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Jane Austen: Verstand und Gefühl

Ausnahmsweise gibt es hier mal den Klappentext der CD-Box und keine eigene Inhaltsangabe zu der Geschichte: Elinor und Marianne Dashwood sind so verschieden, wie zwei Schwestern nur sein könnten: Während die eine diszipliniert und vernünftig ist, handelt die andere emotional und impulsiv. Dennoch verbindet die beiden das scheinbar ausweglose Schicksal, sich im England des achtzehnten Jahrhunderts den gesellschaftlichen Zwängen unterwerfen und auf die große Liebe verzichten zu müssen …

Ich habe in diesem Jahr so viele Sachen von Jane Austen gelesen oder gehört, dass ich doch an der Jane-Austen-Challenge von Sarah hätte teilnehmen können. Bei der Wohnzimmerrenovierung gab es die ungekürzte Lesung von „Verstand und Gefühl“, für die ebenfalls von Eva Mattes vorgetragene Version von „Stolz und Vorurteil“ habe ich allerdings noch keine Zeit gefunden. Dafür habe ich in diesem Monat „Emma“ und „Mansfield Park“ gelesen und im Herbst habe ich „Anne Elliot oder Die Kraft der Überredung“ genossen. Nach einem kleinen Anstupser von Holly fiel mir auf, dass ich noch keine Rezension für den „Klassiker“-Teil der „Ich bilde mich weiter“-Challenge geschrieben habe – irgendwie hatte ich mit dem Lesen des letzten Buches die Challenge innerlich abgeschlossen.

Doch bei soviel Auswahl habe ich kurzfristig beschlossen nicht über „Mansfield Park“ zu schreiben, sondern über „Verstand und Gefühl“, denn diese Geschichte klingt immer noch in mir nach. Den Roman hatte ich das erste Mal als Teenager gelesen und als Studentin noch einmal verschlungen – und jedes Mal fühlte ich mich zwiegespalten. Ich mag Elinor und Marianne, ich mag die Geschichte, aber ich hatte lange Zeit ein Problem mit der Grundaussage des Buches.

Denn während Elinor immer brav, geduldig und vernünftig ist und deshalb miterleben muss wie der Mann, den sie liebt, immer unerreichbarer wird, so führt die blinde Verliebtheit von Marianne zu großem Unglück für das Mädchen. Neben Elinors Ängsten um das Glück ihrer Schwester, ihrem stummen Leiden wegen ihrer eigenen unglücklichen Liebe und Mariannes Höchflügen und Depressionen lebt das Buch – wie es sich für einen Austen-Roman gehört – von den wunderbaren Dialogen und Nebenfiguren. So viele wohlmeinende Menschen und soviel Möglichkeiten für Missverständnisse, Lebensweisheiten und Dummheiten.

Ich liebe schon allein den Anfang der Geschichte, wenn die Schwägerin der Dashwood-Mädchen mit ihrem Mann darüber diskutiert, wie weit man die Familie nach dem Tod des Vaters finanziell unterstützen müsste. In diesen wenigen Zeilen gelingt es Jane Austen soviel über ihre Zeit und die Situation der Frauen auszusagen, so treffend die biestige Schwägerin und ihren nachgiebigen Mann darzustellen – und dabei so amüsant zu sein -, dass ich jedes Mal wieder begeistert bin. Je älter ich werde, desto mehr stehe ich übrigens auf der Seite der vernünftigen Elinor. Was ich auch faszinierend finde … ich glaube, es gibt wenige Bücher, bei denen mir so sehr auffällt, dass ich sie bei jedem Lesen wieder mit anderen Augen entdecken kann.

Natürlich ist es schön von der großen Liebe zu träumen und noch schöner wäre es, wenn jede Frau einen Mann heiraten könnte, den sie liebt und für den sie die einzige Frau auf der Welt ist. Aber wenn ich mich so in meinem Bekanntenkreis umgucke, dann bin ich immer etwas irritiert von all den Frauen, die keine Augen für die Männer in ihrer Umgebung haben, weil sie auf der Suche nach der großen Liebe sind. Und zu Jane Austens Zeit wäre ein solches Verhalten einfach dumm gewesen. Nur wenige Frauen hatten eigene finanzielle Sicherheit oder gar die Gewissheit, dass die Familie sie für den Rest ihres Lebens versorgen könnte. So war es umgemein wichtig sich an die gesellschaftlichen Regeln zu halten und sich gut zu verheirateten. Und ich glaube, dass einige dieser Vernunftehen gar nicht schlecht waren, solange beide Parteien gewillt waren das Beste aus ihrer Situation zu machen.

Somit ist Elinors Haltung (auch wenn sie nicht immer ihren eigenen Gefühlen entspricht) nicht nur vernünftig, sondern auch der beste Selbstschutz, den sie finden kann. Wenn man nicht das große Glück erwartet, dann kann man auch in einer nicht so gefühlvollen Ehe vermutlich Zufriedenheit finden. Wenn man aber wie Marianne von der einen großen Liebe träumt, sich seinen Hoffnungen hingibt und sich am Ende mit einem fürsorglichen, aber deutliche älteren Mann abfinden muss, dann ist es wohl schwierig nicht den Rest seines Lebens dem einen hinterherzutrauern, in dem man so verliebt war.

Obwohl Jane Austen meiner Meinung nach verhältnismäßig wenig auf die Männer eingeht, habe ich mich dieses Mal doch gefragt wie für Mariannes Ehemann wohl die Zukunft aussieht. Ob er wirklich damit leben kann, dass seine Frau eigentlich einen anderen Mann liebte? Und ob es ihm gefällt, dass aus dem lebenslustigen und übermütigen Mädchen eine zurückhaltende Frau geworden ist, die ihn aufgrund von Vernunft und Freundschaft geheiratet hat, während er sich – entgegen aller Vernunft – in sie verliebte …

Rhiannon Lassiter: Böses Blut

Über „Böses Blut“ von Rhiannon Lassiter bin ich in den letzten Monaten auf verschiedenen Blogs gestolpert – wer letztendlich dafür verantwortlich war, dass ich es in der Bibliothek vormerkte, kann ich allerdings nicht mehr sagen. Oh, und bevor sich einer Gedanken macht wegen des Fotos, auf dem ich den Roman scheinbar brutal mit dem Fuß offen halte: Keine Angst, das Buch hat keine Spuren zurückbehalten. Das war nur eine Methode, um euch mal die einfache aber schöne Innengestaltung zu zeigen, ohne mir dabei die Arme zu verrenken.

