Schlagwort: Kriminalroman

[Kurz und Knapp] Åsa Larsson: Denn die Gier wird euch verderben

„Denn die Gier wird euch verderben“ von Åsa Larsson hatte ich ja schon gestern erwähnt, als ich über meine Unentschlossenheit bei der Buchwahl gejammert habe. Und auch zwei Tage nach dem Lesen weiß ich nicht so recht, was ich von dem Roman halten soll. Aber erst einmal kurz zum Inhalt: In der Nähe von Kiruna (der nördlichsten Stadt Schwedens) wird eine Frau namens Sol-Britt ermordet. Ihr kleiner Enkelsohn, um den sie sich gekümmert hat, wird verstört im Wald aufgefunden, kann aber nichts über die Tat aussagen. Bei ihren Ermittlungen stellen die Staatsanwältin Rebecka Martinsson und die Polizeiinspektorin Anna-Maria Mella nicht nur fest, dass Sol-Britt einen heimlichen Liebhaber hatte, sondern auch, dass es in den letzten Jahren erstaunlich viele Todesfälle in der Familie gab.

Obwohl dieser Roman schon der fünfte Teil rund um Rebecka Martinsson und Anna-Maria Mella ist, hatte ich nicht das Gefühl, dass mir relevantes Vorwissen fehlen würde. Aber trotzdem denke ich, dass ich einige Personen besser hätte einschätzen können, wenn ich die anderen vier Bücher gekannt hätte. Und vielleicht hätte es mir dann beim Lesen nicht so viel ausgemacht, dass – gefühlt – jede der vielen Figuren irgendwie „versehrt“ ist. Die Häufung der angeschlagenen Charaktere wurde mir im Laufe der Zeit wirklich etwas viel, genauso wie die gesamte Atmosphäre mir zu trüb war. Aber das ist ein Problem, das ich häufiger bei skandinavischen Krimis habe – mir fehlen da viel zu oft die ausgleichenden Elemente, um als Leser mit der Melancholie einer Geschichte umgehen zu können. Dabei hat Åsa Larsson auch immer wieder witzige oder heimelige Szenen eingebaut, die die Handlung auflockern, aber das reichte mir nicht, um das Buch mit einem zufriedenen Gefühl beenden zu können.

Bei dem Kriminalfall bin ich auch zwiegespalten. Die Handlung hat sich wirklich gut lesen lassen, die Auflösung war zwar abzusehen, sprang einen aber nicht direkt an. Allerdings wurde die notwendige Information, die man benötigte, um das Motiv zu verstehen, erst sehr spät gegeben, was bei mir dazu führte, dass ich diesen Punkt eigentlich nur noch als letztes Puzzlestück registrierte, ohne das Gefühl zu haben, dass sich da nun ein Rätsel für mich löst oder ich die Befriedigung verspürte, Recht gehabt zu haben. Dafür hat der zweite Handlungsstrang, der in der Vergangenheit spielte, bei mir häufiger dazu geführt, dass ich lieber nicht weitergelesen hätte, weil ich schon wusste, dass dieser Teil der Geschichte mit einem Mord endet, und mir meine Fantasie den Weg dahin schlimmer ausmalte, als er im Endeffekt war.

Gut gefallen haben mir Åsa Larssons Fähigkeiten beim Charakterentwurf – so richtig gut! Es gibt ganz am Anfang des Romans einen Bärenjäger, der gerade mal ein paar Absätze lang vorkommt. Aber diese wenigen Sätze über diese Person haben mein Interesse so sehr geweckt, dass ich mir wirklich wünschte, er würde noch einmal irgendwo in der Geschichte vorkommen. Und obwohl ich mich fragte, warum Rebecka mit ihrem Freund zusammen ist (wer weiß, vielleicht erklärt sich das ja auch in den ersten Krimis der Autorin), so habe ich ihr ihre schwankenden Gefühle für diesen Mann doch abgenommen. Ich mag die Vielschichtigkeit, die die meisten Figuren aufweisen, die unterschiedlichen Motive, Stärken und Schwächen werden von Åsa Larsson glaubwürdig beschrieben, wobei sie bei den negativen Charakteren nicht ganz so überzeugt, so dass ich mir gewünscht hätte, dass auch die „Bösewichte“ in der Geschichte (z. B. der unfähige Kollege von Rebecka), weniger einseitig beschrieben worden wären.

Letztendlich weiß ich immer noch nicht so recht, was ich von dem Buch halten soll. Es gibt ein paar Szenen, die ich nie wieder lesen möchte – so wurde mir richtig übel, als ein Hund getötet wurde, obwohl es im Rahmen der Handlung stimmig war. Auf der anderen Seite bin ich auch drei Tage nach dem Lesen immer noch neugierig auf die Figuren, würde gern mehr über sie und ihren Hintergrund erfahren und frage mich, ob ich mir nicht die ersten vier Romane der Autorin auch noch besorgen soll …

Susanne Goga: Die Tote von Charlottenburg

Über Hanne bin ich über das Buch „Die Tote von Charlottenburg“ gestolpert und hat mir dann aus lauter Neugier den Roman in der Bibliothek vorbestellt. Der Titel ist schon der dritte Roman rund um den Kommissar Leo Wechsler, aber ich hatte beim Lesen nicht das Gefühl, dass ich relevante Dinge verpasst hätte oder der Geschichte nicht folgen könnte, weil ich die ersten Teile nicht kannte.

Die Handlung setzt im Juli 1923 bei einem Urlaub in Hiddensee ein, den Kommissar Leo Wechsler gemeinsam mit seiner Freundin Clara Bleibtreu verbringt. Eines Morgens lernt Clara am Strand eine ungewöhnliche Frau kennen, die Ärztin Henriette Strauss. Obwohl sich die beiden Frauen nur kurz unterhalten, hinterlässt die Medizinerin einen nachhaltigen Eindruck bei Clara und so erzählt sie auch Leo von dieser Begegnung. Nur wenige Wochen später wird Leo gebeten in einem dubiosen Todesfall zu ermitteln, da sowohl der Hausarzt, als auch der Neffe der Toten befürchten, dass nicht eine einfache Lungenentzündung, sondern eine unnatürliche Einwirkung von Außen zum Tod der engagierten Ärztin Henriette Strauss geführt haben.

