Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Diana Wynne Jones: The Merlin Conspiracy (Magids 2)

Während „Deep Secrets“ in der Regel als Fantasy für erwachsene Leser eingestuft wird, zählt der zweite Magids-Band anscheinend wieder zu den Jugendbüchern von Diana Wynne Jones. Auf die Idee zu dem Roman ist die Autorin gekommen, als ein Leser sie fragte, was denn aus Nick Mallory (der eine Nebenfigur in „Deep Secrets“ war) geworden sei. Trotzdem kann man die beiden Bücher eigentlich vollkommen unabhängig voneinander lesen kann, obwohl man hier etwas über Nicks Familie erfährt, dass erst am Ende des ersten Romans enthüllt wird. In „The Merlin Conspiracy“ wird die eine Hälfte der Geschichte von Nick Mallory erzählt, während die zweite Hauptfigur Roddy (genauer gesagt Arianrhod) Hyde ist, die in einer Welt lebt, die unserer in vielen Dingen sehr ähnlich ist, die aber über eine Menge Magie verfügt und in der England von einem König regiert wird, der das ganze Jahr über durch sein Land reist (unter anderem um dafür zu sorgen, dass die Magie im Gleichgewicht bleibt).

Mir hat „The Merlin Conspiracy“ deutlich besser gefallen als „Deep Secret“, unter anderem weil ich mit Roddys Heimatwelt deutlich besser zurecht kam als mit dem Koryfonic-Imperium. Roddy gehört zu dem Tross des Königs und reist seit ihrer Geburt mit der Bus-Karawane durchs Land. Als Tochter des königlichen Wettermagiers gehört sie zum Hofstaat, auch wenn das in ihrem Alter nicht mehr bedeutet als auf Wunsch anwesend zu sein und sich gut zu benehmen und ansonsten nicht im Weg rumzustehen. Ihr bester Freund ist Grundo, ein etwas jüngerer Junge, der von seiner Mutter und seiner Schwester regelmäßig gemobbt wird. So hat es sich Roddy zur Aufgabe gemacht Grundo vor seiner Familie zu beschützen – was zu Beginn der Geschichte dazu führt, dass die beiden Jugendlichen hinter einen Komplott kommen, bei dem eine mächtige Magierin und ihre Verbündeten das sensible Gleichgewicht der Magie für ihre eigenen dunklen Zwecke ausnutzen wollen.

Auf der Suche nach Hilfe stolpert Roddy über Nick, der aufgrund unglücklicher Umstände dem Schattenpfad zwischen den Welten folgt und somit verpflichtet ist, drei Personen zur Seite zu stehen, bevor er den Pfad wieder verlassen kann. Nick hat sich seit den Ereignissen in „Deep Secret“ nicht viel verändert. Noch immer ist er fasziniert von der Magie und träumt davon selber eines Tages ein Magid zu werden, während er auf der anderen Seite alles dafür tut, um bloß keine Verantwortung übernehmen zu müssen. Doch im Laufe seiner Reise muss er feststellen, dass all seine Handlungen Konsequenzen (vor allem für andere) haben, selbst wenn er das Gefühl hat, er würde doch nichts tun und sich weiterhin geschickt durch alle Herausforderungen mogeln.

Für mich beinhaltet „The Merlin Conspiracy“ wieder ganz viel dieser ganz speziellen Diana-Wynne-Jones-Atmosphäre. Es gibt ganz viele skurrile und witzige Szenen, die für den Außenstehenden unfassbar erscheinen, während sie für die Beteiligten eigentlich vollkommen alltäglich sind, Außerdem finden sich fantastische Orte und Menschen in der Geschichte, die man sofort ins Herz schließt, während man bei all den amüsanten Momenten trotzdem immer wieder schlucken muss, weil die Autorin mit erschreckender Leichtigkeit gravierende Probleme streift, die ohne großes Umdenken auf unseren Alltag und unsere Welt übertragen werden können. Ich mochte es auch sehr, wie sie keltische Elemente in ihre Geschichte einbaut, ohne diese dabei groß zu erklären oder sich starr an eine bestimmte Vorstellung zu halten. Insgesamt war „The Merlin Conspiracy“ (trotz aller gesellschaftskritischer Ideen) wieder einmal eine wunderbare Wohlfühllektüre, die meine Lust auf Diana-Wynne-Jones-Romane nur weiter angefacht hat.

Shawn Thomas Odyssey: The Wizard of Dark Street (Oona Crate Mystery 1)

„The Wizard of Dark Street“ von Shawn Thomas Odyssey habe ich schon eine ganze Weile auf meinem englischen SuB, genauer gesagt, seitdem ich das Buch bei Kiya entdeckt hatte. Nachdem mich der Roman bei einem ersten Anlesen nicht packen konnte, habe ich mich Anfang des Monats beim Herbstlesen noch einmal daran gewagt und mich dieses Mal gleich festgelesen. Die Geschichte dreht sich Oona Crate, die in der Welt der Dark Street etwas ganz Besonderes ist. Die Dark Street ist eine fantastische Gesellschaft, die sich – abseits der „normalen“ Welt – auf einem Elfenpfad entwickelt hat. Dabei unterscheiden sich die Dark Street und das New York im Jahr 1877, mit dem die ungewöhnliche Straße verbunden ist, gar nicht so sehr voneinander, abgesehen davon, dass den Bewohnern der Dark Street bewusst ist, dass Magie existiert.

