Kategorie: Rezension

Kate Stayman-London: One to watch

Von „One to watch“ von Kate Stayman-London hatte ich mir – nachdem ich über mehrere Empfehlungen des Titels gestolpert war – eine amüsante Liebesgeschichte mit einer dicken Protagonistin und einer ungewöhnlichen Grundidee erhofft. Bekommen habe ich stattdessen ein Buch, das ich fast durchgehend gehasst habe und bei dem es mich wirklich wundert, dass ich es bis zur letzten Seite gelesen habe. Ein Teil von mir hatte wohl gehofft, dass ich irgendwann noch auf den „amüsanten“ Teil der Geschichte stoßen würde, aber dazu kam es dann leider doch nicht. Stattdessen hätte ich bei diesem Roman gern vorher eine Warnung bezüglich einiger Elemente gehabt, die zwar für prominente (dicke) Frauen zum Alltag gehören, aber in einer „unterhaltsamen“ Geschichte vielleicht etwas weniger triggernd eingebracht hätten werden können. Bevor ich hier weiter auf Details eingehe, sollte ich aber wohl erst einmal etwas über die Handlung sagen …

Die Geschichte in „One to Watch“ dreht sich um die dreißigjährige Plus-Size-Modebloggerin Bea. Bea lebt in LA, ist ziemlich erfolgreich in ihrem Job und wird kurzfristig ziemlich berühmt, als sie sich in einem Blogpost darüber aufregt, dass die beliebte Show „Main Squeeze“ (so etwas wie „The Bachelor“) immer nur sportliche und dünne Personen zeigt, obwohl der Großteil der Bevölkerung/Zuschauer*innen nicht diesen Kriterien entspricht. Kurz darauf bekommt sie die Chance, selber zur Hauptfigur in „Main Squeeze“ zu werden. Sie sieht darin eine Möglichkeit, nicht nur über ihren eigenen akuten Liebeskummer hinwegzukommen, sondern auch ganz Amerika zu zeigen, dass auch dicke Frauen es verdient haben, eine liebevolle Beziehung zu finden. Dabei ist Bea wild entschlossen, sich selbst nicht zu verlieben, sondern sich nur von dem Mann ablenken zu lassen, den sie seit Jahren hoffnungslos liebt und der sie nach einer einzigen gemeinsamen Nacht kommentarlos verlassen hat, um zu seiner Verlobten zurückzukehren.

Ich muss zugeben, dass ich den Prolog dieses Buches mochte, weil der wunderbar unrealistisch und ein bisschen märchenhaft war und erklärte, wie sich eine Studentin, die voller Minderwertigkeitskomplexe ist, mit etwas Hilfe einer großzügigen Verkäuferin zu einer Mode-Bloggerin entwickeln konnte. Aber während Kate Stayman-London in den folgenden Kapiteln lang und breit erklärt, wie selbstbewusst Bea geworden ist, wie stolz sie auf die Fotos ist, die sie in ihren verschiedenen Outfits zeigen, und wie erfolgreich sie als Mode-Bloggerin mit hundertausenden Followern ist, gelingt es der Autorin nicht, mich das alles auch glauben zu lassen. Stattdessen begegnet mir eine Frau, die fünf Jahre lang darauf wartet, dass der eine Mann in ihrem Leben, der ihr das Gefühl gibt, witzig und begehrenswert zu sein, zu ihr zurückkommt. Dabei betont sie immer wieder, dass er ihr bester Freund sei und es vor fünf Jahren nur einen einzigen Kuss zwischen ihnen gegeben hat – und ich stehe da und frage mich: Wie sehr muss sich eine Figur selbst betrügen, um daraus abzuleiten, dass dieser Mann die Liebe ihres Lebens ist und dass es okay ist, mit ihm ins Bett zu springen, nur weil er nach all der Zeit für eine Nacht in der Stadt ist?! Wenn es Kate Stayman-London darum ging, in mir Mitleid zu wecken, weil ihre Protagonistin nicht richtig geliebt wurde, dann hat sie leider ihr Ziel verfehlt. Mich haben diese ersten Kapitel, die sich alle nur um diesen einen – in meine Augen wirklich fürchterlichen – Typen drehten und in denen sich Bea in Selbstmitleid wälzte, regelrecht wütend gemacht.

Als es dann um Beas Auftreten in „Main Squeeze“ geht, gibt es so einige Passagen, in denen Kate Stayman-London auf body positivity eingeht und darauf, was die gesellschaftlichen Vorurteile gegenüber dicken Frauen bzw. dicken Menschen für den Alltag dieser Personen bedeuteten. Grundsätzlich bin ich sehr dafür, dass häufiger über all diese Dinge geredet wird, denn so wie gender bias unser Leben in allen möglichen Bereichen bis hin zur korrekten medizinischen Versorgung beeinflusst, so spielen natürlich auch die Vorurteile, die es gegenüber dicken Personen gibt, eine große negative Rolle in unserer Gesellschaft. Aber bei „One to Watch“ hatte ich das Gefühl, dass die Protagonistin Bea zwar all die Daten und Fakten zu diesen Themen parat hat, aber dass sie selbst nichts aus all den von ihr erwähnten wissenschaftlichen Studien gelernt hat. Während auf der einen Seite ständig betont wird, dass Bea der Welt zeigen will, dass auch dicke Personen ein Recht auf ein erfülltes Liebesleben hätte, glaubt die Protagonistin selbst nicht, dass sie trotz ihres Körpergewichts begehrt und geliebt werden könnte. Was zu Dutzenden Szenen mit all den verschiedenen Kandidaten führt, die ihr deutlich signalisieren, dass sie an ihr interessiert sind, während Bea selbst jeden einzelnen Satz seziert, jede Geste hinterfragt und auf jedes Kompliment fast panisch reagiert.

Dazu kommt, dass Bea und die diversen potenziellen Partner nicht gerade viel Zeit miteinander verbringen und die gemeinsamen Stunden von Kamerateams begleitet werden, so dass es für mich ziemlich schwierig war zu glauben, dass sich da wirklich so etwas wie Interesse zwischen der Protagonistin und den verschiedenen Männern entwickelt. Ich gebe zu, dass so eine geskriptete Fernsehserie vielleicht nicht gerade die ideale Umgebung ist, wenn ein Charakter die wahre Liebe sucht. Aber Kate Stayman-London hat sich dieses Setting nun einmal ausgesucht. Hätte sie das Ganze so gestaltet, dass es auch gemeinsame Zeit ohne Kameras zwischen den Kandidaten und Bea gegeben hätte, dann hätte ich am Ende vielleicht glauben können, dass die Protagonistin sich in einen der Männer verliebt und deshalb eine gefühlsmäßige Achterbahn erlebt. Überhaupt, die Kandidaten in dieser Sendung … es gibt so viele Männer in diesem Buch, die sich nicht nur grundsätzlich frauenfeindlich benehmen, sondern noch mal eine ganze Ecke unangenehmer werden, wenn es um dicke Frauen geht, und das war definitiv nicht unterhaltsam zu lesen.

Auch wenn es wichtig ist, in einer Geschichte mit einer dicken Protagonistin zu erwähnen, dass sie tagtäglich mehr als nur den üblichen frauenfeindlichen Kram erlebt, so hätte es durchaus gereicht, wenn das allgemeiner eingeflossen wäre. Stattdessen gibt es nicht nur lauter unangenehme Situationen mit dem einen oder anderen Kandidaten, sondern auch vollkommen unzensierte Tweets mit Vergewaltigungsdrohungen gegenüber Bea, die ohne Vorwarnung inmitten anderer Twittergespräche über die „Main Squeeze“-Ausstrahlungen innerhalb der Handlung auftauchen. Nichts daran ist amüsant oder unterhaltsam oder trägt irgendwie zur Geschichte bei, auch wenn es vielleicht weiter begründen soll, wieso die Protagonistin so unsicher ist und nicht glauben kann, dass sie jemand lieben und begehren könnte. Aber ganz ehrlich, als (dicke) Frau gehören viele dieser Dinge zu meinem ganz persönlichen Alltag und ich muss darüber nicht aufgeklärt oder belehrt werden. Außerdem möchte ich definitiv nicht beim Lesen eines „unterhaltsamen“ Romans immer wieder ohne jede Vorwarnung über Elemente stolpern, die einen Haufen unangenehmer Erinnerungen in mir wecken. Vor allem aber hasse ich es, dass Kate Stayman-London zwar ihre Protagonistin ständig betonen lässt, dass es okay ist, dick zu sein und dass auch dicke Frauen schön sein können, aber auf der anderen Seite mit Beas Handeln sämtliche Vorurteile untermauert, die behaupten, dass dicke Frauen nicht glücklich mit sich und ihrem Körper sein können und deshalb selbst schuld sind, wenn es in ihrem Leben nicht rund läuft.

