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Luise Berg-Ehlers: Mit Miss Marple aufs Land – Englische Krimischriftstellerinnen zwischen Tearoom und Tatort

Auf „Mit Miss Marple aufs Land“ von Luise Berg-Ehlers wurde ich erst durch Hermias Rezension und dann wieder durch Natiras Meinung zu dem Buch aufmerksam. Nachdem mir Natira das Buch geliehen hatte, habe ich es einige Zeit lang auf dem Wohnzimmertisch liegen gehabt und immer wieder darin gelesen. Dafür war es genau richtig, wie ein klassisches „Coffee Table Book“ ist es dekorativ und voller ansprechender Fotos und den Text kann man gut in kleinen Portionen genießen. 😉

Luise Berg-Ehlers geht in sieben Kapiteln auf die verschiedenen „typisch britischen“ Elemente ein, die als unabdingbare Bestandteile in gemütlichen britischen Krimis angesehen werden wie der Tearoom, die Pfarrei oder der Dorfanger. Dabei zieht Luise Berg-Ehlers immer wieder Verbindungen zwischen den vorhandenen baulichen oder gesellschaftlichen Eigenheiten britischer Dörfer und den Geschichten bekannter Autorinnen von britischen Kriminalgeschichten – wobei ich mich hier und da schon gefragt habe, wie es zu dieser Auswahl gekommen ist und warum einige Autorinnen nicht aufgeführt wurden oder so wenig Raum in diesem Band bekommen haben.

Ich muss sowohl Natira zustimmen, die meinte, dass der Schwerpunkt bei den ganzen Beispielen sehr auf Agatha Christies Miss Marple lag und dass es schön gewesen wäre, wenn unbekanntere Figuren/Autoren mehr Aufmerksamkeit bekommen hätten, als auch Hermia, die in ihrer Rezension den besonderen Reiz der kleinen Informationen über die Autoren betonte. Diese kleinen Informationen waren für mich ehrlich gesagt das Interessanteste an diesem Buch, was vermutlich daran liegt, dass ich den größten Teil der erwähnten Autorinnen schon ausprobiert habe – und nicht immer die Begeisterung für die jeweilige Figur oder den Erzählstil nachvollziehen konnte. Auch fand ich die Auswahl der Romananfänge, die einen kleinen Eindruck von den jeweiligen Autorinnen bieten sollten, nicht immer sonderlich gelungen.

Vor allem habe ich bei diesem Band also die kleinen Details rund um die Autorinnen genossen und mich an den vielen hübschen Fotos erfreut. Ich fand es sehr entspannend immer wieder in dem Band zu blättern und zu lesen und meine Erinnerungen an schon gelesene Romane aufzufrischen. Sehr oft habe ich mir gedacht, dass ich diesen oder jenen Roman dringen wieder ausgraben und lesen müsste. Außerdem habe ich mir die beiden Autorinnen aufgeschrieben, die ich noch nicht ausprobiert habe, und werde nun die Augen aufhalten nach Patricia Wentworth und ihren „Miss Silver“-Romanen und den Albert-Campion-Krimis von Margery Allingham.

Bee Wilson: Am Beispiel der Gabel – Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge

Nachdem ich „The Making of Home“ von Judith Flanders beendet hatte (bei dem sich das letzte Kapitel doch sehr mit dem Thema Küche beschäftigt hat), lag es nah nicht zu meinen angefangenen Sachbüchern („What Jane Austen ate and Charles Dickens know“ – thematisch immerhin teilweise passend – und „Geschichte Afrikas“) zu greifen, sondern „Am Beispiel der Gabel – Eine Geschichte der Koch- und Esswerkzeuge“ von Bee Wilson aus dem Leihstapel von Natira zu ziehen. Das hatte auch den Vorteil, dass ich mich nicht mit einer unangenehmen Schrift(größe) herumschlagen musste, was in den letzten Wochen regelmäßig dazugeführt hat, dass ich mit meinen Sachbüchern nicht besonders gut vorangekommen bin.

Bee Wilson beschäftigt sich in „Am Beispiel der Gabel“ mit folgenden „großen“ Themen: „Töpfe und Pfannen“, „Messer“, „Feuer“, „Messen“, „Zerkleinern“, „Essen“ , „Eis“ und „Küche“. Dabei geht sie auf die Geschichte der jeweiligen Küchenutensilien ein, auf die (vermutliche) Entstehung, auf die Art der Verwendung, auf die Weiterentwicklung und welche Folgen diese Weiterentwicklung für die Zubereitung von Essen und die Esskultur im Allgemeinen hatte. Dabei beschränkt sich Bee Wilson nicht auf eine bestimmte Region, sondern vermittelt jedes interessante Detail, das ihr zu dem Thema untergekommen ist. So wird zum Beispiel in dem Kapitel über „Messer“ eine Studie zum Thema „Gebissentwicklung“ erläutert, die ich sehr spannend fand.

Überhaupt haben mich vor allem diese kleinen Abschweifungen gefesselt, weil dort überraschende und interessante Details erwähnt wurde, über die ich vorher noch nicht gestolpert war. Während ich in den Passagen zu den jeweiligen Kücheuntensilien vieles gefunden habe, was mir schon vertraut war. Trotzdem habe ich auch diese schon bekannten Details mit Vergnügen gelesen, weil Bee Wilson locker, unterhaltsam und mit einem persönlichen Touch darüber schreibt. Es ist einfach ein Unterschied, wenn ein Autor einfach schreibt, dass das Kochen früher anstrengend war, oder wenn einen Bee Wilson dazu auffordert sich vorzustellen, dass man für einen Kuchen erst einmal stundenlang Eiweiß mit einem Zweigbündel zu Eischnee schlagen muss, bevor man überhaupt den Teig anrühren kann. Ich mochte auch die diversen Zitate aus alten Rezepten, die einem so schön deutlich vor Augen führten, wie viel sich allein in den letzten Jahrzehnten in der Küche verändert hat.

Außerdem kann ich nach dem Lesen dieses Sachbuchs genau verstehen, warum Natira unter anderem so fasziniert von dem Abschnitt über Löffel war. Wobei ich nach dem Lesen meine Löffel nicht mit neuem Blick betrachte, sondern mich eher während des Lesens an die diversen Löffel erinnert habe, mit denen ich schon gegessen oder meinen Tee umgerührt habe. So hat meine Mutter zum Beispiel Teelöffel, die Rosen nachempfunden sind. Die Laffen sind blattförmig mit gezackten Rändern, die Stiele erinnern an verschlungene Rosenstöcke und am Ende eines jeden Stiels befindet sich natürlich eine Rosenblüte. So hübsch die Löffel sind, so wenig nutzbar finde ich sie. Sie liegen schlecht in der Hand, wenn man Zucker in den Tee geben oder umrühren will und schrecklich klein sind sie auch – und so haben sie mich an einige der im Buch beschriebenen Löffel erinnert. 😉

Amüsant fand ich auch die Passagen über die 1926 von Margarete Schütte-Lihotzky entworfene „Frankfurter Küche“. Während Bee Wilson von der Zweckmäßigkeit und der durchdachten Anordnung der Möbelstücke hingerissen zu sein scheint, hatte ich nach dem Lesen von Judith Flanders Meinung vor allem Kritik in Erinnerung. Schließlich war die Küche so entworfen worden, dass sie nur mit elektrischen Geräten funktionierte – und wurde anscheinend auch in Wohnungen eingebaut, die noch nicht über elektrische Anschlüsse verfügten. Außerdem hat die schlauchförmige Form der Küche dafür gesorgt, dass wirklich nur noch eine Frau darin hantieren konnte, was bedeutete, dass Zusammenarbeit von mehreren Personen oder gar der Aufenthalt der Kinder in der Küche während die Mutter kochte unmöglich wurden. Ich kann sowohl die Begeisterung, als auch die Kritik verstehen, finde es aber lustig welchen Schwerpunkt welche Autorin setze.

