Alle Artikel von Konstanze

Neuzugänge: Januar, Februar und März 2018

Im Januar gibt es traditionell bei mir immer noch einmal mehrere Neuzugänge. Erst einmal spare ich dafür meinen November- und Dezember-Buchetat, zweitens fühlt es sich seltsam an, wenn nach den Buchmassen in den vergangenen zwei Monaten auf einmal kaum noch Neuzugänge kommen, und drittens gibt es ja immer noch Titel auf der Wunschliste, die mir niemand zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt hat und die ich unbedingt haben wollte. In diesem Jahr habe ich also auch wieder relativ hemmungslos im Januar Bücher bestellt, aber geliefert wurden sie zum Teil mit deutlichen Verzögerungen, so dass sich das spürbare „Mehr“ an Neuzugängen erst im Februar bemerkbar machte.

Januar:

1. Seanan McGuire: Beneath the Sugar Sky (Wayward Children)
An Seanan McGuire komme ich ja grundsätzlich nicht vorbei und da
„Beneath the Sugar Sky“ wieder zurück in Miss Eleanor Wests Haus führt,
konnte ich die Veröffentlichung kaum erwarten.

2. Laura Powell: The Last Duchess (A Silver Service Mystery 1)
„The Last Duchess“ ist hingegen zum Antesten erworben worden – der Klappentext enthält lauter Elemente, die ich sehr, sehr reizvoll fand.

Februar:

1. Jennifer Estep: Black Widow (Elemental Assassin 12)
2. Jennifer Estep: Spider’s Trap (Elemental Assassin 13) 
Ich arbeite weiterhin daran, die Serien zu vervollständigen, die ich wirklich unterhaltsam finde, und ein bisschen hatte ich gehofft, dass ich mit den „Elemental Assassin“-Bänden auf dem aktuellen Stand wäre, bevor der nächsten Roman erscheint. Ganz hat das nicht geklappt, aber so weit hinke ich nicht mehr hinterher.

3. Deborah Blake: Dangerously Charming (Broken Rider 1)
Um die „Broken Rider“-Serie schleiche ich schon eine Weile herum, da ich die Baba-Yaga-Bücher der Autorin sehr mochte (obwohl der Schwerpunkt der Geschichten mehr bei Romance als Fantasy liegt) und diese Reihe Figuren aufgreift, die ich in den anderen Romanen sehr cool fand.

4. Tamora Pierce: Tempests and Slaughter
So sehr ich mich über „Tortall – A Spy’s Guide“ gefreut habe, so ist es doch „nur“ eine Zusammenstellung unterschiedlicher Dinge, die Tamora Pierces Welt mehr Tiefe verleihen. „Tempests and Slaughter“ hingegen ist seit langer Zeit endlich mal wieder ein Roman von der Autorin – das freut mich nicht nur grundsätzlich, ich bin auch hingerissen davon, dass es in dieser Geschichte um Numair geht, den ich als Figur wirklich sehr mag.

5. Isabel Yap: Hurricane Heels
Ich mag „magical girl“-Geschichten, aber nur sehr wenige davon gehen darauf ein, was mit einem dieser Mädchen passiert, wenn es jahrelang für das Gute kämpfen muss. „Hurricane Heels“ hingegen beschäftigt sich genau mit diesem Thema und erzählt die Geschichte von fünf Mädchen, die einige Jahre zuvor von einer Göttin magische Kräfte verliehen bekamen und seitdem viele Gefahren und viele Schmerzen erlebt haben, von denen sie niemandem erzählen durften. Ich fand, dass das ein spannender Ansatz für einen Roman ist …

6. Paige Shelton: The Cracked Spine
Irgendwie habe ich Paige Shelton in den letzten Monaten immer etwas nach hinten geschoben, weil ich mich nicht entschließen konnte, ob ich ihre „Farmers‘ Market“-Serie weiterlese oder eine der Serien ausprobieren, bei denen noch nicht so viele Bände erschienen sind. Nachdem Helma ihren Neuzugang (genauer gesagt den zweiten Band der Reihe mit dem Titel „Of Books and Bagpipes“) auf Twitter gezeigt hatte, habe ich dann doch ohne länger nachzudenken bestellt. Es ist schließlich immer einfacher, bei gerade anlaufenden Reihen auf den aktuellen Stand zu kommen, als mal eben die gesamte Backlist eines Autors aufzukaufen. 😉

7. Tomi Adeyemi: Children of Blood and Bone
„Children of Blood and Bone“ ist eines der Bücher, die mir in meiner amerikanischen Timeline ständig unterkamen, und da ich die Inhaltsangabe verlockend fand, ist der Titel auf die Wunschliste gewandert und wurde von mir bestellt (und zu meiner Überraschung konnte mein Buchhändler ihn auch recht zeitnah liefern).

März:

1. Deborah Blake: Dangerously Divine (Broken Rider 2)
Nachdem ich im Februar mit dem ersten Teil einen so netten Tag verbracht hatte, wollte ich den nächsten Band recht bald lesen. Auch weil die Autorin den abschließenden Teil der Trilogie gerade erst selbst verlegt hat, weil ihr Verlag den nicht mehr herausbringen wollte, und ich natürlich den Mittelteil brauche, bevor ich den letzten Band im April kaufe. 😉

2. Seanan McGuire: Tricks for Free (InCryptid 7)
Die aktuelle Fortsetzung der InCryptid-Reihe von Seanan McGuire. Auf den Band hatte ich mich schon sehr gefreut, da ich die Protagonistin im vorhergehenden Teil sehr mochte und sehr gespannt darauf bin, wie es mit ihr und ihren Gegnern weitergeht.

Seanan McGuire: Beneath the Sugar Sky (Wayward Children)

Nachdem „Down Among the Sticks and Bones“ dem Leser die Vorgeschichte von Jill und Jack erzählt hat, führt „Beneath the Sugar Sky“ einen anfangs zurück in „Eleanor West’s Home For Wayward Children“. Dieses Mal erzählt Seanan McGuire die Geschichte vor allem aus der Sicht von Cora, die erst seit wenigen Wochen in Eleanor Wests besonderer Schule lebt und noch immer nicht so richtig angekommen ist. Immerhin hat sie in Nadya, die ebenso wie Cora vor einiger Zeit den Weg in eine Wasserwelt fand, bevor sie wieder zurück in ihre Geburtswelt musste, eine gute Freundin gefunden. Gemeinsam halten sich die beiden Teenager am Schildkröten-Teich hinter der Schule auf, als auf einmal ein Mädchen durch eine Tür in den Teich fällt.