Ich kann Kate Stayman-London zugute halten, dass sie sich Mühe gegeben hat, ein realistisches Bild vom Alltag einer (berühmten) dicken Frau zu zeichnen. Außerdem hat sich die Autorin bemüht, eine relativ diverse Ansammlung von Charakteren (eine lesbische beste Freundin für Bea, Kandidaten mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und ein Kind, das gender fluid ist) in ihre Geschichte einzubauen. Aber ein Roman, der damit beworben wird, dass er eine unterhaltsame und romantische Geschichte erzählt, sollte in mir beim Lesen nicht so viel Frustration und Wut erzeugen. „One to Watch“ ist leider ein besonders deutliches Beispiel dafür, dass „gut gemeint“ noch lange nicht „gut gemacht“ bedeuten muss. Wenn Kate Stayman-London mit ihrer Geschichte gegen all die Vorurteile, die gegenüber dicken Frauen bestehen, ankämpfen wollte, dann hätte sie keine Protagonistin erschaffen dürfen, die all diese Vorurteile gleich mehrfach untermauert. Für mich bleibt am Ende nur das Fazit, dass ich nach diesem Leseerlebnis zu keinem weiteren Roman von Kate Stayman-London greifen würde. Stattdessen würde ich, wenn ich Bedarf an einer romantischen und positiven Geschichte rund um eine dicke Frau hätte, einfach erneut zu den Brown-Schwestern von Talia Hibbert greifen, um Beschreibungen von liebevollen und empowernden Beziehungen zu genießen.

Fiona Longmuir: Looking for Emily

„Looking for Emily“ von Fiona Longmuir war eine spontane Bestellung, die ich in den letzten Tagen getätigt hatte, nachdem ich (mal wieder) auf Twitter über den Titel gestolpert war und den Klappentext sehr ansprechend fand. Die zwölfjährige Protagonistin Lily ist zu Beginn der Geschichte gerade erst mit ihrer Mutter aus der Großstadt in die kleine Küstenstadt Edge gezogen und sie ist nicht glücklich darüber. Edge ist viel zu klein und langweilig, nie passiert etwas in der kleinen Stadt und dann ist da noch die Tatsache, dass Lily niemanden in ihrer Klasse kennt und keine Freunde hat. Erst als sie über ein ungewöhnliches privates Museum stolpert, hat Lily das Gefühl, dass Edge immerhin ein Rätsel für sie zu bieten hat. Versteckt hinter einer unauffälligen Tür zwischen zwei kleinen Fischerhäuschen findet Lily in dem „Museum of Emily“ lauter kleine und alltägliche Dinge, die einmal einem Mädchen namens Emily gehört haben.

Was das Museum nicht zu bieten hat, ist eine Antwort darauf, wieso jemand all diese Dinge sorgfältig aufbewahrt und belabelt hat, und erst recht nicht darauf, wer Emily überhaupt war und was aus ihr geworden ist. Kurz nach der Entdeckung des Museums freundet sich Lily mit ihrer Nachbarin Sam und deren Freund Jay an und gemeinsam versuchen die drei mehr über Emily herauszufinden. Vor allem stürzen sich die Freunde dabei auf das Archiv der örtlichen Bibliothek und natürlich auf all die Schaustücke in Emilys Museum. Was ich etwas seltsam fand, war, dass keines der Kinder auf den Gedanken kam, dass sie mal jemanden nach Emily fragen könnten, der schon länger in Edge lebt. Obwohl es viele Hinweise darauf gab, dass Emily in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren in dem Ort gelebt haben müsste. Natürlich sind die drei wild entschlossen selber herauszufinden, was mit Emily geschehen ist, aber meiner Meinung nach würde es doch auf der Hand liegen bei einem solchen Rätsel auch ältere Anwohner als Informationsquelle heranzuziehen. Aber vielleicht hatte die Autorin das Gefühl, dass sie mit Lily, ihren beiden Freunden, den Lehrerinnen, einer Bibliothekarin, Emily und all den dazugehörigen Familienmitgliedern schon genügend Figuren in ihre Geschichte gepackt hatte.

Außerdem war ich anfangs etwas verwirrt, was die Zeitspanne anging, in der die Handlung passierte, denn immer wenn ich den Eindruck hatte, dass mehrere Tage vergangen waren, gab es einen Satz, der zu sagen schien, dass die gerade gelesenen Sachen an einem einzigen Tag passiert sind. Während ich bei anderen Szenen das Gefühl hatte, das wäre direkt hintereinander passiert, während dann wieder ein Satz kam, der andeutete, dass mehr Zeit vergangen war. Diese Zeitverwirrtheit könnte aber auch an mir gelegen haben, da ich die ersten Kapitel mit relativ viel Abstand gelesen hatte, oder vielleicht lag es daran, dass am Anfang Lilys Passagen von kurzen Kapiteln unterbrochen wurden, in denen Emily von den Ereignissen erzählt, die zu ihrem Verschwinden geführt haben. In der zweiten Hälfte des Buches wurde das auf jeden Fall besser und grundsätzlich hat mich diese Verwirrtheit nicht so sehr gestört, dass sie mich aus der Geschichte rausgebracht hätte.

Insgesamt hat mir „Looking for Emily“ sehr gut gefallen. Ich mochte Lily mit all ihren Ecken und Kanten – sie macht es Sam und Jay nicht immer einfach mit ihr befreundet zu sein – und ich fand es sehr unterhaltsam zu verfolgen wie Lily und die beiden anderen zusammen mehr über Emily herausgefunden haben. Im Laufe der Zeit werden ihre Ermittlungen immer gefährlicher für die drei, was wirklich spannend zu lesen war. Vor allem, da die Protagonistin versucht sich erwachsene Hilfe zu holen und daran scheitert, dass sie nicht ernst genommen wird. Neben den fesselnden Passagen gelingt es Fiona Longmuir ihre Geschichte immer wieder mit amüsanten und heimeligen Elementen aufzulockern und einem beim Lesen die Gewissheit zu vermitteln, dass am Ende alles gut ausgehen wird. Außerdem bin ich – auch nach dem Lesen des Romans – immer noch ganz verliebt in die Idee eines „Museums of Emily“ und all die kleinen Details, die Lily, Sam und Jay über all die alltäglichen Ausstellungsstücke über Emily herausgefunden haben und finde, dass das eine wunderbare Basis für eine Geschichte ist.

Nancy Jackman (with Tom Quinn): The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was

„The Cook’s Tale – Life below stairs as it really was“ ist die Biografie von Nancy Jackman, die aus Interviews entstanden ist, die die ehemalige Köchin mit dem Autor Tom Quinn in den vier Jahren vor ihrem Tod 1989 geführt hat. Nancy Jackman wurde 1907 in einem kleinen Dorf in Norfolk geboren. Ihr Vater war ein Landarbeiter, ihre Mutter ein ehemaliges Dienstmädchen und Nancy hatte das Glück, das einzige Kind ihrer Eltern zu sein, so dass sie relativ viel Aufmerksamkeit von ihnen bekam und trotz der Armut ihrer Eltern eine glückliche Kindheit hatte. Da ihrer Mutter bewusst war, dass die größte Chance ihrer Tochter darin lag, eine Anstellung als Haus- oder Küchenmädchen zu finden, hatte Nancy von ihr schon früh die grundlegenden Dinge beigebracht bekommen, die sie für so eine Stelle benötigen würde. Mit 14 Jahren trat Nancy ihre erste Anstellung als Küchenmädchen an, aber schon vorher hatte sie einen Job, in dem sie einen Tag in der Woche als Dienstmädchen für einen älteren Landwirt in der Nachbarschaft ihrer Eltern arbeitete.

