Kategorie: Rezension

Michelle Harrison: A Storm of Sisters

„A Storm of Sisters“ ist der vierte Band rund um die Widdershins-Schwestern von Michelle Harrison. Dieses Mal schickt die Autorin die drei Schwestern Fliss, Betty und Charlie gemeinsam mit ihrer Großmutter Bunny in den abgelegenen Ort Wilderness, um sich um Cousine Clarissa zu kümmern, die sich bei einem Unfall das Bein gebrochen hat. Für Betty ist diese Reise eine willkommene Abwechslung zum Alltag in dem kleinen Cottage in Pendlewick. Denn so gern sie ihr neues Zuhause mag, so sehnt sie sich doch weiterhin danach, neue Orte zu entdecken. Und Wilderness hat den drei Schwestern so einige Abenteuer zu bieten, denn der Ort ist nicht nur für seine ungewöhnlich kalten Temperaturen berühmt, sondern auch für seinen Wintermarkt, der zufällig gerade während ihres Besuchs stattfindet. Noch spannender wird es, als die Schwestern feststellen, dass in Clarissas kleinem Cottage kein Platz für sie ist und sie deshalb in dem großen Hotel des Ortes unterkommen.

Das Hotel „Echo Hall“ ist zur Zeit voller Besucher, die den Wintermarkt erleben wollen, und wimmelt geradezu von all den Gerüchten über eine Geistererscheinung. Genauer gesagt soll der Geist des ehemaligen Dienstmädchens Elora umgehen, nachdem diese vor einigen Jahrzehnten in dem See in der Nähe des Hotels ertrunken ist. Auch besagen die Gerüchte, dass Elora nur deshalb ertrank, weil sie ihren Liebsten, der ein Straßenräuber war, inmitten eines Schneesturms suchte, nachdem dieser den kostbaren Kristall einer Wahrsagerin an sich gebracht hatte. Und bei all den Erlebnissen, die die drei Widdershins-Schwestern in der Vergangenheit schon mit übernatürlichen Elementen hatten, überrascht es nicht, dass auch dieser sagenhafte Kristall der Wahrsagerin über seine ganz eigene Magie verfügen soll. Gemeinsam versuchen Fliss, Betty und Charlie, mehr über Eloras Geschichte herauszufinden und so vielleicht einen Todesfall zu verhindern, der angeblich durch den Anblick von Eloras Geist vorhergesagt wurde.

Ich habe es so genossen, wieder durch Bettys Perspektive all die Ereignisse rund um die Widdershins-Schwestern zu verfolgen. Bettys Neugier auf die unbekannte Umgebung, auf all die Menschen, die sie im Hotel kennenlernt, und natürlich auf die Details rund um Eloras Geschichte sorgt dafür, dass ich viel Spaß dabei hatte, mit ihr zusammen Wilderness zu erkunden. Dazu kamen noch all die eindringlichen Beschreibungen des fürchterlich kalten und verschneiten Winters, der einerseits für eine wunderbar märchenhafte Atmosphäre bei dem Wintermarkt sorgte, aber auf der anderen Seite immer auch als Bedrohung im Raum stand. Michelle Harrison konzentriert sich nämlich nicht nur auf die romantische und gemütliche Seite des Winters, sondern schreckt in „A Storm of Sisters“ nicht davor zurück, Betty und ihre Schwestern durch die fürchterliche Kälte in Gefahr zu bringen. Ich mag diese Mischung aus heimeligen und unheimlichen Szenen und dass all die bedrohlichen Elemente in der Geschichte wie die fürchterliche Kälte ebenso wie die Bedrohungen, die von gierigen und skrupellosen Menschen ausgehen, dadurch ausgeglichen werden, dass Fliss, Betty und Charlie füreinander da sind und sich gegenseitig beschützen.

Obwohl „A Storm of Sisters“ schon der vierte Band der Reihe ist, habe ich nicht das Gefühl, dass der Autorin so langsam die Ideen ausgehen oder dass sich bestimmte Elemente wiederholen. Wilderness bietet als Kulisse ganz andere Möglichkeiten als die Marschen oder das idyllische Pendlewick, und Eloras Geistergeschichte hat einen vollkommen anderen Hintergrund als Bettys Familiengeschichte oder der Hexenfluch in den vorhergehenden Bänden. Das sorgt dafür, dass es immer wieder überraschende Elemente und Wendungen in der Handlung zu entdecken gibt, die mich beim Lesen neugierig auf die weiteren Entwicklungen machen. Auch mochte ich es sehr, wie Michelle Harrison mit den Vorurteilen und Erwartungen der Leser*innen spielt und welche Folgen dies für die Enthüllungen am Ende der Geschichte hatte. Trotz der unheimlichen Elemente, der Flüche und Geistererscheinungen gehören die Widdershins-Romane für mich eindeutig in die Kategorie „Wohlfühlbücher“, und jedes Mal, wenn ich einen neuen Band beendet habe, habe ich das Gefühl, dass dieser noch ein kleines bisschen besser war als der davor. Ich hoffe sehr, dass Michelle Harrison noch lange nicht die Ideen rund um Betty und ihre Schwestern ausgehen und ich so noch einige unheimliche Abenteuer mit den drei Mädchen erleben kann.

Travis Baldree: Legends & Lattes

Wenn ich das Genre, das ich gerade am liebsten lese, mit einem Label versehen müsste, so wäre es wohl „Cozy Fantasy“ – und „Legends & Lattes“ von Travis Baldree passt definitiv perfekt in dieses Genre! Die Handlung dreht sich um die Ork-Barbarin Liv, die nach Jahrzehnten als Abenteurerin von ihrem Job die Nase voll hat und beschliesst, dass es Zeit für einen Richtungswechsel ist. Genau gesagt möchte Liv in der Stadt Thune ein Kaffeehaus eröffnen und den Rest ihres Lebens damit verbringen, die Bewohner von Thune mit dem ungewöhnlichen Gebräu der Gnome vertraut zu machen. Startpunkt für diesen Traum war ein unvergesslicher Tag, den sie in einer Stadt der Gnome verbrachte und wo sie zu ihrer eigenen Überraschung von der Atmosphäre des örtlichen Kaffeehauses verzaubert wurde. Der Duft des Getränks, der Geschmack und die entspannende Umgebung, all das möchte Liv ihren zukünftigen Kunden bieten. Und nachdem sie bei ihrem letzten Abenteuer in den Besitz eines Scalvert’s Stones geraten ist, hofft sie, dass der Stein ihr genügend Glück bringt, um diesen Traum zu verwirklichen.

Nach einer Anfangsszene, bei der dieser letzte Moment in Livs Abenteurerleben gezeigt wird, dreht sich die Geschichte nur darum, wie die Protagonistin ein passendes Gebäude für ihr Kaffeehaus sucht, jemanden für die Reparaturen und Umbauten engagiert, eine Mitarbeiterin findet und so nach und nach das Kaffeehaus Wirklichkeit wird. Gemeinsam gelingt es Liv und ihrer Mitarbeiterin Tandri, die ersten Gäste anzulocken, und je größer die Gästezahl wird, desto mehr entwickelt sich auch Vivs Angebot in ihrem Kaffeehaus. Ich habe es wirklich geliebt, all diese kleinen Schritte rund um das Kaffeehaus zu lesen, Liv und all die anderen Figuren besser kennenzulernen und zu sehen, wie die Protagonistin treue Freunde und Stammkunden findet. Natürlich läuft nicht alles reibungslos in „Legends & Lattes“, denn es ist nun mal eine High-Fantasy-Welt und Livs Vergangenheit lässt sich nicht von einem Moment auf den anderen abschütteln. Aber ich mochte es sehr, wie Liv nach einem friedlichen Weg sucht, um zum Beispiel mit Schutzgeld-Erpressern fertig zu werden. Und selbst als es gegen Ende zu einer etwas dramatischeren Entwicklung kommt, hatten die vorhergehenden Kapitel so sehr dafür gesorgt, dass ich mir sicher war, dass alles gut ausgehen würde, dass mich dieser Teil nicht aus meiner entspannten Stimmung beim Lesen herausreißen konnte.

