Alle Artikel von Konstanze

Keigo Higashino: Heilige Mörderin (Professor Yukawa 2)

Auch „Heilige Mörderin“ von Keigo Higashino war eine Leihgabe von Natira. Der Roman ist im Original der fünfte Band mit Professor Yukawa und der zweite, der ins Deutsche übersetzt wurde. Wie schon bei „Verdächtige Geliebte“ weiß man als Leser von Anfang an, wer den Mord an dem Geschäftsmann Yoshitaka Mashiba begangen hat. Die große Frage besteht darin, wie die Tat begangen wurde und ob man es der Mörderin nachweisen kann. Abgesehen von der ersten Szene, in der Ayane Mashiba von ihrem Mann erfährt, dass er sich scheiden lassen will, weil sie bislang nicht schwanger geworden ist, bekommt man keine Einsicht in die Gedanken der Mörderin.

So weiß man als Leser zwar, dass dieser Moment, in dem ihr Mann ihr seinen Entschluss mitteilt, sich von ihr trennen zu wollen, der Auslöser ist, aber weder die Vorgeschichte noch die genauen Hintergründe rund um das Verbrechen sind bekannt. So tappt man wie die Polizei im Dunkeln, wenn es um das wirkliche Motiv für die Tat und die genaue Durchführung des Mordes geht. Die einzigen bekannten Punkte sind die, dass sich Yoshitaka von seiner Frau scheiden lassen wollte, dass er ein Verhältnis mit ihrer Angestellten Hiromi Wakayama hatte und dass er mit Arsensäure vergiftet wurde, während Ayane verreist war.

Obwohl man keine Einsicht in Ayanes Gedanken bekommt, ist einem die Frau nicht unsympathisch. Sie hat anscheinend sehr viel Arbeit in ihre Ehe investiert und das vergangene Jahr über alles dafür getan, dass es ihrem Mann gutgeht. Sie ist die perfekte Gastgeberin, sie sorgt dafür, dass das gemeinsame Heim gemütlich und voll blühender Blumen ist, und sie hat ihren eigenen Beruf – das Führen einer Patchworkschule – so weit hintangestellt, dass nun Hiromi den Unterricht gibt, während Ayane nur noch in ihrem Wohnzimmer an ihren Patchworkarbeiten näht. Auch auf Inspektor Kusanagi macht die zurückhaltende Frau großen Eindruck, was seine Untergebene Kaoru Utsumi befürchten lässt, dass er nicht objektiv an die Ermittlungen herangeht.

Diese Befürchtung und die Tatsache, dass die Polizei absolut nicht in der Lage ist herauszufinden, wie dem Ermordeten das Gift verabreicht wurde, führt dazu, dass sich Kaoru Utsumi hinter Inspektor Kusanagis Rücken an Professor Yukawa wendet. Er hat der Polizei schon so oft bei ihren Fällen geholfen und sein wissenschaftlicher und analytischer Verstand lässt ihn eine ganz andere Perspektive bezüglich dieses kriminalistischen Problems einnehmen. Dabei weiht der Physiker die Polizisten selten detailliert in seine Überlegungen ein, sondern prüft lieber vor Ort (oder mit der Unterstützung von Speziallabors) seine Hypothesen.

So ensteht die Spannung in „Heilige Mörderin“ vor allem aus den zwischenmenschlichen Momenten. Egal, ob es dabei um das Verhältnis zwischen Inspektor Kusanagi und der Verdächtigen geht, um die Zusammenarbeit zwischen dem Inspektor und seiner Untergebenen oder um die Momente, in denen sich Ayane und Hiromi über ihre gemeinsame Arbeit oder den verstorbenen Yoshitaka austauschen. Bei jedem Gespräch, bei jedem Aufeinandertreffen fragt man sich, ob es einen neuen Hinweis geben könnte, der Licht in die ganze Angelegenheit bringen könnte. Dazu kommen noch all die kleinen Momente, die – gerade, weil sie so alltäglich sind – viel über Japan und das Leben der Menschen dort aufzeigen, was ich immer wieder faszinierend finde.

Oh, und nachdem ich ja gerade vor kurzem erst „Böse Absichten“ gelesen habe, fand ich es interessant, dass Kaigo Higashino zwar immer sehr, sehr ähnlich an eine Kriminalgeschichte herangeht, dass es ihm aber trotzdem gelingt, jedes Mal eine ganz eigene Atmosphäre zu schaffen, die jedem Roman einen individuellen Touch verleiht. Das hängt nicht nur mit dem jeweiligen Mord zusammen, sondern auch mit den Charakteren, die gerade durch ihre Zurückhaltung und durch die wenigen Informationen, die man über sie erhält, einen großen Eindruck hinterlassen.

John G. Hartness: Hard Day’s Knight (The Black Knight Chronicles #1)

„Hard Day’s Knight“ von John G. Hartness ist der zweite Roman aus „Modern Magic – Twelve Tales of Urban Fantasy“ – und im Gegensatz zu „Cellar“ handelt es sich bei dieser Geschichte wirklich um (humorvolle) Urban Fantasy. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen schon sehr früh an eine Szene aus der Serie „Buffy“ denken musste. Da gibt es einen Moment, wo Buffy auf dem Friedhof auf Streife ist und ein kürzlich begrabener Typ als Vampir wiederaufersteht und sich als ehemaliger Mitschüler von Buffy herausstellt. Diese Vampir wirkt nett und harmlos und unterhält sich eine ganze Weile mit Buffy, bis er sich daran erinnert, dass es ja sein Job wäre die Vampirjägerin anzugreifen.

