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Astrid Lindgren: Die Menschheit hat den Verstand verloren

„Die Menschheit hat den Verstand verloren – Tagebücher 1939-1945“ von Astrid Lindgren habe ich im vergangenen Jahr zu Weihnachten bekommen – und dann stand das Buch eine Weile im Regal, bis ich bereit war, es zu lesen. Siebzehn Hefte hat Astrid Lindgren während der sechs Kriegsjahre mit all ihren Gedanken und Befürchtungen, aber auch mit einer Menge Zeitungsausschnitten und Abschriften von Briefen gefüllt. So entstand eine faszinierende Mischung aus Dokumentationen der jeweils wichtigsten Kriegsgeschehnisse (natürlich aus der Sicht einer relativ unbeteiligten Schwedin) und Alltagserzählung. Dabei fand ich es vor allem spannend, wie viel Angst in Skandinavien vor Russland herrschte und wie die schwedische Bevölkerung selbst in den späteren Kriegsjahren, als bekannt geworden war, welche Gräueltaten die Deutschen begingen, eher hofften, dass die Deutschen einmarschieren, als dass die Russen bis zu ihrer Grenze gelangen würden.

22. Juni 1941

[…] Es wird sicher anstrengend, mit Deutschland gegen Russland und mit England gegen Deutschland zu halten. […] (S. 116)

Bei Astrid Lindgren sorgt diese Angst vor den Russen zu einer genauen Beobachtung der politischen Lage, wobei sie viele Nachrichten und Zeitungsausschnitte mal entsetzt, mal spöttisch kommentiert. Stellenweise hatte ich das Gefühl, dass es ihr sogar die Sprache verschlagen hat – als hätte sie die Vorkommnisse zwar anhand der eingeklebten Ausschnitte festhalten wollen, dadurch aber so erschüttert war, dass sie ihre Gedanken dazu nicht einmal mehr niederschreiben konnte.

Auf der anderen Seite gab es viel über die alltäglichen (Familien-)Sorgen und Ereignisse zu lesen, wie eine Auflistung von Geschenken an Geburtstagen und Weihnachten, die Gedanken über Vorratshaltung während der Zeit der Rationierung und natürlich auch ihren Kummer über Krankheiten der Kinder oder die Untreue ihres Mannes. Dabei hat Astrid Lindgren viele dieser Dinge – obwohl die Tagebücher ja von ihr vollkommen privat geführt wurden – nicht ausformuliert oder nur angedeutet. Ohne das Wissen, das ich schon über das Leben der Schriftstellerin hatte, hätte ich mit einigen Aussagen gar nichts anfangen können, weil Astrid Lindgren es natürlich nicht nötig hatte, für sich ganz persönlich Dinge weiter auszuführen, die sie so tief bewegten.

Auffällig fand ich auch, dass ihre Karriere während einer Phase ihres Lebens anfing, in der mir ihre Tagebucheinträge das Gefühl gegeben haben, dass sich Astrid Lindgren nicht gut fühlte. Eine Phase, in der der Krieg rund um Schweden endlos zu sein schien, während die Nachrichten über all die Opfer nicht abrissen und Astrid Lindgren über ihre Arbeit private Briefe von Augenzeugen in die Hände bekam, die sie nicht so schnell losließen. Dazu kam der Kummer mit ihrem Mann und die Tatsache, dass sie dank eines verstauchten Knöchels nicht aus dem Haus konnte, um sich wie gewöhnlich bei einem Spaziergang oder eine Radtour die schlechten Gedanken aus dem Kopf blasen zu lassen. Das gab mir das Gefühl, dass sie sich anfangs in ihre Geschichten flüchtete, um eine Auszeit von ihrer Realität genießen zu können.

Ich fand es auf jeden Fall bereichernd, dieses Tagebücher zu lesen. Nicht nur, weil ich Astrid Lindgren als Person interessant finde und es spannend war, ihre Sicht auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs zu erleben, sondern auch, weil es – mir bislang nicht bewusste – Aspekte des Krieges rund um die skandinavischen Länder und ihre Bevölkerung präsentiert hat. Mein einziger Kritikpunkt wäre die Präsentation der verschiedenen Elemente in dieser Veröffentlichung. So liebevoll das Buch aufgemacht ist, so fand ich es stellenweise doch etwas schwierig zu lesen. Man bekommt erst die Tagebucheinträge eines Jahres als Übersetzung zu lesen, daran angehängt wurden die Faksimiles der Originaltagebucheinträge inklusive der eingeklebten schwedischen Zeitungsausschnitte und danach kamen die Übersetzungen der Zeitungsaussschnitte. Das bedeutete, dass ich bei jeden Verweis auf einen Ausschnitt das Lesen unterbrechen und zweimal blättern musste (einmal, um das Original zu betrachten, ein weiteres Mal, um die Übersetzung zu lesen), um alles zu verstehen. Ich bin mir sicher, dass es deutlich (arbeits- und platz-) aufwändiger gewesen wäre, wenn man versucht hätte, die Artikel samt Übersetzungen in der Reihenfolge in den Text einzubetten, in der sie auch im Original gewesen wären. Aber zum Lesen hätte ich es angenehmer gefunden, wenn ich innerhalb eines Jahres nicht immer hätte hin- und herblättern müssen.

