Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Karen Foxlee: Ophelia and the Marvelous Boy

Über „Ophelia and the Marvelous Boy“ von Karen Foxlee bin ich durch den Twitteraccount von Stephanie Burgis gestolpert und die Leseprobe hatte mir dann so gut gefallen, dass ich den Roman auf meine Geburtstagswunschliste gepackt hatte. Ich hatte während des Adventslesens schon ein bisschen zu der Geschichte geschrieben, aber ich wollte noch eine „richtige“ Rezension auf dem Blog haben, weil mir der Roman so gut gefallen hatte. Die Handlung wird vor allem aus der Sicht der elfjährige Ophelia Jane Worthington-Whittard erzählt, die die drei Tage vor Weihnachten mit ihrem Vater und ihrer älteren Schwester in einem ungewöhnlichen Museum festsitzt. Ophelias Vater Malcolm Whittard ist Experte für Schwerter und wurde von der Museumsleitung engagiert, um die Ausstellung „Battle: The Greatest Exhibition of Swords in the History of the World“ bis zum Weihnachtstag eröffnungsreif zu machen, nachdem der dafür verantwortliche Kurator überraschend verschwand. Da Ophelias Mutter vor ein paar Monaten gestorben ist, müssen sie und ihre Schwester Alice ihren Vater begleiten.

Ein bisschen hofft Ophelias Vater, dass seine Töchter in einer wunderschönen weihnachtlichen Stadt, in der immer Schnee liegt, ihren Kummer über den Tod der Mutter ein wenig vergessen können. Doch statt gemeinsam Eislaufen zu gehen oder auf andere Weise ihre Zeit zu genießen, verbringen die Schwestern die Tage voneinander getrennt. Und während Alice sich mithilfe ihrer Musik von der Welt zurückzieht, erkundet Ophelia das Museum – bis sie durch ein Schlüsselloch einen geheimnisvollen Jungen in einem der Zimmer des Museums entdeckt. „The Marvelous Boy“ – wie der Junge laut der Beschriftung an seiner Tür genannt wird – behauptet, er würde Ophelias Hilfe benötigten, um die Welt zu retten. So richtig weiß das Mädchen nicht, was sie von dem Jungen und seinem Anliegen halten soll. Ophelia ist eine sehr vernünftige Elfjährige, die sich lieber auf Wissenschaft stützt, als an etwas so wenig Greifbares wie Magie zu glauben. Aber sie ist auch hilfsbereit und neugierig und erledigt genau deshalb all die seltsamen Aufgaben, die ihr der Junge aufträgt.

Ich habe Ophelias Erlebnisse sehr gern verfolgt. Das Mädchen ist neugierig und wissensdurstig, aber auch ängstlich (was noch durch ihr Asthma verstärkt wird) und seit dem Tod der Mutter sehr unsicher. Durch die verschiedenen Herausforderungen, die Ophelia bewältigen muss, um den geheimnisvollen Jungen zu befreien, überwindet sie immer wieder von neuem ihre Ängste. Doch sie lernt nicht nur mit ihren Ängsten umzugehen, sondern sie verarbeitet auch so langsam den Verlust ihrer Mutter. Nebenbei bekommt sie immer wieder von dem mysteriösen Jungen ein Stückchen seiner Geschichte erzählt, so dass man auch mehr über seinen Hintergrund erfährt. Dabei bleibt der Junge selbst die ganze Zeit über namenlos, und auch als Charakter bekommt er keine besondere Tiefe von der Autorin verliehen. Ich fand diese wenig intensive Beschreibung des Jungen sehr passend, denn auf der einen Seite ist seine Geschichte durch und durch märchenhaft, und auf der anderen Seite spielt er als Person in erster Linie die Rolle des Auslösers für Ophelias Entwicklung und braucht keinen komplexeren Hintergrund.

Es hat mir Spaß gemacht, mit Ophelia durch das Museum zu streifen. Je mehr Ecken des Gebäudes man zusammen mit dem Mädchen entdecken konnte, desto mehr erfuhr man auch über seine Familie, seine Ängste und Sehnsüchte. Dazu kommen noch all die unheimlichen und gefährlichen Elemente, die vom Einfluss der Schneekönigin zeugen. Besonders bei diesen Passagen beweist die Autorin ein wunderbares Händchen für Atmosphäre und Figuren – meine Lieblingsszene in der Geschichte spielte in einem Korridor voller Geistermädchen und ist wunderbar herzzerreißend geschrieben. Ich mochte auch die Passagen mit Ophelia und ihrer Familie, denn obwohl es relativ wenige Momente gibt, in denen sie gemeinsam mit ihrem Vater oder Alice etwas erlebt, so ist ihre Familie doch ständig in ihren Gedanken präsent. Dadurch, dass Ophelia ihrer Familie so wichtig ist, bangt man als Leser natürlich auch um diese beiden Charaktere, die selbstverständlich keine Ahnung von dem Kampf gegen die Schneekönigin und den unheimlichen Machenschaften dieser Person haben. Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass ich „Ophelia and the Marvelous Boy“ aufgrund der sympathischen und realistischen Protagonistin, der wunderbaren Atmosphäre und all der kleinen magischen Elemente wirklich gern gelesen habe.

Tamara Ireland Stone: Mit anderen Worten: ich

Auf „Mit anderen Worten: ich“ von Tamara Ireland Stone bin ich durch Anjas Rezension anlässlich der Nominierung des Buches für den Deutschen Jugendliteraturpreis aufmerksam geworden. Genauer gesagt hat mich ihre Aussage zu den Gedichten im Buch („Und auch wenn ich eigentlich kein großer Lyrikfan bin, haben die vorgetragenen Gedichte mein Herz berührt oder mich zum Lachen/Weinen gebracht.“) dazu gebracht, dass ich den Roman in der Bibliothek habe vormerken lassen. (An dieser Stelle noch einmal ein Hoch auf die Stadtbibliothek, die mich entgegen all meiner Vorhaben immer wieder davon abhält, meinen SuB zu lesen, und mich stattdessen mit ihrem weit gefächerten Angebot zum Ausleihen der unterschiedlichsten Titel verführt!)