Ich muss zugeben, dass ich den Kriminalfall nur so ganz nett fand. Obwohl es so einige Verdächtige gibt, die alle ihren Grund gehabt hätten,  um der Ärztin Übles zu wollen, fand ich diesen Aspekt des Roman etwas zu sehr vorhersehbar. Sowohl die Hintergründe des Mordes, als auch die Ausgangssituation, die dazu geführt hat, lagen für mich viel zu schnell auf der Hand. Trotzdem habe ich „Die Tote von Charlottenburg“ sehr gern gelesen und mich gut unterhalten gefühlt. Susanne Goga hat für ihren Roman nicht nur realistische Figuren geschaffen, die mit ihren Stärken und Schwächen stimmig wirken und zum Teil schnell meine Sympathie hatten, sondern sie hat sich auch mit einem sehr interessanten Teil der deutschen Geschichte befasst.

Während man als Leser Leos Ermittlungen verfolgt, wird man mitten ins Berlin der 20er-Jahre geworfen. Hier herrscht durch die extreme Inflation, die Arbeitslosigkeit und politische Instabilität eine explosive Stimmung. Es gehört inzwischen zum erschreckenden Alltag, dass Kinder verhungern, weil sich die Eltern kein Essen mehr leisten können. Die Menschen verhökern ihr letztes Hab und Gut, um noch etwas Geld für Lebensmittel zu bekommen und für einen einzigen Brotkauf muss man mit einer ganzen Tasche voll Papiergeld zahlen.

Unter diesen Umständen ist es auch nicht verwunderlich, dass immer mehr Frauen heimlich einen Weg suchen, um eine verbotene Abtreibung durchführen zu lassen. Was wiederum zu der Ärztin Henriette Strauss führt, die in einer Beratungsstelle für schwangere Frauen gearbeitet hat. Über diese Figur gelingt es der Autorin nicht nur einen kleinen Einblick in den umstrittenen Forschungsbereich in Krankenhäusern zu bieten, sondern auch eindringlich zu zeigen wie die Stellung der Frau zu dieser Zeit in der Gesellschaft war. Und auch der immer wieder aufflackernde Hass gegen Juden in der Bevölkerung, der durch den aufkommenden Nationalsozialismus noch angefacht wird, wird durch einen jüdischen Mitarbeiter von Leo gut in die Geschichte eingebunden.

Diese historischen Aspekte sind es dann auch, die „Die Tote von Charlottenburg“ so spannend machen. Susanne Goga erzählt in ihrem Roman eigentlich nichts Neues, aber ihr gelingt es die kleinen bekannten Details so zu verknüpfen, dass sie für den Leser realer werden. Man spürt die Frustration der Menschen, kann sogar ein wenig verstehen, wie es zu Ausschreitungen kommen kann und ist verzweifelt, weil man als Leser schon weiß, dass es nicht besser wird für die Menschen. Und es ist einfach ein Unterschied, ob man in einem Sachbuch über den Wertverlust des Geldes liest oder ob man in einem Roman den Alltag der Figuren unter diesen Umständen miterleben kann.

Auch hat es mir gefallen wie die Autorin die Charaktere angelegt hat. Obwohl Leo und Clara und Henriette Strauss (über die man im Laufe der Geschichte sehr viel erfährt) sehr intelligente und aufgeschlossene Menschen sind, sind sie doch Figuren ihrer Zeit. Sie haben – bei aller Offenheit für andere Meinungen – ihr Vorurteile, ihre auch mal beschränkten Vorstellungen vom Leben und ihre Ängste und Befürchtungen. Ein ganz einfaches Beispiel dafür ist Leos Unverständnis gegenüber Clara, als er sie bittet seine Frau zu werden. Ihm ist nicht bewusst, dass eine „normale Ehe“ für Clara eine Art Rückschritt wäre, nachdem sie sich von ihrem ersten Mann hatte scheiden (und somit die gesellschaftliche Ächtung über sich hatte ergehen) lassen und sich ein selbstständiges Leben aufgebaut hat.

Alles in allem hat mich „Die Tote von Charlottenburg“ als Kriminalroman zwar nicht so packen können, aber dafür hat mich das Buch als historischen Roman so weit überzeugt, dass ich die Augen nach weiteren Titeln von der Autorin aufhalten werde.

P.S.: Ich zähle den Roman für den Punkt „Feindschaft/Rivalität“ für die Themen-Challenge, da Rivalität ein Grund für den Mord war. Leider kann ich in diesem Text nicht direkt darauf eingehen, weil ich sonst die eh schon etwas arg offensichtige Lösung für diesen Mord bestätigen würde.

Jessica Kremser: Frau Maier fischt im Trüben

In letzter Zeit bin ich an Romanen, die nach deutschem Regionalkrimi klangen, eher vorbeigegangen. Irgendwie hatte ich davon ein paar zu viel und so langsam kam das Gefühl auf, dass immer mehr auf „Humor“ gesetzt wird statt auf Regionalität oder gar eine stimmige Kriminalgeschichte. Trotzdem hat mich die Inhaltsbeschreibung von „Frau Maier fischt im Trüben“ nicht so recht losgelassen, obwohl das Buch vom Verlag als „Chiemgau-Krimi“ bezeichnet wird. Und ich bin ehrlich froh, dass ich meine Vorurteile lange genug überwunden habe, um mit Frau Maier auf Mörderjagd zu gehen.

„Frau Maier fischt im Trüben“ von Jessica Kremser ist ein wunderbar leiser Krimi, bei dem es mir beim Lesen weniger um die Identität des Täters ging als um die Protagonistin. Frau Maier lebt seit ihrer Kindheit in dem kleinen Ort Kauzing am Chiemsee. Obwohl sie auch mit über sechzig Jahren immer noch die „Zugezogene“ ist und kaum Kontakte im Ort hat, ist sie dort fest verwurzelt. Als Putzfrau hat sie ein sehr bescheidenes Auskommen und wenn sie nicht eine Hütte am Seeufer von ihren Eltern geerbt hätte, so würde sie trotz ihres wenig anspruchsvollen Lebensstils nicht zurechtkommen.

