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Clara Kramer (und Stephen Glantz): Eine Handbreit Hoffnung – Die Geschichte meiner wunderbaren Rettung

„Eine Handbreit Hoffnung“ ist die Geschichte der jüdischen Clara Kramer, die sich als Jugendliche in Polen vor den Nazis verstecken musste. Geschrieben wurde das Buch von Stephen Glantz, basierend auf dem Tagebuch, das Clara damals führte, und auf ihren Erinnerungen, ergänzt durch Materialien (Briefe, Tagebücher u.ä.) und Erzählungen anderer Überlebender, die Kontakt zu Clara und ihrer Familie hatten. Ich habe schon einige Erfahrungsberichte aus dieser Zeit gelesen, ebenso Romane, die sich entweder auf wahre Ereignisse stützten oder eine fiktive Geschichte erzählten, um all die schrecklichen Fakten zu vermitteln. Viele dieser Bücher spielten in Deutschland oder den Niederlanden, einige auch in den jüdischen Ghettos in Polen, und obwohl es schon einige Zeit her ist, dass ich sie gelesen habe, so haben sie doch in der Regel einen anhaltenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Auch „Eine Handbreit Hoffnung“ werde ich wohl so schnell nicht vergessen – nicht nur, weil die lange Zeit des Versteckens so eindringlich geschildert wird, sondern auch, weil ich die ganzen zusätzlichen Komplikationen für die jüdische Familie durch die Ukrainer und Russen sowie die schon vor dem Einmarsch der Deutschen schwierige politische Situation spannend fand (auch wenn es sich angesichts der Erlebnisse von Clara Kramer und ihrer Familie komisch anfühlt, das Ganze als „spannend“ zu bezeichnen).

Anhand von Clara Kramers Erzählungen kann man gut nachvollziehen, wie schleichend die Veränderungen für die 5000 polnischen Juden in der Stadt Zólkiew kamen. Erst die Berichte von der Machtergreifung Hitlers und der Unglaube, dass so ein Mensch auch noch Unterstützung findet, dann die ersten Flüchtlinge, die im Osten Zuflucht suchten und von der Zerstörung ihrer Synagogen, von Plünderungen und Misshandlungen berichteten – und das alles, während sie einmal die Woche am schön gedeckten Esstisch vom besten Porzellan bewirtet wurden – und ein Jahr später der Nichtangriffspakt zwischen Russland und Deutschland, der Polen schutzlos zurückließ.

Als die Nazis im September 1939 in Zólkiew einmarschierten, war Clara gerade mal zwölf Jahre alt. Aus Angst vor den Deutschen wagten sich die jüdischen Kinder nicht auf die Straße, bekamen aber später erzählt, dass sich die Deutschen wie ein Haufen Touristen verhalten hätten. Trotzdem war es eine Erleichterung für die Juden, als kurz darauf die Russen das Gebiet übernahmen. Die Russen waren zwar keine Freunde der Juden und hatten schon so einige Polen in Straflager nach Sibirien geschickt, aber alle sind sich sicher, dass das Leben unter den Kommunisten der Behandlung durch die Nazis vorzuziehen sei.

Doch nach und nach verschlechtert sich das Leben – nicht nur der Juden – in der Stadt. Erste Familien werden deportiert und Russen ziehen übergangslos in die Häuser der verschwundenen Familien ein und übernehmen die zurückgelassenen Besitztümer. Auch in Claras Familie gibt es erste Verhaftungen – erst Jahre später wird ihnen bewusst, dass die Deportation nach Kasachstan für viele von ihnen ein Glücksfall war, da diese Familienmitglieder so den Nazis entgingen. Andere Familienmitglieder – so wie Claras Großvater – werden von ukrainischen Nationalisten ermordet, als sich im Frühling 1941 die Russen zurückziehen und das Gebiet den Deutschen überlassen.

Wenige Monate später wird den Juden bewusst, dass all das Geld, das sie Monat für Monat dem Kommandanten der SS von Lemberg überreichen, ihr Leben nicht sichern kann. Während die einen versuchen, einen Fluchtweg aus der Stadt zu finden, graben die Familie Schwarz (Claras Familie), Melman und Patrontasch ein Versteck unter dem Fußboden des Hauses der Melmans. Eine geschickt ausgeschnittene Luke im Parkettboden des Schlafzimmers bildet den Eingang, und anfangs ist die Lücke unter dem Haus so klein, dass nur die Kinder graben können. Im Laufe einiger Wochen schaffen die drei Familien es so, die Hälfte des Hauses zu „unterkellern“, wobei es keine Verbindung zum kleinen „offiziellen“ Keller unter der Küche des Hauses gibt und das Versteck so niedrig ist, dass man nicht darin stehen kann.

Doch erst das Angebot des volksdeutschen Ehepaars Beck (Julia Beck hat früher als Haushälterin für Claras Familie gearbeitet, ihr Mann hingegen ist als Antisemit bekannt), das Haus der Melmans zu übernehmen und so das Versteck der drei jüdischen Familien zu schützen und ihre Versorgung mit Lebensmitteln zu sichern, ermöglicht es ihnen ab Dezember 1942, dieses Kellerloch zu nutzen.

Bis zum Juli 1944 müssen die drei Familien in ihrem Kellerversteck überleben, lange Monate ohne Frischluft, ohne ausreichendes Essen, ohne nennenswerte Bewegung, auch wenn sie anfangs immer mal wieder hinauf zu den Becks steigen können. Doch je länger der Krieg andauert, desto schwieriger wird nicht nur die Versorgung der Versteckten mit Lebensmitteln, sondern desto gefährlicher wird auch ihre Lage. Diverse Personen – darüber natürlich auch Nazis – werden bei den Becks einquartiert, Gerüchte machen die Runde, dass sich bei den Becks Flüchtlinge verstecken, so dass es immer wieder zu Hausdurchsuchungen kommt – und Beck selbst ist auch ein Risiko. Beck ist ein Spieler und Säufer, er betrügt seine Frau, er kann den Mund nicht halten und bringt sich durch Geschäfte mit Nazis, Ukrainern und Russen in Gefahr – und somit auch immer die Juden, die auf ihn angewiesen sind.

