Schlagwort: Kriminalroman

Lene Rikke Bresson: Das Mädchen am Kreuz

 Ich muss gestehen, dass ich mit „Das Mädchen am Kreuz“ nicht so recht warm geworden bin. Anfangs dachte ich noch, dass das an einer akuten Leseunlust läge, aber inzwischen kann ich die Schuld auf den unglücklichen Klappentext des Verlags, sowie die Handlung und die Figuren schieben.

Während der Klappentext den Eindruck erweckt, dass dieser Roman ein Krimi sei, so spielt dieser Teil der Handlung nur eine untergeordnete Rolle. Außerdem erfolgt die Verwicklung von Mona in die Ermittlungen sehr spät und weniger gezielt als dort suggeriert wird. Stattdessen ist „Das Mädchen am Kreuz“ vor allem ein Familiendrama, was für mich akzeptabel wäre, wenn ich auch nur eine der handelnden Personen gemocht hätte. Na gut, ganz so hart sollte ich wohl nicht sein, denn den Polizisten Berg mochte ich – und das vielleicht auch nur, weil ich als Leser von ihm vor allem erfahren habe, dass er ein freundlicher Mann ist, der nicht so schnell aufgibt.

Doch von Anfang an: Im Prolog entdecken zwei Männer aus einem Flugzeug heraus eine Leiche inmitten einer brennenden Heidelandschaft. Die Tote ist die Künstlerin Helen und die Fotos, die einer der Männer von dem – wie ein Kunsthappening aufgemachten – Tatort macht, machen ihn berühmt. Umso schmerzhafter ist der Tod der jungen Frau für ihren Vater, der nicht nur aufgrund des Medienrummels um die Tat und die Verbreitung der Fotos seine Tochter nicht loslassen kann. Die Passagen, die aus seiner Perspektive geschrieben wurden, erwecken den Eindruck einer ungesunden Besessenheit.

Nach der ersten Szene im Flugzeug dreht sich die Handlung erst einmal einige Zeit lang um Mona. Die junge Frau ist Theologiestudentin, steht kurz vor ihrer Hochzeit mit ihrem Jugendfreund David und es wird schon im ersten Absatz deutlich, dass sie sich so gar nicht mit ihrer Familie versteht. Was kein Wunder ist, denn ihre Mutter ist eine bestimmende konservative Frau, die das Leben ihrer Familie beherrscht, während ihr Vater ein unauffälliger und antriebsloser Mann zu sein scheint, der alle Entscheidungen in die Hände seiner Frau legt. Monas ältere Schwester Theresa ist geistesgestört, lebt noch bei den Eltern und bekritzelt jede verfügbare Fläche, und die Großmutter hat eine übernatürliche „Gabe“ und verbindet heidnischen Aberglauben mit dem regelmäßigem Kirchgang.

Der Sonnenschein der Familie war Monas kleiner Bruder, doch der ist vor einigen Jahren umgekommen und alle scheinen Mona dafür die Schuld zu geben. Dieser Vorfall ist augenscheinlich auch die Ursache dafür, dass Mona sich zwar von ihren Eltern fernhält, aber ansonsten alle Erwartungen der Familie erfüllt, obwohl für den Leser auf den ersten Blick feststeht, dass die Studentin eigentlich nur noch ausbrechen will. So kommt es auf der Hochzeitsreise auch zu einem verhängnisvollen Unfall, der Mona behindert zurücklässt, ihr aber auch ermöglicht endlich ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Ich muss positiv anmerken, dass ich den Schreibstil von Lene Rikke Bresson sehr reizvoll fand, nachdem ich mich erst einmal damit „abgefunden“ hatte, dass ich keinen Kriminalroman las. Auch schildert die Autorin die kleinen Hürden in Monas Leben nach dem Unfall sehr plastisch und nachvollziehbar. Ich fand es interessant, wie die junge Frau mit ihren Einschränkungen umging und welche Lösungen sie für ihre Probleme fand. Und auch die verschiedenen Personen boten fast alle gute Ansätze, die aber dadurch zunichte gemacht wurden, dass mir keine der Figuren ans Herz wuchs. Jeder von ihnen hatte Charakterzüge, die ich unsympathisch oder sogar abstoßend fand, und so war es mir vollkommen egal, ob jemand ein potenzielles Opfer oder der eventuelle Mörder war.