Rini ist auf der Suche nach ihrer Mutter, denn ohne sie ist die Welt Confection, in der Rinis Mutter als Heldin verehrt wird, dem Untergang geweiht. Doch da Rinis Mutter eine der Personen ist, die in „Every Heart a Doorway“ ermordet wurde und die deshalb nie einen Weg zurück in ihre fantastische Welt fand, steht nicht nur Confections Schicksal, sondern auch die Existenz von Rini auf dem Spiel. Zum Glück findet Rini in einigen von Eleanors Schülern Quest-erfahrene Unterstützung, deren ungewöhnliche Talente für die Aufgabe unabdingbar sind. So findet sich Cora zu ihrer eigenen Überraschung gemeinsam mit Nadya, Kade, Christopher und Rini auf der Suche nach einem Weg, um Rinis ermordete Mutter zurückzuholen. Dass Seanan McGuire dieses Mal die Geschichte rund um eine Gruppe von Personen gewoben hat, statt sich auf eine Perspektive zu konzentrieren, macht „Beneath the Sugar Sky“ für mich zum bislang besten Band der Wayward-Children-Bücher, weil man so verschiedene Ansichten zu einem Thema kennenlernt und ganz andere Einblicke in die Begebenheiten erhält.

Zwar bekommt man vor allem Coras Perspektive präsentiert, aber das hat den Vorteil, dass Cora – die noch relativ neu in Eleanor Wests Schule ist – Fragen stellen kann, die bei den anderen Beteiligten unnatürlich wirken würden. Durch die Beteiligung der anderen Charaktere bekommt man nicht nur viele Details zu Confection präsentiert, sondern auch zu den Welten, in die Cora, Nadya, Kade und Christopher geraten waren. Doch was ich an dieser Geschichte besonders mochte, ist der Einblick in das Seelenleben der verschiedenen Figuren. Seanan McGuire zeigt nicht nur, warum die Charaktere sich in ihrer Welt nicht wohlfühlten und sich deshalb so sehr in die fantastische Welt zurücksehnen, in die sie durch ihre ganz persönliche magische Tür geraten waren, sondern auch, wie ihr Leben in dieser anderen Welt ausschaute. Einzig Kade möchte nicht zurück in die Welt Prism, denn dort wurde die Tatsache, dass er ein Junge ist, ebensowenig akzeptiert, wie seine Eltern damit leben konnten, dass ihr kleines süßes Mädchen doch eigentlich kein Mädchen ist.

Ich liebe diesen Einblick in die Gedanken und Gefühle der einzelnen Charaktere fast mehr als all die wunderbaren Details zu den verschiedenen fantastischen Welten (inklusive Erdbeer-Rhabarber-Limonaden-See und einem Schildkröten-Gefährten für ein ertrunkenes Mädchen). Obwohl die „Wayward Children“-Romane bei mir normalerweise eher den Kopf als das Herz ansprechen, hat mich diese Geschichte rundum gepackt, und während sonst die Gesetze und verschiedenen Aspekte der fantastischen Welten (inklusive der „Reisebedingungen“) in mir nachklangen, sind es dieses Mal die Figuren und ihr Schicksal, die mich noch eine Weile beschäftigen werden. Ich freu mich jetzt schon darauf, Anfang 2019 den nächsten Titel („In an Absent Dream“) lesen zu können.

Diana Wynne Jones: The Homeward Bounders

Ich finde es immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich die Romane von Diana Wynne Jones vom Thema und der Atmosphäre her sind. „The Homeward Bounders“ wird aus der Perspektive von Jamie Hamilton erzählt, der als Zwölfjähriger beim Herumstreunern nach der Schule eine geheimnissvolle Festung in seiner Heimatstadt entdeckt. Als er heimlich durch die Fenster des Gebäudes späht, beobachtet er zwei Kapuzen-tragende Gestalten bei ihrem rätselhaften Tun. Von diesem Moment an lässt ihn die Festung ebensowenig los wie die Frage, was die beiden Personen da wohl getan haben. Doch als er die Antwort auf diese Frage findet, wünscht er sich bald, er hätte seiner Neugier nicht nachgegeben. Denn an diesem Tag findet Jamie heraus, dass die beiden Personen Spieler eines allumfassenden großen Spiels sind, welches auch Auswirkungen auf seine Welt und somit sein Leben hat.

Als jemand, der über das Spiel Bescheid weiß, wird er als „Homeward Bounder“ an die Grenzen des Spielfelds verband, wo er von einer Welt zur nächsten versetzt wird, wann immer ein Spielzug seinen aktuellen Aufenthaltsort beeinflussen könnte. Theoretisch – so wurde er vor seiner Verbannung informiert – gibt es die Möglichkeit, einen Weg nach Hause zu finden, doch dafür muss er erst einmal all die Regeln verstehen, die in diesem unheimlichen Spiel zur Anwendung kommen, und Verbündete finden, die ihm gegen die allmächtigen Spieler zur Seite stehen. Letzteres wird vor allem dadurch erschwert, dass sich unter den Homeward Bounders hartnäckig das Gerücht hält, dass keiner von ihnen mit den anderen über die seltsamen Gestalten reden darf und dass es ihnen nicht erlaubt ist, zusammen zu reisen. So benötigt auch Jamie sehr lange, um genügend Informationen über die unheimlichen Spieler zu sammeln, um überhaupt einen Eindruck vom Gesamtbild zu bekommen, und noch länger, um die ersten Schicksalsgenossen etwas besser kennenzulernen.

