Schlagwort: Kinder- und Jugendbuch

Morgan Keyes: Darkbeast (Darkbeast 1)

An „Darkbeast“ von Morgan Keyes hat mich von Anfang an die Grundidee angesprochen und so landete das Buch direkt nach dem Lesen einer Rezension auf dem Merkzettel. Allerdings hat es dann doch noch recht lange gedauert, bis ich es vom Merkzettel auf den Wunschzettel gepackt habe – ich musste mir erst einmal bewusst machen, dass der Titel schon einige „Ausmistaktionen“ auf dem Zettel überlebt hatte und ich mich nun endlich mal dafür oder dagegen entscheiden sollte. Inzwischen steht der zweite Teil auf dem Wunschzettel, was schon mal ein erster Hinweis darauf ist, dass sich der Roman für mich gelohnt hat.

Die Geschichte dreht sich um Keara und die schwarze Krähe Caw, ihrem Darkbeast. Ein Darkbeast wird kurz nach der Geburt an ein Kind gebunden, um bis zu dessen zwölften Namenstag all die schlechten Gefühle und Gedanken des Kindes aufzunehmen. An diesem Tag muss das Kind sein Darkbeast töten, um sich von all diesem Negativen zu befreien und sein Erwachsenenleben ohne diese Makel antreten zu können. Keara ist sich vollkommen bewusst, dass es ihre Pflicht ist, Caw an ihrem Namenstag umzubringen, doch als es soweit ist, bringt sie es nicht über sich. Während andere Kinder froh zu sein scheinen, dass sie ihr ungeliebtes Darkbeast loswerden können, besteht zwischen Caw und Keara eine tiefe Bindung.

Caw hat sich all die Jahre über Kearas Gedanken und Gefühle angehört, sie beraten, sie getröstet und sie am Ende von ihrer Angst, ihrem Trotz, ihrer Eifersucht und all den anderen unerwünschten Emotionen befreit. Die Magie, die zwischen dem Darkbeast und dem jeweiligen Kind besteht, sorgt dafür, dass sie in Gedanken miteinander sprechen können (wenn die Entfernung nicht zu groß ist). So hatte Keara jemanden, der ihr immer zugehört hat – zuhören musste, da es keine Möglichkeit gibt die Verbindung zu trennen. Wobei die Magie nicht den eigenen Willen oder das eigene Bewusstsein des Darkbeast auslöscht, so dass sich das Darkbeast oder das jeweilige Kind einem Gespräch auch verweigern kann. Für beide bedeutet diese Beziehung, dass sie jemanden haben, der sie besser kennt als jeder andere.

In der Welt, in der Keara lebt, gibt es viele Dinge zu fürchten, aber zwei Sachen haben besondere Wichtigkeit: Die Bezahlung der jährlichen Steuer und die Verehrung der zwölf Götter. Kearas Weigerung ihr Darkbeast zu töten, ist deshalb ein wirklich schweres Vergehen. Sie wiedersetzt sich nicht nur den Gesetzen und Traditionen des Landes, sondern verweigert damit auch dem Gott Bestius (einem der Zwölf) den notwendigen Respekt. So muss sie aus ihrem Dorf fliehen, um den Inquisitoren zu entgehen und einen Weg zu finde, gemeinsam mit Caw zu überleben.

Anfangs hat Keara es mir etwas schwer gemacht, weil sie aufbrausend ist und es ihr nicht möglich zu sein scheint, sich an die einfachen Regeln, die ihre Mutter aufstellt, zu halten. Sie ist trotzig und schmollt und stellenweise reagiert sie sehr pubertär. Aber Keara lernt auch aus ihren Fehlern, sie diskutiert ihr Verhalten mit Caw und sie entwickelt sich immer weiter, auch wenn es ihr oft schwer fällt, so dass sie mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen ist – vor allem, weil sie bei allen Fortschritten immer noch eine Zwölfjährige bleibt, die immer wieder mit ihren Gefühlen zu kämpfen hat.

Mir hat es gefallen wie die Autorin die Geschichte mit dem begrenzten Dorfleben von Keara beginnt und wie man gemeinsam mit dem Mädchen immer mehr über die verschiedenen Lebensweisen und Personen lernt. Natürlich kennt sie sich mit den verschiedenen Gesetzen und ihrer Religion aus, aber eben nur aus der Perspektive eines kindlichen Dorfmädchen. Sie weiß weder, was im Frauenhaus ihres Dorfes geschieht, noch wie Menschen innerhalb einer Stad oder gar eine reisende Schauspielertruppe leben. Genauso wenig kann Keara erklären, warum sie sich immer wieder gegen die Wünsche ihrer Mutter stellen musste oder warum sie ständig Fragen stellt, die sie in Schwierigkeiten bringen. Sie weiß anfangs nur, dass sie eben so ist – egal, wie sehr sie sich vielleicht wünscht, dass sie anders und ihr Leben dann einfacher wäre. Überhaupt hat Morgan Keyes ein Händchen für Figuren. Sie alle haben Ecken und Kanten, manche Charaktere mag man spontan, um dann im Laufe der Geschichte herauszufinden, dass sie nur Probleme bedeuten, mit anderen wird erst so nach und nach warm, um sie dann umso mehr ins Herz zu schließen.

Auch mochte ich die Atmosphäre in diesem Buch und all die Details um das Leben in dieser fantastischen Welt. Wobei sich der Fantasyanteil in diesem Roman wirklich nur auf die Verbindung des Darkbeast mit seinem Kind beschränkt – und ich bezweifel, dass es in der Fortsetzung so viel mehr Magie geben wird. Allerdings muss ich auch gestehen, dass ich nicht glaube, dass „Darkbeast“ eine Geschichte ist, von der ich langfristig viele Elemente behalten werde. Manche Passagen finde ich im Rückblick unausgewogen und hätte es lieber gesehen, wenn die Autorin andere Schwerpunkte gesetzt hätte, bei anderen Dinge scheue ich davor zurück zu viel zu hinterfragen (zum Beispiel bei den wirtschaftlichen oder politischen Aspekten). Trotzdem habe ich den Roman gemocht, fand ihn unterhaltsam und freue mich darauf irgendwann herauszufinden, wie es mit Keara und Caw weitergeht.

Holly Webb: Rose (Rose 1)

Ich habe Ende November „Rose“ von Holly Webb durch eine Rezension zu der Reihe von Tamora Pierce entdeckt und konnte gerade noch vor meinem Geburtstag die vier Bände auf den Wunschzettel setzen. (Kurz darauf habe ich dann noch herausgefunden, dass ich die Bücher schon mal nach Kiyas Rezension ins Auge gefasst hatte. Das kommt davon, wenn der „noch überlegen“-Zettel viel zu lang ist … *g*) Bei der „Weihnachtsaktualisierung“ meiner Wünsche habe ich dann festgestellt, dass Band 2-4 vom Wunschzettel verschwunden waren – und da ich keine Lust hatte, darauf zu warten, ob sich jemand zu Weihnachten des ersten Teils erbarmt, habe ich das Buch kurzerhand bestellt und dann innerhalb eines Tages gelesen. Nach dieser viel zu langen Einleitung könnte ich mich eigentlich auf ein „Das war wirklich ein hübsches Buch!“ beschränken, aber das wäre dann vielleicht doch etwas unausgewogen. 