Insgesamt hat mir das Lesen von „Am Beispiel der Gabel“ viel Spaß gemacht. Nicht alle Informationen waren neu für mich, aber trotzdem fand ich die verschiedenen Abschnitte informativ und unterhaltsam. Und nach der Lektüre von „The Making of Home“ fand ich es auch sehr angenehm, dass ich mich beim Lesen etwas mehr entspannen konnte, weil die Informationen nicht ganz so dichtgedrängt und mit – häufig amüsanten – bildhaften Beschreibungen vermittelt wurden.

Judith Flanders: The Making of Home – The 500-year story of how our houses became homes

„The Making of Home“ von Judith Flanders war einer meiner seltenen Spontankäufe in den letzten Monaten, weil das eBook sehr günstig angeboten wurde und ich den Titel und die Inhaltsbeschreibung mochte. Das Buch dreht sich um den Unterschied zwischen „Heim“ (bzw. Zuhause) und „Haus“ und wie sich dieser Unterschied im Laufe der Jahrhunderte (genauer gesagt zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert) erst entwickelt hat. Dabei vermittelt die Autorin schon im Prolog einige interessante Details, indem sie verschiedene Sprachen aufzählt, die unterschiedliche Wörter für diese beiden Begriffe haben, und natürlich auch einige Sprachen, in denen es eben nur einen Ausdruck gibt, der sowohl für das Zuhause als auch für das Haus steht. Nach diesem kurzen Ausflug zur sprachlichen Seite gibt es einen Schlenker zu dem, was unsere Vorstellung von einem Haus und einem Zuhause prägt.

Judith Flanders verweist nicht nur darauf, dass (westeuropäische und nordamerikanische) Kinder in der Regel ein schnuckeliges Einfamilienhaus zeichnen, wenn man sie bittet, ein Haus zu malen, obwohl nur wenige Kinder wirklich in einem solchen Gebäude leben, sondern auch darauf, wie sehr diese Vorstellung von einem Haus und von einem heimeligen Wohnort z. B. von der Kunst geprägt wurde. So gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass Gemälde holländischer Maler aus dem 17. Jahrhundert, die dem heutigen Betrachter das Gefühl geben, sie würden das Leben der gehobenen Mittelschicht recht detailliert darstellen, nur in sehr geringem Maß die Realität abbildeten. Man kann zwar in diesen Bildern tatsächlich vorhandene Alltagsgegenstände und Möbelstücke entdecken, aber bei vielen anderen Dinge, wie der Fußboden- und der Raumgestaltung, haben die Maler ihre Gemälde recht frei mit unrealistischen Details versehen, damit sie dekorativer wirken.

Das Buch ist in sieben Kapitel („The Family Way“, „A Room of One’s Own“, „Home and the World“, „Home Furnishings“, „Building Myths“, „Hearth and Home“ und „The Home Network“) aufgeteilt, die sich mit den verschiedenen Aspekten den Wohnens beschäftigen. Dazu gibt es noch ein angehängtes „Kapitel“ rund um den Einfluss der Architektur auf das private Wohnen nach der Weltausstellung in Paris 1925. Grundsätzlich fand ich viele Aspekte, die in diesem Sachbuch geschildert wurden, sehr interessant, fühlte mich aber auch regelmäßig von der Flut an Informationen etwas erschlagen. Vor allem die ersten Kapitel fand ich spannend, in denen Judith Flanders unter anderem auf den Zusammenhang zwischen der Verbreitung des protestantischen Glaubens und die damit verbundene eher späte Verehelichung von Frauen eingeht, was dazu geführt hat, dass Frauen die Möglichkeit hatten, vor ihrer Heirat einem Beruf (auch außer Haus) nachzugehen und zu einem gewissen Wohlstand zu kommen. Das stärkte nicht nur die Rechte der Frauen, sondern sorgte auch dafür, dass ein frisch verheiratetes Paar genügend Geld hatte, um sich ein Haus zuzulegen und sich mit Dingen zu umgeben, die von ihrem gesellschaftlichen Status zeugten.

Aber auch auf das Wechselspiel zwischen der fortschreitenden Industrialisierung, der Ausweitung des internationalen Handels und der dadurch geringeren Wichtigkeit von Landbesitz zur Sicherung des Wohlstandes geht Judith Flanders ein. Faszinierend fand ich es auch, dass dieser steigende Wohlstand langfristig dann letztendlich dazu führte, dass in der Mittelschicht die Frauen wieder weniger Möglichkeiten und Rechte eingeräumt wurden. So entstand im Laufe der Zeit eine Gesellschaftsschicht, in der es verpönt war, wenn die Frau (außer Haus) arbeitete und in der der Mann als einziger Ernährer der Familie diente. Auch das Verständnis von Familie hat sich dadurch gewandelt, dass das Haus im Laufe der Zeit nicht mehr Wohn- und Arbeitsraum für einen Hausherrn, seine Verwandtschaft und die Angestellten war, sondern zu einer privaten Unterkunft für ein Paar und seine Kinder wurde.

So interessant und spannend ich all die Details rund ums Wohnen und die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen und häuslichen Veränderungen fand, so wünschte ich mir stellenweise, die Autorin hätte ihr Thema nicht so weit gefasst, dass sie immer wieder recht allgemeine Beispiele verwenden musste. Das erste Mal ist mir das besonders ins Auge gefallen, als es um die anfallende Arbeit in einem (ländlichen) Haushalt ging. Die Aufzählung der verschiedenen Tätigkeiten von der Versorgung der Nutztiere bis zum wöchentlichen Waschen der Wäsche und die dafür veranschlagte Zeit gab mir das Gefühl, als ob Judith Flanders davon ausging, dass jede einzelne Frau jede dieser Tätigkeiten zu tun hatte (es also keine Unterschiede in den verschiedenen Haushalten gegeben hätte) und jede Tätigkeit die komplette Aufmerksamkeit erfordert hätte, ohne in Betracht zu ziehen, dass das Unterrichten der Kinder genauso gut mit dem Strickzeug in der Hand erfolgen konnte oder man den Fußboden fegen konnte, während das Essen auf dem Feuer garte. Ich hoffe, dieser Eindruck entstand vor allem durch die konzentrierten Form der Wissensvermittlung (und eventuell durch die eher vage Ausdrucksweise der Autorin), und vermutlich ist es etwas arg kleinlich von mir, aber dieser und ähnliche Absätze irritierten mich ein bisschen – auch wenn die folgenden Passagen, in denen detaillierter auf die Veränderungen in der Haushaltsführung über die Jahrhunderte eingegangen wurden, diese Aussagen wieder relativierten.

Ein weiterer Punkt, der mich immer wieder geärgert hat, war die Vehemenz, mit der Judith Flanders gegen angeblich weit verbreitete Vorurteile und Irrtümer vorging und dabei – meinem Gefühl nach – auch übers Ziel hinausschoss. So ist mir durchaus bewusst gewesen, dass unsere Art zu wohnen – also mit mehreren Räumen und wenig „Mischnutzung“ in einem Raum – überaus modern ist, dass nicht jeder neue Einwanderer in Amerika sich gleich eine perfekte Hütte bauen konnte oder dass nicht jede Frau in der Vergangenheit ein Spinnrad besaß. Wenn ich auf der anderen Seite sehe, wie schnell eine geübte Spinnerin Wolle verarbeitet, dann bezweifle ich wiederum die von Judith Flanders getroffene Aussage, dass ein Hausfrau mit einem Spinnrad gerade mal genügend Garn hätte spinnen können, um für den Sockenvorrat des Haushalts zu sorgen.