Auch im Versteck gibt es immer wieder Veränderungen. So bricht in der Straße ein Feuer aus und eine Person flüchtet vor lauter Angst aus dem Haus, während die anderen versuchen, unbemerkt von der Außenwelt Wasser zum Löschen heranzuschaffen. Weitere Juden (in der Regel Familienmitglieder der schon Versteckten) tauchen vor Becks Tür auf und brauchen Hilfe oder eine Zuflucht. So ändert sich im Laufe der Zeit die Zusammensetzung der Flüchtlingsgruppe und es gibt immer mehr Reibung zwischen den unterschiedlichen Personen, was noch dadurch erschwert wird, dass sie tagelang keinen Laut von sich geben dürfen, während über ihnen die deutschen Besatzer ein- und ausgehen.

Abgesehen von den ersten Seiten, in denen Clara Kramer ihre sehr große Familie und auch die Familien der Nachbarschaft vorstellt, lässt sich „Eine Handbreit Hoffnung“ sehr gut lesen. Die Flut der Namen – bei denen sich einige wiederholen oder gar mehrfach vorkommen, weil man die Kinder nach den Vorfahren benannt hat – ist wirklich anstrengend, und auch im Laufe der Geschichte musste ich hin und wieder innehalten und mich erinnern, welche Person da nun gemeint war und in welchem Verhältnis sie zu Clara stand. Davon abgesehen empfand ich „Eine Handbreit Hoffnung“ überraschend ausgewogen. Auf der einen Seite basiert das Buch zwar auf den Tagebüchern, die Clara während ihrer Zeit im Kellerversteck geschrieben hat, was zu einer eindringlichen und berührenden Schilderung führt, auf der anderen Seite liegen gut sechzig Jahre zwischen den Ereignissen und dem Verfassen des Buches (und das eigentliche Schreiben wurde von Stephen Glatz erledigt), was zu einem gewissen Abstand führt, der es ermöglicht, mehrere Seiten zu beleuchten und manche Geschehnisse in einem größeren Zusammenhang zu sehen.

Dieser „Abstand“ führt aber nicht dazu, dass einem die Ereignisse beim Lesen egal sind. Ich fand es interessant, mal die „Vorgeschichte“ mitzuerleben, zu lesen, wie es für die jüdische Familie unter der russischen Herrschaft war und welche Rolle die ukrainischen Nationalisten spielten. Und – gerade weil ich wusste, was in den kommenden Jahren noch folgen wird – ich fand es schrecklich, die immer größer werdende Gefahr für die Familie zu verfolgen, die Überlegungen, ob man flieht oder bleibt, und schließlich diese langen anderthalb Jahre im Kellerversteck. Die Enge, die Hitze, der Hunger, die Fassungslosigkeit angesichts der Geschehnisse, aber auch die ungläubige Dankbarkeit über die Hilfe aus unerwarteter Richtung – das alles lässt einen beim Lesen definitiv nicht ungerührt.

Reinhard Osteroth: Erfinderwelten – Eine kurze Geschichte der Technik

Reinhard Osteroths „Erfinderwelten“ enthält wirklich – wie der Untertitel schon sagt – eine kurze Geschichte der Technik. Nach einer Einleitung, in der der Autor unter anderem erklärt, warum er keine Erfinderinnen in seinem Buch aufführt (gesellschaftliche Stellung und ein Mangel an Ausbildung hätten in den vergangenen Jahrhunderten verhindert, dass Frauen die Technikgeschichte prägende Erfindungen machen könnten) und einem kurzen Abriss, der von der Entstehung des ersten Faustkeils in der Steinzeit über ägyptischen Pyramidenbau und Tonzeugproduktion sowie griechische Mathematik bis zu den Wasserleitungen der Römer geht, hüpft man kurz in die Zeit der ersten Kolonialisierungen, um wenige Seiten später mit Leonardo da Vinci dem erster bedeutender Erfinder zu begegnen, der etwas detaillierter vorgestellt wird.

Zwischen den eher personenbezogenen Kapiteln werden immer wieder Passagen eingeschoben, die einen weiteren Überblick über die Dinge bieten, die sich in der (technischen) Welt zu der Zeit getan haben, oder darüber, welchen Einfluss die Entwicklungen auf Gesellschaft, Religion und Handel hatten. Das ganze Sachbuch fand ich interessant und gut zu lesen, ich bin aber zwischendurch immer wieder über Sätze gestolpert wie „Auch der italienische Arzt und Mathematiker Geronimo Cardano, sein Name ist uns heute durch die kardanische Aufhängung geläufig, ist ein unablässiger Experimentator zwischen mittelalterlicher Naturmagie und neuem Forschergeist.“ (S. 53), bei denen ich dann dastand und dachte „Was für eine Aufhängung?!“ – und schon musste ich wieder die Suchmaschine anwerfen und nachlesen, was da vom Autor für Wissen als selbstverständlich angenommen wird, das mir fehlt. Oder genauer gesagt, wo mir die Bezeichnung zum vorhandenen Wissen fehlt, denn ich kenne die „Kardanische Aufhängung“, ich habe eine recht genaue Vorstellung davon, wie sie funktioniert und welchen Nutzen sie hat, aber ich hatte bis zu diesem Moment keine Bezeichnung dafür.

Aber nicht nur solche Bezeichnungen habe ich aus dem Buch mitgenommen, sondern mal wieder ein bisschen erhellendes Wissen, um mein Gesamtbild zu den Themen Geschichte, Technik und Fortschritt erneut ein wenig mehr zu vervollständigen. Mir geht es oft so, dass ich „Wissensinseln“ zu verschiedenen Gebieten oder Personen besitze, diese aber nicht in einen Zusammenhang bringen kann. Oder dass ich ganz selbstverständlich Begriffe verwende und mir erst (erschreckend) spät aufgeht, wo der Ursprung dieses Begriffs liegt. Seit dem Lesen von „Erfinderwelten“ komme ich mir zum Beispiel ganz schön bescheuert vor, weil ich meinen Ferienjob in der „Galvanik“ nie mit Luigi Galvani (und seinen Froschschenkeln 😀 ) in Verbindung gebracht habe.