In vielen kleinen und größeren Anekdoten erzählt Nancy Jackman in „The Cook’s Tale“ von ihrem Weg vom unerfahrenen Küchenmädchen zu einer Köchin, die für mehrere Angestellte verantwortlich war. Dabei bietet das Buch nicht nur einen interessanten Einblick in das Leben „below stairs“, sondern zeigt auch die unglaubliche Entwicklung, die es zwischen den 1920ern und 1950ern für das gesellschaftliche Leben (sowohl der Herrschaft als auch ihre Dienerschaft) gegeben hat. Am Ende des Buches bleibt mir vor allem der Gedanke daran, wie einsam das Leben als Hausangestellte gewesen sein muss, und wie unsicher sich diese Menschen Tag für Tag gefühlt haben müssen, da fast jeder Aspekt ihres Lebens in den Händen von Personen lag, die vollkommen willkürlich mit ihnen umgehen konnten. Eine der größten Ängste, die Nancy Jackman hatte, war es, im Alter im Arbeitshaus zu landen und gezwungen zu werden, Straßen zu pflastern, so wie die alten Frauen, die sie als Kind gesehen hatte.

„The problem is that when you become a cook you worry too much and get stressed that things won’t come out right and it makes you crotchety. If things don’t come out right then cook is the first to hear about it and one bad meal could lead to the sack, so you end up living on your nerves. (Seite 130)“

Freundschaften zwischen den Bediensteten waren verpönt und es gab keinerlei Anlaufstelle für die jungen Angestellten, um sich Rat oder gar Hilfe zu holen. Wenn nicht eine Vorgesetzte großzügig genug war, um dem unerfahrenen Küchenmädchen zur Seite zu stehen und ihr Wissen weiterzugeben, dann gab es keinerlei Chance, sich weiterzuentwickeln und eventuell eine bessere Position einzunehmen. Nancy selber hatte solches Glück und bekam von der Köchin, unter der sie als erstes gearbeitet hat, den Tipp, ein Notizbuch zu führen, in dem sie alle Küchenkniffe und alle Rezepte sammeln konnte. Im Laufe ihres Arbeitsleben hat ihr dieses Notizbuch mit all den darin gesammelten Rezepten so einige Türen geöffnet, aber das änderte nichts daran, dass ihr Leben hart und aufreibend war. In extremen Zeiten hieß es für Nancy Jackman, 16 Stunden am Stück zu arbeiten, nur um mitten in der Nacht geweckt zu werden, weil einer ihrer Arbeitgeber etwas zu essen oder trinken haben wollte, und am Ende der Woche konnte sie froh sein, wenn sie einen halben Tag frei bekam.

Natürlich haben sich die Arbeitsbedingungen für Bedienstete im Laufe der Jahrzehnte geändert. Es wird in „The Cook’s Tale“ deutlich, was für ein Einschnitt der Zweite Weltkrieg in dieser Beziehung war. Die „Herrschaften“ wurden ärmer und konnten sich weniger Personal leisten, während den Bevölkerungsschichten, die traditionell für diese Herrschaften gearbeitet haben, neue Berufe offenstanden – Berufe, die mehr Sicherheit, mehr Einkommen und deutlich weniger Arbeitsstunden mit sich brachten. All das hat auch für Nancy Jackson dazu geführt, dass ihr Leben zum Ende ihrer Arbeitszeit einfacher wurde und dass sie wählerischer sein konnte bei der Wahl ihrer Arbeitsstellen, aber bei mir bleibt nach dem Lesen von „The Cook’s Tale“ trotzdem vor allem diese Angst vor einem Leben in Armut hängen, die die ersten Jahrzehnte ihres Lebens beherrscht habt. Eine Angst, die – obwohl Nancy Jackman immer wieder betont, dass ihre Eltern sie geliebt haben – ihre Mutter dazu brachte, ihre minderjährige Tochter in den Dienst eines Landwirtes zu stellen, von dem sie nur hoffte, dass er sie am Ende heiraten müsste.

Rae Carson: The Girl of Fire and Thorns

Ich muss gestehen, dass der Debütroman von Rae Carson ziemlich an mir vorbeigegangen ist, als er vor ca. 11 Jahren erschien, obwohl ich mir sicher bin, dass einige Personen ihn gelesen haben, deren Blogs ich folg(t)e. Und ich habe keine Ahnung mehr, was mich im vergangenen Herbst dazu brachte, spontan das eBook zu kaufen (wenn ich mal vom günstigen Preis absehe). Aber ich bin sehr froh, dass ich mir den Roman gegönnt habe, und habe in der vergangenen Woche gespannt all die Ereignisse rund um die Protagonistin Elisa verfolgt. Elisa ist „die Auserwählte“, diejenige, die am Tag ihrer Taufe von Gott mit einem Edelstein im Bauchnabel versehen wurde. Elisa wird irgendwann in ihrem Leben hoffentlich eine große Aufgabe erfüllen, doch was für eine Aufgabe das sein wird, weiß niemand. Und Elisa ist diejenige, die am wenigsten von allen versteht, warum gerade sie auserwählt wurde – was auch der Grund dafür ist, dass sie im Laufe der Zeit eine ausgewachsene Essstörung entwickelt hat, die dafür sorgt, dass Elisa ziemlich dick ist.

An ihrem sechzehnten Geburtstag wird Elisa mit König Alejandro verheiratet und reist mit ihm in seine Heimat. Dort muss sie zu ihrer großen Überraschung feststellen, dass Alejandro ihre Hochzeit erst einmal geheimhalten will und sie nur als Ehrengast bei Hof vorstellt. Doch das Leben und die Intrigen an diesem fremden Hof sind nur eine der Herausforderungen, die auf Elisa warten. An den Grenzen des Landes stehen feindliche Truppen, Rebellen sorgen für Unruhen und schon bald findet Elisa heraus, dass es deutlich mehr über den Götterstein in ihrem Bauchnabel zu wissen gibt, als ihr beigebracht wurde. Während Elisa anfangs schüchtern und voller Minderwertigkeitskomplexe ist, fand ich es schön zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt und an ihren Herausforderungen wächst. Ich fand es durchaus verständlich, dass Elisa das Gefühl hatte, dass sie neben ihrer schönen, klugen und weltgewandten großen Schwester Alodia verblasst und dass ihre Gesellschaft nur wegen des Göttersteins gesucht wird. So versteckt sie sich vor der Welt hinter ihrem Essen und hinter Schriftrollen, die ihr vielleicht mehr zu ihrem Schicksal verraten können.

Dabei gibt es immer wieder Momente, in denen Elisa schon früh beweist, dass sie eine kluge und herzliche Person ist. Ich mochte es zum Beispiel sehr, wie sie im Laufe der Geschichte auf ihren Mann Alejandro reagierte. Anfangs ist sie – verständlicherweise – überwältigt davon, dass ein erfahrener und so gut aussehender Mann so freundlich mit ihr umgeht, während sie mit jeder weiteren Begegnung mehr über ihn lernt und so auch seine Schwächen wahrnimmt. Sie bemüht sich während der gesamten Handlung von „The Girl of Fire and Thorns“ hart darum, sich den Respekt der Personen um sich herum zu erarbeiten. Und je mehr Elisa den anderen Menschen beweist, dass sie mehr ist als nur die Trägerin des Göttersteins, dass sie eine Person ist, die ihre Versprechen hält und bereit ist, wirklich weit zu gehen, um diejenigen zu beschützen, die ihr am Herzen liegen, desto mehr lernt sie sich selbst zu mögen und ihren Fähigkeiten zu vertrauen. Ich mochte es sehr, wie Rae Carson nicht nur Elisa, sondern auch all die anderen Figuren in dieser Geschichte angelegt hat. Wenn ich ehrlich bin, sorgte die Autorin schon früh dafür, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, ich könne keinem Charakter rund um Elisa vertrauen. Aber Rae Carson gelang es auch, mir zu vermitteln, dass jede ihrer Figuren einen guten Grund für ihr Handeln hat – und das hat mir wirklich viel Spaß gemacht.

