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Schwarzweiße Sehnsucht

Ein blöder Beitragstitel, ich weiß, aber so recht fiel mir einfach kein passender Begriff ein, um mein aktuelles Bedürfnis nach Büchern und Filmen zu beschreiben, die für mich in die „schwarzweiße“ Zeit fallen. Und ich kann nicht mal sagen, dass das eine neue Leidenschaft für mich ist, denn dann gäbe es nicht so viele Dinge in unserem Haushalt, die in diese Kategorie passen. Nur zu blöd, dass es keinen allgemeingültigen Überbegriff gibt, denn so muss ich jetzt versuchen, eine einigermaßen vollständige Liste zu machen, um euch begreiflich zu machen, worüber ich rede.

Ich habe immer wieder große Lust auf Kriminalromanen wie die Miss-Daisy-Geschichten, die ich in den letzten Wochen verschlungen habe, aber auch eine unsterbliche Schwäche für Raymond Chandler, Dashiell Hammett, Erle Stanley Gardner und ähnliche Autoren. Einige von ihnen vermitteln mir ein „Nachkriegsgefühl“ („Miss Daisy“ spielt nach dem Ersten Weltkrieg, die meisten anderen Geschichten nach dem Zweiten Weltkrieg), das ich irgendwie genieße. Aber auch Hörbücher wie „Deine Juliet“ (welches ich gerade zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate höre) passen in diese Kategorie, oder Romane wie „Ein Schlachtplan für Miss Winter“.

Zusätzlich plagt mich ein – gerade leider nicht stillbares – Bedürfnis nach Screwball-Komödien. Normalweise kann ich mich darauf verlassen, dass im Herbst die dritten Programme nachts den einen oder anderen Schwarzweiß-Film zeigen, der es mir ermöglicht, die wundervoll amüsanten Dialoge dieser Zeit zu genießen oder zumindest eine klassische amerikanische Kriminalgeschichte zu verfolgen. Doch zu meinem Bedauern lassen mich gerade die Fernsehsender im Stich – ebenso wie unser DVD-Player, so dass ich nicht mal auf meine „Der dünne Mann“-Sammlung und andere DVDs zurückgreifen kann.

Ich weiß gar nicht, warum ich gerade solche Lust auf Geschichten habe, die zwischen 1920 und 1950 spielen, aber am liebsten würde ich kopfüber in meinen Bücherkartons und DVD-Regalen verschwinden und nach Krimis und Komödien suchen, die dieses Zeitgefühl vermitteln, wieder zu Miss Pettigrew und Miss Daisy greifen, mit Agatha Christies Tommy und Tuppence Beresford Abenteuer erleben, mich an der lakonischen Art von Philip Marlowe erfreuen, zusehen, wie Abby und Martha Brewster einem alten Herren Wein servieren, mit Cary Grant und Katherine Hepburn Knochen jagen oder ein Leben jenseits des Geldadels anstreben und meinen Humphrey-Bogart-Bildband so aufstellen, dass ich jederzeit einen Blick darauf habe …

Habt ihr eigentlich auch so Phasen, in denen ihr am liebsten für eine Weile in einer anderen Zeit „verschwinden“ würdet? Oder denkt ihr nach dem Lesen dieses Beitrags einfach nur, dass ich spinne? 😉

Johan Theorin: Blutstein

Dank der örtlichen Bibliothek habe ich nun auch den dritten „Öland“-Band von Johan Theorin lesen können. Nachdem ich mit „Öland“ den Herbst und mit „Nebelsturm“ den Winter auf der schwedischen Insel erleben konnte, zieht mit „Blutstein“ der Frühling ins Land. Das Eis bricht, die ersten Zugvögel erreichen die Insel und Blumen erblühen. Noch ist es so früh im Jahr, dass die Insel nicht von Touristen und Sommerhausbesitzern überschwemmt wird, auch wenn die ersten Wochenendbesucher schon da sind.