Zum Teil wirft mir Reinhard Osteroth schon fast zu schnell mit Namen und Erfindungen um sich. Man muss sich beim Lesen nicht nur sehr konzentrieren, um nicht durcheinander zu kommen, sondern sich auch noch einigermaßen an den Chemie- und Physik-Schulstoff erinnern, um nicht ständig etwas nachschlagen (oder eine Aussage als gegeben hinnehmen) zu müssen. Die Grundlagen sitzen bei mir eigentlich noch ganz gut, aber die Lücken durch die diversen Schulwechsel habe ich anscheinend auch in all den Jahren nicht aufgeholt.

Als Appetithäppchen für das Thema ist „Erfinderwelten“ gut geeignet. Man bekommt die namhaften Erfinder vorgestellt und kann Verbindungen zwischen den verschiedenen Entwicklungen und Personen ziehen. Auch mochte ich es, beim Lesen so manchen Namen „wiederzuentdecken“ und mein dann doch vorhandenes Wissen überprüfen zu können. Für diejenigen aber, die sich schon etwas intensiver mit diesem Wissensgebiet beschäftigt haben, hält das Buch wohl keine neuen Erkenntnisse parat. Da bieten sich andere Werke, die sich konkreter mit einem Erfinder oder einem bestimmten technischen Gebiet beschäftigen, eher an.

Ach ja, noch eine Bemerkung zur Lesbarkeit des Buchs: Die Texte sind wirklich gut lesbar – vor allem, wenn man bedenkt, dass der Autor aufgrund der Kürze der jeweiligen Abschnitte jeden Absatz mit Namen, Daten und Erfindungen vollstopfen musste. Allerdings erlaubt er sich bei einigen Passagen auch einen etwas aufgeblähten Stil, über den ich persönlich eigentlich nur schmunzeln konnte. Als Beispiel hätte ich da die abschließende Aussage zu Thomas Alva Edison: „Kaum einer hat so wie Edison den Alltag verändert. Er ist der Urvater des technischen Haushalts, ein Popstar der Technifizierung, ein Postillon der Machbarkeit“ (S. 134) – und er röstete Kleintiere mit Wechselstrom und entwickelte so in seinem Streit mit Tesla den elektrischen Stuhl … Ein sehr Popstar-würdiges Verhalten, wie ich finde.

Barbara Sichtermann (und Klaus Binder): Gerstenbergs 50 Klassiker – Schriftstellerinnen (Buch und Hörbuch)

Dieses Buch hatte ich schon im Februar ausgelesen, und wie das so ist, wenn man eine Rezension vor sich herschiebt, so dauert es ewig, bis man sich dazu aufraffen kann, sie doch zu schreiben. Zwischendurch habe ich immer wieder die Notizen zum Hörbuch aus diesem Beitrag rauskopiert und in einen separaten Beitrag gepackt, nur um dann doch wieder alles zusammenzufassen. Jetzt sind es aber nur noch wenige Tage bis zum Challenge-Zwischenziel und deshalb muss ich mich wohl jetzt mal dazu durchringen und das Buch (plus Hörbuch) besprechen. 😉

Für mich waren die „Schriftstellerinnen“ der erste Titel aus der Reihe der „50 Klassiker“ von Gestenberg (ich habe allerdings noch einen weiteren Band davon ungelesen im Regal stehen) und so bin ich ohne große Erwartungen an das Buch herangegangen. Vom Aufbau her scheinen sich die Klassiker zu ähneln, wenn ich da nach Hermias Rezension zu den „Deutschen Schriftstellern“ gehen kann. Erst gibt es einen Essay zu der jeweiligen Person, der zwei bis fünf Seiten lang ist und zu dem auch Fotos der Schriftstellerinnen gehören, dann kommt eine Seite mit konkreten Daten und Fakten sowie Empfehlungen bezüglich der Werke der Autorin und Bücher/Filme über die Autorin.

Mit den Essays hatte ich stellenweise meine Probleme. So fiel mir schon ganz zu Beginn bei dem Beitrag zu Sophie von La Roche die Behauptung ins Auge, dass sie eine „gute“ Ehe führte, obwohl die Ehefrau bei der Hochzeit noch in einen anderen verliebt war. Einziger „Beleg“ dazu: Die Dame bekam acht Kinder, von denen fünf aufwachsen durften (die Formulierung lasse ich mal so stehen, den so wird es im Buch ausgedrückt …). So eine Aussage reicht mir persönlich aber nicht, um so eine Behauptung aufzustellen. Hier hätte ich mir doch etwas mehr Hintergrund gewünscht, gerade weil diese Passagen so „persönlich“ geschrieben wurden.

Bei anderen Autorinnen, mit denen ich mich schon ausgiebiger beschäftigt habe, fand ich die eine oder andere nicht ganz so richtige oder längst wiederlegte Behauptung. Das ist jetzt kein großes Drama, man kann nicht erwarten, dass jemand für so einen Band intensivste Recherche betreibt, hat aber mein Vergnügen an diesem Sachbuch etwas getrübt. Trotz dieser Kritikpunkte fand ich „Schriftstellerinnen“ wirklich sehr interessant. Bei einigen Beiträgen habe ich mir Lesetipps aufgeschrieben, um mein Wissen zu vertiefen, andere Autorinnen waren mir vollkommen unbekannt und klangen durchaus spannend. Als Appetitanreger ist der Band hervorragend geeignet, wobei ich die reinen Faktenseiten fast fesselnder fand als die Essays und mich immer wieder dabei ertappte, dass ich Zettelchen in den Band steckte, damit ich irgendwann daran denke, dass ich mir einen Roman oder eine Biografie ausleihe oder eine neu entdeckte Autorin nicht aus den Augen verlor. (Ich erwähne jetzt mal nicht, dass so ein Zettelwust irgendwann etwas unübersichtlich wird. 😀 Aber hey, vielleicht wäre ja das Lesen dieser Autorinnen eine Challenge-Idee für das kommende Jahr …)