Interessant fand ich auch den Weltenbau bei „The Girl of Fire and Thorns“, denn Rae Carson lässt dabei viele Elemente offen und bietet relativ wenig Erklärungen für diese Mischung aus arabischer und spanischer Kultur. Die wenigen Hinweise, die es in den „religiösen Texten“ gibt, die Elisa regelmäßig liest, haben bei mir das gleiche Gefühl hinterlassen wie viele ältere SF-Romane, die ich früher gelesen habe. So als ob die Autorin eine grobe Idee hatte, die darauf basiert, dass eine (unsere?) Welt aufhörte zu existieren und ihre Bewohner deshalb in einer anderen Welt Zuflucht fanden. Das würde die Mischung aus vertrauten und ungewöhnlichen Elementen ebenso erklären wie einige der Legenden rund um vergangene Ereignisse. Auf der anderen Seite bot mir Rae Carson beim Lesen aber auch sehr viele realistische und alltägliche Details rund um das Überleben in der Wüste, das Bewegen in der Natur und die Dinge, auf die jemand achten muss, der ohne Vorräte in der Wildnis zurechtkommen muss. Ich mochte es sehr, dass in ihrer Welt nicht einfach Bogenschützen in der Wüste unterwegs sind, denn schließlich müssen sich die Menschen am Rande der Wüste gut überlegen, ob sie irgendwo Holz für Pfeile und Bögen herbekommen oder ob sie ihren Krieg nicht eher mit Schleudern und ähnlichen Mitteln führen sollten.

All diese Elemente zum Weltenbau und zum Alltag der Figuren mochte ich sehr. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin ihre Charaktere angelegt hatte, und ich fand es faszinierend, Elisa zu begleiten, während sie an all ihren Herausforderungen wächst. Insgesamt hat die Handlung einen gefährlichen „noch ein Kapitel“-Sog auf mich ausgeübt, der für längere Frühstückspausen gesorgt hat, als ich mir eigentlich leisten konnte. Die Geschichte ist am Ende von „The Girl of Fire and Thorns“ noch nicht abgeschlossen, aber der Ausklang des Romans ist so rund, dass das Buch für sich stehen kann. Ich fürchte allerdings, dass ich mit wohl in näherer Zukunft noch die nächsten Bände holen werde, auch wenn ich eigentlich eine eBook-Kaufpause einlegen wollte, bis ich wieder ein paar Titel aus meinem Bestand gelesen habe. Aber ich möchte zu gern wissen, wie es mit Elisa und all den anderen Charakteren weitergeht und wie sie mit den weiteren Herausforderungen, die noch auf sie warten, umgehen wird.

Julia Buckley: The Big Chili (Undercover Dish 1)

Nachdem mir „A Dark and Stormy Murder“ von Julia Buckley so gut gefallen hatte, habe ich wenig später auch noch „The Big Chili“ von der Autorin gelesen. „The Big Chili“ ist ein Jahr vor „A Dark and Stormy Murder“ erschienen und der Auftakt der vierteiligen Undercover-Dish-Reihe, die sich um Lilah Drake dreht. (Ich muss gestehen, ich wüsste schon gern, wie viele Serien die Autorin parallel schreibt, wenn ich mir den Veröffentlichungsrhythmus ihrer Bücher so anschaue.) Lilah arbeitet tagsüber für ihre Eltern, die eine Marklerfirma betreiben, und in ihrer Freizeit kocht sie heimlich für eine Handvoll Kunden. Genau genommen für Kunden, die Lilahs Gerichte als ihre eigenen ausgeben, um dafür dann Lob und Anerkennung einzuheimsen. Schwierig wird Lilahs Situation, als eine Frau bei einer Kirchenveranstaltung stirbt, nachdem sie ein Chili probiert hat, das von Lilah gekocht wurde. Auf der einen Seite fleht ihre Kundin sie an, dass sie niemandem verraten soll, dass Lilah das Chili gekocht hat, auf der anderen Seite befürchtet Lilah natürlich, dass ihr Stillschweigen die Ermittlungen beeinträchtigen könnte.

Ich muss zugeben, dass mir dieser Roman von Julia Buckley nicht so gut gefallen hat wie „A Dark and Stormy Murder“, obwohl ich mich insgesamt auch von dieser Geschichte gut unterhalten gefühlt habe. Ich fand die Idee lustig, dass Lilah eine Handvoll Kunden hat, die nicht wissen, dass Lilah ihr heimliches Kochen zu einem kleinen Geschäft ausgebaut hat und dass sie mehrere Personen in ihrem Ort regelmäßig mit Gerichten versorgt. Ebenso amüsant waren die diversen Übergabeaktionen der fertigen Gerichte an abwegigen Orten oder unter ebenso abwegigen Vorwänden. Allerdings fand ich es dann doch etwas zu überzogen, dass Lilah nicht einmal die Polizei in ihr Geheimnis einweiht – vor allem. da sie sich häufiger mit Detective Inspector Jacob „Jay“ Parker unter vier Augen unterhält. Und da ich schon bei den Kritikpunkten bin (und das, bevor ich noch die netten Teile des Romans erwähnt habe): Obwohl es in dieser Geschichte viele schöne Passagen gibt, die sich um das Thema Kochen und Essen drehen, gibt es leider – wie auch schon in „A Dark and Stormy Murder“ – immer wieder Momente, in denen sich die Protagonistin Lilah schlecht fühlt, weil sie (nach einem langen und anstrengenden Tag) Fast Food isst oder weil sie zu einem Softdrink greift. Wie gesagt, es gibt einige Szenen, in denen es einfach nur um genussvolles Essen geht, aber ganz konnte die Autorin ihrer Protagonistin dann doch nicht das schlechte Gewissen ersparen, weil sie sich nicht hundertprozentig gesund ernährt.

Ansonsten fand ich es sehr nett zu verfolgen, wie Lilah ihre Nase in die Angelegenheiten ihrer Freunde und Kunden steckt, wie sie mehr über die verschiedenen Personen herausfindet, obwohl sie doch dachte, dass sie sie gut kennen würde, und wie das dazu führt, dass sie Jay immer wieder Informationen geben kann, über die er noch nicht gestolpert war. Wie schon bei „A Dark und Stormy Murder“ wird die Protagonistin von Anfang an nicht verdächtigt, was ich wirklich angenehm finde. Sie muss auch nicht ihr Geschäft retten oder sonstige Dramen lösen, und Lilah arbeitet die ganze Zeit mit der Polizei zusammen, auch wenn es ihr manchmal unangenehm ist, dass sie Informationen weitergibt. Und während die Protagonistin in dem anderen Roman sich von Anfang an sicher war, dass der Verdächtige Sam West absolut unschuldig sein muss, hat Lilah immer wieder Momente, in denen sie selbst Personen verdächtigt, von denen sie eigentlich glaubt, dass es gute Menschen sind, die niemals einen Mord begehen könnten. Dieses Bewusstsein dafür, dass theoretisch jede dieser Personen mordverdächtigt sein könnte, obwohl sich Lilah gut mit ihnen versteht und sie schon lange kennt, hat mir gut gefallen.