Genau genommen gibt es sogar verschiedene Arten von Magie und die, die vor allem in der Dark Street praktiziert wird (auch wenn sie inzwischen ziemlich aus der Mode gekommen ist, weil die Technik der Magie den Rang abläuft), ist erlernte Magie. Theoretisch kann jeder Magie erlernen, es benötigt nur viel Übung und einen guten Lehrmeister, doch als Lehrling des Zauberers der Dark Street hat man Zugang zu den meisten Geheimnissen dieser Parallelwelt. Nur Oona, die der aktuelle Lehrling des Zauberers ist, möchte ihre Aufgabe gern niederlegen. Das Mädchen träumt von einer Zukunft als Privatdetektivin und möchte nichts mit Magie zu tun haben. Dummerweise ist Oona nicht nur klug und gewitzt, sondern auch die einzige lebende Person, die über natürliche Magie verfügt. Das bedeutet, dass die Fähigkeit zu zaubern Oona angeboren ist – auch wenn sie natürlich noch lernen muss mit ihrer Magie umzugehen. Doch Oonas Erfahrungen mit der Magie waren bislang nicht sehr gut und so möchte sie sich lieber auf ein anderes Berufsfeld konzentrieren.

Als es aber während der Suche nach einem neuen Lehrling für den Zauberer der Dark Street zu ungewöhnlichen Vorfällen kommt, muss Oona alle ihre Talente bemühen, um die Täter zu finden und die Rätsel rund um gestohlene Kleider, verschwundene Pflastersteine und natürlich den Angriff auf den Zauberer aufzuklären. Dabei steht ihr der sprechende Rabe Deacon, der in seinem Gehirn ganze Enzyklopädien gespeichert hat, mit all seinem Wissen zur Seite. Die beiden sind ein gutes Team, doch vor allem steht natürlich Oona im Mittelpunkt der Handlung. Sie muss sich im Laufe ihrer Ermittlungen deutlich weiterentwickeln und dabei so einige Ängste hinter sich lassen, wobei ich es besonders nett fand, dass Oona – trotz all ihrer Leidenschaft für die Tätigkeiten einer Privatdetektivin – sich nicht blind in Gefahren stürzt, sondern sich immer bewusst ist, welche Risiken sie eingeht.

Oonas Fähigkeiten und die Besonderheiten der Dark Street führen zu einer hübschen Mischung aus fantastischen Elementen, Kriminalfall und skurrilen Protagonisten. In gewisser Weise fühlte sich diese Art von Geschichte sehr vertraut an, was das Lesen von „The Wizard of Dark Street“ zu einer sehr entspannenden Angelegenheit machte. Ich fand es schön die Dark Street kennenlernen zu können und ich mochte Oonas Art sich Gedanken um sich und ihre Umgebung zu machen. Einzig Oonas Gegenspieler fand ich nicht so ganz überzeugend, was ich etwas schade finde, wenn man bedenkt, dass er vermutlich auch in der Fortsetzung der Reihe noch eine Rolle spielen wird. Aber da ich mich sonst sehr wohlgefühlt habe mit Oonas hartnäckiger und neugieriger Art und all den kleinen und ungewöhnlichen Details rund um das Leben in der Dark Street, habe ich den zweiten Band schon auf der Wunschliste stehen.

Holly Goldberg Sloan: Glück ist eine Gleichung mit 7

Auch über „Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan bin ich bei Tine gestolpert, die mir mit ihrer Rezension große Lust auf das Buch gemacht hatte. Die Geschichte dreht sich um die zwölfjährige Willow, die gleich zu Beginn des Romans ihre Adoptiveltern bei einem Autounfall verliert. Willow ist ein Genie, was es für sie schwierig macht sich mit Gleichaltrigen anzufreunden, da kaum jemand die gleichen Interessensgebiete (Pflanzen und Medizin) hat wie sie. Auch in der Schule kommt sie nicht gut zurecht, weil ihre Lehrer nicht so recht wissen wie sie mit ihr umgehen sollen und eher glauben, dass sie bei Prüfungen schummelt, als dass sie wirklich so schnell und fehlerfrei arbeitet.

So war ihr Zuhause bis zum Tod ihrer Eltern ihr Zufluchtsort. Dort hatte niemand ein Problem damit, dass sie sich am liebsten in wissenschaftliche Bücher vergrub oder ihre Freizeit mit Bodenanalysen und ähnlichem zubrachte, um hinterm Haus einen wuchernden Garten anzulegen. Trotzdem hätte Willow gern Freunde und deshalb arbeitet sie – nach einem zufälligen Kennenlernen – zielstrebig daran, die zwei Jahre ältere Mai zu ihrer Freundin zu machen. So bringt sich Willow selber Vietnamesisch bei, da Mai Halbvietnamesin ist, und organisiert ihren Alltag so, dass sie vor ihren regelmäßigen Treffen mit dem Schulberater Dell gemeinsam mit Mai Zeit verbringen kann.

Sehr realistisch ist die Geschichte natürlich nicht. Nicht nur weil Willow in wirklich allen Wissensgebieten überragend ist, sondern auch weil so viele Menschen sich am Ende darum kümmern, dass es ihr gut geht. Aber dafür ist „Glück ist eine Gleichung mit 7“ ein wunderbares Wohlfühlbuch voller sympathischer Charaktere und amüsanter Momente. Gerade Willow habe ich schnell ins Herz geschlossen, weil sie so eine eigene Weltsicht hat. So beschäftigt sie sich bei ihrem Schulwechsel intensiv mit der Frage, was sie an ihrem ersten Tag anziehen soll – und entscheidet sich dabei für ihr Garten-Outfit, damit ihre neuen Mitschüler auf den ersten Blick sehen, wo ihre Prioritäten liegen. Ich mochte es sehr, dass sie zwar oft unsicher war – gerade wenn es um den Umgang mit anderen Menschen geht -, dass sie sich aber davon nicht abschrecken ließ, ein Projekt zu verfolgen.