Auch Per Mörner zieht es in diesem Frühjahr auf die Insel, nachdem er vor einiger Zeit ein kleines Haus an einem Steinbruch geerbt hat. Der Mann hat so einige Probleme im Leben und hofft, dass er vom Frieden auf der Insel profitieren kann. Doch der Leser weiß vom ersten Moment an, dass dieser Frühling nicht friedvoll wird, verrät der Prolog doch schon, dass Per in der Walpurgisnacht (am 30. April) um sein Leben kämpfen muss …

Wie es sich für einen Roman von Johan Theorin gehört, entwickelt sich die Handlung nach dem erschreckenden Prolog erst einmal recht gemächlich. Neben Pers Häuschen gibt es auch zwei neue Sommerhäuser am Steinbruch, die eindeutig betuchten „Stadtmenschen“ gehören. Eines dieser Domizile gehört Vendela Larsson und ihrem Mann Max – und so kann man als Leser aus Vendelas Sicht mitverfolgen, dass die Ehe der beiden nicht gerade harmonisch verläuft.

Während Max seinem Erfolg hinterherläuft, verliert sich Vendela in Geschichten über Trolle und Elfen, die sie in ihrer Kindheit gehört hat. Denn obwohl sie seit vielen Jahren nicht mehr auf Öland war, so ist sie doch in der Nähe ihres neuen Sommerhauses auf dem Hof ihres Vaters aufgewachsen und muss nun ständig an die Elfengeschichten denken, die ihr Vater ihr früher erzählt hat – doch mit diesen märchenhaften Erinnerungen kommen auch die längst verdrängten Ereignisse in ihn wieder hoch.

Auch Pers Leben wurde von seinem Vater Gerhard (der sich vor Jahren in „Jerry Morner“ umbenannt hat) geprägt. Dieser war als Produzent von Filmen und Zeitschriften reich geworfen, hatte aber selbst an den wenigen Wochenenden, die er seinen Sohn sehen konnte, keine Zeit für diesen. Obwohl sich Per schon lange damit abgefunden hat, dass sein Vater keine Liebe für ihn empfindet und sein Geld mit Pornos gemacht hat, versucht er doch keinen Kontakt zwischen seinem Umfeld und Jerry entstehen zu lassen. Nun aber kann Jerry nach einem Schlaganfall nicht mehr allein zurecht kommen und als sein altes Studio abbrennt, muss Per ihm beistehen.

Wieder einmal haben mir die atmosphärischen Beschreibungen der Insel und ihrer Einwohner gefallen. Ein paar liebgewonnene Charaktere habe ich in „Blutstein“ wiedergetroffen und ein paar neue sympathische Figuren kennengelernt. Vor allem Per Mörner in seiner ganzen Unbeholfenheit, seinen Versuchen für seine Kinder Nilla und Jesper da zu sein und seine Bemühungen mehr über seinen – ungeliebten – Vater herauszufinden, ist mir schnell ans Herz gewachsen. Vendela fand ich stellenweise etwas zu sehr verloren in ihrer Traumwelt, aber Johan Theorin hat es geschafft mir auch das verständlich zu machen. Würde ich eine solche Ehe führen oder auf eine solche Kindheit zurückblicken, dann würde ich vielleicht auch Zuflucht bei Elfen suchen.

Obwohl Vendelas und Pers Geschichten kaum miteinander etwas zu tun haben, fand ich, dass sich die beiden Handlungsstränge gut ergänzt haben. Auf der einen Seite ein ungeschickter, aber liebevoller Vater, der zwischen Brandstiftung, Mord und Pornogeschäft versucht  etwas Licht in diese schmutzigen Vorgänge zu bringen und auf der anderen Seite die Flucht vor der Wirklichkeit, die Hoffnung auf übernatürliche Hilfe und die eine oder andere Szene, die sich einfach nicht mit Logik erklären lässt.

Das alles führt zu einer faszinierenden Geschichte, die zwar nicht gerade als atemberaubend bezeichnet werden kann, mich aber auch einfach nicht losgelassen hat. Wie schon bei „Öland“ und „Nebelsturm“ konnte ich „Blutstein“ nicht lange aus der Hand legen, weil ich einfach wissen wollte wie es weitergeht. Ich finde es großartig, dass Johan Theorin mit seinen Kriminalromanen Geschichten schafft, deren Verlauf ich nicht einfach vorhersagen kann und die immer wieder eine überraschende Wendung für mich bereithalten.