Dieser Mangel an Drama (wobei es in „The Big Chili“ am Ende einen kleines „Beziehungsdrama“ zwischen Lilah und Jay gibt) finde ich wirklich wohltuend bei den Romanen von Julia Buckley, ebenso wie das harmonische Familienumfeld der Protagonistinnen und die vielen kleinen (und häufig amüsanten) Begegnungen mit den verschiedenen Figuren, die Informationen zu den Ermordeten beizutragen haben. Wenn ich von meinem Kritikpunkt rund um die Essensszenen absehe, kann ich die Geschichten rundum genießen. Mir gefällt es einfach, wenn es in einem gemütlichen Kriminalroman nicht erzwungen um die Unschuld der Protagonistin oder ihre Existenz geht und wenn die ermittelnden Polizisten nicht als Feinde behandelt werden. Auch wenn mir die „Liebesgeschichten“, die Julia Buckley sowohl in „The Big Chili“ als auch in „A Dark und Stormy Murder“ eingebaut hat, etwas arg schnell verliefen und es für mich nicht so ganz nachvollziehbar war, wieso sich da nun diese Paare gefunden haben, so muss ich zugeben, dass dies für nette Dialoge zwischen den Protagonistinnen und anderen Personen (Freundeskreis, Familienmitglieder oder eben der potenzielle neue Partner) gesorgt haben. Und da mein Bedürfnis nach Cozys immer noch nicht so ganz vorbei ist, habe ich mir auch noch „Death in a Budapest Butterfly“, den Start der Hungarian-Tea-House-Reihe, von der Autorin besorgt.

 

Leslie Vedder: The Bone Spindle

Mit „The Bone Spindle“ erzählt Leslie Vedder eine ungewöhnliche Dornröschen-Variante, die mir sehr viel Spaß gemacht hat. Im Prolog stellt die Autorin das fantastischen Königreich Andar vor, dessen jüngster Prinz von der Spindle Witch verflucht wurde. Nur durch den Einfluss der anderen drei großen Hexen (der Snake Witch, der Dream Witch und der Rose Witch) konnte der Fluch gemildert werden. Das Königreich Andar wurde durch diesen Fluch vernichtet, seine Bewohner flohen in die anliegenden Reiche, die drei großen Hexen starben bei dem Versuch, die Spindle Witch zu besiegen, und alle Personen im Schloss fielen – ebenso wie Prinz Briar – in einen unendlichen Schlaf, der nur durch den Kuss einer jungen Frau gebrochen werden kann. Doch bislang hat es niemand geschafft, den Fluch über Andars Prinzen zu brechen. Stattdessen durchstöbern Schatzjäger die Ruinen des zerstörten Königreichs nach kostbaren Schätzen, magischen Artefakten und unbekannten Zauberbüchern. Diese Schatzsuchen sind nicht ganz ungefährlich, denn die wertvollsten Dinge in diesen Ruinen werden durch ausgeklügelte Zauber und Fallen geschützt.

Auch die Protagonistinnen Fi – genauer Lady Filore Nenroa – und Shane, eine Kriegerin aus dem Norden, sind Schatzjägerinnen, wobei Shane vor allem auf Reichtümer aus ist, während Fi auf der Suche nach Wissen über das verlorene Königreich Andor und die Orden der großen Hexen ist. Genau genommen hofft Fi, dass sie in den Unterlagen der alten Hexen-Orden Informationen findet, die ihr helfen, einen Fluch zu brechen, mit dem sie ihr Ex-Freund vor einem Jahr verhext hat. Doch stattdessen stolpert sie bei einem gemeinsamen Abenteuer mit Shane über einen weiteren Fluch – den Fluch, den die Spindle Witch auf den Prinzen von Andor gelegt hat. Dieser Fluch sorgt für einen Seelenbund zwischen Fi und dem schlafenden Briar, und je länger dieser Bund besteht, desto näher kommen sich die beiden. Auf ihrem Weg zum verfluchten Schloss von Andor müssen sich Fi und Shane nicht nur mit dunkler Magie, Hexenjägern, einem manipulativem Ex-Freund und einer rätselhaften jungen Frau in einem roten Umhang herumschlagen, sondern auch mit der dunklen Magie der Spindle Witch. Trotzdem ist „The Bone Spindle“ alles andere als eine düstere Geschichte, denn allein schon die gegensätzlichen Charaktere der beiden Protatonistinnen sorgen für diverse amüsante Szenen.

Ich mochte es sehr, dass Fi und Shane anfangs nicht mehr als „Arbeitskolleginnen“ waren, die sich miteinander arrangieren, obwohl sie die andere Person und ihr Verhalten häufig nicht verstehen können. So konnte ich abwechselnd mit einem Schmunzeln Fis und Shanes Gedanken verfolgen, die sie sich über ihre Kollegin machten, und nach und nach miterleben, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Frauen miteinander anfreunden. Ebenso gefiel es mir, wie die Autorin verschiedene Märchenelemente aufgreift und ihre ganz eigene Geschichte daraus spinnt. Dabei belässt sie es nicht dabei, Prinz Briar zum Opfer des Fluches zu machen oder sich einfach bei bekannten Märchen zu bedienen, sondern sie baut eine ganz eigene Welt rund um die Hexen-Orden, die Schatzjäger und das verfluchte Königreich auf. Allerdings muss ich zugeben, dass „The Bone Spindle“ durch die ausführliche Vorstellung der Figuren (und der Welt) in den ersten Kapiteln etwas gemächlich anfängt. Ich habe das erste Drittel des Romans problemlos immer wieder aus der Hand legen und stattdessen in anderen Büchern stöbern können, aber als dieser Teil vorbei war, hat mich die Handlung so richtig gepackt und dafür gesorgt, dass ich „nur noch eben ein Kapitel“ gelesen habe, bis der Roman zuende war.

Das Einzige, was mich beim Lesen etwas irritiert hat, war das Alter der Protagonistinnen. Fi zum Beispiel ist siebzehn und wurde vor einem Jahr von ihrem Ex-Freund, mit dem sie sich einen Ruf als Schatzjägerin erarbeitet hatte, verflucht. Und wenn ich so etwas lese, dann frage ich mich, wie alt Fi bitte war, als sie anfing, gemeinsam mit ihrem Ex als Schatzjägerin zu arbeiten. Selbst wenn sie relativ schnell gewisse Berühmtheit erlangt hat, so kann sie zu Beginn ihrer Karriere maximal fünfzehn Jahre alt gewesen sein, und das finde ich schon etwas arg jung. Und auch bei Shane frage ich mich etwas, wie alt sie wohl gewesen sein muss, als sie ihr Zuhause (kurz vor ihrer Heirat!) hinter sich ließ – und wie sie sich dann so schnell Berühmtheit als Kriegerin erarbeiten konnte. Wenn ich dann noch all die deprimierenden Monate in Betracht ziehe, die sie als Söldnerin mit zweifelhaften Jobs verbracht hat … Aber nun gut, ich vermute mal, dass die anvisierte jugendliche Zielgruppe der Grund dafür ist, dass Fi und Shane deutlich jünger sind, als sie meiner Ansicht nach sein dürften, und grundsätzlich hat mich das Ganze nicht so sehr gestört, dass es mein Lesevergnügen deutlich getrübt hätte. Auch wenn ich es natürlich trotzdem hier ansprechen musste …

Insgesamt hat mir „The Bone Spindle“ wirklich gut gefallen. Ich mochte die beiden Protagonistinnen mit all ihren unterschiedlichen Stärken und Schwächen sehr gern, ich fand es unterhaltsam zu verfolgen, wie Briar versucht, Fis Herz für sich zu gewinnen, und ich habe es genossen, zu lesen, wie Fi und Shane sich im Laufe ihrer Reise anfreunden und immer wieder füreinander einstehen. Selbst wenn es hier und da Momente gab, in denen ich das Verhalten der beiden Protagonistinnen nicht wirklich klug fand, konnte ich ihre Beweggründe in der Regel nachvollziehen, was dafür gesorgt hat, dass mich diese Passagen so gar nicht gestört haben. Stattdessen habe ich mich über die vielen kleinen Entwicklungen, die die Figuren durchmachen, und über jede neue Information zu ihren Hintergründen gefreut. Ich fand es spannend, dass einige Charaktere in der Geschichte nur einen kleinen Auftritt hatten und es der Autorin doch gelang, sie so darzustellen, dass sie einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Am Ende gibt es noch so viel über Fi, Shane, Briar, Red und die Paper Witch herauszufinden, dass ich sehr gespannt bin, wie Leslie Vedder die Handlung in „The Severed Thread“ fortsetzen wird. Dummerweise erscheint der Band erst im Februar 2023, aber ich freue mich schon darauf, dass ich dann ein Wiedersehen mit all den Charakteren feiern kann.