Zusätzlich war Helens Mörder – trotz der verschiedenen Perspektiven und diverser weiterer Figuren, die ein Motiv gehabt hätten – sehr schnell zu erahnen, ebenso wie die Ereignisse, die wirklich zum Tod von Monas Bruder geführt haben. So fehlten mir bei diesem Roman nicht nur Charaktere, die mich mit ihren Ecken und Kanten interessierten, sondern auch ausreichend Spannung, um dem nächsten Kapitel entgegenzufiebern. Eine Tatsache, die mich vor allem deshalb ärgert, weil Lene Rikke Bresson eigentlich alle Grundvoraussetzungen bei der Hand gehabt hätte, um eine ungewöhnliche Familiengeschichte mit einer fesselnden Krimihandlung zu verbinden.

Frode Granhus: Der Mahlstrom

In „Der Mahlstrom“ kann der Leser zwei parallel laufende Kriminalfälle verfolgen. So ermittelt Rino Carlsen von der Polizei in Bodø in einem ungewöhnlichen Fall, bei dem ein Mann mit den Händen unter Wasser an einem Strand angekettet wurde. Stundenlang saß das Opfer so im Meer und erlitt höllische Qualen, während seine Glieder immer kälter wurden und die Flut das Wasser immer höher steigen ließ. Wie schon bei einem früheren Fall, bei dem ein Mann ums Leben kam, findet die Polizei in der Nähe des Tatorts eine Strichmännchen-Zeichnung. Und kurze Zeit später kommt es zu einem weiteren Vorfall, bei dem ein Mann an einen Heizofen gefesselt wird, und auch hier stellt eine Zeichnung Rino vor ein Rätsel.

Zur selben Zeit werden 300 Kilometer entfernt am Strand von Bergland Porzellanpuppen angespült – eigentlich kein ungewöhnlicher Vorgang, wären die Puppen nicht schon recht alt und würden sie nicht auf liebevoll gebastelten Flößen sitzen. Obwohl anfangs kaum jemand diese Puppenfunde ernst nimmt, beunruhigen sie den Polizisten Niklas Hultin. Dieser ist gerade erst nach Bergland gezogen, da seine Frau aus der Gegend stammt und nun näher bei ihrem kränklichen Vater wohnen möchte. Während Niklas noch versucht sich in der Gegend zurecht zu finden und die Bewohner des Ortes kennenzulernen, wird eine Frauenleiche am Strand gefunden, die eine auffallende Ähnlichkeit mit einer der gefundenen Porzellanpuppen aufweist.

Obwohl Frode Granhus mit seinem Debütroman das Krimigenre nicht gerade neu erfindet, habe ich den Roman wirklich genossen und werde die Augen nach weiteren Büchern von dem Autor aufhalten. Gleich vorweg (weil es doch einige Leute gibt, die dies bei skandinavischen Krimis nicht mehr lesen mögen) will ich darauf hinweisen, dass weder Rino Carlsen noch Niklas Hultin problembelastete, depressive oder desillusionierte Figuren sind. Beide haben ihre Problem, aber all das hält sich in einem glaubwürdigen Rahmen und führt dazu, dass die beiden Männer realistisch wirken.

So sorgt sich Rino um seinen Sohn, weil seine geschiedene Frau den Jungen mit Ritalin behandeln lassen will, und Niklas muss sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass er in absehbarer Zeit als Organspender herhalten muss. So sehr er gewillt ist ein Leben zu retten, so sehr fürchtet er sich vor solch einer Operation und den möglichen Folgen. Das alles ist nachvollziehbar erzählt und nimmt nicht so viel Raum ein, dass man von den Fällen abgelenkt wird. Auch gelingt es Frode Granhus beiden Erzählperspektiven genügend Individualität zu verleihen, dass man sich bei einem Wechsel jederzeit zurechtfindet, ohne dabei seine Erinnerung nach Einzelheiten durchforsten zu müssen oder gar noch einmal nachzuschlagen, was zuletzt bei diesem Handlungsstrang passiert ist.

Frode Granhus konzentriert sich in „Der Mahlstorm“ auf eine simple und distanzierte Erzählweise, aber gerade das hat bei mir dazu geführt, dass mich so manche Szene besonders berührt hat. Die Kriminalfälle sind eher solide konstruiert, ohne dass ich das Gefühl hatte, dass der Autor zu sehr übertrieben hätte. Einzig die – ab der Hälfte erfolgende – Verbindung der beiden Verbrechen und der dramatische Showdown waren mir einen Tick zu übertrieben. Gerade am Schluss kam bei mir ein bisschen das Gefühl auf, als ob der Autor (oder ein Lektor) gemeint hätte, dass es noch einmal richtig spannend werden sollte, obwohl es gereicht hätte, wenn Frode Granhus weiterhin seinen ruhigen Erzählstil beibehalten hätte.

