Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls?

Auf „Was geschah in Echo Falls?“ bin ich durch Kiya aufmerksam geworden und zum Glück konnte ich den Titel auch über unsere Bibliothek vormerken lassen. Eigentlich könnte ich es mir nun einfach machen und nur auf Kiyas Rezension zu dem Titel verweise und sagen: Jupp, so ist es, ich stimme zu! 😉 Aber den einen oder anderen eigenen Gedanken zum dem Roman habe ich ja doch, so dass ich mir doch noch die Mühe mache und etwas mehr schreibe.

Als erstes muss ich übrigens anmerken, dass ich etwas verwirrt war, weil meine HC-Ausgabe keinen richtigen Rückentext aufweist, sondern dafür eine sehr lange Empfehlung von Stephen King, mit der er dem Leser das Buch ans Herz legt. Es ist ja schön, dass der Roman dem Herren gefallen hat, aber eigentlich ist mir seine Meinung recht gleichgültig. Dafür hat mich die Inhaltsangabe innen dann ein bisschen gespoilert – das hätte man schon etwas geschickter machen können.

In „Was geschah in Echo Falls“ ist die dreizehnjährige Ingrid die Hauptfigur. Sie liebt Sherlock-Holmes-Geschichten (und kennt sie so gut, dass sie jederzeit daraus zitieren kann), spielt gerne Theater und Fußball, verliert sich manchmal in Tagträumen und führt ansonsten ein recht normales Leben. Zumindest ist das bis zu dem Tag so, an dem sich Ingrid auf dem Weg zum Fußballtraining in ihrer kleinen Stadt verirrt. Während sie sich noch fragt, wie sie wieder nach Hause finden soll, trifft sie auf „Müll-Katie“ (Kate) – eine in der Stadt wegen ihrer Seltsamkeit verrufenen Frau -, die so nett ist und für Ingrid ein Taxi ruft.

Kurz darauf liest Ingrid in der Zeitung, dass Kate am Nachmittag ihres Zusammentreffens ermordet worden ist. Von diesem Zeitpunkt an lässt sie die Frage nicht los, wer der Täter sein könnte. Und als sie sich dann auch noch gezwungen sieht in Kates Haus einzubrechen, um etwas zu holen, das sie dort vergessen hatte, findet sie sogar Hinweise auf das Motiv für das Verbrechen. Obwohl sich das Ganze nun nach einem klassischen Kriminalroman anhört, ist es gar nicht der eigentliche Fall, der dafür sorgte, dass ich Spaß beim Lesen hatte. Der Krimianteil ist nicht mehr als nett und stellenweise sogar sehr vorhersehbar, aber dafür habe ich Ingrid schnell ins Herz geschlossen.

Während Kiya bemängelt, dass Ingrid nicht zu Beginn gleich zur Polizei geht, fand ich es ganz natürlich, dass sie dafür anfangs noch keine Notwendigkeit sieht. Sie hat zwar anscheinend als Letzte Kate vor dem Mord gesehen, ist sich aber sicher, dass sie nichts relevantes auszusagen hat. Und wenn sie zur Polizei gehen würde, müsste sie ihren Eltern beichten, dass sie sie angelogen hat und dass sie sich auf der Strecke zwischen ihrem Zahnarzt und dem Fußballtraining verlaufen hat (wie peinlich!), mal davon abgesehen, dass ihre Eltern bestimmt auch nicht begeistert wären, wenn sie wüssten, dass Ingrid Kontakt zu „Müll-Katie“ hatte.

In gewisser Weise finde ich die Familienverhältnisse von Ingrid faszinierend. Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Familie. Der Vater ist der Vermögensberater der reichsten Familie der Stadt, die Mutter arbeitet als Immobilenmarklerin, der große Bruder ist ein hervorragender Footballer und der Großvater „Grampy“ ein dickköpfiger ehemaliger Farmer, der alles daran setzt, um seinen Hof so zu behalten wie er ist. Aber je aufmerksamer Ingrid im Laufe des Buches durch die Gegend geht, desto mehr Unstimmigkeiten fallen einem auf. So fährt der Vater zwar einen großen Wagen, aber das Mädchen erinnert sich an Streitigkeiten zwischen seinen Eltern, bei denen es um die Ratenzahlungen für das Auto ging.

Und obwohl ihr großer Bruder Ty ein erfolgreicher Sportler ist und alle Erwartungen seines Vaters erfüllt, scheint er nicht glücklich zu sein. Dazu kommen noch gesundheitliche Auffälligkeiten und eine übermäßige Aggressivität gegenüber der kleinen Schwester, während Ingrid von ihren Eltern mit allen Mitteln zum Sport und zur Mathematik gedrängt wird, damit sie später eine Eliteuniversität besuchen kann. All das zeigt, dass die auf den ersten Blick so normale heile Familie gar nicht so gut funktioniert, dabei bietet einem Peter Abrahams keine einfachen Erklärungen für die vielen verschiedenen Szenen, sondern lässt sie einfach im Raum stehen, was mir besonders gut gefällt.

Ich weiß nicht, ob Jugendliche so schnell dahinterkommen, welche Probleme in Ingrids Familie herrschen, aber mir gefällt es, dass nicht alles ausgesprochen wird. Noch bleibt die Geschichte konsequent auf dem Wissensstand, den Ingrid hat, egal wie viele Gedanken man sich über all die Hintergründe machen kann. Diese Familienkonstellation, all die Anspielungen auf Sherlock Holmes und der kleine Hauch von „Liebes“geschichte, haben mir wirklich viel Vergnügen bereitet. Da konnte ich auch locker darüber hinwegsehen, dass der Krimianteil etwas vorhersehbar und nicht ganz so schlüssig war. Und nun bin ich so neugierig darauf, wie es mit Ingrid weitergeht, dass ich mir die beiden anderen bislang erschienenen Bände gleich in der Bibliothek vorgemerkt habe.

Michelle Harrison: Elfenseele 3 – Jenseits der Ferne

Ein bisschen hat es gedauert bis mit „Jenseits der Ferne“ der dritte Band der „Elfenseele“-Reihe von Michelle Harrison erschienen ist. In diesem Buch übernimmt wieder Rowan „Red“ Fox die Hauptrolle, auch wenn Tanya und Fabian ebenfalls auftauchen und ihren Part zur Handlung beitragen. Doch von Anfang an: Nachdem Rowan im vorhergehenden Band endlich ins Elfenreich gelangt war und dort ihren kleinen Bruder James wiedergefunden hatte, lebt sie nun mit Tanyas Großmutter, Fabian und seinem Vater und der Haushälterin Nell auf Elvesden Manor.