„Rose“ ist der erste Band einer vierteiligen Reihe rund um das Waisenmädchen Rose, das sein ganzes Leben lang im St. Bridget’s Home for Abandoned Girls verbracht hat und von einer Zukunft als Dienstmädchen träumt. Denn im Gegensatz zu all den anderen Mädchen, die große Träume hegen, um den Alltag zu überstehen, ist sie sich sicher, dass eine Existenz als Dienstmädchen perfekt für sie wäre. Dort hätte sie eine Arbeit, die sie beherrscht, könnte für ihren eigenen Lebensunterhalt aufkommen und es gäbe sogar jeden Monat einen freien Tag. So ist es kein Wunder, dass Rose überglücklich ist, als sie von der Haushälterin Miss Bridges ausgewählt wird, um eine Stelle im Haushalt des Hofmagiers Fountain anzutreten.
Mit Magie hat sie bislang keine Erfahrungen gemacht, aber solange der Dienstbotenbereich davon verschont wird, hat sie überhaupt kein Problem damit, im Haushalt eines angesehenen Zauberers zu arbeiten. Doch ganz so einfach wird ihre neue Tätigkeit für Rose nicht, denn sie bemerkt immer wieder ungewöhnliche Dinge an ihrem neuen Arbeitsplatz, die die anderen Dienstboten nicht sehen können. Natürlich steht für den Leser von Anfang an fest, dass auch Rose über eine – wie auch immer geartete – magische Begabung verfügt und dass sie sich in der Hinsicht selbst belügt.
Ich fand es einfach wunderbar, Rose kennenzulernen und mit ihr zusammen den Fountain-Haushalt zu erforschen. Es gab einige amüsante Szenen, die entweder aus Roses Selbstbetrug oder allgemein aufgrund ihrer Ansichten zu einigen Themen (und Personen) entstanden sind. Dazu kam noch ein kleiner „Kriminalfall“, der relativ kindgerecht und wenig überraschend gestaltet war, aber mich trotzdem unterhalten konnte. Doch vor allem sind es die Figuren – inklusive Gustavius, der der Kater des Magiers ist – die mich bezaubert haben. Sie alle haben Ecken und Eigenheiten und es macht Spaß, die vielen kleinen Szenen, die daraus resultieren, zu erleben. So gibt es nicht gerade viel „Action“ in diesem Roman, aber ehrlich gesagt war es in meinen Augen genau so richtig für diese Geschichte. „Rose“ hat mir eine wunderschöne Lesezeit beschert und ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzungen.

Laura Amy Schlitz: Clara und die Magie des Puppenmeisters

„Clara und die Magie des Puppenmeisters“ von Laura Amy Schlitz war eine Spontanausleihe in der Bibliothek und hat mir beim Lesen großes Vergnügen bereitet. Die Geschichte spielt zum Großteil im November und Dezember 1860 in London und beginnt mit dem zwölften Geburtstag von Clara Wintermute. Das Mädchen ist die einzige Tochter eines wohlhabenden Arztes und seiner Frau – und die einzige Überlebende von insgesamt fünf Geschwistern. So ist Claras Leben vor allem vom Gedenken an ihre verstorbenen Brüder und Schwestern geprägt, was sie sehr belastet. Umso mehr freut sie sich, als ihr Vater zugestimmt hat, dass der Puppenspieler zu ihrer Geburtstagsfeier eingeladen wird, den sie vor einigen Tagen bei einem Spaziergang mit ihrer Gouvernante im Park gesehen hat.

Natürlich kann Clara zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen, dass „Professor“ Grisini, der gemeinsam mit seinen beiden jungen Helfern Parsefall (der ein Künstler mit den Marionetten und auch sonst sehr geschickt mit seinen Fingern ist) und Lizzie Rose (die unter anderem für die musikalische Untermalung zuständig ist) die transportable Puppenbühne betreibt, ein skrupelloser und gefährlicher Mann mit übernatürlichen Fähigkeiten ist. So liegt der Verdacht nahe, dass der Puppenmeister seine Hände im Spiel hat, als Clara kurz nach ihrem Geburtstag verschwindet. Auch Lizzie Rose und Parsefall gehen davon aus, dass ihr Vormund etwas mit dem Verbrechen zu tun hat. Doch solange sie von Grisini abhängig sind und ihr Alltag so beschwerlich und von Entbehrungen geprägt ist, sind Claras Schwierigkeiten nicht ihre oberste Priorität.

Im Laufe der Handlung findet der Leser – ebenso wie auch Lizzie Rose und Parsefall – mehr über Grisini, über Claras Verbleib, über die Magie und über die Hexe Cassandra, die letztendlich der Auslöser für all die Ereignisse ist, heraus. So sind Lizzie Rose und Parsefall für mich die eigentlichen Hauptfiguren in der Geschichte, da sie es sind, die die Handlung vorantreiben und um deren Schicksal es immer wieder geht – was mit ein Grund dafür ist, warum ich den Originaltitel, „Splendors and Glooms“, deutlich passender finde als den deutschen. Auch beschreibt der Originaltitel die wundervolle Atmosphäre der Geschichte viel besser. Das ganze Buch ist bestimmt von einer Mischung aus Trauer und Bedrücktheit, aber auch Freundschaft und der Fähigkeit, für kleine Dinge dankbar zu sein und sie zu genießen. Dabei gibt es auch immer wieder sehr hübsche amüsante Momente, die mich zum Schmunzeln gebracht haben.

Laura Amy Schlitz ist es gelungen, sowohl Claras Leben als „armes reiches Mädchen“ im materiellen Überfluss als auch Lizzie Roses und Parsefalls Alltag in Armut und Angst, aber dafür mit der Magie des Puppenspiels und dem – zumindest ab und an aufkommenden – Zusammenhalt der beiden überzeugend zu beschreiben. Abgesehen von Grisini wird keine Figur rein schwarz oder weiß beschrieben und selbst der Puppenmeister bekommt eine sympathische Seite, wenn man bedenkt, welche Bedeutung das Marionettentheater für ihn hat. Jeder Charakter hat seine Stärken und Schwächen und selbst wenn man jemanden nicht unbedingt sympathisch findet, so kann man doch die Beweggründe der betreffenden Person verstehen und nachvollziehen, wie es dazu kam, dass sich derjenige so entwickelt hat.

Die Magie zieht sich durch den gesamten Roman, ohne dabei im Vordergrund zu stehen. Dabei dreht es sich nicht nur um die Zauber, die Grisini und die Hexe Cassandra beherrschen, sondern auch um die Magie, die das (Puppen-)Theater ausüben kann oder die durch Gefühle und Träume entsteht. Die Magie ist durchgehend da, und gerade gegen Ende wird den Protagonisten immer bewusster, worum es eigentlich geht. Das führt zu sehr emotionalen Momenten. Dennoch haben mir vor allem die ganzen kleinen Alltagsszenen rund um Lizzie Rose und Parsefall gefallen sowie die Szenen, in denen Clara die Gelegenheit bekommt, in ganz andere Lebensumstände hineinzuschnuppern.