Den Teil mit dem Angreifen und dem traditionellen „Bösesein“ haben Jimmy, der Protagonist in „Hard Day’s Knight“, und sein Geschäftspartner Greg, nach ihrer Verwandlung in Vampire einfach gelassen, nachdem sie erst einmal herausgefunden hatten, wie sie Vampire sein konnten, ohne dass Menschen dabei zu Schaden kommen. Stattdessen sind sie immer noch mit ihrem besten Freund aus High-School-Tagen befreundet, obwohl dieser inzwischen katholischer Priester ist. Gemeinsam arbeiten Jimmy und Greg als Detektive und setzen ihre übernatürlichen Fähigkeiten ein, um Personen in Not zu helfen. So sind sie insgesamt eigentlich ganz zufrieden mit ihrem Vampirleben, auch wenn gewisse Einschränkungen (da ist schließlich immer noch die Sache mit den heiligen Symbolen oder mit der Unfähigkeit eine Schwelle zu übertreten, wenn man nicht eingeladen wird) und die Tatsache, dass sie nach ihrem Tod auch optisch immer noch die gleichen nerdigen Looser sind, die sie schon zu Lebzeiten waren, etwas stören.

Bei ihrem aktuellen Fall wollen die beiden Vampire eigentlich nur einem Schüler helfen, der von einem Mädchen verflucht wurde. Doch dann stellt sich dieser simple „wir machen dem Mädchen Angst, bis sie den Fluch zurücknimmt“-Fall als Teil einer viel größeren Herausforderung heraus und Jimmy und Greg müssen sich mit einem Haufen verschwundener Kinder, Dämonen, einem gefallenen Engel, einer energischen (und natürlich ungemein „heißen“) Polizistin, Zombies, einer christlichen Schule und dem drohenden Weltuntergang herumschlagen. Gespickt wird das Ganze mit ein paar netten, wenn auch nicht gerade neuen Einfällen (wie dem Engel im Strip Club), teilweise etwas pubertärem Humor und vielen popkulturellen Anspielungen (von denen sehr viele sich auf „Buffy – sowohl auf den grottenschlechten Film, als auch auf die Serie – beziehen).

Das Ganze hat sich gut lesen lassen und war mit knapp 200 Seiten genau die richtige Lektüre für ein paar entspannende Stunden am Ende einer wirklich anstrengenden Woche. Ich würde jetzt nicht sagen, dass ich nach dem Lesen dieses Romans noch mehr von dem Autor lesen müsste, aber ich habe mich gut unterhalten gefühlt. (Wobei ich mich inzwischen ein bisschen frage, ob ich das Buch vielleicht deshalb so unterhaltsam fand, weil ich als Jugendliche sehr viele Fantasyromane gelesen habe, die von nerdigen männlichen Autoren für ebenso nerdige männliche, jugendliche Leser geschreiben wurden – und diese Geschichte passt genau in dieses Schema.)

Karen E. Taylor: Cellar

Ich hatte ja schon in meinem letzten „Dies und Das“-Beitrag angedeutet, dass „Cellar“ von Karen E. Taylor“ bei mir einen wunden Punkt getroffen hat. „Cellar“ ist Teil eines Bundles („Modern Magic – Twelve Tales of Urban Fantasy“), in dem zwölf verschiedene Romane angeboten wurden. Da das ganze Bundle gerade mal 1,99 Euro kostete, dachte ich, es sei eine gute Gelegenheit für mich, neue Fantasyautoren auszuprobieren. „Cellar“ wird aus der Sicht von Laura Wagner erzählt, die erst vor kurzer Zeit nach Woodland Heights gezogen ist. Laura ist frisch geschieden, Mutter von zwei Kindern (die bei ihrem Vater aufwachsen) und Alkoholikerin. Genauer gesagt ist sie alkohol- und valiumsüchtig und zu Beginn der Geschichte hat sie gerade erst in betrunkenem Zustand einen Unfall gebaut, bei dem sie beim Ausparken mit ihrem Auto einen Polizeiwagen angefahren hat. Im folgenden Prozess wird Laura zu einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik verurteilt und muss sich von diesem Zeitpunkt an mit ihrer Sucht auseinandersetzen.

So weit alles ganz normal, wenn auch etwas unschön, doch zu diesen Elementen kommen noch die Stimmen, die Laura immer wieder in ihrem neuen Haus hört, die Albträume, das Schlafwandeln und das unheimliche Gefühl im Keller. Und ich muss zugeben, dass ich gerade in der ersten Hälfte des Buches diesen Keller wirklich gruselig fand. Die Autorin schafft immer wieder atmosphärische Momente, in denen eine Präsenz in Lauras Haus dafür sorgt, dass Laura zu kippen droht, dass sie falsche Entscheidungen trifft oder in Gedankenschleifen festhängt, die ihr nicht guttun. Häufig ist es dann ein Impuls von Außen, der Laura im letzten Moment rettet, aber darauf kann sich der Leser ja nicht verlassen, so dass es ein paar spannende Stellen gibt.

Aus der Perspektive von Mike, der nicht nur der Polizist ist, dessen Auto Laura angefahren hat, sondern der auch im Laufe der Geschichte ein sehr persönliches Interesse an Laura entwickelt, bekommt man zusätzlich noch mit, dass vor fünf Jahren – zu der Zeit, als Lauras Haus noch in Besitz eines alten Ehepaares war und die Neubausiedlung rund um das Haus noch nicht entstanden war – sechs Kinder in der Gegend spurlos verschwanden und nie wieder gefunden wurden. Mike ist von diesem Fall wie besessen und natürlich steht für den Leser von Anfang an fest, dass es eine Verbindung zwischen den verschwundenen Kindern und den Erscheinungen im Haus geben muss.