Marina Heib: Puppenspiele

Beim Inhalt begnüge ich  mich ausnahmsweise mal wieder mit dem Klappentext des Romans:

Eine rote Narbe über dem Herzen und ein Spiegel in der Hand. Ein Serienkiller veranstaltet eine besonders grausame Inszenierung mit seinen jungen Opfern. Welche Botschaft steckt dahinter? Christian Beyer und sein Team decken ein skrupelloses Spiel um Geld und wissenschaftlichen Fortschritt auf, das seinen tödlichen Tribut fordert.

Ich habe mir den Krimi „Puppenspiele“ in der Bibliothek  mitgenommen, weil ich auf mehreren Seiten recht lobende Worte zu dem Titel gelesen hatte und neugierig war. Im Moment habe ich große Lust auf Kriminalromane und ebenso große Lust, mal wieder einen deutschen Autor für mich neu zu entdecken. Obwohl „Puppenspiele“ schon der vierte Band um Hauptkommissar Christian Beyer ist, hatte ich überhaupt keine Probleme mit der Handlung und kam gut mit dem eingespielten Team der „Soko Bund“ zurecht. Außerdem hat mir die klare und zum Teil schon fast zu direkte Sprache der Autorin gefallen.

Auch fand ich die kleinen Momente, in denen deutsche Städte beschreiben wurden, angenehm atmosphärisch und stimmig. Die vielen Perspektivwechsel fielen für mich unter „gewohntes Stilmittel“ und gaben nicht nur Einblick in die Arbeit der Ermittler, sondern auch in die Ansichten und Gedanken anderer Personen, die (mal mehr, mal weniger) in den Fall verwickelt waren, so dass sich die Geschichte aus vielen kleinen Puzzlestückchen zusammensetzte. Soweit alles schön und gut, aber trotz der positiven Punkte an diesem Krimi habe ich mich regelrecht durch diesen Roman gequält und mich dabei ertappt, dass ich lieber eine zufällig laufende Kirchendoku (normalerweise gar nicht mein Thema) im Fernsehen verfolgt habe als weiter zu lesen.

Das lag nicht nur daran, dass die Handlung für mich viel zu schnell schrecklich vorhersehbar war, sondern auch, dass ich mit dem Thema und seiner Umsetzung durch die Autorin inzwischen nichts mehr anfangen kann. Vermutlich liegt es wirklich an mir und ich habe einfach schon zu viele Kriminalromane gelesen, die sich um hochintelligente Serienmörder, skrupellose Geschäftsmenschen, Familiengeheimnisse aus der Vergangenheit und ähnliche Elemente drehen. Aber ich habe so die Nase voll von diesem – auch hier nicht konsequent durchgezogenen – Tätertypus, diesen konstruierten Geschichten und diesen an den Haaren herbeigezogenen Motiven, dass bei mir einfach keine Spannung aufkam.

Die diversen kleinen Hinweise waren für mich einfach viel zu offensichtlich gestreut, und so lag die Lösung auf der Hand, lange bevor einem die verschiedenen Nebenstränge offiziell die Antwort auf die ganzen Fragen gegeben haben. Und während ich über solche durchschaubaren Plots normalerweise hinwegsehen kann, wenn mir ein Autor zumindest die Charaktere nahebringen kann, so fehlte mir in „Puppenspiele“ genau das. Die verschiedenen Figuren waren mir nicht unsympathisch, stellenweise waren sie sogar interessant konzipiert, aber sie haben mich nicht berührt. Es war mir vollkommen egal, was aus ihnen wurde – sogar als es um das Schicksal eines zehnjährigen Mädchens ging …

Ich glaube, „Puppenspiele“ gehört zu den Kriminalromanen, die einen als erfahrener und kritischer Krimileser einfach nicht überzeugen können. Marina Heib schreibt wirklich nicht schlecht, aber der von ihr genutzte Handlungsaufbau und die verwendeten Stilmittel sind (für mich) inzwischen so ausgelutscht, dass einfach keine Spannung aufkommen wollte. Und wenn die Handlung einen schon nicht mitreißen kann, dann ist es umso bedauerlicher, dass einem die verschiedenen Charaktere nicht nahegebracht werden. Das Lesen dieses Romans war für mich wie das Angucken einer beliebigen amerikanischen Krimiserie – da braucht es auch nur einen bestimmten Kamerazoom, und schon kann ich meinen Mann erzählen, wer der Täter war und welche zwei möglichen Motive in Frage kommen … 😉

SuB-Zuwachs im September

Auch in diesem Monat gibt es wieder etwas Zuwachs für meinen SuB. Gestern klingelte der Paketbote und brachte mir folgenden Lesestoff für die kommenden Wochen.