Insgesamt war das einfach ein wirklich schöner und atmosphärisch geschriebener Roman mit tollen Charakteren, wunderbar unheimlichen Momenten und immer wieder überraschenden Entwicklungen.

Sarah Rees Brennan: Unspoken (The Lynburn Legacy 1)

Ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Blog ich „Unspoken“ von Sarah Rees Brennan entdeckt habe, nur noch, dass es im Rahmen einer „7 Days – 7 Books“-Aktion war. Nachdem das schöne Hardcover (zu dem es natürlich keine optisch passenden Fortsetzungen gibt *seufz*) bei mir eingezogen war, lag es erst einmal eine Weile auf dem SuB, bis ich in den letzten Tagen endlich Lust auf eine „märchenhafte Jugend-Urban-Fantasygeschichte mit Schauerromanelementen“ hatte. Dafür habe ich dann das Lesen des Romans umso mehr genossen und mir bewusst Zeit damit gelassen, weil ich die Atmosphäre der Geschichte so gemocht habe.

Vorneweg schon mal zwei Kritikpunkte: Meiner Meinung nach handelt die 17jährige Protagonistin Kami häufig, als wäre sie jünger, auch wenn es immer wieder Szenen gibt, in denen sie sehr erwachsen und verantwortungsbewusst wirkt, und das fand ich stellenweise irritierend. Und ich bin mir nicht sicher, was ich von dem Ende halte. Es gibt kein Happy End, was gut ist, denn das hätte bei der Geschichte nicht gepasst – mit der Entwicklung der Handlung bin ich einverstanden, die ist stimmig. Es ist ein offenes Ende, was okay ist, denn es ist der erste Teil einer Trilogie und da kann ich mit Cliffhangern leben. Trotzdem fand ich die letzte Szene ein bisschen unbefriedigend und kann nicht genau den Finger drauflegen, warum das so ist. Von diesen zwei Punkten abgesehen habe ich die Geschichte, die Protagonistin Kami und ihre Ermittlungen bezüglich der geheimnisvollen Familie Lynburn sehr gemocht.

Kami Glass lebt schon ihr ganzes Leben lang in dem kleinen Ort Sorry-in-the-Vale und empfindet sich aus gleich zwei Gründen als Außenseiterin. Auf der einen Seite ist ihre Großmutter Japanerin gewesen (was man ihrem Vater und ihren Brüdern auch ansieht) und auf der anderen Seite tauscht sie sich von klein auf regelmäßig mit ihrem unsichtbaren Freund Jared über all ihre Gedanken und Gefühle aus. Genauer gesagt existiert dieser Freund nur als Stimme in ihrem Kopf, und auch wenn sie seine Existenz nicht an die große Glocke hängt, wird sie immer wieder von diesen Gesprächen in ihrem Kopf so sehr abgelenkt, dass sie ihrer Umgebung und den „realen Menschen“ in ihrem Umfeld nicht die angemessene Beachtung schenkt.

Kamis großer Traum ist es, einmal als Reporterin erfolgreich zu sein, und so überredet sie ihre einzige Freundin Angela, zusammen mit ihr eine Schülerzeitung zu starten. Großes Thema der ersten Ausgabe ist die Rückkehr der Familie Lynburn, der ein Großteil des Grundbesitzes in Sorry-in-the-Vale gehört und die auch in heutiger Zeit immer noch sehr nach Gutsherren-Art in der kleinen Stadt herrscht. Die beiden Lynburn-Schwestern Rosalind und Lillian hatten den Ort unabhängig voneinander vor langer Zeit verlassen – und wenn man den kleinen Nebenbemerkungen der Ortsansässigen glauben darf, dann war das ein großes Glück für alle Anwohner. Kami ist sich sicher, dass es ein Geheimnis um die Familie Lynburn gibt, und obwohl ihr von allen Seiten abgeraten wird, macht sie sich daran, dieses Geheimnis herauszufinden. Eine große Überraschung gibt es dabei für sie schon sehr früh: Ihr unsichtbarer Freund Jared ist nicht nur ein real existierender Junge, sondern auch noch der Sohn von Rosalind Lynburn.

Ich mochte es sehr, wie Kamis Freundschaft mit Jared anfangs beschrieben wird (wobei ich mich später schon fragte, wie die beiden ihre Freundschaft so führen konnten, wenn er doch all die Jahre in Amerika lebte und es da schon einen kleinen Zeitunterschied zu England gibt 😉 ) und wie sehr ihr Wohlbehagen über eine so vertraute Seele in Entsetzen umschlägt, als sie feststellen muss, dass es da einen realen Jungen gibt, der jedes ihrer Geheimnisse kennt. Sarah Rees Brennan hat es meiner Meinung nach sehr schön hinbekommen, diesen Zwiespalt zwischen „wir kennen uns so lange, wir sind die besten Freunde“ und „die andere Person kennt mich durch und durch, was sie in die Lage versetzt, mich tiefer zu verletzen als jeder andere“ zu beschreiben.

Dazu kommt noch die ungewöhnliche Stadt Sorry-in-the-Vale, die sich anfangs wie eine ganz normale Kleinstadt anfühlt, in der sich alle relativ gut kennen und ihrem ganz gewöhnlichen Leben nachgehen. Und wer mal für eine Zeit dem Kleinstadtmief entkommen will, fährt eben für ein paar Tage nach London, um etwas Großstadtluft und Kultur zu tanken. Erst nach und nach stellt sich heraus, dass sich mehr hinter der Kleinstadtfassade verbirgt und dass es einen Grund für die tiefsitzende Furcht vor der Familie Lynburn gibt. Auch hier hat es mir gefallen, wie die Autorin so nach und nach kleine Elemente in die Handlung eingeflochten hat, die auf etwas Übernatürliches hindeuten und die dafür sorgen, dass die Atmosphäre in der Geschichte immer beklemmender wird.

Überhaupt waren es diese kleinen Momente, die diesen Roman für mich – trotz aller unheimlichen und schrecklichen Ereignisse – zu einem Wohlfühlbuch gemacht haben. Ich mochte es, wie mich die Welt, die Sarah Rees Brennan da geschaffen hat, zum Tagträumen animiert hat, und mir gefiel Kamis Verhältnis zu ihrer Familie ebenso wie das zu ihren Freunden (denn natürlich ist Angela langfristig nicht die einzige Person, die von Kami in die Angelegenheit verwickelt wird). Da war es auch vollkommen in Ordnung, dass mich die Geschichte, trotz aller tragischen Momente, weniger emotional bewegt als meine Fantasie angeregt hat, während ich über die eine oder andere Situation und diverse Dialoge schallend gelacht habe.