Wolfgang Behringer: Tambora und das Jahr ohne Sommer

„Tambora und das Jahr ohne Sommer – Wie ein Vulkan die Welt in die Krise stürzte“ von Wolfgang Behringer ist eine Empfehlung von Hermia gewesen und ich konnte den Titel glücklicherweise relativ schnell in der Bibliothek ausleihen. Insgesamt fand ich das Buch sehr spannend, wenn auch stellenweise etwas sehr mit Namen und Daten überfrachtet – das sind dann immer die Passagen, an denen mein müder Kopf bei meiner Nachmittagslesepause wegdriftet und ich mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit einschlafe. Was dann dazu führt, dass ich viel länger für so ein Sachbuch benötige, als mir lieb ist …

Wolfgang Behringer versucht in „Tambora und das Jahr ohne Sommer“, all die Ereignisse in den Jahren nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora in einen nachvollziehbaren Zusammenhang zu bringen. Er zeigt auf, wie sehr dieser Vulkanausbruch das Klima und somit auch Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt beeinflusst hat. Es gibt – wie man der Einleitung entnehmen kann – viele Daten zu den Jahren 1816 bis 1820, die von den Wetterveränderungen, den Missernten, den Hungersnöten und den Unruhen berichten, und auch viele Wissenschaftler, die sich bestimmter Einzelaspekte dieser Zeit angenommen habe, aber keinen Versuch, eine weltumspannende Sicht auf die Folgen dieses gewaltigen Vulkanausbruchs zu werfen. Wobei mir beim Lesen auch immer wieder aufgefallen ist, dass der Schwerpunkt dann doch wieder auf den Berichten aus Süddeutschland und zum Teil der Schweiz, Frankreich und Großbritannien liegt – eben weil aus diesen Regionen detaillierte Schilderungen aus der Zeit vorliegen oder weil es für bestimmte Länder (zum Beispiel im asiatischen Raum) noch keine genauen wissenschaftlichen Studien zu den Jahren kurz nach 1816 gibt.

Aber auch wenn es im Vergleich zum süddeutschen Raum verhältnismäßig wenige Aussagen zu den weltweiten Entwicklungen gibt, so reichen schon die wenigen Anmerkungen, damit der Leser eine Vorstellung von den umfassenden Einflüssen bekommt, die dieser Vulkanausbruch hatte. Neben den erwartbaren Veränderungen wie Klimaveränderungen, Missernten, Hungernöten, Krankheiten und Auswanderung fand ich es besonders faszinierend, wie die Politik und die Wissenschaft mit all den Herausforderungen umgingen. Nachdem sich die europäische Landschaft gerade erst durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses gravierend verändert hatte, stellten die Hungerjahre für die frisch zusammengeschlossenen Nationen ganz besondere Herausforderungen da.

Während sich in diesen Jahren der Not manche Menschen von ihrer schlechtesten Seite zeigten (Rassismus, Hexenverfolgung, Wucherei, Machtmissbrauch, Sekten), gab es auch viele Gruppen, die sich zusammenfanden, um Suppenküchen und Arbeitsangebote auf die Beine zu stellen oder die Landwirtschaft zu fördern, damit diese in Zukunft bessere Ernten einfahren konnte. Besonders spannend fand ich z. B. Informationen zur Entstehung der ersten Sparkassen und Versicherungen, die in den Jahren nach dem Vulkanausbruch gegründet wurden, um den ärmeren Bevölkerungsgruppen eine Möglichkeit zu bieten, für Notzeiten vorzusorgen. Ich muss gestehen, dass ich mir nie Gedanken darüber gemacht habe, wieso es irgendwann Angebote für „normale“ Bürger gab statt ausschließlich Banken für Adelige, reiche Kaufleute und Industrielle.

Auch die wissenschaftliche und industrielle Entwicklung in den Folgejahren fand ich spannend. Gerade die auf den Vulkanausbruch folgende Entstehung der Meteorologie und dass dieses Ereignis überhaupt erst der Grund war für detailliertere Wetterbeobachtungen, finde ich faszinierend.  Da hätte ich mir fast noch mehr Details gewünscht, auch wenn Wolfgang Behringer dem Leser einen informativen und umfassenden Überblick gewährt. Aber es sind halt in der Regel die skurrilen Kleinigkeiten, die bei mir nach dem Lesen so eines Buches langfristig hängenbleiben und bedauerlicherweise weniger die Gesamtzusammenhänge. Insgesamt habe ich trotzdem das Gefühl, ich habe viel gelernt und konnte wieder vielen kleinen Wissensteilchen, die vorher in meinem Kopf rumschwirrten, einen Platz in einem Gesamtbild zuweisen. Dieses Gefühl lässt mich immer wieder dankbar für gut geschriebene und informative Sachbücher zurück, die mir helfen, mein doch eher selektives Wissen in einen Zusammenhang zu bringen.

Julia Korbik: Stand up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene

Über „Stand up – Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ von Julia Korbik bin ich im Rahmen der Sachbuch-Challenge gestolpert. Der Titel war von Hermia im ersten Jahr der Challenge gelesen worden. Natira hat auch noch 2014 zu dem Buch gegriffen, Julia hatte den Titel dann 2015 gelesen, während ich das Buch zwar Ende letzten Jahres angefangen, aber nach dem ersten Drittel erst einmal eine Pause eingelegt hatte. Die Pause wurde dann etwas länger als geplant, so dass ich jetzt erst wieder zu „Stand up“ gegriffen und es dafür dann in einem Zug ausgelesen habe.

Julia Korbik schreibt locker und informativ über den Feminismus und geht dabei auf die Entstehung und Geschichte des Feminismus ebenso ein wie auf die verschiedenen Strömungen und Meinungen, wobei sie auch nicht verschweigt, dass der Feminismus heutzutage – ebenso wie Alice Schwarzer, die in Deutschland vor allem mit dem Begriff verbunden wird – kein gutes Image hat, obwohl sich viele Menschen mit den Zielen des Feminismus eigentlich identifizieren können. Dabei fand ich es angenehm, wie wenig wertend die Autorin mit den verschiedenen Strömungen des Feminismus umging und wie sehr sie betonte, dass es auch bei zum Teil gegensätzlichen Ansichten bezüglich der Details und Methoden doch im Feminismus grundsätzlich darum geht, ein gemeinsames Ziel zu erreichen.