Eigentlich fühlt sie sich sehr wohl in ihren neuen Zuhause und auch der Kontakt zu Rose, die sich im letzten Buch als Rowans Mutter entpuppt hat, wird immer besser. Wobei es auch hilft, dass Rose auf dem Gelände von Elvesden Manor ein kleines Tierheim eröffnen durfte und die beiden so täglich miteinander reden können. Und doch gibt es etwas, was dem Mädchen auf der Seele liegt.

Als sie vor einem Jahr ihre Suche im Elfenreich begann, wurde sie (gemeinsam mit Fabians Vater Warwick) von der Heckenhexe gefangen genommen. Bei ihrem Fluchtversuch hätten die beiden auch den dritten Gefangenen, Eldritch, mitnehmen können, doch da dieser an James Entführung beteiligt war, ließ Rowan ihn an eine Mauer gekettet im Keller der Hexe zurück. Inzwischen aber belastet sie der Gedanke, was wohl aus Eldritch geworden ist und lässt sie keine Ruhe mehr finden. Zusätzlich wird ihr Leben von Sperling, Tino und anderen alten Bekannten durcheinander gebracht. Sperling und seine Freunde gehören dem Coven an, der es sich zur Aufgabe gemacht hat Kinder, die durch Wechselbälger ausgetauscht wurde, wieder aus dem Elfenreich zurück zu holen.

Tino will nicht nur, dass Rowan wieder ihre früheren Aufgaben im Coven übernimmt, sondern hat auch selber gravierende Probleme. So sind einige Mitglieder dieses vertrauten Kreises verschwunden und werden nur wenig später ermordet aufgefunden. Dabei wird deutlich, dass die Täter nicht nur von ihrer geheimen Tätigkeit bei der Rückbeschaffung gestohlener Kinder wussten, sondern auch die jeweilige spezielle Aufgabe der Person in diesem Kreis und ihre jeweilige Schwachstelle genau kannten. Auch wenn Rowan mit diesem Teil ihres Lebens eigentlich abgeschlossen hat, kann sie ihre ehemaligen Verbündeten doch nicht im Stich lassen. Und auch Tanya und Fabian wollen ihren Teil dazu beitragen, dass die Morde, die so eindeutig mit dem Elfenreich verbunden sind, aufgeklärt werden. Dabei geraten nicht nur die Jugendlichen in Gefahr, sondern auch alle anderen Bewohner von Elvesden Manor.

Obwohl mir auch dieser dritte Band der „Elfenseelen“-Reihe gut gefallen hat und ich Rowan als Hauptfigur lieber sehe als Tanya, so hat mich dieser Teil nicht ganz so mitgerissen wie ich es gehofft hatte. Zum einen denke ich, dass es daran liegt, dass die Handlung – trotz diverser übernatürlicher Gestalten und Vorgänge – in unserer Welt spielt und daran, dass Elvesden Manor eine deutlich geringere Rolle übernimmt, als mir lieb gewesen wäre. Ich habe eben eine ganz besondere Schwäche für die kleinen Bewohner dieses Hauses, wenn man mal von dem schleimigen Langfinger im Abfluss absieht.

Und dann werden sehr viele Figuren neu in die Handlung eingeführt, so viele, dass ich zu kaum einem der neuen Charaktere eine Beziehung aufbauen konnte. Außerdem wird schnell deutlich gemacht, dass nicht alle Mitglieder des Coven eine reine Weste haben – wobei der Verräter in diesem Kreis in meinen Augen so offensichtlich war, dass in dieser Beziehung keine Spannung bei mir aufkam. Zuletzt störten mich noch ein wenig die beiden „Liebesgeschichten“, die hier und da in der Handlung durchschimmern. Trotzdem habe ich das Lesen dieses Romans genossen, auch wenn sich das bislang vielleicht nicht so angehört hat.

Michelle Harrison hat eine spannende Grundsituation geschaffen und vor allem fand ich es interessant noch mehr über Rowans Zeit auf der Straße und über das Geschäft mit Kindern/Wechselbälgern zu erfahren. Vor allem der Versuch des Coven einem Jungen zu helfen, dessen Mutter anscheinend nicht mehr wie früher ist, hat mir einen fesselnden Einblick in die Schwierigkeiten dieser Aufgabe geboten. Außerdem habe ich die Vorbereitungen für die Endschlacht genossen, ebenso wie das Wiedersehen mit den schon vertrauten Figuren (nur auf die Haushälterin Nell könnte ich verzichten, die nervt mich doch ziemlich). „Jenseits der Ferne“ ist in meinen Augen zwar nicht ganz auf dem Niveau der früheren Romane, aber immer noch ein tolles Buch.

Susanne Mittag: Melina und die vergessene Magie

Als Melina an ihrem ersten Schultag nach einem Umzug in eine neue Stadt von ihrer Mitschülerin Lisa im Keller der Schule eingesperrt wird, öffnet sich vor ihr urplötzlich ein Fenster in eine fantastische Welt. Und so landet das Mädchen durch ein Versehen des Zauberlehrling Tann in Lamunee. Doch Menschen sind in diesem Land nicht erlaubt und so muss der Tann schnell einen Weg finden, um Melina wieder nach Hause zu bringen.

In der Hoffnung, dass die mächtigen Eiszauberer (zu denen auch Tanns Meister Salius gehört) eine Lösung wüssten, machen sich die beiden auf zum Schloss des Königs. Dort findet nämlich gerade eine geheimnisvolle Konferenz statt, zu der der Herrscher alle Eiszauberer des Landes gerufen hat. Doch noch bevor Melina und Tann ihr Ziel erreichen, finden sie eindeutige Hinweise darauf, dass die Feuerzauberer nach Lamunee zurückgekehrt sind und nun eine Bedrohung für alle Bewohner des Landes darstellen. Aber nicht nur Melinas Perspektive kann man miterleben, sondern auch die der jungen Lianna, die als Lehrling – bzw. Dienstmädchen – bei der Zauberin Morzena angestellt ist.

Wirklich neu ist die Grundidee hinter dieser Geschichte nicht, aber da ich eine Menge wirklich netter Bücher kenne, bei denen Kinder aus unserer Welt in ein fantastisches Land gelangen, stört mich das wirklich nicht. Der Roman von Susanne Mittag strotzt vor lauter niedlichen Elementen, die der Leser gemeinsam mit Melina während ihrer Reise entdecken kann. Man lernt mehr über den Bogan Tann, die Magie im Land und die vielfältigen Geschöpfe, die Lamunee bevölkern. Die Vielfalt der Gestalten, die mit ihnen verbundenen kleinen Sagen und Geschichten sowie die Landschaftsbeschreibungen haben mir wirklich gut gefallen. Selbst die Dinge, die einem vertraut vorkommen, werden von Susanne Mittag mit einem eigenen Touch versehen und erscheinen so individuell.