Ich gebe zu, dass ich bei allem, was in Richtung Horror geht, ein Weichei bin. Und gerade zu Beginn der Geschichte hat mich Karen E. Taylor mit „Cellar“ wirklich fertig gemacht. Auf der einen Seite wollte ich zwar wissen, was hinter den verschiedenen Vorkommnissen steckt, auf der anderen Seite hat mir die Vorstellung von einer bösen Präsenz an einem Ort, der doch eigentlich eine sichere Zuflucht sein sollte, unruhige Träume verursacht. Am Ende war die ganze Geschichte gar nicht so schlimm, die Auflösung lag sogar sehr früh auf der Hand und in der zweiten Hälfte kamen mir all die „gruseligen“ Momente schon nicht mehr so unheimlich vor (Wiederholung härtet eben ab), aber das ändert nichts daran, dass allein schon die Tatsache, dass meine Vorstellungskraft aufgrund der in dem Buch beschriebenen Ereignisse lauter schaurige Bilder produziert hat, das Lesen für mich stellenweise zu einer Herausforderung gemacht hat.

Insgesamt bin ich etwas zwiegespalten. Bei einer amerikanischen eBook-Ausgabe des Buches habe ich den Hinweis der Autorin gefunden, dass es eine Neuauflage sei, die um einige Szenen und den Epilog ergänzt worden ist, und ich glaube, dass das die gleiche Version ist, die ich gelesen habe. Ein bisschen habe ich nun das Gefühl, dass die Stellen, die für mich etwas Spannung und Atmosphäre aus der Geschichte genommen haben, nachträglich eingefügt wurden, um die Charaktere weiter auszubauen. Wenn es so war, dann hat es zwar dafür gesorgt, dass ich den Roman relativ problemlos beenden konnte, aber auch dafür, dass ich das Gefühl hatte, die Liebesgeschichte zwischen Laura und Mike bekäme zu viel Raum und das würde zu Lasten der unheimlichen Atmosphäre gehen und die Handlung unnötig in die Länge ziehen. Auch hätte es den Epilog für meinen Geschmack nicht gebraucht – der war mir zu kitschig, zu „Ghost Whisperer“-mäßig, und ohne ihn wäre das Ende runder gewesen.

Jetzt hoffe ich nur, dass die weiteren elf Romane eher in Richtung „Fantasy“ statt „Horror“ gehen, mir keine unruhigen Nächte bescheren und mich weniger zwiespältig zurück lassen. *g*

Patrica Wentworth: The Black Cabinet

Nachdem ich „Grey Mask“ von Patricia Wentworth recht unterhaltsam fand, habe ich mit „The Black Cabinet“ einen weiteren Versuch mit der Autorin gewagt. Dieser Roman wird aus der Perspektive von Chloe Dane erzählt, die ursprünglich der höheren Gesellschaft entstammt, aber seit dem Tod ihres Vaters gezwungen ist, ihren Lebensunterhalt als Näherin bei einer Schneiderin zu verdienen. Eigentlich ist Chloe ganz zufrieden mit ihrem Leben, allerdings träumt sie regelmäßig von dem Herrensitz Danesborough, auf dem sie aufgewachsen ist und der inzwischen an einen entfernten Verwandten verkauft wurde. Auch ist sie nicht glücklich darüber, dass ihre Kollegin und Mitbewohnerin demnächst heiraten wird und sie dann allein mit ihrer anspruchsvollen Chefin zurückbleibt.

Doch kurz nach Beginn der Geschichte ändert sich Chloes Leben radikal, als ihr Verwandter Mitchell Dane ihr Danesborough und sein Vermögen hinterlässt und damit den Zugang zu seinem Safe, in dem er eine Menge entlarvende Briefe aufbewahrt, die als Grundlage für diverse Erpressungen dienten. Während Chloe fest entschlossen ist, die Briefe zu vernichten und spätestens nach ihrem 21. Geburtstag, der in zwei Monaten sein wird, auf das Erbe zu verzichten, versuchen die Komplizen des verstorbenen Erpressers alles, um Chloe und den Safe-Inhalt in ihre Hände zu bekommen. Doch nicht nur Chloes Sicherheit ist in Gefahr, sondern auch ihr Herz, denn es gibt gleich zwei Männer, an denen sie Gefallen findet und denen sie im Laufe der Geschichte immer wieder über den Weg läuft.

Ich mochte den Anfang von „The Black Cabinet“ (hinter dem titelgebenden „Cabinet“ ist übrigens der Safe verborgen) sehr. Chloe schien eine sympathische junge Frau zu sein, die das Beste aus ihrer Situation macht und deren Humor sie immer wieder optimistisch in die Zukunft schauen lässt. Patricia Wentworth lässt sich viel Zeit, um die Protagonistin und ihr Umfeld vorzustellen, und ehrlich gesagt habe ich nach einem Drittel der Geschichte den Roman aus der Hand gelegt, um nachzuschauen, ob ich da wirklich einen Krimi erwischt habe oder doch eher eine Liebesgeschichte. Denn anfangs gibt es – abgesehen von dem mysteriösen Verwandten, der Chloe beobachtet, – keinen Hinweis darauf, dass das Ganze etwas anderes sei als eine ganz gewöhnliche Dreiecksgeschichte, die sich rund um die verarmte Schönheit, den charmanten Martin Fossetter und den zurückhaltenden Michael Foster dreht.

