T. Kingfisher: Swordheart

Als Information vorweg kann ich zu „Swordheart“ von T. Kingfisher (Ursula Vernon) sagen, dass die Geschichte in derselben Welt spielt wie die beiden „Clockwork Boys“-Romane der Autorin. Da ich diese Romane nicht gelesen habe, kann ich nicht beurteilen, wie sich „Swordheart“ von diesen unterscheidet. In einer Anmerkung zum Buch sagt Ursula Vernon allerdings, dass „Swordheart“ nicht nur deutlich weniger düster sei, sondern auch in einem anderen Teil des Landes spielen würde. Ich kann außerdem sagen, dass ich nicht das Gefühl hatte, ich würde irgendetwas verpassen, weil ich die „Clockwork Boys“-Geschichten nicht kenne. Was nun „Swordheart“ angeht, so dreht sich die Geschichte um die verwitwete Halla, die von dem gerade verstorbenen Großonkel ihres Mannes ein kleines Vermögen geerbt hat und nun mit der Reaktion der restlichen Verwandtschaft fertig werden muss. Zu Beginn des Romans hat Halla schon drei Tage eingesperrt in ihrem Zimmer verbracht, weil ihre angeheiratete Tanta Malwa Halla zwingen will, Malwas Sohn zu heiraten, damit Haus und Vermögen in der Familie bleiben. Nach diesen drei Tagen ist Halla so weit, dass sie lieber Selbstmord begehen will als in diese Heirat einzuwilligen.

Doch als sie das seit Jahren dekorativ an der Wand hängende Schwert zieht, um es gegen sich selbst zu richten, erscheint der Krieger Sarkis, der vor mehreren hundert Jahren an die Klinge gebunden wurde. Er ist nicht nur unsterblich, sondern auch verpflichtet, der Person zu dienen, in deren Besitz das Schwert ist. So verhindert er erst einmal Hallas Selbstmord und versucht dann, ihre Probleme mit der Verwandtschaft zu lösen. Am Ende eines ereignisreichen Abends müssen die beiden aus dem Haus flüchten und die lange Reise zum Tempel der Ratte auf sich nehmen, in der Hoffnung, dass sie dort von den Priestern (die für die Rechtsprechung in diesem fantastischen Land verantwortlich sind) die notwendige Unterstützung für ihren Fall finden werden. In den folgenden Tagen wandern Halla und Sarkis sehr viel hin und her und lernen sich dabei immer besser kennen. Dass ihre Reise dabei nicht ohne Probleme und Umwege verläuft, muss ich vermutlich nicht noch betonen, und dass sie dabei ungewöhnliche Feinde und Freunde gewinnen, vermutlich auch nicht. Am Ende muss ich zugeben, dass der Roman – trotz einer Länge von über 400 Seiten – gar nicht soooo viel Handlung hat, aber ich habe mich durchgehend wunderbar unterhalten gefühlt.

Ursula Vernon trifft mit ihrer Geschichte und ihren Dialogen genau meinen Humor, und ich habe (obwohl ich wirklich viele amüsante Romane in letzter Zeit gelesen habe) schon lange nicht mehr so viel gelacht und überrascht aufgequietscht beim Lesen. Ich bin mir aber auch durchaus bewusst, dass Halla und ihre unendlichen Fragen wohl nicht jeden Leser so gut unterhalten werden wie mich. Ebenso denke ich, dass wohl nicht jeder die „wissenschaftlichen Forschungen“ rund um Sarkis‘ Verbindung mit dem Schwert oder die Nebenbemerkungen des Ochsen-Führers ebenso lustig finden wird wie ich. Ich mochte aber nicht nur den Humor in „Swordheart“, sondern auch die bittere (und wenig heldenhafte) Hintergrundgeschichte rund um Sarkis, alle vorkommenden Rattenpriester.innen und einfach grundsätzlich das Charakterdesign und den Weltenbau.

Ich vermute mal, dass man in den „Clockwork Boys“-Romanen mehr Details zu der Welt mitbekommt, aber die Passagen, in denen die Religionen erklärt werden oder sehr spezielle geografische Besonderheiten der Region, haben mir gut gefallen. Ebenso gefiel es mir, dass sich Halla und Sarkis Zeit lassen, um einander kennenzulernen und mehr über den anderen zu erfahren, auch wenn die Tatsache, dass sie sich die Hälfte der Zeit auf der Flucht befinden, dieses Kennenlernen nicht einfacher machen. Falls es jetzt noch nicht deutlich geworden ist: Ich habe mich wunderbar beim Lesen amüsiert und den Roman nicht aus der Hand legen können, bis ich ihn mitten in der Nacht ausgelesen hatte. Die Autorin hat im Nachwort angekündigt, dass sie zwei Fortsetzungen plant, die sich um die anderen beiden verzauberten Schwertkrieger drehen werden, die man in „Swordheart“ durch die Erinnerungen von Sarkis kennenlernt, und ich werde den nächsten Teil definitiv vorbestellen, sobald das möglich ist.

Gabrielle Kent: Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle (Alfie Bloom 1)

„Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ von Gabrielle Kent war vor ein paar Wochen ein Zufallsfund (ich muss endlich anfangen, all die Tweets mit eBook-Sonderangeboten zu ignorieren!), und ich habe das Buch in den letzten Tagen sehr genossen. Die Geschichte wird aus der Sicht des elfjährigen Alfie erzählt, der so gar keine Lust auf den Beginn der Sommerferien hat, weil Ferien normalerweise bedeuten, dass er den ganzen Tag allein zu Hause ist, während sein Vater arbeitet. Doch dann erbt Alfie überraschenderweise die alte Burg in dem Ort Hexbridge, was ihm nicht nur die Gelegenheit bietet, mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, sondern auch täglichen Kontakt zu seinem Cousin Robin und seiner Cousine Maddie ermöglicht. Doch so schön das Leben in Hexbridge ist, so gibt es doch so einige (gefährliche!) Geheimnisse rund um die Vergangenheit der Burg, ihren Vorbesitzer und die Personen, die es auf Alfies Talisman abgesehen haben.

Von Anfang an macht Gabrielle Kent für den Leser deutlich, dass es in ihrer Welt eine Spur von Magie und sehr großen Gefahren gibt, und doch ist „Alfie Bloom and the Secrets of Hexbridge Castle“ in erster Linie ein Wohlfühlbuch voller wunderbarer Freundschaften. Ich mochte es, wie die Autorin auf der einen Seite Alfie in einer völlig normalen modernen Umgebung leben lässt und auf der anderen Seite ganz selbstverständlich Magie in die Geschichte einflicht. Dabei entsteht eine Atmosphäre, die ich vor allem mit klassischen fantastischen Kinderbüchern aus Großbritannien verbinde. Alfie, Maggie und Robin verbringen einige Zeit mit der Erkundung der Burg und lernen mehr über ihre Geschichte, während gleichzeitig im Ort immer wieder Kühe, Schafe und sogar eine ältere Nachbarin verschwinden. Und nach den Sommerferien muss Alfie sich dann auch noch an eine neue Schule inklusive der beiden extrem unangenehmen Schulleiterinnen gewöhnen.

All diese gewöhnlichen und ungewöhnlichen Erlebnisse von Alfie sind nicht nur wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen, sondern bieten der Autorin auch wunderbare Gelegenheiten, die Freundschaft sowohl zwischen Alfie, Maddie und Robin als auch zwischen Alfie und seiner früheren Klassenkameradin Amy darzustellen. Auch mochte ich, dass zwar Alfies Vater relativ wenig Zeit für seinen Sohn hat, aber trotzdem deutlich spürbar wird, dass die beiden einander viel bedeuten und eigentlich auch ein gutes Team sind. Überhaupt hat Alfie recht viel Glück mit den Personen (und … äh … ehemaligen Personen *g*), die er so im Laufe der Geschichte kennenlernt, so dass es einfach schön ist, mit ihm Zeit zu verbringen. Ich kann nicht so recht beurteilen, ob die Hindergründe rund um die beiden Schuldirektorinnen (und die noch nicht enthüllten Details zu Alfies Lieblingslehrerin) für die kindliche Zielgruppe (ab zehn Jahre) genauso offensichtlich sind wie für mich, aber mich hat diese Offensichtlichkeit in keiner Weise gestört. Es hat mir einfach nur Spaß gemacht, von Alfies Erbschaft und all den damit verbundenen Abenteuern zu lesen, und ich bin froh, dass auch der zweite Band auf Englisch im Angebot war und deshalb schon auf meinem eReader auf mich wartet.