Willows ungewöhnliche Sichtweise und ihr direkter Umgang mit Menschen sorgt dafür, dass sie den Menschen in ihrer Umgebung immer wieder neue Impulse zukommen lässt. Sogar in ihrer tiefen Trauer, als sie kaum in der Lage ist, sich zu bewegen, löst sie in Mais Familie etwas aus, dass das Leben aller Beteiligten verändert. Und das alles wäre ungemein kitschig, würde man es als Leser nicht vor allem durch Willows sehr sachliche Sicht erleben. Ab und an wechselt Holly Goldberg Sloan die Perspektive, um einem die Motive der anderen Personen nahe zu bringen. Doch in erster Linie wird die Geschichte von Willow beherrscht und ich fand es sehr erholsam durch ihre Augen in die Welt zu blicken. Einzig ein Punkt am Ende der Geschichte hat mich gestört, weil der dazu führte, dass ich stellvertretend für Mai und ihren Bruder wütend geworden bin, weil ihr Leben schon so viel früher besser hätte verlaufen können. Davon abgesehen habe ich den Roman sehr genossen.

Estelle Laure: Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance

Noch so ein Buch, das eigentlich auf zu vielen Blogs auftauchte, um mich zu interessieren, bei dem mich dann aber eine Rezension von Tine dazu gebracht hat, dem Roman eine Chance zu geben. (Merkt man eigentlich, dass ich gerade meine Bibliotheks-Merkliste abarbeite? 😉 ) Lucille ist siebzehn und sollte sich eigentlich auf ihr letzten Schuljahr konzentrieren, doch nach dem Vorfall mit ihrem Vater (über den man erst später im Roman mehr erfährt) läuft in ihrem Leben nichts mehr normal. Als kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs auch noch ihre Mutter verschwindet, muss Lucille die Verantwortung für ihre kleine Schwester Wren und den gemeinsamen Alltag übernehmen.

Estelle Laure konzentriert sich in „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ weniger auf das Drama in Lucilles Leben, als auf die Schritte, die das Mädchen unternimmt, um dafür zu sorgen, dass es weiter geht. Dabei steht Lucille von Anfang an ihre Freundin Eden zur Seite und hilft ihr Prioritäten (Job suchen/Arbeiten, während Eden auf Wren aufpasst/Rechnungen bezahlen/in die Schule gehen und Hausaufgaben machen/dafür sorgen, dass niemand Verdacht schöpft/hin und wieder lächeln) zu setzen. Lucille hat relativ viel Glück bei all diesen Vorhaben, als ihr zum Beispiel ein Mädchen auf dem Spielplatz erzählt, dass sie ihr einen Job vermitteln könnte, oder allein schon dass ihre Freundin Eden und deren Zwillingsbruder Digby so viel Zeit mit Wren verbringen, damit Lucille überhaupt arbeiten kann.

Aber einfach ist das Ganze für Lucille natürlich trotzdem nicht. Sie ist ganz allein und muss in jeder Hinsicht die Rolle der Erwachsenen in ihrer kleinen Familie übernehmen. Da ist es vermutlich kein Wunder, dass sich von ihren Sorgen ablenkt, in dem sie über ihre Verliebtheit in Digby nachdenkt. Sie weiß selber nicht, wann Digby für sie von jemanden, den man gut kennt und mit dem man befreundet ist, zu einem Jungen wurde, von dem sie mehr als Freundschaft möchte, aber diese Gefühle bringen ihre eh schon auf dem Kopf stehende Welt noch mehr durcheinander. Dabei ist Lucille durchaus bewusst, dass Digby schon lange eine Freundin hat, mit der er – beginnend mit dem gemeinsamen Studium bis zur Hochzeit – eine langfristige Zukunft plant.

Ich mochte es, dass die Geschichte trotz des schwerwiegenden Themas nicht allein um Lucilles Probleme als Versorgerin ihrer kleinen Schwester drehen. Die Gedanken an Digby sind – vielleicht gerade deshalb, weil er vergeben ist – etwas Sicheres und Schönes, das ihr Halt gibt. Trotzdem wird deutlich, wie herausfordernd es für das Mädchen ist einen Alltag mit Schule, Job und der Beschäftigung mit ihrer kleinen Schwester auf die Reihe zu bekommen. Lucille ist oft erschöpft, weiß keinen Ausweg oder trifft die falschen Entscheidungen, aber das macht es für mich realistischer.

Bei einer der Rezensionen, die ich gelesen habe, stand, dass Lucille es zu einfach hat, dass sie zu erwachsen beschrieben würde. Aber ich denke, dass ein Mädchen von fast achtzehn Jahren schon in der Lage ist, in einem Notfall so erwachsen zu handeln – vor allem, da sie ja nicht allein ist und Hilfe von ihren Freunden bekommt. Während es auf der anderen Seite genügend Menschen gibt, die auch mit Mitte Dreißig nicht in der Lage sind so viel Verantwortung zu übernehmen und Lucilles Mutter scheint dazu zu gehören. Ich würde nicht soweit gehen und sagen, dass „Gegen das Glück hat das Schicksal keine Chance“ ein Wohlfühlbuch ist, dafür gibt es zu viele Probleme in Lucilles Leben, die nicht durch die Freundschaft oder Hilfsbereitschaft anderer aufgefangen werden können. Aber es war eine Geschichte voller interessanter, realistischer und sympathischer Figuren, die im Laufe des Romans zum Teil tolle Entwicklungen durchgemacht haben, und das war gut zu lesen.