Das Ganze ist flüssig geschrieben und so angenehm lesbar formuliert, dass es wirklich auch für Anfänger geeignet ist. Die Kapitel sind relativ kurz und werden von Grafiken und Einschüben unterbrochen, ohne dass man dadurch aus dem Text gerissen wird. Stattdessen hat es den Effekt, dass man „nur noch eine Seite oder einen Abschnitt“ liest, bevor man das Buch aus der Hand legt. So lesen sich die 416 Seiten schnell weg und man bekommt eine Menge Tipps für den Fall, dass man sich intensiver mit dem Thema oder den verschiedenen Feministinnen (und Feministen) – nicht nur – in Deutschland beschäftigen möchte.

Ich fand es spannend, dass ich erstaunlich viele der in dem Buch erwähnten (deutschsprachigen) Bloggerinnen schon regelmäßig verfolge und wie viele Details aus „Stand up“ mir schon vertraut waren, obwohl ich mich nie aktiv mit dem Thema auseinandergesetzt habe und das Gefühl hatte, ich wäre relativ uninformiert. Aber gerade dadurch, dass ich den Großteil der genannten Bloggerinnen schon kenne, ist in mir der Verdacht entstanden, dass es sich dabei um Personen handelt, die alle in derselben kleinen Filterblase existieren. Vielleicht täusche ich mich da, aber mir fällt oft auf, dass sich diese Bloggerinnen immer wieder gegenseitig zitieren und verlinken – was natürlich verständlich ist, schließlich scheinen sie die gleichen Ansichten zu teilen und möchten diese natürlich auch verbreiten. Aber ich frage mich, ob dadurch nicht auch ein gewisser Tunnelblick entsteht, der es schwierig macht, all die unterschiedlichen Aspekte eines solch komplexen Themas zu erfassen. Von dieser kleinen persönlichen Abschweifung abgesehen fand ich, dass das Buch eine angenehm gut lesbare und allgemein verständliche Übersicht über den Feminismus von seinen Anfängen bis heute bietet.

Fred Bruemmer: Mein Leben mit den Inuit – Reisen zwischen Grönland und Alaska

Vor gut 1 1/2 Jahren hatte Natira auf ihrem Blog Fred Bruemmers „Mein Leben mit den Inuit – Reisen zwischen Grönland und Alaska“ besprochen und mich neugierig auf den Titel gemacht. Als Kind habe ich zahlreiche Dokumentationen gesehen, und viele davon drehten sich auch um das Leben der Menschen und Tiere in der Arktis. Ich weiß nicht, ob mir daher der Name von Fred Bruemmer vertraut vorkommt, aber auf jeden Fall war ich überrascht davon, wie viele Details ich in dem Buch gefunden habe, die ich schon wusste. Trotzdem war es faszinierend, von den Aufenthalten Fred Bruemmers bei den verschiedenen Inuit (und Eskimo) zu lesen. [Zum Thema „Inuit“ und „Eskimo“: Es werden in dem Buch verschiedene Inuit-Gruppen erwähnt, aber es wird eben auch betont, dass nicht alle Inuit sind und einige sich selbst als Eskimos bezeichnen. Bei einem Buch, das bereits 1995 ins Deutsche übersetzt wurde, finde ich das schon bemerkenswert.]

Der Fotograf und Schriftsteller hat viele Monate des Jahres auf Reisen verbracht und die meisten dieser Reisen führten ihn in arktische Regionen. Dabei lebte er oft monatelang als Teil einer einheimischen Familie und hatte so die Gelegenheit, ihren Alltag mit ihnen zu teilen. Als er in den 70er Jahren anfing, das Leben der Inuit zu dokumentieren, war schon abzusehen, dass die traditionelle Lebensweise nicht mehr lange überleben würde. So sind auch die in dem Buch beschriebenen Aspekte eine Mischung aus Dingen, die er selbst erlebt hat, und Sachen, die ihm erzählt wurden. Wobei Fred Bruemmer es immer wieder erstaunlich fand, wie genau die mündlichen Überlieferung seiner Gastgeber waren – was sich zum Teil anhand von historischen Aufzeichnungen von Missionaren, Entdeckern und „Eroberern“ nachvollziehen ließ.

Es ist spannend, wie viele Informationen in diesen wenigen Seiten gesammelt sind. Dabei erzählt Fred Bruemmer meinem Gefühl nach relativ unsortiert von seinen Reisen. Das liegt aber wohl vor allem daran, dass er – laut Inhaltsangabe – eine zeitliche Sortierung vorgenommen hat, in der er chronologisch von der Besiedlung der Arktis bis in heutige Zeit vordringt, aber trotz dieses roten Fadens gefühlt eher von Thema zu Thema hüpft. So liest man von seinen ersten Aufenthalten, den Fehlern, die er im Zusammenleben mit den Inuit gemacht hat, von den Jagd- und Sammelerlebnissen, von der Nahrung, der Erziehung, dem Handwerk und vielen anderen faszinierenden Dingen. Dafür, dass das Buch so schmal ist, habe ich zum Lesen relativ lange gebraucht, weil es eben so viele Informationen enthielt, gleichzeitig hatte ich aber nie das Gefühl, der Text wäre überfrachtet oder gar langweilig. Ich fand all die Begebenheiten und Details, die Fred Bruemmer über das Leben der Inuit zu erzählen hatte, interessant und kurzweilig zu lesen.