Aber diese kleinen Kritikpunkte kann ich – ebenso wie die stellenweise vorherbare Entwicklung der Geschichte – angesichts der realistischen Charaktere und atmosphärischen Beschreibungen locker verzeihen. Stattdessen hat mir dieser Krimi große Lust auf eine Reise in den Norden gemacht. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch die Augen des Autors die karge Schönheit der Lofoten erleben würde, während mich die eisige Kälte des Meers beim Lesen schaudern ließ …

Kathryn Miller Haines: Miss Winters Hang zum Risiko

Nachdem Irina sich aufgrund meiner Begeisterung die ersten beiden „Miss Winter“-Romane angeschafft hat, dachte ich, ich sollte doch auch mal auf meinem Blog was zu den Büchern schreiben. „Miss Winters Hang zum Risiko“ ist der Debütroman von Kathry Miller Haines – inzwischen sind auf Deutsch zwei weitere Romane rund um die Schauspielerin Rosie Winter erschienen. Die Geschichte spielt im Jahr 1942 in New York und die Auswirkungen des Kriegs sind inzwischen auch in Amerika tagtäglich spürbar.

So hat sich Rosies (Ex-)Freund freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet und das Durchsuchen der Vermissten- und Todesanzeigen in den Zeitungen gehört zum traurigen Alltag der Schauspielerin. Aber auch Lebensmittelrationen und die nächtliche Verdunklung der Stadt belasten die junge Frau. Zusätzlich stagniert Rosies Karriere am Broadway und so musste sie sich einen Nebenjob in einer Privatdetektei suchen. All das wäre gerade noch erträglich, wenn Rosie nicht nach den Weihnachtsfeiertagen die Leiche ihres Chefs Jim McCain im Büroschrank finden würde.

Abgesehen davon, dass ihr in Zukunft der Verdienst fehlen wird, ist sie auch empört darüber, dass die Polizei den Fall als Selbstmord behandelt, obwohl alles dagegen spricht. Um Jim Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, beschließt Rosie die Ermittlungen selber in die Hand zu nehmen. Mit gesundem Menschenverstand, viel Charme und erstaunlich viel Skrupellosigkeit schnüffelt Rosie im Leben ihres ermordeten Chefs herum und oft genug rettet sie nur die Hilfe ihrer Freundinnen vor einer Katastrophe.

Dabei stellt sich heraus, dass Jim McCains letzter Fall sogar in Rosies speziellem Wissensgebiet lag, denn der drehte sich um ein verschwundenes Manuskript des bekannten Autors Raymond Fielding. Nachdem Jim getötet wurde, sind erstaunlich viele Menschen an dem Manuskript interessiert. Nicht nur diverse Schauspieler und Regisseure wollen die Papiere in die Hände bekommen, sondern auch Jims Familie, Angestellte einer mysteriösen Regierungsstelle und Angehörige der New Yorker Unterwelt. Dabei sind nicht wenige von ihnen bereit für die verschwundenen Geschichte im Zweifelsfall auch über Leichen zu gehen.

Mit Rosie Winter hat Kathryn Miller Haines eine sehr reizvolle Hauptfigur geschaffen. Die Schauspielerin bringt sich mit ihrem vorlauten Mundwerk nicht nur ständig selbst in Schwierigkeiten, sondern sie ist auch die perfekte Besetzung für eine Geschichte, die Anfang der 40er Jahre in New York spielt. Die Autorin zeigt in ihrem Roman eine Gesellschaft, die alles daransetzt den Krieg zu verdrängen und stattdessen versucht das Leben – trotz aller Einschränkungen – zu genießen. Dabei bilden Flüsterkneipen und Einblicke hinter die Kulissen des Broadways den perfekten Rahmen für eine stimmungsvolle Geschichte.

Vor allem in diesem ersten Band haben mich viele Elemente an eine gute Screwball-Komödie erinnert, was einen schönen Ausgleich zu den eher desillusionierten Passagen bildet. Doch vor allem ist es Rosie Winter, die dafür sorgt, dass ich diese Serie mit so viel Vergnügen lese. Voller Unverfrorenheit erobert sie sich den Zugang zum Salon der einflussreichsten Familie der Stadt, tritt Mafiagrößen entgegen und trotzt der Regierung. Dabei lassen mich die Situationskomik und der wundervolle Wortwitz gern über die kleinen Logikbrüche in der Handlung und die (relative) Vorhersehbarkeit des Endes hinwegsehen.

Die folgenden zwei Bände „Ein Schlachtplan für Miss Winter“ und „Miss Winter lässt nicht locker“ sind immer noch amüsant, aber nicht mehr ganz so heiter wie „Miss Winters Hang zum Risiko“ konzipiert. Das ist aber durchaus stimmig (und bietet immer noch eine unterhaltsame Geschichte), wenn man sich vor Augen hält, dass der Krieg weiter fortschreitet, Rosie immer mehr Kontakt zu Soldaten hat, sich weiterhin Sorgen um ihren Ex-Freund machen muss und das Leben immer größere Herausforderungen für sie bereithält.