Außerdem zieht die Autorin häufig Laura Ingalls Wilders Veröffentlichungen als Quelle für das Pionierleben in Nordamerika heran. Dabei widersprechen aber oft genug andere Aussagen von Judith Flanders dem, was ich in den Romanen von Laura Ingalls Wilder gelesen habe. So behauptet Judith Flanders, dass Fensterglas nicht sehr weit verbreitet war, aber mich irritiert diese Aussage, wenn ich daran denke, dass die kleine Laura mit Mamas metallenem Fingerhut Muster auf dem Raureif auf der Fensterscheibe hinterlassen hat. Und wenn ich mich richtig erinnere (dummerweise finde ich gerade meine Ausgabe von „Laura im großen Wald“ nicht), dann schlief Laura unter einer Decke, die aus alten Kleidern der Familie hergestellt wurde – obwohl laut Judith Flanders Patchworkdecken eine „moderne“ Entwicklung sind, die erst mit dem Import von billigen Stoffen aus dem indischen Raum entstand, denn früher hätte sich kaum ein Haushalt das nötige Material dafür leisten können. Die Autorin hat bestimmt recht, wenn sie meint, dass man früher keine neuen Stoffe dafür genommen hat und dass ärmere Familien nicht genügend Altkleider hatten, um daraus regelmäßig Decken nähen zu können, aber trotzdem haben mich solche Aussagen unzufrieden zurückgelassen.

Vermutlich hätte es schon gereicht, wenn sie bei der ersten Erwähnung von Laura Ingalls Wilder als Quelle erwähnt hätte, dass Lauras Familie wohlhabender war als der Großteil der Pionierfamilien. Aber da Judith Flanders dies unterlassen hat, frage ich mich nach dem Lesen von „The Making of Home“, was für Beispiele mir in dem Buch noch präsentiert wurden, die als „allgemeingültig“ dargestellt wurden, obwohl sie nur für einen kleinen Teil der Bevölkerung galten. Diese Unsicherheit nach dem Lesen dieses Sachbuches ärgert mich besonders, da ich anfangs von all diesen Informationen und den Verknüpfungen zwischen den diversen politischen, gesellschaftlichen und kirchlichen Entwicklung und den davon beeinflussten „häuslichen“ Veränderungen der Menschen wirklich fasziniert und sehr angetan war.

Jan Gehl: Städte für Menschen

Das Sachbuch „Städte für Menschen“ von Jan Gehl beschäftigt sich damit, dass heutige Städte in der Regel von den darin lebenden Menschen nicht in dem Rahmen genutzt werden können, in dem sie genutzt werden sollten. Je mehr Stadtteile veröden, je weniger die Bewohner die öffentlichen Räume nutzen, desto mehr vereinsamen die Menschen, haben Angst, sich durch die Stadt zu bewegen, und letztendlich steigt dadurch sogar die Kriminalitätsrate. Abgesehen von diesem „menschlichen“ Faktor gibt es einen unübersehbaren Umweltaspekt, der in den vergangenen Jahrzehnten bei der Gestaltung von Städten sträflich vernachlässigt wurde, indem die gesamte Stadtplanung rund um den Autoverkehr aufgebaut wurde, statt auf den Menschen, der doch eigentlich die Straßen, Plätze und Gebäude nutzen soll.

Persönlich finde ich es spannend, dass Jan Gehl ganz klassisch Architektur studiert und in dem Bereich gearbeitet hat und erst durch seine Heirat mit einer Psychologin anfing, darüber nachzudenken, was Architektur für Menschen bedeutet und wie wichtig es ist, dass nicht die Form im Vordergrund der Planung steht, sondern der Mensch. In den letzten Jahrzehnten hat er sich dann einen Namen damit gemacht, dass er menschliche Konzepte zur Stadtplanung entwirft. So ist er mitverantwortlich für die vielgepriesene Stadtplanung von Kopenhagen und hat unter anderem die New Yorker Stadtverwaltung in den letzten Jahren bei der Planung von Radwegen und verkehrsberuhigten Zonen beraten.

„Städte für Menschen“ erzählt dem Leser gar nicht so viel Neues (selbst wenn man nicht in der Vergangenheit Innenarchitektur studiert hat), macht einem aber viele Verhaltensweisen und Empfindungen bewusst. So fühlen sich die meisten Menschen unwohl, wenn sie über einen unübersichtlich großen und leeren Platz gehen sollen, wenn sie nachts durch eine schlecht beleuchtete oder gar unbelebte Straße gehen müssen oder wenn sie an einer exponierten Stelle auf einer unbequemen Bank sitzen sollen. Es ist nun einmal so, dass man sich wohler fühlt, wenn man den Eindruck hat, dass andere Menschen in der Nähe sind, wenn man beleuchtete Wohnungen sieht oder z. B. durch eine Wand im Rücken vor Wind und Blicken „geschützt“ wird, während man einen schönen Ausblick genießt. All dies ist einem zumindest unbewusst vertraut, und man erlebt viele der erwähnten Situationen immer wieder im Alltag . So führt das Lesen dieses Buches dazu, dass man sich weniger fragt, wie eine Stadt „menschlicher“ gestaltet werden kann, sondern warum all diese einfachen Regeln in den vergangenen Jahrzehnten so selten angewandt wurden.

Aber nicht nur der „Wohlfühlfaktor“ ist ein großes Thema von Jan Gehl, sondern auch die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer und die Umwelt- und Lärmverschmutzung durch den Autoverkehr. Spannend fand ich die Erfahrungen, die z. B. in San Francisco gemacht wurden, wenn es um die Nutzung von Straßen ging. Da wurde nach einem Erdbeben eine der Hauptzufahrtsstraßen der Stadt gesperrt, und während die Stadt noch die Erneuerung der Straße plante, mussten die Verantwortlichen feststellen, dass diese Straße gar nicht notwendig war, denn die früheren Nutzer hatten sich schon andere Wege in die Stadt gesucht – während die stillgelegte Straße stattdessen von den Anwohnern für sportliche, kommunikative und künstlerische Tätigkeiten genutzt wurde.

Auch die Erfahrungen, die Jan Gehl in den vergangenen Jahrzehnten in Kopenhagen gemacht hat, zeigen, dass die Menschen recht flexibel sind, wenn es darum geht, ihre Arbeitsplätze zu erreichen, ihren Freizeitaktivitäten nachzugehen und ihre Einkäufe zu erledigen. Allerdings ist der Mensch von Natur aus auch recht faul, so dass man ihm erst einmal einen Anstoß geben muss, um über Alternativen zum Auto nachzudenken. Wenn aber erst einmal die Wege für Fahrradfahrer und Fußgänger attraktiver gemacht wurden (z. B. durch gut ausgebaute Radwegsysteme, erweiterte Angebote durch den Nahverkehr und eine größere Sicherheit etwa durch eine „Zurückstufung“ der Autos in der Priorität bei Ampelschaltungen), dann ändert der Mensch recht schnell seine Gewohnheiten. Sehr cool finde ich es z. B., dass in Kopenhagen ein Taxi nur dann zugelassen wird, wenn es einen Fahrradträger am Fahrzeug hat. Das wäre in Deutschland kaum denkbar …

Manchmal sind es wirklich nur kleine Veränderungen, die eine Stadt sehr viel sicherer für Fußgänger und Radfahrer werden lassen. Während in Deutschland von einer Häuserwand aus gesehen erst ein Bürgersteig, dann ein Streifen für parkende Autos, dann ein Radweg und zuletzt die Fahrbahn für Autos kommt, was immer wieder zu Konflikten zwischen Rad- und Autofahrern führt, werden in Kopenhagen die Radwege zwischen Bürgersteig und Parkstreifen platziert. So gibt es durch die parkenden Autos eine Pufferzone zwischen Radfahrern und Autofahrern, ohne dass die Stadt mehr Platz für die eine oder andere Form von Verkehr einplanen muss. Dass dort trotzdem deutlich mehr Fläche für Fuß- und Fahrradwege eingeplant wird als in vergleichbaren Großstädten, ist wiederum ein anderes Thema und hängt damit zusammen, dass allgemein der Autoverkehr in der Stadt verringert werden soll.