Erst als Chloe schon eine Weile wieder in Danesborough lebt, gibt es seltsame Vorfälle mit dem Sekretär des verstorbenen Mitchell Dane, und es wird immer deutlicher, dass Chloe in Gefahr schweben könnte. Obwohl Patricia Wentworth deutlich macht, dass Chloe ganz allein in einem Haus mit einem Haufen Verbrecher ist, kam für mich keine rechte Spannung bei diesem Roman auf. Chloe macht eine Entdeckung, dann krabbelt sie nachts im Dunkeln rum, dann überlegt sie, wie sie ihr Leben wieder selber in die Hand nehmen könnte, und dann läuft sie weg und läuft weg und läuft weg, während die Bösen hinterherrennen. Dabei schwankt Chloe ständig zwischen Misstrauen (hatte Mitchell ihr doch gesagt, sie dürfe niemandem vertrauen) und dem Bedürfnis, jedem mitfühlenden Zuhörer alles anzuvertrauen. Und wenn sie dann wirklich mal jemandem etwas mitteilt, dann gerade genug, dass es einfach nicht hilfreich ist. So zog sich die Geschichte ganz schön hin und die ganze Bedrohung scheint am Ende einfach so zu verpuffen, ebenso wie sämtliche Missverständnisse, die sich im Laufe der Handlung ergeben haben. Das fand ich wirklich unbefriedigend.

Ich werde trotzdem noch einen Versuch mit den Miss-Silver-Romanen wagen, die ich in der Bibliothek vorgemerkt habe. Denn „Grey Mask“ fand ich ja wirklich nett und unterhaltsam, aber „The Black Cabinet“ ist in meinen Augen keine Empfehlung für die Autorin, und hätte ich dieses Buch als erstes gelesen, würde ich Patricia Wentwort keine weitere Chance zugestehen.

Keigo Higashino: Böse Absichten (Inspektor Kaga 1)

„Böse Absichten“ von Keigo Higashino ist eine Leihgabe von Natira, die mir im vergangenen Jahr auch schon „Verdächtige Geliebte“ von dem Autor geliehen hatte. Vom deutschen Verlag wird „Böse Absichten“ als erster Band der „Inspektor Kaga“-Reihe bezeichnet, laut Wikipedia ist es nur der erste ins Deutsche übersetzte Teil der Reihe und die vierte Veröffentlichung rund um diesen Inspektor. Auch „Verdächtige Geliebte“ war nicht der erste Band rund um den Physikprofessor Yukawa, sondern schon der dritte Roman mit diesem Protagonisten. So etwas finde ich immer wieder sehr nervig, aber ohne besondere Fremdsprachenkenntnisse bin ich nun mal auf die Veröffentlichungspolitik der deutschen Verlage angewiesen – immerhin muss ich zugeben, dass „Verdächtige Geliebte“ ebenso wie „Böse Absichten“ auch ohne Vorwissen gut zu lesen waren.

Ich bin etwas verhalten an den Roman herangegangen, weil ich „Verdächtige Geliebte“ zwar sehr gern gelesen hatte, aber nach den ersten Seiten von „Böse Absichten“ befürchtete, dass der Autor sich bei seiner Herangehensweise an die Geschichte zu sehr wiederholen würde. Denn ebenso wie bei „Verdächtige Geliebte“ bekommt man bei „Böse Absichten“ einen Teil der Handlung von einem Verdächtigen erzählt und erlebt so als Leser die Geschichte gefiltert durch die Sicht eines Beteiligten. Aber es ist Keigo Higashino zum Glück gelungen die Ereignisse rund um den Mord an dem Schriftsteller Kunihiko Hidaka so zu gestalten, dass es für den Leser immer wieder überraschende Wendungen und unerwartete Ereignisse gab.

„Böse Absichten“ ist kein klassischer Krimi. Man bekommt als Leser von dem Verdächtigen Osamu Nonoguchi erzählt, wie er eines Abends seinen Freund Kunihiko Hidaka besuchen wollte und das Haus scheinbar leer vorfand. Kurz darauf entdeckt er mit der herbeigerufenen Ehefrau des Schriftstellers den Toten. Da auch Osamu Nonoguchi Schriftsteller ist, ist es ihm ein Bedürfnis dieses erschütternde Erlebnis festzuhalten und so beginnt er detaillierte Aufzeichnungen über den Tag, an dem er den Ermordeten zum letzten Mal gesehen hat, über die nicht eingehaltene Verabredung und die folgenden Begegnungen mit potenziellen Verdächtigen, Betroffenen und der Polizei.

Nonoguchis Aufzeichnungen werden ergänzt durch die Berichte und Notizen des Kommissars. Dabei muss sich Kommissar Kaga während der Ermittlungen nicht nur in die Person des Mörders versetzen und intensive Nachforschungen anstellen, um überhaupt erst einmal ein mögliches Motiv zu entdecken, sondern er muss im Laufe der Zeit auch alles, was er als gegebenes Wissen über die verschiedenen Beteiligten gespeichert hatte, verdrängen und noch einmal ganz von vorne anfangen.

Ich mochte die ruhige und unaufgeregte Erzählweise bei diesem Kriminalroman und die ungewöhnliche Herangehensweise des Autors. Obwohl er sich der gleichen Erzählperspektive bedient wie bei „Verdächtige Geliebte“ gibt es einen gravierenden Unterschied zwischen den beiden Büchern. In „Böse Absichten“ steht relativ schnell fest wie der Mord begangen wurde (und eigentlich kann man sich als Leser auch von Anfang an sicher sein, wer die Tat verübt hat), aber es scheint einfach kein Motiv für die Ermordung von Kunihiko Hidaka zu geben. So dreht sich die Handlung weniger darum den Mörder zu finden als um die Suche nach den Hintergründen der Tat. Diese Suche führt den Kommissar in die Vergangenheit des Ermordeten bis hin zu seiner Grundschulzeit und bietet für den Leser immer wieder neue und überraschende Wendungen, die man so nicht erwarten konnte.