Da „Mein Leben mit den Inuit“ Informationen zusammenfasst, die der Autor über einen Zeitraum von 30 Jahren gesammelt hat, und auch auf viele verschiedene Begebenheiten in all der Zeit eingeht, lässt sich zudem gut nachvollziehen wie sehr sich das Leben der Inuit in diesen wenigen Jahren verändert hat. In den 90er Jahren war die traditionelle Lebensweise für viele nur noch etwas, dem man in den Sommerferien nachging – wenn überhaupt -, und auch dabei wurde natürlich häufig auf Werkzeuge und andere Annehmlichkeiten zurückgegriffen, die durch moderne Materialien und Fertigungen zur Verfügung stehen. Dabei fand ich es spannend, dass man zwar bei Fred Bruemmer auch eine gewisse Wehmut über all das verloren gegangene Wissen verspürt und eine Sehnsucht nach der Ursprünglichkeit, Gefährlichkeit und Ausgeglichenheit der traditionellen Lebensweise, dass er aber die Änderungen nicht verurteilt. Ein bisschen fühlt sich das für mich nach dem Lesen des Buches so an, als ob die große Bewunderung, die der Autor für die Überlebensfähigkeit der ersten Bewohner dieser unwirtlichen Regionen und für all die Kniffe, die sie sich zum Überleben in der Arktis beigebracht haben, bei ihm zu dem Schluss führt, dass die Menschen auch in Zukunft einen Weg finden werden, um in und mit der Arktis leben zu können.

Peter Englund: Verwüstung – Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges

Über „Verwüstung – Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ von Peter Englund bin ich durch Birthes begeisterte Rezension zu dem Titel gestolpert. Es hat dann gut ein Jahr gedauert, bis ich das Buch in der Bibliothek ausleihen und lesen konnte, aber das Warten hat sich definitiv gelohnt. Der Dreißigjährige Krieg war in meinem Geschichtsunterricht nicht viel mehr als eine Randnotiz, die mit dem Prager Fenstersturz eingeleitet und wenige Sätze später mit dem Westfälischen Frieden beendet wurde. Hätte ich nicht als Jugendliche „In dreihundert Jahren vielleicht“ von Tilman Röhrig gelesen, hätte ich wohl in den vergangenen Jahren Schwierigkeiten gehabt, diesen Krieg auch nur grob zeitlich einzuordnen. Jahreszahlen in geschichtlichen Zusammenhängen liegen mir wirklich nicht.

Mit so wenig Vorwissen fand ich es sehr spannend, diesen dicken Schinken (848 Seiten inklusive Anhänge) zu lesen und mehr über den Dreißigjährigen Krieg zu lernen. Dabei macht Peter Englund es dem Leser recht leicht, indem er nicht nur über den Krieg (bzw. diese vielen Kriege, die rückblickend als Dreißigjähriger Krieg bezeichnet wurden) – natürlich mit schwedischen Schwerpunkt – schreibt, sondern auch immer wieder vom Leben und dem Glauben (sowohl im religiösen als auch im „wissenschaftlichen“ Sinn) der Menschen erzählt und skurrile, spannende oder faszinierende Begebenheiten aus dieser Zeit in den Text einflicht. Einen roten Faden in diesem Buch bildet das Leben des Erik Jönsson, dessen Tagebücher und Skizzen auch immer wieder vom (militärischen) Alltag zu dieser Zeit zeugen.

Trotz des großen Umfangs und all dieser Informationen, die das Buch beinhaltet, lässt es sich wirklich gut lesen. Peter Englunds Sprache hat mir persönlich sehr zugesagt und ich mochte die – manchmal vielleicht etwas flapsig formulierten – knackigen Beschreibungen der verschiedenen Charaktere. Obwohl wirklich viele Parteien und Personen in diesem Krieg eine Rolle spielen, hatte ich keine Probleme, die verschiedenen Gruppen und Personen auseinanderzuhalten und mich an frühere Erwähnungen zu erinnern. Auch die ausführlichen Schlachtbeschreibungen, die Birthe nicht so gefallen haben, fand ich spannend, weil man wirklich gut verfolgen konnte, welche Aspekte den Ausgang einer Schlacht beeinflussten, welche politischen Einflüsse dazukamen und wie sich die Art und Weise, in der eine Schlacht geführt wurde, im Laufe der Zeit (oder je nach Befehlshaber) verändert hat. Allerdings fand ich die kleine Schrift und die relativ wenigen Absätze sehr anstrengend, und sobald ich etwas müde wurde, hatte ich das Gefühl, dass meine Augen keinen Halt in der Textmasse mehr finden.

Was mich bei diesem Buch – ebenso wie beim Lesen von Mary Roberts Rinehards „Kings, Queens and Pawns – An American Woman at the Front“ (das ich auch endlich mal beenden sollte) – wieder sehr beschäftigt hat, ist, wie wenig sich die Menschheit doch in all der Zeit verändert hat. Bei Mary Roberts Rinehard sind es immer wieder die in der Rückschau sehr naiv anmutenden Aussagen der Autorin, dass die Welt doch aus den Ereignissen des Ersten Weltkriegs lernen muss, wie sinnlos und wie menschenverachtend Krieg doch sei, während mich bei „Verwüstung“ vor allem die Passagen rund um die Beweggründe der diversen Parteien beschäftigt haben. Es gab so viele Momente in diesen drei Jahrzehnten, zu denen man den Krieg hätte beenden können, aber eben auch so viele Parteien, die mit einem Gewinn daraus hervorgehen wollten, dass keine den ersten Schritt machen oder gar einen Verlust erleiden wollte. Das alles ist leider heute immer noch erschreckend aktuell, obwohl die vergangenen Jahrhunderte doch gezeigt haben, dass eine solche Haltung weder für die Menschen noch für Wirtschaft und Politik langfristig von Nutzen ist.