Stellenweise wiederholt sich Jan Gehl in diesem Buch, was damit zusammenhängt, dass eben bestimmte Regeln und Untersuchungsergebnisse auch auf verschiedene Aspekte des Städtebaus angewandt werden können. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eines seiner Standardbeispiele für einen alten, perfekt geplanten Platz (den Campo in Siena) persönlich nicht so perfekt finde, aber das kann damit zusammenhängen, dass ich diesen Ort immer nur gesehen habe, wenn ich genervt war von meinen Mitreisenden, von der Hitze und der Tatsache, dass es keinen Schattenplatz gab, der nicht schon von anderen Menschen belegt war. 😉 Ansonsten gibt es am Ende des Buches noch einmal konzentriert die Bildbeispiele als Erinnerungshilfe und „Werkzeug“ für eine aktive und bewusste Stadtplanung. Ich fand „Städte für Menschen“ wirklich interessant, hat mir das Buch doch einige Dinge bewusst vor Augen geführt, die ich sonst eher intuitiv wahrnehme. Ich würde den Titel gern so einigen Leuten in die Hand drücken – allen voran den Stadtplanern meines aktuellen Wohnortes und einigen Professoren, die mir im Studium beibringen wollten, dass die Form eines Gebäudes wichtiger sei als seine Funktionalität.

Patricia C. Wrede: Wrede on Writing – Tips, Hints and Opinions on Writing

Als ich im Dezember über diesen Titel stolperte, war ich noch nicht davon ausgegangen, dass ich die Sachbuch-Challenge in diesem Jahr neu starten würde. Ich war einfach nur überrascht, dass es einen „Schreibratgeber“ von Patricia C. Wrede gibt, und neugierig, was diese Autorin zu dem Thema zu sagen hat. (Diana Wynne Jones hat übrigens auch etwas übers Schreiben veröffentlicht, aber der Titel ist mir noch zu teuer und hat es bislang nur auf die Wunschliste geschafft.) Wie so viele Vielleser bin ich immer wieder neugierig darauf zu erfahren, wie die Autoren, die ich gern lese, ihre Arbeit sehen und was sie über ihren Schaffensprozess zu erzählen haben.

Wie schon bei ihren Romanen (zumindest soweit ich sie bislang gelesen habe) mochte ich auch hier Patricia C. Wredes Schreibstil. Er ist unterhaltsam, humorvoll und informativ, was einfach eine gute Mischung für ein Sachbuch ist. Am Anfang stellt die Autorin schnell klar, dass es ihrer Meinung nach nicht die einzig wahre Methode gibt, um ein Buch zu schreiben, und dass es – je nach Autor – sein kann, dass unterschiedliche Bücher eben auch nach unterschiedlichen Methoden verlangen. Dafür gibt sie Hinweise, welche Elemente für sie persönlich wichtig sind, wenn sie mit einer neuen Geschichte beginnt. Sehr nett fand ich z. B. die simple Idee, für die unterschiedlichen Gebiete ihrer Welt Namenslisten (mit einer Sammlung von regional passenden Vor- und Nachnamen) anzulegen, auf die sie dann zurückgreifen kann, wenn sie mühelos eine Nebenfigur in die Handlung einfügen will.

Was hingegen aus ihrer Sicht sehr wichtig ist, ist das sogenannte „Lego-Prinzip“. Mit einfachen und klaren Sätzen erklärt Patricia C. Wrede dabei, warum es für das Erzählen einer Geschichte so relevant ist, die richtigen Worte zu wählen, welche Auswirkungen die Wahl der Adjektive (oder eben das Weglassen derselben) und ähnliche „Basiselemente“ haben können. Natürlich wird dies auch in anderen Schreibratgebern erwähnt, aber selten so ausführlich und so eingängig. Normalerweise liegt der Schwerpunkt der jeweiligen Bücher doch eher auf der „großen“ Methode und weniger auf den (theoretisch selbstverständlichen) Grundlagen. Wobei auch Patricia C. Wrede betont, dass der Großteil des Schreibens intuitiv abläuft, dass aber das Bewusstsein für die einfachen Zusammenhänge und Wirkungen das Überarbeiten von problematischen Stellen vereinfacht.

Ebenfalls ungewöhnlich für einen „Schreibratgeber“ fand ich die Menge an Hinweisen zu Themen wie Steuerzahlungen, Zahlungs- und Abrechnungsgewohnheiten von Verlagen, Backlist-Verwertung, Überlegungen, die man sich zur Suche eines Agenten machen sollte, oder Gedanken zum Thema Altersvorsorge und ähnliches. All das macht auch einen großen Arbeitsanteil eines Autors aus und wird sonst kaum in solchen Sachbüchern erwähnt, da sich diese vor allem auf den kreativen Prozess konzentrieren. Patricia C. Wrede hingegen betont, wie wichtig es in ihren Augen sei, dass auch diese Elemente gut durchdacht und geplant werden, denn nur dann hat man auch die Ruhe, Zeit und Energie, um sich dem eigentlichen Schreiben zu widmen.

Ich fand es wirklich spannend, dieses Buch zu lesen – nicht nur, weil die Autorin so viele Sachen angesprochen hat, die sonst nicht erwähnt werden, sondern auch, weil es mir Spaß gemacht hat, die vielen Beispieltexte zu den unterschiedlichen Passagen zu lesen. So verwendet Patrica C. Wrede zum Beispiel eine Szene rund um den Geburtstag eines Prinzen, um die verschiedenen Perspektiven zu verdeutlichen – und ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, dass ich so oft dieselbe Szene lesen und mich immer so gut dabei amüsieren könnte. Ebenso ging es mir, als sie Jane Austens „Pride and Prejudice“ so zusammenfasste, dass es nach einer Militärgeschichte mit Wickham als Hauptfigur klingt, um zu zeigen was man alles falsch machen kann, wenn man eine Inhaltsangabe für einen Verlag schreiben möchte, um seine Geschichte zu verkaufen.

Auch wenn nicht alle ihre Hinweise – z. B. zum Thema Steuern oder Rentenvorsorge in den USA – allgemeingültig sind, so war das Sachbuch wirklich interessant zu lesen und hat meinen Blick für den Aufbau von Geschichten wieder ein kleines bisschen mehr geschärft. Ich mag es, wenn ich am Ende eines Buches das Gefühl habe, dass mir jemand auf unterhaltsame Weise etwas beigebracht hat – und das war hier definitiv der Fall.

Frank Patalong: Der viktorianische Vibrator – Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik

Meine erste Sachbuch-Rezension in diesem Jahr dreht sich um Erfindungen, die im viktorianischen Zeitalter gemacht worden. Ich habe das Buch „Der viktorianische Vibrator – Törichte bis tödliche Erfindungen aus dem Zeitalter der Technik“ von Frank Patalong Ende letzten Jahres bei Elena gewonnen (bzw. mir als Gewinn gewünscht), nachdem Kiya Schuld daran war, dass der Titel überhaupt auf meinem Wunschzettel gelandet ist.