Travis Baldree ist es mit „Legends & Lattes“ nicht nur gelungen, eine wunderbar entspannte nd wohltuende Geschichte zu erzählen, sondern dabei auch noch all die kleinen Elemente einzubauen, die so typisch für High Fantasy sind, und die das sind, was ich immer noch an diesem Genre liebe, auch wenn ich es kaum noch lese. Allein die vielen verschiedenen Charaktertypen, die in der Geschichte wunderbar dargestellt werden, sind schon ein Grund, um diesen Roman zu lesen. Ich mochte es sehr, dass weder Liv noch ihre Freunde sich davon abschrecken ließen, dass ihnen dank ihrer Herkunft ein schlechter Ruf vorauseilt. Stattdessen versammeln sich im Laufe der Zeit rund um Liv so viele unterschiedliche Personen, die alle ihre eigenen Hoffnungen und Träume mit dem Kaffeehaus verbinden und die sich wunderbar gegenseitig ergänzen. Ich habe „Legends & Lattes“ so sehr genossen, dass ich das Buch am Veröffentichungstag in einem Zug durchgelesen habe. Es gibt nur eine einzige Sache, die ich kritisieren würde: Jeder neue Gast verliebt sich auf Anhieb in das ungewöhnliche Getränk! Für jemanden, der selbst Jahrzehnte brauchte, um Geschmack an Kaffee zu entwickeln (und ich trinke ihn nie pur!), ist das etwas unglaubwürdig. 😉

Oh, und wenn ihr nun ebenfalls Lust auf das Buch bekommen haben solltet: Für Kindle-Nutzer gibt es das eBook wirklich günstig zu kaufen oder bei KU zu lesen.

Claire Eliza Bartlett: The Winter Duke

Ich finde es lustig, dass die wenigen (High-)Fantasy-Bücher, die mich in letzter Zeit reizen, einen großen politischen Schwerpunkt haben, obwohl mich politische Geschichten in Romanen normalerweise gar nicht ansprechen. Nach diesem Einleitungssatz ist es also wohl nicht überraschend, wenn ich sage, dass „The Winter Duke“ von Claire Eliza Bartlett ein großes Gewicht auf die Politik des Großherzogtums Kylma Above (und dem Gegenstück Kylma Below) legt. Die Handlung wird aus der Sicht der 16jährigen Ekata (Ekatarina Avenko) erzählt, die das mittlere Kind des Großherzogs von Kylma Above ist. Ekata ist die einzige Person in ihrer Familie, die kein Interesse an den Machtspielen und dem Kampf um die Thronfolge hat. Stattdessen hofft sie, dass ihr Vater ihr irgendwann erlauben wird, ihre Heimat zu verlassen, um im Süden ein Medizinstudium beginnen zu können. Doch bevor es so weit kommt, fällt ihre gesamte Familie einer mysteriösen Krankheit zum Opfer, und als einziges nicht erkranktes Mitglied der Avenkos sieht es Ekata als ihre Pflicht an, den Thron (zumindest vorübergehend) einzunehmen.

Von diesem Moment an muss Ekata versuchen, irgendwie ihre machthungrigen Minister und ihren noch gefährlicheren ehemaligen Pflegebruder, König Sigis, im Griff zu behalten, während sie gleichzeitig mit den Ritualen der Thron-Übernahme und der Suche nach einem Heilmittel für ihre Familie beschäftigt ist. Und dann sind da noch all die politischen Verwicklungen, von denen Ekata überhaupt keine Ahnung hat und die nicht nur aufgrund der angespannten Situation mit Kylma Below, sondern auch wegen der gerade laufenden Brautschau (ursprünglich für Ekatas ältesten Bruder gedacht) besonders brisant sind. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, dass Ekata nur mit Mühe und Not ihren neuen Alltag übersteht und nicht immer die klügsten oder bestdurchdachten Entscheidungen trifft. Aber da ihre Motivation für mich immer nachvollziehbar war, machte dies die Protagonistin in meinen Augen nur umso sympathischer. Ebenso fand ich es stimmig, dass Ekata in all ihrer Hilflosigkeit regelmäßig auf die einzigen Vorbilder zurückgreift, die sie für solche Situationen kennt, und das bedeutet, dass sie sich im Laufe der Zeit immer häufiger wie ihre Mutter oder ihr Vater verhält und somit genau die Charaktereigenschaften an den Tag legt, die dafür gesorgt haben, dass sie selbst keinerlei Zuneigung zu ihren Eltern empfinden kann.

Es gibt nur wenige Personen, denen Ekata vertraut, und selbst bei diesen muss sie sich immer wieder fragen. ob dieses Vertrauen überhaupt gerechtfertig ist. Die Tatsache, dass die meisten in ihrem Umfeld vielfältige Beweggründe haben, von denen Ekata keine Ahnung hat, macht es für sie so schwierig, Entscheidungen zu fällen und herauszufinden, auf wessen Ratschläge sie überhaupt hören kann. Eine überraschende Verbündete findet sie in Inkar, einer jungen Frau, die zur Brautschau angereist war. Dabei gibt es so einige Parallelen im Leben dieser beiden Frauen, was einem immer wieder aufzeigt, wie falsch der Weg ist, den Ekata in ihrer Hilflosigkeit einschlägt. Ich mochte es sehr, wie sich Ekata und Inkar im Laufe der Geschichte ein bisschen besser kennenlernen und wie Inkar Ekata immer wieder anstupst, damit diese eigenständige Entscheidungen trifft und sich nicht so häufig von ihren Ängsten beeinflussen lässt. Es gelingt Claire Eliza Bartlett, deutlich zu machen, wie wichtig es für Ekatas Position wäre, die Personen um sich heraum wirklich gut zu kennen, und wie viel einfacher es im Vergleich für Inkar ist, sich am Hof zu bewegen, weil sie ein aufrichtiges Interesse an den Menschen um sich herum hat.

Neben der wirklich spannenden Handlung, den vielen verschiedenen Wendungen und dem überraschenden Ende (ich hatte zwar einen Verdacht, aus welchem Personenkreis jemand beteiligt sein müsste, dabei aber die ganze Zeit die falsche Person im Auge gehabt 😀 ) hat mich auch der Weltenbau in „The Winter Duke“ wirklich angesprochen. In der Welt, in der die Geschichte spielt, sind genderneutrale Pronomen ebenso normal wie die Tatsache, dass zu der „Brautschau“ nicht nur weibliche Personen angereist sind. Es fühlte sich beim Lesen die ganze Zeit an, als ob bestimmte Begriffe – wie eben die Brautschau – noch traditionell geschlechtsbezogen seien, aber in der Realität diese Geschlechter-Schubladen schon lange abgelegt worden seien. Was nicht bedeuten würde, dass Ekata als Tochter des Großherzogs selbst über ihr Leben bestimmen könnte, aber immerhin wird doch die Thronfolge geschlechterunabhängig davon bestimmt, wer die Machtkämpfe innerhalb der Geschwister überlebt. So ist es auch kein Problem, dass Ekata eine der für ihren Bruder bestimmten Bräute „übernimmt“ oder dass sie als Frau den Thron beansprucht, nachdem ihre restliche Familie durch die mysteriöse Krankheit in eine Art Koma fällt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich es – gerade aufgrund der sonst recht gut beschriebenen Genderneutralität in der Welt – schon recht auffällig fand, wie sehr Ekata als junge Frau von all den alten Männern (in der Regierung) so gar nicht ernst genommen wurde. Auf der anderen Seite lässt sich das auch der Tatsache zuschreiben, dass sie sich bekanntermaßen bislang überhaupt nicht für Politik interessierte und deshalb eben keine Ahnung von all den Regierungsvorgängen im Schloss hatte.