Joe Donnelly: Jack Flint und der Bann des Herzsteins (Jack Flint 1)

„Jack Flint und der Bann des Herzsteins“ von Joe Donnelly ist der erste Band der Jack-Flint-Trilogie. Die Geschichte wird aus der Sicht des vierzehnjährigen Jack Flint erzählt, dessen Vater ihn vor vielen Jahren in die Obhut des Majors gegeben hat. Der Major lebt am Rande des schottischen Cromwath Blackwood – ein von einer hohen Mauer umschlossener Wald, über den im Ort diverse Schauergeschichten im Umlauf sind. Jack und seinem besten Freund Kerry Malone, der ebenfalls beim Major lebt, ist es streng verboten den Wald zu betreten, doch sie sind wild entschlossen sich am kommenden Tag über dieses Verbot hinwegzusetzen und den unheimlichen Wald zu erkunden. Doch erst einmal steht an diesem Abend das Samhain-Fest an – an dem sich Jack und Kerry unverhofft auf der Flucht vor unheimlichen Wesen finden, die in den Besitz des Majors eingedrungen sind.

Noch in den Kostümen (Jack als Cuchulainn inklusive Bogen und Köcher, Kerry als David inklusive Schleuder), die sie für das Samhain-Fest gewählt haben, und ausgestattet mit einem geheimnisvollen Buch und einem ebenso mysteriösen Stein, die ihnen der Major im letzten Moment in die Hand gedrückt hat, fliehen die beiden Jungen in den Cromwath Blackwood. Erst als Jack und Kerry in einen Steinkreis flüchten, können sie die angsteinflößenden Schattenwesen abschütteln, die hinter ihnen her sind, – nur um sich kurz darauf in einer anderen Welt wiederzufinden. Temair ist keine harmlose Welt, was den beiden Jungen schon in den ersten Momenten bewusst wird, finden sie sich doch auf einem Schlachtfeld wieder, auf dem vor kurzem erst viele Kämpfer den Tod gefunden haben.

Wenige Zeit später treffen Jack, der durch die unheimlichen Wesen verletzt wurde, und Kerry auf das Mädchen Corriwen Redthorn, das ihnen mehr über Temair und die Schlacht, die dort vor kurzem stattgefunden hat erzählt. Gemeinsam ziehen die drei los, um das Schwert der Redthorn zu finden, mit dem Corriwen ihr Volk, die Dalriada, wieder vereinigen und in den Kampf gegen den bösen Mandrake führen kann. Die Geschichte ist nicht besonders neu und wird sehr gradlinig erzählt, aber das fand ich angenehm und passend. Joe Donnelly verwendet vertraute keltische Elemente, mischt sie mit eigenen Ideen wie die Scree (monströse Figuren, die im Wasser wie Steine sinken), bei denen ich es schön finde, dass die einzige (englische) Definition, die man für den Begriff findet, sich auf Geröll (am Fuß eines Berges oder Vulkans) bezieht. Man muss keine Ahnung von keltischer Mythologie haben, um die Geschichte zu genießen, aber wenn man etwas Vorwissen hat, ist es umso schöner zu sehen, was der Autor aus den bekannten Elementen gemacht hat.

Jack, Kerry und Corriwen müssen im jedem Kapitel neue Gefahren bestehen und für manche finden sich überraschende Lösungen. Dabei geht Joe Donnelly nicht gerade sanft mit seinen Protagonisten um, auf der anderen Seite ist der Roman aber immer noch für Jugendliche (die Altersangabe des Verlags liegt bei 12-14 Jahren) geeignet. Der Autor bekommt es auch ganz gut hin, dass die Jungen mit dem „Weltenwechsel“ auf einmal besondere Fähigkeiten besitzen, ohne dass sie dabei wie unmenschliche Superhelden wirken. Natürlich wäre es noch schöner gewesen, wenn er darauf verzichtet hätte, dass Jack, der vorher beklagte, dass er nicht kämpfen könnte, nun ein erstklassiger Bogenschütze ist, aber ich kann damit leben.

Insgesamt erinnert mich der erste Jack-Flint-Band vom Aufbau und von der Erzählweise her an so einige fantastische britische Kinder- und Jugendbücher, die ich als Jugendliche gelesen und gemocht habe. Jack, Kerry und Corriwen müssen um das Überleben von Temair und allen anderen Welten kämpfen, wobei Mandrake nur ein Zwischengegner im Kampf gegen das Böse ist. Dabei reisen sie quer durch Temair, begegnen Bösewichten und neuen Freunden und erleben schreckliche und wundersame Sachen. Ich mag Joe Donnellys Variante des „Kleinen Volks“, ich mag es, wie er die Morrigan darstellt und welche Rollen die Barden in dieser Geschichte übernehmen. „Jack Flint und der Bann des Herzsteins“ ist nicht gerade die Neuerfindung des Genres und es gibt einige Kritikpunkte, die ich nicht übersehen kann, aber es ist ein unterhaltsames Jugendbuch mit sympathischen Figuren und ein paar wirklich schönen Ideen rund um bekannte keltische Elemente.

Tamora Pierce: Terrier (The Legend of Beka Cooper 1)

Ich fürchte, ich muss euch warnen, dass das hier ein längerer Beitrag wird. Ich habe nämlich nicht nur einige Gedanken zu diesem Buch, sondern auch das Bedürfnis die Geschichte in ein Verhältnis zu den anderen Titeln von Tamora Pierce zu setzen. 😉 Wie sehr ich die Alanna-Romane von der Autorin mag, kann man schon in meinem Figurenkabinett-Beitrag zu Alanna von Trebond sehen, und an meiner Begeisterung für die Serie hat sich in den letzten dreißig Jahren nichts geändert. Ich lese sie immer wieder gern, vergieße Tränen. lache und freue mich für Alanna und ihre Freunde. Aber ich muss auch zugeben, dass die Geschichten rund um Alanna relativ gradlinig und einfach konzipiert sind. Nicht nur, weil die Handlung für Jugendliche geschrieben wurde und Tamora Pierce die Abenteuer der jungen Frau erfunden hat, während sie sie einer Gruppe von Mädchen erzählte, sondern auch weil es nun mal das erste Werk der Autorin ist. Die folgenden Serie zeigen deutlich die Entwicklung der Autorin. Ihre Charaktere sind zwar – bei allem Realismus – immer recht klar entworfen (man wird als Leser selten darüber im Umklaren gelassen, wer „gut“ und wer „böse“ ist), aber ihre Welt wird komplexer, sozialkritischer und vielfältiger.

Spielt Alannas Geschichte noch zum Großteil am Hof von Corus, wo sie – trotz aller Herausforderungen – relativ behütet in ihrem kleinen „Hofkosmos“ aufwächst, so tauchen in der dritten Tortall-Serie (rund um Keladry of Mindelan) erstmals Dienstboten auf, bei denen die Abhängigkeit von ihren Arbeitgebern ebenso spürbar ist, wie die Fragilität eines Lebens außerhalb der Adelskreise. Selbst Dhana (Protagonistin der zweiten Serie von Tamora Pierce), die aus kleinen Verhältnissen kommt und in der Vergangenheit unschöne Erlebnisse hatte, wird ab dem Moment, ab dem sie zur Angestellten des königlichen Hofs wird und ihre besondere Gabe entdeckt wird, von ihrer Arbeitgeberin und ihren Freunden behütet. So erlebt man als Leser zwar mit, wie sie Kämpfe ausfechten muss und mit ihrer Magie umzugehen lernen muss, aber sie ist die ganze Zeit über finanziell abgesichert und hat einflussreiche Persönlichkeiten, die hinter ihr stehen.