Soman Chainani: The School for Good and Evil – The Last Ever After

Nach „The School for Good and Evil“ und „A World Without Princes“ ist „The Last Ever After“ der dritte Teil der Reihe rund um die Freundinnen Sophie und Agatha. Nachdem sich der zweite Band vor allem damit beschäftigte, was in einer Märchenwelt mit den Prinzen werden soll, wenn die Prinzessinnen feststellen, dass sie die Jungs für ein Happy End nicht mehr benötigen, dreht sich dieser Roman vor allem um die Frage, was nach dem „Happy End“ auf die glücklichen Paare wartet und ob das „Happy End“ der einen bedeutet, dass andere Personen leer ausgehen müssen.

Auch bei dieser Geschichte hat Soman Chainani wieder einen großartigen Job bei der Gestaltung seiner Märchenwelt und der Entwicklung der verschiedenen Figuren gemacht. Nach den Ereignissen aus „A World Without Princes“ teilt sich die Schule nicht mehr in „Gut“ und „Böse“ oder „Mädchen“ und „Jungen“ auf, sondern in „Alt“ und „Neu“. Auf der Suche nach ihrem ganz persönlichen glücklichen Ende versuchen nun die Bösewichte der Märchenwelt, ihre Geschichten neu zu schreiben. Denn erst wenn all die Leser den Glauben daran verlieren, dass das Gute immer siegt und nur das Gute am Ende Liebe findet, können die Bösewichte wirklich die Macht ergreifen.

Aber es geht nicht nur um den ewigen Kampf des Guten gegen das Böse in der Märchenwelt, sondern auch darum, wie die Geschichte nach dem Zusammenfinden von Prinz und Prinzessin weitergeht. Das betrifft nicht nur Agatha und Sophie und ihre Suche nach der einen wahren Liebe, sondern auch die altvertrauten Märchen, bei denen man doch angeblich genau weiß, wie sie enden. Doch wenn eine Liebe wie die von Tedros Eltern Arthur und Guinevere auseinanderbricht, weil Guinevere mit Lancelot davonläuft, wie kann man dann davon ausgehen, dass das Zusammenkommen von Prinz und Prinzessin für immer das glückliche Ende besiegelt.

Ich will gar nicht mehr zum Inhalt schreiben, denn dann müsste ich auf Entwicklungen des zweiten Bandes eingehen, die erst am Ende der Geschichte passieren und die zu viel über die Handlung verraten würden. Aber ich fand es toll, wie der Autor bei all den fantastischen, amüsanten und bedrückenden Szenen immer wieder auf die Frage zurückkommt, was eigentlich notwendig ist, damit ein Mensch zufrieden mit seinem Leben ist – und ob die einzig wahre Liebe wirklich alle Probleme löst. Neben diesen großen Themen, die immer wieder in der Handlung durchschimmern, mag ich all die kleinen Szenen, die von Freundschaft, Heldenmut oder einfach „nur“ Menschlichkeit erzählen. Doch das alles würde nicht funktionieren, wenn Soman Chainani nicht so wunderbare Charaktere für seine Bücher geschaffen hätte.

Agatha und Sophie sind als Protagonisten natürlich wichtig für die Geschichte, und ohne ihre Gegensätzlichkeit würde das alles nicht funktionieren. Aber vor allem freue ich mich jedes Mal, wenn einer der Nebencharaktere etwas mehr Präsenz bekommt, Und in „The Last Ever After“ bekommen sehr viele von diesen Nebenfiguren Raum, um ihre Hintergrundgeschichte zu offenbaren. Hintergrundgeschichten, die berührend sind und traurig und voller Missverständnisse und die den vertrauten Märchen so viele unerwartete Facetten hinzufügen. Diese ungewohnte Perspektive macht Spaß, aber sie lässt einen am Ende auch sehr nachdenklich zurück. Sagte ich schon, wie sehr ich das mag? 😉

Diana Wynne Jones: Enchanted Glass

Mein erstes Diana-Wynne-Jones-Buch habe ich schon in der Grundschule gelesen und heiß und innig geliebt. Allerdings habe ich damals vor allem auf Bibliotheksbücher zurückgegriffen und nur wenige Titel für meinen eigenen Bestand nachgekauft. Nachdem ich inzwischen wieder mehr auf Englisch lese, habe ich das Bedürfnis, mir nach und nach all die Romane der Autorin zu besorgen, die ich noch nicht kenne. So brachte mir der Buchhandlungsfahrradkurier Ende der Woche „Enchanted Glass“ – ein Roman rund um einen Universitätsdozenten, der von seinem Großvater ein magisches Haus und eine ebensolche Berufung erbt.

Eigentlich hatte Jocelyn Brandon geplant, vor seinem Tod seinen Enkel, den Wissenschaftler Andrew Hope in all die wichtigen Geheimnisse einzuweihen, die er benötigt, um Melstone House zu übernehmen. Doch dann läuft dem alten Zauberer die Zeit davon und Andrew zieht vollkommen unvorbereitet nach Melstone. Natürlich weiß er, dass sein Großvater über Magie verfügte und dass Melstone House etwas ganz besonderes ist. Doch Andrew hat keine Ahnung davon, was das Besondere an dem Haus ist und dass er mit dem Haus auch die Aufgaben seines Großvaters (das so genannte „field-of-care“) geerbt hat – und worin diese Aufgaben überhaupt bestehen. So scheinen seine einzigen Herausforderungen anfangs darin zu bestehen, sich mit der Haushälterin Mrs. Stock und dem Gärtner Mr. Stock (weder verwandt noch verschwägert mit Mrs. Stock) zu arrangieren.