Ein weiterer wunderbarer Aspekt des Weltenbaus waren die Details rund um Kylma Below – ein Unterwasser-Herzogtum, das seit langer Zeit in einer Art Symbiose mit Kylma Above existiert. Beide Reiche können nur miteinander gedeihen, und diese Abhängigkeit führt zu einem zerbrechlichen Balanceakt zwischen Above und Below. Doch trotz dieses politisch engen Verhältnisses wissen die Personen in Kylma Above kaum etwas über die Bewohner von Kylma Below, und so war es wirklich spannend, gemeinsam mit Ekata mehr über das Unterwasserreich zu erfahren. Ebenso faszinierend fand ich all die Details, die die Autorin über das Leben in einem Schloss aus Eis, das auf einem zugefrorenen (sehr, sehr großen) See gebaut wurde, in die Geschichte eingebaut hat. Dabei spielte Magie beim Leben im Schloss durchaus eine Rolle, aber eine deutlich kleinere als bei einem fantastischen Roman zu erwarten gewesen wäre. Was dazu führt, dass es stattdessen Erwähnungen von irdenen Gefäßen gibt (weil Metall an den Lippen festfrieren würde) oder Schuhwerk mit Metallspikes alltäglich ist (da damit ein normales Gehen auf dem Eis innerhalb des Schlosses möglich ist), oder es werden die Probleme (oder die nicht ganz so vielfältige Ernährung) erwähnt, die damit einhergehen, dass es so gut wie keine Landwirtschaft im Großherzogtum gibt. Insgesamt habe ich das Lesen von „The Winter Duke“ wirklich sehr genossen und meine Lesezeit in der vergangenen Woche abends immer wieder verlängert, weil ich nur noch eben ein bisschen in diesem Roman weiterlesen musste. Außerdem bin ich nun neugierig auf die beiden anderen bislang erschienenen Titel von Claire Eliza Bartlett und werde mir wohl demnächst mal ihren Thriller „The Good Girls“ beschaffen müssen.

Ein paar Leseeindrücke

Da ich in diesem Monat bislang vor allem zu sehr kurzen Büchern, Comics und Manga und „netten“ Romanen gegriffen habe, komme ich zahlenmäßig in den ersten zwei Februarwochen sogar auf eine ganz befriedigende Anzahl an gelesenen Titeln. (Ich darf nur nicht so genau hinschauen, wenn es um die Seitenzahlen geht. *g*) Allerdings bieten diese Titel nur selten genügend Stoff für eine richtige Rezension, obwohl ich es schade fände, wenn sie keine Erwähnung auf dem Blog bekommen würden. Also gibt es hier nach sehr langer Zeit mal wieder eine Sammlung von Leseeindrücken:

W. R. Gingell: Gothel and the Maiden Prince
Im vergangenen Jahr habe ich von R. W. Gingell schon die „Shards of a Broken Sword“-Trilogie gelesen und war fasziniert davon, wie die Autorin mit klassischen Fantasy-/Märchenthemen umgeht. Ich mochte ihre Figuren und die ungewöhnlichen Wendungen, die ihre Geschichten nahmen, weshalb einige andere Bücher von der Autorin auf dem Merkzettel gelandet sind. „Gothel and the Maiden Prince“ ist eine Rapunzel-Variante, bei der Prinz Lucien (von seinem Vater und seinen Brüdern nur verächtlich Maiden Prince genannt, weil er ihnen nicht „männlich“ genug ist) sich aufmacht, um eine Prinzessin aus dem magischen Turm einer bösen Zauberin zu befreien. Doch da Lucien jemand ist, der Fragen stellt und zuhört, findet er schnell heraus, dass die Zauberin gar nicht so böse ist, und dass die Prinzessin wild entschlossen ist in der Obhut ihrer Entführerin zu bleiben. Die gerade mal 131 Seiten lange Geschichte dreht sich vor allem darum, wie sich Prinz Lucien und die Zauberin Gothel besser kennenlernen, wobei es so einige amüsante Szenen zwischen den beiden, aber auch mit den Bewohnern eines angrenzenden Dorfes gibt. Abgesehen von einigen (sehr vagen) Erwähnungen rund um Kindesmissbrauch (der in der Vergangenheit liegt und dessen Opfer inzwischen in Sicherheit ist) ist „Gothel and the Maiden Prince“ einfach nur eine wunderbar wohltuende Geschichte, die mir sehr viel Spaß gemacht hat.

Lydia M. Hawke: A Gathering of Crones (Crone Wars 2)
„A Gathering of Crones“ ist die Fortsetzung von „Becoming Crone“ das mir im vergangenen Sommer viel Freude bereitet hatte. Während die Protagonistin Claire im ersten Band damit fertig werden muss, dass sie eine Hexe ist, muss sie nun damit umgehen lernen, dass ihre Magie nicht wie erwartet funktioniert und dass ihre Position sie in das Zentrum eines Krieges rückt. Außerdem lernt Claire ihre Kolleginnen kennen und hier mochte ich es sehr, dass all diese Frauen schon älter sind, mitten im Leben stehen und gelernt haben mit Rückschlägen und sich nicht erfüllenden Erwartungen umzugehen. Dieser Band ist weniger ruhig als der erste Teil, da das Leben für Claire inzwischen deutlich gefährlicher ist, aber ich mochte es all die Details zur Magie zu lesen und zu sehen wie die Protagonistin so langsam in ihre Rolle hineinfindet. Auch wenn ihr letzteres nicht gerade einfach gemacht wird, weil ihre Position sehr ungewöhnlich ist und die Personen um sie herum nicht so recht wissen, wie sie mit ihr umgehen sollen. Und weil ich diesen Band so gern gelesen habe und sehr neugierig auf die weiteren Entwicklungen bin, habe ich prompt gleich den dritten Teil vorbestellt, auch wenn er erst im Herbst erscheinen wird.