Es gibt eigentlich nur vier Dinge, an denen ihr Herz hängt: Elvis, gutes Essen, ihre Katze und der Chiemsee. Den See beobachtet sie nun schon seit vielen Jahrzehnten, so auch an dem Morgen, an dem sie und ihre Katze am Ufer einer Leiche finden. Da Frau Maier kein Telefon in ihrem abgelegenen Häuschen hat, läuft sie in den Ort, um die Polizei zu rufen – und in der Zwischenzeit verschwindet die Tote. Für die Behörden steht so schnell fest, dass sie es mit einer verwirrten alten Frau zu tun haben, die ihnen Ärger macht, um etwas Aufmerksamkeit zu bekommen.

So sieht sich Frau Maier gezwungen zu beweisen, dass sie wirklich eine Leiche gefunden hat – vor allem, da sie die Tote auch erkannt hatte und sich nun fragt, warum jemand die Frau ermordet haben könnte. Um den Mörder, der ihr Nacht für Nacht mit boshaften Streichen Angst einflößen will, zu finden, nutzt Frau Maier nicht nur die Quellen, die ihr als Putzfrau zur Verfügung stehen. Sie erkennt auch wie nützlich es nun ist, dass sie ihr Leben lang eine Beobachterin am Rande der Ortsgemeinschaft war und wie viel Wissen sie auf diese Weise über ihre Nachbarn gesammelt hat.

Mir persönlich hat das Eintauchen in Frau Maiers Welt richtig gut getan und ich hatte die einsame Frau schon nach wenigen Seiten ins Herz geschlossen. Frau Maier ist durch und durch bodenständig, hat ihre täglichen Rituale, liebt die Natur (vor allem den See vor ihrer Tür) und geht jedes Problem wunderbar sachlich an. Einzig ihre Gefühle für den – schon lange mit einer anderen verheirateten – Fischer-Karli und ihre Leidenschaft für Elvis verrät, dass auch sie in ihrem Leben Träume und Wünsche hatte, die sie aber tief in ihrem Herzen verschließen musste.

Stück für Stück erfährt man als Leser mehr über Frau Maier und während sich die Situation zwischen ihr und dem Mörder immer weiter zuspitzt, verändert sich die alte Frau unmerklich. Hatte sie ihr ganzes Leben lang versucht keine Aufmerksamkeit zu erregen, so muss sie nun bewirken, dass man sie wahrnimmt und ihre Aussagen ernst nimmt. Die Suche nach dem Mörder und den Hintergründen der Tat sorgt dafür, dass auch ihre Sicht auf ihre Person ändert und dass sie Fähigkeiten an sich entdeckt, die sie sich nie zugetraut hätte.

Dabei wird Frau Maier – ebenso wie die Figuren in ihrer Umgebung – angenehm realistisch beschrieben. Sie ist eine alte Frau mit Zipperlein, leichten Gewichtsproblemen und Angewohnheiten, die nur schwer abzulegen sind. Mal musste ich beim Lesen an meine Großmutter denken, mal an eine alte Nachbarin und so gut wie nie kam mir eine Szene überzogen oder künstlich vor. Auch die Ortsgemeinschaft wird von der Autorin stimmig dargestellt. Anfangs kam es mir zwar etwas extrem vor, dass Frau Maier nach all den Jahren so wenig Kontakt gefunden hatte, aber durch ihre Persönlichkeit und die Zeit, in der sie und ihre Eltern an den Chiemsee gezogen waren, ließ sich auch das ganz gut erklären.

Einzig das Motiv des Täters hat mir nicht so gut gefallen (hach, jetzt würde ich wirklich gern mal spoilern), aber damit konnte ich leben, weil ich diese leise und unterhaltsame Geschichte rund um Frau Maier so genossen habe.

Rhys Bowen: Her Royal Spyness

In diesem Monat habe ich gleich zwei englische Bücher angefangen, aber trotz meiner October-Daye-Begeisterung war mir dann doch lieber nach einem britischen Cozy, und so gibt es mal etwas Abwechslung bei meinen English-Challenge-Rezensionen.

Die Geschichte in „Her Royal Spyness“ beginnt eher gemächlich, aber dafür ist sie wirklich unterhaltsam. Hauptfigur in diesem Roman ist Lady Victoria Georgiana Charlotte Eugenie, Tochter des Duke of Glen Garry and Rannoch, genannt Georgie. Georgie entstammt der zweiten Ehe ihres Vaters, was ihr neben einer relativ engen Verwandtschaft zur britischen Königin auch eine mehrfach verheiratete, geschiedene und neu verbändelte Mutter und einen bodenständigen ehemaligen Polizisten als Großvater bescherte. Doch innerhalb ihres engeren Umkreises ist die wenig adelige Verwandtschaft nicht wohlgelitten, und auch Georgie kann nicht viel mit ihrer flatterhaften Mutter anfangen.

Aber genauso wenig sagt der jungen Lady der Lebensstil ihres älteren (Halb-)Bruders zu, ebenso wenig wie sein Plan, sie mit irgendeinem europäischen Prinzen zu verheiraten, so wie es sich nun einmal für eine Adelige an 34. Stelle der Thronfolge gehört. Georgie ist sich sicher, dass die Welt im Jahr 1934 modern genug ist, damit sie sich irgendwie ihren Lebensunterhalt selbst verdienen kann – auch wenn ihr nur allzu bewusst ist, dass sie nicht gerade die richtige Ausbildung für ein selbstständiges Leben mitbekommen hat. Als dann auch noch ein Mann ermordet in ihrer Badewanne aufgefunden wird und sie und ihr Bruder als Hauptverdächtige in Frage kommen, muss sie all ihren Witz und ihren Mut zusammennehmen und herausfinden, wer den Ausländer getötet hat.