Da es etwas gedauert hatte, bis die Bibliothek mir das Buch zur Verfügung stellen konnte, hatte ich anfangs keine Ahnung mehr, worum es überhaupt in der Geschichte ging und warum ich den Roman lesen wollte. Ich habe ihn mir am Samstag nur einfach geschnappt, weil ich keins meiner eigenen Bücher auf einen Trip in die Stadt mitnehmen wollte. Nach stundenlangem Rumgerenne zwischen orientierungslosen Menschen hat mich mein Mann in einem Café abgesetzt, weil er ohne mich noch ein paar Besorgungen unternehmen wollte. Als er eine Stunde später wiederkam, war ich auf Seite 142 und er musste mich anstupsen, damit ich ihn überhaupt wahrnahm.

„Böses Blut“ erzählt eine leicht gruselige Geschichte für Jugendliche, die eigentlich ganz gewöhnlich anfängt. Eines Tages lernten sich Peter und Harriet in einer Londoner Kunstgalerie kenne und stellten fest, dass ihre Töchter beide „Cat“ (bzw. „Kat“) genannt werde. Während sie über ihre Kinder redeten, kamen sich die beiden näher und einige Zeit später gab es ein großes Kennenlernessen bei dem es zum ersten Streit zwischen den beiden Mädchen kam. Weder Catriona noch Katherine waren besonders erfreut darüber, sich ihren Spitznamen teilen zu müssen, während Cats älterer Bruder Roley (Roland) und Kats jüngerer Bruder John die ganze Sache zwar unerfreulich fanden, aber nicht verstehen konnten, was denn nun so schlimm daran sei.

Zweieinhalb Jahre später sind Peter und Harriet verheiratet und noch immer streiten sich ihre Töchter, während die Jungen versuchen möglichst unauffällig durch den Familienalltag zu kommen, um nicht ständig in die Kleinkriege der Mädchen hineingezogen zu werden. Da kann auch die Aussicht auf einen Urlaub die Stimmung der Kinder nicht aufhellen, obwohl sie seit der Hochzeit der Eltern nicht mehr weggefahren sind. In dem Haus im Lake District war Kats und Johns Mutter aufgewachsen, auch wenn die beiden Geschwister das Gebäude noch nie gesehen hatten, da kein enges Verhältnis zwischen ihrer verstorbenen Mutter und ihren Eltern bestand.

Auf den ersten Blick scheint das Haus toll zu sein – etwas vernachlässigt, aber so groß, dass jeder freie Auswahl bei den Zimmer hat. Und in jeder Ecke stehen Bücher, finden sich alte Spielsachen oder lassen sich sonstige Schätze entdecken, sogar eine Scheune mit einem Billardtisch gehört zum Gebäude. Doch so richtig Lust hat keiner der vier sich in dem Haus umzugucken, zu unheimlich ist es ihnen. Richtig gruselig wird es aber, als Cat eine aufwändig gestaltete Puppe mit dem Namen Delilah findet und diese immer wieder an den seltsamsten Stelle auftaucht, obwohl niemand sie dahingesetzt haben will.

Während sich alle sicher sind, dass das Mädchen nur einen neuen Weg gefunden hat, um die Familie dafür leiden zu lassen, dass sie nun mit Kat zusammenleben muss, beginnt der sechzehnjährige Roley auf einmal seltsame Gestalten in spiegelnden Flächen zu sehen. Und die dreizehnjährige Kat stößt auf verstörende Tagebücher ihrer Mutter und einen Haufen Jugendbücher, bei denen die Namen der Figuren gewaltsam durchgestrichen wurden …

Mir hat es gefallen, dass die Geschichte schon früh recht gruselig wurde. Obwohl ich bei dem einen oder anderen Blogbeitrag schon einen Hinweis auf die Lösung all der unheimlichen Begebenheiten bekommen hatte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass mir dies die Stimmung verderben würde. Ganz langsam steigern sich die seltsamen Vorfälle von kleinen Dingen, die man als Streiche eines der Kinder interpretieren könnte, bis zu gefährlichen Zwischenfällen, die unübersehbar eine unnatürliche Ursache haben müssen.

Die vier „Geschwister“ fand ich – abgesehen von Cat – sehr sympathisch dargestellt, und sogar diese nervige Zicke 😉 tat mir am Ende wirklich leid, weil sie solche Angst hatte und ihr keiner glauben wollte, dass sie nicht Schuld an einigen der seltsamen Begebenheiten hatte. Einzig der kleine John schien mir etwas zu … hm … weise für sein Alter, aber vielleicht ist das die Folge, wenn man von seinem siebten Lebensjahr an in einer Familie lebt, in der sich alles nur um die Befindlichkeiten der beiden „Katzenmädchen“ dreht.

Die Geschichte hat wirklich meinen Geschmack getroffen: Ein bisschen gruselig, ein bisschen skurril (gegen Ende wurde es zum Teil wirklich seltsam) und doch nie so unheimlich, dass mir beim Lesen unwohl wurde. Von daher bin ich mir sicher, dass das Buch auch bei der jugendlichen Zielgruppe ankommt. Schön fand ich auch die Aufmachung der einzelnen Seiten, die wirklich viel zur Stimmung beim Lesen beigetragen hat. Achja, Rhiannon Lassiter drückt sich eher einfach aus, was aber bei dieser Geschichte wirklich nicht von Nachteil ist, denn so kann man den Roman zügig lesen und sich dabei auf die stetig steigende Spannung konzentrieren. Ich werde auf jeden Fall die Augen aufhalten, ob noch mehr Bücher von der Autorin in Deutschland erscheinen werden. Wenn ich das bei Amazon.com richtig sehe, dann hat sie sich auf unheimliche Jugendbücher spezialisiert …

Agatha Christie: Meine gute alte Zeit

„Meine gute alte Zeit“ ist Agatha Christies Autobiografie, die sie 1950 mit sechzig Jahren begann und die erst nach ihrem Tod (sie starb 1976) veröffentlicht wurden. Dieser über 500 Seiten dicke Band bietet einem einen Einblick in die Zeit, in der sie aufgewachsen ist, ihre Familienverhältnisse und ihre Persönlichkeit. Wobei von Anfang an auffällt mit wieviel Zurückhaltung die Autorin auf viele Momente in ihrem Leben eingeht.

Ein großer Schwerpunkt dieses Buches liegt auf ihrer Kindheit und Jugend und man erfährt fast schon ein bisschen zuviel darüber, dass sie ein schüchternes Kind war, dass ihre Mutter sehr eigenwillige Ansichten über Agathas Erziehung hatte und wie sehr sie sich als kleines Mädchen mit sich und ihrer eigenen Fantasie beschäftigen musste. Letzteres war ihrer Meinung nach der Grundstein für ihre Karriere als Schriftstellerin. Ich glaube, Agatha Christie hat es genossen mit sechzig Jahren auf ihre Kindheit zurückzublicken – und diese auch ein wenig zu verklären.