Farrah Rochon: The Boyfriend Project
Über „The Boyfriend Project“ von Farrah Rochon bin ich gestolpert, weil die Autorin und ihre Romane mit Talia Hibbert verglichen wurden. „The Boyfriend Project“ dreht sich um Samiah, die dank einer Frau, die ihr aktuelles Date auf Twitter live kommentiert, herausfindet, dass ihr Freund Craig sich auch noch mit anderen Frauen trifft. Genau genommen trifft sich Craig auch noch mit Taylor und London (die mit ihren Tweets das Ganze angestoßen hatte). Was mir an der Geschichte gut gefiel, ist, dass Craig danach eigentlich kein Thema mehr ist, wenn man davon absieht, dass die Konfrontationsszene mit ihm im Restaurant auf Youtube viral ging und so Samiah, Taylor und London zu einer kurzzeitigen und ungewollten Berühmtheit verhilft. Stattdessen freunden sich die drei Frauen an und beschließen sich gegenseitig dabei zu helfen, sich in den kommenden Monaten um sich selbst zu kümmern, die Suche nach einem Freund sein zu lassen und dafür Dinge zu tun, die sie bislang immer aufgeschoben haben. Was natürlich bedeutet, dass Samiah kurz darauf einen neuen Arbeitskollegen kennenlernt, der einfach perfekt zu sein scheint … Alles in allem fand ich „The Boyfriend Project“ wirklich nett, ich mochte die Figuren, ich mochte die Grundidee und es gab tolle Szenen zwischen Samiah und ihrem Arbeitskollegen Daniel, in denen sich die beiden besser kennenlernten und langsam aufeinander zugingen. Trotzdem muss ich sagen, dass Farrah Rochon für mich nicht an Talia Hibbert herankommt, denn ich fühlte mich zwar ganz gut unterhalten von ihrem Roman, aber ich war nicht emotional involviert. Ich war nicht wirklich gespannt darauf, wie die Handlung weitergeht, ich habe nicht um die Beziehung von Samiah und Daniel gebangt und ich bin nicht wirklich neugierig darauf, wie es mit Taylor und London in den nächsten Bänden weitergehen wird.

Bali Rai: The Royal Rebel – The Life of Suffragette Princess Sophia Duleep Singh
„The Royal Rebel“ ist ein biografischer Roman für Kinder über das Leben von Prinzessin Sophia Duleep Singh. Sophia Alexandra Duleep Singh war die jüngste Tochter des letzten Sikh-Maharadschas von Punjab und wuchs in Großbritannien auf, wo sie vor allem für ihr Engagement für die Gleichberechtigung von Frauen bekannt wurde. „The Royal Rebel“ erzählt in einfachen und kindgerechten Sätzen die Lebensgeschichte der Prinzessin. Angefangen bei ihrer Kindheit in dem luxuriösen Anwesen Elveden, über die Zeit, in der die Schulden ihres Vaters die Familie außer Landes trieb, über ihre Suche nach ihren Wurzeln in Indien bis zu dem Tag, an dem Großbritannien Frauen das Wahlrecht gewährt. Dabei lässt Bali Rai zwar sehr viele Details über das Leben von Sophia Duleep Singh aus, bietet aber meinem Gefühl nach für junge Leser.innen einen guten und altersgemäßen Einblick in das Leben der Prinzessin, die Folgen, die die britische Herrschaft für Indien hatte, und in die Herausforderungen, die die Frauen, die für ihre Rechte kämpften, zu bewältigen hatten. Ich mochte, wie viele kritische Themen in dem Buch angeschnitten werden, obwohl es für jüngere Kinder geschrieben wurde und nicht sehr umfangreicht ist.

K. O’Neill: The Tea Dragon Society 2 – The Tea Dragon Festival (Comic)
Im Prinzip könnte ich zu „The Tea Dragon Festival“ einfach meine Rezension zum ersten Tea-Dragon-Comic kopieren, denn dieser Band ist genauso bezaubernd, wohltuend und hübsch gezeichnet wie der erste. Die Handlung spielt deutlich vor „The Tea Dragon Society“ und dreht sich um Eriks Nichte Rinn, die gemeinsam mit ihrer Großmutter in einem kleinen Dorf in den Bergen lebt und hofft, dass sie eines Tages eine Ausbildung als Köchin beginnen kann. Die Tea Dragons spielen in dieser Geschichte keine so große Rolle, dafür gibt es eine andere Drachen-Variante und einen Einblick in das Leben von Erik und Hesekiel, als diese noch als Kopfgeldjäger aktiv waren. Hach, ich mag die Tea-Dragon-Geschichten und da es noch eine Weile dauern wird, bis auch der dritte Comic als Taschenbuch erscheint, muss ich mich wohl damit begnügen, dass ich in den nächsten Tagen den ersten Band mal wieder aus dem Regal ziehe.

Stephanie Burgis: Good Neighbors (The Full Collection)

Eigentlich hatte Stephanie Burgis nur vier „Good Neighbors“-Kurzgeschichten geplant, als sie die erste Geschichte rund um Mia Brandt und Leander Fabian schrieb. Aber irgendwie sind die folgenden Titel immer etwas länger geworden als die davor und so kommt die „Full Collection“ (die die Texte „Good Neighbors“, „Deadly Courtesies“, „Fine Deceptions“ und „Fierce Company“ beinhaltet) insgesamt auf 254 Seiten. Ich persönlich bin sehr froh darüber, dass die Autorin so viel Spaß beim Schreiben und so viele fantastische Ideen für ihre „Cozy-Spooky Fantasy Rom-Com“ hatte, denn ich habe mich beim Lesen wunderbar amüsiert. (Und ich hoffe sehr, dass sie wirklich irgendwann ihre Überlegung weitere Geschichten in dieser Welt zu schreiben, in denen dann zwei wirklich wunderbare Nebenfiguren als Protagonistinnen auftreten werden, wahr werden lässt.)

Alle vier Geschichten in „Good Neighbors“ werden aus der Sicht der 24jährigen Mia Brandt erzählt, die gerade erst mit ihrem Vater in ein Cottage im Schatten eines unheimlichen Schlosses vor den Mauern des kleinen Städtchen Hapthorn gezogen ist. Mia ist wild entschlossen ein unauffälliges und (zumindest nach außen) respektables Leben zu führen, nachdem sie ihre frühere Heimatstadt nach einem Vorfall (der einen Fackel-schwingenden Mob, einen verletzten Vater und die Zerstörung ihres Geburtshauses beinhaltete) verlassen musste. Von nun an will sie sich nur noch um sich, ihren Vater und ihre Erfindungen kümmern und vor allem möchte sie sich nicht die Mühe machen müssen mit ihren Nachbarn ein „freundschaftliches“ Verhältnis aufbauen zu müssen. Doch ihr neuer Nachbar, der Nekromant Leander Fabian, sorgt dafür, dass die abweisende Erfinderin sich nicht nur mit seinen untoten Minions beschäftigen, sondern langfristig auch eine (widerwillige) Allianz mit ihm schließen muss.

Ich habe es wirklich genossen zu lesen, wie Mia eigentlich immer nur allein gelassen werden will, damit sie in Ruhe an ihren Erfindungen arbeiten kann, und dann kommt irgendwas dazwischen, dass dafür sorgt, dass sie sich in Sachen wie Lokalpolitik einmischen oder einen Nekromanten-Ball besuchen muss. Dazu kommt, dass ihre Allianz mit ihrem Nachbarn es ihr nicht gerade einfach macht damit umzugehen, dass sie sich von dem – überraschend sympathischen und attraktiven – Leander angezogen fühlt. Neben all den amüsanten Momenten, in denen sich die beiden kabbeln, zieht sich durch alle vier Geschichten die Unsicherheit, die beide Figuren empfinden, wenn es darum geht sich auf eine andere Person einzulassen. Die Ereignisse, die dazu geführt haben, dass Leander von einem sadistischen Nekromanten aufgezogen wurde, und die, die dazu geführt haben, dass Mias Vater verletzt wurde und sie ihre Heimatstadt verlassen musste, haben bei beiden Charakteren Spuren hinterlassen. Und obwohl sich sowohl Mia, als auch Leander im Laufe der Zeit darüber klar werden, dass ihr Gegenüber sie nicht verletzten will, gibt es doch immer wieder Momente, in denen sie sich instinktiv zurückziehen.