Mir haben auch die verschiedenen Figuren gefallen. Melina versucht, das Beste aus ihrer Situation zu machen, der Zauberlehrling Tann muss sich einigen unangenehmen Wahrheiten stellen, lernt dafür aber viel über seine eigenen Fähigkeiten, der Musiker Erel (der sich mit Melina und Tann anfreundet) wird zu einem hilfreichen Begleiter und Lianna macht ebenfalls eine schöne Entwicklung durch. Doch trotz all dem hat mich das Schicksal dieser Figuren nicht wirklich berührt. Entweder hat die Autorin den Dreh nicht raus, wie man einen Handlungsstrang so spinnt, dass einem die Geschehnisse so nahe gehen, dass der Leser mit den Charakteren mitfiebert – oder es liegt an der „ab zehn Jahre“-Vorgabe. Auf jeden Fall war ich ständig enttäuscht darüber, was in diesem Buch aus den verschiedenen Situationen gemacht wurde.

Ich verstehe, dass in einem Fantasy-Buch für Kinder viele Situationen mit Magie gelöst werden, aber ich hätte mir gewünscht, dass die Figuren trotzdem mal in ernsthafter Gefahr geschwebt hätten. Doch kaum kommt ein Hauch von Spannung auf, da verpufft sie schon wieder, weil das drohende Problem mit einem Fingerschnippen, dem richtigen Wort oder eben dem Griff in den Magiebeutel gelöst wird. Besonders Melinas besondere Fähigkeit, die in Lamunee zum Vorschein kommt, sorgt dafür, dass die Geschichte viel zu glatt läuft. Und am Ende bleiben dann noch Fragen offen, die leicht hätten gelöst werden können und vielleicht zu einem befriedigteren Gefühl am Schluss hätte führen können. So entwickelt Lianna zum Besipiel im Laufe der Geschichte Angst um ihre Eltern – was aber wirklich mit ihnen passiert ist, erfährt der Leser nicht. Ich glaube, ich wäre nicht so enttäuscht von „Melina und die verlorene Magie“ gewesen, wenn die Autorin nicht so viele tolle Ansätze gehabt und atmosphärische Beschreibungen verwendet hätte. So fühlte ich mich beim Lesen, als würde man mir ständig Versprechungen machen, die dann aber nicht eingehalten werden …

Richard Harland: Worldshaker

Mit „Worldshaker“ bietet Richard Harland dem Leser den Auftaktband zu einer Jugend-Steampunk-Reihe – die inzwischen auch schon mit dem Roman „Liberator“ fortgesetzt wurde. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht vor allem der junge Colbert (Col) Porpentine, der zu einer der führenden Familien auf dem Juggernaut „Worldshaker“ gehört. Col ist ein netter und aufmerksamer Junge, der sehr an seiner Großmutter hängt, mit Vergnügen lernt und brav das tut, was seine Familie von ihm erwartet. Alles in allem führt der Junge ein gutes Leben, auch wenn er kein sehr enges Verhältnis zu seinen Eltern oder seiner Schwester hat.

Doch sein Bild von einer heilen Welt wird schnell erschüttert, als eines Tages eine von den „Dreckigen“ aus den untersten Ebenen der „Worldshaker“ ausbricht und Zuflucht in Cols Zimmer sucht. Sein ganzes Leben lang wurde ihm gesagt, dass die „Dreckigen“ nicht besser als Tiere seien, dumm, primitiv und gewalttätig. Doch Riff, das Mädchen, das sich vor den Wachen unter seinem Bett versteckt hat, ist nicht nur in der Lage zu sprechen, sondern scheint auch noch außerordentlich klug zu sein. Obwohl Colbert anfangs nichts mit Riff zu tun haben will, lernen sich die beiden näher kennen, während sie sich gegenseitig beibringen, was dem anderen von Nutzen sein kann.

So beginnt Colbert damit, all die Dinge zu hinterfragen, die ihm seit seiner Kindheit so selbstverständlich waren. Auch der Unterricht in seiner neuen Schule, die ihn auf eine Zukunft in einem der höchsten Ränge auf dem Juggernaut vorbereiten soll, stellt den neuerdings so neugierigen Jungen vor immer neue Fragen und widerspricht in vielen Punkten dem, was er von seinem früheren Hauslehrer gelernt hat. Je länger Col über all diese Dinge nachdenkt, je aufmerksamer er seine Familie und seine Freunde beobachtet, desto mehr wird ihm klar, dass an Bord der „Worldshaker“ so einiges im Argen liegt.

Richard Harland hat mit dem Juggernaut ein faszinierendes und wirklich ungewöhnliches Setting für seine Geschichte geschaffen. Während auf den oberen Decks ein relativ normales „Stadtleben“ stattfindet, mit Ebenen für Handwerker, mit Schulen und Bibliotheken und ein paar wenigen Menschen, die zur Oberschicht gehören und der Königin und ihrem Gemahl zur Seite stehen, hausen auf den unteren Decks die „Dreckigen“, die für die Versorgung der Dampfkessel mit Kohle zuständig sind. Obwohl sich ohne die „Dreckigen“ das ungeheure Weltschiff des britischen Königreichs keinen Meter weit bewegen würde, werden diese von ihren Aufpassern regelmäßig gequält und mit dem minderwertigsten Essen versorgt, dass zur Verfügung steht. So ist es kein Wunder, dass Riff, die von klein auf um ihr Überleben kämpfen musste, deutlich gewitzter, stärker und flinker ist als Colbert.

Gerade aufgrund ihrer unterschiedlichen Lebenserfahrungen ergänzen sich Col und Riff so gut und können gemeinsam mehr erreichen, als es ihnen einzeln möglich wäre. Doch dafür müssen sie sich erst einmal anfreunden und dem anderen so weit vertrauen, dass sie überhaupt gemeinsam handeln können. Dabei beschreibt Richard Harland diese Annäherung der beiden Charaktere sehr schön. Auf beiden Seiten herrscht ein Grundmisstrauen, das immer wieder aufflackert, aber auch der Wunsch nach Wissen und nach der Wahrheit hinter all den Geschichten und Lügen. Während Riff häufig spontaner ist, als ihr gut tut, und scheinbar bedenkenlos Risiken eingeht, erscheint Col dem Leser manchmal etwas träge. Er muss jeden Schritt gut überdenken, denn mit jedem neuen kritischen Gedanken wird er mehr zum Verräter an seiner Familie und seiner Schicht. Beide Figuren werden vom Autor sehr sympathisch und glaubwürdig geschildert, und das hat mir ebenso gut gefallen wie die außergewöhnliche Umgebung und die Handlung an sich.