Parallel zum Sachbuch habe ich mir das Hörbuch vorgenommen. Ich war gespannt, wieweit sich die beiden Ausgaben dieses Titels voneinander unterscheiden und wie diese Art von Sachbuch als Hörbuch wirkt. Sehr glücklich war ich mit der Hörbuch-Umsetzung allerdings nicht. Statt 50 Schriftstellerinnen werden einem mit dem Hörbuch nur 25 Autorinnen vorgestellt, wobei sich mir nicht erschließt, warum man welche Personen in die Auswahl hineingenommen oder eben herausgelassen hat. Dafür finde ich es durchaus verständlich, dass man sich bei der Hörbuchversion auf die Essays beschränkt und die rein faktischen Texte weggelassen hat. Bei mir sorgte das dafür, dass ich nach den ersten Passagen Buch und Hörbuch zeitgleich nutzte. Ich ließ mir die Essays vorlesen, während ich gleichzeitig die Fotos im Buch betrachtete und den eine oder andere Absatz mitlas. Dann machte ich eine Pause beim Hörbuch und beschäftigte mich mit den kleinen eingeschobenen Infokästen, der Fakten-Zusammenfassung und den Lesetipps (oft genug noch mit dem Netbook bei der Hand, um zu gucken, was davon in der Bibliothek zu beziehen sei – was doch erschreckend wenig ist).

Letztendlich kann ich nicht behaupten, dass eine Hörbuchversion von „Schriftstellerinnen“ notwendig gewesen wäre. Nicht nur die Kürzungen mindern den Informationswert des Hörbuchs, auch die Sprecherin finde ich schlecht gewählt. Sigrid Burkholder liest die einzelnen Passagen, als ob sie Märchen für Kinder vortragen würde. Das lässt die Essays nicht nur sehr geschwollen klingen, sondern hatte auf mich auch eine erschreckend einschläfernde Wirkung. Hätte ich nur hingehört und mich nicht auch gleichzeitig mit dem Buch beschäftigen können, wäre bei mir wohl nicht viel hängen geblieben. Verstärkt wird dieser Effekt noch durch das Geklimper – pardon, die entspannende Musik – zwischen den Passagen rund um die einzelnen Autorinnen. Da ich von den „50 Klassikern“ nicht nur das Buch, sondern auch das Hörbuch zur „Römischen Antike“ noch im Schrank stehen habe, werde ich da wohl auch noch reinhören (vor allem, da das von einem mir noch nicht bekannten Sprecher aufgenommen wurde), aber im Moment bin ich der Meinung, dass es zu dieser Reihe keine Hörbuch-Umsetzungen benötigt.

Laura Thompson: Agatha Christie

Wenn ich die Romane einer Autorin oder eines Autors sehr mag und auch noch die Zeit besonders interessant finde, in der sie oder er gelebt hat, dann greife ich auch gern zu (Auto-)Biografien, um mehr über die Arbeit, den Werdegang und das Leben zu dieser Zeit zu erfahren. Dass ich Agatha Christies Romane sehr gern lese (und höre), dürfte ja inzwischen jedem Blogleser bekannt sein, und so ist es auch kein Wunder, dass ich schon mehrere Bücher über sie (und über ihre Figuren und Romane) gelesen habe. Am besten haben mir bislang ihre Autobiografien („Meine gute alte Zeit“ und „Erinnerung an glückliche Tage“) gefallen sowie Charlotte Trümplers Buch „Agatha Christie und der Orient“ – Letzteres vor allem durch die Konzentration auf Agatha Christies Anteil an den Ausgrabungen ihres zweiten Mannes Max Mallowan und durch Berichte einer Freundin von Agatha Christie.

Die Biografien, die ich sonst so gelesen habe, hatten alle den großen Nachteil, dass sie sich vor allem aus Zitaten aus Agatha Christies Autobiografien zusammensetzen und mir so nicht das Gefühl gaben, dass ich etwas Neues darin entdecken könnte. Bei „Agatha Christie – Das faszinierende Leben der großen Kriminalschriftstellerin“ (was für ein Untertitel!) von Laura Thompson hingegen habe ich eine Menge Details gefunden, die die Verfasserin aus Briefen von und an Agatha Christie gezogen hat, aus Gesprächen mit Familienangehörigen und Freunden oder aus den Romanen, die diese unter dem Pseudonym Mary Westmaecott geschrieben hat. Diese – von den anderen Biografieverfassern in der Regel ignorierten – „Liebesgeschichten“ tragen wohl so einige biografische Züge oder beinhalten Figuren, die Agatha Christies Beschreibungen von sich selbst und ihrer Familie recht nah kommen, so dass Laura Thompson aufgrund dieser Romane der Schriftstellerin immer wieder Gefühle „unterstellt“, die Agatha Christie in ihrer recht distanzierten Art so nie geäußert hätte.

Obwohl manche dieser „Unterstellungen“ mir etwas zu weit gingen, klangen die Schlüsse, die Laura Thompson aus den Werken von Agatha Christie zu deren eigenem (Gefühls-)Leben gezogen hat, insgesamt recht stimmig und bringen die eine oder andere neue Facette der Autorin zum Vorschein. Die Verweise auf die Kriminal- und Mary-Westmaecott-Romane sorgen dafür, dass diese Biografie eine Menge Zitate enthält, aber diese werden so angenehm flüssig in den von Laura Thompson verfassten Text eingebaut, dass das Buch gut lesbar ist – was man ja leider nicht von jedem Buch, in dem viel zitiert wird, sagen kann. Neben dieser weniger distanzierten (und hin und wieder etwas verklärten) Sicht auf Agatha Christie haben mir doch vor allem die kleinen Informationen gefallen, die in anderen Biografien oft wegfallen, eben weil Agatha Christie auf diese Details ihres Lebens keinen Wert gelegt hat (oder nicht wollte, dass die Öffentlichkeit sich zu sehr mit diesen Aspekten beschäftigt).

Etwas unhandlich fand ich die vielen Fußnoten, da diese nicht am Seitenende aufgeführt wurden, sondern in einem separaten Anhang am Ende des Buches. Das sorgte entweder dafür, dass ich sie ignorierte, weil ich keine Lust auf das ständig Blättern hatte, oder dass ich im Text kaum voran kam, weil ich Fußnoten nachschlagen musste. Dabei besteht ein großer Teil der Fußnoten aus Quellenangaben, aber einige erklären auch weitere Zusammenhänge oder erläutern, welche Informationen Laura Thompson dazu gebracht haben, eine Situation auf diese Weise darzustellen.