Es ist wirklich spannend zu sehen, wie Diana Wynne Jones an eine Geschichte herangeht. Bei „Homeward Bounders“ könnte man grob sagen, dass sie die Handlung aus der Perspektive einer Spielfigur in einem Tabletop-Game erzählt, aber das würde die abstrakten Theorien, die dafür sorgen, dass all die parallelen Welten funktionieren und Teil eines großen Spiels sein können, nicht genügend würdigen. Doch so faszinierend ich die Idee hinter „The Homeward Bounders“ finde und so sehr mich die Geschichte spätestens ab der Hälfte des Romans gepackt hatte, so muss ich zugeben, dass ich es lieber mag, wenn die Autorin weniger den Kopf als vielmehr Herz und Bauch des Lesers anspricht. So hatte ich lange Zeit mit Jamie Probleme, weil er nun einmal ein recht egoistischer Junge ist, der auch aus den Fehlern, die er macht, nicht so schnell zu lernen scheint. Außerdem mochte ich es nicht so gern, dass mir die Geschichte aus der Rückschau und stellenweise sehr gerafft erzählt wurde.

Natürlich kann Jamie nicht von jedem Erlebnis berichten, das er in den vielen hundert Welten hatte, die er besuchte, aber dadurch, dass beim Lesen klar war, dass diese Ereignisse in der Vergangenheit lagen, war ich lange Zeit Jamies Schicksal gegenüber deutlich gleichgültiger, als mir lieb war. Erst nach gut der Hälfte der Geschichte, als Jamie andere Personen kennenlernt und sich – entgegen aller Regeln, die er bis zu diesem Zeitpunkt gelernt hatte – mit ihnen über ihr Schicksal austauscht, wurde ich neugieriger auf die weitere Handlung. Durch die Interaktion mit anderen Homeward Bounders kommt es zu amüsanten kleinen Szenen, und durch die extrem unterschiedlichen Charaktere wurde die Geschichte weniger vorhersehbar. Am Ende hatte mich der Roman dann richtig gepackt – so sehr, dass ich die Handlung und die Figuren sogar mit in meine Träume genommen habe -, was vermutlich auch daran lag, dass der Schluss auf eine Art und Weise bitter(süß) ist, die perfekt für diese Art von Geschichte ist.

Elly Griffiths: Dr. Ruth Galloway 1 – Totenpfad (Hörbuch)

Im Juli vergangenen Jahres hatte ich mir das Hörbuch „Totenpfad“ von Elly Griffiths zugelegt, dann aber keine Zeit gehabt, es auch zu hören. Nachdem Irina im Oktober dem Krimi auch nur eine durchwachsene Bewertung hatte zukommen lassen, habe ich in den vergangenen Monaten erst einmal zu anderen Hörbüchern gegriffen, bevor ich in den letzten Tagen dann doch zum Möbelaufbau diese Geschichte auf den Player gezogen habe. Die Handlung wird aus der Perspektive der 39jährigen Dr. Ruth Galloway erzählt, die als Archäologie-Professorin von der Polizei herangezogen wird, um einen Knochenfund im Salzmoor zu bestimmen. Zu Detective Chief Inspector Harry Nelsons Enttäuschung, der gehofft hatte, dass es sich bei dem Fund um die Leiche eines entführten kleinen Mädchens handeln würde, stellt Ruth fest, dass die Knochen schon seit der Bronzezeit im Salzmoor von Norfolk liegen.

Obwohl sie der Polizei dieses Mal nicht weiterhelfen konnte, wird Ruth in den folgenden Wochen immer weiter in die Ermittlungen rund um die entführte Scarlett (und die vor zehn Jahren ebenfalls entführte Lucy) hineingezogen. Nach und nach beschleicht sie der Verdacht, dass zwischen den Entführungen und den Ausgrabungen, die vor zehn Jahren im Moor stattfanden, eine Verbindung besteht und dass ihr ehemaliger Mentor und ihre damaligen Kollegen vielleicht etwas mit den anonymen Briefen und den Entführungen zu tun haben könnten. Ich muss gestehen, dass ich keine Ahnung habe, was ich noch zum Inhalt schreiben soll, denn obwohl das Hörbuch fast neun Stunden lang war, habe ich nicht das Gefühl, dass in der Geschichte etwas Erzählenswertes passiert.

Die Handlung plätschert so vor sich hin, es wird von Ruth viel über die Ereignisse von vor zehn Jahren nachgedacht, über ihre damaligen (und heutigen) Freunde, über ihr Leben, über ihre Eltern und vor allem darüber, was all die Menschen in ihrer Umgebung über sie denken. Letzteres vor allem deshalb, weil sie mit fast 40 Jahren alleinstehend ist, in einem einsam gelegenen Haus am Rande des Salzmoors lebt, zwei Katzen hat, übergewichtig ist und sich deshalb anscheinend als unfassbare Versagerin sieht, obwohl Ruth sich ständig erzählt, wie sehr sie ihr eigenständiges Leben doch liebt. Diese Passagen, in denen Ruth über ihr Leben und darüber, wie andere über sie denken könnten, grübelt, fand ich unglaublich nervig. Das Ganze steckte so voller Klischees, Vorurteilen und Selbstverachtung von Seiten der Protagonistin, dass ich mich beim Hören ständig aufgeregt habe.

Dazu kam dann noch der kaum vorhandene Krimianteil, der offensichtliche Täter (und die Tatsache, dass er anscheinend niemals von irgendjemandem verdächtigt wurde) und die Beziehungen zwischen den verschiedenen Figuren, was dazu führte, dass ich ständig drüber nachgedacht habe, ob ich dieses Hörbuch wirklich bis zum Ende hören will. Immerhin kann ich sagen, dass ich – im Gegensatz zu Irina – wenig Probleme damit hatte, dass sich die gesamte Handlung auf die Menschen in Ruths Umgebung konzentriert. Denn auf der einen Seite leben nun mal nicht so viele Menschen am Rande des Salzmoors und auf der anderen Seite scheint es bei den Entführungen Verbindungen zu den archäologischen Ausgrabungen im Moor zu geben und die damals an den Ausgrabungen beteiligten Personen gehören eben auch heute noch zu Ruths Freundeskreis.