„Mit anderen Worten: ich“ wird aus der Perspektive der sechzehnjährigen Samantha (Sam) erzählt, deren Leben davon bestimmt wird, dass sie ihrer Umgebung ihre Zwangsstörung verheimlicht. Sam ist schon seit Jahren in Therapie und auch ihre Mutter wurde speziell geschult, um mit den Problemen ihrer Tochter umgehen zu können. Neben ihrem ganz persönlichem Verhältnis zur Zahl 3 (sie drückt dreimal auf einen Aufzugknopf, kann nur dann ihr Auto parken, wenn der Tacho am Ende auf einer drei steht und ähnliches) sind extreme Gedankenspiralen Sams Problem. So verfolgt man auch schon zu Beginn der Geschichte, wie eine unangenehme Situation mit ihren Freundinnen und der Anblick einer Schere dazu führen, dass sich Sam in die Vorstellung reinsteigert, was sie alles mit dieser Schere anrichten könnte. Ihre eigenen Gedanken und die Tatsache, dass sie diese nicht ohne Hilfe loslassen kann, machen ihr unglaubliche Angst. Da hilft es auch nicht, dass ihre Mutter und ihre Therapeutin ihr immer wieder versichern, dass ihre Gedanken nicht schlimm sind, dass ihre Gedanken sie nicht zu einer schlimmen Person machen und dass sie sich sicher sind, dass sie diese Gedanke nicht in die Tat umsetzen würde.

So besteht Sams Leben lange Zeit daraus, mit ihren psychischen Problemen fertigzuwerden und dafür zu sorgen, dass ihr Umfeld (also alle Personen außerhalb ihrer Familie) nichts von ihren Zwangsstörungen mitbekommt. Erst als Sam Caroline kennenlernt und über diese in den geheimen Dichterclub an der Schule gerät, scheinen die Zwangsstörungen und die Heimlichtuerei drumherum nicht mehr das beherrschende Thema in Sams Leben zu sein. In dem versteckten Raum unter dem Schultheater findet sie andere Menschen ihres Alters, die ebenfalls Probleme haben und die durch ihre Gedichte über ihre größten Ängste, aber auch über die schönen Dinge in ihrem Leben reden können. Die Tatsache, dass Sam in den anderen Mitgliedern des Dichterclubs Freunde findet, die nicht über sie und ihre Probleme urteilen, gibt ihr die Chance, einen neuen Weg für sich zu finden – so wie die Gedichte, die sie in den kommenden Wochen schreibt, ihr ein neues Ventil für ihre Gedanken bieten.

Ich mochte die Perspektive von Sam sehr und dass sie – trotz ihrer psychischen Probleme – von der Autorin als normales und (relativ) beliebtes Mädchen und nicht als „Freak“ dargestellt wurde. Auch gefielen mir die Szenen zwischen Sam und ihrer Therapeutin, weil diese von einem wunderbaren Vertrauensverhältnis zeugten und von der Entwicklung, die das Mädchen über die Monate durchmacht. Ich fand es sogar gut, dass diese Veränderungen sich auch in ihrem Freundeskreis widerspiegeln und dass Tamara Ireland Stone die Geschichte so geschrieben hat, dass Sam immer noch die Chance hatte, sich an die schönen Momente ihrer Freundschaft der „Verrückten Acht“ zu erinnern, statt einfach von einem Tag auf den anderen diesen langjährigen Freundinnen den Rücken zu kehren. Ein Bruch mit diesen unangenehmen Freundinnen hätte Sam bestimmt gutgetan, aber es hätte die Mädchen, die sie schon seit Kindergartenzeiten kennt, nicht verändert und sie vermutlich mehr belastet, als die Suche nach einem gesünderen Umgang mit diesem Freundeskreis es tat.

Oh, und dann gibt es noch eine kleine Liebesgeschichte in „Mit anderen Worten: ich“, die ich – obwohl ich doch sonst so gern die Liebesgeschichten in Jugendbüchern kritisiere – ganz wunderbar finde, weil die beiden sich langsam anfreunden und lernen müssen, mit den Problemen und der Vergangenheit des anderen umzugehen. Das war wirklich hübsch und realistisch dargestellt und sehr süß zu verfolgen. Am Ende der Handlung gibt es eine überraschende Wendung, die anscheinend den einen oder anderen Leser nicht so ganz überzeugen konnte. Für mich war diese Entwicklung okay, ich hätte sie nicht gebraucht, aber als Mittel für die letzte Wendung der Geschichte hat sie funktioniert. Und auch wenn man den Roman ein zweites Mal liest und dabei diesen Punkt im Hinterkopf behält, passt alles zueinander und verstärkt sogar noch das Gefühl des Lesers für die Herausforderungen, die Samanthas Zwangsstörungen ihr jeden Tag bereiten. Am Ende kann ich sonst nur noch sagen, dass ich Anjas Aussage zu den Gedichten unterschreiben kann – sie waren teils berührend, teils amüsant und perfekt für diese Geschichte.

G. R. Gemin: Milchmädchen

Neyashas Kurzeindruck zu „Cowgirl“ von G. R. Gemin war der Grund dafür, dass ich mir die deutsche Ausgabe „Milchmädchen“ in der Bibliothek habe vormerken lassen. Die Geschichte wird aus Gemmas Sicht erzählt und schon zu Beginn bekommt man als Leser mit, dass ihr Leben zur Zeit nicht gerade rosig verläuft. Ihr Vater sitzt seit fast zwei Jahren im Gefängnis, ihre Mutter ist – dank anstrengendem Vollzeitjob – nur noch gestresst und will abends ihre Ruhe habe, ihr kleiner Bruder nervt und lässt sich immer häufiger mit Typen ein, deren Ideen selten legale Aktivitäten beinhalten, und überhaupt ist die Gegend, in der Gemma wohnt, nicht gerade ein Ort an dem man sich heimisch und sicher fühlen kann. Gemmas einziger Ausweg aus der Situation ist ihr Fahrrad, mit dem sie jeden Tag lange Touren unternimmt – immer auf der Suche nach dem Ort, an dem sie mit ihrer Familie mal einen wunderschönen Tag verbracht hat.