Es gibt bei dem Buch Höhen und Tiefen, und ein paar Sachen, die mir nicht so gut gefallen hat, kann ich ganz leicht benennen. So kann ich es nicht leiden, wenn Journalisten (und dieser Autor ist einer) ein Thema so angehen, als ob noch nie jemand sich damit auseinandergesetzt hätte – oder eben vom dümmsten möglichen Leser ausgehen, wenn sie ein Buch schreiben. Ebenso fand ich einige Formulierungen in „Der viktorianische Vibrator“ unglücklich gewählt. So denkt Frank Patalong, dass es, wenn wir alle ohne elektrisches Licht leben müssten, vielleicht so wäre, dass wir im Sommer länger und im Winter kürzer arbeiten würden. Aber da muss man nicht spekulieren, da kann man sich doch einfach anschauen, wie die Leute vor 150 Jahren gelebt haben.

Ebenso scheint er zu meinen, dass ein Leben ohne Elektrizität dazu führen würde, dass man nach Einbruch der Dunkelheit kaum noch etwas daheim machen kann – ohne zu bedenken, dass jahrhundertelang beim Licht von Öl-Laternen, Kerzenschein usw. ganze Bibliotheken abgeschrieben, Kleider genäht und andere „häusliche“ Tätigkeiten erledigt werden mussten. Das menschliche Auge kann sich, wenn es denn nötig ist, auch mit wenig Licht abfinden … Dass mich die diversen „Wortspiele“ nervten, trau ich mich kaum noch zu erwähnen und auch die ständigen Verweise auf und Vergleiche mit Twitter und anderen aktuellen Onlinediensten hätte sich Frank Patalong ruhig sparen können.

Insgesamt wurde das Buch in fünf große Themenbereiche („Unter Strom“, „Kommunikation und Musik“, „Mobilität, „Maschinen und Gesundheit“ und „Die Sache mit den Strahlen“) aufgeteilt.Gerade der erste Abschnitt rund um die Entdeckung der Elektrizität und ihre ersten Verwendungen scheint vor allem für Leser geschrieben zu sein, die sich noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt haben. Das hat dazu geführt, dass ich hier im allgemeinen Bereich nur sehr wenige neue Informationen gefunden habe. Was ich allerdings (und zwar das ganze Buch hindurch) interessant fand, waren die Bebilderungen und Einschübe, bei denen alte Werbeanzeigen, Artikel oder auch Zusammenfassungen kurioser Informationen präsentiert wurden, in denen es um elektrische Erfindungen und ihre Anwendung ging.

Bei „Kommunikation und Musik“ hatte ich – vor allem im Musikbereich – deutlich weniger Vorwissen als zum Thema Strom, was das Kapitel für mich deutlich interessanter machte. Vor allem Passagen, die beschreiben, wie zum Beispiel das Telefon als Übertragungsgerät für Orchesteraufführungen verwendet wurde oder mit welchen Alternativen zum „klassischen“ Telefon experimentiert wurde, fand ich gut zu lesen. Bei dem Bereich „Mobilität“ bin ich immer wieder erstaunt, wie viel ich über frühere Entwicklungen weiß – was vermutlich an diversen gut gemachten Fernsehsendungen zu dem Thema liegt. So waren es hier für mich vor allem kleine Begebenheiten und Anekdoten, die mein Interesse aufrecht erhielten, oder Informationen (wie der Werdegang der Wissenschaftlerin Mary Ward), die sonst gern ausgelassen werden, weil sie nicht direkt mit der Entwicklung von Automobilen zu tun haben.

So richtig interessant fand ich die letzten beiden Abschnitte, einmal über die diversen – aus heutiger Sicht ziemlich verrückten oder amüsanten – Anwendungen von Maschinen im Gesundheitsbereich und dann über die Entdeckung und Anwendung von radioaktiver Strahlung. In den Bereichen gab es für mich so einiges Neues zu entdecken und dementsprechend schnell habe ich diese Seiten auch gelesen. Auch fiel hier ins Auge, dass die Ausdrucksweise des Autors bei den ernsthafteren Themen auch die letzte Spur von Flapsigkeit verlor, was ich sehr angenehm fand. Was mich immer wieder (nicht nur beim Lesen dieses Sachbuchs) erschüttert, ist die Hemmungslosigkeit, mit der sich Menschen auf neue Erfindungen stürzen und mit der die Industrie in ihrer Werbung die Wirkung ihrer neuen Produkte anpreist. Selbst wenn sich die ersten schädlichen (bis tödlichen) Nebenwirkungen schon zeigen, so wird doch verkauft und beworben, bis es so viele Tote gibt, dass das Produkt von offizieller Seite verboten wird. Das war vor zweihundert Jahren ebenso der Fall wie heute …

Am Ende hat sich das Lesen des Buches für mich wirklich schon allein wegen der letzten beiden Themengebiete gelohnt, obwohl ich nach dem nicht ganz so interessanten Anfang rund um die Entdeckung des elektrischen Stroms und seiner Anwendung etwas skeptisch war. Dazu kamen noch all die Werbeanzeigen, etwas abseitigen zusätzlichen Informationen und Anekdoten, die selbst die nicht ganz so spannenden Kapitel auflockerten.

Anke Dörrzapf und Claudia Lieb: Marco Polos wunderbare Reisen

Nachdem ich gerade nicht so glücklich mit einem Roman war, der zum Teil in Tibet und China spielte und auch Bezug auf Marco Polo nahm, habe ich mir gedacht, ich sollte mich mal auf angenehme Weise mit dieser Region beschäftigen. Da passte es doch ganz gut, dass ich auch noch ein Buch für meine Sachbuch-Challenge lesen musste und dass „Marco Polos wunderbare Reisen“ nicht ganz so umfangreich ist und somit stressfrei bis zum Jahresende bewältigt werden konnte. Geschrieben wurden die Texte von Anke Dörrzapf und die Illustrationen stammen aus der Feder von Claudia Lieb. Das Ganze ist ein Sachbuch für Kinder, was sich auch in der verwendeten Sprache niederschlägt. Trotzdem ist das Buch auch gut für Erwachsene zu lesen. Man merkt, dass es als „Familien(vorlese)buch“ geschrieben wurde.

Zu Beginn begegnet man Marco Polo im Gefängnis von Genua, wo er nach einer verlorenen Schlacht zwischen Venedig und Genua gelandet ist. Dort trifft er auf den Autor Rustichello, der schon seit 16 Jahren in diesem Gefängnis eingesperrt ist und der Marco Polo nach seinen Abenteuern fragt. So kommt es, dass der Reisende dem Mitgefangenen seine Geschichte erzählt – beginnend bei seiner Kindheit und der Tatsache, dass er seinen Vater erst kennenlernte, als er schon 15 Jahre alt war. Denn dieser war in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Marcos Onkel durch den Osten gereist und hatte nicht nur viele Länder entdeckt, die nur von wenigen venezianischen Händler bereist wurden, sondern hatte auch die Bekanntschaft des Kublai Khan gemacht.

Natürlich bekommt man als Leser Marco Polos Reise nach China nur in ausgewählten Szenen erzählt, aber ich fand den Text stimmungsvoll und faszinierend. Mal wird von den seekranken Reisenden bei der Abreise aus Venedig erzählt, mal von den Gefahren in der Wüste oder den ganzen fremdartigen Eindrücken, die der venezianische Teenager (Marco Polo war zu Beginn der Reise, die er mit seinem Vater und seinem Onkel unternahm, gerade mal 17 Jahre alt) aufnimmt. Und wie es sich für reisende Händler gehört, dreht sich auch ein Teil der Texte um die Bemühungen des Vaters und des Onkels, sich einen Überblick über die jeweiligen örtlichen Preise zu verschaffen oder günstig an Kostbarkeiten zu gelangen, die sich in die Kleidung einnähen lassen. Auch von Räubern und Politik ist die Rede, denn beide Elementen haben natürlich einen großen Einfluss auf den Verlauf der Reise.