Peter Abrahams: Was geschah in Echo Falls?

Auf „Was geschah in Echo Falls?“ bin ich durch Kiya aufmerksam geworden und zum Glück konnte ich den Titel auch über unsere Bibliothek vormerken lassen. Eigentlich könnte ich es mir nun einfach machen und nur auf Kiyas Rezension zu dem Titel verweise und sagen: Jupp, so ist es, ich stimme zu! 😉 Aber den einen oder anderen eigenen Gedanken zum dem Roman habe ich ja doch, so dass ich mir doch noch die Mühe mache und etwas mehr schreibe.

Als erstes muss ich übrigens anmerken, dass ich etwas verwirrt war, weil meine HC-Ausgabe keinen richtigen Rückentext aufweist, sondern dafür eine sehr lange Empfehlung von Stephen King, mit der er dem Leser das Buch ans Herz legt. Es ist ja schön, dass der Roman dem Herren gefallen hat, aber eigentlich ist mir seine Meinung recht gleichgültig. Dafür hat mich die Inhaltsangabe innen dann ein bisschen gespoilert – das hätte man schon etwas geschickter machen können.

In „Was geschah in Echo Falls“ ist die dreizehnjährige Ingrid die Hauptfigur. Sie liebt Sherlock-Holmes-Geschichten (und kennt sie so gut, dass sie jederzeit daraus zitieren kann), spielt gerne Theater und Fußball, verliert sich manchmal in Tagträumen und führt ansonsten ein recht normales Leben. Zumindest ist das bis zu dem Tag so, an dem sich Ingrid auf dem Weg zum Fußballtraining in ihrer kleinen Stadt verirrt. Während sie sich noch fragt, wie sie wieder nach Hause finden soll, trifft sie auf „Müll-Katie“ (Kate) – eine in der Stadt wegen ihrer Seltsamkeit verrufenen Frau -, die so nett ist und für Ingrid ein Taxi ruft.

Kurz darauf liest Ingrid in der Zeitung, dass Kate am Nachmittag ihres Zusammentreffens ermordet worden ist. Von diesem Zeitpunkt an lässt sie die Frage nicht los, wer der Täter sein könnte. Und als sie sich dann auch noch gezwungen sieht in Kates Haus einzubrechen, um etwas zu holen, das sie dort vergessen hatte, findet sie sogar Hinweise auf das Motiv für das Verbrechen. Obwohl sich das Ganze nun nach einem klassischen Kriminalroman anhört, ist es gar nicht der eigentliche Fall, der dafür sorgte, dass ich Spaß beim Lesen hatte. Der Krimianteil ist nicht mehr als nett und stellenweise sogar sehr vorhersehbar, aber dafür habe ich Ingrid schnell ins Herz geschlossen.

Während Kiya bemängelt, dass Ingrid nicht zu Beginn gleich zur Polizei geht, fand ich es ganz natürlich, dass sie dafür anfangs noch keine Notwendigkeit sieht. Sie hat zwar anscheinend als Letzte Kate vor dem Mord gesehen, ist sich aber sicher, dass sie nichts relevantes auszusagen hat. Und wenn sie zur Polizei gehen würde, müsste sie ihren Eltern beichten, dass sie sie angelogen hat und dass sie sich auf der Strecke zwischen ihrem Zahnarzt und dem Fußballtraining verlaufen hat (wie peinlich!), mal davon abgesehen, dass ihre Eltern bestimmt auch nicht begeistert wären, wenn sie wüssten, dass Ingrid Kontakt zu „Müll-Katie“ hatte.

In gewisser Weise finde ich die Familienverhältnisse von Ingrid faszinierend. Auf den ersten Blick ist es eine ganz normale Familie. Der Vater ist der Vermögensberater der reichsten Familie der Stadt, die Mutter arbeitet als Immobilenmarklerin, der große Bruder ist ein hervorragender Footballer und der Großvater „Grampy“ ein dickköpfiger ehemaliger Farmer, der alles daran setzt, um seinen Hof so zu behalten wie er ist. Aber je aufmerksamer Ingrid im Laufe des Buches durch die Gegend geht, desto mehr Unstimmigkeiten fallen einem auf. So fährt der Vater zwar einen großen Wagen, aber das Mädchen erinnert sich an Streitigkeiten zwischen seinen Eltern, bei denen es um die Ratenzahlungen für das Auto ging.