1. Michelle Harrison: Elfenseele – Jenseits der Ferne
(Der dritte Teil der „Elfenseelen“-Reihe – und ich muss mich arg zurückhalten, um nicht alles stehen und liegen zu lassen und diesen Band zu verschlingen.)

2. Bernd Perplies: Magierdämmerung – In den Abgrund
(Auch hier der dritte – und abschließende – Teil einer Reihe, auf den ich mich schon sehr gefreut habe. Allerdings fürchte ich, dass ich vor dem Lesen meine Erinnerungen an die Geschehnisse aus „Gegen die Zeit“ wieder auffrischen muss.)

3. Lieneke Dijkzeul: Vor dem Regen kommt der Tod
(Ein holländischer Krimi für meine aktuelle Krimi-Leselust.)

4. Sharon Ashwood: Höllenherz
(Schon der vierte Teil der Reihe – irgendwie habe ich das Gefühl, dass die in einem erstaunlich schnellen Rhythmus rausgebracht werden. Aber vermutlich liegt das an meinem etwas gestörtem Zeitempfinden. 😉 )

5. Julia Quinn: Das geheime Tagebuch der Miss Miranda
(Da ich ja die Bridgerton-Romane von der Autorin so liebe und auch von „Just Like Heaven“ nicht enttäuscht war, freu ich mich schon sehr auf dieses Buch. Bestimmt ist es perfekt für den nächsten Nachmittag mit richtig herbstlichem Regenwetter, der unbedingt mit Tee und Katze auf dem Sofa verbracht werden muss.)

6. Kathryn Miller Haines: Ein Schlachtplan für Miss Winter
7. Kathryn Miller Haines: Miss Winter lässt nicht locker
(Die beiden Bücher habe ich schon vor einer Weile auf meine Wunschliste gesetzt und dann aus den Augen verloren, bis mich Natira mit einer unschuldigen Frage in einem Kommentar daran erinnerte. Zum Glück hat mir jemand die beiden Roman kurzfristig besorgen können – und so werde ich damit demnächst meine Krimilust mit diesen Geschichten aus der Zeit des zweiten Weltkriegs stillen.)

Kleine Freuden – Der Bibliotheksbesuch am Freitagvormittag

Ich habe am Freitag tolle Beute aus der Bibliothek mitgebracht:

Vor allem freue ich mich auf „Blutstein“, da ich gerade anscheinend eine Theorin-Phase habe.

Dann bin ich mit einer anderen Bibliotheksnutzerin ins Gespräch bekommen und habe ihr drei meiner „bewährten“ Krimiautorinnen empfohlen (unter anderem Deborah Crombie), weil sie etwas suchte, das nicht zu blutig, nicht zu vorhersehbar und nicht aus der Region ist. Ein bisschen sentimental bin ich da schon geworden, weil es sich anfühlte wie die Kundengespräche früher im Buchhandel … Im Gegenzug habe ich von ihr Petros Markaris in die Hand gedrückt bekommen – ich bin jetzt schon gespannt auf den Autor.

Für den Nachmittag habe ich mir dann noch vom Bäcker neben der Bibliothek etwas mitgebracht und den Arbeitstag dann mit Tee, Blaubeermuffin und „Blutstein“ ausklingen lassen. 🙂

Johan Theorin: Nebelsturm

Gerade weil ich „Nebelsturm“ vor „Öland“ gelesen habe, kann ich sagen, dass man diese Roman wirklich unabhängig voneinander lesen kann. Aber da ich schon wusste, welche Figuren in „Nebelsturm“ vorkommen, wurde mir am Ende von „Öland“ auch ein wenig die Spannung genommen. Wer also einen Blick in diese Krimis werfen will, dem empfehle ich die richtige Reihenfolge. Außerdem hatte ich bei „Nebelsturm“ das Gefühl, dass man sich noch stärker auf die gemächliche Erzählweise des Autors einlassen muss. Die zählt in meinen Augen übrigens zu den großen Stärken von Johan Theorin, aber ungeduldigeren Lesern ist das Erzähltempo vermutlich zu langsam.