Ein weiterer Abschnitt beschäftigt sich mit der Zeit, die Marco Polo für Kublai Khan gearbeitet hat, in dessen Auftrag er dann ganz China bereiste. Abschließend wird noch erklärt, aus welchen Gründen wohl das Gerücht aufkam, dass Marco Polo diese lange Zeit im Osten gar nicht erlebt habe. So gibt es in seinen Reisebeschreibungen keine Erwähnung der Chinesischen Mauer oder anderer Elemente, die andere (touristische) Reisende als bemerkenswert erwähnt haben. Die Autorin hingegen betont, dass Marco Polos Bericht wie ein Ratgeber für Kaufleute geschrieben wurde. So zählt er auf, in welchen Ländern welche Produkte verkauft werden und wie man vor Ort Handel betreibt. Außerdem wird betont, dass Marco Polos Originalschrift schon lange verschollen ist und dass jeder, der das Buch übersetzt oder kopiert hat, Passagen auslassen oder ausschmücken konnte.

Ergänzt werden die Passagen um Marco Polos Reise durch kleine informative Einschübe, die im Text verwendete Begriffe oder andere Details näher erklären. Das alles ist kindgerecht gehalten, unterhaltsam und stört den Lesefluss nicht, wenn man sich erst einmal nur auf die Erlebnisse des Reisenden konzentrieren möchte. Außerdem ist jede Seite reichlich bebildert – viele Darstellungen nehmen die Hälfte des vorhandenen Platzes ein – und mir haben die Illustrationen gut gefallen. Dezente Farben, reduzierte, stellenweise recht grafische Formen und sehr atmosphärische Darstellungen zeigen Szenen, Landschaften und Orte, wie sie Marco Polo auf seinen Reisen gesehen haben könnte. Besonders stimmungsvoll fand ich zum Beispiel eine Doppelseite, bei der die obere Hälfte nur einen Gebirgszug in verschiedenen Blau- und Violetttönen zeigte, was einfach toll aussah.

Ich fand es wirklich angenehm, in den letzten Tagen abends das Buch zur Hand zu nehmen, die Bilder zu betrachten und ein paar Passagen über Marco Polos Reisen zu lesen. Das Buch ist zu dünn, um wirklich ausführlich auf die Reisen des Venezianers einzugehen, aber ich hatte das Gefühl, ich bekäme einen guten Überblick und interessante Informationen vermittelt. Zudem hat mich der Text immer wieder dazu veranlasst, innezuhalten und mir zu überlegen, wie es wohl für diesen Mann gewesen sein muss, von Jugend an immer auf Reisen zu sein, ständig neue Eindrücke zu gewinnen und – trotz der langen Zeit im Dienst des Khans – kein Zuhause zu haben.

Ebba D. Drolshagen: Der freundliche Feind – Wehrmachtssoldaten im besetzten Europa

Ich hatte schon bei dem „Vorauswahl-Beitrag“ für die Sachbuch-Challenge geschrieben, dass ich eigentlich etwas übersättigt bin, wenn es um das Thema „2. Weltkrieg“ geht. Aber wenn ich dann über einen Titel stolpere, der mir den Eindruck vermittelt, dass dort eine Seite des Kriegs vorgestellt wird, die ich noch nicht so gut kenne, werde ich doch wieder neugierig. So habe ich über „Eine Handbreit Hoffnung“ nicht nur das Schicksal einer jüdischen Familie in Polen verfolgt, sondern auch wieder mehr über das Verhältnis Polen-Russland-Ukraine gelernt. „Der freundliche Feind“ von Ebba D. Drolshagen hingegen beschäftigt sich mit Wehrmachtsoldaten, die als Besatzer jahrelang – relativ friedlich – außerhalb von Deutschland gelebt haben, und dem Verhältnis zwischen diesen Soldaten und der einheimischen Bevölkerung.

Vor allem konzentriert sich die Autorin dabei auf die Soldaten, die in Norwegen und Frankreich stationiert waren, und erklärt erst einmal die unterschiedlichen Ausgangssituationen in den beiden Ländern. Während Frankreich den Vormarsch der Deutschen genau verfolgen konnte und mit dem Einmarsch der Soldaten rechnen musste, wurden die Norweger über Nacht von der Inbesitznahme überrascht. So hatten auf der einen Seite die Franzosen viel Zeit, um sich die Gräueltaten auszumalen, die die Deutschen nach der Invasion an ihnen ausüben würden, während die Norweger gar nicht fassen konnten, dass sie – trotz erklärter Neutralität – nun unter deutscher Besatzung  standen.

Auch für die deutschen Soldaten brachte diese Besatzungszeit ungewohnte Herausforderungen mit sich. Auf der einen Seite mussten sie jahrelang in einer engen und von oben erzwungenen Kameradschaft leben, die keine Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten nahm, auf der anderen Seite durften sie nur in Uniform aus den Kasernen gehen und bekamen so natürlich die Feindschaft der Einheimischen zu spüren. Dazu kam bei den Soldaten noch das Wissen, dass sie – im Vergleich zu ihren Familien, die in Deutschland von den Alliierten bombardiert wurden, und den Soldaten an den Fronten – in einer sehr friedlichen und sicheren Lage den Krieg erlebten.

Nach dem ersten Schock standen die Einheimischen vor der Frage, wie sie mit den (aufgrund von Befehlen und Propagandaeinflüssen) oft recht freundlich agierenden Soldaten umgehen sollten. Gerade diejenigen, die kaum Kampfhandlungen erlebt hatten, schienen sich zu benehmen, als ob sie im Urlaub wären. So schwankten die Besetzten zwischen der Ablehnung gegenüber den Invasoren und der Höflichkeit gegenüber einem freundlichen Fremden, der nach dem Weg fragt oder für sich und seine Freunde nur ein Eis kaufen möchte – wobei natürlich das Zeigen der Ablehnung überwog, was zum Teil wiederum seltsame Maßnahmen von Seiten der einheimischen Obrigkeit provozierte, die versuchen musste, mit den Besatzern auszukommen. Sehr schön finde ich es auch, wie die Autorin anhand von Zitaten aus Tagebucheinträgen, Briefen und Erinnerungen von Zeitzeugen darstellt, wie unterschiedlich Verhalten oft ausgelegt wurde. So leisteten z. B. Ladenbesitzer Widerstand, indem sie den Deutschen keine Waren verkauften, sondern nur – wie es die Höflichkeit gegenüber Fremden gebot – eine Tasse Kaffee anboten. Das führte wiederum dazu, dass sich einige deutsche Soldaten in solchen Situationen überraschend willkommen fühlten, boten ihnen die Norweger doch trotz ihres Mangels an Waren bei jedem Besuch eine Tasse Kaffee an.

Natürlich verschweigt die Autorin nicht, dass die Deutschen – bei aller befohlenen „Freundlichkeit“ – als Invasoren im Land waren, dass Druck auf die Bevölkerung ausgeübt wurde, dass besetzt und geplündert wurde und dass die Einheimischen in Angst vor den fremden Soldaten lebten. Aber je länger man zusammenlebte und je enger man zusammenarbeitete – wie es oft besonders in ländlichen Regionen der Fall war -, desto häufiger haben beide Seiten nicht mehr den „Feind“, sondern auch den Menschen gesehen. Außerdem gab es natürlich – neben denjenigen die mehr oder weniger aktiv Widerstand leisteten – auch diejenigen, die die Besatzungszeit durch die Deutschen nutzten, um gute Geschäfte zu machen, ihre Feinde und Konkurrenten zu denunzieren oder auf andere Weise von den veränderten Machtverhältnissen zu profitieren.