Andere Bereiche ihres Lebens, wie zum Beispiel ihr aufsehnerregendes Verschwinden im Jahr 1926 (kurz nach dem Tod der Mutter und nachdem ihr Mann sie um die Scheidung gebeten hatte), klammert sie hingegen vollständig aus ihrer Erzählung aus. Ich finde das zwar verständlich, aber auch schade, dass sie die Gelegenheit nicht genutzt hat, um ihre Seite dieser Ereignisse darzustellen. Sehr spannend fand ich die Zeit nach ihrer Scheidung, als sie auf Reisen ging und die Welt für sich entdeckte.

Agatha Christie war schon früher viel gereist, aber als alleinstehende Dame war das Ganze doch ein deutlich aufregenderes Unternehmen – vor allem, da sie keine Lust hatte sich von den englischen Siedlern betüddeln zu lassen. Ich fand es faszinierend wie neugierig und abenteuerlustig die Autorin auf die fremde Umgebung zuging, aber auch spannend, dass bei aller Offenheit und Toleranz immer wieder kleine Vorurteile oder ein Hauch von Überheblichkeit in ihren Schilderungen durchschimmerten. Dabei bin ich mir sicher, dass sie (vor allem für eine Frau ihrer Zeit) unglaublich vorurteilsfrei und fortschrittlich war, aber die viktorianisch geprägten Ansichten ihrer Mutter und Großmutter haben wohl ebenso Spuren hinterlassen wie das vorherrschende britische Kolonialdenken. 😉

Ihre Romane spielen in „Meine gute alte Zeit“ eine eher geringe Rolle, Agatha Christie erwähnt nur nebenbei, dass sie zu einer bestimmten Zeit an diesem oder jenen Roman gearbeitet hat, dass sie durch einen Bekannten zu einer Geschichte inspiriert wurde oder wie sehr ihr der Verdienst eines Romans geholfen hat, wenn sie aus irgendeinem Grund Geld benötigte. Ich muss zugeben, dass ich von sehr viele Eigenarten Agatha Christies mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil mir immer wieder der Gedanke durch den Kopf schoss „Das kenne ich von mir!“ – leider haben diese Ähnlichkeiten nicht dazu geführt, dass ich eine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. 😀

Auch wenn sich der Anfang etwas hinzieht, so fand ich „Meine gute alte Zeit“ hochinteressant – nicht nur als Autobiografie, sondern auch als Abbild eines Lebens vor den beiden Weltkriegen, einer Zeit, in der ein Gentleman oder eine Dame genau wussten, was sich gehört und was nicht, als man als junge Frau zwar mit einem Mann alleine Golfspielen, aber nicht in einem Hotel Tee trinken durfte, als es noch keine Flugzeuge gab und ein Mädchen eine Saison in London (wenn das Geld reichte, ansonsten ging es eben ins Ausland) erlebte, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden … Mir hat das Lesen viel Spaß gemacht, ich habe ein paar neue Dinge über eine meiner Lieblingsautorinnen erfahren und wieder einiges über die Zeit zwischen 1890 und 1960 gelernt.

Alan Bennett: Così fan tutte

Anlässlich des ersten 24-h-read-a-thon hatte ich von Alan Bennett „Die souveräne Leserin“ gelesen und es hatte mir so gut gefallen, dass ich mich von Natiras Rezension dazu verleiten ließ, mir „Così fan tutte“ von dem Autor in der Bibliothek vormerken zu lassen. Ich kann gleich dazu anmerken, dass ich im Gegensatz zu Natira „Die souveräne Leserin“ bevorzuge, aber Spaß gemacht hat mir auch dieses Bändchen.

Der Inhalt lässt sich ganz schnell erzählen: Als Rosemary und Maurice Ransome von einem Opernabend nach Hause kommen, finden sie eine komplett leere Wohnung vor. Und zwar wirklich komplett leer! Kein Schrank, kein Topf, nicht einmal das Toilettenpapier ist ihnen geblieben. Während Mr. Ransome sich um die wichtigen Dinge wie die Auseinandersetzung mit der Versicherung und eine neue Stereoanlage kümmert, um dann stoisch sein normales Leben weiterzuführen, entdeckt Mrs. Ransome die Möglichkeiten, die so ein Neuanfang mit sich bringen kann.

Sie geht zum ersten Mal in ihren Leben in den indischen Gemüseladen um die Ecke, probiert exotische Obstsorten, genießt den billig aussehenden, aber sehr bequemen Schaukelstuhl, den sie neu angeschafft hat, erfreut sich an dem farbenfrohen Teppich, der nicht zu ihrer alten konservativen Möblierung gepasst hätte und denkt darüber nach, was man eigentlich alles noch in der eigenen Stadt entdecken könnte. Mrs. Ransome träumt von Museumsbesuchen und Volkshochschulkursen und entdeckt die nachmittäglichen Talkshows im Fernsehen.

Ich muss zugeben, dass mein Herz eindeutig für Mrs. Ransome schlug, die diesen Eingriff in ihr Leben als eine Chance für Veränderungen ansieht. Ihren Mann hingegen fand ich ganz schrecklich! So ein pedantischer, unflexibler und konservativer Mensch, der außer seinen eigenen Bedürfnissen nichts wahrzunehmen scheint! Die Vorstellung so unbelastet neu auf alles zuzugehen wie Mrs Ransome finde ich faszinierend – mir wäre es nicht möglich, allein meine Bücher, wären ein unwiederbringlicher Verlust, den ich wohl kaum überwinden könnte 😉 – aber gerade deshalb habe ich es genossen mir Mrs. Ransomes Situation auszumalen. So habe ich mich auch dieses Mal von Alan Bennett gut unterhalten gefühlt. Wobei ich zugeben muss, dass ich mir dieses Büchlein wohl nicht selber kaufen werde/würde. Für den Umfang finde ich es – trotz des Lesevergnügens und der schönen Ausstattung – mit fast 15 Euro dann doch etwas teuer.

Elizabeth Hoyt: Die Schöne mit der Maske

Es dürfte nicht mehr so überraschend sein, dass ich auch bei diesem Buch sagen kann, dass Irina Schuld ist – vor allem, da der Band eine Leihgabe von ihr ist. 😉 Ich hatte die Bücher einfach unsortiert ins Regal gelegt und nur geguckt, dass ich keine Reihen dabei habe und nun freue ich mich wirklich, dass „Die Schöne mit der Maske“ der letzte deutschsprachige Liebesroman ist, den ich von dem Stapel gefischt habe. Denn auch wenn mir die Bücher fast alle gut gefallen haben, so gibt es welche, die ich deutlich besser fand als andere und dieser Titel gehört eindeutig dazu!