In einigen Rezensionen wird Laura Thompson vorgeworfen, dass sie Max Mallowan, Agatha Christies zweiten Ehemann, nicht sehr positiv darstellt. Und ja, es gibt ein paar Sätze in dieser Biografie, die implizieren, dass Max Mallowan die Schriftstellerin wegen ihres Geldes geheiratet hat. Meinem Gefühl nach ist dies aber vor allem so dargestellt worden, weil diese Ehe eben keine himmelhochjauchzende Romanze war wie die von Agatha und Archie Christie und es für einen Außenstehenden schwer sein kann, eine eher kameradschaftliche Beziehung, die zwischen zwei (anscheinend in jeder Hinsicht) so unterschiedlichen Menschen besteht, angemessen zu beurteilen.

Auch unterstellt Laura Thompson immer wieder in den Passagen, in denen es um Max Mallowan und die Ausgrabungen in Ägypten geht, dass Agatha Christie selbst vielleicht gar nicht so sehr an den Ausgrabungen interessiert war, sondern nur so viel Zeit mit ihrem Mann dort verbrachte, um eine gute Ehefrau zu sein. Das finde ich dann doch etwas unglaubwürdig angesichts der Tatsache, dass sich Agatha Christie nicht nur schon vor ihrer Ehe mit Archäologie beschäftigt, sondern auch aktiv an der Erhaltung der gefundenen Objekte beteiligt hat.

Was ich dann wieder wirklich interessant fand, war der Teil über Agatha Christies Probleme mit der Steuer. Obwohl sie immer versuchte, sich korrekt zu verhalten, gab es fast 30 Jahre lang Schwierigkeiten, weil erst ihre US-Einnahmen zurückgehalten, dann die Steuergesetze in Großbritannien geändert wurden. So detailliert hatte ich das noch nirgends aufgeführt gesehen und ich kann mir vorstellen, dass es für sie nicht einfach war, mit dieser Situation zu leben.

Insgesamt fand ich die Biografie wirklich spannend und unterhaltsam zu lesen. Hier und da muss man als Leser vielleicht etwas kritisch an das Gelesene herangehen, da Laura Thompson nicht gerade objektiv über Agatha Christie schreibt und auch ständig betont, was für ein Genie die Schriftstellerin war, aber es gab so einige neue Informationen für mich und ich bin inzwischen sehr neugierig auf die Mary-Westmaecott-Romane geworden. Oh, ein Manko an dieser deutschen Ausgabe besteht für mich darin, dass die zitierten Passagen alle (natürlich) aus den Scherz-Veröffentlichungen der Romane übernommen wurden, da auch die Biografie bei Scherz erschienen ist, und ich bin mir sicher, dass so für den deutschen Leser einige Verweise verloren gegangen sind. Schließlich sind die Scherz-Überarbeitungen von Agatha Christies Werken aufgrund der diversen Kürzungen nicht gerade die beste Quelle …

(Sach-)Buchtipps gesucht!

Eigentlich habe ich ja mehr als genügend Sachbücher ungelesen im Regal stehen und finde durch die Sachbuch-Challenge immer wieder neue interessante Titel. Trotzdem ist mir in den letzten Tagen aufgefallen, dass ich über „das lange 19. Jahrhundert“ (also über die Zeit zwischen 1789 und 1914) gerade in Bezug auf Deutschland (auch wenn man das eigentlich noch gar nicht so nennen kann) fast gar nichts weiß. Ich bin deutlich informierter, wenn es um französische oder britische Geschichte in diesem Zeitraum geht; und finde das irritierend.

Also suche ich Tipps für gute Sachbücher über diese Zeitspanne (oder eben Teile davon) – oder Romane, die auch auf die gesellschaftliche und politische Situation eingehen -, um meine Wissenslücke etwas zu stopfen. Gern hätte ich auch Bücher mit Karten darin, denn da hat sich bezüglich der vielen kleinen Grenzen doch eine Menge in diesem Zeitraum getan.

Ich weiß, dass das eine sehr spezielle Frage ist, aber vielleicht fällt einem von euch ja spontan ein (oder mehrere) Titel ein, die empfehlens- und lesenswert sind.

Margaret C. Sullivan: The Jane Austen Handbook – A Sensible Yet Elegant Guide to Her World

„The Jane Austen Handbook“ von Margaret C. Sullivan gehört zu den Titeln, die ich auf anderen Blogs entdecke und dann selber unbedingt lesen muss. 😉 So war das mit der Sachbuch-Challenge zwar eigentlich nicht geplant, ursprünglich wollte ich doch meine eigenen ungelesenen Sachbücher mal in Angriff nehmen. Auf jeden Fall hat mir Hermias Meinung zu diesem Titel Lust auf das Buch gemacht, über Natira gelangte es dann in meine Hände und während der „7 Days – 7 Books“ habe ich mir immer wieder ein paar schöne Momente damit gemacht.

Aufgeteilt ist „The Jane Austen Handbook“ in vier Kapitel, dazu kommen dann noch einige Anhänge zu Jane Austen, ihrem Werk und Veröffentlichungen (Buch und Film), die darauf basieren. Im ersten Kapitel, „Jane Austen’s World And Welcome To It“, wird darauf eingegangen, was eine wahre Lady ausmacht. Dabei wird nicht nur auf ihre Herkunft eingegangen, sondern selbstverständlich auch auf ihre Erziehung und auf die Art und Weise, wo und wie man die verschiedenen Jahreszeiten verbringt und ähnliches. Die weiteren Kapitel („A Quick Succession of Busy Nothings; or, Everyday Activities“, „Making Love“ und „The Best Company; or, Social Gatherings“) beschäftigen sich dann mit den Kriterien, die ein potenzieller Ehemann zu erfüllen hat, mit der Kindererziehung, mit Haushaltsfragen und vielen andere Details bis hin zu der Frage, wie eine Lady selbst auf ehrbare Art und Weise Geld verdienen kann, wenn es das Schicksal (oder das Vermögen ihres Vaters) es nicht gut mit ihr gemeint hat.