Ebba D. Drolshagen erzählt im letzten Kapitel auch, wie sie als Deutsch-Norwegerin überhaupt auf das Thema gekommen ist – und wie sehr es sie anfangs irritiert hat, als sie sich Erzählungen von Norwegern und Deutschen angehört hat, die von der Kriegszeit erzählten. Denn während die Norweger von der beängstigenden Atmosphäre, von dem Hunger, dem Mangel und dem Zwang berichteten, vermittelten die ehemaligen deutschen Soldaten das Gefühl, als ob sie Norwegen als zweite Heimat empfunden und dort viele einheimische Freunde gefunden hätten. Erst mit viel Geduld und der Einsichtnahme in einige Dokumente aus dieser Zeit kam sie der Realität etwas näher, die eben nicht schwarz-weiß war, sondern aus unendlich vielen Grauschattierungen bestand – und an die man scih im Laufe der Jahre auf beiden Seiten nur noch sehr selektiv erinnerte.

Ich fand es spannend, mal ein Sachbuch zu lesen, das sich nicht in erster Linie mit der Vernichtung der Juden, den Ereignissen an der Front, den großen Schlachten und den unzähligen Verbrechen der Nazis beschäftigte (wobei ich betonen möchte, dass diese Aspekte in dem Buch nicht verschwiegen werden). Über den normalen Alltag in den besetzten Gebieten habe ich mir vorher kaum Gedanken gemacht, wenn ich von dem einen oder anderen Roman absehe, der eine sehr persönliche – und oft auch dramatische – Sicht auf das Thema präsentiert hat. Auch mochte ich den Versuch der Autorin, so neutral wie möglich die Erinnerungen und Ereignisse wiederzugeben. Sie erwähnt zwar, dass erschreckend viele der damals sehr jungen Deutschen auch im hohen Alter noch eine von der Nazi-Propaganda geprägte Sprache (und Gesinnung) zeigten, wenn sie von ihrer Wehrmachtszeit sprachen, betont aber auch, wie sehr das kollektive Schweigen der Besiegten wohl die objektive Auseinandersetzung erschwert hat.

Auf beiden Seiten zeigt die Autorin eine gewissen Schizophrenie auf, wenn es um die Taten aller Kriegsparteien geht sowie um die Wahrnehmung des individuellen Empfindens und der persönlichen Haltung – vor allem in der Rückschau und mit dem Wissen um den Ausgang des Krieges und die Details um die jeweiligen Verbrechen. So endet ihr Buch auch nicht mit dem Kriegsende, sondern geht auch noch kurz darauf ein, wie in den jeweiligen Ländern in den Jahren nach dem Krieg mit den Landsleuten umgegangen wurde, die – aus dem einen oder anderen Grund – den Besatzern vielleicht näher standen (oder von denen dies nur behauptet wurde) und wie dort die Ereignisse dieser Besatzungsjahre in den Geschichtsbüchern festgehalten wurden. Schließlich konzentrieren sich diese Bücher nicht auf die individuellen Erfahrungen der verschiedenen Beteiligten, sondern auf die großen politischen Entscheidungen, die entscheidenden Schlachten und die völkerumfassenden Auswirkungen des Krieges.

Sehr schade finde ich, dass die Quellen und Anmerkungen in einem Anhang zusammengefasst wurden, statt als Fußnoten auf derselben Seite aufgeführt zu werden. So musste ich immer viel blättern, obwohl die gesuchte Information oft nur aus einer kurzen (aber interessanten) Quellenangabe bestand, die ich bei einer anderen Anordnung mit einem kurzem Seitenblick hätte erfassen können, ohne dafür im Lesefluss unterbrochen zu werden.

Guilia Enders: Darm mit Charme

Als im März „Darm mit Charme“ von Guilia Enders veröffentlicht wurde, bekam das Buch eine ziemliche Medienpräsenz. Ich wurde neugierig auf das Thema und habe den Titel direkt nach Anschaffung in der Bibliothek vorgemerkt. Es hat allerdings Monate gedauert, bis ich das Buch endlich in den Händen halten konnte – da hatten wohl noch einige andere Nutzer die gleiche Idee. 😉 Inzwischen haben schon die Wörterkatze (nur als kurzer Leseeindruck) und Natira (deutlich ausführlicher) den Titel für die Challenge besprochen und so kommt es mir etwas komisch vor, auch noch meine Meinung zu äußern, aber es lässt sich ja nicht ändern, wenn wir nun mal die gleichen Bücher interessant finden.

Guilia Enders schreibt wirklich unterhaltsam über den Aufbau und die Funktionen des Darms und die „Nebenwirkungen“, die der Darm auf den restlichen Körper und für die Psyche des Menschen haben kann. Dabei beginnt die Autorin wirklich mit den einfachen Grundlagen und erklärt mit so wenig Fachvokabular wie möglich die verschiedenen Vorgänge, was ich sehr angenehm fand. Ergänzt werden die Texte durch Zeichnungen ihrer Schwester Jill Enders, die die beschriebenen Informationen noch etwas plastischer darstellen. Insgesamt bot mir „Darm mit Charme“ einiges schon bekannte Wissen, viele neue Informationen und die Möglichkeit, das Ganze mal zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen – was ich sehr spannend fand. Besonders interessant war für mich übrigens den Teil, der sich um den Aufbau des Immunsystems vor und während der Geburt eines Babys drehte. Darüber hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht.

Einige Passagen – gerade die, in denen es um Tier- und Menschenversuche ging – haben mich daran erinnert, dass ich als Teenager viele Bücher über (Tier-)Verhaltensforschung gelesen habe und mich schon damals fragte, wie sinnvoll Versuche sind, die sich auf einen einzelnen winzigen Aspekt (in einer klinischen Umgebung) konzentrieren. So gibt es auch bei „Darm mit Charme“ einige Absätze, die mir vor allem zeigen, wie wenig die Forschung bislang überhaupt über das Gebiet weiß – und ja, ich gebe zu, dass das einige meiner Vorurteile gegenüber der Schulmedizin bestätigt. Mir ist bewusst, dass das ein schwieriges Thema ist, allein die Seiten zu Helicobacter zeigen schon, dass man z. B. Bakterien nicht einfach in gut und böse (oder nützlich und schädlich) einteilen kann, aber es gibt mir auch zu denken, dass anscheinend erst so langsam in der Medizin ein Bewusstsein dafür entsteht, dass der Körper ein komplexes Werk ist, bei dem man die einzelnen Bestandteile eigentlich nicht separat sehen kann.

Natira schreibt in ihrer Rezension (die ich erst nach dem Beenden von „Darm mit Charme“ gelesen habe), dass sie zwei Sachen gestört hätten: Einmal ein Witz zum Thema Tierversuche, den ich anscheinend überlesen habe, denn der fiel mir nicht ins Auge. Und dann ein englisches Zitat, das mir auch negativ auffiel, weil ich es ansonsten so angenehm fand, wie gut verständlich dieses Buch geschrieben war und wie wenig Fachvokabular die Autorin verwendete. Oh, und den Teil über die „Toxoplasmen“ fand ich ebenfalls sehr erschreckend.

Außerdem habe ich seit dem Lesen des Buches Heißhunger auf (präbiotischen) Kartoffelsalat …

Reza Aslan: Zelot – Jesus von Nazaret und seine Zeit

Ich weiß nicht mehr, wo ich über „Zelot – Jesus von Nazaret und seine Zeit“ von Reza Aslan gestolpert bin, glaube aber, dass es auf einem Blog war. Auf jeden Fall habe ich die Aussage im Hinterkopf, dass in dem Buch die Zeit, in der Jesus lebte, sehr interessant dargestellt wurde – und das reizte mich genug, um den Titel in der Bibliothek vorzumerken. Reza Aslan leitet das Buch mit zwei Abschnitten ein, in denen er einmal erklärt, wie er überhaupt auf das Thema kam, und in denen er erläutert, welche Quellen er für seine Forschung herangezogen hat.