Ich fand es sehr spannend zu beobachten, wie Col und Riff mehr über die jeweils andere Welt lernen und wie sehr das ihr weiteres Handeln beeinflusst. Noch fesselnder fand ich es, mehr über Cols Umgebung herauszufinden, mir meine Gedanken zu seiner Familie zu machen und zu überlegen, wer für den Jungen vielleicht als Verbündeter oder als neue Wissensquelle herhalten könnte. Dabei gab es allerdings auch den einen oder anderen vorhersehbaren Punkt für mich, z. B. den Grund für die schlechte Gesundheit von Wicky Popo, einem der Diener der Familie Porpentine, oder die Ursache für das Verhalten von Gillabeth, Colberts Schwester, aber das konnte den guten Gesamteindruck bezüglich Handlung und Figurenentwicklung nicht trüben.

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings für mich bei „Worldshaker“. Auch wenn – oder vielleicht gerade weil – ich es mit einem Jugendbuch zu tun habe, erwarte ich eine gut durchdachte Welt. Und so faszinierend der Juggernaut ist, so fesselnd und ungewöhnlich Richard Harlands Beschreibungen dieser ganz eigenen kleinen Welt sind, so sehr mir die Vorstellung einer „Worldshaker“ und die Grundidee gefällt – es funktioniert leider nicht! Bei jedem neuen Detail zuckte ich innerlich zusammen, weil mein Verstand mir sagte, dass das so nicht geht! Allein die Energieversorgung … Selbst wenn ich davon ausgehe, dass die Juggernaut über Wasser einen geringeren Energieverbrauch hat, ist ein Anheizen mit Kohle bei einem so riesigen „Fahrzeug“ so einfach nicht machbar.

Wenn schon eine relativ moderne Dampflokomotive für 200 km 8-10 Tonnen Kohle benötigt, welche Mengen würde dann ein fast vier Kilometer langes und gut 1 Kilometer breites „Schiff“, welches über 53 Decks verfügt, für mehrere Reisetage benötigen? Wie ihr seht, habe ich mir da so viele Gedanken gemacht, dass ich sogar angefangen habe, über Dampflokomotiven zu recherchieren. Von der Versorgung von mehr als 10.000 (oder mit den Dreckigen zusammengenommen über 12.000) Personen mit Wasser, Nahrungsmitteln und anderen Bedarfsgütern will ich gar nicht reden. Auch wenn es immer wieder heißt, dass die Vorräte an bestimmten Anlaufpunkten wieder aufgefüllt werden, so scheint das wirklich die einzige Versorgungsmöglichkeit zu sein. Es werden keine Viehhaltung, kein Gemüseanbau oder ähnliche Produktionen an Bord des Juggernaut erwähnt.

Ganz ehrlich, mir gingen beim Lesen noch viel mehr Gedanken zu diesem Thema durch den Kopf, und als ich anfing, über Lade- und Löschzeiten von Binnenschiffen zu recherchieren, habe ich über mich selbst den Kopf geschüttelt und mir gedacht, dass es nun aber gut sein sollte. Vielleicht wäre ich beim Lesen nicht so kritisch gewesen, wenn Richard Harland auf einige Details verzichtet hätte. Denn wenn niemals die Frage aufgekommen wäre, ob auf der „Worldshaker“ etwas produziert wird oder wie sich dieses Gefährt vorwärtsbewegt, dann hätte ich gar nicht erst angefangen, mir darüber Gedanken zu machen und diese Welt einfach nur hingenommen. So aber ist das schon ein Punkt, der mein Lesevergnügen etwas getrübt hat, obwohl ich ansonsten viel Spaß mit Colbert und Riff und all den gesellschaftskritischen Ansätzen in „Worldshaker“ hatte.

John Green: Margos Spuren

Bei diesem Roman von John Green mache ich es mir mal einfach und zitiere die Inhaltsangabe des Verlags:
„Schon als kleiner Junge war Quentin in die schöne, wilde Margo verliebt, und schon damals war sie ihm ein Rätsel: Niemand konnte so mutig und entschlossen sein wie sie – niemand wirkte urplötzlich so unnahbar. Und so ist es geblieben. Der schüchterne Quentin kann die beliebte, von Gerüchten umrankte Margo nur aus der Ferne bewundern. Bis sie plötzlich vor seinem Fenster steht und ihn um Hilfe bittet: Für eine Nacht wirft Quentin alle Ängste über Bord und wird Teil des Margo-Universums. Doch am nächsten Morgen ist Margo verschwunden. Um sie wiederzufinden, muss Quentin sein Leben auf den Kopf stellen. Und er muss sich fragen, ob er sie je wirklich gekannt hat.“

Beim Lesen dieser Inhaltsangabe habe ich mich übrigens gefragt, warum Margo auf einmal in der Nacht vor Quentins Fenster steht – doch das wird im Buch schnell geklärt: Quentin und Margo kennen sich seit ihrer Kleinkinderzeit und wohnen schon ebenso lange nebeneinander. Mit gerade mal neun Jahren haben die beiden beim Spielen sogar einen toten Mann gefunden – und ihre Reaktion darauf war schon damals typisch für ihren jeweiligen Charakter. Während Margo von der Leiche fasziniert war, den Fundort nicht verlassen wollte und am nächsten Tag vor Quentin stand und mit ihm zusammen herausfinden wollte, was mit dem Mann geschehen war, wollte Quentin nur nach Hause zu seinen Eltern, damit sie sich um alles kümmern, und die Angelegenheit dann vergessen. Kurz darauf begann für beide die Highschool und damit endete auch schon ihre Kindheitsfreundschaft.

Während Margo schnell einen Platz unter den tonangebenden Schülern fand, freundete sich Quentin – trotz seiner Unmusikalität – mit den uncoolen Mitgliedern des Schulorchester an. Ihm gefällt sein kleines, vorhersehbares Leben, er mag es, wenn jeder Tag gleich verläuft und wenn er sich nicht mit großen Überraschungen auseinandersetzen muss. So ist ihm auch bewusst, dass ein Mädchen wie Margo niemals mit einem Jungen wie ihm zusammensein würde – und doch kann er nicht aufhören, sie aus der Ferne zu bewundern und bei jeder Gelegenheit zu beobachten. So lässt er sich von ihr auch leicht dazu überreden, ihr eine Nacht lang zur Seite zu stehen.

