoß erregen könnte, inhaftiert wurde. Spannend fand ich auch die Passagen, in denen über die Folgen der unübersehbaren Emanzipierung der Frauen auf die Männer geschrieben wurde und wie schwer es für einen Teil von ihnen ist, dass ihre Frauen nun auch Raum in der Berufswelt einnehmen und über mehr Bildung und Selbstbewusstsein verfügen.

Doch vor allem interessierten mich die verschiedenen Personen, die im Rahmen dieses Buches vorgestellt werden, ebenso wie die Folgen, die dieser (kommerzielle) Erfolg der Frauen auf die gesellschaftliche und politische Situation von Ruanda hatte und bis heute hat. Allerdings liegt mir der Stil, in dem Barbara Achermann die verschiedenen Personen vorstellt, nicht, was natürlich mein ganz eigenes Problem ist. Dieser ganz spezielle journalistische Stil soll dafür sorgen, dass der Journalist den Leser auf seine Reise mitnimmt und ihm so das Recherchierte und Erlebte näherbringt. Doch bei mir führt diese Schreibweise immer nur dazu, dass ich das Gefühl habe, ich würde mindestens ebenso viel über die Befindlichkeiten und Abneigungen des Autors/der Autorin erfahren wie über das eigentliche Thema. Am Ende werde ich dann nur ungeduldig mit dem Buch und mit Barbara Achermann, mit ihrer Sicht auf Afrika, mit den Untertönen, die bei ihren Beschreibungen oft mitschwingen, und wünschte mir, dass das Thema, um das es sich doch eigentlich dreht, mehr Raum in der Veröffentlichung bekommen hätte.

Obwohl ich viele der vorgestellten Frauen vorher nicht kannte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, ich hätte so viel Neues über Ruanda erfahren. Dabei muss ich erwähnen, dass ich in den vergangenen Jahren regelmäßig Artikel (zum Großteil aus dem englischsprachigen Raum) gelesen habe, in denen von Unternehmerinnen in Ruanda erzählt wurde und davon, welche Auswirkungen ihr geschäftlicher Erfolg auf das Land hat. Wer aber keinerlei Vorwissen hat, wenn es um dieses Land geht, um die Folgen der Kolonialisierung (durch Deutschland und Belgien), um den Völkermord, der 1994 an den Tutsi begangen wurde, darüber, wie die Rolle der Frau vor gerade mal zwei Jahrzehnten in Ruanda noch ausschaute und wie sehr sich die Frauen in den vergangenen 25 Jahren emanzipiert haben, der ist mit „Frauenwunderland – Die Erfolgsgeschichte Ruandas“ sehr gut bedient. Das Buch bietet einen leicht zu lesenden Einstieg in die Geschichte des Landes, konzentriert sich dann auf all die Frauen, die in den vergangenen Jahren – mithilfe einer autoritären Regierung – zum Motor eines tiefgehenden gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Fortschritts von Ruanda wurden, und lässt auch die Schattenseiten dieser an sich großartigen Entwicklung nicht aus.

Laura Andersen: Das geheime Turmzimmer

Über „Das geheime Turmzimmer“ von Laura Andersen bin ich bei Neyasha gestolpert, die den Roman als „Eine sehr schöne Mischung aus Schauerroman, Krimi, Liebesgeschichte und Familiensaga – und deutlich düsterer als man bei dem lieblichen Cover vermuten würde bezeichnet und mich so neugierig auf die Geschichte gemacht hat. Erzählt wird die Geschichte zum größten Teil aus der Perspektive von Carragh Ryan, einer Bibliothekarin, die die Privatbibliothek der Familie Gallagher katalogisieren soll, bevor die Familie ihr Anwesen Deeprath Castle inklusive der darin befindlichen Bibliothek dem National Trust überschreiben wird. Aber man wirft auch immer wieder durch die Augen von Lord Aidan Gallagher, seiner (inzwischen verstorbenen) Mutter Lily und Inspector Sibéal McKenna sowie vLon ady Jenny Gallagher und Evan Chase, der im Jahr 1880 Jenny geheiratet hatte, einen Blick auf die aktuellen und vergangenen Ereignisse rund um Deeprath.

Ich mochte, dass die Handlung in „Das geheime Turmzimmer“ auf drei Zeitebenen spielt. Auf der einen Seite bekommt man Stück für Stück erzählt, wie sich Jenny und Evan kennengelernt haben und wie damals die Situation in Deeprath war, andererseits lernt man durch Carragh die aktuellen Gallagher-Familienmitglieder kennen und erfährt, wie sehr die Familie durch den gewaltsamen Tod von Lily und ihrem Mann Cillian, der vor zwanzig Jahren passierte, zerrüttet wurde. Und zuletzt gibt es noch Passagen, in denen Lily im Jahr 1992 von ihrer Suche nach einem Familiengeheimnis erzählt. Diese verschiedenen Ebenen und Perspektiven sorgen für eine spannende und sehr unterhaltsame Geschichte, auch weil die vielen Figuren einem schnell ans Herz wachsen und man ihnen (selbst wenn man schon weiß, dass ihr Leben nicht glücklich endete) nur das Beste wünscht. Mir gefielen auch die vielen Schilderungen der Region rund um Deeprath Castle und die Beschreibungen des Gebäudes, das eine wunderbare Kulisse für eine solche Geschichte voller Geheimnisse, Dramen, Geister und Stromausfälle bildet.

Zwei Kritikpunkte habe ich allerdings an der Geschichte, wobei ich den einen der Autorin problemlos verzeihen kann, während mir der andere eine Wendung zu viel brachte. Das Zuviel bezieht sich dabei auf eine Beziehung, die Carragh zu einem der Familienmitglieder hat (und damit meine ich nicht Aidan). Die Handlung hätte sehr gut ohne diese Extra-Entwicklung funktioniert, die keinen Mehrwert für die Geschichte gebracht hat, sondern mir vor allem das Gefühl gab, Laura Andersen hätte damit die Auflösung all der Geheimnisse künstlich verzögert. Was mich zum zweiten Punkt bringt: Das Motiv und die Identität der Person, die für den Tod von Lily und ihrem Mann Cillian verantwortlich war. Beides lässt sich relativ früh erahnen, was ich grundsätzlich nicht schlimm finde, denn in vielen Krimis geht es ja mehr um die Frage, wie der Täter gestellt wird, als um die Frage, wer der Täter überhaupt ist. Ich hätte mir aber schon gewünscht, dass Laura Andersen am Ende die eine oder andere Wendung weniger eingebaut hätte, weil all diese Extraszenen für mich zu Lasten der Spannung gingen. Trotzdem habe ich mich insgesamt mit „Das geheime Turmzimmer“ gut unterhalten gefühlt und hatte Spaß dabei, die vielen verschiedenen Charaktere besser kennenzulernen und mir Gedanken über die Familie Gallagher und ihre Geheimnisse zu machen.