So eine Herangehensweise sorgt nicht gerade für eine rasante oder spannende Krimihandlung, aber für kleine und feine Szenen, die viel über die beteiligten Charaktere und die japanische Kultur aussagen, und das ist perfekt für Leser, die gern versuchen aus all den kleinen Informationen ein Gesamtbild zusammenzusetzen. Ich fand es spannend, mir meine eigenen Gedanken über das Motiv machen zu können, es hat mir Spaß gemacht, dass mich Keigo Higashino an mindestens einer Stelle aufs Glatteis geführt hat, weil ich erwartete, dass er einen Hinweis auf die „übliche Weise“ in seinen Fall einbauen würde und ich mochte das gemächliche Tempo, das mir Zeit gab über die kleinen Dinge in der Geschichte nachzudenken.

Und was macht Christie?

Drei Wochen ist es her, seitdem Christie ihren letzten kätzischen Mitbewohner verloren hat, und es zeigt sich deutlich, dass sie Baltimore vermisst. Auch wenn er die letzten Monate nicht mehr mit ihr spielen konnte, so waren sie sich doch noch immer recht nah.

Das letzte gemeinsame Foto mit den beiden.
Zu Menschen hatte sie nie ein so besonders enges Verhältnis – vermutlich, weil sie als junge Katze kaum Kontakt zu Menschen hatte. Sicher werden wir es nie wissen, denn sie wurde vor dem Tierheim ausgesetzt und war damals in keinem guten gesundheitlichen Zustand, als ich sie aufnahm. Immerhin ist sie im Laufe der Jahre zutraulicher geworden und in den letzten Wochen hat sie deutlich gezeigt, dass sie unsere Aufmerksamkeit möchte. Und da sie keine Schmusekatze ist, bedeutet das, dass Christie bespaßt werden möchte.
Federwedel. Katzenangeln, Schnüre, Bälle, Luftschlangen – zur Zeit bekommt Christie möglichst viel verschiedenes Spielzeug angeboten, damit sie sich nicht langweilt. Sie braucht aber auch viel Abwechslung, denn wenn sie nicht zufrieden ist, dann macht sie das lautstark deutlich. 
Foto von Natira
Ich bin froh, dass sie so viel kommuniziert und deutlich macht, was sie will. Obwohl sie ganz eindeutig Baltimore und die anderen Kater vermisst, scheint sie uns als Ersatz zu akzeptieren. Nicht so schön ist es, wenn ich den Vormittag über unterwegs oder im Garten bin, dann benötigt sie am Nachmittag noch etwas mehr Aufmerksamkeit und kommt dann auch mal näher, um etwas Körperkontakt zu suchen. Aber wenn es so bleibt, wie es ist, dann kommt sie vermutlich ohne neue Katzengesellschaft aus. Wir sind natürlich kein vollwertiger Ersatz – gerade für eine Katze, die noch nie in ihrem Leben ein Grundvertrauen gegenüber Menschen entwickeln konnte -, aber wir sind, so gut es geht, für sie da.

Dies und Das (6): Entscheidungsprobleme

Gestern Abend saß ich etwas nörgelig auf meinem Sofa und meinte, ich hätte nichts zu lesen. Während mein Mann dezent andeutete, dass ich eine Menge zu lesen hätte, habe ich darüber nachgedacht, warum es mir so schwer fiel, mich für ein (neues) Buch zu entscheiden.

Eigentlich hatte ich große Lust zu lesen, und da ich auch nichts anderes tun wollte, wäre es perfekt gewesen, zum Buch zu greifen. Dummerweise konnten mich meine angefangenen Bücher nicht so recht reizen. Zum einen war da „Cellar“ von Karen E. Taylor – eine wirklich atmosphärische Geschichte, bei der ich auf die weitere Entwicklung neugierig bin. Dummerweise ist „Cellar“ ein Dark-Fantasy-Roman, und da ich den als Teil eines Bundles erstanden habe, wusste ich nicht so recht, worauf ich mich einlasse. Ich war nur neugierig auf die verschiedenen Autoren. Normalerweise kann ich „Dark Fantasy“ ganz gut ab, solange das Ganze nicht zu sehr in Richtung „Horror“ abdriftet, aber „Cellar“ finde ich wirklich gruselig und atmosphärisch und nachdem ich nach dem ersten Anlesen nachts beim Einschlafen Probleme hatte, habe ich beschlossen, dass ich den Roman nur tagsüber weiterlese, Wie gesagt, ich bin neugierig auf die weitere Entwicklung, aber da die Geschichte bei mir einen wunden Punkt trifft, bin ich nicht scharf darauf, sie kurz vor dem Schlafen zu lesen.

Ansonsten gibt es hier ein paar angefangene Sachbücher, die ich noch irgendwann beenden möchte. Aber so richtig bin ich gerade nicht in der Stimmung für Sachbücher, und seien wir ehrlich: Es gab schon Gründe, warum ich mit den Büchern erst einmal pausiert habe.