Eine Angewohnheit von Gemma ist es, sich (mit geschlossenen Augen) die Hügel ihrer walisischen Heimat runterrollen zu lassen, im vollen Bewusstsein, wie gefährlich das ist. Doch eines Tages stürzt sie, als sie einer Herde Kühe ausweichen muss, die auf der Straße steht. Zu ihrer Überraschung stellt sie fest, dass diese zwölf Kühe ihrer Mitschülerin Kate gehören. Kate, die von allen in der Schule nur „Cowgirl“ genannt wird, ist eines der Mädchen, mit denen man nicht zusammen gesehen werden will, wenn man nicht dem gleichen Mobbing ausgesetzt sein will wie die anderen Verlierer an der Schule. Trotzdem kommt es dazu, dass sich Gemma im Laufe der Zeit mit der starken und selbstbewussten Kate anfreundet und dann feststellen muss, dass auch ein Mädchen wie das „Cowgirl“ mal Hilfe benötigt. Gemeinsam mit ihrer Oma und den diversen Nachbarn verstecken Gemma und Kate die Kühe des Mädchens inmitten einer Wohnsiedlung und stoßen so einen völlig neuen Umgang der Bewohner zueinander an.

Es gab viele Elemente an „Milchmädchen“, die ich mochte. Gemmas Sicht der Ereignisse hat sich gut lesen lassen. Gemma läuft mit den „bösen Mädchen“ der Schule mit, weil sie nicht das Opfer dieser Mitschülerinnen sein will, sie flüchtet von daheim und gibt sich angenehmen Tagträumen hin, und sie hat Probleme, sich allein ihren vielen Ängsten zu stellen, was sie relativ realistisch wirken lässt. Und nachdem die Freundschaft zu Kate dafür sorgt, dass sie mal über ihren Tellerrand hinausblickt und etwas Rückgrat entwickelt, lernt Gemma, dass es manchmal gar nicht so schlimm ist, wenn man nicht mitläuft, wenn man aus der Masse heraussticht und einfach mal etwas tut, was einem am Herzen liegt. Auch sonst gibt es viele sympathische Figuren in der Geschichte und die Vorstellung, dass eine ganze Siedlung eine Kuhherde versteckt und versorgt, ist wirklich sehr schön.

Trotzdem muss ich zugeben, dass dieses Jugendbuch bei mir nicht so richtig gezündet hat. Vielleicht bin ich zu zynisch, aber ich glaube nicht, dass eine Kuh im Garten von einem Tag auf den anderen dafür sorgt, dass Menschen ihre rassistischen Vorurteile ablegen, ihre Diebstähle einstellen, verantwortungsbewusste Personen werden oder auf einmal den Sonderling nebenan problemlos akzeptieren. Das Ganze lief mir in „Milchmädchen“ einfach zu glatt, es gab viel zu wenige Widerstände, viel zu wenige Hindernisse und das Ende war so perfekt und zuckersüß, dass es mich regelrecht ärgerte. Erst baut der Autor so viele und angenehm realistische Probleme in Gemmas Leben ein, und dann lösen sich all diese Probleme innerhalb weniger Tage auf, weil ein Mädchen seine Kühe nicht verlieren will. Auch wenn der Gedanke, dass es so laufen könnte, wirklich schön ist, so ist eine solche Auflösung mir doch zu unrealistisch angesichts der Tatsache, dass G. R. Gemin seine Geschichte mit sich real anfühlenden Personen und Problemen gestartet hat.

Kelly Barnhill: The Girl Who Drank the Moon

„The Girl Who Drank the Moon“ von Kelly Barnhill ist eine Leihgabe von Natira und für mich die erste – wenn auch bestimmt nicht die letzte – Begegnung mit der Autorin. Kelly Barnhill beginnt ihre Geschichte an dem Tag, an dem in jedem Jahr die Ältesten des „Protectorates“ das jüngste Baby des Ortes aus den Armen seiner Familie reißen, um es der Hexe aus dem Wald zu opfern. Doch an diesem Tag kämpft die betroffene Mutter um ihr Baby mit einer Wut, die an Wahnsinn grenzt, während der „Älteste in Ausbildung“ zu seinem Schrecken feststellen muss, dass niemand sicherstellt, dass das Baby nicht von wilden Tieren gefressen wird, bevor die Hexe überhaupt am Übergabeort erscheinen kann. Doch niemand möchte der Hexe begegnen, die Jahr für Jahr ein Baby für sich verlangt, damit sie den Ort mit ihrer bösen Magie verschont.

Jahr für Jahr macht sich Xan, die Hexe aus dem Wald, auf den Weg zu der Lichtung, auf der die Frauen des Protectorates ihre ungewollten Babies aussetzen. Im Laufe der Zeit hat sie gelernt, welche Dinge sie für diesen Weg braucht, und so trägt sie eine weiche Decke und Flaschen mit warmer Ziegenmilch mit sich und wenn die Milch ausgetrunken ist, füttert sie das Baby mit Sternenlicht, bis es satt und zufrieden ist. Und wie in jedem Jahr plant sie auch dieses Mal, die beste Familie für das ausgesetzte Baby zu finden, die die Städte auf der anderen Seite des Sumpfes zu bieten haben. Doch dann füttert sie aus Versehen das Baby nicht mit Sternen-, sondern mit Mondlicht – und nun liegt es an ihr, das kleine Mädchen in der Magie zu unterrichten, mit der es von diesem Augenblick an erfüllt ist. Während in den folgenden Jahren im Wald ein Mädchen heranwächst, das mit mehr Magie erfüllt ist, als selbst eine 500 Jahre alte Hexe, ein kleiner Drache und ein uraltes Sumpfmonster zu bändigen vermögen, wird ein junger Mann in der Stadt hinter der Mauer von der Erinnerung an eine wahnsinniger Mutter und ein auf einer Lichtung ausgesetztes Baby gequält.