Rhys Bowen hat mit „Her Royal Spyness“ eine wunderbar überspitzte Darstellung der britischen Adelswelt Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffen. Auch wenn die Autorin es hier und da etwas übertreibt, so fand ich Georgie, ihre Verwandtschaft und ihren Freundeskreis sehr unterhaltsam – gerade in den Momenten, in denen den Adeligen bewusst wurde, dass ihre Fähigkeiten und Traditionen nicht sehr viel Gewicht haben in der modernen Welt. Da konnte ich auch damit leben, dass Georgie angeblich noch nie beobachtet hat, wie jemand Feuer entfacht, da das angeblich immer von Dienstmädchen erledigt wurde, die sich vor Georgies Aufwachen ins Schlafzimmer geschlichen haben. Umso erfrischender fand ich es, wie Georgie ihre Fähigkeiten als Hausmädchen erforschte und wie viel Befriedigung ihr ihre kleinen Fortschritte im Haushalten machten. Überhaupt ist ihr Tatendrang angenehm realistisch beschrieben worden, auch wenn so manche Aktion von ihr nicht besonders gut überlegt war.

Der Kriminalfall an sich beginnt erst ungefähr ab der Hälfte des Buches und ist weder komplex noch unvorhersehbar, bringt aber einen notwendigen roten Faden in die Geschichte. So hat es mich auch nicht gestört, dass der Hintergrund des Mordes sehr früh für den Leser feststand, während Georgie noch immer keine Vorstellung von den Beweggründen des Täters hatte und keine Zusammenhänge zu anderen Ereignissen sah, obwohl diese für den Leser auf der Hand liegen. Um so angenehmer fand ich es, dass die Lady keine Person von vornherein als „unverdächtig“ einstuft, selbst wenn dies bedeutet, dass jemand aus ihrem engeren Freundeskreis von ihr misstrauisch beäugt wird.

Alles in allem hat Rhys Bowen mit Georgie und ihrem Umfeld sympathische Figuren geschaffen, die versuchen müssen, einen Platz im Leben zu finden, der ihnen – fern von veralteten gesellschaftlichen Traditionen – ihr Auskommen und vielleicht sogar ein befriedigendes Leben ermöglicht. Die überspitzte Darstellung der Adeligen trägt dabei genauso zum Amüsement des Lesers bei wie all die kleinen kritischen Situationen, die Georgie bewältigen muss, als sie versucht, ohne Wissen ihrer Familie Geld zu verdienen. Dazu kommen noch unterhaltsame Gespräche mit der Queen, die erfrischende Ansichten über ihre Familie zum Besten gibt, einzigartige Methoden hat, um ihre Porzellansammlung zu erweitern, und die – natürlich – keine Hemmungen hat, ihr Umfeld nach Strich und Faden zu manipulieren. Ich bin mir sicher, dass das nicht mein letzter Roman war, den ich über Georgie und ihre „Spionageversuche“ für die Königin gelesen habe.

[Kurz und knapp] Don Winslow: Pacific Private

Auf „Pacific Private“ bin ich über eine Rezension von Irina gekommen, und da das Buch demnächst wieder in die Bibliothek zurück muss, habe ich den Roman an diesem Wochenende gelesen. Für den Inhalt muss hier wieder der Klappentext herhalten:

„Boone Daniels lebt, um zu surfen. Es geht ihm gut, riesige Wellen sind angekündigt in Pacific Beach, Kalifornien. Doch dann verwickelt ihn eine attraktive Anwältin in einen Fall, der alles ändert – und ihn in einen Abgrund blicken lässt, den er hinter sich gelassen hatte, als er den Polizeidienst quittierte. Denn während die einen auf die perfekte Welle warten, floriert im Surferparadies der Kinderhandel.“

Die Geschichte beginnt für Boone ganz harmlos, als ihn die Anwältin Petra bittet, eine Zeugin aufzuspüren, die vor Gericht gegen einen Stripclub-Betreiber aussagen soll, der Versicherungsbetrug begangen hat. Doch kurz darauf wird eine Frauenleiche gefunden und es steht fest, dass deutlich mehr hinter der verschwundenen Zeugin steht. Dabei ist der Leser dem Detektiv mehr als eine Nasenlänge voraus, da kleine Passagen immer wieder auf das Schicksal einiger junger Mädchen verweisen, die am Rande der Erdbeerfelder von Kalifornien Tag für Tag missbraucht werden.

Trotz dieses ernsthaften Themas und der wirklich sympathischen Figuren sorgt die Erzählweise in diesem Roman beim Leser für einen gewissen Abstand. Verstärkt wieder dieser Eindruck durch längere Einschübe, in denen auf die Geschichte dieser Region verwiesen wird, auf die Familienhintergründe einzelner Charaktere und vieles mehr. Während diese Einschübe und Perspektivwechsel die Geschichte für Irina anscheinend spannender und temporeicher gemacht haben, fühlte ich mich dadurch immer wieder ausgebremst. Mir kam es vor, als wollte Don Winslow so nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zeigen, wie gut er recherchiert hat. Ich persönlich mag solche Wissensvermittlung aber lieber in kleineren Häppchen innerhalb der Handlung und nicht als längeren Einschub (gern mal über zehn Seiten), der mich komplett aus der Geschichte reißt.

Insgesamt fand ich den Krimi sehr unterhaltsam und Boone und seine Surfer-Freunde von der „Dawn Patrol“ haben es mir wirklich angetan. Vor allem gegen Ende der Geschichte, als jeder von ihnen schwierige Entscheidungen treffen muss, machte es sich bemerkbar, dass der Autor – trotz der Distanz in der Erzählweise – seine Figuren so stimmig angelegt hat, dass ihre Handlungen kaum vorhersehbar waren, denn jede Entscheidung – egal, ob zum „Guten“ oder zum „Schlechten“ – wäre aufgrund ihrer Geschichte und ihrer Loyalitäten gut begründbar gewesen. Dieser Part von „Pacific Private“ hat mich wirklich begeistert, auch wenn ich die Erzählweise jetzt nicht so umwerfend fand.