Die weibliche Hauptfigur ist Anna Wren, eine eher unscheinbare ehrhafte Witwe, die vor sechs Jahren ihren Mann verlor und zusammen mit ihrer Schwiegermutter und einen Dienstmädchen in einem kleinen Cottage in dem Örtchen Little Battleford lebt. Da das Erbe von Annas Mannes nicht gerade viel abwirft, müssen die drei sehr sparsam haushalten und Anna und ihre Schwiegermutter versuchen mehr oder weniger verzweifelt eine Möglichkeit zu finden, damit sie noch etwas Geld dazuverdienen können. Zwar ist Anna überraschend gebildet für eine Frau ihrer Zeit (die Geschichte spielt im März 1760), was sie ihrem Vater zu verdanken hat, aber weder als Gouvernante noch als Gesellschafterin findet sie eine Anstellung.

So ist sie überaus erfreut, als sie erfährt, dass dem Earl of Swartingham gerade der Sekretär weggelaufen ist und sein Verwalter ganz dringend einen Ersatz sucht – mit möglichst viel Rückgrat, damit er nicht alle paar Wochen die Stelle neu besetzen muss. Denn der Earl (Edward), der zum ersten Mal seit seiner Teenagerzeit wieder auf seinem Stammsitz verweilt, ist ein etwas aufbrausender Mann, der seinem Sekretär auch gern mal eine Porzellanfigur an den Kopf wirft, wenn dieser etwas falsch gemacht hat.

Um es kurz zu machen, Anna und der Earl verstehen sich erstaunlich gut. Er ist beeindruckt von ihrer guten Arbeit und der Tatsache, dass sie ihm auch mal widerspricht, wenn sie anderer Ansicht ist als er. Anna hingegen kann über das aufbrausende Temperament ihres Arbeitgebers hinwegsehen und findet es sehr anziehend, dass er keine Hemmungen hat zusammen mit seinen Pächtern zu arbeiten und dass er es nicht übers Herz bringt einen hässlichen (und manchmal etwas lästigen) Hund zu verscheuchen, der ihm – seitdem Edward ihn mal gerettet hat – ständig zur Seite steht.

Doch obwohl sich beide zueinander hingezogen fühlen, ist ihnen klar, dass eine Heirat nicht in Frage kommt. Erst einmal ist Edward von deutlich höherem Rang als Anna, die doch nur die Tochter eines Landpfarrers ist, und dann benötigt der Earl (als letzter Nachkomme seiner Familie) dringend einen Sohn – und Anna hat es in den vier Jahren ihrer Ehe nicht geschafft auch nur einmal schwanger zu werden. So gibt keiner von ihnen dieser Zuneigung nach oder spricht darüber, obwohl sich vor allem Anna sicher ist, dass Edward etwas für sie empfindet. Als er also nach London reist und sie davon ausgehen kann, dass er bei dieser Reise auch „Aphrodites Grotto“ – ein Edelbordell – aufsuchen wird, beschließt Anna, dass sie ihn maskiert dort erwarten wird, um wenigstens eine leidenschaftliche Nacht mit ihm verbringen zu können.

Ich muss zugeben, dass ich normalerweise eine solche Geschichte als schrecklich konstruiert aburteilen würde, aber es gelingt Elizabeth Hoyt die verschiedenen Hürden gut zu nehmen. So ist Anna als Witwe kein unerfahrenes Mädchen und nach einigen Jahren des selbständigen Lebens (und einer Enttäuschung durch ihren verstorbenen Mann) hat sie den Mut endlich einmal etwas zu tun, was zwar nicht dem guten Ton entspricht, aber dafür ihren eigenen Bedürfnissen. Dabei erfährt sie von dem Bordell über eine Rechnung, die sie in Edwards Schreibtischschublade findet (das finde ich mal schön ausgedacht) und auch sonst hat die Autorin die Handlungen und Hintergründe stimmig aufgebaut. Natürlich gibt es den einen oder anderen Zufall in der Geschichte, aber nichts davon wirkt zu bemüht oder zu sehr an den Haaren herbeigezogen.

Auch die Charaktere haben mir gut gefallen. Anna ist eine Dame, verhält sich auch in der Regel wie eine und die Dinge, über die sie sich in der Gesellschaft so aufregt, könnten direkt aus einem von Jane Austens Briefe gemopst worden sein. Auch wenn sich Jane Austen wohl nie so direkt ausgedrückt hätte. 😉 Trotzdem ist ihre kleine Rebellion mit ihrer Person mehr als vereinbar und auch das Risiko, das sie dabei eingeht, wurde von ihr von allen Seiten beleuchtet und als recht gering eingeschätzt.

Edward hingegen könnte theoretisch wunschlos glücklich sein: Reich, unabhängig und mit einem faszinierenden Interessengebiet, in dem seine Meinung geschätzt wird. Wäre da nicht der Umstand, dass er als Junge seine gesamte Familie an die Pocken verloren hätte, die ihn selber für den Rest seines Lebens vernarbt zurückgelassen haben. Beides hat seine Spuren hinterlassen und so lassen sich auch die Handlungen erklären, die mich manchmal etwas ungeduldig mit ihm gemacht haben.

Außerdem ist es für mich unabdingbar, dass so eine Liebesgeschichte humorvoll geschrieben wird. Denn wenn sich solche Geschichten zu ernst nehmen, dann ist das Lesen nur selten ein Genuss für mich. Aber auch das passte in „Die Schöne mit der Maske“ ganz wunderbar! Situationskomik, die nie übertrieben wurde, amüsante Dialoge, ohne dass man das Gefühl hat, dass da jemand unbedingt witzig sei will, und Charaktere voller realistischer Eigenheiten, die einen immer wieder zum Schmunzeln bringen. So zum Beispiel das eher unfähige Dienstmädchen Fanny, das regelmäßig das Essen anbrennen lässt, weil es abgelenkt wurde.

Ergänzt wurde die Geschichte noch mit einem kleinen Märchen, das stückchenweise zu Anfang eines jeden Kapitels zu lesen ist. „Der Rabenprinz“ ist eine niedliche Geschichte, die eine direkte Verbindung zu der Handlung hat, da das Märchenbuch von Anna in Edwards Bibliothek gefunden wurde, und deren indirekte Verbindung ganz leicht durch die Liebesgeschichte zwischen der Prinzessin und dem verfluchten Rabenprinzen gezogen werden kann. Sehr niedlich gemacht! 🙂

William Shakespeare: Macbeth

„Macbeth“ ist für mich im Prinzip ein re-read, denn ich habe mich zwischen der zehnten Klasse und meinem Abitur quer durch die englische Shakespeare-Gesamtausgabe aus der Bibliothek gelesen. Da das aber schon so einige Jahre her ist und ich inzwischen sehr viele Romane (vor allem Krimis) gelesen habe, in denen dieses Stück entweder zitiert oder auf einer Bühne aufgeführt wird, dachte ich, dass Hollys „Ich bilde mich weiter“-Challenge eine gute Gelegenheit ist, um diese Geschichte neu – und auf deutsch – auf mich wirken zu lassen.