Erst bei den Emelan-Geschichten beweist Tamora Pierce, dass eine ihrer Welten vielschichtiger sein kann. Dort treffen vier Kinder mit besonderen Fähigkeiten aufeinander – und bei aller Freundschaft macht sich ihre unterschiedliche Herkunft (eine Adelige, eine Kaufmannstochter, eine Angehörige eines anderen Volkes und ein Dieb) immer wieder bemerkbar. Auch reisen die vier in den späteren Büchern mit ihren Ausbilderinnen umher und treffen auf die verschiedensten Gesellschaftsschichten. Diese Entwicklung macht die Emelan-Geschichten für mich ebenfalls zu etwas Besonderem, auch wenn viele Leser die anscheinend nicht ganz so sehr mögen wie die Tortall-Romane. Was mich jetzt endlich zu dem ersten Band rund um Beka Cooper bringt. Für diejenigen, die die Alanna-Bücher kennen: Beka ist George Coopers Vorfahrin, aber das ist auch schon die einzige direkte Verbindung zu den älteren Tortall-Geschichten.

Beka lebt dreihundert Jahre vor Alannas Geschichte in Corus, genauer gesagt wächst sie im Armenviertel der Hauptstadt auf. Zwei einleitende Berichte erzählen auf der einen Seite davon, wie ihre Mutter entdeckt, dass Beka eine (eher geringe magische) Begabung hat, auf der anderen Seite wie das damals achtjährige Mädchen einen der Wächter (Dog) mit Informationen versorgt, die es ihm ermöglichen eine berüchtigte Bande zu stellen. Dieser Tag stellt für Beka und ihre Familie einen Wendepunkt da, denn von diesem Zeitpunkt an gehören sie zu dem Haushalt des Lord of Provost, der für die Wächter verantwortlich ist und dessen Position das Mädchen mit ihren Informationen gerettet hat. Ein paar Jahre später beginnt Beka ihre Ausbildung (als Puppy) bei den Wächtern, wild entschlossen einer der besten Hunde zu werden, die je in Corus Dienst getan haben.

Bekas Geschichte wird von diesem Tag an detailliert von ihr erzählt, denn ihr Ausbilder hat ihr und ihren Kameraden aufgetragen ein Berichtsheft zu führen, um ihre Beobachtungsgabe zu schulen. So bekommt man viele Details von ihrem Alltag mit, aber auch ihre Sicht auf ihre Arbeit, auf das Leben in den Armenvierteln der Stadt – und auf die Kompromisse, die die überarbeiteten und unterbezahlten Wächter jeden Tag eingehen müssen. Sklaverei ist ein – relativ – normales Geschäft, was bedeutet, dass Kinderfänger ein relativ alltäglicher Anblick in den Armenvierteln sind, die Wächter bekommen wöchentliche „Happy Bags“ von den Händlern (und der Diebesgilde) und oft genug wird ein kleiner Verbrecher nur ermahnt, weil eine Verhaftung mehr Zeit und Aufwand bedeuten würde, als die Wächter dafür aufbringen können.

Während ihrer Ausbildung sieht Beka in den Armenvierteln wenig Neues, sie kennt das Leben in diesen Straßen, sie hat selber erlebt, wie ihre Spielgefährten von ihren Eltern verkauft wurden, damit mit dem Geld die anderen Kinder durchgefüttert werden konnten, und sie weiß um die Macht, die der Schurke (der König der Diebe) in Corus hat – oder besser gesagt hatte, denn der aktuelle Schurke ist alt und nachlässig geworden. Aber nun hat sie zum ersten Mal die Gelegenheit aktiv gegen all die Verbrechen, die Tag für Tag in den Straßen von Corus passieren, vorzugehen – und muss dabei entdecken, dass es manchmal ein schwieriger Balanceakt ist, denn nun scheint keine Seite sie mehr als dazugehörig zu empfinden.

Ich mag es, wie Tamora Pierce das Leben in den Armenvierteln beschreibt. Es ist ein schwieriges Leben, voller Armut und Krankheit und Bedrohungen, aber sie zeigt auch die „Tagseite“ dieser Viertel, die Frauen, die an den Brunnen Wasser holen, die Handwerker, die den Tag über in ihren Werkstätten arbeiten, die Händler, die für jeden Geldbeutel Ware anzubieten haben, und die Kinder, die den Tag über den Straßen spielen, bis ihre Eltern von der Arbeit nach Hause kommen. Genauso gibt es auch bei den Dogs Licht und Schatten. Einige sind voller Pflichtgefühl, wollen etwas Gutes bewirken und sich auch nach all den Jahren noch nicht abgestumpft, andere lassen sich bestechen, trinken im Dienst oder sind einfach nur unfähig. Natürlich geht es Beka relativ gut. Sie hat Arbeit, sie hat Ausbilder, die ihren Job beherrschen und sie hat Freunde, denen sie vertrauen kann und die sie unterstützen, trotzdem gibt es immer wieder kleine Momente, die zeigen, dass sie keinen einfachen Weg gewählt hat.

Dazu kommen noch die beiden großen Fälle, die sich durch den ganzen Roman ziehen. Auf der einen Seite wurden mehrere Personen ermordet – wovon Beka aufgrund ihrer Magie erfährt -, aber die Wächter können die Leichen nicht finden, was die Ermittlungen deutlich erschwert. Auf der anderen Seite scheint eine unheimliche Gestalt ihr Unwesen in den Armenvierteln zu treiben und Kinder zu stehlen. Dabei werden die Kinder nicht an die Sklavenhändler verhökert, sondern die Eltern werden um ihre wenigen wertvollen Besitztümer wie Erbstücke oder Zauberbücher gebracht. Wenn sie nicht auf die Erpressung eingehen, stirbt das Kind –  und im schlimmsten Fall wird ein weiteres Kind der Familie entführt. Diese Entführungen nimmt Beka persönlich. Nicht nur wurde der kleine Sohn ihrer Freundin Tansy entführt und getötet, auch hat sie das Gefühl, dass es jederzeit auch sie oder ihrer jüngeren Geschwister hätte treffen können. Die Tatsache, dass ein Erpresser sich auf die ärmsten und hilflosesten Bürger der Stadt stürzt macht Beka wütend und sorgt dafür, dass sie in ihrer Freizeit weiter Spuren verfolgt.