Peter Falk: Just One More Thing – Stories from my Life

Nachdem Natira uns schon vor einiger Zeit die komplette „Columbo“-Box geliehen hat, gab es kurz darauf noch „Just One More Thing – Stories from my Life“ als Leihgabe. Das Buch ist keine Biografie des Schauspielers, sondern eine Ansammlung von Anekdoten, die in seiner Schulzeit beginnen, sich aber natürlich vor allem auf seine Zeit als Schauspieler beziehen. Ich habe all diese kleinen Geschichten sehr gern gelesen und hatte dabei die ganze Zeit seine Stimme im Ohr. Es war faszinierend zu sehen, wie viele Elemente die Figur des Columbo mit Peter Falk gemeinsam hat – und welche Unterschiede es zwischen diesen beiden Charakteren gibt.

Doch noch spannender fand ich all die Dinge, die der Schauspieler zum Beispiel über die Phase in seinem Leben schrieb, in der er keine Ahnung hatte, was er mit seinem Leben anfangen sollte, und deshalb die abwegigsten Jobs annahm. So hat er als Schiffskoch gearbeitet, Steine in Jugoslawien geschleppt und viele andere Sachen gemacht. Schon allein die Überschriften zu den einzelnen Geschichten haben mich häufig schmunzeln lassen, wie „i have never been arrested in the united states but i have been arrested in …“. Lustig fand ich häufig auch die Beweggründe, die er für einige seiner Entscheidungen anführt, oder all die kleinen und größeren Begebenheiten, die an Filmsets passiert sind und die einen kleinen persönlichen Einblick in das Business oder in den Charakter eines Schauspielers bieten.

Ich habe beim Lesen häufig kichernd dagesessen, während mein Mann mich warnte, dass ich ihm nichts vorlesen oder erzählen dürfte, weil er das Buch auch noch lesen möchte – und ich muss zugeben, dass der Drang doch recht groß war, nur eben eine kurze Geschichte nachzuerzählen. Eigentlich ist das Buch perfekt, wenn man zwischendurch eine amüsante kleine Auszeit benötigt, denn die einzelnen Passagen sind recht kurz und unabhängig voneinander zu lesen. Obwohl ich schon die Reihenfolge einhalten würde, da man manche Sachen besser einschätzen kann, wenn man schon weiß, welches Verhältnis Peter Falk zu einer bestimmten Person hatte oder auf welchem Weg er zum Beispiel zur Schauspielerei oder zur Malerei gefunden hat.

Das größte Problem ist eigentlich, dass mich die Kürze der Geschichten häufig verlockte, „nur noch eine weitere“ zu lesen – und dann kam ich doch erst wieder nach Mitternacht ins Bett. Außerdem habe ich beim Lesen ständig das Bedürfnis gehabt, einen der erwähnten Filme (noch) einmal zu sehen, um mir bestimmte Szenen oder Schauspieler noch einmal bewusst anzuschauen – oder einfach, um Peter Falk als Schauspieler noch einmal genießen zu können. Erstaunlich viele der erwähnten Filme kenne ich zwar, aber da es in den letzten Jahren kaum noch einen davon im Fernsehen gab – früher waren da immerhin die dritten Programme noch eine zuverlässige Quelle für Wiederholungen – sind meine Erinnerungen oft nur noch sehr vage. So habe ich das Buch wirklich genossen, fürchte aber, dass meine DVD-Wunschliste dadurch spontan explodiert ist. Es gibt allerdings Schlimmeres, als eine Sammlung alter Filme zu besitzen … 😉

Luise Berg-Ehlers: England und die Detektive

„England und die Detektive“ von Luise Berg-Ehlers ist – wie es schon das im Juli gelesene „Mit Miss Marple aufs Land“ war – eine Leihgabe von Natira gewesen, allerdings entstand dieser Band deutlich früher als der Miss-Marple-Titel. Ergänzt werden die Texte von Luise Berg-Ehlers durch Rezepte aus der Feder von Jutta Schreiber und Fotos von Horst und Tina Herzig. Insgesamt bekommt man so einen Band, in dem man theoretisch immer wieder gemütlich stöbern und sich an den Bildern erfreuen kann. Eigentlich mag ich solche Bücher, weil sie mich an schon gelesene Kriminalromane und liebgewonnene Charaktere erinnern und mich neugierig auf die (zugegeben relativ wenigen) klassischen britischen Krimis machen, die ich noch nicht ausprobiert habe und die Fotos – vor allem die historischen – fand ich auch wirklich schön.

Aber ich hatte beim Lesen immer wieder Probleme mit den Formulierungen der Autorin. Ich bin mir eigentlich sicher, dass sie häufig das Richtige meint, aber ihre Ausdrucksweise führt dazu, dass ich irritiert oder sogar verärgert bin, weil entweder die Informationen nicht ganz korrekt wiedergegeben werden oder weil ich das Gefühl habe, dass ich für dumm gehalten werde. Gerade bei Autoren, deren Werke mir zur Zeit sehr präsent sind  (wie Arthur Conan Doyle, dessen Sherlock-Holmes-Geschichten ich in diesem Jahr vollständig gelesen habe), habe ich mich über die dementsprechenden Abschnitte in „England und die Detektive“ sehr geärgert. Es gibt eine Bildunterschrift, die aussagt, dass es Leute gibt, die dumm genug sind, zu glauben, dass Sherlock Holmes eine reale Person war (im Text wird das dann etwas relativiert, in dem erwähnt wird, dass wohl zur Zeit der Veröffentlichung der Holmes-Geschichten einige Leser diesem Irrglauben erlagen). Überhaupt wechselt die Autorin in ihren Texten immer wieder zwischen „haha, das ist doch alles nur erfunden“ und „hier findet ihr den Ort, an dem dieser oder jener Fall stattfand“ – es wäre schön gewesen, wenn sie sich entschieden hätte, ob sie die Fiktion nun als „Realität“ oder eben als Fiktion behandeln möchte.