Diese Mischung aus Humor, sympathischen und realistischen Charakteren und vielen fantastischen Elementen hat dafür gesorgt, dass es mir ziemlich schwer fiel das Buch aus der Hand zu legen, nachdem ich damit angefangen hatte. Ich mochte es sehr, wie Stephanie Burgis klassische Horror-Elemente aufgriff und daraus so eine wunderbare Wohlfühlgeschichte machte. Dabei unterschlägt die Autorin nicht die hässlichen Seiten, die ein Leben als „unnatürliche“ Person haben kann, denn es gibt es eine Menge Menschen in den Geschichten, die alles bekämpfen, was sie als „anders“ oder „beängstigend“ empfinden. Aber selbst die Momente, in denen es gefährlich für die Protagonistin wird, beinhalten so viel Humor, dass sie überraschend unterhaltsam zu lesen sind. Und am Ende findet Stephanie Burgis einen Weg, damit all die Figuren, die ich im Laufe der Geschichten ins Herz geschlossen hatte, in einer guten Nachbarschaft aufgenommen werden. Ich fand es ziemlich spannend zu verfolgen, was sich alles aus dieser ersten kleinen Kurzgeschichten rund um eine abweisende Erfinderin und einen charmanten Nekromanten entwickelt hat und möchte gern irgendwann noch mehr so wohltuende Geschichten rund um all die „guten Nachbarn“ lesen.

Sophie Anderson: The Castle of Tangled Magic

Die Bücher von Sophie Anderson mag ich so gern, dass ich sie mir etwas aufhebe, um die Vorfreude noch etwas länger genießen zu können. Nachdem aber für März schon die nächste Veröffentlichung der Autorin angekündigt wurde, dachte ich, dass es so langsam Zeit wird, „The Castle of Tangled Magic“ zu lesen. Die Geschichte wird aus der Sicht von Olia (kurz für Magnolia) erzählt, die gemeinsam mit ihren Eltern, ihrer Großmutter und ihrer kleinen Schwester Rosa in einem sehr alten, hölzernen Schloss lebt. Das Schloss Mila wurde vor 500 Jahren von Olias Vorfahren gebaut, als diese noch Könige waren, und obwohl Olias Familie nicht mehr adlig ist, leben sie noch immer in dem Gebäude und tun alles, um ihr Erbe zu erhalten. Für Olia ist Schloss Mila das schönste Zuhause, das sie sich vorstellen kann.

Doch kurz bevor das Herbstfest im Schloss gefeiert werden soll, gibt es einen heftigen Sturm, der die größte Kuppel des Schlosses zerstört, und schnell steht fest, dass das gesamte Gebäude von den auf den Sturm folgenden heftigen Winden bedroht wird. Und Olias Babusya, die schon immer behauptet hat, dass es Naturgeister und andere magische Wesen gibt, ist sich sicher, dass einzig Olia mit der Hilfe des domovoi Feliks das Schloss retten kann. Zu ihrer großen Überraschung entdeckt Olia, dass ihre Großmutter recht hat, dass Magie wirklich existiert und dass Feliks auch schon eine Idee hat, wie sie das Schloss retten kann. Doch so wunderbar diese Entdeckungen auch sind, so drängt doch die Zeit, und dabei ist sich Olia so gar nicht sicher, dass sie die richtige Person ist, um Schloss Mila und all die anderen Wesen, die mit dem Gebäude zusammenhängen, retten zu können.

Ich habe auch diese Geschichte von Sophie Anderson sehr genossen, und es war einfach perfekt, dass ich das Buch zu einer Zeit aus dem Regal gezogen habe, in der es bei uns sehr stürmisch war, weil das für die passende Umgebung beim Lesen sorgte. Ich hatte so viel Freude dabei, das Schloss Mila kennenzulernen und all die schönen Erinnerungen, die Olia an das Gebäude hat, zu teilen. Mir gefiel die Vorstellung so sehr, dass die Protagonistin in einem hölzernen Schloss lebt, in dem ihre Eltern in einem ehemaligen Ballsaal eine Schreinerei betreiben, wo es lauter noch unentdeckte Geheimtüren, -gänge und -treppen gibt und wo sich regelmäßig das ganze Dorf in der großen Halle versammelt, um besondere Anlässe zu feiern. Es gibt noch so viele Räume voller überraschender Schätze zu entdecken, die Olias Vorfahren dort hinterlassen haben, und so viele magische kleine Ecken in dem Gebäude, die Olia noch nicht gefunden hat. So fiel es mir natürlich auch nicht schwer, beim Lesen Olias Angst um das Gebäude mitzufühlen und mit ihr zu bangen, ob sie einen Weg findet, um Schloss Mila zu retten.

Denn Olia ist nicht nur eine sympathische, sondern auch eine sehr ängstliche Protagonistin, und so macht sie, als sie gemeinsam mit Feliks unterwegs ist, auch recht viele Fehler, weil sie fürchtet, dass sie die falsche Entscheidungen treffen könnte. Ich muss gestehen, dass ich beim Lesen immer wieder an Sophie Andersons erstes Buch, „The House With Chicken Legs“ denken musste, wo ich mit der Protagonistin nicht so ganz glücklich war, weil sie sich für meinen Geschmack nicht schnell genug weiterentwickelte. Aber während Marika in „The House With Chicken Legs“ so viele Fehler machte, weil sie nur an sich dachte, macht Olia ihre Fehler, weil sie sich zu viele Gedanken um ihre Familie, ihre Freunde und die Rettung von Schloss Mila macht. Was dazu führte, dass mir Olia mit all ihren Ängsten und Befürchtungen leid tat und ich jeden kleinen Fortschritt und jeden neuen Freund, den sie auf ihrer Reise fand, innerlich bejubelte.

Neben dem wunderbar beschriebenen Schloss und der liebevollen Familie von Olia besticht „The Castle of Tangled Magic“ auch noch durch all die osteuropäischen Fabelwesen, die die Autorin in ihre Geschichte eingebaut hat. Nicht nur der bezaubernde domovoi Feliks spielt eine große Rolle bei Olias Rettungsmission, sondern auch noch so viele andere Figuren, die alle ihre kleinen Eigenarten haben. Ich habe es sehr genossen, gemeinsam mit Olia die verschiedenen Charaktere kennenzulernen und mit jedem Schritt im Land der Verbotenen Magie über ein neues fantastisches Wesen zu stolpern (oder gar an einer unerwarteten Stelle auf ein Haus mit Hühnerbeinen zu stoßen – ich mag diese kleinen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Veröffentlichungen von Sophie Anderson). Mit „The Castle of Tangled Magic“ ist es der Autorin erneut gelungen, eine bezaubernde Geschichte mit liebenswerten Charakteren und wunderbaren fantastischen Elementen zu erzählen. Für mich sind die Romane von Sophie Anderson definitiv Wohlfühlbücher mit ganz besonderen märchenhaften Gesschichten, und ich freue mich schon darauf, bald ihre nächste Veröffentlichung in den Händen zu halten.