Manche Geschichten sind so schön, dass es schwer fällt, eine Rezension dazu zu schreiben. Es gibt so viele Elemente in „The Girl Who Drank the Moon“, die ich geliebt habe. Die Handlung ist märchenhaft, voller Magie und ungewöhnlicher Figuren, es gibt so viele wunderschöne und liebevolle Momente zwischen den verschiedenen Figuren, und doch ist jede dieser Szenen durchdrungen von Kummer und Vorahnungen – besonders der Anfang ist heftig, wenn der Mutter das Kind weggenommen wird. Kein Charakter ist nur gut oder nur böse, selbst die unsympathischsten Figuren können Zuneigung für jemanden empfinden, was sie noch nicht liebenswert, aber für den Leser ein kleines bisschen nachvollziehbarer macht. Ich mochte die verschiedenen Perspektiven so sehr und ebenso gefiel es mir, dass ich mich immer wieder fragen musste, wie welcher Teil der Geschichte in das Gesamtbild passt und welche Konsequenzen die Handlungen und Gedanken der Figuren haben werden. Ich finde die Sprache wunderschön, die Kelly Barnhill verwendet, so klar und so poetisch und auf den Punkt, wenn es darum geht, eine Situation, einen Gedanken oder ein Gefühl zu beschreiben.

„The Girl Who Drank the Moon“ ist ein Jugendbuch und die Handlung dreht sich ums Erwachsenwerden und darum, seinen Platz im Leben zu finden. Aber die Geschichte ist auch hervorragend für erwachsene Leser geeignet, denn sie beinhaltet noch so viel mehr und wird langsam genug erzählt, dass man all diese vielen kleinen Elemente rund um die Fragen, was Familie und Freundschaft ausmacht, wie viel Wissen und Liebe man jemandem mitgeben kann, den man aufzieht, und wann es Zeit ist, loszulassen, in Ruhe genießen und sich Zeit lassen kann, um darüber nachzudenken. Dafür, dass rund um die Familien, deren Kinder geopfert werden, so viele schreckliche Dinge in dem Buch geschehen, gibt es überraschend viele Wohlfühlelemente und Szenen voller Zuneigung, Freundschaft und Toleranz gegenüber jemandem, dessen Sicht auf das Leben ganz anders ist als die desjenigen, aus dessen Perspektive man diesen Teil der Handlung erlebt. Ich mochte diese Ausgewogenheit, ich mochte diese Mischung aus Wissenschaft und Magie und ich mochte die zum Teil sehr ungewöhnliche Sicht auf vertraute Dinge, die die Autorin in die Geschichte eingeflochten hat. Und da der Roman nur geliehen war, sitzt der Titel nun neben den anderen Büchern, die Kelly Barnhill geschrieben hat, auf meiner Wunschliste. Ich freu mich schon darauf, ihre anderen Werke entdecken zu können.

Jennifer Carson: Tangled Magick (Hapenny Magick 2)

Fast fünf Jahre ist es her, seitdem ich „Hapenny Magick“ von Jennifer Carson gelesen habe, und in der ganzen Zeit habe ich die Augen nach der Fortsetzung aufgehalten. Erst vor wenigen Wochen habe ich dann „Tangled Magick“ in die Finger bekommen und mich unheimlich gefreut. Ich konnte mich nach all den Jahren zwar nicht mehr an Details aus dem ersten Teil erinnern, aber jedes Mal, wenn ich an das Kinderbuch dachte, war da wieder dieses wunderbare heimelige Gefühl, das die Geschichte in mir ausgelöst hat. So ist es vermutlich kein Wunder, dass ich mir den zweiten Band letzte Woche geschnappt habe, als ich in einer ziemlich miesen Stimmung war und etwas zum Aufheitern suchte. Auch dieses Mal hat Jennifer Carson es geschafft, mich in eine wunderbare fantastische Geschichte hineinzuziehen, die voller liebenswerter Figuren, vertrauter märchenhafter Elemente und natürlich auch dem passenden bösen Gegenspieler für die liebenswerte Hapenny-Magierin Mae ist.

Seit den Ereignissen in „Hapenny Magick“ sind gut zwei Jahre vergangen, in denen Mae gemeinsam mit dem Zauberer Colum und der Zauberin Aletta in ihrem Elternhaus gelebt und mehr über ihre Magie gelernt hat. Doch nun wird es Zeit, gemeinsam mit einer Gruppe von Hapennies und ihrem Lehrmeister auf eine „Expedition“ zu gehen, um Zutaten für ein Heilmittel zu suchen und bei der Gelegenheit auch Waren mit den Menschen-Städten in der Region zu tauschen. Diese Reisegruppe ist die erste, die das kleine abgeschiedene Hapenny-Dorf verlässt, seitdem vor fünfzehn Jahren Maes Vater und seine Gefährten bei einer ähnlichen Expedition spurlos verschwunden sind. Nur die Tatsachen, dass in den vergangenen zwei Jahren keine Troll-Aktivitäten mehr zu sehen waren und dass das Heilmittel wirklich dringend benötigt wird, konnten die Ältestens überhaupt dazu bewegen, eine weitere Reise zu genehmigen.

Dummerweise werden Mae und die anderen schon in ihrer ersten Nacht in eine Falle gelockt und finden sich kurz darauf in einem verzauberten Schloss wieder, wo sie der Trollkönigin und ihren Untertanen zu Diensten sein müssen. Nach und nach erfährt Mae mehr über das Schloss, über die anderen Opfer der Trolle, über die magischen Kreaturen, die ebenfalls dort gefangen gehalten werden, und über den Fluch, der jeden befällt, der sich für längere Zeit in dem Schloss aufhält. Gemeinsam mit ihren Freunden versucht sie alles, um den Fluch zu brechen, und sogar die Prinzessin, die vor vielen Jahren von den Trollen entführt wurde, zu befreien.

Ich liebe die Hapenny-Geschichten von Jennifer Carson einfach. Natürlich ist es vollkommen vorhersehbar, dass Mae und ihre Gefährten am Ende den Fluch brechen, natürlich weiß man von Anfang an, was es mit der Troll-Königin auf sich hat, aber das ist alles vollkommen egal, weil die Handlung so hübsch erzählt wird. Ich mag die ganzen kleinen Details, die die Autorin in ihr Buch eingebaut hat, ich mag die verschiedenen Elemente, die zu diesem verzauberten Schloss gehören, ich mag die magischen Kreaturen und ich mag die Hapennies mit all ihren kleinen Eigenarten. So habe ich trotz all der Gefahren, die auf Mae lauerten – schließlich darf man nicht vergessen, dass Hapennies die Lieblingsspeise der Trolle sind -, die Geschichte durchgehend mit einem Schmunzeln gelesen, weil ich es so sehr mochte, wie die Hapennies mit all den Herausforderungen umgingen.
„Tangled Magick“ hat mir am Ende sogar noch besser gefallen als der erste Band, weil Maes Welt durch die Reise ein Stückchen größer wird und sie so viele andere Wesen kennenlernt. Und ich bin mir sicher, dass ich beide Bücher in den kommenden Jahren regelmäßig wieder aus dem Regal ziehen werde, wenn ich das Bedürfnis nach einer gemütlichen Wohlfühlgeschichte habe.