Ich wollte es mir dieses Mal einfach machen und „Macbeth“ auf deutsch lesen – doch das stellte sich als überraschend großes Hindernis heraus. Wieder habe ich auf eine Stadtbibliothek zurückgegriffen – und die ersten beiden ausgeliehenen Titel fast ungelesen wieder zurückgebracht, da ich wirklich ein Problem mit den Übersetzungen hatte. Ich erwarte einfach einen bestimmten Rhythmus bei den ersten Zeilen dieses Stücks und reagiere erstaunlich irritiert, wenn der erste Auftritt der Hexen in meinen Ohren falsch klingt. Außerdem stelle ich immer wieder fest, dass ich Shakespeare laut lesen muss, damit ich mich mit seiner Sprache wohlfühle – was dazu führt, dass ich mich jedes Mal vergewissert habe, ob die Fenster auch zu sind, bevor ich zum Buch griff.

Die Handlung von „Macbeth“ ist eigentlich ganz simpel: Macbeth ist ein starker Krieger, der sich im Krieg gegen den norwegischen König ausgezeichnet hat. Als Duncan, der König von Schottland, von den Taten Macbeths hört, überträgt er ihm die Ämter und Würden des Thane of Cawdor (der sich im Krieg als Verräter herausgestellt hatte). Da Macbeth diese Würdigung schon von drei Hexen vorhergesagt wurde, die ihn auch als den zukünftigen König von Schottland bezeichneten, lässt ihn der Gedanke an die Ergreifung des Throns nicht los.

Von seiner Ehefrau angestachelt ermordet er Duncan, als dieser bei ihm zu Gast ist, und versucht die Tat den beiden Kammerdienern des Königs in die Schuhe zu schieben. Aber auch die Söhne des Ermordeten werden verdächtig, da sie nach der Tat außer Landes fliehen. Macbeth wird zum König gekrönt und nur sein alter Kamerad Banquo hegt einen Verdacht, dass Macbeth Duncan getötet haben könnte – und wird deshalb von angeheuerten Mördern erstochen. Doch mit dem Tod von Banquo wächst auch Macbeth schlechtes Gewissen und er fühlt sich vom Geist seines Freundes verfolgt.

Also sucht er noch einmal die drei Hexen auf, die ihm dieses Mal prophezeien, dass er sicher sei, solange nicht der Wald von Birnam nach Dunsinane komme. Außerdem könne ihm kein Mensch, der von einer Frau geboren wurde, Schaden zufügen. In der Zwischenzeit ist der schottische Edelmann Macduff nach England geflohen und versucht mit Malcolm (dem Sohn König Duncans) ein Heer gegen Macbeth aufzustellen. Obwohl Lady Macbeth die treibende Kraft hinter der Ermordung Duncans war, verfällt sie so langsam dem Wahnsinn, während sich ihr Mann zu einem schrecklichen Tyrann entwickelt. Schließlich gelingt es Macduff (der nicht normal geboren, sondern aus dem Leib seiner Mutter geschnitten wurde) Macbeth in einer Schlacht zu töten und so seiner Herrschaft ein Ende zu bereiten.

Ich finde es immer wieder beeindruckend, dass es Shakespeare gelungen ist, in seinen Stücken so viele Inhalte zu verpacken, die auch heute noch ihre Gültigkeit haben. Machtgier ist dabei das offensichtlichste Thema, aber auch Lady Macbeths Schuldgefühle, die sie in den Wahnsinn treiben und die Entwicklung Macbeths vom Helden zum Tyrannen – der in seinem Bestreben seine Macht zu erhalten immer lächerlicher wirkt. Spannend ist es für mich auch, dass ich bislang jedes Shakespeare-Stück beim erneuten Lesen auch wieder neu für mich entdecken konnte. Trotzdem werde ich mich wohl die nächsten Wochen wieder weiter mit aktuellere Lektüre beschäftigen und nicht so schnell zu einem anderen Text von William Shakespeare greifen. 😉

Elizabeth Boyle: Betörendes Spiel der Leidenschaft

Die skandalösen Romane, die Rebecca Tate unter falschem Namen veröffentlicht, sorgen für große Aufregung unter den Damen der Gesellschaft. Plötzlich will keine mehr von der den Traualtar geführt werden. Um dem unerhörten Treiben ein Ende zu setzen, wird der attraktive Rafe Danvers mit der Entlarvung der unbekannten Autorin beauftragt. Doch Rebecca will sich ihren Erfolg nicht nehmen lassen. Um den Verdacht von sich abzulenken, verstrickt die hübsche Unruhestifterin Rafe in ein gewagtes Spiel. Dabei wird ihr schnell klar, dass sie in Rafe einen äußerst hartnäckigen Gegner gefunden hat – und einen, dessen Verführungskünsten sie nicht lange widerstehen kann.

„Betörendes Spiel der Leidenschaft“ ist ebenfalls eine Leihgabe von Irina – und ich verkneife mir lieber jegliche Bemerkung zum Thema „Titel, Cover und Inhaltsangaben von (historischen) Liebesromanen“. Die Geschichte spielt im Jahr 1817 und Raphael „Rafe“ Danvers wird von der Gräfin Trottley engagiert, um herauszufinden, wer für die Miss-Darby-Romane verantwortlich ist. Denn nicht nur ihre Tochter, sondern auch alle anderen Debütantinnen haben nach dem Lesen dieser Bücher geschworen, dass sie (aus Trauer um den gefallenen Verlobten von Miss Darby) niemals heiraten würden. So beginnt die Saison nicht mit rauschenden Festen, sondern mit einem Haufen junger Damen, die mit einer Trauerbinde um den Arm zuhause hocken.

Rafe Danvers hat eigentlich gerade besseres zu tun, als auf die Jagd nach einem anonymen Schreiberling zu gehen, denn der Mann verdient sich seinen Lebensunterhalt als Ermittler (in erster Linie für die feine Gesellschaft) – zur Zeit versucht er sogar einen Mörder zu finden. Doch die Gräfin bietet ihm als Belohnung für die Enttarnung des Autors ein eigenes Anwesen und ein eigenes Zuhause ist Rafes heimlicher Traum von der Zukunft. Vor allem, da er regelmäßig aus seiner aktuellen Wohnung schleichen muss, da er nur dann seine Miete bezahlen kann, wenn er mal wieder Außenstände bei seinen Kunden eingetrieben hat. So hofft der Ermittler, dass er Gräfin Trottley innerhalb kürzester Zeit die Person vorstellen kann, die für die Miss-Darby-Romane verantwortlich ist, um dann wieder auf Mörderjagd gehen zu können.

Doch ganz so einfach wird es für Rafe nicht, denn kaum in dem friedlichen Ort Bramley Hollow angekommen, trifft er auch schon auf Rebecca Tate. Und diese ist nicht nur die gesuchte Autorin (was natürlich kein Mensch ahnt), sondern dem erfahrenen Ermittler durchaus gewachsen. Was auch an ihrem – für eine junge Dame aus gutem Hause eher ungewöhnlichen – Lebensweg liegt, denn sie hat einen großen Teil ihres Lebens bei ihrem (inzwischen geistig verwirrten) Onkel in den indischen Kolonien verbracht und musste dort deutlich selbstständiger und gewitzter sein, als man es sonst von einer Dame erwarten würde.