Obwohl er darauf besteht, dass sie auf gar keinen Fall etwas Kriminelles machen dürfen, entwickelt diese Nacht eine ganz eigene Dynamik, und so zieht Quentin zusammen mit der unbändigen Margo ihren Zwölf-Punkte-Racheplan durch. Diese Nacht schafft eine ganze neue Verbindung zwischen den beiden – zumindest kommt es Quentin so vor. Umso betroffener ist er, als Margo am nächsten Morgen verschwunden ist – und schnell wird klar, dass das nicht einer ihre üblichen „Ausbrüche aus dem Alltag“ ist. Gemeinsam mit seinen Freunden Ben und Radar (benannt nach dem Charakter aus der Serie „MASH“) macht sich Quentin auf die Suche nach Margo und stellt schnell fest, dass er sein in all den Jahren aufgebautes Bild von dem Mädchen deutlich auf den Kopf stellen muss …

Abgesehen vom Ende hat mir das Buch sehr gut gefallen. Obwohl mir Quentin etwas zu brav, Margo etwas zu „unglaublich“, Ben etwas zu pubertierend und Radar etwas zu genial war 😉 , mochte ich die Charaktere. Ich habe mit Quentin mitgelitten, der sich sicher war, dass Margo nicht mehr am Leben sein würde, wenn er sie findet. Ich konnte Margos Freiheitsdrang zwar nicht nachvollziehen, aber ihre Faszination an ihren verrückten Plänen, ihre Neugierde auf das, was hinter den Fassaden ist, und ihren Frust darüber, wie sich ihr Leben entwickelt. Wie schon bei den anderen beiden Geschichten von John Green („Eine wie Alaska“ und „Tage wie diese“) gefällt mir seine Darstellung von Freundschaft. Obwohl Quentin vollkommen überzogene Forderungen an seine Freunde Ben und Radar stellt, sind die beiden für ihn da. Ben ist zwar zwischenzeitlich etwas genervt von der Margo-Besessenheit seines Freundes, während Radar vorsichtig versucht, ihm klarzumachen, dass Quentin die Menschen in seiner Umgebung doch sehr schablonenhaft wahrnimmt, aber trotzdem machen sie sich eine Menge Gedanken darüber, wie sie ihm bei der Suche nach dem Mädchen helfen können.

So ist die Botschaft, die der Autor in diesem Buch verbreitet, unübersehbar, aber trotzdem habe ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt. Ich konnte sogar locker über die Highschool-Party-Saufszenen hinwegsehen. Aber mit dem Ende von „Margos Spuren“ bin ich nicht ganz so glücklich. Auf den letzten Seiten gibt es ein regelrechtes Rennen gegen die Zeit, voller amüsant-skurriler Szenen (auch wenn ein paar etwas fäkalhumorig waren) und dann verpuffte für mich die Spannung, die sich aufgebaut hatte, und ich war von der Auflösung des Ganzen enttäuscht. Ich hatte kein Happy-End erwartet und auch nicht die schlimmste Möglichkeit angenommen, aber ich hatte mir von John Green einen Schluss erhofft, der mehr Biss hat und weniger dümpelig wirkt. So habe ich das Buch zwar mit dem Gefühl beendet, dass ich ein paar witzige, nachdenkliche und schöne Stunden beim Lesen verbracht habe, aber das Ende wird wohl dafür sorgen, dass ich für einen Reread eher einen andere Geschichte heranziehen würde …

K. L. Going: Voll daneben (Ein unmöglicher Roman)

„Voll daneben“ von K. L. Going habe ich schon vor einiger Zeit gelesen und den Roman so gut in Erinnerung behalten, dass ich doch noch einen Blogbeitrag dazu schreiben will. Für mich war das Jugendbuch an einem Nachmittag zu lesen, die Geschichte ist nicht so anspruchsvoll und stellenweise sogar vorhersehbar, aber trotzdem hat es mir sehr gut gefallen und mich bei manchen Szenen sehr nachdenklich gemacht.

Die Hauptfigur Liam Geller scheint ein beneidenswertes Leben zu führen. Er kommt aus reichem Haus, sieht gut aus und ist sportlich. Seine Mutter Sarah war mal ein weltbekanntes Model, während sein Vater Allan ein Geschäftsmann ist, der einfach immer Erfolg hat. Schon als kleines Kind hat Liam alles dafür getan, dass seine Eltern stolz auf ihn sind. Doch so richtig hat das nie geklappt. Höhepunkt von Liams Verfehlungen ist der Tag, an dem der Junge von seinem Vater dabei erwischt wird, wie er volltrunken versucht einer Mitschülerin auf dem väterlichen Schreibtisch näher zu kommen. Beide Beteiligten sind so gut wie nackt – und die ganze Situation gibt genügend Anlass zum Fremdscham. Und trotzdem schwingt schon bei dieser ersten Szenen mit, dass Liam nicht einfach ein verantwortungsloser reicher Junge ist, sondern dass hinter seinem Benehmen deutlich mehr steckt.

Für seinen Vater Allan hingegen ist dies der Tropfen, der das Fass überlaufen lässt, und so setzt er seinen Sohn vor die Tür. Während Liam keine Ahnung hat, was nun aus ihm werden soll, organisiert seine Mutter eine Unterkunft bei Liams Onkel Pete. Pete ist der ältere Bruder von Allan Geller und wurde schon vor langer Zeit von seiner Familie geächtet. Denn Pete ist – zum großen Entsetzen seiner konservativen Familie – nicht nur schwul, sondern auch Mitglied einer Glamrock-Band. Auch Liam hat Probleme mit der Lebensweise seines Onkels, den er immer nur „Tante Pete“ nennt. Denn dieser wohnt nicht nur in einem Wohnwagenanlage und lebt vor allem für seine Musik, sondern hat auch drei sehr gute Freunde, die sich von nun an ebenfalls in Liams Leben einmischen.

Für Liam scheint es nur einen Ausweg aus dem Wohnwagenpark in dem kleinen Ort Pineville zu geben: Er muss es endlich schaffen, der Sohn zu werden, auf den sein Vater stolz sein kann. Blöderweise denkt Liam, dass es hilfreich wäre, wenn er sich ein Streberimage zulegen und mit den „richtige“ Leuten anfreunden würde. Er tut alles, um seine Leidenschaft für Mode und Markenlabels zu unterdrücken und hofft, dass niemand herausfindet, dass er quasi neben seiner Mutter auf dem Laufsteg aufgewachsen ist. Doch natürlich kommt es immer wieder zu Situationen, in denen er deutlich cooler ist als er sein möchte und in denen er sein Auge für Mode und Schnitte nicht verleugnen kann.