Wie in „Öland“ wird auch die Handlung in „Nebelsturm“ aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wobei die – gerade erst auf den Åludden-Hof auf Öland gezogene – Familie von Joakim und Katrine Westin im Mittelpunkt steht. Das Ehepaar will die zum Hof gehörenden Häuser liebevoll renovieren, so wie sie es schon mit ihrem früheren Haus gemacht hat, und hofft, dass sie ihren beiden Kindern auf der Insel ein schöne Umgebung bieten könnten. Doch bevor sie noch richtig Fuß in ihrem neuen Heim fassen können, kommt es zu seltsamen Vorkommnissen und einem Todesfall.

Parallel zu ihrem Erzählstrang erfährt der Leser noch die tragische Geschichte des Hofes und der dazugehörigen beiden Leuchttürme. Diese Vergangenheit wirft schnell ihren Schatten auf das Leben der jungen Familie. Verschlimmert wird das Ganze auch noch dadurch, dass Katrines Mutter vor einigen Jahren dort gelebt hat und für ihre Tochter einige Schauergeschichten über den Hof aufgeschrieben hat. Zuletzt verfolgt man noch die Sicht von Tilda, einer jungen Polizistin, die gerade ihre neue Arbeit auf der Insel angetreten hat und deren verwandtschaftliche Beziehungen zu der Insel ihr einen ganz eigenen Einblick in die Geschehnisse geben.

Wie schon erwähnt, so ist das Erzähltempo von Johan Theorin in diesem Roman recht gemächlich. Die Spannung entsteht nicht aus nervenzerreißenden Geschehnissen, sondern aus dem Spiel zwischen atmosphärischen Beschreibungen der Insel, kleinen Schauerelementen und Geistergeschichten und den vielen kleinen Geheimnissen der verschiedenen Personen. Ich muss zugeben, dass ich beim Lesen ständig zwischen „das ist doch alles Einbildung“ und „also doch Geister auf dem Åludden-Hofes“ schwankte. Besonders hat es mir gefallen, dass jede Beschreibung von der Person gefärbt wurde, aus deren Sicht man die jeweilig Szene las – und so konnte man sich nie sicher sein, dass das Erzählte auch wirklich „wahr“ war.

Wer klassische Ermittlungen verfolgen will, sollte von Johan Theorins Bücher wohl lieber die Finger lassen. Aber wer sich auf eine atmosphärische Handlung mit leichten Anklängen einer Geistergeschichte, ungewöhnliche Hauptfiguren, eine eher unaufgeregte Erzählweise und eine klare und direkte Sprache einlassen kann, der bekommt mit „Nebelsturm“ einen Roman, der einen auch nach einigen Monaten noch nicht ganz losgelassen hat. Richtig perfekt ist „Nebelsturm“ übrigens an einem richtig kalten Wintertag, wenn draußen der Schnee stürmt – also eindeutig ein Fall für die Weihnachtswunschliste!

David Chandler: Die Metropole der Diebe (Ancient Blades 1)

Nach einem Prolog, in dem man den Zauberer Hazoth, den Kämpfer Bikker und einen geheimnisvollen dritten Mann kennenlernt und erfährt, dass diese drei eine vernichtenden Intrige gegen die Freie Stadt Ness planen, findet sich der Leser auf den Straßen von Ness wieder. Hier verdient sich der junge Malden seinen Lebensunterhalt als Dieb und Einbrecher. Dabei gerät er unwissentlich dem Meister der Diebe in die Quere, in dem er bei einem Kaufmann einbricht, der unter dem Schutz der Diebesgilde steht.