Und obwohl ihr großer Bruder Ty ein erfolgreicher Sportler ist und alle Erwartungen seines Vaters erfüllt, scheint er nicht glücklich zu sein. Dazu kommen noch gesundheitliche Auffälligkeiten und eine übermäßige Aggressivität gegenüber der kleinen Schwester, während Ingrid von ihren Eltern mit allen Mitteln zum Sport und zur Mathematik gedrängt wird, damit sie später eine Eliteuniversität besuchen kann. All das zeigt, dass die auf den ersten Blick so normale heile Familie gar nicht so gut funktioniert, dabei bietet einem Peter Abrahams keine einfachen Erklärungen für die vielen verschiedenen Szenen, sondern lässt sie einfach im Raum stehen, was mir besonders gut gefällt.

Ich weiß nicht, ob Jugendliche so schnell dahinterkommen, welche Probleme in Ingrids Familie herrschen, aber mir gefällt es, dass nicht alles ausgesprochen wird. Noch bleibt die Geschichte konsequent auf dem Wissensstand, den Ingrid hat, egal wie viele Gedanken man sich über all die Hintergründe machen kann. Diese Familienkonstellation, all die Anspielungen auf Sherlock Holmes und der kleine Hauch von „Liebes“geschichte, haben mir wirklich viel Vergnügen bereitet. Da konnte ich auch locker darüber hinwegsehen, dass der Krimianteil etwas vorhersehbar und nicht ganz so schlüssig war. Und nun bin ich so neugierig darauf, wie es mit Ingrid weitergeht, dass ich mir die beiden anderen bislang erschienenen Bände gleich in der Bibliothek vorgemerkt habe.

Phil Rickman: Mittwinternacht

Nach „Frucht der Sünde“ war ich mir nicht so ganz sicher, was ich von den Merrily-Watkins-Romanen von Phil Rickman zu halten hatte. Aber immerhin war meine Neugier so groß, dass ich mir noch den zweiten Roman um die ungewöhnliche Pfarrerin in der Bibliothek vorgemerkt hatte. Im ersten Band hatte Merrily Watkins zum zweiten Mal in ihrem Leben (beim ersten Mal hatte sie eine Art Erscheinung in einer Kirche und danach beschlossen, dass sie eine Ausbildung zur Pfarrerin beginnt) eine Begegnung mit dem Übernatürlichen. Wobei Merrily sich nie so ganz sicher zu sein scheint, ob sie sich das Ganze nicht nur einbildet oder ob es nicht rationale Erklärungen für die seltsamen Vorfälle gibt. Auf jeden Fall haben diese Erlebnisse dazu geführt, dass sie nun eine Art Weiterbildung zur „Exorzistin“ begonnen hat.

Aber natürlich ist es bei ihr nicht so einfach wie bei den männlichen Kollegen und so wird sie kurz nachdem sie bei Huw Owen einen Kurs zum Umgang mit „Spirituellen Grenzfragen“ gemacht hat, vom Bischof zur Diözesan-Exorzistin (Verzeihung, natürlich muss es heißen „Beraterin für spirituelle Grenzfragen“) ernannt. Was bedeutet, dass sich Merrily mit allen (vermeintlichen oder realen) seltsamen Begebenheiten in der – nicht gerade kleinen – Diözese rund um die Kathedrale von Hereford beschäftigen muss. So wird die Pfarrerin aufgrund ihres neuen (und zusätzlichen!) Amtes zu einem unheimlichen sterbenden Mann gerufen, muss eine von Satanisten entweihte Kirche wieder säubern, soll in einem Altenheim einen Geist austreiben und darf sich mit Kirchenpolitik, Intrigen und ihren eigenen Ängsten herumschlagen.

Währenddessen hat ihre Tochter Jane eine neue Freundin gefunden: Rowenna scheint es egal zu sein, dass Janes Mutter eine Pfarrerin ist und dafür teilt sie Janes Interesse an der Esoterik. Gemeinsam gehen die beiden Freundinnen auf eine Esoterik-Messe, lassen sich Karten legen und erkunden eine Frauengruppe, in der es um die Erforschung der eigenen Spiritualität geht. Auch der Musiker Lol (Laurence) geht inzwischen seine eigenen Wege, da er zwar in Merrily verliebt ist, aber keine Chance auf eine Beziehung mit ihr sieht. So hat er sein Cottage verkauft, besucht die Abendschule, um Psychotherapeut zu werden und haust über einem Musikgeschäft in Hereford. Nebenbei kümmert er sich noch um Katherine Moon, eine psychisch labile junge Archäologin.