Die Autorin erzählt Liams Geschichte einmal in der Gegenwart, wo man all seine Bemühungen und all seine Gedanken verfolgen kann, und dann gibt es noch – häufig am Kapitelanfang – Kindheitserinnerung, die Liams Familienverhältnisse beleuchten und zeigen, welche Situationen seinen Charakter geformt haben. Ich fand das Buch sowohl witzig, als auch schon fast schmerzlich zu lesen. Abgesehen von einem – allerdings erstaunlich wenig unangenehmen – Fremdscham-Teil, ist es sehr anrührend wie sehr der Junge um die Anerkennung seines Vaters kämpft. Dass dieser Mann das Problem ist und nicht Liams Begabungen und Talente, steht für einen sehr schnell fest, aber gerade deshalb ist es so berührend, dass Liam nicht in der Lage ist seine eigenen Stärken zu sehen und zu akzeptieren.

Es ist K. L. Going gelungen Liam, seinen Onkel Pete und das ganze Umfeld in der kleinen Stadt Pineville so sympathisch darzustellen, dass die Geschichte an keiner Stelle langweilig wird. Obwohl einige Hintergründe „jugendgerecht“ – und somit für viele erwachsene Leser etwas offensichtlich gestaltet sind (Warum trauen Verlage und Autoren eigentlich Jugendlichen häufig so wenig zu?) -, ist die Geschichte so witzig und spannend, dass ich das Buch nicht aus der Hand legen mochte. Zum Teil mochte ich nicht so recht glauben, dass ein Handlungsstrang wirklich so enden würde, wie ich es vorhersehen konnte und so schwankte ich beim Lesen zwischen Hoffen und Bangen und musste doch immer wieder laut auflachen, weil einige Situationen so absurd waren.

Natürlich kommt dieses Jugendbuch nicht ohne eine „Botschaft“ aus, aber diese ist in „Voll daneben“ so amüsant und mitreißend verpackt, dass ich damit gut leben konnte. Die Geschichte bringt auch den erwachsenen Leser dazu mal über sich und sein Leben nachzudenken. Zu überlegen, wie weit man sich doch oft den Erwartungen anderer beugt, statt seinen eigenen Wünschen und Träumen nachzugehen.

Jay Asher: Tote Mädchen lügen nicht

Auch auf dieses Buch bin ich durch (mindestens) eine Blogrezension aufmerksam geworden – und mir hat es so gut gefallen, dass ich es an einem Nachmittag ausgelesen habe. 🙂 Wer sich für die Empfehlung verantwortlich fühlt, kann mir gern einen Kommentar hinterlassen, denn ich verliere so langsam den Überblick wer Auslöser dafür war, dass ich vor einigen Wochen ein Buch in der Bibliothek vorgemerkt habe.

In „Tote Mädchen lügen nicht“ bekommt Clay Jensen zwei Wochen nach dem Selbstmord von Hannah Baker ein überraschendes Päckchen. Inhalt dieser Sendung sind sieben Kassetten, auf Hannah in dreizehn Episoden erzählt, was sie zu ihrer Tat getrieben hat. Von vornherein stellt ein Anschreiben klar, dass das Mädchen die dreizehn erwähnten Personen dafür verantwortlich macht, dass sie Selbstmord begehen wird. Während Clay sich verzweifelt den Kopf zerbricht, was er getan haben könnte, um auf Hannahs Liste der Verantwortlichen gelandet zu sein, lauscht er eine Nacht lang wie besessen der Stimme der inzwischen toten Mitschülerin.

Von Anfang an steht fest, dass Clay in Hannah verliebt war, dass er sie lange Zeit beobachtet hat und nicht den Mut fand, ihr seine Zuneigung zu gestehen. Umso schlimmer ist es für ihn von all den kleinen und großen Begebenheiten zu hören, die das Leben für Hannah so schrecklich gemacht haben, dass sie Selbstmord beging. Dabei fängt eigentlich alles ganz harmlos an, es beginnt mit einer belanglosen – und vielleicht sogar lustig gemeinten – Liste, auf der Hannah zu dem Mädchen mit dem „geilsten Arsch“ der ersten Jahrgangsstufe gewählt wurde. Doch diese Liste löste viele kleine Vorfälle aus, die dazu führten, dass Gerüchte an der Schule kursierten gegen die Hannah nicht ankam.

Die Geschichte hat mich sehr schnell gefesselt. Zwar war ich anfangs etwas ungeduldig mit Hannah und habe aus meiner erwachsenen Sicht immer wieder gedacht, dass das alles doch kein Grund für Selbstmord sei. Aber trotz dieser Verständnislosigkeit in Bezug auf Hannahs Handeln, ist es einfach fesselnd ihre Aussagen auf den Kassetten – und Clays dazu parallel laufenden Gedanken – zu lesen. Während der Junge sich immer wieder Vorwürfe macht, weil er sich bei den diversen Begebenheiten nichts gedacht hat oder bestimmte Alarmsignale nicht verstanden hat, obwohl er Hannah so aufmerksam beobachtete, steht man als Leser da und verfolgt fassungslos, wie sich aus kleinen Dingen eine immer hässlichere Lawine entwickelt.

Auch wenn ich die eine oder andere Wendung etwas unrealistisch fand, so gelingt es Jay Asher doch die einzelnen Elemente der Geschichte so zu präsentieren, dass ich am Ende mit Tränen in den Augen dasaß und nicht fassen konnte wie sich das Ganze entwickelte. Es ist ganz faszinierend, wenn man ein Buch so zweigeteilt wahrnimmt. Auf der einen Seite war ich recht schnell emotional beteiligt und hatte zusammen mit Clay Angst davor, was er getan haben könnte, um Hannah zu verletzen, und litt mit dem Mädchen mit, das an all den kleinen und großen Kränkungen zerbrochen ist.

Auf der anderen Seite war da meine „erwachsene“ und rationale Seite, die mit einigen Details nicht so gut zurechtkam. Hannah hat sich zum Teil erstaunlich intelligent und wehrhaft verhalten, so dass mich ihre Passivität bei anderen Gelegenheiten richtig wütend gemacht hat. Versöhnt hat mich beim Lesen dann die Figur des Clay, der ebenso fassungslos vor Hannahs Bericht sitzt und zwar auch wütend über die Dinge ist, die dem Mädchen angetan wurde, aber auch wütend darüber ist, dass sie sich so verrannt hat, dass sie keine Hilfe gesucht hat und nicht auf die Menschen zugehen konnte, die sich etwas aus ihr gemacht haben.