Claire Legrand: Some Kind of Happiness

Ich hatte während des Lese-Sonntags im August schon so viel über „Some Kind of Happiness“ von Claire Legrand geschrieben, dass ich eigentlich nichts Neues zu erzählen habe. Aber ich fände es schade, wenn es zu diesem Buch keine Rezension auf meinem Blog gäbe, also fasse ich hier noch einmal zusammen, was ich während des Lesens schon zu der Geschichte geschrieben hatte. Die Handlung wird aus der Sicht der elfjährigen Finley (Fin) Hart erzählt, die den Sommer bei ihren Großeltern verbringen soll, während ihre Eltern „einige Dinge zu klären“ haben. Fin ist sich durchaus bewusst, dass ihre Eltern eine Scheidung in Betracht ziehen und das macht ihr ebenso viel Angst wie die vor ihr liegenden Wochen, die sie mit einer Familie verbringen soll, die sie überhaupt nicht kennt.

Finley hatte bislang nicht nur ihre Großeltern nicht kennengelernt, sondern auch noch nie ihre vier Tanten, deren Ehemänner und Kinder getroffen. So fühlt sie sich nicht nur vollkommen allein unter fremden Menschen, sondern scheitert auch immer wieder an den unausgesprochenen Regeln, die im Haus der Großeltern herrschen. Besonders vor ihrer Großmutter fürchtet sich Finley, während sie sich glücklicherweise relativ schnell mit ihrer Cousine Gretchen anfreundet, die ihr vom Alter her am nächsten ist. Gretchen ist die erste, der Finley vom Everwood erzählt, dem magischen Wald, in dem all die Geschichten spielen, die das Mädchen sich in den vergangenen Jahren ausgedacht hat. Inspiriert von dem realen Wald hinter dem Haus der Großeltern und angefeuert von all den Problemen, Ängsten und Geheimnissen, mit denen sich Finley in diesem Sommer herumschlagen muss, entstehen parallel zu den realen Ereignissen viele neue Geschichten rund um den Everwood, die viel über Finleys Gefühlsleben aussagen.

Denn schon früh wird deutlich, dass Finley nicht nur mit den Schwierigkeiten in ihrer Familie zu kämpfen hat, sondern dass das Mädchen ganz eigene Probleme hat, über die es mit niemandem sprechen kann. Während man als Leser von Fins „blue days“ liest, davon, wie unmöglich es an manchen Tagen ist, überhaupt aufzustehen, wie sie innerlich um Hilfe ruft und doch niemanden um Hilfe bitten kann und wie sie sich selber immer wieder sagt, dass sie überhaupt keinen Grund für diese alles verschlingende Traurigkeit hat – schon gar nicht, wenn es anderen Menschen viel schlechter geht als ihr selbst -, versucht sie, sich gegenüber ihrer Familie nichts anmerken zu lassen. Verschärft wird die Situation für Finley dadurch, dass auch der Rest der Familie lieber Probleme verschweigt, statt über sie zu reden und sie zu klären.

So gibt es niemanden, der dem Mädchen erklärt, warum ihr Vater so viele Jahre keinen Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern hatte. Niemand geht darauf ein, dass Finleys Tante schon am frühen Morgen Orangensaft trinkt, der definitiv mehr als unschuldigen Fruchtsaft enthält, und niemand wundert sich über die stundenlangen Autofahrten, die der Großvater unternimmt, wenn er allein sein will. Genauso wenig wird über all die Regeln geredet, die die Großmutter aufgestellt hat, oder darüber, warum es den Kindern verboten ist, mit der Nachbarsfamilie zu spielen. Neben all diesen Problemen, die in der Handlung eher durchschimmern, als direkt angesprochen zu werden, gibt es noch all die wunderschönen sommerlichen Ferienmomente, in denen Finley mit ihren Cousinen und ihrem Cousin spielt, in denen die Kinder Abenteuer im Everwood erleben und in denen sie neue Freundschaften schließen.

Claire Legrand erzählt in einer sehr ruhigen und wenig aufregenden Weise von all den Erlebnissen und Gedanken, die Finley hat. Obwohl sich die Autorin manchmal sehr bildhaft ausdrückt, ist ihre Sprache eher zurückhaltend und klar. Es gab viele Sätze, die ich als ungemein stimmig empfand, wenn es um Finleys Depressionen und ihre Sicht darauf ging, gerade weil Claire Legrand sie so zurückhaltend formuliert hat. Ich mochte auch Finleys Perspektive sehr gern, mit dieser Mischung aus Angst, Unsicherheit, Spaß und Kreativität. Fin ist eine gute Beobachterin, aber aufgrund ihres Alters und ihrer Unvertrautheit mit diesem Teil der Familie kann sie mit vielen ihrer Beobachtungen gar nichts anfangen und das verunsichert sie in diesem Sommer, in dem sie sich sowieso schon so hilflos vorkommt, nur noch mehr.

Mich hat die Geschichte sehr berührt. Die zurückhaltende Erzählweise hat mir den notwendigen Raum gegeben, um mir als Leserin meine Gedanken über Finley und ihre Depression zu machen. Im Gegensatz zu anderen (Jugend-)Büchern rund um dieses Thema hat Claire Legrand bei „Some Kind of Happiness“ das richtige Maß gefunden, um Finleys Seelenleben zu beschreiben. Die Depression ist zwar durchgehend präsent, aber sie dominiert Finleys Handeln nicht 24 Stunden am Tag. Finley ist nicht nur depressiv, sondern sie ist zusätzlich ein Kind, das sich gern Geschichten ausdenkt, das gern mit anderen Kindern spielt und das sich Gedanken um seine Eltern und all die Geheimnisse in der Familie macht. Zusätzlich fand ich die Lösung, die die Autorin am Ende für Finley und ihre Familie findet, sehr realistisch und stimmig – und das ist in Romanen fast noch seltener als eine überzeugende Darstellung einer Depression. Falls es bis jetzt also noch nicht deutlich geworden ist: Ich fand „Some Kind of Happiness“ wunderbar und berührend zu lesen.