[Kurz und knapp] Ursula Poznanski: Fünf

Klappentext:

„Eine Frau liegt tot auf einer Kuhweide. Ermordet. Auf ihren Fußsohlen: eintätowierte Koordinaten. An der bezeichneten Stelle wartet ein grausiger Fund: eine Hand, in Plastikfolie eingeschweißt, und ein Rätsel, dessen Lösung zu einer Box mit einem weiteren abgetrennten Körperteil führt. In einer besonders perfiden Form des Geocachings, der modernen Schnitzeljagd per GPS, jagt ein Mörder das Salzburger Ermittlerduo Beatrice Kaspary und Florin Wenninger von einem Leichenteil zum nächsten. Jeder Zeuge, den sie vernehmen, wird kurz darauf getötet, und die Morde geschehen immer schneller. Den Ermittlern läuft die Zeit davon, sie ahnen, dass erst die letzte Station ihrer Rätselreise das entscheidende Puzzleteil zutage fördern wird …“

Den Roman habe ich gestern – dank einer mehrstündigen Wartezeit beim Arzt – in einem Stück durchgelesen. Seitdem ich „Knochenfinder“ gelesen hattbe, wollte ich herausfinden, ob sich die beiden Geschichten wirklich so ähnlich sind wie hier und da in den Rezensionen angedeutet wird. Zum Glück haben beide Romane bei mir ein komplett anderes Gefühl hinterlassen, so dass ich nicht ständig versucht war zu vergleichen – ich überlege aber seit gestern, ob mich „Knochenfinder“ auch so gut unterhalten hätte, wenn ich „Fünf“ vorher gelesen hätte. Bei „Fünf“ kamen mir die diversen Nebenfiguren deutlich näher, obwohl einige von ihnen auch nur sehr kurze Szenen hatten und zum Teil nicht so relevant für die Geschichte waren, aber sie fühlten sich für mich einfach realer an als beim „Knochenfinder“.

Fasziniert bin ich davon, dass ich inzwischen mehrere Rezensionen gelesen habe, bei denen es hieß, dass der Täter so offensichtlich gewesen wäre. Normalerweise bin ich immer genervt davon, dass ich spätestens nach dem ersten Drittel eines Krimis genau weiß, in welche Richtung die Geschichte geht, aber das war für mich bei „Fünf“ nicht der Fall. Vielleicht lag es an all den Ablenkungen und Nebengeräuschen im Wartezimmer oder einfach daran, dass es Ursula Poznanski gelungen war, für mich weniger ins Auge springende Spuren zu legen. Für mich war das eine erfrischende Abwechslung, dass die Auflösung am Ende zwar keine große Überraschung, aber auch nichts war, was ich von Anfang an schon erahnt habe.

Für mich war „Fünf“ sehr unterhaltsam, ich mochte die Charaktere (zum Teil auch trotz der Häufung von privaten Problemen, die mich sonst vielleicht eher genervt hätten) und die Geocachingbeschreibungen gefielen mir hier auch besser als beim „Knochenfinder“. Irgendwie genau das richtige Buch für den gestrigen Tag … 🙂

Lotte und Søren Hammer: Schweinehunde

Es ist schon etwas her, dass ich „Schweinehunde“ gelesen habe, aber ich wollte das Buch unbedingt noch für den Bereich „Rache“ der „Themen-Challenge“ besprechen. Dass sich ein Krimi mit dem Thema Rache befasst, ist ja nun wirklich nicht ungewöhnlich, aber die Umsetzung fand ich in diesem Roman besonders reizvoll. Denn es geht nicht nur um die Rache eines Opfers an einem Täter, sondern in gewissem Maß auch um die Rache an der Gesellschaft und deren Umgang mit bestimmten Verbrechen.

Doch von Anfang an: Montagsmorgen finden zwei Kinder, die besonders früh von ihrer Mutter an der Schule abgesetzt wurden, fünf Männerleichen in der Turnhalle. Die fünf Opfer wurden in einem genau ausgemessenen Abstand an der Decke der Halle aufgehängt und nach ihrem Tod verstümmelt. Dabei haben die Täter keinerlei verwertbare Spuren hinterlassen und auch die Identität der Toten lässt sich nur schwer herausfinden.

Ein solch gravierendes Verbrechen ist der Kopenhagener Polizei Grund genug, um Kommissar Konrad Simonsen aus dem Urlaub zurückzurufen und mit besonderen Vollmachten zu versehen. Gemeinsam mit seinen Kollegen soll der erfahrene Ermittler die Verbrecher fassen. Doch das wird nicht so einfach, da wenige Tage nach der Tat eine unvergleichliche (Anzeigen-)Kampagne beginnt, die die Mordopfer als Pädophile brandmarkt, die nun endlich ihre verdiente Strafe bekommen haben. Diese Kampagne ist es auch, die den Roman aus der Masse ähnlicher Veröffentlichungen herausstechen lässt.

Recht früh in der Geschichte ist dem Leser bekannt, wer hinter diesem Verbrechen steckt und warum diese Männer getötet wurden. Dank diverser Perspektivwechsel erlebt man nicht nur die Aktivitäten der Polizei, sondern kann auch die Pläne der Täter mitverfolgen. So erlebt man als Leser mit ohnmächtiger Faszination, welche Auswirkungen die großangelegte Aktion auf die Öffentlichkeit hat und wie Bürger und Politik mit den dadurch aufgeworfenen Themen umgehen.

Für die Polizisten werden die Ermittlungen durch Druck und Reaktion der Öffentlichkeit deutlich erschwert. Riefen anfangs alle nach Ergreifung der Täter, so werden ihnen nun allerlei Steine in den Weg gelegt. Kollegen, die Auskünfte geben sollen, leiden plötzlich unter Gedächtnisverlust oder haben Akten verloren, wichtige Zeugen verteidigen die Mörder und auch Konrad Simonsen und seinen Kollegen fällt es schwer, neutral an ihre Arbeit heranzugehen.

So hegen auch sie sehr früh den Verdacht, dass die fünf Opfer wegen ihres Missbrauchs an Kindern ermordet wurden, doch ohne Beweise müssen sie weiterhin in alle Richtungen ermitteln. Und Beweise sind schwer zu bekommen, wenn man jede Information hinterfragen muss, weil man niemandem mehr vertrauen kann. Je mehr die Ermittler dann über die Opfer und die Täter erfahren, desto mehr wächst bei einigen von ihnen der Wunsch, einfach die Arbeit niederlegen zu dürfen, weil das Verständnis für die Mörder immer größer wird.