Dies beides fand ich schon einmal sehr interessant. Der Amerikaner Reza Aslan entstammt einer nicht besonders gläubigen muslimischen Familie und entdeckte als Teenager in einem Jugendcamp das Christentum für sich. Wie es sich für frisch missionierte Gläubige gehört, versuchte er in den folgenden Jahren andere Menschen für das Christentum zu begeistern und ging sogar soweit, dass er anfing Religionswissenschaften zu studieren. Was wiederum dazu führte, dass er feststellen musste wie viele Widersprüche in der Bibel zu finden sind – was ihn an seinem Glauben zweifeln ließ und letztendlich dazu führte, dass er als sich weniger als Christ, als als Wissenschaftler und Historiker mit der Bibel beschäftigte (und sich wieder dem Islam zuwandte). Die aus dieser Beschäftigung gewonnenen Erkenntnisse verarbeitete er dann in diesem Sachbuch, wobei immer wieder auch Argumente aufgeführt werden, die von anderen Bibelforschern aufgestellt wurden und die gegen seine Ansichten und Theorien sprechen, nur um dann anhand von Zitaten und historisch belegten Ereignissen in Zweifel gezogen zu werden.

Bei der Angabe der Quellen betont Reza Aslan immer wieder, dass er sich bei der Bibel auf die ältesten Teile bzw. die Schriften, auf denen diese Passagen basieren, bezogen hat. Wobei auch klar wird, dass die ersten schriftlichen Zeugnisse erst ca. zwanzig Jahre nach Jesus Tod entstanden sind und von seinen Anhängern stammen, die seinen Widerstand wollten und dafür eine Galionsfigur benötigten, was zu einer nicht unerheblichen Verklärung führte. Weitere Quellen sind zum Beispiel Passagen aus Werken jüdischer Historiker, von denen die ältesten Schriftstücke ungefähr hundert Jahre nach den geschilderten Ereignissen entstanden sind. Interessant fand ich hier die Erwähnung, dass die Historiker sich damals weniger mit Jesus als Person beschäftigt haben, als mit den Ereignissen rund um seine Widerstandsbewegung.

Nach diesen einleitenden Seiten teilt sich „Zelot“ in drei Abschnitte. Der erste Teil beginnt um 63 v. Chr. als Judäa (und somit auch Jerusalem, das Zentrum des jüdischen Glaubens) – nach einer sehr langen Phase unter Führung von Priesterkönigen – römisches Protektorat wurde. Reza Aslan umreißt in diesen Kapiteln, welche religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftliche Auswirkungen die römische Besatzung auf die Juden hatte, welche Aufstände und Kämpfe es sowohl zwischen Römern und Juden, aber auch zwischen jüdischen Gläubigen und den jüdischen Priestern gab und wie dies die Welt formte, in der Jesus seine Kindheit verbracht hat. So faszinierend ich die verschiedenen Passagen darüber fand, wer wann wie viel Macht über das Gebiet hatte und welcher römische Statthalter welchen Einfluss auf das Leben der Einheimischen hatte, so war es doch etwas anstrengend bei all den Namen, Daten und Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Personen noch den Ereignissen zu folgen.

Spannend fand ich dann im zweiten Teil die Passagen über den vermutlichen Anfang von Jesus „Karriere“ als Wanderprediger, Wunderheiler und Aufständischen, über den Einfluss, denn Johannes der Täufer anscheinend auf ihn hatte, und darüber wie in historischen Schriften über ihn berichtet wird. All diese Aussagen laufen laut Resa Aslan letztendlich darauf hinaus, dass der historische Jesus ein Aufrührer war, der zu einer Revolution aufrief, die die Machtverhältnisse des Landes auf den Kopf stellen sollte.

Die Reichen, die Priester, die Römer sollten entmachtet werden und das Land und seine Güter sollten zurückkehren in die Hand der – unter römischer Herrschaft verarmten – Juden. Mit diesem Bedürfnis nach einem Aufstand war Jesus nicht allein, es gab eine Menge Widerstandsgruppen, die sich gegen die Besatzer und die Priester, die mit ihnen zusammenarbeiteten, auflehnten. So geht der Autor davon aus, dass Jesus kein besonders friedsuchender Mensch war, sondern dass diese biblische Darstellung auf einem Ideal der frühchristlichen (und von griechischen und römischen Denken beeinflussten) Kirche basierte. Auch betont Resa Azlan, dass Jesus Jude war und verschiedene seiner Aussagen – in diesem religiösen und zeitlichen Zusammenhang gesehen – die Juden über alle anderen Volks- und Religionsgruppen erheben würden, womit in diesen Anfangsjahren des „Christentums“ nicht viel von dem menschenfreundlichem Gedankengut vorhanden war, das heute doch als so elementar für diese Religon gesehen wird.

Der dritte Part beschäftigt sich hingegen mit der Zeit nach Jesus Tod und auch hier betont Reza Aslan immer wieder, dass die schriftlichen Überlieferungen von Jesus Taten nicht von seinen frühen Jüngern oder sonstigen Menschen seiner Zeit und Herkunft niedergeschrieben wurden, sondern häufig von gebildeten, griechischsprachigen Städtern, deren Sicht auf die Ereignisse davon beeinflusst wurde, dass sie mit ihren Schriften Jesus Messias-Status festigen wollten. Dazu kam anscheinend in den Jahrzehnten nach der Kreuzigung noch einer Feindschaft zwischen den Jesus-Anhängern, die von seinem Bruder Jakobus vertreten wurden, und denen, die von Paulus angeführt wurden. Wobei die Lehren des letzteren nicht mehr viel mit dem gemein hatten, was Jesus zu Lebzeiten selbst verkündet hat – widersprachen Paulus Aussagen doch in der Regel dem jüdischen Glauben.

Zum Schluss kommen noch ungefähr hundert Seiten mit Anmerkungen des Autors, in denen Reza Aslan auf Veröffentlichungen hinweist, die er herangezogen hat, um seine Theorien zu Jesus Leben aufzustellen. Wobei ich es interessant fand, dass er zu einigen Passagen zwar mehrere Werke herangezogen hat, diese aber oft alle von einem Autoren stammten. Mir ist bewusst, dass es grundsätzlich schwierig ist Konkretes über eine Zeit zu sagen, die schon so lange her ist, noch schwieriger ist es natürlich, wenn man Informationen zu einer bestimmten Person sammeln möchte, die einer niedrigen Gesellschaftsschicht angehörte.

Obwohl das alles beweist, dass es wirklich wenig greifbare oder gar belegbare Informationen zu dieser Zeit existieren, gibt wirklich ungemein viele Elemente, die ich an diesem Buch spannend finde. Stellenweise habe ich mich zwar auch gefragt, wie weit die persönliche Geschichte des Autors seine Interpretation der verschiedenen Quellen und Ereignisse beeinflusst haben könnte, aber vor allem habe ich „Zelot“ als eine faszinierende Möglichkeit wahrgenommen mich der Geschichte einer Region zu nähern, über die ich viel zu wenig weiß. Zusätzlich zu all den Namen und Daten, die zeigen welche Machtverhältnisse rund um das Jahr Null herrschten und welche Veränderungen welche Auswirkungen auf das Leben der einfachen Menschen hatten, fand ich auch den Umgang mit den (oft aus verschiedenen Gründen fragwürdigen) Quellen, die Überlegungen zum Thema Sprache und Übersetzung und die Gedanken rund um die Intentionen der verschiedenen Verfasser historischer Schriften sehr fesselnd. Stellenweise fühlte ich mich mit all den Zitaten aber auch etwas überfordert, denn das Buch erfordert schon Zeit und Konzentration und davon hatte ich in den letzten zwei Monaten nicht ganz so viel wie gewünscht, aber insgesamt war es ein sehr faszinierendes Leseerlebnis.