Ich mag es, wie Tamora Pierce hier zeigt wie unterschiedlich Menschen auf Unglücksfälle und Erpressungen reagieren. Wie manche Personen die Situation ausnutzen und andere daran zerbrechen – und so sehr ich die Alanna-Bücher mag, so bin ich doch froh, dass sich die Autorin weiterentwickelt hat und nun vielschichtigere Charaktere und Geschichten schreibt. Trotz aller Grauschattierungen gibt es immer noch genügend Momente, die einen zum Lachen bringen oder in denen gezeigt wird, wie wichtig die Freundschaft zwischen Beka und ihren Kollegen und Mitbewohnern ist. Auch wenn einem genau diese Szenen kurz darauf dann die Tränen in die Augen treiben. Letztendlich ist Corus immer noch die Stadt, die der Leser in den ersten Geschichten von Tamora Pierce kennengelernt hat, aber dieses Mal sieht man so viel mehr Menschen und Leben auf den Straßen …

Oh, und noch ein kleiner Hinweis für Alanna-Fans: In gewisser Weise gibt es sogar ein Wiedersehen mit Immertreu. 🙂

Akram El-Bahay: Flammenwüste (Flammenwüste 1)

Nachdem Tine mich am Wochenende gefragt hatte, ob dieser Titel der Seraph-Gewinner (für den besten Debüt-Roman) sei, kann ich nun bestätigen, dass Akram El-Bahay mit „Flammenwüste“ wirklich den Seraph gewonnen hat. (Da sieht man mal wieder, wie gut ich zur Zeit informiert bin. 😉 ) Allerdings frage ich mich nun, ob die Konkurrenz so schwach gewesen ist oder ob es preiswürdige Aspekte an diesem Roman gibt, die mir entgangen sind. „Flammenwüste“ ist definitiv kein schlechtes Buch, aber so begeistert bin ich davon nicht, dass ich es mit einem Preis auszeichnen würde.

Die Geschichte dreht sich um den jungen Anûr, der sich in einem leichtsinnigen Moment als sein Großvater, der berühmte Geschichtenerzähler Nûr el-Din, ausgibt und so in ein gefährliches Abenteuer stolpert. Denn der Sultan von Nabija sucht den Rat des weisen Geschichtenerzählers bei der Jagd nach einem Drachen, der einige Ansiedlungen in der Wüste zerstört und dabei viele Menschen getötet haben soll. Obwohl viele Menschen in Nabija davon ausgehen, dass Drachen reine Sagengestalten sind und dass das Wüstenvolk der Harschirim für die Gräueltaten verantwortlich ist, schickt der Sultan einen Trupp aus, um den Drachen zu töten. Anûr wird mit diesen Kriegern mitgeschickt – einerseits als Bestrafung, weil er eine falsche Identität angegeben hat, andererseits als Anerkennung für die Tatsache, dass es ihm gelungen war, ein uraltes Rätsel zu lösen.

Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass Anûr natürlich einige Abenteuer besteht und im Laufe der Zeit nicht nur Freunde findet, sondern sehr viele fantastische Orte erkunden kann. Akram El-Bahay hat wirklich viele fantastische Einfälle gehabt und ich mochte die diversen Völker, ihre Wohnorte und ihre Lebensweise. Diese Details und zum Teil auch die Vermischung von orientalischen Einflüssen mit Elementen aus der klassischen westlichen Fantasyliteratur hat mir sehr gut gefallen. Der Autor beschreibt die Wüste mit all ihren Facetten sehr schön atmosphärisch und es wurden von ihm immer wieder Märchen in die Geschichte eingeflochten, die von geschichtlichen Ereignissen berichten oder von Figuren, von denen man dachte, dass es reine Sagengestalten seien.

Doch trotz all dieser wirklich hübschen und reizvollen Szenen und Ideen hat mich das Buch nicht richtig packen können. Die Geschichte war nett, aber nicht so spannend, dass ich jetzt unbedingt hätte weiterlesen müssen. Die Figuren waren sympathisch und hatten auch ihre Schwächen und doch muss ich – gerade mal einen halben Tag nach dem Auslesen des Romans – schon genau darüber nachdenken, wer denn nun alles dabei war. So richtig hat sich keiner bei mir eingeprägt, keiner hat mich so sehr berührt, dass er bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätte. Der Protagonist Anûr muss schnell feststellen, dass seine Vorstellung vom „Heldendasein“ etwas illusorisch war und so wäre er doch eigentlich gern wieder nur ein einfacher Geschichtenerzählerlehrling. Doch die Umstände sorgen dafür, dass er seiner Rolle als „Held“ nicht entkommen kann – und in diesem Fall sind es wirklich zwingende Umstände (verflixt schwierig, wenn ich nicht spoilern will), die den jungen Mann in den entscheidenden Situationen wie eine Marionette wirken lassen.

Ich glaube, das war mein größtes Problem mit der Geschichte: Auch wenn es in der Regel Anûrs Entscheidung ist, die dafür sorgt, dass der Kampf gegen das Böse weitergeht, so scheint er bei den wirklichen Kämpfen doch nicht so recht anwesend zu sein. Es sind nicht seine Fähigkeiten, die ihn dazu bringen, Rätsel zu lösen oder Kämpfe zu bestehen. Es handelt sich immer um Wissen oder Fertigkeiten, die er nicht bewusst einsetzen kann. Dazu kommt noch, dass mir die Beziehungen zwischen den Figuren häufig ebenso ein Rätsel sind wie ihre Motive. Beides ist für mich nicht wirklich nachvollziehbar dargestellt: Auf der einen Seite gibt es Szenen, in denen die Reisegefährten handeln, als wären sie die besten Freunde, auf der anderen Seite wird kaum beschrieben, wie sich die Personen näher kommen und mehr über den anderen herausfinden und sich so Sympathien entwickeln können.

Nnedi Okorafor: Akata Witch

Auf „Akata Witch“ von Nnedi Okorafor bin ich im letzten Jahr über Jim Hines Rezension (wer den Link öffnet, kann gleich noch diese Rezension lesen, die aus Igbo-Sicht über das Buch schreibt) aufmerksam geworden. Da ich den Schauplatz (Nigeria) ebenso interessant fand, wie die Protagonistin Sunny, habe ich den Roman auf meinen Wunschzettel gesetzt, zum Geburtstag geschenkt bekommen – und dann aufgehoben, bis ich in der richtigen Stimmung für die Geschichte war. 😉 In den letzten Tagen war es endlich soweit, nachdem ich nicht nur mehrere Titel, die sich in irgendeiner Form mit Afrika beschäftigten, gelesen habe, sondern auch eine Woche Urlaub hatte.

Sunny ist ein zwölfjähriges Mädchen, gehört zu den Igbo und lebt seit drei Jahren in Nigeria, nachdem sie die ersten neun Jahre ihres Lebens in den USA verbracht hat. Außerdem ist Sunny ein Albino und erträgt aufgrund ihrer empfindlichen Haut die Sonne nicht. Was mir an Sunny von Anfang an gefiel, war, dass sie es zwar nicht einfach hat – sie hat von klein auf damit leben müssen, dass sie „anders“ ist und das Gefühl hat sich durch die Rückkehr ihrer Eltern nach Nigeria nur noch verstärkt -, dass sie aber nicht darüber jammert. Sie ist schon mal wütend oder resigniert, sie weiß aber auch, dass sie eben das Beste aus ihrer Situation machen muss. Noch komplizierter wird ihr Leben, als sie herausfindet, dass sie zu den „Leopard People“ gehört, zu den Menschen, die Magie wirken können.