Lotte und Søren Hammer haben es dem Leser am Anfang ihres Romans nicht einfach gemacht. Die detailliert beschriebenen Verstümmelungen der Opfer haben bei mir erst einmal für die Befürchtung gesorgt, dass die beiden Autoren in ihrem Debütroman in erster Linie auf Blut und Ekel setzen, um die Sensationslust der Leser anzufachen. Und dann bekommt man auf den ersten Seiten eine neue Figur nach der anderen vorgestellt und muss die erst einmal einsortieren und kennenlernen.

Umso angenehmer war ich überrascht, als ich dann feststellen musste, dass sich Lotte und Søren Hammer weniger auf den Kriminalfall an sich konzentrieren, sondern mit der Reaktion der verschiedenen Personen und der Gesellschaft als große Masse auf so ein Verbrechen und die folgende Kampagne beschäftigen. Hier bekommt die Geschichte einen unheimlichen Sog und die Reaktionen der Bevölkerung, der Presse und der Politiker sorgen dafür, dass man regelrecht Angst vor der Macht der Masse bekommt. Geschickt manipulieren die Mörder die Medien – und durch diese die Menschen des Landes.

Dabei geht es ihnen nicht darum, straffrei auszugehen, sondern die Gesellschaft darauf aufmerksam zu machen, dass die bestehenden Gesetze nicht ausreichen, um die Opfer und ihre Familien vor Pädophilen und ihren Taten zu schützen. So entsteht die Spannung in dieser Geschichte nicht durch die Morde und die Verfolgung der Täter, sondern aus der unberechenbaren Reaktion der Allgemeinheit. Und davon sind auch die Polizisten nicht ausgenommen, die von diesem Fall körperlich und seelisch an ihre Grenzen getrieben werden und immer wieder für sich entscheiden müssen, ob sie dem Gesetz dienen oder ihrem eigenen Gerechtigkeitsempfinden nachgeben wollen.

Diese ungewöhnliche Darstellung eines Kriminalfalls hat bei mir auf jeden Fall dafür gesorgt, dass ich „Schweinehunde“ als eine erfrischende Abwechslung empfunden habe. Hier und da bemerkt man zwar, dass der Roman das Debüt von Lotte und Søren Hammer ist und noch etwas Routine fehlt, außerdem hat sich das Ende etwas hingezogen, aber insgesamt habe ich mich lange nicht mehr so gut von einem Krimi unterhalten gefühlt.

[Kurz und knapp] Ella Theiss: Neben der Spur

Ich muss gestehen, dass mich „Neben der Spur“ irgendwie auf dem falschen Fuß erwischt hat. Anders kann ich es mir zumindest nicht erklären, dass ich online nur lobende Äußerungen finde, während ich weder von der Geschichte noch von den Figuren begeistert bin. Dabei hatte ich schon bei „Die Spucke des Teufels“ von der selben Autorin ein paar Probleme mit den Charakteren, was aber nicht schlimm war, weil die restliche Handlung, die historische Atmosphäre und die Grundidee so toll waren, dass mich das Buch noch einige Zeit beschäftigt hat. Letztendlich war ein so positiver und interessanter Eindruck geblieben, dass ich mich wirklich auf den neuen Roman von Ella Theiss gefreut hatte. Und eine Biosuppen-Firma als Schauplatz klang in meinen Ohren auch reizvoll …

Um euch einen Eindruck von Inhalt zu vermitteln, gibt es hier einmal den Klappentext:

„Die junge Journalistin Karo Rosenkranz heuert bei der Biosuppenfirma Hepp in der PR-Abteilung an. Schon bald stößt sie auf Ungereimtheiten: Der hundertjährige Senior verschweigt etwas aus seiner Vergangenheit. Der designierte Firmenchef Valentin Hepp ist mit unbekanntem Ziel verreist, was kaum jemanden zu stören scheint. Zudem haben sich die Hepps erst kürzlich in eine Mega-Hühnerfarm eingekauft – wie passt das in das Konzept eines angeblich tierschutznahen Unternehmens? Karo ist überzeugt: Das gibt eine ganz dicke Story! Dabei befindet sie sich längst in tödlicher Gefahr …

Leider hatte ich von Beginn an ein Problem mit der Hauptfigur von „Neben der Spur“. Karo Rosenkranz ist relativ skrupellos, voller Vorurteile, besessen davon, keine Kalorien zu sich zu nehmen, und wenn sie sich nicht wirklich nett um die behinderte Tochter ihrer Nachbarin und den alten Firmengründer kümmern würde, dann würde ich so schnell keinen sympathischen Zug von ihr nennen können.

Auch mit den restlichen Figuren war ich nicht glücklich. Natürlich gibt es in dieser Biosuppenfirma die lästige, esoterisch angehauchte Frau, die jedem mit ihrer Hilfsbereitschaft auf den Leib rückt (und dementsprechend auf die Nerven geht). Dann den gutmütigen, betriebsblinden und etwas altmodischen treuen Mitarbeiter, die Firmenerbin, die lieber Konzertpianistin geworden wäre, ihr junge, naiver und idealistischer Neffe, der zu blöd ist, um sich über irgendetwas Gedanken zu machen, und viele andere Charaktere, denen ich am liebsten rechts und links etwas um die Ohren gehauen hätte.

Die Hintergrundgeschichte fand ich jetzt auch nicht so schwierig zu durchschauen und einige Ereignisse aus der Vergangenheit konnte man sich – wenn man sich die Persönlichkeit des alten Firmenchefs vor Augen führt – auch ganz gut zusammenreimen. Am Ende gab es noch ein paar überraschende Entwicklungen, aber die waren vor allem deshalb so unvorhersehbar, weil die handelnden Personen bis zu dem Zeitpunkt von der Autorin etwas stiefmütterlich behandelt worden waren.

Vielleicht hängt ein Teil der guten Meinungen auch damit zusammen, dass sich Ella Theiss in diesem Buch mit der Nazizeit auseinandersetzt oder weil die Autorin den Einsatz von behinderten Menschen als wissenschaftliche/medizinische Versuchsobjekte thematisiert. All das sind wichtige Punkte, mit denen man sich immer wieder auseinandersetzen sollte. Aber auf der anderen Seite habe ich genau diese Aspekte in anderen (Kriminal-)Romanen schon deutlich aufrüttelnder und berührender vorgefunden.