Oh, und für diejenigen, die nicht auf Englisch lesen, gibt es die drei Alfie-Bloom-Romane auch auf Deutsch mit den Titeln „Das Geheimnis der Drachenburg“, „Jagd nach dem magischen Schlüssel“ und „Duell am Dämonenfelsen“.

Lese-Sonntag im Juni 2020

In den vergangenen zwei (Urlaubs-)Wochen bin ich überraschend viel zum Lesen gekommen, allerdings habe ich dafür alles andere vernachlässigt. Wenn mein Mann ab Dienstag wieder zur Arbeit geht, muss ich mal schauen, dass ich meinen normalen Arbeits- und Haushalts-Rhythmus wiederfinde. Doch der heutige Lese-Sonntag läuft noch unter „Urlaub“ und das bedeutet, dass ich vermutlich einige Zeit mit Spielen („Animal Crossing – New Horizons“ und „Gloomhaven“) verbringen werde. Außerdem lese ich gerade „Poltergeist“ von Kat Richards – das ist die Fortsetzung von „Greywalker“ – und überlege, ob ich eine der drei Anthologien („Apocalyptic“, „Galactic Stew“ und „My Battery Is Low And It Is Getting Dark“) anfange, die ich vor kurzem durch eine Kickstarter-Kampagne bekommen habe. Mal schauen, womit ich in den Tag starte … 🙂

Update 11:30 Uhr (uff, über eine Stunde für die paar Zeilen, weil ich immer unterbrochen wurde und es dann noch Probleme beim Bildhochladen gibt)

Seit dem Aufwachen bin ich etwas in der Wohnung rumgewuselt, habe die nächtliche Timeline aufgelesen und eine gute Stunde „Animal Crossing“ gespielt (und aktuell habe ich meine Insel wieder geöffnet, damit meine Rüben-Spekulanten-Gruppe bei mir Rüben kaufen kann 😉 ). Außerdem habe ich online Handtücher gekauft, da ich beim Durchsortieren in den letzten Tagen gesehen habe, das ich eigentlich nur noch zwei habe, die nicht von jahrzehntelanger Nutzung löchrig und mürbe sind. Wenn es einen dementsprechenden Laden hier im Viertel gäbe, hätte ich vor Ort gekauft, so aber verzichte ich lieber auf ca. zwei Stunden im öffentlichen Nahverkehr und habe dafür online geschaut, ob ich welche finde, die meinen Vorstellungen entsprechen und hoffe, dass ich am Ende mit der Qualität zufrieden sein werde. Auf jeden Fall kann ich nun in den nächsten Wochen die alten Handtücher zu Putzlappen verarbeiten …

So gegen 14 Uhr wollen wir eine Runde „Gloomhaven“ spielen – drückt uns die Daumen, dass der Tinkerer von meinem Mann heute sein Lebensziel erreicht und dann in Rente gehen kann! -, bis es soweit ist, werde ich aber erst einmal zum Buch (und vielleicht sogar Frühstück greifen).

Update 17:00 Uhr

Uff, das war eine anstrengende, aber auch überaus erfolgreiche Gloomhaven-Runde! Bei einem Boss-Gegner mit 48 Lebenspunkten und vier Stellen im Feld, von denen aus bei jeder Runde ein neuer Dämon auftauchte, hatte ich recht wenig Hoffnungen für unser kleines Team. Außerdem durfte ich dieses Mal keine Schätze/Beute mitnehmen, was für eine Schurkin nicht gerade die ideale Voraussetzung für so ein Gebiet ist – vor allem, wenn absehbar ist, dass man viele Gegner besiegt, die natürlich alle bei ihrem Tod Münzen abwerfen. 😉 Aber wir haben uns wirklich gut geschlagen und am Ende hat meine Schurkin alles gegeben, um den Boss mit einem gewaltigen Streich zu überwältigen! Dazu kam noch Zugglück bei den Angriffskarten und somit zog mein letzter Angriff unserem Gegner acht Lebenspunkte ab, was mehr als genug war, um ihn zu besiegen. *g* Der Tinkerer geht nun in Rente und ich werde sehen, wie es sich beim nächsten Mal spielt, wenn meine Schurkin von einem Beast Tyrant begleitet wird. Jetzt drehe ich erst einmal eine Blogrunde und dann lese ich endlich die letzten dreißig Seiten in „Poltergeist“, bevor ich zum Kochen in die Küche wandern muss.

Update 20:30 Uhr

„Poltergeist“ hat mir wirklich gut gefallen, die Geschichte beinhaltete – wie schon in „Greywalker“ relativ wenig Action, aber dafür informative und spannende Passagen rund um das „Grey“ und viele andere Themen wie historische Verbrechen in Seattle. Ich mag den Erzählstil, ich mag die Protagonistin und ich finde es schön, dass ich noch so einige Bände in der Reihe vor mir habe. Während wir darauf warteten, dass das Essen fertig wird, ging es dann erst einmal kurz auf meine Insel, um den zweiten Bastler des Tages zu suchen und auf der Insel von meinem Mann Blumen zu gießen. Das tägliche Gießen ist zwar nicht mehr so wichtig, aber wenn man Blumen züchten will, dann sorgt das Gießen durch Inselfremde dafür, dass mehr Blumen sprießen. 😉

Die nächste Stunde werde ich wohl auch mit „Animal Crossing“ verbringen, da ich noch zwei Spiel-Verabredungen habe. Ich hoffe nur, die überlappen sich nicht, aber eigentlich müsste das klappen! *g* Ansonsten habe ich gerade „The Jumbies“ aus dem Regal geholt, da ich nicht nur die Geschichte noch einmal lesen wollte, bevor ich die beiden Fortsetzungen vom SuB ziehe, sondern auch das Gefühl habe, dass das Wetter in den nächsten Tagen so heiß wird, dass es zur Handlung passt …

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Heutige Mitleserinnen:

Natira
Sayuri

Dorothy Gilman: The Clairvoyant Countess (Madame Karitska 1)

Wer meinen Blog schon länger liest, weiß, wie sehr ich die „Mrs. Pollifax“-Romane von Dorothy Gilman liebe. Doch andere Bücher der Autorin hatte ich bis vor ein paar Tagen nicht gelesen, weil diese lange Zeit nicht auf Deutsch (als ich noch nicht so viel auf Englisch las) bzw. gar nicht mehr zu bekommen waren. Vor zwei Wochen habe ich dann aber das eBook von „The Clairvoyant Countess“ in die Finger bekommen, und da ich immer noch das Bedürfnis nach erholsamer Lektüre habe und die kurzen Geschichten rund um Madame Karitska perfekt waren, um zwischendurch gelesen zu werden, blieb das Buch auch nicht lange ungelesen liegen.

Emily Pollifax und Madame Marina Karitska scheinen auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam zu haben, denn während Mrs. Pollifax anscheinend ihr gesamtes Leben in einem ruhigen Vorort ohne große Aufregung verbracht hat, stammt Madame Karitska nicht nur von verarmten russischen Adeligen ab, die vor der Revolution flohen, sondern hat auch von absoluter Armut bis zu großem Luxus die verschiedensten Lebensumstände erlebt. Doch eins haben beide Figuren gemeinsam: Sie verfügen über eine sehr große Bereitschaft, sich auf andere Menschen einzulassen und das Beste aus einer Situation zu machen. Dazu kommt bei Madame Karitska noch, dass sie eine „übernatürliche“ Fähigkeit hat, die es ihr ermöglicht, mehr über einen Menschen zu erfahren, wenn sie einen Gegenstand in den Händen hält, den diese Person lange Zeit über genutzt hat.

So beginnen die Geschichten rund um diese ungewöhnliche Frau damit, dass sie intensiv von einem ganz bestimmten Gebäude träumt, in dem ein Schild mit der Aufschrift „Madame Karitska, Readings“ im Fenster zu sehen ist. Natürlich mietet sie zum nächstmöglichen Zeitpunkt das dazugehörige Apartment und beginnt eine Karriere als eine Art Hellseherin, die langfristig sogar die Polizei (genauer gesagt Lt. Pruden) bei aktuellen Fällen berät. So bekommt man als Leser mit „The Clairvoyant Countess“ lose zusammenhängende Kurzgeschichten mit eher gemütlichen Kriminalfällen präsentiert, bei denen manchmal nur ein Hinweis auf vorhergehende Ereignisse einen Zusammenhang herstellt, während bei anderen Geschichten frühere Vorkommnisse noch einmal aufgegriffen und weitererzählt werden.