Julia Buckley: A Dark and Stormy Murder (A Writer’s Apprentice Mystery)

Anfang des Monats hatte ich mir „A Dark and Stormy Murder“ von Julia Buckley besorgt, nachdem das Buch schon einige Zeit auf meinem Merkzettel stand und ich aktuell große Lust auf gemütliche Kriminalromane habe. Die Geschichte wird aus Sicht von Lena „Lee“ London erzählt, die vor einigen Monaten erst ihr Studium beendet hat und nun auf der Suche nach einem Job ist, mit dem sie ihren Lebensunterhalt finanzieren kann. Lena ist kurz davor zu verzweifeln, als ihre Freundin Allison anruft, um ihr zu erzählen, dass sie Camilla Graham – eine berühmte Autorin, die seit vielen Jahren Lenas Vorbild ist – kennengelernt hat und dass Camilla eine Assistentin sucht. Wenig später macht sich Lena gemeinsam mit ihrem Kater Lestrade auf den Weg nach Blue Lake in Indiana, um probeweise für Camilla zu arbeiten. Schnell lebt sich Lena in Blue Lake ein, freundet sich mit ihrer Arbeitgeberin an, lernt neue Leute kennen und genießt ihren Job – bis sie am Seeufer unterhalb von Camillas Haus über die Leiche eines ermordeten Mannes stolpert.

Ich habe es sehr genossen, „A Dark and Stormy Murder“ zu lesen, obwohl Lenas Leben in Blue Lake ein kleines bisschen zu perfekt war und ich ihre Instant-Verliebtheit in Camillas Nachbarn Sam West nicht so ganz nachvollziehen konnte. Der kleine Ort Blue Lake ist einfach bilderbuchhaft perfekt und wird trotzdem nicht von Touristen überlaufen und Lenas neuer Job ist für sie die Erfüllung eines Traumes, weil sie Camilla Graham beim Schreiben ihres neusten Romans assistieren darf. Obendrein wird Camilla innerhalb kurzer Zeit zu einer (mütterlichen) Freundin für Lena und es gibt gleich zwei attraktive Männer, die um die Aufmerksamkeit der Protagonistin bemüht sind. All das wäre mir normalerweise etwas zu viel, um die Geschichte zu genießen, aber es gelingt Julia Buckley, genügend realistische Elemente in die Handlung einzuflechten, dass ich mich beim Lesen einfach nur wunderbar entspannt und unterhalten gefühlt habe. So trifft Lena zum Beispiel immer wieder Personen, die ihr sympathisch sind und die sie gern besser kennenlernen würde, aber das hindert sie nicht daran, sich zu fragen, ob die jeweiligen Personen vielleicht etwas mit dem Mordfall zu tun haben oder Dinge wissen könnten, die der Polizei bei den Ermittlungen helfen würden.

Auch die Art und Weise, wie Lena (und Camilla) in die Ermittlungen involviert werden, mochte ich, weil die Protagonistin weder glaubt, dass sie es besser machen kann als die Polizei, noch aktiv gegen die Ermittler arbeitet, sondern nur ihre Neugier befriedigt, indem sie Klatsch und Tratsch austauscht oder online Informationen sucht. Und wenn sie dann wirklich über Dinge stolpert, die der Polizei helfen könnten, dann gibt sie diese Informationen auch direkt an den Ermittler weiter. Einzig ihre Haltung gegenüber Sam West, der seit Monaten des Mordes an seiner (verschwundenen) Ehefrau verdächtigt wird, war mir etwas zu extrem, denn es brauchte nur zwei Begegnungen, und schon war Lena nicht nur davon überzeugt, dass Sam vollkommen unschuldig sein muss, sondern sie war auch Hals über Kopf in ihn und seinen rauen Charme verliebt. Immerhin gab es kein großes Drama rund um die Tatsache, dass nicht nur Sam, sondern auch der ermittelnde Polizist Doug Heller an Lena interessiert war, was ich wirklich anerkennen möchte. Wieso können nicht mehr Autor*innen solche Handlungselemente lösen, indem sie ihre Figuren wie vernünftige erwachsene Menschen handeln lassen?! Erschreckend, dass mich das hier so froh gemacht hat, weil das einfach so selten vorkommt.

Ansonsten habe ich noch eine kleinen Kritikpunkt an „A Dark and Stormy Murder“, und der bezieht sich auf das Essverhalten der Protagonistin. Während es auf der einen Seite schön zu lesen war, dass Lena ständig leckeres Essen genießt, hatte sie auf der anderen Seite jedes Mal ein schlechtes Gewissen oder musste daran denken, dass sie ganz bestimmt bald schrecklich dick wird, wenn sie sich weiterhin so schlecht ernährt. Ich muss gestehen, ich habe fast das Gefühl, ich könnte Julia Buckley diesen Punkt nicht wirklich vorwerfen, weil es in unserer verdammten Gesellschaft nun einmal überall verbreitet ist, dass Essen etwas ist, das kein Genuss sein darf und mit schlechtem Gewissen verknüpft ist. Aber ich finde es schrecklich, so etwas in einem ansonsten wirklich wohltuenden Roman zu lesen – so viele Beschreibungen von leckerem Essen, und jede einzelne davon wird mit dem Schuldgefühl der Protagonistin verknüpft. Ich weiß nicht, wie vielen anderen Leser*innen das überhaupt auffällt, aber mich hat das wirklich geärgert.

Allerdings hat mich dieser Punkt nicht so sehr geärgert, dass es mir den Rest der Geschichte verdorben hätte. Ich mochte grundsätzlich die Figuren, ich habe es genossen, Lenas perfekten neuen Alltag mitzuerleben, und mir hat es gefallen, wie Julia Buckley den Kriminalfall konstruiert hat. Ich fand es sogar unterhaltsam, Lenas Arbeitsalltag und all ihre Gedanken rund um Camillas nächsten Roman, „The Salzburg Train“, mitzuverfolgen, auch wenn ich die Passagen aus diesem fiktiven Buch, die an fast jedem Kapitelanfang zu lesen waren, eher schlecht geschrieben fand. Aber das hatte schon wieder seinen ganz eigenen Unterhaltungswert für mich und sorgte dafür, dass ich jedes Kapitel mit einem Grinsen startete, während ich darüber nachdachte, dass Camilla Grahams Bücher für mich nicht geeignet wären. Insgesamt hat mir „A Dark and Stormy Murder“ Lust auf weitere Veröffentlichungen von Julia Buckley gemacht – weshalb ich mir direkt im Anschluss das eBook „The Big Chili“, den Auftakt der „Undercover Dish“-Reihe, gekauft habe, um herauszufinden, ob mir andere Reihen der Autorin auch zusagen könnten.