Ich muss gestehen, dass mich all die oben genannten Kritikpunkte besonders deshalb ärgern, weil ich mich auf das Buch wirklich gefreut hatte. Immerhin sorgt der Schreibstil dafür, dass die Geschichte flüssig zu lesen ist, und hier und da musste ich – trotz aller Nörgelei – auch schmunzeln. Aber auch die nette Erzählweise hat mich nicht so recht zum Weiterlesen motivieren können, so dass ich zwei Anläufe benötigte (und den Roman dann vor allem beendet habe, weil ich es mir dann ernsthaft für einen Nachmittag vorgenommen hatte). Immerhin könnte ich mir vorstellen, dass Ella Theiss in diesem Stil eine amüsanten Chick-Lit-Geschichte erzählt – nur die Klischees sollte sie da bitte nicht ebenso sehr ausreizen wie in „Neben der Spur“.

[Kurz und knapp] Melanie Lahmer: Knochenfinder

Klappentext: 

Ein Schüler verschwindet spurlos. Wenig später wird in einem Geocaching-Versteck im Rothaargebirge ein Finger gefunden, und an der Schule des Vermissten kursieren brutale Gewaltvideos. Kommissarin Natascha Krüger und ihre Kollegen suchen nach einem Täter – und ahnen nicht, welches grausame Spiel dieser mit ihnen spielt. Denn kurz darauf gibt es einen weiteren Geocaching-Fund …

Theoretisch könnte man fast jeden Krimi unter den Oberbegriff „Suche“ packen, da im Großteil dieser Romane die Suche nach dem Täter im Mittelpunkt steht. Aber ich habe „Knochenfinder“ nicht wegen des Krimianteils für diesen Punkt der Themen-Challenge ausgewählt, sondern wegen der Passagen rund ums Geocaching. Es gelingt Melanie Lahmer, diesen Teil ihrer Geschichte sehr reizvoll zu schildern, gerade in den Szenen, in denen es um Caches geht, bei denen der Suchende auch noch Rätsel zu lösen hat oder sich wie bei einer Schnitzeljagd von Hinweis zu Hinweis bewegt, um am Ende den Cache in die Finger zu bekommen, der die eigentliche „Beute“ darstellt.

Was die restliche Geschichte angeht, so habe ich mich ganz gut unterhalten gefühlt. Kein Roman, der mich mitreißen konnte, aber auch keine Enttäuschung. Die Hauptfigur Natascha Krüger wurde von der Autorin – ebenso wie ihre diversen Kollegen – recht sympathisch angelegt, die Handlung war nicht atemberaubend, hat mich aber immer wieder fesseln können, und ihre Heimat Siegen, wo der Roman spielt, hat Melanie Lahmer sehr liebevoll geschildert. Trotz diverser Details zur Stadt, ihrer Geschichte und ihrer Umgebung hatte ich nicht das Gefühl, dass ich hier einen Regionalkrimi in der Hand hätte – was jetzt vermutlich zu einer Diskussion über die Definition von Regionalkrimi führen könnte. 😉 Stattdessen hatte ich den angenehmen Eindruck, dass da jemand über etwas Vertrautes schreibt, ohne damit zu übertreiben.

Doch bei all den netten Charakteren und den persönlichen Szenen (zum Beispiel zwischen Natascha und ihrem dreibeinigen Kater Fritz oder die, in denen der Leser mehr über das Familienleben von Nataschas Vorgesetztem Winterberg erfährt), fehlte mir das richtige Mitratenkönnen bei diesem Krimi. Es gab eine Menge Personen, die nur kurze Auftritte hatten, und obwohl ich das Buch an einem Tag gelesen habe, gab es immer wieder Momente, in denen ich zurückblättern musste, weil ich mir nicht mehr sicher war, ob ich jetzt die richtige Figur dem richtigen Gespräch zuordnete – und das passiert mir sonst wirklich sehr selten. Bei all der Masse an Dialogen, Wiederholungen von Informationen, Figuren und mehr oder weniger relevanten Hinweisen und Überlegungen blieben bei mir zwar viele Eindrücke zurück, aber vieles davon war nicht greifbar genug, um den Charakteren genug Profil zu verleihen oder mir das Gefühl zu geben, ich könnte mitermitteln.

Und am Ende empfand ich den Täter und sein Motiv als unglaublich unbefriedigend. Ich muss als Leser nicht unbedingt die Gründe für ein Verbrechen nachvollziehen können, aber ich erwarte vom Autor, dass er mir glaubhaft vermittelt, dass der Täter aus einer bestimmten Motivation heraus handelt. Und egal, wie gestört, besessen, wütend, dumm oder was auch immer der Verbrecher ist, ich mag am Ende einer Geschichte nicht dasitzen und mich fragen, ob das wirklich alles gewesen sein soll. Selbst wenn es vielleicht realistischer ist, dass ein Motiv für einen Außenstehenden nicht stimmig zu sein scheint, so sollte es in einem Krimi, bei dem einige Passagen auch aus der Sicht des Täters geschrieben sind, für den Leser nachvollziehbar sein.

Trotz dieses für mich frustrierenden Endes ist „Knochenfinder“ ein solides Debüt – und ich hoffe sehr, dass es irgendwann einen zweiten Roman von Melanie Lahmer geben wird, der zeigt, dass sie nicht nur realistische Ermittlungen, interessante Details über diverse Themengebiete und sympathische Charaktere präsentieren kann, sondern auch eine mitreißendere Handlung mit einem überzeugenderen Bösewicht.

Nachtrag: Beim Thema „Geocaching“ kommt mir zur Zeit übrigens als erstes „Fünf“ von Ursula Poznanski in den Sinn (welches ich hoffentlich auch bald lesen kann). Ich weiß nicht, ob es Zufall ist, dass zwei Romane mit diesem Thema so zeitnah veröffentlicht wurden, finde es aber interessant, dass Melanie Lahmer am Ende ihres Buches einen recht deutlichen Verweis auf „Erebos“ eingebaut hat. 😉

Linda Castillo: Blutige Stille

Ich bin in den letzten Monaten auf diversen Blogs (unter anderem bei JEDs Schmökerstube) immer wieder über diesen Titel gestolpert und musst dann doch irgendwann meiner Neugier nachgeben und „Blutige Stille” in der Bibliothek vormerken. Dabei hatte ich nach dem Klappentext keine so großen Erwartungen und war – trotz der begeisterten Blogrezensionen – in Bezug auf die Handlung eher skeptisch. Nach dem Lesen des Romans ist Linda Castillo für mich keine Neuentdeckung, die ich unbedingt weiterhin verfolgen muss, aber ich habe mich durch dieses Buch ganz gut unterhalten gefühlt.