Und immer wieder gibt es – anscheinend neckisch gemeinte – Nebenbemerkungen, die auf populäre Irrtümer hinweisen wie das berühmte Outfit Sherlock Holmes‘ mit dem Inverness-Mantel und der Deerstalker-Mütze, das für innerstädtische Ermittlungen völlig unangemessen ist. Dabei unterschlägt Luise Berg-Ehlers, dass Arthur Conan Doyle diese beiden Kleidungsstücke nur einmal in seinen Romanen erwähnte (und das bei einem Ausflug aufs Land). Auch gibt es Bildunterschriften, die zum Beispiel behaupten, dass die Scherenschnitte an der U-Bahn-Station „Baker Street“ den Weg zum Ausgang weisen, während auf dem Foto deutlich zu sehen ist, dass diese gestalterischen Elemente keinerlei wegweisende Funktion übernehmen, da sie in unterschiedliche Richtungen blicken. Ich weiß, dass das nur Kleinigkeiten sind, aber es sind Kleinigkeiten, die mich sehr ärgern und die in mir die Frage aufkommen lassen, was da noch alles nicht ganz korrekt ist in Bereichen, in denen ich es nicht beurteilen kann.

Ich muss wohl zugeben, dass ich besonders kritisch beim Lesen war, aber es gab so viele Dinge, die mich geärgert haben. Die schon erwähnten unklaren Formulierungen, die Diskrepanzen zwischen einigen Fotos und den dazugehörigen Bildunterschriften, die ebenfalls etwas „frei“ formulierten Kapitelüberschriften (wenn da „Pater Brown und seine Glaubensbrüder“ oder „Miss Marple und ihre Kolleginnen“ steht, erwarte ich, dass da auch mehr als eine weitere Person in dem dementsprechenden Kapitel auftauchen) und die erschreckend unstrukturierte Präsentation des Ganzen haben mich durchgehend irritiert. Oft habe ich auch die Gewichtung der Texte nicht nachvollziehen können und … vielleicht liegt es daran, dass zwischen den beiden von mir gelesenen Büchern der Autorin anscheinend zehn Jahre liegen, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich mich bei „Mit Miss Marple aufs Land“ so sehr geärgert habe.

Und da ich schon im Mecker-Modus bin, gibt es auch noch eine Anmerkung zu den Rezepten, bei denen etwas vorkommt, was ich auch in „richtigen“ Kochbüchern schon ärgerlich finde. Wenn zum Beispiel eine Suppe über geröstete Toastecken serviert werden soll, dann werden diese Toastecken nicht in der Zutatenliste erwähnt. Sowas finde ich unübersichtlich, lästig und kritisierenswert, aber es macht es nun nicht unmöglich, das Rezept nachzukochen. 😉

Alles in allem war ich mit „England und die Detektive“ wirklich nicht glücklich, auch wenn mich das Buch darauf gebracht hat, dass ich dem einen oder anderen britischen Ermittler noch eine (zweite) Chance geben wollte.

Charlotte Lyne: Alles über Shakespeare

Ich habe bislang noch nichts von Charlotte Lyne gelesen, wenn man nicht die ersten Seiten von „Das Mädchen aus Bernau“ mitzählt. Diese ersten Seiten konnten mich damals beim Anlesen nicht packen, weshalb der Roman ungelesen zurück in die Bibliothek wanderte. „Alles über Shakespeare“ hingegen fand ich sehr angenehm geschrieben, interessant und unterhaltsam und bin froh, dass ich über Natiras Rezension zur Sachbuch-Challenge 2014 auf das Buch aufmerksam wurde (und dass sie es mir geliehen hat 😉 ).

Als Abiturientin begleiteten mich lange Zeit auf dem Weg zur Schule die Bände einer dicken (und verflixt schweren) Shakespeare-Ausgabe, und so habe ich die täglichen Fahrten mit Bus und Bahn inklusive Wartezeit zum Lesen seiner Stücke genutzt. Auch wenn das lange her ist, so habe ich doch einiges von Shakespeare gelesen und kann die meisten Stücke und Figuren – spätestens nach etwas Bedenkzeit – recht gut zuordnen. Was ich über Shakespeare weiß, ist hingegen gering und stammt zum Großteil aus (britischen) Kriminalromanen. Gerade die Theaterliebhaberin Ngaio Marsh hat einige Krimis geschrieben, die sich auch um Shakespeare und seine Werke drehen, aber auch sonst gibt es eine Menge Romane, die entweder rund um Stratford-upon-Avon spielen und allein deshalb schon immer wieder zu Verweisen auf den Dichter einladen, oder die auf seine Stücke – entweder durch Zitate oder durch das Aufgreifen des Grundmotivs – anspielen.

Mit so wenig Hintergrundwissen fand ich es sehr angenehm, die wenigen Fakten, die man über Shakespeare weiß, und die viele Aspekte, die vermutet oder unterstellt werden, eingebettet in einen – natürlich nur groben, aber vollkommen ausreichenden – Einblick in die Zeit und ihre politischen und sozialen Hintergründe, präsentiert zu bekommen. Charlotte Lyne sagt dabei ganz offen, wie wenig Wissen wirklich belegt ist und wie viel nur angenommen werden kann. Trotzdem gelingt es der Autorin, dem Leser ein angenehmes Gefühl von Stimmigkeit zu vermitteln, wenn sie die Fakten mit ihren Rückschlüssen aufgrund von Zeitgeschehen und wiederkehrenden Aussagen aus den verschiedenen Shakespeare-Stücken kombiniert.