Mit ein Grund, warum ich letztes Jahr das Hörbuch gekauft habe, war nicht nur eine allgemeine Krimilust, sondern auch die Sprecherin Gabriele Blum, der ich normalerweise gern zu höre. Doch bei „Totenpfad“ konnte sie auch nicht viel aus der Handlung machen, während ihre – wie ich zugeben muss – stimmige Darstellung von Ruth dafür sorgte, dass ich die Protagonistin noch weniger mochte. Ich finde es wirklich schade, dass dieser Krimi bei mir so gar nicht ankam, denn die Grundidee war wirklich nicht schlecht und das Salzmoor bildete eine wunderbar atmosphärische Kulisse für die Geschichte, aber die Perspektive der Protagonistin und die ereignislose Handlung haben mich beim Hören wirklich genervt.

Lese-Sonntag im März

Heute ist der dritte Sonntag im Monat und somit wieder Lesetag und so langsam kommt es mir vor, als ob ich jeden Lese-Sonntag-Post so beginne. 😉 Die vergangene Woche war sehr schön, aber auch sehr anstrengend. Vor allem habe ich meine Zeit damit verbracht durch die Gegend zu fahren und durch die Wohnung zu rennen und wenn ich weder das eine noch das andere gemacht habe, habe ich schwere Kartons gehoben (oder gezogen, geschoben und verflucht). Außerdem waren wir gestern beim ersten Roller-Derby-Spiel der Saison – und da nicht nur das offizielle Liga-Spiel stattfand, sondern nacher auch noch eine Gastmannschaft gegen ein Mix-Team antrat, war damit fast der gesamte Tag ausgebucht. Heute plane ich also wieder sehr viel Zeit mit einem Buch auf dem Sofa zu verbringen – nur unterbrochen von der sonntäglichen Gloomhaven-Runde (wenn wir denn an das Spiel herakommen, da davor Bücher gestapelt sind). Ganz sicher bin ich mir noch nicht, was ich gleich lesen werde. Auf der einen Seite habe ich eine Anthologie, die gerade erst bei mir eingezogen ist und mich reizen würde, dann gibt es da noch zwei Titel aus der Bibliothek, Lust auf einen Krimi hätte ich auch mal wieder und dann ist mir noch „Der Hexenladen“ in den letzten Tagen in die Finger gefallen … Irgendwas zum Lesen werde ich also wohl finden. 😉

Update 9:45 Uhr

Inzwischen habe ich in die „Underwater Ballroom Society“-Anthology (herausgegeben von Stephanie Burgis und Tiffany Trent) reingelesen, aber ich war eindeutig zu müde, um in die erste Geschichte („The Queen of Life“ von Ysabeau S. Wilce) reinzukommen. Beim Zurückblättern bin ich über „The Baronet’s Bride“ von Emily Larkin gestolpert und fand den Anfang schon sehr nett. Es ist der zweite Teil (bzw. dritte Teil, wenn man die dazugehörige Kurzgeschichte als für sich stehenden Band zählt) der „Midnight Quill“-Bücher der Autorin und erzählt die Geschichte eines Paares, das frisch verheiratet (und verliebt) ist. Die Handlung beginnt in der Hochzeitsnachts und während sie – die als Witwe schon mal Sex hatte – diese unappetitliche Sache einfach hinter sich bringen will, würde er – der in Waterloo einen Arm verloren hat – am Liebsten ganz auf den Sex verzichten, weil er nach der Amputation nicht weiß, wie das funktionieren soll und überhaupt fühlt er sich so unwohl mit seinem veränderten Körper, dass er sich eigentlich niemandem mehr nackt zeigen will. Da die gesamte Geschichte nur 100 Seiten lang ist, werde ich sie wohl erst einmal beenden, bevor ich mir was Neues suche (und dabei gegen die aufziehenden Halsschmerzen meinen Tee trinken).

Update 12:45 Uhr

Die 100 Seiten bei „The Baronet’s Bride“ waren dann doch eher 50 Seiten plus Leseproben, aber ich mochte diese kleine Geschichte rund um die Hochzeitsnacht der beiden Protagonisten und wie sie gemeinsam all ihre Befürchtungen überwinden. Emily Larkins große Stärke ist für mich immer wieder, dass sie wunderbar realistische Figuren schreibt, denen man ihre Ängste abnimmt und die (häufig) angenehm pragmatisch mit ihren Einschränkungen umgehen.

Beim Fühstück habe ich dann die ersten Seiten von „Der Hexenladen“ von Tanya Huff gelesen, aber so sehr ich mich freute, als ich den Roman in den letzten Tagen wieder in die Finger bekam, so bin ich mir gerade nicht sicher, ob es die richtige Art von Geschichte für den heutigen Tag ist. Aktuell schauen wir eh gerade die Abschlussfeier der Paralympischen Spiele (von denen ich in den letzten Tagen wirklich gern mehr mitbekommen hätte, als nur die sporadische Berichterstattung im ZDF). Danach schaue ich mal, zu welchem Buch (oder Comic?) ich greife. 🙂

Update 17:30 Uhr

In der Zwischenzeit habe ich weiter in „Der Hexenladen“ gelesen und doch noch in die Geschichte reingefunde. Ich finde den Anfang immer etwas anstrengend, weil man da so viele Personen kennenlernt – die sind zwar wichtig, um ein Gefühl für die Familienverhältnisse zu bekommen, aber es ist auch etwas anstrengend, wenn man müde und matt ist.

Außerdem habe ich endlich zu „Slam!“ gegriffen. Den Comic habe ich im November geschenkt bekommen und wartete ein wenig auf die richtige Stimmung. Nachdem wir aber gestern beim Roller Derby waren, hatte ich endlich Lust ihn zu lesen. Es ist spannend die Unterschiede zwischen Steilbahn und Flat Track zu sehen (letzteres ist inzwischen deutlich verbreiteter und auch das, was man in Deutschland zu sehen bekommt), aber vor allem dreht sich der Comic um die Freundschaft zwischen zwei Frauen, die sich beim Probelaufen fürs Roller Derby kennenlernen. Die Handlung mochte ich sehr (auch wenn ich auf den Konflikt zwischen den Protagonistinnen hätte verzichten können), die Charakterentwicklung auch und ebenso die Zeichnungen. Im September gibt es den nächsten Band, der jetzt schon auf meiner Wunschliste steht. 😉

Update 21:00 Uhr

Seit dem letzten Update habe ich weiter in „Der Hexenladen“ gelesen und genieße das erneute Entdecken der Geschichte sehr – irgendwie ist es doch nett, wenn man bestimmte Entwicklungen schon im Hinterkopf hat und deswegen die Hinweise in den früheren Kapiteln ganz anders einordnen kann. Nach dem Abendessen (Curry mit Süßkartoffeln und Erbsen – sehr lecker!) habe ich wieder eine Runde Animal Crossing gespielt – heute hat es im Spiel geregnet, dummerweise muss ich in dieser Version trotzdem meine Blumen gießen, damit sie nicht vertrocknen. 😉

Ein weiteres Update wird es nicht geben, aber abgesehen davon, dass ich noch die letzten Seiten in meinem Roman lesen werde, wird hier eh nichts mehr passieren.