Irgendwie ging mir beim Lesen dieses Romans der Begriff „Schauergeschichte“ nicht aus dem Kopf und in gewisser Weise habe ich damit ein Problem. Ich mag eigentlich den leichten – und manchmal etwas absurden – Grusel eines guten Schauerromans, aber hier gab es mir einfach zu viele unappetitliche Szenen. Mit der Beschreibung von Kälte, Furcht oder Geistern kann ich leben, aber ständige Übelkeit bei der Hauptfigur, das Gefühl besudelt oder gar vergewaltigt worden zu sein, verursacht mir beim Lesen Unbehagen. Irgendwie spricht das ja für den Autor, dass er so atmosphärisch schreibt, dass mich seine Geschichte in gewisser Weise belastet, aber eigentlich fand ich das in erster Linie unschön. Auf der anderen Seite war der Roman flüssig zu lesen und die Cliffhanger an den Kapitelenden haben – obwohl ich einige Entwicklungen vorhersehen konnte – dafür gesorgt, dass ich vor lauter Neugierde das Buch kaum aus der Hand legen konnte.

Ich glaube nicht, dass ich noch einen Teil dieser Reihe lesen werde – zumindest nicht, wenn er mir nicht durch Zufall in die Hände fällt -, aber ich muss zugeben, dass in meinen Augen „Mittwinternacht“ deutlich stimmiger von Phil Rickman konzipiert wurde als „Frucht der Sünde“. Ich habe das Gefühl, dass der Autor tiefer in seinem Thema steckt, vertrauter mit seinen Figuren ist und eine Linie für seine „Mystery“-Geschichte gefunden hat. Wer sich also nicht daran stört, dass die schauerlichen Szenen kaum ausgeglichen werden (was ich mir gewünscht hätte), der findet diesen Roman gewiss unterhaltsamer als den Auftaktband der Merrily-Watkins-Reihe.

Helmut Barz: WestEnd Blues

Über „WestEnd Blues“ bin ich auf „My Crime Time“ von nantik gestolpert – und habe mir dieses Mal sogar merken können, woher der Tipp kam. 😉 Die sehr begeisterte Rezension hatte mich lustigerweise noch nicht dazu verlockt das Buch auszuprobieren, das Interview mit dem Autor Helmut Barz war ganz interessant, hat mich aber auch noch nicht davon überzeugen können, dass das Buch einen Blick wert ist. Dann kam aber das harte Urteil über den zweiten Band „African Boogie“ und ich wurde doch neugierig auf die Hauptkommissarin Katharina Klein.

Da in „WestEnd Blues“ eine ganze Menge passiert und ein ganzer Haufen Personen vorkommt, beschränke ich mich ausnahmsweise wieder auf den Klappentext des Verlags, damit die Inhaltsbeschreibung keine Romanlänge annimmt:

„Der Partner tot, sie selbst vom Dienst suspendiert, zur Babysitterin degradiert, des Mordes beschuldigt und von einem rachsüchtigen Drogenboss gejagt: Genau der richtige Zeitpunkt für die Frankfurter Kommissarin Katharina Klein, sich in den völlig falschen Mann zu verlieben.


Eigentlich hat Katharina Klein, Hauptkommissarin bei der Frankfurter Kriminalpolizei, genug eigene Probleme: In einer eskalierten Polizeiaktion wurde ihr Partner getötet und sie selbst hat zwei Menschen erschossen. Doch als ihre Nachbarin ermordet wird, muss Katharina deren Tochter, die vierjährige, altkluge Laura bei sich aufnehmen. Und bald setzt sie alles daran, den Mörder von Lauras Mutter zu finden. Unerwartete Hilfe erhält Katharina vom arroganten, undurchsichtigen und leider viel zu attraktiven Gerichtsmediziner Andreas Amendt. Aber alles zu seiner Zeit: Erst muss sie Laura noch in den Kindergarten bringen …“

Ich habe „WestEnd Blues“ so ziemlich in einem Zug durchgelesen und mich dabei sehr gut unterhalten gefühlt. Trotzdem konnte ich die ganze Zeit den Gedanken nicht unterdrücken, dass ich die Charaktere und die verschiedensten Szenen und Grundkonstellationen in einer Fernsehserie vermutlich nicht toleriert hätte, weil es mir zu übertrieben, zu bemüht und zu ausgelutscht gewesen wäre. Aber dieser Krimi ist zum Glück keine Fernsehserie, sondern ein gut geschriebener Roman mit interessanten Charakteren, witzigen Szenen und mehreren parallel laufenden Fällen, die mich zum Mitraten eingeladen haben. Es gab sogar für mich den einen oder anderen Überraschungsmoment, was ich bei deutschen Krimis in letzter Zeit nur selten hatte.