Sowieso habe ich gerade eher eine Krimiphase. Allerdings habe ich in den ersten elf Junitagen auch schon sieben Kriminalromane gelesen – fragt lieber nicht, wo die Zeit dafür herkommt (und wann ich das letzte Mal den Staubsauger in der Hand hatte) – und so langsam geht mir der Vorrat aus. Außerdem möchte ich eigentlich noch drei der gelesenen Bücher rezensieren (oder zumindest mit einem Leseeindruck bedenken), nur muss ich dafür noch ein bisschen meine Gedanken sortieren, denn alle drei waren eher von der „netten“ Sorte, was es immer schwierig macht, darüber etwas zu sagen. Ein neues Buch sollte also ein Krimi sein, der nicht die Eindrücke der noch nicht besprochenen Romane überdeckt, der einen guten Kontrast zu „Cellar“ bildet (denn zwei Bücher, die ich nur vormittags lesen kann, wären keine Lösung *g*) und bei dem ich nicht das Gefühl hätte, ich müsste erst die Erinnerungen an die vorhergehenden Teile auffrischen oder über meine Vorurteile gegenüber einer der Hauptfiguren hinwegkommen – letzteres trifft leider auf die Krimis zu, die noch auf dem deutschen SuB liegen.

Damit blieben noch der englische SuB, auf dem zwei Krimis ruhen, die in einem historischen Urban-Fantasy-Umfeld spielen und weder das Historische noch der Fantasy-Anteil reizen mich gerade … Ich glaube, mir bleibt nichts anderes übrig, als den eReader nach vergessenen Krimis zu durchwühlen, die der Vorbesitzer darauf zurückgelassen hat …

Macht ihr es euch auch manchmal so schwer bei der Wahl eines neuen Buches? Oder bin ich einfach gerade nur besonders wählerisch?

Patricia Wentworth: Grey Mask (Miss Silver 1)

Im letzten Jahr hatte ich „Mit Miss Marple aufs Land“ von Louise Berg-Ehlers gelesen und mir im Anschluss zwei Autorinnen (Patrica Wentworth und Margery Allingham) von klassischen britischen Kriminalromanen aufgeschrieben, die ich noch ausprobieren wollte. Dieser Beschluss war schon wieder etwas in Vergessenheit geraten, als mich Natira vor kurzem darauf aufmerksam gemacht hat, dass die eBook-Ausgabe von „Grey Mask“ von Patricia Wentworth gerade im Angebot zu bekommen war. „Grey Mask“ ist der erste Teil der Miss-Silver-Romane und wurde 1928 von der Autorin geschrieben. Ich muss gestehen, dass mich die Geschichte stellenweise an Edgar-Wallace-Romane erinnert, auch wenn das Ganze qualitativer und weniger reißerisch geschrieben wurde. Aber es gibt so viele Handlungselemente, die mir als erstes in den Wallace-Romanen begegnet sind, die ich als Kind gelesen habe. Als weiterer Vergleich kommen mir noch die Kriminalromane von Georgette Heyer in den Sinn, auch da besteht eine gewisse Ähnlichkeit …

Die Geschichte wird aus mehreren Perspektiven erzählt, doch vor allem kann man die Ereignisse durch die Augen von Charles verfolgen, der nach einer vierjährigen Abwesenheit gerade erst zurück nach England gekommen ist. Vor vier Jahren hatte er das Land verlassen, um darüber hinwegzukommen, dass seine Kindheitsfreundin und Verlobte Margaret ihn kurz vor der Hochzeit verlassen hatte. Kaum wieder daheim, stolpert er über ein mysteriöses Treffen in seinem Elternhaus, bei dem eine Gruppe von maskierten Männern über den Tod eines Millionärs und über das weitere Schicksal seiner Tochter diskutieren. Zu Charles‘ großem Schrecken scheint auch Margaret in die Machenschaften dieser Männer involviert zu sein, und so beschließt er, dass er erst mehr über die Pläne dieser Bande herausfinden muss, bevor er mit seinem Wissen zur Polizei geht. Doch je mehr Charles in die ganze Geschichte verwickelt wird, desto überforderter ist er mit all den neuen Erkenntnissen – und so engagiert er Miss Silver, deren Dienste als Detektivin ihm von einem guten Freund empfohlen wurden.

Ich war ziemlich überrascht, dass Miss Silver in der Geschichte nur eine Nebenrolle spielt. Aber in dieser Rolle habe ich sie sehr gemocht. Sie ist eine kluge Frau, die in der Lage zu sein scheint, sich alle möglichen Informationen zu beschaffen. Ihr Auftreten ist dezent, und häufig bekommt man als Leser nicht erzählt, wie Miss Silver überhaupt an ihre Informationen gekommen ist. Aber mit diesen Informationslücken konnte ich gut leben, während ich verfolgte, wie Charles alles tut, um die junge Margot vor der Verbrecherbande zu beschützen, die sie um ihr Erbe – und im Zweifelsfall um die Ecke – bringen will. Auch Margaret spielt natürlich eine Rolle, und während Charles zwischen Beschützerinstinkt und Misstrauen schwankt, versucht sie, einfach nur ihr Leben auf die Reihe zu bekommen. Natürlich empfinden die beiden immer noch etwas füreinander und ebenso natürlich sorgt dies für ein paar Missverständnisse, Anschuldigungen und Momente von gegenseitiger Aufopferung. Aber das Ganze dauert nie so lange an, dass ich davon genervt wurde.