Komplizierter wird es für Andrew an dem Tag, als der zwölfjährige Aiden Cain vor seiner Türschwelle steht und um Hilfe bittet. Aidens Großmutter war kurz zuvor gestorben und hatte ihm vor ihrem Tod gesagt, dass er, wenn er jemals Hilfe benötigen würde, sich an Joycelyn Brandon in Melstone House wenden solle. Da Aiden nach dem Tod seiner Großmutter nicht nur ganz allein auf der Welt ist, sondern auch bei seinen Pflegeeltern von mysteriösen Kreaturen gejagt wurde, die ihm eindeutig nichts Gutes wollen, ist er von seiner Pflegestelle fortgelaufen, um in Melstone House einen sicheren Unterschlupf zu finden.

Ich muss gestehen, ich fände es großartig, wenn ich einen Unterschlupf wie Melstone House kennen würde. Diana Wynne Jones gelingt es wieder einmal ganz wunderbar, einen Ort zu schaffen, der gemütlich, magisch, skurril und rundum bezaubernd ist. Ein bisschen erinnert Melstone House an Chrestomancis Heim in „Wir sind aufs Hexen ganz versessen“ – inklusive der spezialisierten Angestellten. Natürlich gibt es auch den obligatorischen Gegenspieler an den Grenzen von Melstone House, aber wenn ich ehrlich bin. so benötigt es diese Figuren doch genau deshalb, damit sich der Schauplatz der Geschichte umso behaglicher anfühlt. Ich mochte das Gebäude ebenso wie das Dorf Melstone, zu dem es gehört, aber natürlich würde keines von beidem sich so heimelig anfühlen, wenn es da nicht die ganzen liebenswerten und skurrilen Charaktere gäbe.

Dabei sind nicht alle Figuren so gestaltet, dass ich mit ihnen ein Haus teilen möchte. Gerade Mr. und Mrs. Stock haben so einige Eigenarten, die mich persönlich an den Rand des Wahnsinns bringen würden. Da Andrew aber recht gelassen und geduldig mit ihren Marotten umgeht, waren diese Passagen für mich als Leser amüsant und unterhaltsam. Außerdem gibt es noch einige weitere Charaktere, die Andrew langfristig bei seiner neuen Aufgabe helfen – und denen er mit ihren Problemen hilft -, so dass die Geschichte dank der vielen kleinen wunderbaren Szenen trotz einer eher gemächlichen Erzählweise nie langweilig wird.

Ich habe ein paar Rezensionen gefunden, die kritisieren, dass in „Enchanted Glass“ nichts passiert. Und ja, es ist keine actiongeladene Geschichte. Aber ich finde es umso anerkennenswerter, dass Diana Wynne Jones es immer wieder schafft so viele interessante, amüsante und berührende Details in eine großteils relativ alltägliche Handlung zu packen. Ich mochte es zu lesen, wie Andrew und Aiden langsam in Melstone House ankommen, wie sie immer mehr über die Hintergründe des Hauses, Andrews Aufgabe und ihren Gegenspieler herausfinden, und ich fand es toll, wie all die vielen Nebenfiguren im Laufe der Zeit immer mehr Profil bekamen, ohne dass die Autorin besonders viele Seiten dafür aufwenden musste. Die allerletzte Wendung der Geschichte hätte ich nicht unbedingt haben müssen, aber schlimm finde ich sie auch nicht. Insgesamt habe ich das Lesen von „Enchanted Glass“ sehr genossen. Für mich sind Diana-Wynne-Jones-Bücher ebenso erholsam wie die Momente, in denen ich mich mit einer Decke, einer heißen Schokolade und einer Katze einrollen und die Außenwelt für eine Weile vergessen kann.

Patrycja Spychalski: Heute sind wir Freunde

Über dieses Buch bin ich bei Tine gestolpert und war nach ihrer begeisterten Rezension neugierig genug geworden, um „Heute sind wir Freunde“ von Patrycja Spychalski in der Bibliothek vorzumerken. Die Geschichte dreht sich um fünf vollkommen unterschiedliche Schüler, die während eines Unwetters allein in ihrer Schule zurückbleiben und die Nacht dort verbringen. Ich muss gestehen, dass ich die Figuren (und die Grundsituation) anfangs wenig kreativ fand. Gerade die Charaktere lassen sich doch sehr leicht in eine Schublade stecken. Anton ist der Streber, der keine Freunde hat, Leo ist der Coole mit der Lederjacke, Valeska die unnahbare Schöne, die von allen beneidet wird, und Nell und Chris sind die „Normalen“ (wobei beide eine künstlerische Begabung haben).

Obwohl sich die fünf zumindest vom Sehen kenne, haben sie nie zuvor miteinander zu tun gehabt. Aber jeder von ihnen glaubt, dass er die anderen einschätzen kann – und dass sie nichts miteinander gemein haben. Im Laufe der miteinander verbrachten Stunden stellt sich dann natürlich heraus, dass es nicht so einfach ist, sich ein Bild von einem Menschen zu machen. Jeder von ihnen hat Facetten, die die anderen nicht erwartet hätten und die für unerwartete Sympathien sorgen. Dabei lässt die Autorin Patrycja Spychalski jeden der fünf Schüler zu Wort kommen, so dass der Leser auch die Gedanken mitbekommt, die die Teenager – trotz der im Laufe der Zeit aufkommenden Offenheit und Nähe – für sich behalten.