Ich mochte, dass ich bei dem Krimianteil mitraten konnte und dass mir der Großteil der Personen beim Lesen so sympathisch war. Gerade Madame Karitskas Sicht auf andere Menschen und die Welt an sich fand ich sehr angenehm, während Lt. Pruden anfangs wunderbar skeptisch mit der Hellseherin und ihren Fähigkeiten umging, aber als gewissenhafter Polizist nun einmal jedem Hinweise nachgehen musste. Wie auch bei den „Mrs. Pollifax“-Romanen zieht sich ein feiner Humor durch „The Clairvoyant Countess“, den ich sehr genossen habe. Wobei ich auch anmerken muss, dass weder die Art und Weise, in der die Figuren angelegt sind, noch die Länge der jeweiligen Geschichten dazu geeignet sind, besonders intensive oder tiefgehende Handlungen zu erzählen. Dafür bekommt man authentische 70er-Jahre-Atmosphäre, keine Liebesgeschichte (was ich wirklich angenehm fand!) und eine fantastische Protagonistin geboten – alles zusammen ist einfach perfekt, wenn man einfach nur kleine Auszeiten nehmen und sich erholen möchte!

Was schön war (5): Urlaub und japanisches Filmfestival (2)

Es ist schon Juni, und bislang habe ich in diesem Jahr nicht mal einen „Was schön war“-Beitrag pro Monat auf die Reihe bekommen, weshalb ihr jetzt mit zwei Posts am Stück leben müsst … 😉

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Nachdem wir an den ersten drei Tagen schon sechs Filme geschaut hatten, ging es am Freitag weiter mit „Ainu – Indigenous People Of Japan“ und dem Film „Dancing Mary“. Dass die japanische Gesellschaft nicht sehr gut mit indigenen Bevölkerungsgruppen umgeht, sollte inzwischen allgemein bekannt sein, und so ist es nicht verwunderlich, dass die japanische Regierung – als sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ernsthafte Besiedlungsbestrebungen auf Hokkaido verfolgte – dafür sorgte, dass die Traditionen, die Religion und die Sprache der Ainu ausstarben. Um das wenige noch erhaltene (und wiederentdeckte) Wissen der Ainu zu erzählen, hat Naomi Mizoguchi gut ein Jahr lang vier ältere Ainu (alle waren Anfang bis Mitte 80) begleitet. Alle vier haben in den vergangenen vierzig Jahren große Bemühungen auf sich genommen, um ihre ursprüngliche Sprache, die sie zum Teil noch in Gesprächen mit ihren Großeltern gehört hatten, neu zu erlernen und die traditionellen und religiösen Elemente, an die sie sich noch erinnern konnten, an nachfolgende Generationen weiterzugeben. Auch wenn die Geschichte, die diese vier Ainu zu erzählen hatten, nicht neu ist, wenn man sich schon mal damit auseinandergesetzt hat, wie indigene Volksgruppen in den vergangenen Jahrhunderten weltweit die eigene Identität genommen wurde und welchem Rassismus sie ausgesetzt waren, so fand ich die Dokumentation doch sehr berührend. Und die Szenen am Ende, in denen man eine recht große Zahl jüngerer Personen sah, die sich anscheinend für die Kultur der Ainu interessierten, machen Hoffnung für die Zukunft.

Unser Abendfilm „Dancing Mary“ hingegen hat mich etwas ratlos hinterlassen. Irgendwie fand ich den Film weder gut noch schlecht und insgesamt etwas belehrender, als mir lieb war. Der Regisseur Sabu (Hiroyuki Tanaka) ist dafür bekannt, dass er in seinen Geschichten ganz durchschnittliche Charaktere extremen Situationen aussetzt und dabei eine Mischung aus Komik und Melancholie verwendet. In „Dancing Mary“ ist der einfache Stadtverwaltungsbeamte Kenji dafür verantwortlich, dass ein altes Gebäude abgerissen werden soll, in dem der Geist der Tänzerin Mary sein Unwesen treibt. Unterstützt von einer Schülerin, die Geister sehen kann, versucht Kenji, Mary mit ihrem langvermissten Freund wieder zu vereinen. Doch so einfach ist es nicht, einen vor Jahrzehnten verschwundenen erfolglosen Musiker aufzutreiben, wenn die einzigen Hinweise von Geistern kommen können. Dazu kommt noch, dass in der Zwischenzeit Kenjis Vorgesetzte die Yakuza mit ins Spiel gebracht haben, um endlich den Abriss über die Bühne bringen zu können. Es gab immer wieder absurde und amüsante Momente in dem Film, während es gleichzeitig in den eher melancholischen Szenen auch sehr viele „ermahnende“ Elemente gab, die mir ehrlich gesagt einfach zu viel waren. Außerdem bin ich im Nachhinein regelrecht verärgert, weil Mary zwar der Aufhänger der Geschichte war, aber am Ende die Figur war, deren Charakter am wenigsten ausgebaut war. Alles in allem war „Dancing Mary“ ein netter, aber nicht gerade erinnungswürdiger Film.

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Da die Inhaltsbeschreibung des Anime „Yoyo und Nene – Die Magischen Schwestern“ nach netter und fluffiger Unterhaltung klang, dachte ich, dass das der richtige Start in den Samstag sei, bevor wir später am Tag den Film „Mrs. Noisy“ schauen würden. Irgendwie nett und fluffig war die Geschichte auch: Es geht um die Hexe Yoyo aus dem „Königreich der Zauberer“, die durch eine Art Unfall im aktuellen Tokyo landet und nun herausfinden muss, wer mit seinem Fluch die magische und die menschliche Welt durcheinanderbringt. Aber so richtig glücklich war ich mit dem Anime nicht – was vermutlich auch daran lag, dass ich selten mit deutschen Synchronisationen zufrieden bin, mir wäre japanischer Ton mit Untertiteln lieber gewesen. Außerdem gab es heftige Widersprüche und Logiklücken in der Handlung, und wenn es nicht so viele und so große gewesen wären, hätte ich da vermutlich drüber hinweggucken können, aber so muss ich sagen, dass ich mir von dem Film mehr versprochen hatte.

„Mrs. Noisy“ erzählt die Geschichte der Autorin Maki, die nicht nur keine Ideen für eine nächste Veröffentlichung hat, sondern sich auch damit rumschlagen muss, dass ihre neue Nachbarin zu den unmöglichsten Zeiten ihre Futons ausklopft und so ständig Lärm produziert. Als Maki dann ihre Erlebnisse mit der Nachbarin als Kurzgeschichte veröffentlicht, werden diese nicht nur so populär, dass daraus eine ganze Reihe wird, sondern die Öffentlichkeit findet auch heraus, welches Vorbild hinter dem Charakter „Mrs. Noisy“ steckt. So ungefähr klang die Inhaltsangabe auf der Nippon-Connection-Seite, wobei ich das Gefühl hatte, dass dort die tragisch-KOMISCHE Seite des Films sehr betont würde – nur habe ich keine Komik in der Handlung gefunden. Ich war von Anfang an regelrecht wütend auf die Protagonistin Maki, fand die Passagen, die aus Sicht von Mrs. Noisy erzählt wurden, vorhersehbar und das Ende so viel harmonischer, als die tragische Geschichte es verdient hätte. Ich kann die Aussage, die die Regisseurin mit dem Film dem Zuschauer mitgeben wollte, würdigen, aber die Umsetzung hat für mich so nicht gestimmt.

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Sonntag war offiziell der letzte Tag des Filmfestivals, und für uns standen der Anime „Her Blue Sky“ und der Film „Me and My Brother’s Mistress“ an. „Her Blue Sky“ dreht sich um die siebzehnjährige Aoi, die wild entschlossen ist, nach ihrem Schulabschluss ihren kleinen Heimatort in den Bergen zu verlassen und in Tokyo als Musikerin Erfolg zu suchen. Sie will auf gar keinen Fall so enden wie ihre Schwester Akane, die sie in den dreizehn Jahren, die seit dem Tod der Eltern vergangen sind, aufgezogen hat. Vor allem, da Akane damals für Aoi ihren Wunsch begraben hat, gemeinsam mit ihrem Freund – dem Musiker Shinnosuke – nach Tokyo zu gehen. In diesem Sommer aber kehrt nicht nur Shinnosuke für ein Musikfest zurück, sondern Aoi begegnet auch einer jüngeren „Geist“-Version des Musikers und verliebt sich in ihn. „Her Blue Sky“ ist kein großes Kunstwerk, aber ich mochte die recht leise erzählte Geschichte rund um die beiden Schwestern Aoi und Akane. Mir gefiel, wie Akanes Seite der Handlung nur durch kleinen Szenen und Erinnungen, die Aoi mit ihrer Schwester verbindet, erzählt wurde, und ich habe Aoi gern beim „Erwachsenwerden“ verfolgt.