Ob mir Katharina Klein sympathisch war, kann ich gar nicht mal sagen. Sie ist eine energische, impulsive Halbkoreanerin mit einem Faible für Kampfsport, Waffen und Dessous. Dazu kommen noch eine tragische Familiengeschichte, eine Frankfurter Verbrechergröße als Patenonkel und ein in der Regel recht einsames Leben. Aber es hat mir wirklich viel Spaß gemacht von ihr und den sie unterstützenden Menschen zu lesen, mitzuerleben, wie sie mit der kleinen Laura umgeht (und dabei hasse ich sonst altkluge Kinder in Geschichten! 😉 ) und die diversen Wortwechsel zu verfolgen, die sie mit ihren Freunden, Feinden und Vorgesetzten hat.

Wenn ich mir also vor Augen führe, dass Helmut Barz in seinem Roman unheimlich viele Elemente verwendet hat, die ich sonst gar nicht leiden kann, dann muss es wohl an seiner Erzählweise liegen, dass mir „WestEnd Blues“ und die darin vorkommenden Figuren so viel Vergnügen bereitet haben. Und weil ich das Buch so genossen habe, muss ich mir nun auch noch ein eigenes Urteil über den zweiten Katharina-Klein-Band bilden. Agatha-Christie-Anleihe, sowie Katharina und andere vertraute Charaktere sollten doch eine gute Mischung ergeben. Aber erst einmal befürchte ich das Schlimmste und hoffe, dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden. 😉

Petros Markaris: Balkan Blues

Bei meinem letzten Bibliotheksbesuch war mir von einer anderen Nutzerin Petros Markaris empfohlen worden. Der Name war mir zwar schon ein Begriff, aber bislang hatte ich von dem Autor noch nichts gelesen. Der Kurzgeschichtenband “Balkan Blues” schien mir aber die perfekte Gelegenheit zu sein, mal in seine Erzählweise reinzuschnuppern. Wenn es mir nicht gefallen würde, müsste ich ja nach der ersten Geschichte nicht weiterlesen … 😉

Wenn ich das richtig mitbekommen habe, dann gibt es inzwischen sechs Kriminalromane von Petros Markaris rund um Kommissar Kostas Charitos, der auch in der ersten Kurzgeschichte in diesem Band auftaucht und mir schnell sympathisch war. Aber vor allem dreht sich „Balkan Blues“ um das Thema Ausländer – oder besser Einwanderer – in Griechenland und der „Krimianteil“ der Geschichten ist nicht wie in einem klassischen Ermittlerroman gehalten und steht fast nie im Vordergrund.

So habe ich mit diesem Band Athen im Fußballfieber erlebt, gelernt, dass die olympischen Gebäude von Albanern gebaut wurden, mit einem kleinen schwarzen Mädchen den Tag im Park verbracht, hinter die Kulissen eines russischen Restaurants geblickt und habe mich auf den Weg gemacht, um eine Frau umzubringen. Außerdem habe ich mich mit einem Schuhputzer unterhalten, Griechischunterricht in einem Restaurant genommen, auf der Straße gebettelt, Obststeigen getragen und einer Hure bei einer wichtigen Tätigkeit Gesellschaft geleistet.

Die insgesamt neun Geschichten waren sehr abwechslungsreich. Nicht alle haben mir gefallen, aber das ist ja bei Kurzgeschichtensammlungen oft so. Aber die meisten haben ich als gut geschrieben und interessant empfunden. Verschiedene Perspektiven, teil aus Sicht der Einwanderer, teils aus griechischer Sicht, haben mir bestätigt, dass Vorurteile in jedem Land gleich sind. Dabei zeigt Petros Markaris die schmutzige Seite des Ganzen, aber trotzdem weisen ein paar seiner Geschichten so etwas wie Ironie, Mitleid oder gar Hoffnung auf. Mich hat diese Sammlung auf jeden Fall neugierig auf die Kommissar-Kostas-Charitos-Romane gemacht und so habe ich mir den ersten („Hellas Channel“) schon in der Bibliothek vormerken lassen.

Jim Butcher: Dead Beat (Dresden Files 7)

Ich kann es einfach nicht lassen, ich mag die Dresden-Files-Romane so gern, dass ich auch in diesem Monat wieder einen davon für die English-Challenge verschlungen habe. „Dead Beat“ ist der siebte Band um den einzigen Magier, der im Chicagoer Telefonbuch steht und sich seinen Lebensunterhalt als Privatdetektiv bzw. Berater der Polizei verdient. Seit den Ereignissen im vorhergehenden Band („Blood Rites“) ist wieder ein Jahr vergangen – und da ich hier nun wirklich keine Spoiler mehr vermeiden kann, sollten nur diejenigen weiterlesen, die zumindest des sechsten Band schon kenne. Verderbt euch nicht die überraschenden Wendungen! 😉

Okay, ein Jahr ist vergangen und Thomas lebt immer noch bei Harry – was für beide nicht gerade einfach ist. Aber als ein Vampir des Weißen Hofes ist es für Thomas fast unmöglich im „normalen“ Leben zu bestehen. Ihm fehlen eindeutig der finanzielle Hintergrund seiner Familie und auch die Verbindungen, die er durch seine Verstoßung durch seine Familie nicht mehr nutzen kann. Auch bei Harry haben die vergangenen Abenteuer deutliche Spuren hinterlassen. Obwohl seine linke Hand nicht amputiert werden musste, ist er doch durch die gravierenden Verbrennungen deutlich behindert.