Ich muss gestehen, dass ich das Vorwort an diesem Buch am wenigsten mochte, nicht nur weil Margaret C. Sullivan den Begriff „Janeites“ verwendet (ich mag solche Schubladenbegriffe nicht), sondern auch weil sie der Leserin unterstellt, dass sie Jane Austens Romane vor allem wegen der Liebesgeschichten, der Happy Ends, der Beschreibungen von Kleidern und Bällen lesen würde. Ich gebe zu, dass das eine nette Dreingabe ist, aber ich mag in erster Linie die Charaktere, die wundervollen Dialoge (gerade zwischen Figuren, die eben nicht in Begriff stehen sich ineinander zu verlieben) und die häufig sehr pragmatisch wirkenden Aussagen zum Leben in dieser Zeit.

Wer Jane Austens Geschichten oder Romane vergleichbarer zeitgenössischer Autoren gelesen hat, wird nicht so viele neue Informationen in „The Jane Austen Handbook“ finden. Auch wiederholen sich einige Details, weil sie eben zu unterschiedlichen Themengebieten passen und deshalb mehrfach aufgegriffen werden wie zum Beispiel die Tatsache, dass sich eine Lady um die Bedürftigen und Kranken zu kümmern hat und wie dieses geschehen sollte. Aber all diese Informationen werden wirklich in ansprechender Form präsentiert und immer wieder mit Zitaten aus Jane Austens Romanen oder Verweisen auf ihre Figuren belegt.

So bekommt man einen schönen Einblick in das Leben Anfang des 19. Jahrhunderts (zumindest für diese Gesellschaftsschicht), während die vielen verschiedenen Details und Informationen auf humorvolle Weise präsentiert werden. Vor allem den Teil des Buches, der sich mit dem Thema Kindererziehung beschäftigt, habe ich mit einem ständigen Schmunzeln gelesen. So ist „The Jane Austen Handbook“ informativ, unterhaltsam und sorgt mit den vielen kurzen Abschnitten zu den verschiedenen Themen für entspannte Lesestunden. Dazu kommen noch die liebevollen Illustrationen von Kathryn Rathke (bei Hermias Rezension könnt ihr davon ein paar Beispiele sehen), die die verschiedenen Aussagen ganz entzückend unterstreichen – und mich immer wieder an bestimmte Szenen aus Jane Austens Romanen erinnert haben.

Sina Trinkwalder: Wunder muss man selber machen

Ich habe das Gefühl, dass man an Sina Trinkwalder in den letzten Monaten nicht vorbeikommen konnte – und das nicht nur, weil sie immer wieder in Talkshows zum Thema sozialwirtschaftlich und ökologisch hergestellte Mode zu Wort kommen durfte. Als also ihr Buch „Wunder muss man selber machen – Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf stellte“ angekündigt wurde, in dem sie über den Aufbau einer industriell-sozial-ökologischen Modemarke in Augsburg schreibt, war ich neugierig. (Lustigerweise hat das dazu geführt, dass ich nun sagen kann, dass bei meiner Bibliothek nach einem Anschaffungsvorschlag im Oktober zwar schnell die Anschaffungsbestätigung bekommt, es aber bis Anfang März dauert, bis das Buch gekauft, eingearbeitet, foliert usw. ist und in die Ausleihe gelangt.)

Die Autorin beginnt das Buch mit einer Szene in einem Bahnhof, bei der ein Obdachloser ihre weggeworfene Zeitschrift aufsammelt, um Weihnachtsschmuck daraus zu basteln. In diesem Moment wird ihr bewusst, dass sie in ihrem Beruf unzufrieden ist. So erfolgreich das mit ihrem Mann gegründete Werbeunternehmen auch ist: Ihr Job befriedigt sie nicht mehr. Stattdessen beschließt sie, eine neue Firma zu gründen, eine Firma, in der von der Gesellschaft benachteiligte Menschen einen Job finden können. Es dauert einer Weile, bis sie sich entschließt, in die Textilproduktion einzusteigen, aber dann fällt sie ihre Entscheidungen recht schnell – was wohl vor allem deshalb möglich ist, weil ihr das eigentlich für so einen Schritt vorausgesetzte Hintergrundwissen fehlt und sie deshalb viele Hindernisse nicht im Vorhinein absehen kann.

Sie investiert viel Energie, Zeit und Geld in diesen Traum von einem Textilunternehmen, in dem industriell Mode hergestellt wird – von Angestellten, die nicht nur eine gute Bezahlung erhalten, sondern auch die Sicherheit eines unbegrenzten Vertrags, eine respektvolle Behandlung und das Gefühl, dass sie ein gewisses Mitspracherecht haben. Das alles finde ich überaus anerkennenswert, vor allem, da Sina Trinkwalder sich auch auf die Fahne geschrieben hat, dass ihre Produkte aus Materialien hergestellt werden, die in Deutschland mit Bioqualität produziert wurden. Oh, und wer einen Blick in den Onlineshop von „manomama“ wirft, der sieht auch, dass die Sachen sogar zu sehr moderaten Preisen angeboten werden.

Das ändert aber nichts daran, dass ich mich nach dem Lesen des Buches fragte, was mir das nun gebracht hat. Letztendlich stand in dem Buch – von den persönlichen Anekdoten und Details zu enttäuschenden Terminen mit Politikern und Behörden mal abgesehen – kaum mehr als auf der Infoseite des Onlineshops. Wer sich also für das Thema interessiert, wird in „Wunder muss man selber machen“ keine neuen Anregungen finden, und wer sich damit nicht auseinandersetzt, der wird eh nicht zu so einem Buch greifen. Es gibt keine tiefergehenden Hintergründe zur aktuellen ökologischen Produktion von Fasern und Stoffen in Deutschland – was ich wirklich sehr spannend gefunden hätte, gerade weil man als „normaler Verbraucher“ da eigentlich keine belegbaren Informationen findet – oder handfeste Beispiele von Dingen, die man vielleicht beachten sollte, wenn man selbst gern ein ähnliches Projekt auf die Beine stellen würde. Stattdessen bleibt das Gefühl, dass Sina Trinkwalder sich sehr blauäugig, aber dafür mit viel Glück und vielen tollen Menschen, die ihre Fehler ausbügelten und ihre Ziele und Träume wahr werden ließen, auf den Weg gemacht hat.