Natürlich kann auch sie nicht die Frage klären, ob all diese Stücke tatsächlich aus einer Feder stammten und wie das Leben von William Shakespeare wirklich aussah, und ganz objektiv ist die Autorin in ihrer Begeisterung für den Dichter gewiss auch nicht, aber Charlotte Lyne gibt einem eine gute Vorstellung davon, wie das Leben in der elisabethanischen Zeit für einen Theaterautor war und welche Umstände sein Leben und sein Werk beeinflusst haben (könnten). Und all das wird so unterhaltsam und interessant präsentiert, dass ich in meinen Arbeitspausen gern zu dem Buch gegriffen habe, um wieder ein kleines Stückchen zu lesen und mir Gedanken über Shakespeare und seine Stücke zu machen.

Ivan Bargna: Afrika – Kunst und Architektur

„Afrika – Kunst und Architektur“ von Ivan Bargna war eine Leihgabe von Natira, die mich mit ihrer Rezension auf den Titel neugierig gemacht hatte. In ihrer „Nachlese“ deutet Natira dezent etwas an, was mich an dem Vorwort zu diesem Buch sehr gestört hat: Der Autor unterstellt dem Leser (der sich immerhin genug für Afrika und Kunst interessiert, um zu diesem Band zu greifen) Vorurteile. Er geht davon aus, dass einem weder bewusst ist, dass Kunst in verschiedenen Kulturen unterschiedlich verstanden werden kann (*), und er bezweifelt sogar, dass man sich überhaupt bewusst ist, dass es nicht ein einziges großes afrikanisches Volk gibt, sondern sich die Bewohner der unterschiedlichen Regionen in ihrem Leben und ihrer Kultur deutlich voneinander unterscheiden können. Ich muss zugeben, dass mich Ivan Bargnas Haltung in diesem Vorwort wirklich geärgert hat.

Ansonsten fand ich viele in diesem Buch erwähnte Aspekte – vor allem zum Bereich Architektur – sehr interessant. Allerdings werden die Themen in den einzelnen Kapitel auf den gerade mal 72 Seiten (die auch noch großzügig mit Bildmaterial versehen sind), die dieser Band umfasst, sehr oberflächlich angerissen. Es wird weniger erklärt, als mir lieb gewesen wäre, und man bekommt nur einen groben Einblick in die verschiedenen Elemente „afrikanischer“ Kunst und Kultur. Lieber wäre es mir gewesen, wenn Ivan Bargna sich einzelne Volksgruppen vorgenommen und dem Leser auch etwas über ihr Leben, ihre Geschichte und ihren Glauben erklärt hätte und in diesem Zusammenhang dann auch auf die Kunst eingegangen wäre. So fand ich es zwar interessant zu lesen, dass manche Masken und Ansichten im Gegensatz zu anderen relativ weit verbreitet sind, konnte aber die Informationen in keinen Zusammenhang setzen, der mir wirklich etwas gebracht hätte.

Vielleicht wäre das anders gewesen, wenn ich „Die Geschichte Afrikas“ von Christoph Marx inzwischen beendet hätte und die verschiedenen Völker regional und geschichtlich besser hätte einordnen können. (Wobei „Die Geschichte Afrikas“ mit so vielen Namen und Daten um sich wirft und Wissen so komprimiert vermittelt, dass ich bezweifle, dass ich mir selbst die wichtigsten Details langfristig merken kann.) Es gibt zwar eine Karte in der Mitte des Buches, auf der die verschiedenen Volksgruppen eingezeichnet sind, aber das hat mir noch keinen wirklichen Hintergrund vermittelt. So habe ich mich zum Beispiel gefragt, ob ein bestimmtes Volk ein landwirtschaftlich geprägtes Leben führte, ob es eher zu denjenigen gehört, die seit Jahrhunderten durch den Handel ihre Geld verdienen, oder ob sie vielleicht früher als Jäger unterwegs waren und deshalb die von ihnen verwendeten Masken bestimmte Formen aufweisen.

Spannend fand ich die Aussage, dass bei den meisten Gegenständen bewusst Materialien gewählt wurden, die vergänglich sind, und dass z. B. eine Maske nur eine begrenzte Zeitspanne eingesetzt wurde, bevor sie (entweder mit ihrem Besitzer oder in einem allgemeinem Maskengrab) beerdigt wurde. Und dass grundsätzlich die Architektur nicht nur aufgrund der Materialauswahl so gestaltet wurde, dass die Häuser jederzeit angepasst oder verlassen werden können (um z. B. bei dem Tod eines Königs einen neuen Ort unter dem Namen seines Nachfolgers aufzubauen), war mir auch neu.

Hier und da hatte ich aber das Gefühl, dass der Autor (und ja, es kann sein, dass ich da etwas sehr empfindlich reagiere) ausgesprochen gönnerhaft reagiert. So findet sich in dem Kapitel über aktuelle Kunst in Afrika folgender Satz: „So nehmen wir davon Abstand, den afrikanischen Künstlern (und erst recht den „Afrikanern“) ihr Leben und ihr Handeln vorschreiben zu wollen, treten eine Schritt zurück und lassen Raum für ihre Art sich auszudrücken“ (Seite 64) Es geht bei dieser Passage darum, dass sich die Kunst in Afrika durch weltweite Einflüsse stark verändert hat, dass die alten Religionen vergessen sind und deshalb auch ihre Ritualgegenstände heute nicht mehr „richtig“ angefertigt werden können, und darum, dass die traditionellen Elemente nicht erhalten werden. Ich persönlich finde das genau richtig und natürlich. Auch wenn es schade ist, dass so viel Wissen verloren geht, so hat doch niemand das Recht, einem Künstler vorzuschreiben, wie er seine Kunst ausüben soll, und meiner Meinung nach muss deshalb nicht bewusst davon Abstand genommen werden, Einfluss zu nehmen, sondern es sollte selbstverständlich sein.