„Me and My Brother’s Mistress“ wird aus der Sicht des Teenagermädchens Yoko erzählt. Seit dem Tod ihrer Eltern sind sie und ihr älterer Bruder Kenji sich sehr nah. Umso erschütterter ist Yoko, als sie herausfindet, dass Kenji ein Verhältnis mit Misa hat, obwohl er mit Kaho verlobt ist und diese bald heiraten wird. Anfangs will Yoko Misa dazu bringen, dass sie sich von Kenji trennt, doch dann kommt sie zu der Überzeugung, dass diese eigentlich viel besser zu ihrem Bruder passen würde als die langweilig wirkende Kaho. Ich mochte diese Geschichte über die drei Frauen rund um Kenji sehr. Die Regisseure Takashi Haga und Sho Suzuki lassen in ihrem Film sehr viel unausgesprochen und bieten so dem Zuschauer die Möglichkeit, das Gesehene selbst zu interpretieren, ohne mir das Gefühl zu geben, dass in der Handlung etwas fehlen würde. Die Darstellerinnen fand ich wirklich gut gewählt und ich mochte den feinen Humor in der Geschichte (und die Freundschaft zwischen Yoko und ihrer chinesischen Klassenkameradin, mit der sie sich regelmäßig berät). Ohne die jeweiligen Punkte direkt anzusprechen, greift „Me and My Brother’s Mistress“ viele verschiedene Themen auf und überlässt es dem Zuschauer, seine Schlüsse daraus zu ziehen.

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Am Montag haben wir dann – dank der Tatsache, dass die bezahlten Filme 24 Stunden lang zur Verfügung stehen, – doch noch eine Dokumentation geschaut. „An Ant Strikes Back“ erzählt die Geschichte eines Mannes, der für eine der größten Umzugsfirmen Japans arbeitete und jahrelang (auch mit Hilfe einer Gewerkschaft) für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen kämpfte. Dass eine gewisse Ergebenheit gegenüber der Firma in Japan erwartete wird, dürfte genauso allgemein bekannt sein wie der Brauch, dass Arbeitgeber vor ihren Vorgesetzten vor Ort sein und erst nach ihnen den Arbeitsplatz verlassen sollten, wenn sie nicht als faul gelten wollen. Dies finde ich (ebenso wie viele andere Traditionen, die die Verbundenheit des Angestellten mit seinem Arbeitgeber beweisen sollen) schon oft genug seltsam. Wenn man dann aber zu Beginn von „An Ant Strikes Back“ erfährt, wie Arbeitsbedingungen, Bezahlung, Überstunden und Zahlungen bei Beschädigungen an Fahrzeugen und Arbeitsmaterialien bei dieser Umzugsfirma geregelt wurden, dann scheint es unfassbar zu sein, dass diese Firma überhaupt noch Menschen findet, die für sie arbeiten. Und doch wird in der Dokumentation überzeugend dargestellt, wie sehr die Angestellten von ihren Vorgesetzten und der Firmenpolitik beeinflusst werden (die Ehefrau des Angestellten bezeichnete es an einem Punkt des Films als „Gehirnwäsche“) und wie groß die Not sein muss, um überhaupt in Erwägung zu ziehen, die Hilfe einer unabhängigen Gewerkschaft in Betracht zu ziehen.

Der Regisseur Tokachi Tsuchiya erzählt selbst in seinem Film, dass seine Motivation der Selbstmord eines engen Freundes war, der nicht mehr mit den Bedingungen an seinem Arbeitsplatz leben konnte. Und wenn man mehr Details über die Arbeitsbedingungen in dieser Umzugsfirma erfährt, von dem Rassismus dort hört und den Schikanen, denen der Angestellte ausgesetzt wurde, weil er es gewagt hat, sich an die Gewerkschaft zu wenden und für bessere Bedingungen zu kämpfen, dann scheint es nicht mehr so verwunderlich, dass es in Japan den Begriff „karoshi“ für den Tod aufgrund von Überarbeitung gibt. Umso bewundernswerter ist es, dass dieser eine Angestellten trotz allem seinen Kampf um humanere Arbeitsbedingungen jahrelang durchgehalten hat. Insgesamt fand ich viele der beschriebenen Details wirklich erschütternd und kann nur hoffen, dass sich die japanische Gesetzgebung endlich mal des Problems annimmt und mit strikteren Regeln dafür sorgt, dass Arbeitgeber ihre Angestellten nicht länger so menschenverachtend behandeln dürfen.

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Ich muss schon zugeben, dass ich in diesem Jahr die Festival-Atmosphäre, das gemeinsame Erleben eines Films in einem Kinosaal und all die kleinen Extras rund um die Nippon Connection vermisst haben. Auf der anderen Seite fand ich es schön, dass wir so viel Zeit (und Geld) gespart haben, weil wir nicht mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln quer durch die Stadt fahren mussten, und dass wir uns frei überlegen konnten, wann wir welchen Film schauen wollten. Wir hätten in einem „normalen“ Jahr beim japanischen Filmfest bestimmt nicht so entspannt so viele Filme geschaut, weil Terminüberschneidungen bei den Filmvorführungen, die schlechte Luft (und Hitze) in den Kinosälen und eben die Fahrzeit einfach dazu führen, dass wir uns gut überlegen müssen, wie viel wir pro Tag auf die Reihe bekommen und welcher Film als erstes wegfallen muss, weil ein anderer – uns wichtigerer – Film zeitgleich in einem anderen Kino läuft. Nach diesem Jahr hoffe ich sehr, dass die Nippon Connection für die kommenden Festivals das Online-Angebot nicht komplett wieder streichen wird, sondern es parallel zum Vor-Ort-Programm anbietet. Eine Mischung aus der Festival-Atmosphäre vor Ort und dem entspannten Nachholen von Filmen, die man nicht während der Kinoaufführung sehen konnte, fände ich wirklich großartig!

Was schön war (4): Urlaub und japanisches Filmfestival (1)

In diesem Jahr ist ja alles ein bisschen anders, und so gibt es das japanische Filmfestival „Nippon Connection“ nicht nur im Juni (9. bis 14.) statt im Mai, sondern auch ausschließlich online. Mein Mann hatte schon im Januar seine zwei Wochen Urlaub beantragt und da nun die ganzen Fahrzeiten wegfielen und wir pro Film nur einmal den „Eintrittspreis“ bezahlen mussten, haben wir uns zwei Filme pro Tag vorgenommen. Das ist jetzt nicht soooo viel, aber so konnten wir sicher sein, dass wir uns auch am Ende der Woche noch an alle Filme und die dazugehörigen Details erinnern. 😉

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Los ging die Nippon Connection für uns am Dienstag mit der Dokumentation „Book-Paper-Scissors“ und dem Film „The Journalist“ los. „Book-Paper-Scissors“ wurde von der Regisseurin Nanako Hirose gedreht und porträtiert Nobuyoshi Kikuchi, der sich in den vergangenen 50 Jahre auf die Gestaltung von Buchcovern spezialisiert hat. Der Künstler ist in Japan nicht nur wegen seiner Coverdesigns bekannt, sondern auch für seine Essays, die sich um die Themen Antiquitäten, Kunst, Essen und allgemein das Leben drehen. Auch wenn ich das Gefühl habe, dass ich einige Details nicht angemessen würdigen konnte, weil ich mit den japanischen Schriftzeichen – die natürlich einen großen Raum bei der Gestaltung von Buchcovern einnehmen – nicht vertraut genug bin, fand ich es sehr spannend, mehr über Nobuyoshi Kikuchi zu erfahren. Der Künstler arbeitet noch (vermeintlich altmodisch) mit Schere und Kleber statt mit einem Bildbearbeitungsprogramm, und ihm bei der Arbeit zuzusehen gab mir das Gefühl, dass ihm dies einen anderen Zugang zu seinen Entwürfen gibt als jemandem, der vollständig auf moderne Techniken setzt und so bei der Arbeit kein haptisches Element miteinbeziehen kann. Neben diesen kleinen Einblicken in seine Arbeitsweise und seine Herangehensweise an ein neues Design zeigt der Film auch, dass auch die Buchindustrie in Japan gerade an einem Scheidepunkt steht und es nicht sicher ist, dass diese liebevoll gearbeiteten und künstlerisch wertvollen Bücher eine langfristige Zukunft haben werden. Alles in Allem war „Book-Paper-Scissors“ eine eher ruhig erzählte und faszinierende Dokumentation über einen Mann und seinen ganz speziellen Kunstbereich, und ich habe diesen Film als meinen persönlichen Start in die Nippon Connection sehr genossen.