Skyla Dawn Cameron: Livi Talbot 1-3

Nachdem ich in letzter Zeit so viele fantastische Kinder- und Jugendbücher gelesen habe, hatte ich in den vergangen Tagen spontan Lust auf Urban Fantasy. Aber so richtig konnten mich meine schon gelesenen Reihen nicht reizen, und bei den ungelesenen Titeln auf meinem eReader ging es mir ähnlich, bis ich bei „Solomon’s Seal“, dem ersten Livi-Talbot-Roman von Skyla Dawn Cameron, landete. In der Zwischenzeit habe ich nicht nur den zweiten und dritten Band der Reihe („Odin’s Spear“ und „The Emperor’s Tomb“) gelesen, die beide ebenfalls schon auf meinem eReader schlummerten, sondern mir auch den Band 2.5 („Ashford’s Ghost“) gekauft, damit ich den am chronologisch passenden Punkt der Reihe lesen konnte. Die Geschichten drehen sich um Olivia „Livi“ Talbot, die mit 17 von ihrem (einfluss)reichen Vater aus dem Haus geworfen wurde, nachdem sie schwanger geworden war. Ein paar Jahre hat sie sich und ihre Tochter mit Jobs als Kellnerin durchgebracht, bis ihr Bruder Martin – ein anerkannter Archäologe – sie engagierte, um Zutritt zu dem Haus einer ehemaligen Schulkameradin von Livi zu bekommen, wo er ein ungewöhnliches archäologisches Fundstück vermutete.

Dies war Livis erste Berührung mit magischen Artefakten, die aktiviert wurden, als es vor einigen Jahren einen weltweiten „Pulse“ gab. Seitdem verdient sie ihren Lebensunterhalt als Schatzjägerin, die aus den entlegensten Regionen der Welt (oder auch dem einen oder anderem nicht so entlegenem Museum) Artefakte für ihre Auftraggeber besorgt. Die Arbeit ist gefährlich und wenig vorhersehbar, und genau das gefällt Livi, die von sich behauptet, ein Adrenalin-Junkie zu sein. Möglich sind diese Jobs, weil sich während ihre Abwesenheit ihre Mitbewohnerin Pru um Livis Tochter kümmert, während Livis Bruder Martin einer der größten Gefahrenpunkte für ihr Leben geworden ist, weil er keine Hemmungen hat, sie bei ihren Aufträgen mit radikalen Mitteln aufzuhalten oder gar ihre Beute an sich zu bringen. Ein weiteres Problem sind häufig Livis Auftraggeber, die nicht gerade zu den vertrauenswürdigsten Personen gehören – ein Punkt, mit dem sie sich im Laufe der Zeit immer wieder auseinandersetzen muss und der auch für einige Weiterentwicklungen ihres Charakters sorgt.

Ich mochte beim Lesen diese Schatzjäger-Lara-Croft-Elemente sehr, vor allem da es Skyla Dawn Cameron gelingt, die körperlichen Herausforderungen, die zum Beispiel das Erkunden oder Ertauchen von Höhlen, das Bergsteigen auf verschneiten Gipfeln und dergleichen mit sich bringen, sehr realistisch zu beschreiben. So gibt es immer wieder Passagen, in denen Livi ihre Ausrüstung überprüft, in denen erklärt wird, worauf zu achten ist, wenn eine Person längere Zeit in tiefer Dunkelheit unterwegs ist und welche Orientierungslosigkeit das mit sich bringen kann. Dazu kommen noch all die fantastischen Elemente, die in der allgemeinen Welt, in der Livi lebt, gar keine so große Rolle spielen, die aber bei ihren Aufträgen einen großen Einfluss auf ihr Überleben haben können. So begegnet sie ungewöhnlichen (oder als verstorben geltenden) Tieren ebenso wie zum Beispiel Gestaltwandlern oder einem Dschinn, und ich muss zugeben, dass mich die Autorin hier immer wieder überraschend konnte, was beim Lesen viel Spaß gemacht hat.

Noch ein Punkt, der mir wirklich viel Freude bereitet hat, war, dass Skyla Dawn Cameron bei Livis Abenteuern nicht nur das Erreichen das Ziels, sondern auch immer den Rückweg im Auge hatte. Das ist etwas, was ich bei „Abenteuerfilmen“ oft schrecklich nervig finde, wenn die Charaktere Dutzende Hinternisse überwinden müssen, um ihren „Schatz“ zu finden, der Heimweg aber am Ende gar kein Thema ist, obwohl die Figuren auf ihrem Hinweg alles in Schutt und Asche gelegt haben. Bei den Livi-Talbot-Romanen hingegen steht von Anfang an fest, dass jede eingestürzte Höhle, jede aktivierte Falle, jedes fantastische Wesen, an dem sie sich mit Mühe und Not vorbeischleichen konnte, auf dem Rückweg ein Problem darstellt, das bewältigt werden muss. Es reicht nicht, ein gesuchtes Artefakt in die Hände zu bekommen, sie muss es auch schaffen, heil mit ihrem Schatz wieder nach Hause zu kommen – und das ist manchmal der richtig herausfordernde Teil ihres Jobs.

Der einzige Grund, warum ich mir noch nicht die restlichen drei bislang erschienenen Romane der Reihe angeschafft habe, ist, dass in den Klappentexten zu den kommenden Bänden Punkte erwähnt werden, die ich nicht so gerne lese. (Ganz ehrlich, sag mir, dass die Protagonistin betrogen/verraten wird oder einen großen Verlust erleidet und schon habe ich keine Lust mehr auf die Geschichte …) Auf der anderen Seite hat Skyla Dawn Cameron in den bislang von mir gelesenen Teilen jedes Mal nach ca. einem Drittel der Handlung etwas eingebaut, das mich zumindest bei den ersten beiden Bänden fast dazu gebracht hätte, die Lektüre abzubrechen, was sie dann aber so gedreht hat, dass mir die Geschichte am Ende wirklich Spaß gemacht hat. Außerdem mag ich die Figuren rund um Livi und ihre Hintergründe (ich muss nur ignorieren, dass Zeit in diesen Büchern etwas flexibler gehandhabt wird, was es z.B. Livi ermöglich hat, sich in gerade mal vier Jahren von einer misshandelten Kellnerin in eine weltberühmte Schatzjägerin und Höhlenexpertin zu verwandeln 😉 ) und ich wüsste gern, wie es für die Charaktere in Zukunft weitergeht.

Faith Erin Hicks: The Nameless City (Comic)

Ich weiß nicht, wo ich über die „The Nameless City“-Comics von Faith Erin Hicks gestolpert bin, aber nachdem ich den ersten Band gelesen habe, bin ich fest entschlossen, mir auch noch die anderen beiden Teile der Reihe zu besorgen. Die Geschichte spielt in der titelgebenden „Nameless City“, die auf der einen Seite viele Namen hat, weil sie im Laufe ihres Bestehens immer wieder erobert und dann mit einem neuen Namen versehen wurde, und auf der anderen Seite namenlos ist, weil ihre Bewohner die ständig wechselnden Namen ihrer Eroberer nicht anerkennen. Diese kleine Stadt ist ein wichtiger Knotenpunkt für den Handel mit den verschiedenen Reichen und seit dreißig Jahren in der Hand der Dao. Die Handlung beginnt an dem ersten Tag, den der Dao-Junge Kaidu (Kai) in der Stadt verbringt. Wie es Tradition bei den Dao ist, soll der Junge in der Stadt zum Krieger ausgebildet werden, doch Kaidu selbst hat wenig Freude am Kämpfen und hat vor allem deshalb den Weg in die Stadt gewählt, um endlich seinen Vater Andren kennenzulernen, der dort stationiert ist.

Als Kai endlich mit Andren zusammentrifft, stellt er fest, dass seinem Vater die Stadt mit all ihren unterschiedlichen Bewohnern ans Herz gewachsen ist. Im Gegensatz zu den anderen Dao-Soldaten geht er häufiger durch die Straßen der Stadt, genießt das Essen an den verschiedenen Ständen und versucht, mehr über die Menschen dort herauszufinden. Da auch Kai wissbegierig ist, nimmt er sich ein Beispiel an seinem Vater und freundet sich so mit dem Mädchen Rat an. Rat hasst die Dao, da diese für den Tod ihrer Eltern verantwortlich sind, aber gegen Kais Hartnäckigkeit und Freundlichkeit kommt sie mit ihrer abweisenden Art nicht an. Stattdessen zeigt sie ihm im Laufe der folgenden Wochen ihre Seite der Stadt, sie erzählt ihm von den Mönchen, die ihr im Stone Heart Obdach geben, und bringt ihm bei, über die Dächer der Stadt zu laufen.