Nun wird Malden vom Meister der Diebe zwangsrekrutiert und nur wenn er eine riesige Geldsumme erlangen kann, kann er sich von dieser Verpflichtung freikaufen. Während der Dieb noch nach einer Lösung für seine missliche Situation sucht, bekommt er die Chance einen kostbaren Gegenstand aus dem Schloss des Burggrafen zu stehlen. Dabei lernt er nicht nur die Zauberin Cythera sondern auch den Ritter Sir Croy kennen, der gerade erst seiner Hinrichtung entkommen konnte. Bevor Malden noch weiß wie ihm geschieht, steckt er inmitten einer gefährlichen Geschichte rund um Liebe, Intrigen und den Kampf um Freiheit.

David Chandler hat mit „Die Metropole der Diebe“ einen klassische Fantasyroman geschaffen, der flüssig zu lesen und wirklich unterhaltsam ist. Dabei ist es für mich aber unübersehbar, dass dieses Buch das Debüt des Autors ist. Obwohl David Chandler einige wirklich reizvolle Ideen hat, gibt es sehr viele Logikprobleme bei seiner Beschreibung der Stadt und der Lebensweise der diversen Figuren. Abgesehen davon hat es mich wirklich gestört, dass Malden, der in einem Hurenhaus aufgewachsen ist, sich nicht nur das Diebeshandwerk selber beigebracht hat, sondern auch noch Lesen und Schreiben. Da frage ich mich wirklich, woher der Junge in einer solchen mittelalterlichen Welt überhaupt den Lesestoff (abgesehen von den nötigen Anleitungen) dafür in die Finger bekommen hat.

Außerdem gibt es nur sehr wenige Unterschiede in der Ausdrucksweise der verschiedenen Charaktere. Egal, ob es sich um den Dieb Malden, die gebildete Zauberin Cythera , den Meister der Diebe oder den Kämpfer Bikker handelt, alle Figuren drücken sich sehr ähnlich aus, was ich doch recht unglaubwürdig finde, vor allem angesichts der unterschiedlichen Hintergründe und „Bildungswege“. Die einzigen Unterschiede entstehen durch kleine Charaktermerkmale, wie zum Beispiel die sehr schwärmerische Liebe des etwas naiven Ritters Sir Croy, dessen Idealismus und weltfremde Sicht auf das Leben sich auch in seiner blumigen und übertriebenen Wortwahl zum Ausdruck kommt.

Aber ich will nicht nur meckern, denn von diesen Kritikpunkten abgesehen ist „Die Metropole der Diebe“ ein netter und unterhaltsamer Fantasyroman, der mit einigen sympathischen Figuren, ein paar gelungenen Actionszenen und amüsanten Momenten aufwarten kann. Insgesamt ist die Geschichte zwar nicht innovativ, aber das Buch hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich bestimmt einen Blick in den angekündigten zweiten Teil, „Das Grab der Elfen“, werfen werde, in der Hoffnung, dass David Chandler dann die „Kinderkrankheiten“ seines Debütromans hinter sich lassen wird.

Johan Theorin: Öland

Nachdem ich im Frühjahr „Nebelsturm“ von Johan Theorin gelesen hatte und begeistert war, habe ich mir vor einiger Zeit von Bibendum den Debütroman des Autors ausgeliehen. „Öland“ spielt auf der gleichnamigen Insel und gehört zu einem Quartett von Titeln, das der Autor rund um diesen Handlungsort geplant hat. Die Romane sind unabhängig voneinander lesbar, aber trotzdem würde ich empfehlen, die Reihenfolge einzuhalten, damit einem nicht die eine oder andere Wendung in der Handlung vorweggenommen wird.

Nach einem kurzem Prolog, in dem man verfolgen kann, wie ein kleiner Junge für einen verhängnisvollen Ausflug den großelterlichen Garten verlässt, wird die Handlung in „Öland“ aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt. Auf der einen Seite kann man miterleben, wie Julia Davidson nach über zwanzig Jahren immer noch nicht den Verlust ihres Sohnes Jens verkraftet hat. Nur unwillig reist sie von Götborg nach Öland, nachdem ihr Vater Gerlof behauptet, dass er neue Hinweise auf das Schicksal des Kindes bekommen hat. Doch erst einmal auf der Insel angekommen, muss sie sich dem stellen, was damals passiert ist – und so auch endlich versuchen, mit der Vergangenheit abzuschließen.