Letztendlich hat mich „Tote Mädchen lügen nicht“ etwas zwiegespalten zurückgelassen. Emotional fand ich das Buch sehr berührend und es gibt auch den einen oder andere Anstoß,  um noch mal über das eigene Verhalten gegenüber anderen nachzudenken, aber auf der rationalen Ebene gibt es zu viele Punkte, die mich gestört haben, um den  Roman durchweg empfehlen zu können.

Rhiannon Lassiter: Böses Blut

Über „Böses Blut“ von Rhiannon Lassiter bin ich in den letzten Monaten auf verschiedenen Blogs gestolpert – wer letztendlich dafür verantwortlich war, dass ich es in der Bibliothek vormerkte, kann ich allerdings nicht mehr sagen. Oh, und bevor sich einer Gedanken macht wegen des Fotos, auf dem ich den Roman scheinbar brutal mit dem Fuß offen halte: Keine Angst, das Buch hat keine Spuren zurückbehalten. Das war nur eine Methode, um euch mal die einfache aber schöne Innengestaltung zu zeigen, ohne mir dabei die Arme zu verrenken.

Da es etwas gedauert hatte, bis die Bibliothek mir das Buch zur Verfügung stellen konnte, hatte ich anfangs keine Ahnung mehr, worum es überhaupt in der Geschichte ging und warum ich den Roman lesen wollte. Ich habe ihn mir am Samstag nur einfach geschnappt, weil ich keins meiner eigenen Bücher auf einen Trip in die Stadt mitnehmen wollte. Nach stundenlangem Rumgerenne zwischen orientierungslosen Menschen hat mich mein Mann in einem Café abgesetzt, weil er ohne mich noch ein paar Besorgungen unternehmen wollte. Als er eine Stunde später wiederkam, war ich auf Seite 142 und er musste mich anstupsen, damit ich ihn überhaupt wahrnahm.

„Böses Blut“ erzählt eine leicht gruselige Geschichte für Jugendliche, die eigentlich ganz gewöhnlich anfängt. Eines Tages lernten sich Peter und Harriet in einer Londoner Kunstgalerie kenne und stellten fest, dass ihre Töchter beide „Cat“ (bzw. „Kat“) genannt werde. Während sie über ihre Kinder redeten, kamen sich die beiden näher und einige Zeit später gab es ein großes Kennenlernessen bei dem es zum ersten Streit zwischen den beiden Mädchen kam. Weder Catriona noch Katherine waren besonders erfreut darüber, sich ihren Spitznamen teilen zu müssen, während Cats älterer Bruder Roley (Roland) und Kats jüngerer Bruder John die ganze Sache zwar unerfreulich fanden, aber nicht verstehen konnten, was denn nun so schlimm daran sei.

Zweieinhalb Jahre später sind Peter und Harriet verheiratet und noch immer streiten sich ihre Töchter, während die Jungen versuchen möglichst unauffällig durch den Familienalltag zu kommen, um nicht ständig in die Kleinkriege der Mädchen hineingezogen zu werden. Da kann auch die Aussicht auf einen Urlaub die Stimmung der Kinder nicht aufhellen, obwohl sie seit der Hochzeit der Eltern nicht mehr weggefahren sind. In dem Haus im Lake District war Kats und Johns Mutter aufgewachsen, auch wenn die beiden Geschwister das Gebäude noch nie gesehen hatten, da kein enges Verhältnis zwischen ihrer verstorbenen Mutter und ihren Eltern bestand.

Auf den ersten Blick scheint das Haus toll zu sein – etwas vernachlässigt, aber so groß, dass jeder freie Auswahl bei den Zimmer hat. Und in jeder Ecke stehen Bücher, finden sich alte Spielsachen oder lassen sich sonstige Schätze entdecken, sogar eine Scheune mit einem Billardtisch gehört zum Gebäude. Doch so richtig Lust hat keiner der vier sich in dem Haus umzugucken, zu unheimlich ist es ihnen. Richtig gruselig wird es aber, als Cat eine aufwändig gestaltete Puppe mit dem Namen Delilah findet und diese immer wieder an den seltsamsten Stelle auftaucht, obwohl niemand sie dahingesetzt haben will.

Während sich alle sicher sind, dass das Mädchen nur einen neuen Weg gefunden hat, um die Familie dafür leiden zu lassen, dass sie nun mit Kat zusammenleben muss, beginnt der sechzehnjährige Roley auf einmal seltsame Gestalten in spiegelnden Flächen zu sehen. Und die dreizehnjährige Kat stößt auf verstörende Tagebücher ihrer Mutter und einen Haufen Jugendbücher, bei denen die Namen der Figuren gewaltsam durchgestrichen wurden …

Mir hat es gefallen, dass die Geschichte schon früh recht gruselig wurde. Obwohl ich bei dem einen oder anderen Blogbeitrag schon einen Hinweis auf die Lösung all der unheimlichen Begebenheiten bekommen hatte, hatte ich beim Lesen nicht das Gefühl, dass mir dies die Stimmung verderben würde. Ganz langsam steigern sich die seltsamen Vorfälle von kleinen Dingen, die man als Streiche eines der Kinder interpretieren könnte, bis zu gefährlichen Zwischenfällen, die unübersehbar eine unnatürliche Ursache haben müssen.

Die vier „Geschwister“ fand ich – abgesehen von Cat – sehr sympathisch dargestellt, und sogar diese nervige Zicke 😉 tat mir am Ende wirklich leid, weil sie solche Angst hatte und ihr keiner glauben wollte, dass sie nicht Schuld an einigen der seltsamen Begebenheiten hatte. Einzig der kleine John schien mir etwas zu … hm … weise für sein Alter, aber vielleicht ist das die Folge, wenn man von seinem siebten Lebensjahr an in einer Familie lebt, in der sich alles nur um die Befindlichkeiten der beiden „Katzenmädchen“ dreht.

Die Geschichte hat wirklich meinen Geschmack getroffen: Ein bisschen gruselig, ein bisschen skurril (gegen Ende wurde es zum Teil wirklich seltsam) und doch nie so unheimlich, dass mir beim Lesen unwohl wurde. Von daher bin ich mir sicher, dass das Buch auch bei der jugendlichen Zielgruppe ankommt. Schön fand ich auch die Aufmachung der einzelnen Seiten, die wirklich viel zur Stimmung beim Lesen beigetragen hat. Achja, Rhiannon Lassiter drückt sich eher einfach aus, was aber bei dieser Geschichte wirklich nicht von Nachteil ist, denn so kann man den Roman zügig lesen und sich dabei auf die stetig steigende Spannung konzentrieren. Ich werde auf jeden Fall die Augen aufhalten, ob noch mehr Bücher von der Autorin in Deutschland erscheinen werden. Wenn ich das bei Amazon.com richtig sehe, dann hat sie sich auf unheimliche Jugendbücher spezialisiert …

Mariëtte Aerts: Hexenheide

Ich glaube, ich hätte „Hexenheide“ als Kind geliebt – und lange dem Teenageralter entwachsen, hat mir das Lesen dieses Buches wirklich Spaß gemacht. Die Geschichte ist eigentlich ganz schnell erzählt: Karim und Lenne leben am Rande eines Dorfes in den Niederlanden. Die beiden Elfjährigen wohnen weiter draußen, da wo eine Heidefläche an den Ort grenzt. Wenn sie von der Schule nach Hause gehen, dann wäre es deutlich kürzer über die Heide abzukürzen, aber das haben ihnen ihre Eltern vor einiger Zeit verboten, nachdem ein Mädchen spurlos verschwunden ist.