Die Handlung in „Akata Witch“ (Akata ist übrigens ein verächtliches nigerianisches Wort für Menschen, die zwar afrikanischstämmig sind, aber in Amerika geboren und aufgewachsen sind) ist relativ klassisch für ein fantastisches Jugendbuch: Ein Kind findet heraus, dass es besondere Fähigkeiten hat, dass neben der „normalen“ Gesellschaft noch eine magische Parallelgesellschaft existiert (und bitte verkneift euch an dieser Stelle den Harry-Potter-Ruf) und dass es etwas Böses gibt, das bekämpft werden muss. Nnedi Okarafor macht aus diesem Grundrezept aber eine für mich besondere Geschichte, nicht nur dadurch, dass die Handlung spürbar in Nigeria spielt und es immer wieder Verweise auf die Igbo- und andere (west-)afrikanische Kulturen gibt, sondern auch durch die Darstellung ihrer Figuren.

Sunny, ihre Freunde und die Mentoren, die die Jugendlichen im Laufe der Zeit gewinnen, sind wunderbar überzeugende Charaktere. Jeder einzelne fühlt sich unverwechselbar an und jeder hat seine kleinen Macken und Vorzüge. Und bei allen Reibereien steht für die vier Jugendlichen doch fest, dass sie Freunde sind und zusammenarbeiten müssen. Die Handlung schreitet relativ langsam voran, was ich persönlich sehr angenehm fand, denn so hatten die verschiedenen Figuren die Möglichkeit zu lernen und sich zu entwickeln. Dazu hat die Autorin immer wieder kleine – mehr oder weniger – alltägliche Momente einbaut, die zeigen wie das „normale“ und das magische Leben von Sunny nebeneinander existiert und welche Schwierigkeiten sich daraus ergeben.

Ich weiß gar nicht, wie ich all die kleinen Dinge beschreiben soll, die ich an diesem Roman so sehr gemocht habe. Es gelingt Nnedi Okorfor ganz viele Themen anzusprechen, die nicht nur für die jugendlichen Leser, sondern allgemein relevant sind, ohne dass sie dabei je das Gefühl vermitteln wurde, sie würde den Zeigefinger heben und jetzt etwas Wichtiges sagen. Sunny vergleicht immer mal wieder ihr Leben mit dem ihrer Brüder oder denkt darüber nach wie schwierig es für Mädchen ist in eine Fußballmannschaft aufgenommen zu werden, weil das eben reine Jungen-Mannschaften sind. Aber es gibt auch Szenen, in denen z.B. die Vorurteile der einzelnen Volksgruppen innerhalb Nigerias angedeutet werden oder in denen es um Rassismus in den USA geht. All das wird ganz natürlich in die Geschichte eingeflochten, weil es eben zum Leben der Protagonisten gehört.

„Akata Witch“ war für mich ein unterhaltsamer, spannender und auch lehrreicher Urban-Fantasy-Roman und hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich gleich nach dem Lesen die weiteren Romane der Autorin auf meine Merkliste gesetzt habe. Ich mochte auch all die Elemente, die zu der – zum Teil wirklich schrecklichen und tödlichen – magischen Welt, die die Autorin geschaffen hat, gehörten. Zusätzlich fand ich es toll, dass Sunny und ihre Freunde zwar in gewisser Weise „auserwählt“, aber in ihrer Gesellschaft definitiv nicht unersetzlich sind. Ich wünschte, ich könnte mehr über die Magie oder die besonderen Wesen oder all die anderen Sachen schreiben, aber da es für mich so schön war all diese Dinge beim Lesen zu entdecken, halte ich mich da lieber zurück. Ach ja, die Geschichte ist meiner Einschätzung nach für Leser ab zehn Jahren geschrieben worden, ist aber – wie man an meiner Begeisterung sehen kann – auch für erwachsene Leser gut geeignet.

Emma Kennedy: Wilma und das Rätsel um die gefrorenen Herzen

Über „Wilma und das Rätsel der gefrorenen Herzen“ von Emma Kennedy bin ich durch Zufall in der Bibliothek gestolpert. Denn während ich darauf wartete, dass ein älteres und etwas verpeiltes Ehepaar inklusive vier mindestens doppelt so verpeilten Enkelkinder endlich ihre paar Bücher verbucht bekamen, stand ich vor dem Regal mit Kinderbüchern und habe mir Klappentexte durchgelesen. (Das extremste Enkelkind hat es dann noch geschafft – nachdem mir die Gruppe Platz gemacht hatte, damit ich meine Bücher ausleihen konnte – sein Buch so neben meinen Stapel zu legen, dass es gleich mitverbucht wurde und wir dann doch noch eine Angestellte bemühen musste, um das wieder auseinander zu sortieren. *argh*)

Auf jeden Fall klang die Geschichte rund um Wilma Tenderfoot nett und durfte deshalb mit nach Hause – und weil ich an dem Tag vor lauter Hitze eh nicht mehr viel tun konnte, habe ich den Roman auch gleich am Nachmittag noch gelesen. Schon während des Lesens fühlte ich mich etwas zwiegespalten. obwohl die Idee sehr nett und Wilma eine sympathische, wenn auch arg übereifrige Protagonistin ist. Wilma ist in „Cooper Islands Unterland-Institut für Elende Kinder“ aufgewachsen, einem Waisenhaus, das von der grauenhaften Mrs. Scratch geleitet wird. Diese Dame verkauft regelmäßig die ihr anvertrauten Kinder als Dienstboten in die angesehenere Hälfte der Insel, wobei eine Klausel besagt, dass beim Tod des Kindes innerhalb der Probezeit natürlich der volle Kaufpreis zu zahlen sei.

Auch Wilma wird an eine Arbeitgeberin verkauft und muss dort die unangenehmsten Aufgaben erfüllen, die man sich nur vorstellen kann. Auf der anderen Seite landet sie durch diesen Ortswechsel prompt in dem Haus, das direkt neben dem Heim von Theodore P. Goodman liegt, dem größten Privatdetektiv, den es auf Cooper Island nur gibt. Und genau dieser Theodore P. Goodman ist seit klein auf Wilmas Idol und so setzt sie alles daran, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Vor allem hofft sie, dass er sie vielleicht als Lehrling aufnimmt, wenn sie ihn erst einmal von ihren ernsten Absichten überzeugt hat. Zu Wilmas großem Glück zieht sich gerade eine Mordserie über die Insel, die mit dem Diebstahl eines ungewöhnlich seltenen Edelsteins ihren Anfang nimmt – und selbstverständlich nimmt das Mädchen sofort die Ermittlungen auf.