Ich mochte es sehr, Kai dabei zu begleiten, wie er die Stadt, die vorerst sein Zuhause sein wird, kennenlernt, wie er die verschiedenen Menschen trifft und mehr über ihre Sicht auf die Stadt erfährt, und natürlich wie er sich nach und nach mit Rat anfreundet. Es gelingt Faith Erin Hicks, dabei all die vielen verschiedenen Verhältnisse zwischen Eroberern und Eroberten darzustellen, ohne plakativ zu betonen, wie schwierig das Zusammenleben für diese unterschiedlichen Gruppen ist. Besonders schön fand ich es dabei, dass die Künstlerin die ganze Zeit in ihrer Geschichte mitschwingen lässt, dass keine der gezeigten Personen sich so einfach in eine Schublade packen lässt. Da gibt es auf der einen Seite den General, dessen Einsatz entscheidend für die Eroberung der Stadt war, aber der auch in der Lage ist, all die Leben zu betrauern, die diese Eroberung gekostet hat, während es auf der anderen Seite Soldaten gibt, die die Bewohner der Stadt nicht als „echte Menschen“ wahrnehmen, weil sie ja keine Dao sind.

Diese kleinen Details rund um die unterschiedlichen Charaktere haben mir fast mehr Freude bereitet als die relativ geradlinige erzählte Handlung, weil in all den kleinen Szenen und Zeichnungen so vielschichtige Elemente mitschwangen. Den Zeichenstil selbst fand ich für mich persönlich etwas gewöhnungsbedürftig, da die Künstlerin mit harten Outlines und ebenso hart schraffierten Schatten arbeitet, was ich nicht so ansprechend finde. Auf der anderen Seite passen die harten Linien sehr gut zur erzählten Geschichte und dem entbehrungsreichen Leben in der Stadt. Gemildert wird die Härte der Zeichnungen etwas durch die warmen Erdtöne, in denen Jordie Bellaire den Comic koloriert hat. Nachdem ich mich etwas „eingesehen“ hatte, habe ich den Kontrast zwischen den Zeichnungen und der Koloration und zwischen den vielen dynamischen und den ruhigeren Panels sehr genossen. Und am Ende des Comics bin ich sehr neugierig darauf zu erfahren, wie sich die Geschichte weiterentwickeln wird und was aus all den Charakteren wird, deren überraschende Freundschaft, deren Zwiespalt zwischen Loyalität und Gerechtigkeitsinn oder deren Wille, ungewöhnliche Wege zu gehen, die Welt und das Leben in der Stadt verändern könnten.

Katie & Kevin Tsang: Dragon Mountain (Dragon Realm 1)

Über „Dragon Mountain“, den ersten Band der Dragon-Realm-Reihe von Katie und Kevin Tsang, bin ich im vergangenen Jahr zufällig gestolpert und fand, dass sich der Klappentext nett anhört. Die Geschichte wird aus der Sicht des zwölfjährigen Billy Chan erzählt, der eigentlich davon geträumt hatte, den Sommer gemeinsam mit seinen Freunden surfend am Strand von Kalifornien zu verbringen. Stattdessen findet er sich in einem Sommercamp inmitten unwegsamer Berge in China wieder, weil seine Eltern meinten, dass dies eine einzigartige Chance sei, damit Billy seine Mandarin-Kenntnisse verbessern kann. Sehr begeistert ist er also nicht von der Aussicht, seinen Sommer im „Camp Dragon“ zu verbringen, aber immerhin lernt er schon während der Anreise andere Kinder kennen, mit denen er sich gut versteht. Als Billy dann noch während einer Gruppenaufgabe gemeinsam mit Dylan, Ling-Fei und Charlotte über eine verborgene Kammer in den Bergen stolpert, in der sie Drachen finden, beginnt für die vier Kinder ein fantastisches Abenteuer.

Zusammen mit den Drachen müssen sie gegen ein unvorstellbar böses Wesen kämpfen, das sowohl die Welt der Drachen als auch die Welt der Menschen bedroht. Dabei ist der Zusammenhalt zwischen den neu gefundenen Freunden ebenso wichtig wie die magischen Fähigkeiten, die ihnen ihre Verbindung mit den Drachen verleiht. Viel mehr kann ich eigentlich zum Inhalt von „Dragon Mountain“ nicht verraten, wenn ich nicht zu viel der Handlung spoilern will. Katie und Kevin Tsang erzählen diese Geschichte recht geradlinig, es gibt nur wenige Wendungen (und die, die es gibt, fand ich recht vorhersehbar) und es fühlt sich an, als ob Billy und seine Freunde die ganze Zeit nur von einem Punkt zum nächsten geschickt werden, bis es am Ende zu einer größeren Auseinandersetzung mit ihrem Gegner kommt. Und während ich sonst sagen würde, dass das Alter der Protagonisten auch grob dem Alter der anvisierten Zielgruppe entspricht, scheint mir diese Geschichte auch für ein deutlich jüngeres Publikum (ab 8 Jahren) geeignet zu sein.

Was ich an dem Roman sehr mochte und was dafür gesorgt hat, dass ich ihn innerhalb von zwei Tagen gelesen habe, waren die Charaktere. Billy, Dylan, Ling-Fei und Charlotte haben alle vier ihre Stärken und Schwächen. Und während zum Beispiel Dylan in all seiner Ängstlichkeit schnell lächerlich oder Charlotte mit ihrer bestimmenden Art schnell unsympathisch wirken könnte, gelingt es Katie und Kevin Tsang, sie so darzustellen, dass sie trotz (oder gerade wegen) dieser Eigenheiten liebenswert wirken. Auch gefiel mir die Haltung, mit der alle vier Kinder sich durch die gesamte Geschichte bewegen. So ist Billy wirklich nicht begeistert von der Aussicht, seinen Sommer in diesem Camp zu verbringen, aber nachdem er schon mal da ist und seinen ersten Unmut überwunden hat, versucht er, das Beste aus der ganzen Situation zu machen. Dylan hingegen hat die ganze Zeit Angst und verhehlt nicht, dass er diese ganzen Herausforderungen lieber aussitzen und stattdessen gemütlich in seinem Bett zuhause rumgammeln würde. Aber ihm ist auch bewusst, wie wichtig der Kampf gegen ihren Gegner ist und dass es nicht hilfreich wäre, wenn er nichts tun würde, also gibt er sein Bestes und unterstützt seine Freunde und die Drachen, so gut er kann.

Es ist selten der Fall, dass ich bei einem fantastischen Kinderbuch die Charaktere lieber mag als die Grundidee oder die eigentlich Handlung mit all ihren ungewöhnlichen Elementen, aber bei „Dragon Mountain“ war das definitiv so. Die Geschichte selbst war nett, aber nicht so packend oder ungewöhnlich, dass ich dafür hätte weiterlesen müssen. Billy, Dylan, Charlotte und Ling-Fei hingegen hatte ich schnell ins Herz geschlossen und mochte es sehr, wie sie dargestellt wurden und wie sie sich gemeinsam all den Herausforderungen stellten, die auf sie warteten. Trotzdem hätte ich bis wenige Seiten vor Ende des Buches gesagt, dass ich keine Fortsetzung der Reihe lesen werde, weil die Handlung für mich persönlich doch ein wenig zu einfach und geradlinig erzählt wird ( – wäre „Dragon Mountain“ ein Videospiel, würde ich sagen, dass mir die Side-Quests fehlen 😉 ). Aber dann gab es kurz vor Schluss noch einen Cliffhanger, der dafür sorgt, dass ich mich nun frage, was wohl aus einer der Figuren wird und wie sich ihre Geschichte wohl im nächsten Band entwickelt. Ich bin also noch etwas unentschlossen, ob ich der Reihe eine weitere Chance geben soll oder nicht.