Wie gesagt, ich fand die Figuren etwas arg „schubladig“ dargestellt und die Ausgangssituation auch etwas abgenutzt, aber das ändert nichts daran, dass ich die Geschichte trotzdem sehr süß fand und gern gelesen habe. Die Charaktere werden einem schnell sympathisch (auch wenn Leo mir in der Realität vermutlich schnell auf die Nerven gegangen wäre), haben ihre Schwächen und Stärken und es ist schön mitzuerleben, wie sie sich gegenseitig besser kennenlernen. Auch fand ich es stimmig, dass diese eine Unwetternacht und die Nähe zu den anderen nicht jeden im gleichen Maße beeinflusst. Für Anton und Valeska bieten diese Stunden die Möglichkeit, loszulassen und Dinge auszuprobieren, die sie sich sonst nie wagen würden. Auch für Nell und Chris entstehen durch dieses Unwetter viele Chancen, aber da sie als Figuren nicht so extrem angelegt waren wie die anderen drei Protagonisten, hatte ich das Gefühl, sie würden nur einen Stups bekommen, um danach offener und ein bisschen mutiger durch die Welt zu gehen. Leo hingegen ist in erster Linie jemand, der anstößt und Veränderungen auslöst …

Schön finde ich, dass Patrycja Spychalski es offen gelassen hat, wie es nach dieser Nacht mit den fünf Schülern weitergeht. Obwohl sie sich im Laufe dieser gemeinsam verbrachten Stunden so gut kennengelernt und zum Teil so eine intensive Zeit miteinander verbracht haben, ist allen Beteiligten bewusst, dass ihre frisch aufgekeimte Freundschaft vielleicht gerade mal bis zum kommenden Montag halten wird. Aber selbst wenn es so ist, ist es gut. Und es gibt ja immer noch die Möglichkeit, dass der eine oder andere sein gewohntes Verhalten auch im Alltag abstreifen und die während des Unwetters entdeckten Facetten seiner Persönlichkeit zeigen kann. Mir hat es auf jeden Fall viel Spaß gemacht, nach dem Ende des Romans noch darüber nachzudenken, wie es nach dieser Nacht in der Schule am kommenden Montag mit den fünf Figuren, ihren Eltern und ihrem Verhältnis zu ihren Mitschülern weitergehen könnte.

Robin Benway: Emmy & Oliver

„Emmy & Oliver“ von Robin Benway gehört zu den Büchern, die ich anhand des Klappentextes nie in die Hand genommen hätte. Vor allem der letzte kitschige Satz „Oder sind ihre Herzen wie die Teile zweier Puzzles – unmöglich, dass eins jemals zum anderen passt?“ hätte mich definitiv abgeschreckt. Glücklicherweise bin ich über Pias Rezension zu dem Titel gekommen und habe deshalb den Roman aus der Bibliothek ausgeliehen und dann in einem Zug gelesen.

Die Geschichte wird aus Emmys Perspektive erzählt, so dass man als Leser mitbekommt, wie es ihr ergangen ist, nachdem der gleichaltrige Nachbarssohn Oliver von seinem Vater entführt wurde. Doch Oliver war nicht nur einfach ein Nachbarsjunge, sondern von Anfang an Emmys bester Freund. Die beiden Kinder sind zusammen aufgewachsen und standen sich immer besonders nah – und dann verschwand er mit gerade mal sieben Jahren von einem Tag auf den anderen. Die folgenden Wochen bestanden für Emmy, ihre Familie und ihren Freundeskreis aus Reportern, die jedes Detail zu dem entführten Kind wissen wollten, und aus Olivers verzweifelter Mutter, die alles versuchte, um ihren Sohn zurückzubekommen und dabei von Emmys Eltern unterstützt wurde. Von diesem Moment an wird Emmy von ihren schockierten Eltern überbehütet – und daran ändert sich auch in den folgenden zehn Jahren nichts. Nicht einmal, als Oliver eines Tages wieder auftaucht und zu seiner Mutter zurückkehrt, kann Emmy ein normales Leben führen.

Das alles klingt nun erst einmal dramatisch, aber die Geschichte ist vor allem einfach nur schön. Die Handlung dreht sich nämlich weniger um die Entführung – obwohl sie natürlich das Leben aller beeinflusst hat -, sondern vielmehr um die Freundschaft zwischen Emmy, Oliver, Caro und Drew. Auch wenn Oliver zehn Jahre lang verschwunden war, haben seine drei Kindheitsfreunde ihn nie vergessen und würden nun gern wieder an ihre alte Freundschaft anknüpfen. Oliver hingegen ist verwirrt von all den Veränderungen in seinem Leben und von all den neuen Informationen, die er gerade erst erhalten hat, und frustriert, weil er das Gefühl hat, dass alle in ihm nur den Siebenjährigen sehen, der verschwunden ist, statt sich darauf einzulassen, dass sein Leben in den vergangenen zehn Jahren weitergegangen ist.