So fing es Anfang der Woche an …

 

… und danach habe ich bis Mittwochabend abwechselnd weiter Bücher ausgepackt und Umzugskartons entsorgt, bis die letzte Wand in der Wohnung freigeräumt war.

Gestern habe ich es dann langsam angehen lassen
und nach einem sehr entspannten Vormittag
nur die ersten beiden der vier neuen Regale zusammengebaut und an ihren Platz geräumt.

Mal schauen, wie lange es dauert, bis ich die Regale eingeräumt habe.
Es stehen aktuell in allen Ecken der Wohnung Buchstapel,
die ich in Ruhe durchsehen, abwischen und sortieren will.
Trotz meines radikalen Ausmistens vor dem Verpacken damals
ist doch der eine oder andere Titel dabei, der nun doch noch aussortiert werden kann.
Und dann sind da ja noch die Bücher, in die ich nur kurz einen Blick werfen muss,
bevor ich sie im Regal verstaue …

Laura Powell: The Last Duchess (Silver Service Mystery 1)

Es gibt diese Geschichten, in die man sich schon auf den ersten Seiten verliebt, und „The Last Duchess“ von Laura Powell gehört für mich eindeutig dazu. Ich habe mich in Pattern verliebt, die schon als Dreizehnjährige eine der besten Schülerinnen in „Mrs. Minchkin’s Academy of Domestic Servitude“ ist. Wie es sich für eine zukünftige Kammerzofe gehört, ist Pattern ein unauffälliges Mädchen, das es beherrscht, vollkommen im Hintergrund zu verschwinden. Außerdem ist Pattern berühmt dafür, dass sie jeden Flecken entfernen kann, dass ihre Nähte geradezu unsichtbar sind und auch für die neusten Frisuren beweist sie ein gutes Händchen. Trotzdem ist es überraschend, dass gerade sie und nicht eine der älteren Schülerinnen von der Baronin von Bliven ausgewählt wird, um der Großherzogin von Elffinberg als Kammerzofe zu dienen.

So verlässt Pattern Jahre vor Beendigung der Schule London, um auf dem Kontinent in der Stadt Elffinheim ihre Stellung anzutreten. Ihre neue Arbeitgeberin ist nicht nur ungefähr so alt wie Pattern, sondern ebenfalls eine Waise, und so sollte man ja theoretisch davon ausgehen können, dass die beiden Mädchen genügend Gemeinsamkeiten finden, um – natürlich nur, soweit es der professionelle Rahmen erlaubt – eine freundschaftliche Beziehung zueinander zu finden. Doch die junge Großherzogin ist fest davon überzeugt, dass ihr Personal und auch ihr Onkel, der das Herzogtum bis zu ihrer Volljährigkeit regiert, auf ihr Leben abgesehen haben. Dass Pattern fremd in Elffinheim ist und keine Ahnung von den lokalen Gepflogenheiten, der Geschichte des Landes und seinen Legenden hat, hilft ihr auch nicht dabei, ihre neue Aufgabe mit der angestrebten Perfektion zu meistern.

Laura Powell hat mit Elffinberg ein sehr ungewöhnliches Herzogtum geschaffen. Gegründet wurde das Land von einem walisischen Prinzen, der in der Mitte Deutschlands (das anscheinend noch in mehrere Fürstentümer aufgeteilt ist) eine neue Heimat fand, nachdem er sein Geburtsland aus nicht näher bekannten Gründen verlassen musste. Berühmt ist Elffinberg für seine Porzellanherstellung, aber das ist auch schon das Einzige, was das Land regelmäßig verlässt – was auch daran liegt, dass die Einwohner nur dann ausreisen dürfen, wenn sie eine offizelle Erlaubsnis der Herzogsfamilie dafür bekommen. Schon früh keimt im Leser der Verdacht, dass hinter der freiwilligen Isolation, die sich das Land auferlegt hat, tiefere Gründe liegen und dass diese vielleicht sogar mit dem mysteriösen Verschwinden von Kindern zu tun haben, das Elffinberg seit einige Zeit plagt.

Ich sagte schon, dass ich mich auf den ersten Seiten in Pattern verliebt habe, weil das Mädchen so wunderbar liebenswert und patent ist. Trotz aller Herausforderungen, die Patterns neue Stellung mit sich bringt, versucht sie ihr Bestes für die Großherzogin zu geben. Das bedeutet nicht nur, dass sie sich um die Kleidung und die Räumlichkeiten ihrer Dienstherrin kümmert, sondern auch ihre Ängste und Sorgen ernst nimmt und eine Lösung dafür findet – sogar dann, wenn die junge Großherzogin sich mal wieder von ihrer anstrengenderen Seite zeigt. Dabei findet Pattern schnell heraus, dass ihre neue Arbeitgeberin gar nicht so paranoid ist, wie anfangs befürchtet, sondern dass wirklich fürchterliche Dinge in Elffinberg vorgehen, die zum Tode der Großherzogin führen könnten.

Richtig mitermitteln kann man bei der Geschichte als Leser nicht, weil man die Handlung aus Patterns Perspektive erlebt und diese nun einmal nicht über alle notwendigen Informationen verfügt. Aber es hat mir Spaß gemacht, mir Gedanken darüber zu machen, welche Motive welche Person haben könnte und welche Folgen eine Handlung für das Herzogtum, seine zukünftige Regentin oder für ihre treue Kammerzofe haben könnte. Außerdem habe ich es genossen, Patterns ungewöhnliche Lösung für eine ganz besonders große Herausforderung am Ende der Geschichte mitzuerleben. Denn zum Schluss wird „The Last Duchess“ noch einmal richtig dramatisch, obwohl der Roman vorher vor allem von all den vielen kleinen Szenen lebt, in denen man verfolgen kann, wie Pattern Fuß in ihrer neuen Stellung fasst oder doch so langsam das Vertrauen der Großherzogin gewinnt. Nachdem mir „The Last Duchess“ beim Lesen so viel Freude bereitet hat (und die Leseprobe zum nächsten Teil schon so nett beginnt), habe ich direkt im Anschluss die Fortsetzung „The Lost Island“ auf die Wunschliste gesetzt.