Nach einem abendlichen Handwerkerbesuch (der später als erwartet, aber dafür fast genauso fruchtlos wie erwartet war 😉 ) ging es dann weiter mit „The Journalist“, auf den wir uns wegen des Themas und der Tatsache, dass er auf einem Buch (bzw. einer Doku) basiert, sehr gefreut hatten. Der Film dreht sich um die Journalistin Yoshioka und den Beamten Sugihara, die beide aus unterschiedlichen Gründen auf einen Skandal aufmerksam werden, der bis in höchste Regierungskreise reicht. Je weiter ihre Recherchen gehen, desto größer werden die Bedrohungen, die man ihnen entgegenstellt. Wie gesagt, wir hatten uns sehr auf den Film gefreut, weil wir grundsätzlich „Journalisten decken Verschwörungen auf“-Filme mögen und das Thema in Japan noch einmal eine ganz andere Sache ist, wenn man die Gesellschaft und das Verhältnis zwischen Beamten und ihren Vorgesetzten sowie Politikern und Medienschaffenden in Betracht zieht, aber so richtig konnte der Film bei uns nicht zünden. Die Handlung wurde etwas zu langatmig erzählt, die Kameraführung konnte uns auch nicht überzeugen und das Ende war sehr offen … Nach dem Gucken von „The Journalist“ hatten wir auf jeden Fall das Gefühl, dass die Dokumentation, die wir uns für den Mittwochvormittag vorgenommen hatten, definitiv nur besser sein konnte.

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Für den zweiten Tag der Nippon Connection hatten wir uns „i – Documentary Of The Journalist“ und den Anime „Miss Hokusai“ (den wir im vergangenen Jahr wegen Terminüberschneidungen nicht sehen konnten) vorgenommen. „i – Documentary Of The Journalist“ war nicht nur im Vergleich zum Film „The Journalist“ deutlich besser, sondern auch für sich genommen sehr spannend. Der Dokumentarfilmer Tatsuya Mori hat für diesen Film mehrere Monate lang die Journalistin Isoko Mochizuki bei ihrer Arbeit begleitet und damit nicht nur das zweifelhafte Verhalten diverser Politiker der Abe-Regierung entlarvend dargestellt, sondern auch aufgezeigt, wie sehr Journalisten – speziell die recht hartnäckige Mochizuki –  bei ihrer Arbeit von Regierungsseite behindert werden. Der Film ist fast zwei Stunden lang und selten zuvor hatte ich das Gefühl, dass die Zeit beim Sehen einer Dokumentation so schnell verflogen ist, weil es ständig neue Informationen zu verarbeiten und Situationen einzuordnen galt. Das war wirklich interessant und ich würde „i – Documentary Of The Journalist“ definitiv weiterempfehlen – auch deshalb, weil ich in den Tagen, die seit dem Anschauen vergangen sind, immer wieder an den Film denken musste.

„Miss Hokusai“ sollte uns dann am Nachmittag (vor dem nächsten Handwerkerbesuch) etwas Entspannung bringen. Der Anime dreht sich um Ōi Katsushika, die Tochter des Malers Hokusai, die selbst eine hervorragende Künstlerin war und doch ihr Leben lang im Schatten ihres Vaters stand. Der Film erzählt kleine unterhaltsame Episoden und zeigt so eine energische junge Frau, die noch auf der Suche nach ihren Weg als Künstlerin ist. Dabei fand ich es hübsch, dass im Anime immer wieder berühmte Gemälde der beiden Künstler aufgegriffen wurden (wie „Die große Welle vor Kanagawa“ von Hokusai), und fand es interessant, immer wieder Details zum alltäglichen Leben in Japan zu Beginn des 19. Jahrhundert entdecken zu können. Ich mochte „Miss Hokusai“ sehr, aber ich muss auch zugeben, dass mir der Film wohl nicht lange in Erinnerung bleiben wird. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich einige Anspielungen und Aussagen nur deshalb zuordnen konnte, weil ich vorher die (englischen) Wikipedia-Einträge zu Ōi Katsushika und Hokusai gelesen hatte.

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Was am Donnerstagmorgen schön war? Dass der Strom in der Küche nicht über Nacht wieder asugefallen ist! 😉 Ansonsten sind wir mittags mit der Dokumentation „Prison Circle“ in unseren Filmfestival-Tag gestartet, um dann am Abend noch den Film „Extro“ zu schauen. Für „Prison Circle“ hat die Filmemacherin Kaori Sakagami zwei Jahre lang vier Gefangene im Shimane Asahi Rehabilitation Program Center begleitet. Das 2008 gebaute Gefängnis ist eine ungewöhnliche Einrichtung für japanische Verhältnisse, da dort das sogenannte TC-Programm (Therapeutic Circle) angeboten wird. 40 Gefangenen (von über 40.000 in japanischen Gefängnissen einsitzenden Personen) bekommen dort die Möglichkeit, über Gruppentherapie ihre Vergangenheit aufzuarbeiten und Wege zu finden, um in Zukunft aus schädlichen Verhaltensmustern auszubrechen und nicht wieder auf die schiefe Bahn zu geraten. Obwohl dieses Konzept schon seit vielen Jahrzehnten in anderen Ländern üblich ist, ist es für Japan eine recht revolutionäre Idee, die erst 2006 eingeführt wurde. Dabei haben die vergangenen Jahre gezeigt, dass die Gefangenen, die das TC-Programm durchlaufen haben, eine um mehr als 50% geringere Chance haben, rückfällig zu werden, als andere Personen, die aus dem Gefängnis entlassen werden. (Wobei das vermutlich zum Teil auch daran liegt, dass nur Personen, die zum ersten Mal verurteilt wurden, an diesem Programm teilnehmen dürfen.)

Nachdem zu Beginn des Films betont wurde, dass es aufgrund von Auflagen und Gesetzen nicht möglich sein würde, Namen zu verraten, Details zu den verschiedenen Verbrechen zu erwähnen, Interviews zu führen oder gar Gesichter zu zeigen, fragte ich mich schon etwas, wie man mit so wenig Material eine zweistündige Dokumentation füllen soll. Aber man bekommt als Zuschauer trotz diverser Verpixelungen sehr viele Informationen über die vier vorgestellten Gefangenen, über die Taten, die sie begangen haben, und die Umstände, die ihren Charakter geformt haben mit. Auch fand ich es spannend, wie viel die Körpersprache und die Bewegungen der verschiedenen Personen über sie und ihren emotionalen Zustand verrieten, obwohl alle Beteiligten durchgehend sehr zurückhaltend waren. Richtig erschreckend fand ich, wie schwer es all diesen Männern fiel, über ihre Gefühle zu reden, und wie wenig sie in der Lage waren, mit Emotionen umzugehen, und zum Schluss hatte ich eine Menge Fragen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen in Japan (und den Regelungen rund um Kinderheimen). Am Ende kann ich eigentlich nur die Homepage der Nippon Connection zu diesem Film zitieren mit: „[Prison Circle ist ein] berührendes filmisches Plädoyer, das dazu aufruft, die Idee der Resozialisierung ernst zu nehmen“.

Bei meiner Planung der Woche dachte ich, dass wir nach „Prison Circle“ eher Bedarf für einen heiteren Film haben würden, weshalb wir abends dann „Extro“ geschaut haben. Die Mockumentary hatte uns beide beim ersten Anschauen des Programms spontan angesprochen, da er mit einem älteren Hauptdarsteller (damit haben wir in den vergangenen Jahren einfach gute Erfahrungen gemacht) gedreht wurde und sich mit dem japanischen Filmgeschäft beschäftigt. „Extro“ ist eine wunderbare Liebeserklärung an all die Statisten, die Leben in einen Film bringen, und voller großartiger, absurder Szenen, die einfach nur amüsant und unterhaltsam sind. Es gab so viele Anspielungen auf japanische Filme, auf Schauspieler und auch auf ernsthafte Filmdokumentationen, die wirklich toll umgesetzt waren. Dieser Film hat durchgehend Spaß gemacht und auch jetzt noch muss ich einfach grinsen, wenn ich an all die Charaktere und Dialoge denke. Ich würde zu gern einmal das Drehbuch dazu anschauen, um herauszufinden, wie festgelegt die Dialoge waren und wie viel vielleicht von den Schauspielern improvisiert wurde. 😀

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Da dieser Blogbeitrag doch schon recht lang geworden ist und wir noch ein paar Filme sehen wollen, bevor am Sonntagabend die Nippon-Connection endet, gibt es in den nächsten Tagen einen zweiten „Was schön war“-Post mit lauter Filmeindrücken. Ich fürchte, da müsst ihr jetzt wohl durch … 😉

Jana DeLeon: Happily Everlasting 1 – Dead Man Talking

Nachdem mich das Happily-Everlasting-Spin-Off „Better Haunts and Garden Gnomes“ von Michelle M. Pillow so gut unterhalten hatte, habe ich prompt direkt zu „Dead Man Talking“ von Jana DeLeon gegriffen, um zu schauen, ob ich mich damit auch so gut amüsiere. Die Geschichte dreht sich um die Meterologin Zoe Parker, die in den vergangenen sechs Jahren in L.A. gelebt und jede Rückkehr in ihren Geburtsort Everlasting vermieden hat. Doch nun liegt ihre Großtante Sapphire nach einem Sturz im Krankenhaus, und Zoe muss sich nun nicht nur um Sapphire kümmern, sondern auch um den ehemaligen Leuchtturm, in dem die Großtante lebt, um ihre zehn Katzen und um den Geist Cornelius. Außerdem liegt schnell der Verdacht auf der Hand, dass Sapphires Sturz kein Unfall war, sondern dass Einbrecher dabei ihre Hand im Spiel hatten. Gemeinsam mit ihrem Ex-Freund Dane Stanton nimmt Zoe die Ermittlungen auf, nachdem das Büro des Sheriffs sich als nicht besonders hilfreich herausgestellt hat.