Denn die Erwachsenen vermuten, dass Rinnie – so hieß die verschollene Schülerin – von einem Fremden auf der Heide angesprochen und mitgenommen wurde. Als Leser hingegen hat man einen ganz anderen Verdacht, denn schon im Prolog lässt die Autorin Mariëtte Aerts drei mehr oder weniger unheimliche Frauen auftreten, die sich darüber streiten, dass sie „frisches Blut“ benötigten. Alles sehr vage, aber genau deshalb – vor allem, wenn man den Titel „Hexenheide“ im Hinterkopf behält – auch etwas unheimlich.

Eines Tages lässt sich der eher bedächtige Karim von seiner Freundin Lenne dazu überreden den Heimweg über die Heide anzutreten. Und als nichts anderes passiert, als dass sie ein ungewöhnliches Eichhörnchen sehen, gehen sie wieder regelmäßig diese Abkürzung nach Hause. Doch obwohl sich die Kinder sicher sind, dass die Heide ein ganz normales Stückchen Land ist, wird ihnen im Laufe der nächsten Wochen immer unheimlicher zumute. Eine seltsame Frau taucht immer mal wieder unvermutet auf und scheint Lenne zu sich zu rufen und auch andere ungewöhnliche Ereignisse geschehen, die sich nicht immer erklären lassen.

In der Dorfbibliothek erfahren die beiden Kinder dann auch noch mehr über die Heide – und warum sie früher von den Leuten in der Gegend nur „Hexenheide“ genannt wurde. Denn angeblich lebte dort eine Frau mit unnatürlichen Kräften, die ihre Nachbarn verfluchte und für viel Unglück im Dorf verantwortlich gewesen sein soll. So langsam aber sicher befürchtet Karim, dass eine Hexe hinter Lenne hinterher ist – und versucht alles, um seine Freundin zu beschützen.

Mir hat es gefallen, dass man zwar schnell den Verdacht hatte, dass die drei Frauen aus dem Prolog Hexen sind, aber Mariëtte Aerts sich sehr viel Zeit damit lässt näher auf die Geschichte der Hexenheide und die damit verbundenen Legenden einzugehen. Auch Karim und Lenne fand ich schön charakterisiert, die beiden sind zwei nette, aber trotzdem real wirkende Kinder, die die ganze Zeit über zwischen Angst und Faszination hin und her gerissen werden.

Ich fand die Geschichte spannend, aber nicht wirklich unheimlich. Immer nur gerade so gruselig, dass ich mich als Kind vermutlich abends etwas tiefer in meine Bettdecke eingegraben hätte, aber nie so heftig, dass mich die Handlung geängstigt oder mir gar Albträume bereitet hätte. Auch hat es mir gefallen, dass der Alltag von Karim und Lenne neben all den unheimlichen Ereignissen ganz normal weiterlaufen musste – was für die beiden gar nicht so einfach ist, da sie ja weder ihren Eltern, noch Lehrern oder Mitschülern von all den Dingen erzählen können, die sie so sehr beschäftigen.

Auch die Erzählweise von Mariëtte Aerts hat mir gefallen, die Autorin verwendet eine klare und gut zu erfassende Sprache, so dass die Geschichte auf jeden Fall für Kinder ab zehn sehr gut zu lesen ist, ohne dabei so simpel zu werden, dass es für mich als Erwachsene langweilig wurde. Insgesamt ist das einfach ein rundum gelungenes Buch rund um Freundschaft, übernatürliche Vorgänge, Vorurteile und eine Menge mehr – mir hat es so gut gefallen, dass es erst einmal einen Platz in meinem Regal bekommen wird.

Bruce Coville: Die Einhorn-Chroniken (Informationen)

Da in den letzten Tagen erstaunlich viele Suchanfragen zu den Einhorn-Chroniken kamen, gibt es hier mal einen Überblick über die Reihe:

Die Einhorn-Chroniken 1 – Das Tor zwischen den Welten (beinhaltet die englischen Titel „Into the Land of the Unicorns“ und „Song of the Wanderer“)
Die Einhorn-Chroniken 2 – Das Geheimnis des Flüsterers (beinhaltet den englischen Titel „Dark Whispers“
Die Einhorn-Chroniken 3 – Die Schlacht am Weltenbaum (beinhaltet die erste Hälfte des englischen Titels „The Last Hunt“)
Die Einhorn-Chroniken 4 sind vom Verlag noch nicht angekündigt, wird aber wohl die Geschichte zum Abschluss bringen, da „Die Schlacht am Weltenbaum“ vom Loewe Verlag als „Band 3 von 4“ bezeichnet wird.

Ich vermute mal, dass die Erscheinung des dritten Bandes so viele Leute auf meinen Blog gelockt hat.

„Die Schlacht am Weltenbaum“ erscheint laut Verlag in diesem Monat (Amazon wird es am 15.September ausgeliefert) und umfasst 336 Seiten (inklusive Nachwort vom Autor). Da das englische Original „The Last Hunt“ 624 Seite dick ist, muss man also davon ausgehen, dass die Geschichte für die deutsche Veröffentlichung geteilt wurde. Das erklärt auch, warum es Loewe möglich war den Titel gerade mal 3,5 Monate nach Veröffentlichung des Originals auf den deutschen Markt zu bringen.

Ich persönlich ärgere mich ja immer sehr über solche Teilungen. Nicht nur, weil der Leser dank fehlender Verlagsinformationen mühsam selber recherchieren muss, um sowas herauszufinden, sondern auch, weil die Geschichte vom Autor nicht so geschrieben wurde und eine Halbierung in der Regel zu einem unbefriedigenden Leseerlebnis führt. So auch bei „Die Schlacht am Weltenbaum“ – so spannend die Handlung ist, so sehr hat mich das Ende frustriert. Nun, mehr dazu gibt es dann in einer ausführlicheren Rezension …