Die „Krimielemente“, die die Autorin Elizabeth Boyle in die Handlung eingewebt hat, fand ich sehr unterhaltsam (wenn sie auch – vom ereignisreichen Ende mal abgesehen – eher am Rande eine Rolle spielten) und auch die Charaktere haben mir wirklich gut gefallen. Vor allem hatte ich das Gefühl, dass die Autorin sich wirklich Mühe gegeben hatte, die Figuren einigermaßen stimmig auszubauen. Rafe ist, ebenso wie Rebecca, in einer sehr ungewöhnlichen Familie aufgewachsen und so lässt sich auch problemlos erklären, warum die beiden nicht besonders gut in die höhere Gesellschaft passen. Mit einem einigermaßen fundierten Hintergrund finde ich solche Persönlichkeiten doch gleich noch reizvoller!

Einen Kritikpunkt muss ich aber noch ansprechen: Die Sprache war in meinen Augen stellenweise grenzwertig schwülstig. Dabei beziehe ich mich weniger auf die eher blumigen Beschreibungen, die Rafe durch den Kopf gehen, wenn er Rebecca betrachtet, sondern auf ganz einfache Wendungen. Allein Rafes erster Auftritt hat bei mir zu einem ungläubigen Lachanfall geführt: „Rafe Danvers besaß die stechenden Augen eines Adlers und eine Kinnpartie, die in einer kastilischen Schmiede geformt und geprägt worden sein musste. Von ihm ging ein loderndes Feuer aus, das sich in seiner Intensität mit der gleißenden Sonne Spaniens messen konnte.“

Diese schwülstigen Worte entstammen nicht etwa von den Lippen eines verliebten und etwas närrischen Teenagermädchens, sie werden als „ganz normale“ Einführung für diesen Charakters verwendet, als er die Gräfin aufsucht, um über seinen neuen Auftrag informiert zu werden. Mit einer klareren Sprache wäre dieses Buch wirklich ein Genuss gewesen, so allerdings würde ich doch – trotz der schönen Geschichte – beim nächsten Liebesroman eher zu einer anderen Autorin greifen.

Julia Quinn: Penelopes pikantes Geheimnis

„Penelopes pikantes Geheimnis“ ist das vierte der Bridgerton-Bücher von Julia Quinn und handelt von Colin, dem drittältesten Sohn der Familie Bridgerton, und Penelope Featherington, einer Freundin seiner jüngere Schwester Eloise. Bevor ich auf den Inhalt eingehe, muss ich mich (mal wieder) über den deutschen Verlag beschweren. Sowohl der Titel (der im englischen einfach nur „Romancing Mr. Bridgerton“ lautet), als auch der Klappentext verraten den Knackpunkt der Geschichte. Wirklich sehr geschickt …

Die Handlung spielt im Jahr 1824 und zwölf Jahre zuvor erlebte Penelope Featherington ihre erste Saison. Da sie kaum siebzehn Jahre alt war, hätte sich ihre Mutter noch etwas Zeit damit lassen können, vor allem, da Penelope damals nicht nur recht reizlos war, sondern auch noch gut 12 Kilo Babyspeck zuviel auf den Hüften hatte. Bei all diesen Minuspunkten half es auch nicht, dass das Mädchen extrem schüchtern und unbeholfen im Umgang mit anderen Menschen war – und von ihrer Mutter ständig in gelbe Kleider gesteckt wurde, obwohl diese Farbe ihr so gar nicht stand.

Eine Saison nach der anderen stand Penelope also am Rand der Tanzfläche, versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr es sie kränkte, dass sie so wenig beachtet wurde und fand nur Trost in ihrer Freundschaft zu Eloise Bridgerton. Diese hingegen schätzte die Intelligenz und den Humor ihrer Freundin – und da Eloise keine Lust hatte einen ihrer vielen Anbeter zu heiraten, planten die beiden Mädchen zusammen in einem netten Häuschen in Bath alt zu werden, sobald ihr Status als „alte Jungfer“ von der Gesellschaft akzeptiert wurde. Doch bis zu diesem Zeitpunkt spielt die inzwischen 28jährige Penelope auf Bällen die Anstandsdame für ihre jüngere Schwester und ist heilfroh, dass sie sich zu den anderen „älteren“ Frauen zurückziehen darf und nicht mehr am Rande der Tanzfläche auf einen Kavalier warten muss.

Und doch gibt es einen Tanzpartner, der ihr Herz höher schlagen lässt: Colin Bridgerton, der ältere Bruder ihrer Freundin Eloise. In diesen hatte sich Penelope schon vor vielen Jahren verliebt und das Gefühl hatte sich im Laufe der Zeit nur vertieft. Obwohl ihr bewusst war, dass er ihr gegenüber nur genauso freundlich war, wie zu allen anderen Freundinnen seiner Schwestern, genießt sie seine kleinen Aufmerksamkeiten und die Höflichkeit, mit der er sie bei jedem Ball um einen Tanz bat (auch wenn beide wussten, dass er von seiner Mutter geschickt wurde, der das Mädchen am Rande der Tanzfläche leid tat). Auch Colin war – trotz seiner 33 Jahre und den diversen Verkupplungsversuchen seiner Mutter – noch nicht verheiratet und es war allgemein bekannt, dass er regelmäßig auf ausgedehnte Reisen ging, wenn seine Familie zu offensiv versuchte, ihn mit einer Ehefrau zu versorgen.

Zu Beginn dieser Geschichte war Colin gerade erst wieder nach London zurückgekehrt, um auf dem Geburtstagsball seiner Mutter anwesend zu sein. Was weder er noch irgendein anderer Ballbesucher ahnt, ist, dass die ältere – und als exzentrisch verrufene – Lady Danbury gerade auf diesem Ball beschließt, dass sie eine hohe Belohnung für denjenigen aussetzt, der ihr die Identität der geheimnisvollen Lady Whistledown verrät. Denn sie ist es leid, dass sich jeder darüber beklagt, wie langweilig diese Saison doch sei und erhofft sich durch die Jagd nach der beliebten, aber anonym schreibenden, Klatschkolumnistin gute Unterhaltung. Und während sich die feine Gesellschaft gegenseitig verdächtigt, all die pikanten Details, die mit spitzer Feder niedergeschrieben wurden, verfasst zu haben, kommen sich Colin und Penelope näher.