Tja … Wenn ich ehrlich bin, dann ist „Dead Man Talking“ eigentlich besser geschrieben als „Better Haunts and Garden Gnomes“, aber so richtig gut unterhalten habe ich mich nicht gefühlt. Jana DeLeon bietet dem Leser einen Grund, wieso es Magie in dem kleinen Ort Everlasting gibt (und an anderen Orten nicht), sie hat ihre Figuren deutlich tiefer charakterisiert als Michelle M. Pillow, und der kleine Kriminalfall ist auch besser ausgearbeitet (wenn auch die Lösung wieder ziemlich offensichtlich war). Zoe und Dane werden als wirklich nette Menschen dargestellt, es gibt keine großen Missverständnisse, sondern einen respektvollen Umgang zwischen den beiden, und die beiden reden sogar miteinander, um mehr über die Wünsche und Ziele des anderen herauszufinden. Allerdings fand ich die beiden auch schrecklich langweilig, weil sie so nett waren, so wenige Ecken und Kanten hatten und ihre „Beziehung“ so gar nichts zur Geschichte beizutragen hatte, auch wenn sie durch ihre gemeinsame Vergangenheit immerhin eine stimmige Basis für ihre „Liebesgeschichte“ hatten.

Was mich noch gestört hat, war die Erklärung für die Magie, die in diesem Buch auftaucht. Die Legende mit dem magischen Smaragd, der König Arthur gehört haben soll und der für die Magie im Ort verantwortlich ist, ist schon für sich betrachtet nicht gerade schlüssig. Wenn man dann aber noch die Tatsache im Hinterkopf hat, dass Magie in „Better Haunts and Garden Gnomes“ vererbbar und nicht örtlich begrenzt ist, dass dort viele übernatürliche Personen vorkamen, die in Everlasting keine Rolle spielen, und dass Tante Polly in dem Spin-Off hemmungslos mit Magie um sich wirft und kein Geheimnis daraus macht, dass sie eine Hexe ist, während sie in Everlasting nur als exzentrische Bäckerin erwähnt wird, dann ist das insgesamt so unstimmig, dass ich mich beim Lesen regelrecht geärgert habe.

Ein weiterer Punkt, der mich richtig gefuchst hat, war, wie die Autorin mit den zehn Katzen im Buch umging. Obwohl Zoe auch nach Everlasting zurückkehrt, um sich um die Katzen zu kümmern, werden die Viecher morgens von Dane gefüttert, der gerade Sapphires Küche umbaut, und dann verschwinden die Tiere spurlos für den Rest des Tages (und das, obwohl sie freien Zugang zum gesamten Gebäude haben). Da die Katzen – wie ständig betont wird – so trainiert sind, dass sie das menschliche Klo und sogar die Wasserspülung benutzen (Magie macht’s möglich!), gibt es keine Katzenklos zu reinigen, und abends lässt sich Zoe dann doch dazu herab, selbst Futter zu verteilen. Aber wenn nicht gerade Einbrecher auftauchen, gibt es keine einzige Erwähnung mehr, dass Katzen im Haus sind. Selbst wenn Zoe die Tiere nicht mag, würde ich doch erwarten, dass sie bei all den alltäglichen Dingen, die beschrieben werden, irgendwann mal vorkommen! Man kann nicht mit zehn Katzen in einem Gebäude mit relativ kleiner Grundfläche leben, ohne ständig über eine zu stolpern oder die gesamte Kleidung voller Haare zu haben oder zumindest hier und da mal ein Geräusch zu hören, das andeutet, dass man nicht allein im Haus ist.

Ähnlich ist es auch mit dem Hausgeist, der zwar wichtig für die Geschichte ist und mir grundsätzlich auch sympathisch war, aber die gesamte Handlung hindurch ohne Hosen rumlaufen musste, damit die Autorin ganz am Anfang eine „witzige“ Szene einbauen konnte. So gab es immer wieder Elemente, die mir das Gefühl gaben, dass Jana DeLeon sie für einen einzigen Punkt in der Geschichte lieblos reingestopft hat, ohne darüber nachzudenken, dass sie in der gesamten Handlung funktionieren müssen. Ich habe mich jetzt beim Lesen nicht durchgehend geärgert, aber ich bin immer wieder über solche Dinge gestolpert und es gab sonst nichts, was mich darüber hingeweggetröstet hätte. Selbst ohne diese kleinen Ärgernisse wäre „Dead Man Talking“ nur irgendwie ganz nett gewesen, ohne einen größeren Eindruck zu hinterlassen. Vor allem muss ich aber sagen, dass „Better Haunt and Garden Gnomes“ – trotz aller unübersehbaren Mängel – deutlich charmanter war als dieser Roman. Nach „Dead Man Talking“ bin ich mir sicher, dass ich die Happily-Everlasting-Reihe (trotz wechselnder Autorinnen) nicht weiterlesen werde, während ich den Nachfolger von „Better Haunt and Garden Gnomes“ noch nicht von der Merkliste gestrichen habe.

Michelle M. Pillow: (Un)Lucky Valley 1 – Better Haunts and Garden Gnomes

Vor einigen Tagen bin ich über eine Liste mit „Hexen“-Romanen gestolpert und fand die Inhaltsangabe von „Better Haunts and Garden Gnomes“ so nett, dass ich mir die eBook-Version davon gekauft und direkt gelesen habe. Es gibt eine Menge Punkte, die ich an dem Buch kritisieren könnte, aber bevor ich mich daran mache, kann ich schon mal sagen, dass ich die Geschichte rund um Lily Goode einfach nur wunderbar anspruchslos und genau deshalb sehr erholsam fand. Erst nach dem Lesen habe ich herausgefunden, dass die beiden „(Un)Lucky Valley“-Romane wohl ein Spin-Off der „The Happily Everlasting Series“ sind und dass diese Serie von insgesamt vier Autorinnen geschrieben wurde (und den ersten Band davon habe ich zu meiner großen Überraschung sogar bei den ungelesenen Titeln auf meinem eReader gefunden). Da ich bislang noch nichts aus der „The Happily Everlasting Series“ gelesen habe, weiß ich nicht, ob dort vielleicht etwas ausführlicherer Weltenbau betrieben wurde, aber in „Better Haunts and Garden Gnomes“ ist das definitiv nicht der Fall.

Als Leser wird man ohne weitere Hintergründe in eine Welt hineingeworfen, in der übernatürliche Personen in kleinen abgeschiedenen Gemeinden neben unserer „normalen“ Welt leben. Es gibt keinerlei Erklärungen, wie Magie funktioniert und wo die ganzen übernatürlichen Personen herkommen, man muss das als Leser einfach so hinnehmen – ebenso wie die Protagonistin Lily. Diese ist gemeinsam mit ihren beiden Geschwistern vor langer Zeit von ihrer Mutter vor einer Feuerwehrwache ausgesetzt worden, und obwohl Lily damals erst acht Jahre alt war, hat sie von diesem Tag an die Verantwortung für ihren Bruder Dante und ihre Schwester Jesse übernommen. Nach vielen Jahren und einer Kindheit, die von verschiedenen Pflegestellen geprägt war, erfährt Lily, dass sie von ihrer Mutter ein altes Gebäude am Rand des Örtchens Lucky Valley geerbt hat. Doch niemand im Ort ist erfreut darüber, dass eine Goode-Hexe wieder in das alte Gebäude ziehen will, und so muss Lily nicht nur mit damit fertigwerden, dass sie ein baufälliges Haus, eine exzentrische Verwandte und Magie, über die sie keinerlei Kontrolle hat, geerbt hat, sondern auch mit Vandalismus und ähnlichen „Vertreibungsmaßnahmen“.