[Kurz und knapp] John Irving: My Movie Business

Ich war im Dezember 1999 mit einer Freundin in New York und an einem Nachmittag bekamen wir Freikarten für einen Film in die Hand gedrückt. So kam es, dass wir nachmittags, während draußen Schneeregen fiel, „The Cider House Rules“ guckten. Für mich war das nicht nur meine erste Irving-Verfilmung, sondern auch die erste Geschichte überhaupt, die ich von John Irving bewusst wahrgenommen habe. Später habe ich dann das Buch (und weitere) gelesen, doch der Film ist immer noch mein Lieblingswerk, weil er einfach toll ist und ich damit John Irving für mich entdeckte. 😉

Umso spannender fand ich es als Natira erzählte, dass sie von John Irving „My Movie Business“ las, und musste das Buch natürlich prompt auf unsere Ausleihliste setzen. Schon die ersten Seiten fand ich faszinierend, auf denen John Irving kurze, aber einprägsame Anekdoten von seinem Großvater erzählte, der ein Gynäkologe mit einem ganz besonderen Humor gewesen sein musste.

Auch die Vergleiche zwischen Roman- und Filmversion fand ich fesselnd. John Irving geht darauf ein, welche Absichten er mit dem Buch hegte, wie er welche Figur aufbaute und warum ihm welche Aspekte wichtig waren – und warum viele dieser Elemente keinen Weg in den Film fanden. Spannend fand ich es, dass er in „My Movie Business“ betont, dass das Buch „The Cider House Rules“ für ihn eine Geschichte mit zwei Protagonisten (Homer Wells und Dr. Larch) ist, während der Film nur eine Hauptfigur hat – nämlich Homer. Lustigerweise finde ich Homer im Film zwar sympathischer als im Buch, aber die Anfangsszenen mit Michael Caine als Dr. Larch gehören für mich zu den eindringlichsten Momenten der Verfilmung. Neben den konkreten Beispielen, die sich mit den beiden Varianten von „The Cider House Rules“ beschäftigen, geht Irving auch immer wieder auf Medizingeschichte (und damit zusammenhängende gesellschaftliche und politische Belange) ein.

Natürlich erzählt Irving in dem Buch auch von weiteren Verfilmungen seiner Werke, wie es für ihn ist, wenn ein anderer Autor seine Figuren und Geschichten verändert und wie er manche Dreharbeiten erlebt hat. Eigentlich besteht „My Movie Business“ aus einer Aneinanderreihung von Anekdoten, die durch berufliche, persönliche und abwegige Beobachtungen ergänzt werden. Doch der Schwerpunkt liegt auf dem langen und mühsamen Weg „The Cider House Rules“ zu verfilmen, was mir persönlich sehr gut gefallen hat – auch wenn es zum Ende hin etwas arg detailliert wurde. Auf jeden Fall ist dieses Buch eine tolle Möglichkeit, um Roman und Film noch einmal mit einem neuen Blick zu betrachten und weitere Facetten rund um Homer und Dr. Larch zu entdecken.

David Schumann: The Tokyo Diaries – Ein erster Eindruck

Ich muss zugeben, dass das hier wirklich nur ein erster Eindruck wird, denn ich bin erst auf Seite 57. Das heißt, von den zwei Jahren, die der Autor in Japan gelebt hat, habe ich bislang gerade mal zwei Monate „miterleben“ dürfen. Aber ausnahmsweise muss dieser Beitrag mal sein, dann es gibt da ein paar Gedanken, die ich loswerden möchte.

Vor diesem Buch hatte ich noch nie was von David Schuman gehört, ich habe den Titel einfach nur aufgrund des Klappentextes interessant gefunden. Ein Japanologie-Student in Tokyo, anfangs überwältigt von der fremden Kultur, wird erfolgreiches Punk-Model in Japan. Soweit klang das gut. Der letzte Hinweis hat zwar dafür gesorgt, dass ich einen ungewöhnlichen Menschen erwartet hatte, aber ansonsten erhoffte ich mir mehr oder weniger amüsante und informative Erlebnisse und Berichte über das Leben als Ausländer/Student in Japan.

Aber schon auf den ersten Seiten hatte ich ein Problem mit dem Autor: Er jammert über seine Flugprobleme und die Regenzeit in Japan. Außerdem geht es um seine Alkoholabstürze, sein Problem, eine willige Frau zu finden (okay, er scheint auch die Gespräche, die Anwesenheit, die Freundschaft zu vermissen, aber in erster Linie klingt der Bedarf nach einer Bettgefährtin durch), Saufgelage, seine Ansichten über seine Gastfamilie, Alkohol und sehr viel über Musik. Letzteres hatte ich übrigens weder erwartet, noch kann ich viel mit seinen Gedanken zu dem Thema anfangen.

Ich will nicht nur schimpfen, der Kerl ist kein Faulpelz, studiert intensiv, hält eifrig die Augen nach Jobs offen und versucht, engeren Kontakt zu Japanern zu bekommen – und es gibt immer wieder interessante Beobachtungen zum Leben in Tokyo. Aber momentan kann ich mit dem Autor, seiner Lebensweise und seiner (Umgangs-)Sprache recht wenig anfangen. Und das liegt nicht nur daran, dass ich keinen Bedarf an abendlichen Alkoholexzessen habe und auch sonst ein anderes Leben führe  … 😉

Novella Carpenter: Meine kleine Cityfarm

Dieses Buch hat mich recht zwiegespalten hinterlassen, was ich im Nachhinein vor allem auf die Autorin schiebe. Denn so richtig sympathisch fand ich Novella Carpenter nach all den Details aus ihrem (Privat-)Leben nicht, auch wenn man in diese Buch ein paar tolle Anregungen finden kann und immer wieder über Ideen stolpert, die man doch auch selber in seinem kleinen Stadtgarten, auf seinem Balkon, einem Blumenkasten am Fenster oder auf der Verkehrsinsel vor der Tür durchführen könnte.