Gerlof hingegen quält nicht nur die Frage nach dem Verbleib seines Enkels, ihm geht es auch darum, zu erfahren, warum jemand nach all den Jahren auf ihn zugekommen ist, um ihm einen wichtigen Hinweis zu überreichen. Dem alten Mann geht es darum, die Wahrheit herauszufinden, Gerüchte und Vermutungen zu hinterfragen und endlich mit der Vergangenheit ins Reine zu kommen. Obwohl ihm seine Tochter unterstellt, dass er sich mit seinen Ermittlungen in den Vordergrund spielen will, wird deutlich, dass ihm nun, da sein Körper aufgrund seiner Altersgebrechen nicht mehr recht funktionieren will, seine Gedanken keine Ruhe lassen. Während Julia anfangs schrecklich passiv ist, kommt mir Gerlof wie ein Terrier vor, der sich in etwas verbissen hat und einfach nicht mehr loslassen kann. Unterstützt wird er dabei von zwei alten Freunden, die ihm mit ihren Erinnerungen und ihrem Wissen um die einheimischen Bewohner der Insel zur Seite stehen.

Die dritte Perspektive führt den Leser hingegen in die Vergangenheit, wobei schon der Prolog deutlich macht, dass es eine enge Verbindung zwischen diesem Erzählstrang und dem Verschwinden des Kindes gibt. Im Jahr 1936 beginnt die Geschichte rund um Nils Kant, als sein kleiner Bruder beim Schwimmen ertrinkt, und in den folgenden Jahren kann der Leser ein gewalttätiges Ereignis nach dem anderen rund um den seltsamen jungen Mann verfolgen. Bei all den Vorfällen ist es kein Wunder, dass die Alteingesessenen auch Jahrzehnte danach noch Nils Kant als die Wurzel allen Übels ansehen und die Gerüchte um seine Taten nicht verstummen.

Johan Theorin nimmt sich viel Zeit, um diese Geschichte und eine besondere Öland-Atmosphäre aufzubauen. Ich habe beim Lesen regelrecht gespürt, dass diese Insel und die dort lebenden Menschen ihren ganz eigenen Rhythmus haben. Und dieser Rhythmus wird nicht nur beim Erzählen von Geistergeschichten und Sagen deutlich, sondern auch bei den „Ermittlungen“ von Julia und Gerlof. So entwickelt sich die Handlung sehr gemächlich, ohne dass ich mich dabei je gelangweilt hätte. Stattdessen habe ich mir meine eigenen Gedanken um die Geschehnisse gemacht, das Gefühl von herbstlicher Ruhe genossen, vor meinem inneren Auge gesehen, wie verlassen so ein Ort wirken kann, wenn er hauptsächlich aus Sommerhäusern besteht, und mir dabei eingebildet, den eisigen Wind zu spüren, der den nahenden Winter ankündigt.

Und da ich „Nebelsturm“ vor „Öland“ gelesen habe, konnte ich mir einen Vergleich zwischen den Büchern beim Lesen nicht ganz verkneifen. „Nebelsturm“ wirkt viel mehr wie eine Geistergeschichte und lässt den Leser in einem viel höheren Maße darüber im Unklaren, was wirklich ist und welche Eindrücke nur auf Einbildung oder Hörensagen basieren. Dafür ist die Handlung auch komplexer und – trotz der einen oder anderen Länge – spannender. Aber trotz dieses Vergleichs fand ich „Öland“ sehr unterhaltsam und spannend zu lesen.

Ich liebe Johan Theorins Fähigkeit, Atmosphäre zu erzeugen, bin hingerissen von der Insel (und einigen ihrer Bewohner) und bekomme beim Lesen Sehnsucht nach einer Auszeit in einer so ursprünglichen Umgebung (wobei ich natürlich die Sommerhäuser ignorieren müsste *g*). Obwohl ein spürbarer Qualitätssprung zwischen „Öland“ und „Nebelsturm“ vorhanden ist, habe ich den Debütroman des Autors wirklich gern gelesen. Und nun muss ich unbedingt die Augen nach „Blutstein“, dem dritten Öland-Roman, aufhalten.