Wilma, Theodore P. Goodman, seine Haushälterin und der Polizist der Insel sind wirklich sympathische Figuren, die alle ihre ganz besonderen liebenswerten Eigenheiten haben. Auch wimmelt der Roman vor lauter ungewöhnlichen Ideen und Einfällen, von denen mir vor allem die gut gefallen haben, die für uns ganz normale Vorgänge wie zum Beispiel einen Grenzübertritt mit einem angemessenen Schuss Spott darstellen. Auch der Kriminalfall war – trotz all der Toten – kindgerecht (das Buch wird am 9 Jahren empfohlen) und spannend erzählt. Man kann während Wilma fleißig und – mehr oder weniger – erfolgreich ermittelt mitraten und bekommt immer wieder neue Hinweise auf die Hintergründe der Tat präsentiert.

Aber trotzdem konnte mich der Roman nicht vollständig begeistern, da ich die Welt, in der das Ganze spielt unstimmig und übertrieben fand und mich oft genug geärgert habe, dass hier so viel Potenzial verschenkt wird. Es gibt so viele wunderbare und lustige Elemente in „Wilma und das Rätsel der gefrorenen Glasherzen“, dass es nur einen aufmerksameren und passenderen Weltenaufbau benötigt hätte, damit die Geschichte auch rund wird. So richtig aufgefallen ist es mir zum Beispiel beim Thema Essen: Während der Privatdetektiv gerne so normale Sachen wie Pfefferminztee und Maisplätzchen (ein Rezept ist am Ende des Buches abgedruckt) zu sich nimmt, scheint es ebenso selbstverständlich zu sein, dass man eine Schneckensuppe kocht oder Spinnen fängt, um aus ihren Beinen ein Essen zuzubereiten. Mal davon abgesehen, dass das von der Autorin gewollt lustig und ekelig beschrieben wird, finde ich es einfach unrealistisch – und ich bestehe darauf, dass eine erfundene Welt in sich zumindest einigermaßen logisch ist.

Ebenso gibt es zwar spezielle Bonsaischeren, aber Wilma muss ihrer Arbeitgeberin mit den Zähnen die Fußnägel abnagen. Natürlich ist mir bewusst, dass Emma Kennedy diese Elemente eingebaut hat, um – je nach Szene – die Situation lustiger oder abschreckender zu gestalten, aber mich persönlich stört das beim Lesen gewaltig. Es wäre doch schon unangenehm genug, wenn Wilma mit einer Schere die ungepflegten Fußnägel hätte kürzen müssen, da muss man doch nicht so übertreiben. Diese Unstimmigkeiten haben am Ende dann leider dazu geführt, dass ich Wilma zwar ins Herz geschlossen hatte, aber leider keine weiteren Bücher mit ihr mehr lesen würde.

Pierdomenico Baccalario, Enzo D’Alò und Gaston Kaboré: Stadt aus Sand

„Stadt aus Sand“ von Pierdomenico Baccalario, Enzo D’Alò und Gaston Kaboré war eine spontane Bibliotheksausleihe. Das Cover fand ich hübsch, Bücher von Pierdomenico Baccalario habe ich auch schon gelesen und wegen ihrer ungewöhnlichen Ideen gemocht und die ersten Seiten hatten mich beim Reinlesen angesprochen. Wieweit welcher der drei genannten Autoren Anteil an der Geschichte hatte, kann ich nur vermuten, aber es gibt sehr viele „afrikanische“ Elemente in dem Roman, von denen ich annehme, dass sie zum Großteil dem Einfluss von Gaston Kaboré, der ein afrikanischer Regisseur ist, zuzuschreiben sind.

Die Geschichte beginnt sehr märchenhaft, während der Leser miterlebt wie sich zwei Männern – ein Geschichtensänger und ein Fürst – gegenseitig mit Worten bekämpfen. Beobachtet werden die beiden von zwei Jungen (Matuké und Setuké), die nach seiner Niederlage von dem Geschichtensänger damit beauftragt werden, ihr Dorf zu beschützen. Der folgende Zeitsprung macht deutlich, dass Matuké und Setuké diese Aufgabe viele Jahre erfolgreich bewältigt haben, doch nun sind sie alte Männer und noch immer macht der „Fürst der Stadt aus Sand“ Jagd auf Geschichtensänger und es scheint keine Nachfolger zu geben, die den Schutz des Dorfes übernehmen könnten.

Erzählt wird die Geschichte vor allem aus der Sicht der jungen Rokia, die Matukés Enkelin ist. Als einziges Mädchen der Familie steht sie ihrem Großvater sehr nah, und hört – wann immer es ihr möglich ist – seinen Geschichten zu und vernachlässigt darüber nicht selten ihre Pflichten. Ich mochte Rokia sehr gern, die aufgeweckt und neugierig ist und alles in Frage stellt, ohne erst einmal das Bedürfnis zu haben an den Grundlagen ihrer Welt zu rütteln. Für sie steht felsenfest, welche Aufgaben die Männer im Dorf zu übernehmen habe und welche Tätigkeiten von den Frauen übernommen werden und sie hadert eigentlich nicht mit den Grenzen, die ihr die Traditionen auferlegen. Allerdings fragt sie sich schon, was aus einem Mädchen werden soll, das so viele Dinge nicht beherrscht, die eine Frau könne sollte, während es doch so viele Sachen tun möchte, die nur für Jungen gedacht sind.

Für den Leser steht natürlich schnell fest, dass auf Rokia größere Aufgaben warten, als die traditionelle Rolle eines Mädchens auszufüllen. Ich fand es wunderschön, wie Rokias Weg dahin beschrieben wurde und wie sie so nach und nach mehr über die Welt außerhalb ihres kleinen Dorfes lernte. Vor allem strotzt diese Geschichte von wunderbaren und eigenwilligen Charaktere, die nur selten wirklich gut und doch liebenswert sind, und von märchenhaften und bezaubernden Momente. Dazu kommen noch die vielen atmosphärischen Beschreibungen des Lebens in Rokias Dorf. Denn Rokia ist eine Dogon und in „Stadt aus Sand“ wird immer wieder nebenbei eingeflochten, wie ihr Alltag aussieht, welcher Glaube ihr Leben bestimmt und welchen Traditionen in ihrem Dorf gefolgt wird, aber auch wie sich all dies durch äußere Einflüsse ändert.

Die Geschichte spielt zu einer modernen Zeit, in der Autos und Radios verbreitet sind und es ganz selbstverständlich ist, dass man beim reisenden Händler seinen Nachschub an Batterien kauft, und doch besitzt die Erzählung einen altmodischen Charme durch die – immer noch vorhandene – Naturverbundenheit, die Langsamkeit, mit der sich Rokias Volk verändert, und die märchenhaften Elemente. Ich war übrigens beim Lesen ganz froh, dass ich gerade erst vor ein paar Tagen „Afrika – Kunst und Architektur“ von Ivan Bargna gelesen habe, denn so konnte ich mir das eine oder andere Detail doch noch etwas besser vorstellen, wenn ich mir die dort gesehenen Zeichnungen und Fotos noch einmal in Erinnerung rief. Aber ich bin mir sicher, auch ohne dieses Vorwissen hätte mir „Stadt aus Sand“ ein rundum wunderbares, unterhaltsames und märchenhaftes Leseerlebnis bereitet. Doch, das war ein sehr guter Bibliotheksfund!