Erika Fatland: Hoch oben – Eine Reise durch den Himalaya

Mein erstes Sachbuch des Jahres war „Hoch oben – Eine Reise durch den Himalaya“ von Erika Fatland. Was ich an der Autorin wirklich mag, ist, dass sie nicht nur unterhaltsam und gut verständlich schreibt und dabei unglaublich viele Informationen in ihre Texte packt, sondern sie reist auch in Gebiete, deren Geschichte ich in der Regel nicht sehr gut kenne. Wobei ich zugeben muss, dass ich zum Beispiel über Indien und Pakistan – dank diverser britischer und indischer Romane, die ich vor einigen Jahren gelesen habe – deutlich mehr wusste als über die -stan-Länder aus „Sowjetistan“ oder die meisten Grenzländer Russlands. So konnte ich beim Lesen viele kleine Wissensinseln (neu) miteinander verknüpfen und habe eine Menge neuer Informationen erfahren und einen relativ aktuellen Eindruck von der Situation in den Orten, die die Autorin bereist hat, bekommen. Daneben gibt es so viele kleine Szenen mit Einheimischen oder anderen Reisenden, die (oft genug) ohne zu werten erzählt werden, was es einem ermöglicht, sich seine eigenen Gedanken zu den wiedergegebenen Dialogen und Meinungen zu machen.

In „Hoch oben“ bereist Erika Fatland den Himalaya – so gut das eben bei einem Gebirge geht, bei dem weder Anfang noch Ende genau definiert sind, und das sich durch einige Länder zieht, bei denen die Einreise für Ausländer ein schwieriges Unterfangen ist. So beginnt die Autorin ihre Reise auch in Pakistan statt in Indien, da die indischen Behörden den Visumprozess so hingezogen hatten, dass daran die gesamte mehrmonatige erste Etappe hätte scheitern können. Insgesamt besuchte Erika Fatland von Juli bis Dezember 2018 (von China ausgehend) Pakistan, verschiedene Gebiete in Indien (inklusive Jammu und Kashmir) und Bhutan, und von April bis Juli 2019 bereiste sie Nepal und China (genauer gesagt Tibet und Yunnan). Ich muss gestehen, dass ich besonders den Anfang und das Ende ihrer Reise sehr bedrückend fand, denn gerade in den Grenzgebieten Chinas wird sehr anschaulich, wie sehr die chinesische Regierung mit all ihren Regeln, Gesetzen und Kontrollsystemen die Menschen unterdrückt.

Dabei finde ich – als relativ unbeteiligte Leserin – die Veränderungen, die die Autorin beobachtet, häufig besonders faszinierend. So weiß ich natürlich von der Situation der Uiguren in China, aber es ist einfach ein Unterschied, davon zu hören, dass die Uiguren verfolgt werden (und zu beobachten, dass die Zahl uigurischer Restaurants in Deutschland in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist), oder zu lesen, dass Erika Fatland 2015 in Xinjiang sah, dass Frauen mit Kopftüchern, Männer mit langen Bärten und der Ruf des Muezzins zum Alltagsbild gehörten, während gerade mal drei Jahre später in Kaschgar (trotz einer berühmten Moschee und einem immer noch sehr großem uigurischen Bevölkerungsanteil) keine einzige Person zu sehen war, die sichtbar dem islamischen Glauben angehörte. Oder wenn die Auswirkungen des Klimawandels bei einem Gespräch deutlich werden, da ihr ein Bergführer erzählt, dass dort, wo jetzt ein kleiner See zu sehen ist, während seiner Kindheit ein Eisgletscher war und dass er vor drei Jahren noch die Touristen auf diesen Gletscher führen konnte. Ich habe bislang nie darüber nachgedacht, wie unfassbar viel Wasser die Gletscher im Karakorum, Himalaya und Hindukusch beinhalteten und wie schnell sie in den letzten Jahren geschmolzen sind. Denn auch wenn mir natürlich klar ist, welche Veränderungen durch den Klimawandel mit den Gletschern vor sich gehen, ist diese katastrophale Entwicklung doch viel besser zu begreifen, wenn mir dabei vor Augen geführt wird, wie viele Millionen Menschen und welche Großstädte von diesem Gletscherwasser abhängig sind.

So erschreckend solche Beobachtungen und Informationen sind, so spannend finde ich es, sie zu lesen, und einzig die Dichte an Daten und Erlebnissen sorgte dafür, dass ich nicht versucht war, das gesamte Buch meinem Mann vorzulesen, obwohl ich ihm sonst gern erzähle, was ich gerade wieder Neues gelernt habe. Da gibt es all die kleinen Länder und Königreiche, die inzwischen zu einem großen Land gehören und doch weiterhin versuchen, eine eigene Identität aufrechtzuerhalten. So sehr ich sonst gespannt all die Informationen über das Leben der gewöhnlichen Menschen verfolge, so glaube ich doch, dass ich von „Hoch oben“ vor allem die Personen in Erinnerung behalten werde, die eine besondere Stellung einnehmen oder einnahmen. Erika Fatland ist meinem Gefühl nach erstaunlich vielen (ehemaligen) Prinzen, Prinzessinnen und Königen begegnet und bei den meisten bekam ich den Eindruck, dass sie ganz froh waren, dass sie diese Last nicht zu heutigen Zeiten tragen müssen, während andere – obwohl es keine offizielle Verpflichtung dazu gab – alles versuchen, um das Leben ihrer Nachbarn zu verbessern. Ich fand es spannend, von den Frauen zu lesen, die in Kindheitstagen als Göttinnen verehrt wurden, nur um dann als Teenager vollkommen unvorbereitet zurück in ein „normales“ Leben gehen zu müssen, und natürlich von all den Mönchen, Schamanen und ähnlichen religiösen Personen und von ihrem Einfluss auf das Leben der Menschen in ihrer Gegend.

Wie immer nach dem Lesen eines der Bücher von Erika Fatland bin ich auch Tag später immer noch erfüllt von all den aufgenommenden Informationen und Eindrücken und würde hier am liebsten ganz viel erzählen. Es gibt so viel Amüsantes, so viel Spannendes und Bedrückendes in „Hoch oben“ zu entdecken, und der Autorin gelingt es, all das Erlebte und Gesehene so zu erzählen, dass es sich – trotz all der ergänzenden Informationen zu Politik und Geschichte einer Region – wirklich flüssig lesen lässt. Wenn ihr also gern einmal mehr Informationen zu den Ländern, durch die sich der Himalaya zieht, haben möchtet, wenn ihr wissen wollte, wie es im Basiscamp des Mount Everest ausschaut, oder wenn ihr einen Blick auf das Leben in Bhutan werfen und euch trotz diverser erschütternder Elemente gut unterhalten fühlen möchtet, kann ich euch „Hoch oben“ nur sehr empfehlen. Erika Fatland hat mich mit „Hoch oben“ genauso überzeugen können wie mit ihren vorhergehenden beiden Bücher – und ich bin sehr gespannt, wohin es sie als Nächstes verschlagen wird.

India Holton: The Wisteria Society of Lady Scoundrels (Dangerous Damsels 1)

Ich muss gestehen, dass als erstes das Cover von „The Wisteria Society of Lady Scoundrels“ meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat – aber dann wurde ich von dem Klappentext etwas abgeschreckt. Die Idee von Piratinnen, die in fliegenden Häusern unterwegs sind, klang zwar reizvoll, aber ich war mir nicht sicher, ob ich eine Kombination aus dieser Idee und den typischen Historical-Elementen lesen wollen würde. Aber so ganz hat mir der Roman von India Holton keine Ruhe gelassen, weshalb ich den Titel zum Jahresende auf meine Wunschliste gesetzt (und prompt geschenkt bekommen) habe. Da ich weiterhin nicht sicher war, was mich da erwartet, habe ich das Buch dann relativ zügig aus dem SuB befreit und trotz eines erschreckenden Mangels an Lesezeit habe ich die ersten Kapitel auch ziemlich schnell durchgelesen.