In „Meine kleine Cityfarm – Landlust zwischen Beton und Asphalt“ kann man Stück für Stück verfolgen, wie die Amerikanerin sich an immer größere Experimenten in Richtung Natur und Selbstversorgung wagt, während sie in einem eher heruntergekommenden Gebiet von Oakland (das liegt am östlichen Ufer der Bucht von San Fransciso) lebt. Dabei hat Novella – obwohl sie ihre Kindheit auf einer Farm verbracht hat, die von ihren idealistischen Hippie-Eltern als Selbstversorgerprojekt gestartet wurde – keinerlei Erfahrung mit Landwirtschaft. Und die Erzählungen ihrer Mutter über all die Nachteile des Landlebens, die Einsamkeit und die Herausforderungen, haben auch dazu geführt, dass die Autorin niemals so leben wollte. Trotzdem ist da dieser Wunsch nach selbstangebauten Lebensmitteln, danach zu wissen, woher die Dinge kommen, die man isst, und die Lust am Experimentieren.

Für mich war es auch spannend den Kontrast zwischen den ersten Eindrucken ihrer neuen Wohngegend und ihren Erfahrungen dort zu erleben. Anfangs traut sich Novella in dem Ghetto, in dem sie eine Wohnung gefunden haben, nachts nicht vor die Tür, weil die Nachbarschaft so bedrohlich wirkt. Später hingegen hat sie das Gefühl, dass sie ihre Nachbarn mit all ihren Eigenarten (ein Obdachloser, der Schrott auf der Straße sammelt, Jugendliche, die trotz Gangmitgliedschaft eben doch nur Kinder sind, eine exzentrische Gruppe, die sich einmal die Woche trifft und künstlerisch tätig ist) so gut kennt, dass sie sich problemlos dort bewegen kann.

In dieser Umgebung nehmen Novella und ihr Freund Bill eine Brachfläche neben ihrem Haus in Besitz und nutzen sie für ihre kleine Landwirtschaft. So bauen die beiden nicht nur Gemüse an, sondern halten auch Bienen, Geflügel, Kaninchen und später sogar Schweine und Ziegen. So schön und spannend ich es fand, durch Novellas Augen mitzuerleben, wie aus einer vermüllten Brachfläche ein grüner Garten entstand, der nicht nur genügend abwarf, um die Autorin und ihre Nachbarschaft zu ernähren, sondern auch um Gemüse an soziale Projekte zu spenden, so gab es doch auch so einige Aspekte, die mir nicht gefallen haben.

Novella Carpenter scheint dazu zu neigen, sich ohne gründliche Vorbereitung Tiere anzuschaffen – und dann über Bücher und Gleichgesinnte genügend Wissen zu sammeln, damit die Haltung auch funktioniert. Mich irritiert es, wenn jemand loszieht, um sich zwei Ferkel zu kaufen, und dann nicht einmal weiß, ob er eine Sau, einen Eber oder einen Kastraten mit nach Hause nimmt. Genauso wäre es für mich wichtig zu wissen, wie groß meine beiden Ferkel am Ende werden und ob ich ihnen dann immer noch ein artgerechtes Leben bieten kann. Ich hatte zwar am Ende nicht das Gefühl, dass es den Tieren nicht gutging, dafür hat die Autorin zuviel Energie und Erfindungsreichtum in die Haltung gesteckt, aber ich glaube, dass das auch damit zusammenhing, dass sie höllisch viel Glück hatte. Und ich mag es nicht, wenn eine gute Tierhaltung vor allem dank „Glück“ funktioniert.

Auch schreibt sie offen über die Probleme, die es zu Beispiel mit den Nachbarn gab. Da mussten diese damit leben, dass der Truthahn ständig in ihren Gärten auftauchte, und die entlaufenden Schweine wurden zu Verkehrsrisiken – und meine Fantasie ist dann doch zu lebhaft, als dass ich lässig über den Beinahunfall mit einem Bus hinweglesen kann. Auch wurden der Lärm und Gestank natürlich nicht von allen Nachbarn einfach so hingenommen … Die Futterbeschaffung war ebenfalls eine Herausforderung, denn Novella Carpenter hatte sich vorgenommen nichts zu kaufen, sondern die Tiere mit dem zu ernähren, was sie sammeln oder im Garten anbauen konnte. Also hat sie für das Geflügel in den städtischen Grünanlage Unkraut gezupft und die Schweine aus den Abfalltonnen ernährt, die sie Nacht für Nacht in Chinatown geplündert hat.

Schön fand ich hingegen die positiven Auswirkungen auf die Nachbarschaft. Nicht nur verteilte die City-Farmerin ihre Erzeugnisse freigiebig in der Nachbarschaft, sie ermöglichte es den Ghettokindern auch mal ein Kaninchen auf dem Arm zu halten oder ein Schwein beim Fressen zu beobachten. Und bei den asiatischen Nachbarn kam die Erinnerung an ihre Heimat auf, wo der Gemüseanbau und die Haltung von Kleintieren im städtischen Hinterhof einfach zum Leben dazu gehören.

Auch hat mich dieses Buch sehr nachdenklich gemacht. Seit dem Lesen gehe ich mit anderen Augen durch die Stadt, sehe Brachflächen zwischen den Häusern und fragte mich, ob man da nicht etwas anbauen könnte. Und in meinem kleinen Blumengarten (der immer noch überfüllt ist mit Pflanzen, die die Vormieter dort hinterlassen haben) suche ich inzwischen kleine Eckchen, in denen ich vielleicht etwas Gemüse anbauen könnte. Es würde bei mir vermutlich nicht so einfach gedeihen, wie im sonnigen Kalifornien, aber eine frisch geerntete selbstgezogene Gurke schmeckt doch deutlich besser als eine, die schon einige Wegstunden hinter sich gebracht hat oder gar einen Aufenthalt im Supermarktkühlhaus erlebte. Noch habe ich Hemmungen die gesunden Blumen auszurupfen und auch der Schweinehund, der sich sicher ist, dass so ein Nutzgartenanteil doch noch mehr Arbeit macht, muckt, aber los lässt mich der Gedanke an mein eigenes Gemüse seit dem Lesen von „Meine kleine Cityfarm“ nicht.