Zu Beginn fand ich die Geschichte etwas wirr, ich weiß aber nicht, ob es daran lag, dass die Autorin erst einmal den richtigen Ton für diese Kriminalgeschichte finden musste, oder daran, dass ich einfach erwartete, dass irgendwann Miss Silver eine Rolle spielen würde. Insgesamt habe ich mich aber gut unterhalten gefühlt und werde bei Gelegenheit bestimmt noch einmal zu einem Miss-Silver-Roman greifen (leider sind die regulären Preise für die eBooks relativ hoch für so dünne Bücher, aber immerhin gibt es ein paar deutsche Ausgaben in der Bibliothek). Ich mochte die verschiedenen Charaktere – sogar die schrecklich naive Margot -, ich mochte die klassische Grundidee mit der gefährdeten Erbin und dass es die eine oder andere Wendung in der Handlung gab, die mich überraschte, obwohl die Identität von Grey Mask relativ früh zu erraten war, und ich habe bekannterweise einfach eine Schwäche für Bücher, die in den 20er und 30er Jahren spielen.

Liza Marklund: Prime Time (Annika Bengtzon 4)

Irgendwie schaffe ich es zur Zeit ständig, vierte Bände von Reihen in die Hände zu bekommen. „Prime Time“ von Liza Marklund war eine Spontanausleihe in der Bibliothek – es tut meinem Ausleihverhalten gar nicht gut, dass ich vom Vormerkregal aus immer an den Krimibeständen vorbeigehen muss, um zur Selbstverbuchung zu kommen -, weil ich das unbestimmte Gefühl hatte, ich könnte doch mal eine für mich neue Krimiautorin ausprobieren. Obwohl „Prime Time“ der vierte Roman rund um die Journalistin Annika Bengtzon ist, hat sich die Geschichte auch gut ohne Vorwissen aus den vorhergehenden Bänden lesen lassen. Allerdings hege ich die Befürchtung, dass ich nach dem Lesen dieses Romans die ersten drei Teile nicht so genießen könnte, weil ich schon zu viel über die privaten Entwicklungen der Protagonistin weiß, die darin beschrieben wurden.

Die Handlung beginnt am Mittsommertag in Stockholm, wo sich Annika gerade darauf vorbereitet, mit ihrem Lebensgefährten Thomas und den beiden gemeinsamen Kindern (und einem Haufen Gepäck) die Wohnung zu verlassen, um die nächsten Tage bei ihren Schwiegereltern auf einer Insel zu verbringen. Doch mitten in der Aufbruchsstimmung erreicht sie ein Anruf von ihrer Redaktion, in dem sie darüber informiert wird, dass eine bekannte Moderatorin in einem Schloss auf einer Insel vor Stockholm getötet wurde – und dass sie die Berichterstattung darüber übernehmen muss. Denn Annika kennt sich nicht nur gut in der Region aus, weil sie da aufgewachsen ist, sondern sie hat auch Verbindungen zur Umgebung der Ermordeten, da ihre beste Freundin Anne (die zu den Leuten gehört, die die Tote gefunden haben) mit der verstorbenen Michelle Carlsson zusammengearbeitet hat.

Während die Grundvoraussetzung mit dem Schloss auf der Insel, in dem eine kleine Gruppe von Menschen während der Tatnacht anwesend war, die alle ein Motiv für einen Mord gehabt hätten, an einen klassischen Whodunnit erinnert, lässt Liza Marklund den Leser durch die Augen der Journalistin Annika die Geschichte erleben, was für einen gewissen Abstand zu den verschiedenen Verdächtigen und eine „modernere“ Erzählweise sorgt. Zwar wechselt die Autorin immer wieder die Perspektive, so dass man eigentlich von fast allen Beteiligten einen Eindruck bekommt, aber nie erfährt man so viel, dass man eine Person wirklich einschätzen kann. So versucht Annika, so viel wie möglich über die Verstorbene und die zwölf Verdächtigen herauszufinden, und macht sich gleichzeitig Sorgen um ihre Freundin Anne, die ein starkes Motiv für den Mord gehabt hätte. Aber nicht nur die Frage, ob Anne schuldig ist, beschäftigt die Journalistin, sondern auch ihre Beziehung zu Thomas und welchen Stellenwert das gemeinsame Leben und die Kinder für ihn haben.

Ich glaube, dieser private Teil der Geschichte hätte mich bei einer anderen Autorin mehr gestört – was auch daran liegen kann, dass ich Thomas so unsympathisch fand -, aber es gelingt Liza Marklund, eine Verbindung zwischen Annikas Privatleben und ihrer Arbeit herzustellen, die ich stimmig fand. Je mehr Gedanken sich die Journalistin über die einzelnen Personen macht, je mehr sie darüber nachdenkt, wie das Verhältnis zwischen den Verdächtigen und der Ermordeten war, desto mehr erfährt sie auch über sich und ihr Verhalten gegenüber anderen Menschen und ihrer Arbeit. Bei dem Fall selbst war es mir ehrlich gesagt relativ egal, wer denn nun der Mörder ist, während ich es spannend fand, mehr über die verschiedenen Beteiligten herauszufinden. Obwohl – oder vielleicht gerade weil? – viele Figuren sehr klischeehaft dargestellt wurden, wollte ich mehr über sie herausfinden, wollte wissen, ob nicht noch mehr hinter ihrer Fassade steckt oder ob sie sich wirklich so schnell in eine „Schublade“ stecken lassen, wie es auf den ersten Blick wirkte. Außerdem mochte ich es, dass ich das Gefühl hatte, dass die Arbeit als Journalistin realistisch dargestellt wurde – was vielleicht aber auch daran liegt, dass der Klappentext den Leser darüber informiert, dass Liza Marklund selbst lange Zeit als Journalistin gearbeitet hat.