Bonnie-Sue Hitchcock: Der Geruch von Häusern anderer Leute

„Der Geruch von Häusern anderer Leute“ von Bonnie-Sue Hitchcock ist mir in den vergangenen Monaten auf diversen Blogs untergekommen und irgendwann bin ich dann auch neugierig auf die Geschichte geworden. Die Handlung wird aus der Perspektive einiger Jugendlicher erzählt, die im Jahr 1970 in Fairbanks (Alaska) leben. Genau genommen leben Ruth, Dora, Alyce und ihre Freundinnen in Birch Park – und egal, ob man zu den Athabasken, den Inupiat oder zu den Weißen gehört, reich ist keiner der Einwohner dieses Stadtteils. Jedes der drei Mädchen hat mit seinen eigenen Problemen zu kämpfen, ebenso wie Hank, der mit seinen beiden Brüdern zwar nicht in Birch Park lebt, dessen Leben sich aber im Laufe des Jahres mit dem der anderen drei Erzählerinnen kreuzen wird.

„Ich wartete jahrelang auf Mamas Rückkehr und machte mir große Sorgen um Lily, weil ich fürchtete, sie würde nie erfahren, wie schön das Leben eigentlich war.“
(Ruth, Seite 15)

Ich mochte, dass Bonnie-Sue Hitchcock den verschiedenen Erzählern so unterschiedliche Stimmen verliehen hat, weniger sprachlich als von der Atmosphäre her, die ihre jeweiligen Passagen durchdrang. Man beginnt das Buch mit Ruth, die davon erzählt, wie glücklich ihre Kindheit war, als ihr Vater noch lebte, ihre Mutter regelmäßig das Haus mit Blumen schmückte und sie alle sich auf die Geburt ihrer kleinen Schwester Lily freuten. Doch dann kommt Ruths Vater bei einem Flugzeugunglück ums Leben und sie und ihre kleine Schwester landen bei ihrer Oma in Birch Park, wo das Leben deutlich freudloser ist. Bei ihrer Großmutter gilt es hingegen, stets bestimmte Regeln einzuhalten und sich nicht besonders hervorzutun. So ist es kein Wunder, dass Ruth verzweifelt auf der Suche nach etwas Schönheit und Aufmerksamkeit ist, nach jemandem, für den sie wichtig ist.

„Dumplings Dad hat ihr beigebracht, dass das Glas halb voll ist. Meiner hat mir beigebracht, dass es randvoll ist – mit billigem Whiskey.“
(Dora, Seite 44)

Noch freudloser ist das Leben in Birch Park für Dora, die vor einer Weile von der Nachbarfamilie (der Familie ihrer Mitschülerin Dumpling) aufgenommen wurde, nachdem ihr Vater ins Gefängnis kam. Ihren Teil fand ich besonders schwierig zu lesen, weil ihr Leben nie schön war und weil ihr nun – im Gegensatz zu den anderen dreien – die Hoffnung fehlt, dass es irgendwann einmal besser wird. Sie kann einfach nicht daran glauben, dass die Zukunft auch für sie etwas Besonderes bereithalten könnte. Dora ist so jung und doch so verbittert, und sie hat solche Angst davor, den kleinen Halt, den ihr die Nachbarfamilie bietet, zu verlieren. Und bei Dora schwingt so viel zwischen den Zeilen mit, wenn sie von ihren Eltern erzählt oder wenn sie beobachtet, wie Dumplings Familie miteinander umgeht.

„Meine Mutter kommt zu den Aufführungen – meistens übernimmt sie den Ticketverkauf an der Abendkasse -, aber Dad hat mich noch nie tanzen gesehen. Dads Leben findet auf dem Boot statt. Und wenn ich nicht mehr auf dem Boot mithelfe, wer füllt dann die Lachseier in Tüten? Wer nimmt die Fische aus und säubert sie? Das waren schon immer meine Jobs.“
(Alyce, Seite 70)

Alyce‘ Welt scheint im Vergleich deutlich weniger düster zu sein, und doch weiß sie nicht, wie sie seit der Scheidung ihrer Eltern ihre beiden Welten (das Leben in Fairbanks mit ihrer Mutter inklusive des Ballettunterrichts und im Sommer das Leben auf dem Fischkutter ihres Vaters mit all den dazugehörigen Verpflichtungen) mit einander vereinbart bekommen soll. Ich fand es besonders schön, dass man aus Alyce‘ Perspektive zwar erfuhr, was für eine harte und dreckige Arbeit der Fischfang ist, aber eben auch, wie schön es sein kann, wenn man als Familie gemeinsam so eng zusammenarbeitet.

„Wisst ihr noch, wie meine Mutter gesagt hat: „Warte nur, bis dir von heute auf morgen der Boden unter den Füßen weggezogen wird“? Jetzt weiß ich, dass ein Leben mehrere Böden hat.“
(Hank, Seite 160)

Hank hingegen scheitert mit gerade mal siebzehn Jahren daran, dass er nach dem Tod des Vaters „der Mann im Haus“ und somit verantwortlich für das Wohlergehen seiner beiden Brüder ist. Und es ist noch schwieriger geworden, für seine Brüder zu sorgen, seitdem seine Mutter einen neuen Mann ins Haus geholt hat. Bei ihm fand ich es besonders schön zu lesen, dass ihm durch und durch bewusst ist, dass seine Brüder so anders sind als er selbst und dass er sie – genau so, wie sie sind – mag und dass er alles dafür tun würde, um sie zu beschützen. Weder Hank noch die anderen drei Erzähler fällen im Laufe der Handlung besonders kluge Entscheidungen, aber alle vier Teenager entwickeln sich in diesem einen Jahr, in dem man ihr Leben verfolgen kann, deutlich weiter.