Diana Wynne Jones: The Ogre Downstairs

„The Ogre Downstairs“ von Diana Wynne Jones gehört zu den Büchern dieser Autorin, die ich bislang noch nicht kannte. Umso mehr habe ich das Lesen dieser Geschichte genossen. Die Handlung dreht sich um Casper, Johnny und Gwinny, deren Mutter (zu Beginn des Romans) seit einem Monat mit einem neuen Mann verheiratet ist. Für ihre Kinder ist der neue Stiefvater nur The Ogre und sie hassen die Veränderungen, die auf seinen Einzug folgten. Nicht nur, dass er seine beiden Söhne Douglas und Malcolm – die bis zu diesem Zeitpunkt in einem Internat untergebracht waren – mit ins Haus brachte, sondern The Ogre mag auch eindeutig keine Kinder. Er verbietet ihnen, rumzulaufen, Lärm zu machen, Musik zu hören und andere Dinge, die normalerweise zu ihrem Alltag gehören, und wenn sie doch mal gegen seine Regeln verstoßen, dann brüllt und droht er.

Da ist es kein Wunder, dass Johnny und Malcolm ziemlich verwundert sind, als The Ogre ihnen eines Tages Chemiebaukästen schenkt – ich muss vermutlich nicht erwähnen, dass die anderen Kinder sich hingegen gekränkt fühlen, weil sie keine Geschenke bekommen haben. So richtig angetan ist Johnny von dem Geschenk nicht, obwohl man damit wunderbar stinkende Sachen zusammenmixen kann. Doch dann entdecken Johnny, Caspar und Gwinny, dass eine der Zutaten sie fliegen lässt und auch in den anderen Pulvern steckt überraschendes Potenzial für abenteuerliche (und gefährliche) Erlebnisse. Ich gebe zu, dass man meinem Gefühl nach der Geschichte anmerkt, dass sie 1974 erstveröffentlicht wurde. Dabei beziehe ich mich weniger auf das Umfeld, in dem die Kinder leben, als auf die episodenhafte Erzählweise, die ich als sehr typisch für ältere (fantastische) Kinderbücher empfinde. Wobei sich bei der Grundvoraussetzung mit den verschiedenen Mittelchen, die die Kinder ausprobieren, natürlich auch solch eine Erzählweise anbietet, da schließlich jedes ein für sich stehendes Abenteuer birgt.

„The Ogre Downstairs“ bietet nicht nur viele fantastische Ideen rund um den Chemiebaukasten und die Abenteuer, die die Kinder damit erleben, sondern auch eine wunderbare Geschichte über Freundschaft und Familie. Ich mochte es nicht nur, dass ich die Sichtweise der verschiedenen Kinder im Laufe der Geschichte kennenlernte, sondern mir gefielen auch die vielen Szenen, in denen sie sich – wenn auch manchmal eher wiederwillig – gegenseitig halfen. Durch den gemeinsamen „Feind“ und die Notwendigkeit, die Ergebnisse ihrer Experimente geheimhalten zu müssen, ergeben sich tolle Momente, in denen sich unerwartete Verbündete finden, wenn eines der Kinder in Schwierigkeiten steckt. So lernen Caspar, Johnny und Gwinny ihre beiden neuen Brüder Douglas und Malcolm nach und nach besser kennen. Aber da Diana Wynne Jones ein Händchen für realistische Charaktere hat, reicht dies natürlich nicht, um ein harmonisches Zusammenleben zwischen den Kindern zu garantieren, so dass ich einen Teil meiner Zeit nach dem Lesen damit verbracht habe, mir zu überlegen, welches Chaos-Potenzial Johnny und die anderen wohl noch so für die Zukunft mit sich bringen würden.

Allerdings habe ich mich stellenweise beim Lesen auch gefragt, wie ich The Ogre wohl als Kind wahrgenommen hätte. Als erwachsene Leserin sehe ich einen nicht gerade einfach zu nehmenden Mann, der sich aber (zumindest zeitweise) Mühe mit den fünf Kindern gibt und dessen unangenehmere Reaktionen vermutlich vor allem der Überforderung und der Unerfahrenheit im Umgang mit Kindern geschuldet ist. Als Kind hätte ich vermutlich – genauso wie die Protagonisten – nur die beängstigenden Seiten an dem Stiefvater wahrgenommen. Ebenso hätte ich vermutlich die Erschöpfung der Mutter weniger auf die allgemeinen Schwierigkeiten geschoben, die durch den Versuch entstehen, dass die Eltern aus zwei sehr unterschiedlichen Familien eine gemeinsame machen wollen, als auf das Verhalten des neuen Ehemannes. Ich bin mir aber sicher, dass es egal ist, ob man beim Lesen ein gewisses Verständnis für alle Beteiligten aufbringen kann oder nur für die Kinder, aus deren Sicht die Handlung erzählt wird, denn „The Ogre Downstairs“ ist eine wunderschöne und amüsante Geschichte voller fantastischer Elemente, die mich während des Lesens ständig zum Schmunzeln gebracht hat.

Morgan Keyes: Darkbeast Rebellion (Darkbeast 2)

„Darkbeast Rebellion“ von Morgan Keyes ist die Fortsetzung des Romans „Darkbeast“, den ich im Dezember  gelesen habe. Der erste Band hat mich beim Lesen nicht vollkommen von den Füßen gerissen, aber ich wollte trotzdem unbedingt wissen, wie es mit Keara und den anderen Charakteren weitergeht. Da dies schon der zweite Band der Reihe ist und die Grundvoraussetzung sehr viel über das Ende des ersten Romans verrät, warne ich lieber vor, dass meine Rezension ab hier Spoiler zum ersten Teil enthält.