Eine dieser „Vertreibungsmaßnahmen“ ist der dicke Stapel mit Gemeindevorschriften, die durch das baufällige Gebäude und vernachlässigte Grundstück verletzt werden, den ihr der Werwolf Nolan Dawson direkt nach Übernahme ihres Erbes überreichte. Nolan soll im Auftrag der Gemeinde dafür sorgen, dass Lily wieder verschwindet, doch stattdessen entwickelt er Gefühle für die energische Frau und will ihr (nicht nur) bei den notwendigen Renovierungen helfen. Insgesamt sind weder die Welt noch die Charaktere besonders detailliert oder hintergrundreich dargestellt, aber dafür gibt es viele ungewöhnliche Anwohner in Lucky Valley, einen Haufen Geister und natürlich Lilys Tante Polly, ihren Hummer Hermann und ihre Armee von Gartenzwergen, die alle zusammen für so einige absurde Situationen und Dialoge verantwortlich sind. Das Rätsel um die verschiedenen Anschläge auf Lilys Haus ist nicht gerade komplex, dafür bieten die diversen Vandalismusfolgen immer wieder Möglichkeiten für amüsante Szenen mit den Einheimischen.

Wenn ich ehrlich bin, dann gibt es nichts an diesem Roman, wo ich sagen könnte, dass Michelle M. Pillow einen richtig guten Job gemacht hat. Aber irgendwie ist das gar nicht schlimm, denn trotz aller Oberflächlichkeit, Unlogik und Durchschaubarkeit war „Better Haunts and Garden Gnomes“ die perfekte Lektüre, um ein paar Stunden abzuschalten, um mich zu entspannen und mich immer wieder über die eine oder andere Szene zu amüsieren. Vielleicht liegt es sogar daran, dass es so wenig greifbare Beschreibungen und Informationen gab, aber irgendwie hatte ich nach dem Lesen Lust, gleich wieder nach Lucky Valley zurückzukehren und vielleicht andere Facetten dieses Ortes zu entdecken. Doch bevor ich das mache, lese ich wohl besser erst einmal „Dead Man Talking“ von Jana Deleon, da ich das Buch noch auf dem eReader habe und das der erste Band der „The Happily Everlasting Series“ ist – wer weiß, vielleicht bietet mir die Geschichte ja dann mehr Hintergründe oder zumindest ein paar ebenso nette Lesestunden wie „Better Haunts and Garden Gnomes“.

Darcie Wilde: A Purely Private Matter (Rosalind Thorne Mystery 2)

Zu meiner großen Überraschung ist es schon über ein Jahr her, dass ich „A Useful Woman“ von Darcie Wilde gelesen habe. Ich war mir sicher, dass ich das erst vor wenigen Wochen gelesen hatte, auch weil ich noch sehr lebhafte Erinnerungen an den Roman habe. Doch so gut mir der Auftaktband der Rosalind-Thorne-Mysterys gefallen hat, nach dem Lesen von „A Purely Private Matter“ kann ich sagen, dass der zweite Teil der Reihe definitiv noch besser ist. Dieses Mal wird Rosalind von ihrer Freundin Alice Littlefield gebeten, sich um die Probleme ihrer Bekannten Margaretta Seymore zu kümmern. Mrs. Seymore ist eine schöne und charismatische Frau, die für ihre romantischen Gedichte bekannt geworden ist. Doch ihre Stellung in der Gesellschaft (und die Zukunft ihres ungeborenen Kindes) wird dadurch gefährdet, dass ihr Mann (Captain William Seymore) den berühmten Schauspieler Fletcher Cavendish auf Schadensersatz verklagen will, da dieser – laut der Vorwürfe des Captains – ein Verhältnis mit Margaretta haben soll. Bevor Rosalind noch viel mehr über die Hintergründe dieser unschönen Geschichte erfahren kann, wird Mr. Cavendish in der Garderobe seines Theaters ermordet.

Das Grundthema ist auch in diesem Roman wieder die unsichere Stellung von Frauen der Gesellschaft in der Georgianischen Zeit, denn nicht nur Margaretta Seymores Position, sondern auch Rosalinds Stellung – die für ihre Arbeit immens wichtig ist – wird immer wieder durch die Ereignisse rund um den Mord gefährdet. So muss Rosalind bei ihren Ermittlungen rund um den Tod von Fletcher Cavendish immer wieder gut abwägen, wie weit sie gehen kann und ob sie es riskieren darf, eine höherstehende Person – wie zum Beispiel Margarettas Schwager Lord Bertram – zu verärgern. Darcie Wilde zeichnet in „A Purely Private Matter“ das Bild einer Familie, die durch interne Machtspiele und Eifersüchteleien zerrüttet ist und in der jeder seine eigenen Intrigen zu spinnen scheint. Dazu kommt, dass Rosalind sich von Anfang an der Tatsache bewusst ist, dass ihre Klientin ihr nicht die ganze Wahrheit (oder vielleicht sogar direkte Lügen) erzählt hat. Mir hat es sehr viel Spaß bereitet, all die verschiedenen Familienmitglieder der Seymores kennenzulernen und herauszufinden, wer vielleicht ein Motiv hätte, Margaretta zu kompromittieren oder ihren Mann gegen sie aufzuhetzen.

So gut mir „A Useful Woman“ schon gefallen hat, so muss ich zugeben, dass in diesem ersten Band um Rosalind die Handlung recht gemächlich erzählt wurde, weil auch erst einmal die Vorgeschichte der Protagonistin eingeflochten werden musste. In „A Purely Private Matter“ wird die Handlung dem Lesern deutlich dichter präsentiert, und auch den Kriminalfall fand ich besser konstruiert. Immer wieder gibt es neue Figuren, die weitere Informationen zu dem Fall beitragen, und nie kann sich Rosalind darauf verlassen, dass Margarette ihr (oder den offiziellen Ermittlern) dieses Mal die Wahrheit sagen wird. Dafür bekommt sie aus der einen oder anderen unerwarteten Quelle Hilfe bei ihren Nachforschungen (und ich hoffe sehr, dass diese Nebenfiguren auch in dem nächsten Roman wieder einen Auftritt haben werden, da sie einfach wunderbar waren)! Das alles sorgt für eine zügig zu lesende und wirklich unterhaltsame Geschichte mit der einen oder anderen überraschenden Wendung. Mir gefällt es, wie Darcie Wilde ihre Charaktere gestaltet und mir so das Gefühl gibt, dass das realistische Personen mit Stärken und Schwächen sind, und wie vielfältig sie die Gesellschaft in London im Jahr 1818 darstellt. In ihren Bücher kommen ebenso selbstverständlich Personen vor, die im Rang aufgestiegen sind, wie Figuren, die von einem Tag auf dem anderen tief gefallen sind, und auch wenn nicht jeder von ihnen sympathisch dargestellt wird, so bekommt man doch ein Gefühl für ihr Leben und für ihre Motive.

Was mir noch angenehm aufgefallen ist: Rosalind fällt hier und da aus der Rolle. Sie ist von Anfang an wütend, weil sie das Gefühl hat, sie wurde von Margaretta benutzt. Und während sie im ersten Band froh war, dass ihr die gesellschaftlichen Regeln Halt und Sicherheit bieten, so ist sie inzwischen so weit, dass sie es stellenweise fast genießt, wenn sie aus diesen Regeln ausbrechen kann. Ich finde es spanned, wie sie sich als Figur entwickelt, und hoffe, dass die Autorin das auch im kommenden Band so weiterführen wird. Worauf ich persönlich hätte verzichten können, ist die – zum Glück nicht so dominierende – „Dreiecksgeschichte“ zwischen Rosalind, ihrer ersten großen Liebe, dem Duke of Casselmain, und dem Bow Street Runner Adam Harkness. Für beide Männer empfindet Rosalind etwas (und diese für sie), aber mit keinem von beiden kann sie sich eine Zukunft vorstellen. Mir wäre es lieber, wenn sich einfach alle Beteiligten auf eine respektvolle Freundschaft einigen würden. Aber da das nicht wahrscheinlich ist, werde ich weiterhin damit leben müssen, dass es hier und da kleine Szenen gibt, in denen all die (un)ausgesprochenen Gefühle zu unbehaglichen Situationen führen. Da dieses „romantische Element“ in der Geschichte aber keine so große Rolle spielt und ich alles andere an diesem Roman wirklich sehr mochte, freue ich mich jetzt schon darauf, dass ich in ein paar Monaten die Taschenbuchausgabe des dritten Teils der Reihe, „And Dangerous to Know“, in den Händen halten kann.