Obwohl es im Jahr 1970 zu einigen einschneidenden und dramatischen Entwicklungen kommt, mochte ich vor allem die vielen kleinen Momente, in denen Ruth, Dora, Alyce und Hank von ihrem Leben und ihren Familien und Freunden erzählten. Ich mochte die kleinen Beobachtungen und Gedanken, die die vier Erzähler beschäftigen, wie zum Beispiel wenn Ruth darüber nachdenkt, dass ein Haus besser riecht, wenn eine Mutter darin wohnt, und wie sehr sie den Geruch nach Schimmel und Armut in dem Haus ihrer Großmutter hasst. Es ist schön zu lesen, wenn Dora beschreibt, wie wunderbar chaotisch das Haus von Dumplings Familie ist, weil all das Chaos von Zuneigung und Wärme zeugt, von der Tatsache, dass in diesem Haus darauf geachtet wird, was jemand gern zum Nachtisch isst und ob jemand etwas Aufmerksamkeit oder Raum für sich benötigt.

Unter all diese kleineren und größeren Erlebnisse mischen sich die Elemente, die von dem Leben in Alaska zeugen. Die davon erzählen, dass nicht jeder froh war, als Alaska zu einem Bundesstaat der USA wurde, dass durch diesen geplanten Zusammenschluss viele Ängste erzeugt wurde – gerade bei den Menschen, die ihre traditionelle Lebensweise erhalten wollten -, dass aber diese gemeinsamen Ängste auch dafür sorgten, dass man unabhängig von der Herkunft (Athabasken, Inuquiat und Weiße) zusammenarbeitetete, um diesen Zusammenschluss zu verhindern. Auch die Voruteile zwischen den verschiedenen Bewohnern in Birch Park erzählen von der Geschichte Alaskas, von den unterschiedlichen Abstammungen der Erzähler, von den Schubladen, in die die verschiedenen Familien gesteckt werden, und von dem Versuch, ein Leben zu führen, in dem man als Individuum mehr zählt als seine Herkunft. Dabei baut Bonnie-Sue Hitchcock diese Aspekte nicht schulbuchmäßig in ihre Geschichte ein, sondern erzählt „einfach nur“ von den Dingen, die zum Alltag ihrer Protagonisten gehören – und das ist am Ende nicht nur interessant und unterhaltsam, sondern auch bewegend und wunderschön zu lesen.

Dies und Das (2): Der Bibliotheksnutzer als Störfaktor

Ich habe vor ein paar Jahren einen ausführlichen Beitrag darüber geschrieben, was Bibliotheken für mich bedeuteten und wie wichtig sie für mich als Kind und Jugendliche waren. Nach dem Umzug im vergangenen Jahr habe ich mich dann darüber ausgelassen, wie schön es ist, dass die recht neue Stadtteilbibliothek so gut zu Fuß erreichbar ist und dass ich dort immer über Bücher stolpere, die ich lesen mag. Ein Jahr später bin ich über die Nähe zur Stadtteilbibliothek immer noch glücklich und gerade die Roman-Auswahl ist in den vergangenen Monaten deutlich besser geworden – so gibt es zum Beispiel inzwischen ein Regal, wo die Bibliotheksmitarbeiter Krimi-Empfehlungen präsentieren. An diesem Regal bin ich in den letzten Wochen nicht einmal vorbeigegangen, ohne mindestens einen Titel mitzunehmen. Das ist zwar nicht gerade gut für meinen SuB, aber ich entdecke eben gern neue Krimiautoren.

Trotzdem fühle ich mich in dieser Stadtteilbibliothek lange nicht so wohl wie in der alten Zweigstelle, und das liegt an den Mitarbeiterinnen. Es gibt zwei Frauen, die die Stammbesetzung dieser Bibliothek bilden, und beide vermitteln mir grundsätzlich das Gefühl, ich würde sie stören. Egal, ob ich einfach nur meine ausgeliehen Bücher zurückgebe, ob ich um eine Vormerkung bitte (da nur schon ausgeliehene Titel online vorgemerkt werden können) oder ob ich es gar wage, Buchgeschenke abzugeben. Und meine Buchgeschenke sind keine alten verramschten Exemplare, sondern neuwertige Titel, denen man nicht ansieht, dass sie einmal gelesen wurden, deren Veröffentlichung auch nicht besonders lange her ist und die Genres abdecken, die eigentlich ein relativ breites Publikum finden müssten. Alles, was nicht mehr neuwertig aussieht oder wo ich sehe, dass die Bibliothek eh schon diverse Exemplare im Bestand hat, oder wo mir irgendwelche anderen Aspekte einfallen, um den Titel für eine Bibliothek nicht attraktiv zu machen, wandert in den öffentlichen Bücherschrank.

Ich will kein Dankeschön für die Buchgeschenke, ich will keinen Small Talk machen und überhaupt würde ich davon ausgehen, dass ich als Bibliotheksnutzerin relativ pflegeleicht bin (und sei es nur, weil ich selbst einige Jahre für eine Bibliothek gearbeitet habe). Aber ich will mich nicht als Störfaktor fühlen. Ich will nicht das Gefühl haben, dass meine Buchgeschenke nur Arbeit machen, und ich fände es wirklich schön, wenn man sich nicht mitten im Satz von mir abwenden würde, um mit der danebensitzenden Kollegin zu reden. Da mir diese beiden Damen durch ihr Verhalten signalisieren, dass ich nicht willkommen bin, finde ich es auch sehr unangenehm, dass sie von ihrem Sitzplatz den gesamten Raum im Blick haben.

Nachdem ich sie im Laufe des vergangenen Jahres auch mit ein paar anderen Bibliotheksnutzern gesehen haben, kann ich auch behaupten, dass sie dieses Verhalten nicht nur mir gegenüber zeigen. Ich frage mich ja immer als erstes, ob ich was falsch gemacht habe, dass mir so eine Behandlung zuteil wird. Aber inzwischen habe ich so oft erlebt, dass andere Personen, die zum Beispiel eine Frage hatten, einfach im Raum stehengelassen wurden, daher bin ich mir sicher, dass es wirklich nicht an mir liegt. Inzwischen bin ich so weit, dass ich mir wünsche, man könnte die Selbstverbuchung in dieser Zweigstelle nicht nur für die Ausleihe, sondern auch für die Rückgabe von Medien verwenden. Dabei mochte ich immer diesen kleinen Austausch bei der Rückgabe der Bücher in der alten Stadtteilbibliothek. Viel geredet haben wir nie, oft wurde nur ein Gruß oder ein Lächeln ausgetauscht, aber ich habe mich willkommen gefühlt – und das vermisse ich gerade sehr.