Am Ende des Romans ist bei mir allerdings nicht viel von der Handlung und den Figuren hängen geblieben. Ich habe nette Stunden mit dem Buch verbracht, ich habe mich beim Lesen wenig geärgert (und das heißt bei modernen Krimis schon etwas) und auch wenn mir kein Charakter so richtig sympathisch fand, konnte ich gut mit ihnen leben. Liza Marklund ist nun keine Autorin, die ich mir unbedingt merken muss, aber wenn mir in der Bibliothek noch ein anderes Buch von ihr in die Finger kommt, würde ich es vermutlich ausleihen. „Nett“ ist schließlich nicht immer das Schlechteste für eine Geschichte, die mich einfach nur etwas unterhalten soll.

Shari Shattuck: Tage wie Salz und Zucker

Leider kann ich nicht mehr herausfinden, wie ich über dieses Buch gestolpert bin, da es kein Beitrag war, der in meinem FeedReader angezeigt wird. Aber es war auf jeden Fall ein Leseeindruck, der grob aussagte, dass die Geschichte etwas kitschig und unglaubwürdig sei, das Ganze aber trotzdem so schön sei, dass man es lesen sollte. Da der Titel in der Bibliothek vorzumerken war, habe ich also einen Versuch gewagt und einen wirklich schönen Nachmittag mit diesem Buch verbracht. Die Geschichte rund um Ellen und Temerity ist wirklich extrem unglaubwürdig und trotz diverser Probleme, dramatischer Ereignisse und Herausforderungen gibt es am Ende für (fast) alle Beteiligten ein Happy End. Normalerweise würde mich das beim Lesen eher wütend machen, aber Shari Shattuck hat es bei „Tage wie Salz und Zucker“ geschafft, diese Anhäufung von glücklichen Zufällen und unrealistischen Ereignissen so zu verpacken, dass ich mich (abgesehen von einer „medizinischen“ Wendung am Ende) einfach nur gut unterhalten gefühlt habe. Wobei ich zugeben muss, dass ich nicht weiß, ob ich an einem anderen Tag und in einer anderen Stimmung ebenso glücklich mit dem Roman gewesen wäre.

Die Geschichte beginnt an einem Abend, als Ellen wie immer viel zu früh mit dem Bus zur Arbeit fährt. Während sie noch damit beschäftigt ist, sich die anderen Passagiere im Bus anzuschauen, steigt eine junge, blinde Frau zu und setzt sich neben Ellen. Für Ellen ist das ein regelrechter Schock, hat sie doch seit Jahren das Gefühl, für alle anderen Menschen unsichtbar zu sein – wobei sie auch ihr Leben lang alles dafür getan hat, um diesen unsichtbaren Zustand zu erreichen. Ellen wurde mit fünf Jahren von ihrer Mutter verlassen, die sie misshandelte und hungern ließ, und wanderte von diesem Zeitpunkt an von einer Pflegefamilie zur nächsten. Sie ist sich sicher, dass es Pflegefamilien gibt, die sich liebevoll um ihre Schützlinge kümmern, aber sie selbst hatte nicht dieses Glück. Inzwischen ist Ellen 24 Jahre alt, dauerhungrig und menschenscheu und verdient sich ihren Lebensunterhalt als Putzfrau in einem Supermarkt. Ihr einziges Vergnügen besteht darin, knusprigen Bauchspeck zu essen und durch das Fenster ihres winzigen Apartments die Nachbarn zu beobachten.

Als sie nun von Temerity im Bus angesprochen wird und sieht, mit wie viel Humor die junge Frau mit ihrer Behinderung umgeht, wird Ellen neugierig. Sie folgt Temerity, als diese aus dem Bus aussteigt, und kann kurz darauf verhindern, dass der blinden Frau die Handtasche geraubt wird. Aus diesem  Moment entsteht zwischen den beiden Frauen eine Freundschaft, die beiden guttut. Gemeinsam fangen die beiden an, sich in das Leben von Ellens Nachbarn und Arbeitskollegen zu mischen. Dabei beginnt das Ganze vollkommen harmlos mit einem falsch zugestellten Brief, von dem Ellen sich nicht sicher ist, ob sie ihn der wirklichen Empfängerin zukommen lassen soll, und steigert sich im Laufe der Zeit zu immer absurderen Aktionen.

Obwohl Shari Shattuck in ihrem Roman „Tage wie Salz und Zucker“ immer wieder tiefer gehende Themen anspricht, war für mich diese Geschichte wie Popcorn-Kino, denn da macht man sich auch keine Gedanken über den Realismus der diversen Wendungen oder die Risiken, die die Figuren eingehen, sondern genießt einfach eine lustige (und wohltuende) Geschichte. Unter dieser Voraussetzung hat es mir Spaß gemacht mitzuerleben, wie Ellen sich von der Beobachterin zur Akteurin entwickelt, wie sie immer häufiger kleinen Impulsen nachkommt und wie die Tatsache, dass sie Pläne für den Tag hat und eine Verabredung einhalten möchte, ihr Leben aufhellt. Im Vergleich zu Ellen bleiben die restlichen Figuren relativ blass, aber das ist nicht schlimm, denn die Geschichte dreht sich vor allem um Ellen und darum, wie selbst kleine Dinge Einfluss auf das Leben eines Menschen nehmen können.

Vielleicht funktioniert dieser Roman so gut, weil man sich einfach manchmal wünscht, dass das Leben so wäre, dass der kleine Drogendealer doch ein netter Mensch ist und Hunde mag, dass die verzweifelte junge Mutter jemanden findet, der sich um sie und ihr Baby kümmert, dass man trotz Trauer einen Weg findet, um auf positive Weise mit dem Verlust eines Menschen umgehen zu können, oder eben, dass man selbst den Mut findet, jemandem beizustehen, der in Schwierigkeiten steckt.