Juni-SuB 2020

Auch wenn es sich am Anfang gar nicht so anfühlte, kann ich im Rückblick sagen, dass der Mai ein richtig, richtig guter Lesemonat für mich war. In den vergangenen Tagen habe ich mir regelmäßig längere Auszeiten gegönnt und mich einfach in ein Buch (oder einen Comic) fallen lassen und das hat meine Laune deutlich gehoben. Es ist das erste Mal in diesem Jahr, dass ich mal wieder auf meine „Wohlfühlgesamtseitenzahl“ gekommen bin und ich muss zugeben, dass mir das intensive Lesen und das Mehr an Lesezeit wirklich gut getan hat.

Im Juni hat mein Mann zwei Wochen Urlaub und das japanische Filmfest, das wir normalerweise jedes Jahr besuchen, findet nun online statt – da bin ich gespannt wie das wird! Ansonsten lasse ich den Monat auf mich zukommen. Ich übe mich gerade im „keine langfristigen Pläne machen“, mal schauen, ob das klappt oder ob ich mich demnächst doch wieder beim Anlegen von To-do-Listen ertappe. 😉

  1. Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone
  2. Becky Albertalli: Leah on the Offbeat
  3. Hanna Alkaf: The Weight of our Sky
  4. Kelly Barnhill: Iron Hearted Violet
  5. Tracy Baptiste: Rise of the Jumbies (Jumbies 2)
  6. Tracy Baptiste: The Jumbie God’s Revenge (Jumbies 3)
  7. T. J. Berry: Space Unicorn Blues
  8. Holly Black: The Coldest Girl in Coldtown
  9. Lawrence Block (Hrsg.): In Sunlight or in Shadow – Stories Inspired by the Paintings of Edward Hopper
  10. Lila Bowen: Conspiracy of Ravens (The Shadow 2)
  11. Rhys Bowen: Naughty in Niece (Royal Spyness 5)
  12. Rhys Bowen: The Twelve Clues of Christmas (Royal Spyness 6)
  13. Alan Bradley: Flavia de Luce 5 – Schlussakkord für einen Mord
  14. Alan Bradley: Flavia de Luce 6 – Tote Vögel singen nicht
  15. Marie Brennan: The Voyage of the Basilisk – A Memoir by Lady Trent
  16. Marie Brennan: In the Labyrinth of Drakes – A Memoir by Lady Trent
  17. Marie Brennan: Within the Sanctuary of Wings – A Memoir by Lady Trent
  18. Sarah Rees Brennan: Tell the Wind and Fire
  19. Sarah Rees Brennan: In Other Lands
  20. Stephanie Burgis: The Princess Who Flew with Dragons
  21. Rachel Caine: Ink and Bone (The Great Library 1)
  22. Julie Campbell: The Mysterious Visitor (Trixie Belden 4)
  23. Beth Cato: Breath of Earth (Blood of Earth #1)
  24. Soman Chainani: Quests for Glory (The School for Good and Evil 4)
  25. David Chandler: A Thief in the Night (Ancient Blades 2)
  26. David Chandler: Honor Among Thieves (Ancient Blades 3)
  27. Helen Corcoran: Queen of Coin and Whispers
  28. Sarah Beth Durst: Race the Sands
  29. Louise Erdrich: The Birchbark House
  30. Laura Ann Gilman: Silver on the Road
  31. Jasmine Gower: Moonshine
  32. Mira Grant: Parasite (Parasitology 1)
  33. Mira Grant: Symbiont (Parasitology 2)
  34. Mira Grant: Chimera (Parasitology 3)
  35. Alex Grecian: The Black Country (Scotland Yard’s Murder Squat 2)
  36. Kate Griffin: The Midnight Mayor (Matthew Swift #2)
  37. Kate Griffin: The Neon Court (Matthew Swift #3)
  38. Kate Griffin: The Minority Council (Matthew Swift #4)
  39. Kate Griffin: Stray Souls (Magicals Anonymous #1)
  40. Kate Griffin: The Glass God (Magicals Anonymous #2)
  41. Christian Handel (Hrsg.): Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln (Anthologie)
  42. Rachel Hartman: Seraphina
  43. Michelle Harrison: A Pinch of Magic
  44. Jim C. Hines: Die Buchmagier – Angriff der Verschlinger
  45. Jim C. Hines: Terminal Alliance
  46. Mark Hodder: Auf der Suche nach dem Auge von Naga
  47. Tanya Huff: Wizard of the Grove
  48. Tanya Huff: Valor’s Choice (Confederation Novel 1)
  49. D. B. Jackson: Thieves‘ Quarry (Thieftaker #2)
  50. D. B. Jackson: A Plunder of Souls (Thieftaker #3)
  51. Diana Wynne Jones: Crown of Dalemark (The Dalemark Quartet 4)
  52. Diana Wynne Jones: Dogsbody
  53. Diana Wynne Jones: Power of Three
  54. Diana Wynne Jones: Fire and Hemlock
  55. Celine Kiernan: Geisterpfade
  56. Celine Kiernan: Königspfade
  57. Celine Kiernan: Begone the Raggedy Witches (The Wild Magic Trilogy 1)
  58. Mary Robinette Kowall: The Calculating Stars
  59. Sarah Kuhn: Heroine’s Journey (Heroine Complex 3)
  60. R. F. Kuang: The Poppy War
  61. Cixin Liu: The Three-Body Problem
  62. Scott Lynch: Die Lügen des Locke Lamora (aussortiert)
  63. Kari Maaren: Weave a Circle Round
  64. Seanan McGuire: The Brightest Fell (October Daye 11)
  65. Seanan McGuire: Night and Silence (October Daye 12)
  66. Seanan McGuire: Middlegame
  67. Robin McKinley: Sunshine
  68. Anna-Marie McLemore: Blanca and Roja
  69. Kelly Meding: Stray Magic
  70. Kelly Meding: Stray Moon
  71. Kate Milford: The Boneshaker
  72. Kate Milford: Bluecrowne
  73. Maya Montayne: Nocturna
  74. Bishop O’Connell: The Stolen
  75. Nnedi Okorafor: Akata Warrior (Akata Witch 2)
  76. Dominik Parisien und Navah Wolfe (Hrsg.): The Starlit Wood – New Fairy Tales (Anthologie)
  77. Dominik Parisien und Navah Wolfe (Hrsg.): Robots vs. Fairies (Anthologie)
  78. Tamora Pierce: Tempests and Slaughter
  79. C.E. Polk: Witchmark (Kingston Cycle 1)
  80. Cindy Pon: Sacrifice (Serpentine 2)
  81. Philip Reeve: Larklight
  82. Kat Richardson: Poltergeist (Greywalker 2)
  83. Rebecca Roanhorse: Trail of Lightning (The Sixth World 1)
  84. John Scalzi: Fuzzy Nation
  85. Helen Simonson: Mrs. Alis unpassende Leidenschaft
  86. Barbara Sleigh: Carbonel
  87. A.C.H. Smith: Jim Henson’s The Dark Crystal
  88. Robin Stevens: A Spoonful of Murder (A Murder Unladylike Mystery 6)
  89. Robin Stevens: Death in the Spotlight (Murder Most Unladylike 7)
  90. Robin Stevens: Top Marks for Murder (Murder Most Unladylike 8)
  91. Rosemary Sutcliff: Troja oder die Rückkehr des Odysseus
  92. Rosemary Sutcliff: König Artus und die Ritter der Tafelrunde
  93. Charles den Tex: Die Zelle
  94. Rob Thomas: Veronica Mars – The Thousand Dollar Tan Line
  95. Sarah Tolcser: Song of the Current
  96. Tiffany Trent: Unnaturalist
  97. Gail Tsukiyama: Die Straße der tausend Blüten
  98. Renee Watson: Piecing Me Together
  99. Jaye Wells: Dirty Magic (Prospero’s War 1)
  100. Martha Wells: All Systems Red (Murderbot Diaries 1)
  101. Amy Wilson: Snowglobe
  102. Katherine Woodfine: The Jewelled Moth (The Sinclair’s Mysteries 2)
  103. Katherine Woodfine: The Painted Dragon (The Sinclair’s Mysteries 3)
  104. Katherine Woodfine: The Midnight Peacock (The Sinclair’s Mysteries 4)
  105. Xinran: Gerettete Worte
  106. Rick Yancey: Der Monstrumologe und die Insel des Blutes

104 Titel auf dem SuB zum Monatsanfang

(durchgestrichene Titel habe ich in diesem Monat gelesen)
(kursive Titel sind in diesem Monat neu hinzugekommen)