Es gab so viele absurde Ideen in dem Roman, die ich wirklich mochte, wie die Entstehungsgeschichte der Wisteria-Society, oder die Selbstverständlichkeit, mit der all diese Damen über ihre Diebstähle redeten oder Morde planten. Auf der anderen Seite gab es aber immer wieder Dinge, die mich irritierten oder mir das Gefühl gaben, dass die Autorin ein Element eingebaut und sich dabei die ganze Zeit gedacht hat, dass die Leser.innen darüber ganz bestimmt lachen werden, obwohl es meiner Meinung nach da vollkommen unangebracht oder eben nicht amüsant war. Humor ist immer eine schwierige Gradwanderung, aber ich möchte beim Lesen spontan vor mich hinkichern und nicht nach einer Passage dastehen und denken „das sollte wohl lustig sein“. Dazu kamen so einige Szenen, die bei mir den Eindruck hinterließen, dass sich India Holton auf die diversen Vorurteile bezüglich historischer Kleidung/viktorianischem Benehmen usw. gestürzt hat, ohne zu recherchieren, wie es wirklich war (und dabei gibt es im englischsprachigen Raum so vielen aktuelle Veröffentlichungen, die zum Beispiel darüber aufklären, dass das Korsett kein Folterinstrument war, das den Frauen vom Patriachart aufgezwungen wurde).

Außerdem hat die Autorin sehr viele Anspielungen auf die Brontës (vor allem „Wuthering Heights“, das die Protagonistin die ganze Zeit mit sich rumschleppt, weil sie illegitim von Branwell Brontë abstammt und die Liebesgeschichte ihrer Eltern an die Protagonisten von „Wuthering Heights“ erinnert) eingebaut, und ich muss zugeben, dass ich zwar brav (fast alle*) meine Klassiker gelesen habe, aber mit den Brontës nie viel anfangen kann. So viel unnötiges Drama und so viele … überbordende Emotionen … nichts davon ist für mich romantisch, und beim Lesen habe ich immer nur das Bedürfnis, alle Beteiligten zu schütteln. 😉 Äh, ja, so viel zu meinem Verhältnis zu den Brontës – wobei ich schon regelmäßig darauf neugierig bin, wie andere Autoren die von Charlotte und Emily verwendeten Elemente und Figuren aufgreifen und in ihre eigenen Geschichten einweben. Aber hier hat das für mich nicht funktioniert, weil diese Dinge weder gut aufgenommen wurden noch für mich in das Piraten-Society-Thema passten.

Das alles führte dazu, dass ich mit dem Buch immer ungeduldiger würde und immer nörgeliger auf Kleinigkeiten reagierte, über die ich wohl sonst einfach hinweggelesen hätte. Und als ich mich dann dabei ertappte, dass ich meine Lesezeit lieber damit verbrachte, Putzvideos auf Youtube zu gucken oder zuzuschauen, wie mein Mann bei seinem aktuellen Videospiel einen LKW durch Schneelandschaften lenkt (und glaubt mir, das ist als Zuschauerin nicht gerade spannend zu verfolgen *g*), habe ich beschlossen, dass ich „The Wisteria Society of Lady Scoundrels“ von India Holton lieber abbrechen und aussortieren werde. Ich wollte diesen Roman so gern mögen, aber es hat einfach nicht mit mir und dieser Geschichte gepasst …

(* Mir fehlt immer noch Anne Brontë, aber nachdem Helma vor Kurzem „Agnes Grey“ rezensiert hat, glaube ich nicht, dass das der passende Roman für mich wäre. Vielleicht versuche ich mein Glück mal mit „The Tenant of Wildfell Hall“ oder ich gebe die fiktiven Werke der Familie Brontë einfach auf und lese stattdessen lieber Biografien, die sich mit ihnen beschäftigen. Letztere fand ich als Teenager sehr spannend! *g*)

Zetta Elliott: Dragons in a Bag

Auf „Dragons in a Bag“ von Zetta Elliott bin ich schon vor einigen Jahren aufmerksam geworden, als der Verlag die Veröffentlichung ankündigte – und dann habe ich so lange gebraucht, um mir das Buch zu kaufen, dass inzwischen schon die beiden Folgebände erschienen sind. Immerhin bedeutet das auch, dass ich demnächst weitere Abenteuer lesen kann, in denen Jaxon und seine Freunde sich mit fantastischen Herausforderungen herumschlagen dürfen. 😉 „Dragons in a Bag“ ist eine wirklich unterhaltsame und wohltuende Geschichte für Kinder (Alterseinschätzung des Verlags ist 8 bis 12 Jahre), die damit beginnt, dass der neunjährige Protagonist Jaxon von seiner Mutter für einen Tag bei einer ihm unbekannten alten Frau untergebracht wird. Anfangs kommen Jax und „Ma“, wie die alte Frau genannt wird, so gar nicht miteinander aus. Aber als Jax herausfindet, dass Ma eine Hexe ist und den Auftrag hat, drei gerade geschlüpfte Drachen von Brooklyn in eine magische Welt zu liefern, ist er wild entschlossen, Ma bei ihrem Lieferjob zu unterstützen.

Natürlich geht von diesem Moment an alles Mögliche schief, obwohl Jax sich wirklich Mühe gibt, und keines der folgenden Probleme seine Schuld ist. Ich habe es sehr genossen zu lesen, wie Jax erst einmal herausfindet, dass es Magie wirklich gibt und dass Ma eine Hexe ist, und wie er dann mit dieser neuen Erkenntnis umgeht. Doch vor allem fand ich es schön mitzuverfolgen, wie sehr Jaxon all die Abenteuer, die er erlebt, genießt, obwohl er sich gleichzeitig die ganze Zeit mit seinen Ängsten herumschlagen muss. Wirklich gruselig wird die Geschichte nicht, schließlich ist sie doch für ein recht junges Publikum geschrieben, aber auch als erwachsene Leserin konnte ich gut nachvollziehen, welche Sorgen sich Jax gemacht hat, und ich mochte es, wie er trotzdem immer weiter nach Lösungen für seine Probleme suchte. Dabei ist Jaxon nicht auf sich allein gestellt, sondern kann auf die Hilfe von neuen Bekannten und alten Freunden zählen. Gerade mit Jax‘ bestem Freund Vikram gibt es ein paar Momente, die ich wirklich genossen habe, auch wenn ich hier nicht mehr dazu schreiben möchte, um nicht zu viele Details dieses (für meinen persönlichen Geschmack viel zu dünnen) Romans zu verraten.