Für Emmy bringt Olivers Wiederkehr nicht nur den lange vermissten Freund zurück, sondern auch im Laufe der Geschichte die Erkenntnis, dass ihr Leben nicht so weitergehen kann. Sie weiß, dass ihre Eltern sie lieb haben und nur das Beste für sie wollen, aber ihre übergroße Besorgnis engt Emmy ein und sorgt dafür, dass sie ihr Eltern tagtäglich belügen muss, nur um zumindest für ein paar verstohlenen Stunden das zu erleben, was für andere Teenager normal ist. Auch die Eltern von Drew und Caro spielen eine gewisse Rolle in der Geschichte, obwohl sie nicht persönlich vorkommen. Die Familienverhältnisse der vier Jugendlichen wurden manchmal etwas sehr übertrieben dargestellt, aber ich mochte, wie gegensätzlich ihre Herkunft war, wie gut sie sich verstanden haben und wie sehr sie sich manchmal wünschten in den Schuhen des anderen zu stecken.

Trotz der teilweise etwas klischeehaften Darstellung einiger Nebencharaktere und des (wirklich alle Beteiligten betreffenden) Happy Ends fühlt sich die Geschichte beim Lesen realistisch an. Ich mochte die Figuren, ich mochte es, dass sie Ecken und Kanten hatten, dass sie einander so gut kannten, dass sie mit den Macken des Freundes leben konnten, und ich mochte es, dass es bei aller Freundschaft auch mal zu Streitereien kam. Ich hätte – zumindest bei den späteren Kapiteln – auf die kleinen Passagen verzichten können, die jedes Kapitel mit einer Szene einleiten, die vom Leben der vier erzählt, bevor Oliver entführt wurde. Aber so schlimm fand ich die jetzt auch nicht, dass sie mein Lesevergnügen ernsthaft getrübt hätten.

Soman Chainani: The School for Good and Evil – A World Without Princes

Es ist schon eine Weile her, dass ich den ersten Band dieser Reihe gelesen habe, aber ich war damals so angetan von den Ideen des Autors, dass ich die Fortsetzung „The School for Good and Evil – A World Without Princes“ gleich auf den Wunschzettel gesetzt hatte. Inzwischen ist der dritte Teil schon lange erschienen und so wurde es langsam Zeit mal zum zweiten Band zu greifen. Die Geschichte beginnt einige Zeit nach dem Ende des ersten Romans. Sophie und Agatha sind wieder zurück in Gavaldon und werden von den anderen Dorfbewohnern regelrecht verehrt. Sie sind die ersten, die nach einer Entführung durch den „School Master“, wieder zurückgekehrt sind und vor allem Sophie erzählt unermüdlich, was ihr und Agatha zugestoßen ist. Dass ihre Version sich ein wenig von Agathas Erinnerung unterscheidet, spielt dabei nur eine kleine Rolle.

Alles könnte so schön sein, wären da nicht Sophies Vater und seine neue Freundin und ihre beiden Söhne. Während Sophie hoffte, sie bekäme endlich seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit, scheint sich ihr Vater vor allem darüber zu freuen, dass es endlich zwei Jungen in seiner Familie gibt. Aber nicht nur Sophie muss entdecken, dass das Leben nach ihrer Heimkehr nicht ganz so rosig ist wie erhofft. Agatha kann den Gedanken an ihren Prinzen nicht vollkommen verdrängen und sehnt sich – auch wenn sie sich es selber kaum eingestehen kann – immer stärker nach Tedros. All diese Entwicklungen führen dazu, dass die beiden Mädchen sich wieder in der „School for Good and Evil“ wiederfinden – doch sie erkennen die Schule kaum wieder.

Die Ereignisse rund um Sophies und Agathas ersten Aufenthalt in der Schule haben zu einem großen Umbruch geführt. Nun gibt es nicht mehr die Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“, sondern eine Trennung zwischen „Mädchen“ und „Jungen“. Denn das Beispiel der beiden Freundinnen hat all den Prinzessinnen und Hexen gezeigt, dass sie keine Jungen benötigen, um zu einem Happy End zu kommen. Sie können ganz alleine mit all den Widrigkeiten, die die Märchenwelt ihnen entgegenstellt, fertig werden. Vor allem dann, wenn Prinzessinnen und Hexen zusammen- statt gegeneinander arbeiten. Doch was bleibt noch für die Prinzen übrig, wenn sie keine Rolle mehr im Märchen „ihrer“ Prinzessinen spielen?

Soman Chainani hat aus dieser Grundidee wieder eine wunderbar und amüsante Geschichte gemacht. Auch dieses Mal gab es die eine oder andere vorhersehbare Wendung, aber das konnte ich dem Autor problemlos verzeihen, weil dieser Roman so viele fantastische Elemente und lustige Szenen beinhaltet, dass ich mich beim Lesen wieder rundum gut unterhalten gefühlt habe. Es gibt immer wieder spannende und erschreckende Szenen, wenn es um ein „selbstbestimmtes Leben“ für die Mädchen geht. Aber auch schöne Momente, wenn zum Beispiel Agatha und Sophie nicht mehr anhand des Äußeren sagen können, welches Mädchen „Gut“ oder „Böse“ ist, oder wenn beschrieben wird, wie sich die verschiedenen Personen durch die Ereignisse verändert haben.