Ich muss zugeben, dass ich es schade finde, dass ich mich immer wieder über solche Formulierungen und anderen Kleinigkeiten, die in diesem Buch vorkamen, ärgern musste. Das Thema an sich finde ich immer noch sehr interessant und hoffe, dass ich noch sehr viel mehr Sachbücher über Afrika in die Finger bekomme. Aber dann bitte mit einer besseren bzw. ausführlicheren Umsetzung des Themas als bei „Afrika – Kunst und Architektur“.

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(*) Viele Dinge, die von Europäer als „afrikanische“ Kunst wahrgenommen wurden, waren eigentlich Gebrauchsgegenstände oder dienten religiösen bzw. therapeutischen Zwecken. Wobei ich mich frage, wieso man Alltagsgegenstände nicht als Kunst ansehen darf. Schließlich werden Gebrauchsgegenstände häufig optisch ansprechend gestaltet, wobei man sich „künstlerischer Elemente“ bedient. Wieso fasst jemand, der darauf aufmerksam machen will, dass Europäer voller Vorurteile auf Kunst aus Afrika schauen, die Definition von Kunst so eng? Überhaupt ist mir bei dem Buch immer wieder aufgefallen, dass der Autor von bestimmten Sichtweisen bezüglich der Kunst ausgeht – vielleicht bin ich zu wenig mit der Kunstwelt vertraut, um das nachvollziehen zu können …

Simon Winchester: Der Atlantik – Biografie eines Ozeans

„Der Atlantik“ von Simon Winchester ist noch eine Sachbuch-Entdeckung, die ich Hermia zu verdanken habe. Nach ihrer begeisterten Rezension hatte ich das Buch gleich in der Bibliothek vorgemerkt und dann auch überraschend schnell in den Händen halten können. Dass sich das Lesen dann doch einen Monat hingezogen hat, lag eindeutig an mir und nicht an dem Buch, denn das ist wirklich gut und interessant geschrieben. Simon Winchester erzählt in dem Vorwort, wie er als 18-Jähriger das erste Mal mit einem Schiff den Atlantik überquerte und als wie faszinierend er diese Tage auf dem Meer empfand. Später wurde es für ihn normal, den Ozean regelmäßig mit einem Flugzeug zu überbrücken, um beruflich von einem Ort zum anderen zu kommen – und doch hat für ihn diese große Wasserfläche nie ganz an Faszination verloren, bis er schließlich diese Biografie über den Atlantik schrieb.

Ich fand es vor allem spannend, welche Wissensgebiete hier in diesem Buch versammelt werden. In sieben Kapiteln erzählt der Autor von der Entstehung des Ozeans durch die Verschiebung der Kontinentalplatten, von der langsamen Besiedelung der Küstenlandstriche durch die Menschen und den ersten Vorstößen aufs Meer, ebenso wie von der Kunst, die durch den Atlantik geprägt wurde, von den Handelsentwicklungen, Eroberungen und Kriegen, die rund um diesen Ozean stattfanden, von dem sich verändernden Verhältnis der Menschen zum Meer und so vielem mehr.

Ich glaube, es gab keinen Aspekt, den ich in irgendeiner Form langweilig fand, und bei vielen Passagen gab es für mich kleinere und größere Aha-Erlebnisse, weil ich wieder eine Wissenslücke schließen oder ein Thema aus einer anderen Perspektive betrachten konnte. Was mich zu einer Nebenbemerkungen zu den Fußnoten bringt: Angesichts einer solchen Fülle an Informationen fand ich die Fußnoten in diesem Buch wirklich übersichtlich gehalten und ich hatte nie das Gefühl, dass dieser ergänzenden Anmerkungen überflüssig gewesen wären. Dafür gab es hin und wieder kleinere Wiederholungen innerhalb des Textes, weil einige Details nun einmal in verschiedenen Themengebieten eine Rolle spielten, was aber nicht schlimm war, sondern eher der Wissensvertiefung diente.

Bei einem so umfassenden Buch ist es auch nicht verwunderlich, dass all die verschiedenen Themen eigentlich nur angerissen werden können oder es in ein paar Bereichen vor allem zu Aufzählungen kommt, aber das hat Simon Winchester in meinen Augen so gut hinbekommen, dass man nicht das Gefühl hat, es würde zu viel auf einmal in einen Satz gepackt oder einem Gebiet würde zu wenig Beachtung geschenkt. Ich habe eher Lust, mich zu dem einen oder anderen Thema intensiver zu informieren, nachdem ich jetzt so einen faszinierenden Überblick über so viele Ereignisse rund um und auf dem Atlantik bekommen habe.

Allerdings gab es auch eine Menge Dinge, die ich beim Lesen wirklich schwer erträglich fand. Nichts davon war neu für mich, aber es so gehäuft zu lesen (die letzten fünf Kapitel habe ich in zwei Tagen gelesen, weil ich das Buch vor dem Abgabetermin der Bibliothek noch schaffen wollte) war schon etwas belastend. Simon Winchester beschreibt sehr anschaulich – aber ohne dabei seinen sachlichen Ton zu verlieren – wie es auf den Sklavenschiffen aussah, die von Afrika nach Westen segelten, welche Folgen die Überfischung für das Meer und seine Anrainer hat und mit welchem Leichtsinn (oder welcher Skrupellosigkeit) der Atlantik als Mülldeponie genutzt wurde (und wird!). Bei all den deprimierenden Fakten war ich froh über die kleinen persönlichen Anekdoten, die von diversen Erlebnissen des Autors bei seinen vielen Reisen rund um und auf dem Atlantik erzählten und das Ganze etwas auflockerten. Insgesamt hat mir „Der Atlantik“ sehr gut gefallen und ich werde die Augen nach weiteren Büchern von Simon Winchester (über das Meer) aufhalten.