Auch dieses Bridgerton-Buch hat mich wieder wunderbar unterhalten. Obwohl die Geschichte nicht so zauberhaft ist, wie die Aschenputtel-Variante in „Wie verführt man einen Lord?“ und weder Penelope noch Colin so … hm … herausragend sind, wie die anderen Charaktere der Bridgerton-Reihe, mag ich die beiden einfach. Ich finde es bewundernswert mit wieviel Haltung Penelope durch’s Leben geht, wie sie auf einen ruhigen Lebensabend mit der Freundin hofft und versucht etwas Befriedigung in den kleinen glücklichen Momenten in ihren langweiligen Alltag zu finden. Colin hingegen ist keine so dramatische Gestalt wie seine älteren Brüder oder Simon Basset, der mit Colins Schwester Daphne verheiratet ist, aber ein netter Kerl, der es leid ist, dass alle Welt in ihm nur „einen Bridgerton“ und kein Individuum sieht. Für Penelope sind seine „Probleme“ nur Jammern auf hohem Niveau und doch erkennt sie, dass es für ihn fast genauso schlimm ist, dass er kein Aufgabe im Leben hat, wie für sie, dass keiner von ihr mehr als das eher reizlose Äußere wahrnimmt.

Auch wenn mich diese Geschichte nicht so mitgerissen hat, wie es die anderen Bücher taten, so fand ich es doch sehr angenehm mal so ein normales Pärchen verfolgen zu dürfen. Zu sehen wie Colin so nach und nach entdeckt, dass hinter Penelopes unauffälligem Äußeren (wobei sie sich auch da deutlich gemausert hat, seitdem nicht mehr ihre Mutter ihre Kleidung aussucht) ein scharfer Verstand und ein wunderbarer Humor stecken, hat mir gefallen. Ebenso wie Penelopes Einsicht, dass der jahrelang angehimmelte Colin auch nur ein ganz normaler Mann mit Ecken und Kanten – und nicht gerade wenigen Schwächen ist. Sie liebt ihn trotzdem, auch wenn sie anfangs befürchten muss, dass er nicht alle Seiten an ihr respektiert.

Ein wenig schade ist es, dass der restlichen Bridgerton-Familie dieses Mal eine recht kleine Rolle zugebilligt wurde. Colin wohnt eigentlich nicht mehr zuhause und so ist es kein Wunder, dass seine Mutter und seine Geschwister in diesem Roman nur „Gastrollen“ übernehmen. Aber stattdessen habe ich mich über all den Szenen mit der eigenwilligen Lady Danbury gefreut. Niemand will freiwillig etwas mit dieser resoluten Dame zu tun haben und die gesamte Londoner Gesellschaft hat regelrecht Angst vor ihr und ihren spitzen Bemerkungen. Doch da sie Penelope ins Herz geschlossen hat, gibt es viele wunderbare Momente mit diesen beiden Figuren, die mir mindestens ebenso viel Freude bereitet haben, wie die Liebesgeschichte zwischen Penelope und Colin.

Simon Brett: Ein Toter kommt selten allein

Ich hatte vor ein paar Jahren die Romane „Mord im Museum“ und „Der Tote im Hotel“ von Simon Brett aus der Bibliothek ausgeliehen – und mich von den Büchern gut unterhalten gefühlt. Seitdem halte ich die Augen auf nach weiteren Titel dieses Autoren und war froh, als ich „Ein Toter kommt selten allein“ in die Hände bekam. Allerdings ist „Ein Toter kommt selten allein“ oder genauer gesagt die Krimi-Serie mit Carole Seddon und Jude Nichols mal wieder ein schönes Beispiel für eine seltsame Veröffentlichungspolitik. Denn wie ich inzwischen herausfand, ist der zuletzt veröffentlichte Titel der erste Teil der Reihe, während die beiden zuerst erschienenen Romane Band 4 und 5 sind.

„Ein Toter kommt selten allein“ lebt von den beiden gegensätzlichen Hauptfiguren. Carole Seddon ist eine frühpensionierte Beamtin, überkorrekt, sehr konservativ und nicht gerade die Herzlichkeit in Person. Sie weiß immer, was sich gehört – und versucht natürlich auch dementsprechend zu handeln. So ist es für sie auch selbstverständlich, dass sie die Polizei ruft, als sie beim morgendlichen Strandspaziergang eine Leiche findet. Was die Polizisten allerdings nicht so ganz verstehen können, ist, dass Carole vor dem Anruf noch ihren Hund baden musste, weil er sonst ihr Häuschen verdreckt hätte. So ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass die Beamten (da sie keine Leiche am Strand finden konnten) Carole eher für eine hysterische Frau halten, die etwas Aufmerksamkeit sucht, statt wirklich nach einem Toten Ausschau zu halten.

Einzig Jude nimmt sie ernst, dabei ist die neue Nachbarin Carole so ungemein suspekt. Sie ist viel zu locker, verrät nicht, womit sie ihr Geld verdient, stellt sich nur mit Vornamen vor und ist überhaupt alles andere als eine respektable Person! Aber sie glaubt Carole und gemeinsam beginnen die beiden Frauen ihre Nase in die Angelegenheiten der Nachbarn zu stecken, um mehr darüber herauszufinden, wer der Tote gewesen sein könnte – und wer ihn ermordet hat! Und da in Fethering, dem kleinen Küstenort, in dem Carole und Jude leben, eine ganz eigene Gesellschaft haust, gibt es so einiges für die beiden Hobbydetektivinnen zu entdecken.

„Ein Toter kommt selten allein“ fällt bei mir in die Kategorie „nett und unterhaltsam, aber nicht besonders spannend“. Carole und Jude sind etwas überzogen, aber sehr liebevoll dargestellt, und durch ihre unterschiedliche Wesensart gibt es immer wieder amüsante Momente zu erleben. Auch der Ort Fethering ist eine Sache für sich – voller arroganter Personen, deren renovierte (Haus-)Fassaden doch nur ein marodes Familienlebern vertuschen soll, und vor allem voller ungeschriebener Regeln, die mir ein – zum Teil fassungsloses – Grinsen beschert haben.

Oft liegt bei diesen eher gemütlichen britischen Krimis ein Vergleich mit Agatha-Christie-Romanen nahe. So gehören auch die Bewohner von Fethering zu einer eher geschlossenen Gemeinschaft, in der jeder die Schwächen des anderen kennt, und wo es vor sehr individuellen Figuren wimmelt. Es gab sogar in der Vergangenheit des Ortes Bemühungen weitere Zuzüge zu verhindern, damit man schön „unter sich“ bleiben kann! Insgesamt fand ich die Auflösung des Mordes und die Hintergründe der Geschichte recht vorhersehbar, was aber nichts am Unterhaltungswert des Romans ändert. Denn unterhaltsam ist die Handlung und ich konnte wunderbar über all die kleinen Szenen schmunzeln, in denen die Spießbürgerlichkeit von Carole und ihren Nachbarn gezeigt wird – und wie sehr Jude mit ihren unkonventionellen Art diese Leute irritiert. Wer also einen anspruchslosen, aber wirklich netten englischen Kriminalroman sucht, wird mit „Ein Toter kommt selten allein“ gut bedient.