Gleich zu Beginn entdeckt der Leser gemeinsam mit dem Polizisten Chuck „Skid“ Skidmore auf einer amischen Farm eine entsetzliche Bluttat. Eine siebenköpfige Familie wurde dahingemetzelt, ohne dass es ein Anzeichen auf den Täter gäbe. Vor allem die Tatsache, dass die Familie nicht nur erbarmungslos getötet wurde, sondern dass die beiden Töchter der Familie zusätzlich noch gefoltert wurden, erschüttert die gesamte Kleinstadt. Erst das Tagebuch einer der Töchter lässt einen Verdacht aufkommen, welches Motiv der Mörder gehabt haben könnte.

„Blutige Stille“ ist nicht der erste Krimi, den ich lese, der in einem Amisch-Umfeld spielt, aber der erste, bei dem die ermittelnde Polizistin (genauer gesagt Polizeichefin Burkholder) selber in dieser Kultur aufgewachsen ist. Und genau dieser Punkt macht für mich einen entscheidenden Unterschied, denn die Hauptfigur Kate Burkholder weiß wie das Leben bei den Amisch abläuft und kann aufgrund ihrer Herkunft ohne große Vorurteile an die Ermittlungen herangehen. In anderen Romanen störte mich hingegen immer diese touristische Neugier und diese Grundskepsis gegenüber einer anderen Lebensweise beim Aufeinandertreffen von Polizisten und amischer Gemeinde.

Aber auch Kate kann nicht unbelastet an diesen Fall herangehen: Auf der einen Seite ist da die Erinnerung an eine friedliche Kindheit und die Naivität, die amische Kinder im Vergleich zu ihren „englischen“ Altersgenossen haben, auf der anderen Seite durchlebt die Polizistin all die Dinge noch einmal, die dazu geführt haben, dass sie sich gegen ein Leben bei den Amisch entschieden hat. Alle Details werden hier für den Leser nicht deutlich – vermutlich, weil das schon Thema im ersten Band („Die Zahlen der Toten“) um Kate Burkholder war. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass ich etwas nicht verstehen würde, weil die Autorin wirklich genügend erklärt und wiederholt.

Achja, die Wiederholungen … Das größte Manko in meinen Augen sind die Wiederholungen wenn es um persönliche Ängste und Gefühle bei Kate und ihrem Freund/Kollegen/Liebhaber John Tomasetti geht. Beide Charaktere haben in ihrer Vergangenheit schlimme Dinge erlebt und während ich bei Kate damit leben konnte, dass dieser Mordfall sie an ihre eigene Geschichte erinnerte, ging mir Tomasetti irgendwann auf die Nerven. Ja, es ist bestimmt schrecklich, wenn die eigene Frau samt der beiden Kinder von einem nach Rache dürstenden Verbrecher bestialisch ermordet werden, und ja, das ist nichts, was man innerhalb von zwei Jahren eben wegsteckt, aber all das hatte ich schon nach den ersten Erwähnungen verstanden. Und genauso erging es mir mit Kates Gefühlen für Tomasetti, denn aufgrund ihrer Vergangenheit und persönlicher Probleme fällt es ihr schwer eine Beziehung einzugehen, obwohl sie seinen Körper, seine Intelligenz und vieles andere an ihm schätzt. Und diese zwiespältigen Gefühle werden von  Linda Castillo immer wieder erwähnt, wenn es darum geht, dass Kate beruflich zu Tomasetti Kontakt aufnimmt oder wenn sie nach Feierabend die Bilder der Toten nicht aus dem Kopf bekommt oder … ach, glaubt mir, die Autorin findet da sehr viele Gelegenheiten!

Dabei hatte ich beim Lesen anfangs gar nicht so sehr den Eindruck, dass das Gefühlsleben der beiden Figuren so im Vordergrund stehen würde, stattdessen habe ich es genossen, dass die Beschreibungen der Ermittlungen mir recht realistisch vorkamen (vor allem, da es so gut wie keine Hinweise gibt) und dass die Charaktere (abgesehen von Tomasetti) interessant, aber nicht zu überzogen dargestellt wurden. Auch wenn Kate Probleme mit genau diesem Fall hat, weil er eben Erinnerungen weckt, so habe ich sie zu Beginn als jemanden geschätzt, der normalerweise seine Gefühle im Griff hat und sich professionell auf seine Arbeit konzentriert.

Ebenfalls angenehm fand ich es, dass der Leser nicht mehr Informationen hatte als Kate. Jeder ihrer Ermittlungsschritte wurde ebenso wie jede Befragung und jedes Sichten von Material beschrieben. Mir gefällt es einfach, wenn ich bei einem solchen Roman „mitermitteln“ darf. Weniger schön fand ich es, dass die verschiedenen Verdächtigen – obwohl es eine überschaubare Zahl war – nicht so beschrieben wurden, dass ich eine greifbare Erinnerung an sie hatte. So musste ich mich immer wieder mühsam erinnern, welcher der Männer nun der entlassen Häftling, der Kaffeelieferant oder der Bauunternehmer war und in warum Kate sie überhaupt befragt hatte.

Auch das dramatische Ende war mir etwas zu viel. Mit einem Köder zu arbeiten ist in meinen Augen zwar legitim, aber dann doch bitte auf eine professionelle Art und Weise und nicht, weil man zu frustriert ist, um sich einen anderen Weg auszudenken. Und auch wenn die Schwelle zwischen Verteidigung und Selbstjustiz überschritten wird, bin ich als Leser nicht mehr so ganz glücklich mit der Geschichte. Herjeh, wenn ich überlege, dass ich das Buch mit einem „ganz nett“-Gedanken aus der Hand überlegt habe, dann habe ich jetzt beim Schreiben doch verflixt viele Kritikpunkte gefunden … 😉