Nachdem Keara, Goran und Taggart den Inquisitoren entkommen sind, machen sie sich auf die Suche nach den „Darkers“ – einer Untergrundgruppe von Leuten, die sich ebenfalls weigerten, ihre Darkbeasts zu töten, und die nun anderen zur Flucht verhelfen. Doch als das Mädchen und seine Freunde nach einer langen und mühsamen Reise eine Gruppe finden, bei der sie Unterschlupf bekommen, fühlt sich Keara nicht wohl mit diesen Menschen. Es fällt ihr schwer, Freunde zu finden, während Goran schon nach kurzer Zeit überall beliebt zu sein scheint, und ihr Darkbeast Caw behauptet, dass sich die Bindung zwischen diesen Darkers und ihren Darkbeasts seltsam anfühlt.

Ich muss gestehen, dass mein Hauptproblem mit den Darkbeast-Geschichten die Protagonistin ist. Keara ist ein realistisch gezeichneter Teenager, was ich der Autorin wirklich zugute halte, und sie entwickelt sich im Laufe der Zeit weiter, was schön zu verfolgen ist. Aber trotz aller Fortschritte verfügt sie über eine sperrige Persönlichkeit, sie ist misstrauisch, eifersüchtig, ungeduldig und ihr fehlt in der Regel das Gespür für die Bedürfnisse ihrer Freunde, was für mich schwer zu lesen ist. Obwohl sie sich zum Beispiel Sorgen um Taggarts Gesundheit macht, da der alte Mann die beschwerliche Reise durch Schnee nicht gut verkraftet hat, bekommt man erst spät und in einem Nebensatz mitgeteilt, dass sie sich um Heilkräuter für ihn bemühte, und zu dem Zeitpunkt hat man schon das Gefühl. sie würde sich so sehr um sich selbst drehen, dass ihr egal ist, ob er gut behandelt wird oder nicht. Zum Glück gibt es noch ihr Darkbeast Caw, das ihr immer wieder den Kopf zurechtrückt und versucht, sie zu erziehen, und dessen Gespräche mit Keara einen davon überzeugen, dass sie nicht ausschließlich an sich selbst denkt.

Außerdem fand ich in „Darkbeast Rebellion“ die Welt besser beschrieben als in „Darkbeast“. Hatte ich im ersten Band noch bezweifelt, dass die erwähnten wirtschaftlichen und politischen Aspekte so funktionieren könnten, hatte ich hier nicht das Gefühl, dass irgendwas unausgewogen wäre. Vielleicht lag das nur daran, dass Morgan Keyes dem Leser weniger die Welt vorstellt, sondern un eher einen Blick hinter die Tempel- und Palastmauern gewährt, aber mir kam dieser Teil des Romans dieses Mal deutlich stimmiger vor. Auch mochte ich einen neu eingeführten Charakter sehr gern, der – trotz seiner Stellung in der Welt – eine „gewöhnlichere“ Perspektive beiträgt. Durch ihn begreift man, wie das Leben für diejenigen ist, die ohne zu hinterfragen ihrer Pflicht tun und deshalb nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass ein Darkbeast mehr sein könnte als ein lebendes Objekt, dem man all seine negativen Eigenschaften aufbürdet, um sie dann zu einem festgelegten Zeitpunkt zu entsorgen.

Durch diesen neuen Blick auf die Welt, die verschiedenen stimmig wirkenden Figuren und all die Wendungen, die die Handlung im Laufe des Romans nimmt, wurde „Darkbeast Rebellion“ zu einer überraschend spannenden Lektüre. Keara und ihre Freunde müssen – obwohl es anfangs wirkt, als hätten sie einen sicheren Hafen erreicht – diverse Herausforderungen und Gefahren bestehen, während sich sich immer wieder fragen müssen, wie weit sie einander und ihren neuen Bekannten vertrauen können und wo wessen Loyalität liegt. Besonders fesselnd fand ich die letzten Kapitel, in denen es darum geht, dass Keara nicht nur zu einer wichtigen Entscheidung kommen, sondern auch einen Weg finden muss, um ihr Leben mit ihrem Darkbeast, ihre Freundschaft zu ihren Reisegefährten und ihr Verständnis für einen Außenseiter so auf die Reihe zu bekommen, dass sie weder sich noch die anderen gefährdet.

Katja Brandis: Carags Verwandlung (Woodwalkers 1)

Ich weiß gar nicht, wo ich über diese Reihe gestolpert bin, aber da die Grundidee nett klang und die Bibliothek den ersten Band in der Onleihe hatte, habe ich mir den mal ausgeliehen. „Carags Verwandlung“ ist der erste Band der Woodwalkers-Serie von Katja Brandis (Sylvia Englert). Die Geschichte dreht sich im ersten Band um den jungen Carag, der ein (Gestalt-)Wandler ist. Seine Kindheit hat er gemeinsam mit seinen Eltern und seiner Schwester als Puma tief in den Wäldern verbracht, so dass ihm das Leben als Raubtier deutlich vertrauter ist als das Leben in seiner zweiten Gestalt als Mensch. Doch die Welt der Menschen reizt den Jungen so sehr, dass er sich mit elf Jahren von seiner Familie verabschiedet und versucht, sich ein Leben als Mensch aufzubauen.

Doch ganz so einfach ist es für ihn nicht, unter „normalen“ Menschen zu leben, und so ist er froh, als er herausfindet, dass es noch mehr Gestaltwandler (die sich selbst als Woodwalker bezeichnen) gibt. Carag bekommt sogar die Chance, mit vielen anderen Gestaltwandlern in einem Internat zu leben, wo er lernt, seine tierische und seine menschliche Seite im Gleichgewicht zu halten. Doch ganz so harmonisch ist das Leben unter seinesgleichen für Carag nicht, gibt es doch unter den Woodwalkern genauso Zu- und Abneigungen, Rassismus und Intoleranz wie unter den Menschen, und auch die Regeln der Schule selbst müssen eingehalten werden.