Mary Balogh: Diesen Sommer bin ich dein

„Diesen Sommer bin ich dein“ gehört zu den Empfehlungen von Irina – und sie hat mit dem Roman bei mir ins Schwarze getroffen! Hach, die Geschichte war lustig und gleichzeitig zum Heulen schön, vor allem, da sie so leise und wenig reißerisch erzählt wird …

Kit Butler, Viscount Ravensberg, benimmt sich wahrlich nicht wie ein Gentleman und so sieht ihn Lauren Edgeworth zum ersten Mal, als er sich in der Öffentlichkeit mit drei Männern prügelt und dann ein Milchmädchen küsst. Lauren hingegen ist durch und durch eine Lady, sie fühlt sich von dem anstößigen Verhalten des Viscount schockiert, bewahrt ansonsten jederzeit ihre Würde und ist die Ehrbarkeit in Person. Doch ganz so einfach ist ihr Leben bislang nicht verlaufen, denn vor gerade mal einem Jahr stand Lauren vor dem Altar, um Neville Wyatt, Earl of Kilbourne, zu heiraten – doch dann platze die totgeglaubte und vor der Familie verheimlichte Frau des Bräutigams in die Kirche.

Für Lauren wurde die Situation in Newbury Abbey daraufhin unerträglich, denn nun hatte sie nicht nur das Glück des wiedervereinten Paares tagtäglich vor Augen, sondern musste auch damit leben, dass ihr Neville eigentlich die ganze Zeit eine andere Frau geliebt hat. Doch verlassen konnte sie sein Zuhause auch nicht ohne weiteres, da sie als Pflegetochter der Familie aufwuchs. Nur gut, dass sie vor einigen Wochen eine Einladung ihrer Tante nach London annehmen konnte, um dieser in den Monaten vor ihrer Niederkunft Gesellschaft zu leisten.

Auch Kit steht gerade vor einem Problem: Seine Großmutter feiert ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag und anlässlich dieser Feier möchte Kits Vater die Verlobung seines Sohnes mit der Nachbarstochter bekannt geben. Doch da die Dame die ehemalige Zukünftige seines verstorbenen Bruders ist und Kit auch sonst ein Problem mit dieser geplanten Feier hat, plant er in den nächsten sechs Wochen eine Frau zu finden, die er seiner Familie als seine Verlobte vorstellen kann. Und damit diese Aufgabe zu einer richtigen Herausforderung wird, geht Kit mit seinen Freunden eine Wette ein, dass es die ehrbare und abweisende Lauren Edgeworth sein soll, die er in den nächsten Wochen erobert.

So sieht sich Lauren auf einmal den Aufmerksamkeiten des verrufenen Viscount Ravensberg ausgesetzt. Während sein Verhalten sie empört, reizt es sie jedoch auch mal gegen die Ratschläge ihrer Verwandtschaft zu handeln. Vor allem die Tatsache, dass man ihren Wunsch nach Einsamkeit und ein Leben als alte Jungfer nicht akzeptiert und ihr einen potenziellen Heiratskandidaten nach dem anderen vor die Nase setzt, empört sie so sehr, dass sie einen ungewohnten Widerspruchsgeist in sich entdeckt. Schließlich willigt sie ein mit Kit zusammen zu seiner Familie zu reisen und sich als seine zukünftige Braut auszugeben, in der Hoffnung, dass sie nach einer zweiten misslungenen Verlobung ein ruhiges und unabhängiges Leben in Bath führen kann. Doch so ganz einfach ist es nicht diese vorgetäuschte Verbindung ohne Probleme vor der gesamten Verwandtschaft aufrecht zu erhalten – vor allem, da es sich Lauren zur Aufgabe gemacht hat, Kit mit seiner Familie zu versöhnen, während er ihr den abenteuerlichsten und amüsantesten Sommer ihres Lebens bereiten will.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe kein Problem mit Sexszenen in historischen Liebesromanen, solange sie schön geschrieben sind (und über die anderen kann ich hinweglesen). Aber in der letzten Zeit ist mir der Verdacht gekommen, dass ich die Geschichten ohne Sex bevorzuge, da dann mehr Raum für die Charaktere und ihr Kennenlernen, für Wortgefechte und Freundschaft da ist. Mary Balogh hingegen lässt sich mit ihrer Handlung viel Zeit und findet so in meinen Augen die richtige Balance zwischen diesen beiden „Schwerpunkten“. Lauren und Kit lernen sich langsam kennen, obwohl für den Viscount die Zeit drängt. Und je mehr die beiden sich kennenlernen, desto mehr sind sie voneinander fasziniert, desto mehr freunden sich die beiden miteinander an.

Ich fand es wunderschön diese Beziehung zwischen den beiden zu verfolgen und mit Laurens Augen zu sehen, dass hinter Kits heiteren und unbekümmerten Fassade ein Mensch mit ganz eigenen Problemen steckt. Kit hingegen fühlt sich von Lauren würdevoller Haltung herausgefordert und doch lernt auch er nach einiger Zeit, dass hinter ihrem kühlen und gefassten Wesen der Wunsch steckt, einmal das Leben unbekümmert genießen zu können. Gerade die gemeinsamen Unternehmungen der beiden haben mich amüsiert. Ganz kleine Dinge, die für ein Kind ganz normal wären, wie eine kleine Kletterpartie in einen Baum, und die doch so ungehörig sind für eine Dame der Gesellschaft und deshalb unglaublichen Mut von Lauren fordern.

Auch die anderen Charaktere fand ich eigentlich durchweg sympathisch, selbst die unangenehmen Personen hatten doch Seiten, die einen berührten. Bei der Gelegenheit muss ich dann doch noch einmal auf Georgette Heyer verweisen, die es ganz wunderbar versteht hassenswerte Figuren wirklich reizvoll zu gestalten – und an ihren Herzog von Avon und seine Familie erinnerten mich auch Kits Nachbarn und die Verlobte seines verstorbenen Bruders. Ohje, ich kann es nicht ändern, dieser Vergleich muss einfach sein. 😉

Alles in allem hat mir „Diesen Sommer bin ich dein“ durchgehend gefallen und ich finde einfach keinen Kritikpunkt. Ich wollte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, habe gelacht, geschmunzelt, geweint oder einfach nur eine Szene genossen. Die Geschichte ist richtig schön – und nur die Tatsache, dass anscheinend nur noch Ausgaben mit diesen schrecklichen Covern, auf denen in wallende Gewänder gekleidete Personen in gliedmaßenverrenkenden Stellungen zu sehen sind, zu kaufen sind, hält mich gerade davon ab meinen Wunschzettel mit Romanen von Mary Balogh zu füllen.