Mir hat es wirklich gefallen, wie die Autorin auf der einen Seite zeigte, wie unglaublich großartig es für Jax ist zu erleben, dass es Magie wirklich gibt, und wie leicht es dem Jungen auf der anderen Seite fällt, so eine große Entdeckung zu akzeptieren. Neben all den fantastischen Elementen, die sich überraschend stimmig in das heutige Brooklyn einfügen, gibt es auch eine Menge „realistischer“ Details in der Geschichte, wie die Probleme, die Jaxons Mutter mit ihrem Vermieter hat und die von Ma beschriebene Entwicklung in ihrem Mietshaus. Genauso haben all die verschiedenen Charaktere Ecken und Kanten, die sie glaubwürdig und häufig auch sehr sympathisch erscheinen lassen. Am Ende habe ich es wirklich bedauert, dass die Geschichte schon so schnell vorbei war, weil ich gern mehr Zeit mit Ma, Jax und all den anderen Figuren verbracht hätte (und Jaxons Probleme auch noch nicht ganz vorbei waren). Dank der Leseprobe zu „The Dragon Thief“ kann ich immerhin sagen, dass die Geschichte dort lückenlos weitererzählt wird. Allerdings ist die Taschenbuchausgabe aktuell nicht bei meinem Buchhändler gelistet und ich befürchte, dass die hübschen Illustrationen von Geneva B bei einem eBook nicht ausreichend zur Geltung kommen, weshalb ich wohl nicht so schnell erfahren werde, wie es weitergeht …

Lana Harper: Payback’s a Witch (The Witches of Thistle Grove 1)

Anfang des Jahres war „Payback’s a Witch“ von Lana Harper meine „in kleinen Häppchen lesbare und sehr nette Wohlfühlgeschichte“, zu der ich gegriffen habe, wenn ich weder Zeit noch Konzentration genug für eines meiner anderen Bücher hatte. Dabei dachte ich, als ich den Roman anfing, dass eine (amüsante) Rache-Geschichte mich gewiss genügend fesseln würde, um mal etwas länger bei einem Buch zu bleiben. Doch obwohl die Ausgangssituation in „Payback’s a Witch“ ist, dass die drei Hexen Emmy Harlow, Linden Thorn und Talia Avramov sich an dem Mann rächen wollen, der sie alle drei verletzt hat, geht es weniger um dieses Thema als um Freundschaft, Familie und die Suche nach einem eigenen Platz im Leben. Dazu kommt, dass Lana Harper sich sehr viel Zeit lässt, um Emmys Situation und ihr Verhältnis zu den verschiedenen Charakteren zu erklären, so dass der Roman – gerade im Mittelteil – ein bisschen vor sich hinplätschert.

Emmy, Linden und Talia sind – ebenso wie Gareth Blackmoore – Angehörige der Gründungsfamilien von Thistle Grove, einem kleinen Ort voller Magie, der vor über dreihundert Jahren als Zuflucht für Hexen gegründet wurde. Während die Familie Blackmoore für ihren beeindruckenden (und furchterregenden) Umgang mit den Elementen bekannt ist, die Familie Thorn sich auf den Umgang mit Pflanzen und Tieren spezialisiert hat und die Avramovs Geister beschwören, sind die Harlows so etwas wie … Stadtschreiber, Archivare und diejenigen, die aufpassen, dass die Regeln eingehalten werden. Was bedeutet, dass sie über keine nennenswerte Magie verfügen, was Emmy ihr gesamtes Leben lang Minderwertigkeitskomplexe eingeflößt hat. Diese Minderwertigkeitskomplexe haben zusammen mit dem schrecklichen Ende ihrer Beziehung zu Gareth Blackmoore dazu geführt, dass sie nach dem Abschluss der High School den Ort verlassen hat und – bis zu Beginn der Geschichte – nicht wieder zurückgekehrt ist. Dabei verliert eine Hexe, die Thistle Grove für längere Zeit den Rücken kehrt, die Fähigkeit, Magie zu wirken.

Doch nun ist es Zeit für den alle hundert Jahre stattfindenden Wettbewerb, in dem die Blackmoores, Thorns und Avramovs darum streiten, welche der Familien für die kommenden hundert Jahren den Ton im Ort angeben wird, und in dem die Erbin der Harlows als Schiedsrichterin anwesen sein muss. Da Emmy als Schiedsrichterin bei diesem Wettbewerb fungiert, ist es natürlich besonders brisant, dass sie bereit ist, sich mit Linden, die auch nach all den Jahren in unterschiedlichen Städten immer noch ihre beste Freundin ist, und Talia, die Emmy schon in der High School sehr attraktiv fand, zusammenzutun, um sich an Gareth zu rächen. Aber da Lana Harper die Magie in Thistle Grove dafür sorgen lässt, dass Emmy ihre Position getreu ausüben muss, und sämtliche Regelbeugungen nur die Tatsache ausnutzen, dass sich zuvor keine Familien zusammengetan haben, um gegen einen gemeinsamen Gegner anzutreten, konnte ich gut damit leben. Diese Art von „magischer Kontrollinstanz“, ebenso wie einige andere „übernatürliche Elemente“ kamen mir zwar nicht gerade ausreichend durchdacht vor, aber die kleinen Ungereimtheiten in diesem Teil der Geschichte haben mich nicht gestört, weil ich einfach all die vielen netten Szenen, in denen die Charaktere miteinander interagierten so sehr genossen habe.

Denn – wie schon gesagt – es geht in „Payback’s a Witch“ weniger um Magie und Rache als darum, dass Emmy sich mit den Dingen auseinandersetzen muss, vor denen sie durch ihr Verlassen der Stadt geflohen ist. Sie ist alt genug, um ihr Leben nicht mehr von einem schrecklichen Ex-Freund bestimmen zu lassen, sondern all die Gefühle aufzuarbeiten, die das Ende ihrer Beziehung mit Gareth in ihr ausgelöst haben. Und sie ist erwachsen genug, um sich einzugestehen, dass sie mit ihren Handlungen ihre Familie und ihre Freunde nicht weniger verletzt hat, als Gareth es damals mit ihr getan hat. Ich mochte es sehr, dass es Emmy zwar nicht gefällt, sich mit ihren Gefühlen, ihrer Vergangenheit und ihrem Verhalten auseinanderzusetzen, aber dass sie trotzdem nicht davor zurückscheut. Es gibt in dieser Geschichte keinen Moment, in dem sie wütend davonstürmt, wenn ihr jemand sagt, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war. Im „schlimmsten“ Fall benötigt sie etwas Zeit und eine Person, die ihr hilft, eine andere Perspektive einzunehmen – und wenn das passiert ist, dann geht Emmy los und versucht, die Angelegenheit (so weit es geht) wieder in Ordnung zu bringen.

Auch ihre – sich sehr langsam entwickelnde – Beziehung zu Talia läuft nach diesem Schema ab. Beide Frauen kennen sich seit ihrer Kindheit und müssen doch feststellen, dass sie eigentlich nur eine Vorstellung von der andere Person haben, statt sie wirklich zu kennen. So gibt es einige Szenen, in denen sich Emmy und Talia Zeit lassen, um herauszufinden, was ihrem Gegenüber durch den Kopf geht und welche Wünsche und Bedürfnisse die andere Frau hat. Und natürlich steht die Frage im Raum, wie eine Beziehung zwischen ihnen funktionieren könnte, obwohl Emmy wild entschlossen ist, nach dem Wettbewerb Thistle Grove wieder zu verlassen, während Talia sich nicht vorstellen kann, je ihre Familie hinter sich zu lassen. Ich mochte dabei sehr, dass es bei dieser Beziehung – trotz einer vorhandenen körperlichen Anziehung zwischen diesen beiden Charakteren – vor allem um den Aufbau einer Freundschaft ging. Die Autorin sagt im Nachwort, dass das Schreiben dieser Geschichte für sie eine Zuflucht, ein sicherer Hafen in einem schrecklichen und schwierigen Jahr war, und ich muss zugeben, dass der Roman dieselbe Funktion für mich erfüllt hat – zumindest nachdem ich verstanden hatte, dass die „Rache-Geschichte“ nur ein Aufhänger für all die anderen wohltuenden Elemente in der Handlung war.