Insgesamt fand ich „Carags Verwandlung“ wirklich nett zu lesen – nett genug, um mir auch die beiden schon erschienen Fortsetzungen bei der Bibliothek vorzumerken -, aber es hat sich beim Lesen auch bemerkbar gemacht, dass die Geschichte für Kinder ab zehn Jahren konzipiert wurde, so dass für meinen Geschmack einige Wendungen in der Handlung zu simpel aufgelöst wurden. Es war nett, die Menschenwelt aus Carags Sicht wahrzunehmen und mit ihm zusammen all die verschiedenen Gestaltwandler kennenzulernen. Einige Elemente, die Katja Brandis in die Geschichte eingebaut hat, finde ich wunderbar stimmig, wenn es um Carags natürliche Reaktion auf bestimmte Dinge geht, oder um Vorlieben und Abneigungen seiner Mitschüler, wenn es um ihren Alltag, ihr Essen oder auch nur darum geht, mit wem sie sich anfreunden.

Auf der anderen Seite gibt es auch unheimlich viele Elemente, bei denen ich irritiert war und das Gefühl hatte, dass ein Puma da doch anders empfinden müsste. So gibt es eine Szene, in der Carag den Geruch einer Mitschülerin unerträglich findet, da sie in ihrer nichtmenschlichen Gestalt eine Ziege ist. So richtig es ist, dass ein Puma Düfte deutlich intensiver als ein Mensch wahrnimmt, so würde ich doch eher vermuten, dass er als fleischfressendes Raubtier den Geruch eines potenziellen Beutetiers eher als appetitlich denn als unangenehm empfinden würde. Das ist jetzt kein großes Problem innerhalb einer ansonsten netten und unterhaltsamen Handlung, aber es hat mich beim Lesen gestört, weil ich das Gefühl hatte, dass immer wieder ein gut geschriebener Moment, in dem Carag als Puma in Menschengestalt überzeugte, durch eine kurz darauf folgende unstimmige Szenen wieder zunichte gemacht wurde. Von diesem kleinen Kritikpunkt abgesehen fand ich es wirklich schön, was sich die Autorin für all die verschiedenen Gestaltwandler so für Eigenschaften ausgedacht hat, und bin neugierig darauf, wie sich die Geschichte im Laufe der Zeit noch entwickelt.

Stephanie Burgis: The Dragon with a Chocolate Heart

Seitdem mir die „Kat, Incorrigible“-Titel von Stephanie Burgis so gut gefallen haben, folge ich der Autorin auf Twitter und habe dadurch schon vor der Veröffentlichung einiges über ihren neuen Roman „The Dragon with a Chocolate Heart“ erfahren. Diese kleinen Informationen über die Geschichte haben dafür gesorgt, dass ich wirklich ungeduldig auf das Buch gewartet habe – und im Prinzip in dem Moment mit dem Lesen anfing, in dem mir der Fahrradkurier mein Exemplar überreichte. „The Dragon with a Chocolate Heart“ wird aus der Perspektive von Aventurine erzählt, die das jüngste Mitglied einer stolzen Drachenfamilie ist. Bis zu dem Tag, an dem die Geschichte beginnt, hat Aventurine noch keinen Schritt außerhalb der Höhle gemacht, in der ihre Familie lebt, da ihre Schuppen noch weitere 30 bis 100 Jahre Zeit benötigen, um so weit auszuhärten, dass sie fliegen und auf die Jagd gehen kann.

Doch Aventurine ist ungeduldig, sie langweilt sich in der Höhle und kann nicht verstehen, dass ihr älterer Bruder kein Problem mit dieser erzwungenen Untätigkeit hat. Angetrieben von ihrer Ungeduld beschließt Aventurine, dass sie ihrer Familie beweisen muss, dass sie selbstständig genug für ein Leben außerhalb der Höhle ist. Dummerweise endet ihr erster Jagdversuch damit, dass sie sich – verzaubert durch eine magische heiße Schokolade – in der Gestalt eines ungefähr zwölfjährigen Mädchens wiederfindet. Unter diesen Umständen kann sie nicht zurück zu ihrer Drachenfamilie und muss einen Weg finden, wie sie unter Menschen überleben kann – und dann ist da noch diese neuentdeckte Leidenschaft für Schokolade!

Es hat mir so viel Spaß gemacht, Aventurine bei ihren Erlebnissen in der Stadt zu begleiten, und ich mochte ihre Gedanken so sehr. Sie ist nicht dumm und viele Dinge kann sie sich selbst zusammenreimen oder muss nur einmal sehen, wie Menschen damit umgehen, um sich eine Meinung dazu zu bilden. Auf der anderen Seite gibt es sehr viele Elemente im Leben der Menschen, die für ein Drachenmädchen absolut unverständlich sind (unter anderem die Neigung zu eintöniger Kleidung, wo doch prachtvoll gefärbte Schuppen der Stolz eines jeden Drachen sind). Stephanie Burgis hat dabei für meinen Geschmack ein gutes Gleichgewicht gefunden zwischen den für Aventurine akzeptablen und irritierenden Aspekten des menschlichen Lebens und ich mochte es, dass die ungewöhnliche Denkweise des Drachenmädchens immer wieder Ereignisse in Bewegung setzte, die ihre ganze Umgebung aufrüttelten.

„The Dragon with a Chocolate Heart“ ist ein Kinderbuch und dementsprechend einfach ist die Handlung eigentlich gestrickt, aber es gibt so viele wunderbare kleine Szenen rund um die Suche nach einer Tätigkeit, die Aventurine mit Leidenschaft erfüllt, rund um die Herstellung von heißer Schokolade, um die Freundschaft zwischen dem Drachemädchen und ihrer menschlichen Freundin Silke und um die Widersinnigkeit von Standesregeln, Politik und Geschäftsgebaren. Mir sind beim Lesen sehr viele Figuren ans Herz gewachsen und ich muss zugeben, dass ich mir die ganze Zeit vorgestellt habe, was wohl Hayao Miyazaki für einen Film aus dieser Geschichte machen würde. Dieser Roman ist mit seiner wunderbar temperamentvollen und selbstbewussten Protagonistin, den vielen liebevollen Details und der Magie der Schokolade eindeutig eine Wohlfühlgeschichte, die ich bestimmt noch häufiger genießen werde (und das nächste Mal am Besten im Winter mit einer Tasse heißer Schokolade vor der Nase 😉 ).