Graham Norton: Ein irischer Dorfpolizist

Graham Norton war mir bislang kein Begriff und so lag es nur an dieser Rezension, dass ich Lust hatte, den Roman „Ein irischer Dorfpolizist“ auszuprobieren. Die Handlung wird zu einem großen Teil von dem Polizisten Sergant PJ Collins bestimmt, der seit fast zwanzig Jahren in dem kleinen Dorf Duneen eine ruhige Kugel schiebt. Sein Leben wird beherrscht von den drei warmen Mahlzeiten, die ihm seine Haushälterin Mrs. Meany jeden Tag serviert, und von den Kleinigkeiten, die er in seinem Alltag als Dorfpolizist übernehmen muss. Geprägt wird sein Verhalten dabei von einer allumfassenden Unsicherheit, die nicht nur darauf zurückzuführen ist, dass er sehr dick ist und sich der Tatsache bewusst ist, dass ihn kaum ein Mensch ernst nimmt. Als eines Tages bei Bauarbeiten auf dem Gelände eines ehemaligen Bauernhofs ein Skelett gefunden wird, ist sich das gesamte Dorf sicher, dass es sich dabei um die Leiche des vor über zwanzig Jahren verschwundenen Tommy Burke handelt.

Gerüchten zufolge war Tommy zwar damals nach London abgehauen, nachdem sich seinetwegen zwei Frauen vor dem Dorfladen geprügelt hatten. Doch da man nie wieder von dem jungen Mann etwas gehört hatte, hat das Rätsel um Tommy Burke die Dorfgemeinschaft nie ganz in Ruhe gelassen. Im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen nun vor allem die beiden Frauen, denen er vor so vielen Jahren so wichtig war, dass sie sich um ihn prügelten. Weder Brid Riordan noch Evelyn Ross haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten ihr Glück gefunden. Während Evelyn gemeinsam mit ihren beiden älteren Schwestern im Haus ihrer verstorbenen Eltern lebt, hat Brid einen Mann geheiratet, von dem sie wusste, dass er sie nicht liebt, sondern es nur auf den vom Vater geerbten Bauernhof abgesehen hatte. Aus der Sicht dieser drei traurigen Figuren (PJ, Evelyn und Brid) wird der Großteil der Geschichte erzählt, wobei es Graham Norton gelingt, überraschend liebevoll und respektvoll mit diesen drei gescheiterten Existenzen umzugehen.

Ein paar Elemente in „Ein irischer Dorfpolizist“ erinnerten mich an den Miss-Marple-Krimi „Nemesis“ von Agatha Christie, auch da gibt es diese drei ältlichen Schwestern, die zusammen leben und zwischen denen so viel Unausgesprochenes steht und die alle drei so viel mehr in ihrem Leben hätten haben können, wenn sie es gewagt hätten, ihren eigenen Weg zu gehen. Und der Fall selbst dreht sich um eine Person, die vor vielen Jahren aus dem Leben aller Beteiligten verschwunden ist und die durch ihre Abwesenheit eine große Lücke hinterlassen hat. Eine Lücke, die bei mehr als einem Charakter zu einem Bruch im Leben geführt hat, von dem sich diese Personen nicht wieder erholt haben. Doch während Miss Marple von einem Hinweis zum nächsten geschickt wird und dabei aus den verschiedenen Erinnerungen, die ihr erzählt werden, ihre Schlüsse zieht, scheint PJ sich angesichts einer so großen Aufgabe recht hilflos zu fühlen.

Auf der einen Seite will er endlich mal zeigen, dass er als Polizist zu mehr gut ist als nur den Verkehr zu regeln und Strafzettel auszustellen, auf der anderen Seite ist PJ nicht gerade jemand, der die hinzugezogenen Ermittler aus Cork mit seinem Verstand und seinen Einfällen beeindruckt. Doch PJ strahlt – bei all seiner Unbeholfenheit – Wärme und Verständnis aus, was die Beteiligten dazu bringt, ihm im Laufe der Zeit ihr Herz auszuschütten. So ist „Ein irischer Dorfpolizist“ weniger ein Kriminalroman als eine Geschichte rund um all die verpassten Gelegenheiten, die Kümmernisse und die Hoffnungslosigkeit, die lange Zeit das Leben einiger Bewohner des Dorfes Duneen bestimmen. Ich mochte es sehr, wie Graham Norton die verschiedenen Charaktere darstellt, weil er keine seiner Figuren für irgendetwas zu verurteilen scheint. Er macht hingegen deutlich, dass hinter all den größeren und kleineren Fehler und Probleme seiner Figuren eine Geschichte steckte – und dass es nicht immer so einfach ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und ein anderes Leben anzufangen.

Aber dieses liebevolle Verständnis für all die gescheiterten Existenzen in diesem Roman sorgte bei mir auch für eine melancholische Stimmung beim Lesen. Es ändert sich zwar im Laufe der Geschichte etwas für alle Beteiligten, aber allein die Vorstellung, dass die meisten von ihnen zwanzig, dreißig Jahre in ihrer Einsamkeit gefangen waren und nicht wussten, wie sie etwas in ihrem Leben ändern sollten, fand ich schon etwas deprimierend. Doch im Gegensatz zu „Nemesis“, wo man am Ende das Gefühl hat, dass die Auflösung des Verbrechens den Figuren zwar Antworten auf einige wichtige Fragen bietet, aber keine Erlösung aus ihrer Einsamkeit, gibt es bei „Ein irischer Dorfpolizist“ immerhin für den einen oder anderen Charakter einen ausreichenden Anstoß im Laufe der Geschichte, um eine neue (und immer noch realistisch wirkende) Wendung im Leben einzuschlagen.