Auch hat er – seit der Verbrennung bei dem Kampf gegen Mavra (Vampirin des schwarzen Hofes) – Angst davor einen Feuerzauber zu verwenden, was seine Kräfte deutlich einschränkt. Und die Tatsache, dass er mit Thomas nun eine Familie hat und seine Bindungen zu seinen Freunden immer enger werden, stellt auch ein Handicap dar, da ihn die Furcht vor einem möglichen Verlust zögerlich und in gewisser Weise auch ungeduldig und unfreundlich macht. Als wäre das Ganze noch nicht genug, so hat er auch noch gegen den Einfluss des gefallenen Engels Lasciel zu kämpfen.

Dies ist die Ausgangssituation als die Halloween-Nacht naht und Harry von Mavra erpresst wird. Wenn er ihr nicht bis Halloween „The Word of Kemmler“ bringt – und natürlich wird Harry nicht genau mitgeteilt, was das sein könnte -, dann ruiniert Mavra die Polizistin Karrin Murphy. Bei seinen Recherchen findet Harry heraus, dass in den letzten Tagen einige Nekromanten in Chicago aktiv wurden – und einer von ihnen hat es sogar auf Waldo Butters, einen Freund von Harry, der in der Forensik arbeitet, abgesehen. Weitere Ablenkungen entstehen durch eine junge Dame, die eindeutig an Harry interessiert ist und ihn ohne Umstände um ein Date bittet und das Auftauchen des Weißen Rats der Zauberer.

Ohje, es ist gar nicht so einfach einen groben Überblick über diesen Roman zu liefern, da hier sehr viele Sachen zusammenlaufen, die ihren Anfang in den vorhergehenden Büchern hatten. Auf jeden Fall hat mir dieses Buch wieder genauso viel Spaß gemacht wie die anderen Titel dieser Reihe. Es ist kurz vor Halloween und dank der Necromanten bekommt es Harry mit Geistern, Zombies und anderen unerfreulichen Gestalten zu tun. Jim Butcher beschreibt diese Erscheinungen der übernatürlichen Welt wieder sehr atmosphärisch, aber vor allem liebe ich diese Mischung aus Humor, Spannung und sympathischen Charakteren.

Es gibt nur wenige Autoren, die mich während des Lesens regelrecht Aufkreischen lassen vor Lachen oder denen es gelingt, dass ich zwei Absätze zuvor noch über das Schicksal einer Figur ein paar Tränchen verdrückte, nur um dann wieder in ein fröhliches Kichern auszubrechen. Trotz all der übernatürlichen Erscheinungen und der kurzen Zeitspanne, habe ich diesen Titel als relativ dialog- und gedankenlastig empfunden, musste aber auch nicht auf gute Actionszenen verzichten. So war es sehr schön mitzuerleben, wie Harry ein Auto auf einen Feind geworfen hat oder einen ungewöhnlichen Spurt zum Endkampf hinlegen muss.

Noch ein Punkt gefällt mir richtig gut an den „Dresden Files“: Jim Butcher gelingt es hervorragend seine Hinweise so in der Geschichte zu platzieren, dass man zwar ahnt, dass das etwas faul ist oder die eine oder andere Wendung vorhersehen kann (was im richtigen Maße sehr befriedigend für den Leser sein kann), aber nie alles errät. So gibt es immer noch genügend überraschende Elemente in der Handlung, dass ich auf den weiteren Verlauf der Geschichte hinfiebere und es mir sehr sehr schwer fällt das Buch aus der Hand zu legen, wenn ich erst einmal in der Handlung drin bin.

All die Andeutungen und Entwicklungen in „Dead Beat“ haben mal wieder dafür gesorgt, dass ich am liebsten sofort zum achten Band greifen würde. Aber da das Lesen dieser Bücher mir nur dann so richtigen Genuss bereitet, wenn ich zwei Tage komplett darin versinken kann und nicht ständig unterbrechen muss, werde ich mir „Proven Guilty“ noch etwas aufheben. Und wer weiß, vielleicht rezensiere ich ja im nächsten Monat mal keinen Roman von Jim Butcher für die English-Challenge.