Natürlich dreht sich ein großer Teil der Handlung um das Verhältnis zwischen Sophie und Agatha und was Freundschaft für die beiden bedeutet – und ob Freundschaft ohne Vertrauen Bestand haben kann. Aber ich muss zugeben, dass ich diesen Teil weniger berührend fand, als die vielen kleinen Momente, in denen es vor allem darum ging, dass einzelne Personen im früheren System untergegangen sind, weil sie nicht der „Norm“ entsprachen, während sie jetzt zumindest eine Chance auf eine positive Entwicklung haben. Auch fand ich es spannend, wie Soman Chainani die Kompromisslosigkeit „klassischer“ Märchen aufs Korn nimmt. Es gibt immer nur eine Prinzessin und einen Prinzen und natürlich eine böse Person, die am Ende vernichtet werden muss. Eine Prinzessin kann nicht gleichzeitig ein Happy End mit einem Prinzen und eine Freundin haben und eine Prinzessin muss natürlich gut sein – egal, ob sie es wirklich ist oder nicht. Immer wieder gibt es einen ungewöhnlichen Blick auf die verschiedenen Märchenfiguren – und die Frage, welche Folgen ihre Geschichte wohl auf die Familien dieser Figuren hatte. Das alles sorgt (ebenso wie die Ereignisse am Ende dieses Romans) dafür, dass ich wirklich neugierig auf das nächste Abenteuer von Sophie und Agatha bin.

Fleur Beale: Am Ende des Alphabets

Den Roman „Am Ende des Alphabets“ von Fleur Beale hatte mir netterweise Tine geliehen, nachdem sie mir mit ihrer Rezension solche Lust auf das Buch gemacht hatte. Die Geschichte handelt von der vierzehnjährigen Ruby, die die „Dumme“ in ihrer Familie ist und deshalb ständig hinter ihrem intelligenten Bruder Max zurückstecken muss. Dabei ist die Situation in Rubys Familie eigentlich gar nicht so ungewöhnlich: Sie ist die Älteste von insgesamt vier Geschwistern, und da ihr Stiefvater den ganzen Tag als LKW-Fahrer unterwegs ist und ihre Mutter als Putzfrau im Krankenhaus des Nachbarortes arbeitet, muss sie viele Aufgaben im Haushalt übernehmen.

Schlimm wird es, wenn man sieht, dass ihr gerade mal elf Monate jüngerer Bruder Max sich jeglicher Verantwortung entzieht – und damit auch noch durchkommt. Denn während Ruby weder lesen noch schreiben kann, ist Max ein überaus guter Schüler, der regelmäßig Auszeichnungen bekommt. So nimmt die ganze Familie Rücksicht auf die Befindlichkeiten von Max, damit sich der Junge ganz auf das Lernen konzentrieren und hoffentlich in einigen Jahren die Universität besuchen kann. Auf Ruby hingegen wartet gerade mal eine Zukunft als Putzfrau, dessen ist sich vor allem ihre Mutter sehr sicher.

Erst als Rubys beste Freundin Tia droht, dass sie nie wieder mit ihr reden würde, wenn sie weiterhin den Fußabtreter für die gesamte Familie spielt, fängt das Mädchen an, über seine Situation nachzudenken. Nach und nach entwickelt Ruby Rückgrat und findet heraus, was sie eigentlich will und was sie sich für ihre Zukunft vorstellen kann. Ich bin mal so frei und spoilere an dieser Stelle: Putzfrau möchte sie nicht werden. 😉 Und je mehr Ruby sich für die Sachen einsetzt, die ihr wichtig sind, desto mehr entdeckt sie auch, dass sie nicht dumm ist. Sie kann nicht lesen und schreiben und das macht ihr Leben häufig ganz schön schwer, aber sie ist nicht dumm. Doch während sie langsam zu dieser Erkenntnis kommt, scheint ihre Familie nicht zu begreifen, dass auch Ruby einen Wert hat, der über ihre Fähigkeiten als Haushaltshilfe und Babysitterin hinausgeht. Zum Glück hat Ruby gute Freunde, die sie unterstützen, und sie lernt im Laufe der Geschichte noch weitere Personen kennen, die für sie da sind.

Mit gut 200 Seite ist „Am Ende des Alphabets“ nicht gerade umfangreich und hat sich gut an einem Nachmittag lesen lassen. Ich habe Ruby sehr schnell ins Herz geschlossen und mich über ihr wachsendes Selbstbewusstsein und ihr neu entwickeltes Rückgrat sehr gefreut. Häufig steht sie vor der Wahl, den einfacheren Weg zu gehen, einfach wieder in ihre alte Rolle als Stütze ihrer Familie zu verfallen und sich mit einem kleinen Sieg zufriedenzugeben. Aber nachdem sie erst einmal angefangen hat, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen und nachdem sie die Mechanismen in ihrer Familie durchschaut hat, findet sie immer wieder die Kraft, für sich einzustehen – und das nicht nur im privaten Umfeld. Dabei konnte ich auch Rubys Familie verstehen (wenn auch nicht immer ausstehen), und das rechne ich Fleur Beale wirklich an.

Ich fand es auch angenehm, dass Ruby zwar ein wirklich nettes (und häufig viel zu gutmütiges) Mädchen war, aber dabei nicht zu lieb dargestellt wurde. Ruby hat auch ihre boshaften Seiten (die bei mir gerade im Umgang mit dem Ladenbesitzer zum regelmäßigen Schmunzeln geführt haben), und wenn sie wütend ist, dann haut sie auch schon mal Sätze raus, von denen sie genau weiß, dass sie wehtun. Am Ende hat Ruby sehr viel für sich erreicht, und das fand ich wirklich schön und wohltuend, dabei macht es sich Fleur Beale aber nicht zu einfach und zeigt auch immer wieder, dass das Leben auch in Zukunft für Ruby eine Menge Herausforderungen bereithalten wird, die es für Menschen, die keine Lese-Rechtschreibschwäche haben, nicht gibt.